Patrick Mcgrath Constance
Constance
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Patrick Mcgrath Constance

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Sie wollte die Wahrheit nicht hören, andererseits aber wollte sie Offenheit.

«Was machst du heute Abend?», fragte sie dann.

«Irgendeine Party, auf die Sidney unbedingt gehen will.»

«Geh mit mir aus. Die Party ist nicht wichtig.»

«Für Sidney schon.»

«Bitte, Constance.»

«Was ist das Problem?»

«Ich habe Angst, dich zu verlieren.»

«Das ist doch absurd, Iris, es ist verrückt.»

Sie stand auf, ging ans Fenster, stützte die Hände auf den Sims und beugte sich hinaus. Plötzlich hatte ich Angst um sie. Ich hatte sie noch nie so erlebt. Es ging nicht nur um den Mann. Ich sagte, sie solle vom Fenster wegkommen. Sie sagte, der Regen habe aufgehört, wir könnten gehen.

Wir gingen in Richtung Hafen. Es war inzwischen heller geworden, die Sonne kam allmählich zum Vorschein. Vom Gestank des Fischmarkts in der Fulton Street wurde mir fast übel. Iris schlug vor, einen Cocktail zu trinken.

«Es ist nicht mal zwölf!»

«Nur einen.»

Wir setzten uns in einer leeren Bar in der South Street an einen Tisch. Ich hatte noch nie erlebt, dass sie schon am helllichten Tag trank, und es war mir nicht gerade eine Beruhigung. Als sie sich einen zweiten holen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als etwas zu sagen.

«Brauchst du denn später keinen klaren Kopf?»

«Nein.»

«Wieso nicht?»

«Meinst du vielleicht, das interessiert jemanden bei der Arbeit, die ich mache?»

Als die Geschichte mit Eddie endete, hatte sie ihren Job im Hotel aufgegeben. Seitdem arbeitete sie für eine Agentur, die Hostessen an Nachtclubs vermittelte, aber nur an drei Abenden die Woche. Das reiche für ihren Lebensunterhalt, sagte sie. Ihre Unkosten seien nicht sehr hoch.

«Wahrscheinlich nicht. Aber ich mache mir Sorgen.»

Das stimmte. Ich machte mir Sorgen und wollte nicht glauben, dass ein Mann Iris derart unglücklich machen konnte – und dazu noch einer wie Eddie! Sie lachte, aber es klang hohl. Als sei ihr egal, was aus ihr wurde.

«Es interessiert keinen», sagte sie.

«Es interessiert mich.»

Sie antwortete nicht darauf. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass nicht etwa sie mich verlor, sondern ich sie. Ich verstand nicht, was vor sich ging, und hatte angenommen, sie sei zäher. Sie war an die Theke gegangen, um sich einen Scotch zu holen, und in dem düsteren Raum wurde sie von den Schatten verschluckt, sodass ich sie nicht mehr richtig sehen konnte. Es war ein Gefühl, als treibe sie aufs Meer hinaus.

«Möchtest du einen Drink?», fragte Sidney.

Ich wurde unsanft aus meinen finsteren Gedanken gerissen.

«Noch nicht. Und ich finde, du solltest lieber auch noch nicht trinken.»

Ich war immer noch ärgerlich auf ihn. Abgesehen davon hatte ich vielleicht auch ein schlechtes Gewissen wegen Iris und ließ es an ihm aus. Was war ich denn inzwischen? Eine Art Alkoholpolizei?

«Sidney, Schatz, bitte geh jetzt.»

Als ich mit meinen Augen fertig war, zog ich den Bademantel aus und betrachtete mich in dem großen Spiegel. Ich war vielleicht ein paar Jahre älter als Iris, aber das sah man mir nicht an. Sidney hatte immer gesagt, ich hätte den Körper eines Jungen. Dieser Tage hätte er es vorgezogen, ich wäre einer, als Mädchen nutzte ich ihm nicht viel. Ich öffnete die Schublade mit meiner Unterwäsche und befingerte den seidigen Inhalt. Moon River ging mir durch den Kopf. Moon River. Ich wurde den Song schon seit Tagen nicht mehr los.

Die Party war eine Enttäuschung. Ein Mann, der ein Buch geschrieben hatte und den Sidney hatte treffen wollen, tauchte nicht auf, was ihn irritierte. Außerdem war er wegen irgendetwas, was ich gesagt hatte, wütend auf mich. Ich gebe gerne zu, dass ich den ganzen Abend über nicht unbedingt liebenswürdig war, aber verdammt, ich hatte es mit einem Haufen hochnäsiger Professoren zu tun, die sich in keiner Weise für mich, eine kleine Lektorin, interessierten.

Als wir wieder zu Hause waren, sagte ich genau das, und schon gab es Streit, nie eine gute Idee nach ein paar Drinks. Eine Weile warfen wir uns alles Mögliche an den Kopf, dann verließ ich das Zimmer. Ich wollte eine rauchen, aber wo sollte ich um diese Zeit Zigaretten herbekommen? Dann bemerkte ich ein Stück den Flur hinunter eine Bewegung. Es war Howard, der vom schwachen Schein seiner Nachttischlampe beleuchtet im Schlafanzug dastand und mich ansah. Wie auch ich hatte er einen leichten Schlaf. Ich lief zu ihm.

«Was machst du denn hier?»

«Ihr habt mich geweckt.»

Ich nahm seine Hand und brachte ihn zurück in sein Zimmer.

«Es tut mir leid», flüsterte ich. «Komm, wir packen dich wieder ins Bett, ja?»

Ich setzte ihn aufs Bett, und er kroch unter die Decken, drehte sich auf die Seite und sah mich an.

«Habt ihr euch gestritten, Papa und du?»

«Wir haben uns nur laut unterhalten. Schlaf jetzt.»

«Nur laut unterhalten», murmelte er und schlief ein.

Ich blieb noch ein paar Minuten an seinem Bett sitzen. Als ich das Zimmer verließ, stieß ich im Flur auf Sidney.

«Schläft er?», fragte er.

Ich nickte und legte die Arme um ihn. Er war überrascht. Ich bat ihn, mich zu halten. Erst zögerlich, dann mit mehr Überzeugung, tat er es. Ich fühlte mich nun ruhig. Manchmal hatte er diese Wirkung auf mich. Ich legte die Wange an seine Schulter, und er fing an, meine Haare zu streicheln. Dann hob er mein Kinn an, schmiegte die Hand um mein Gesicht, küsste mich und steuerte mich aufs Schlafzimmer zu. Früher hatten wir all unsere Streitigkeiten im Bett beigelegt. Als wir drinnen waren, schob er die Tür mit dem Fuß zu, drückte mich aufs Bett und fing an, mich auszuziehen. Ich setzte mich auf, unsicher, ob ich das wollte.

«Sidney –»

«Nicht reden.»

Er beobachtete mich, während er aus seiner Hose stieg. Dann lag er neben mir auf dem Bett.

«Warte», flüsterte ich. «Ich bin noch nicht so weit. Okay, so ist es besser. Jetzt kannst du.»

Zu Zeiten wie diesen liebte ich ihn, aber sie waren selten.

Am nächsten Tag fuhr ich wieder zu Iris. Ich wollte wissen, ob sie noch einmal über ihr Medizinstudium nachgedacht hatte. Ihre Augen waren gerötet, ihre Haare strähnig und verschwitzt: Zwei schlechte Nächte, und sie sah grauenhaft aus. Sie sagte, sie verliere zunehmend den Faden und drifte immer mehr in die Vergangenheit ab.

«Ach, Süße.»

Es fiel mir nicht leicht, meine Gereiztheit zu zügeln. Sie sagte, es tauchten immer wieder unterschiedliche Szenen wie aus einem vage erinnerten Film vor ihr auf, und die Leidenschaft jener Tage löse diesen Schmerz in ihr aus. Dann jedoch fügte sie hinzu, sie sei nicht mehr die Frau, die sie gewesen war, als sie Eddie kennenlernte. «Lach nicht, Constance», sagte sie. «Es stimmt. Ich habe mich verändert. Ich bin erwachsen geworden. Ich kann diesen Mann jetzt lieben. Aber ironischerweise werde ich diese Chance nicht bekommen, obwohl er mich braucht –»

Typisch Iris, sich an einen ausgefransten Faden der Hoffnung zu klammern und weiterhin den Glauben zu hegen, der Mann sei nicht für immer für sie verloren. In der Subway nach Hause dachte ich darüber nach, eingezwängt zwischen Männern mit schmalen Krawatten und schlecht gelaunten Frauen, die es leid waren, sie abzuwehren. Natürlich war er für sie verloren. Sie würde ihn nun nie wieder zurückbekommen. Sie trank zu viel, oft allein, und ich vermutete, dass ihr Leben auf eine Weise, von der sie mir nichts erzählte, völlig aus der Bahn geraten war. Und ihre Reaktion, als ich sie gefragt hatte, was ihre Arbeit als «Hostess» beinhalte.

«Einfach nur, sich um Männer kümmern.»

«Wie meinst du das?»

«Sie sollen sich amüsieren. Und Geld ausgeben.»

«Für dich?»

«Natürlich für mich. Was soll das hier sein? Ein Kreuzverhör? Denkst du, ich schlafe mit ihnen?»

«Tust du es?»

Sie warf mir einen Blick zu, den ich nicht recht deuten konnte. Ich wusste jedoch, was er nicht war – ein empörtes Nein.

«Iris, bist du eine Nutte

«Sehr witzig.»

Als ich ging, war sie guter Stimmung, halb betrunken, um fünf Uhr nachmittags. New York wird das Mädchen vernichten, dachte ich, wenn sie nicht vorsichtig ist.

Später machte ich mit Gladys’ Hilfe das Abendessen für Howard. Er saß still am Küchentisch. Dann hob er den Kopf und verkündete feierlich:

«Constance und Papa haben sich letzte Nacht nicht gestritten. Sie haben sich nur laut unterhalten.»

Gladys war amüsiert. Was für ein eigenartiger kleiner Junge er war. Allmählich wuchs er mir ans Herz.

«Richtig, Howard», sagte ich. «Wir haben uns nur laut unterhalten.»

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