
Полная версия:
Patrick Mcgrath Constance
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«Was sagst du da?»
«Ich war bei ihr.»
Ich war schockiert. Sie sagte, sie sei ins Schlafzimmer gegangen, und Harriet habe schwer geatmet, als bekäme sie nicht genug Luft. Eigentlich hatte Iris vor, Daddy zu holen, aber Harriet wollte, dass sie bei ihr blieb. Also legte sie sich zu ihr ins Bett und hielt ihre Hand. Dann starb sie.
«Woran hast du es gemerkt?»
«Ihre Finger wurden ganz schlaff, und alles war auf einmal sehr still.»
«Was hast du dann gemacht?»
«Nach einer Weile bin ich gegangen.»
«Wieso hast du niemandem was gesagt?»
«Weil ich dachte, ich würde Ärger bekommen.»
Eine Sekunde lang starrten wir uns an. Dann fingen wir an zu lachen. Und wie wir lachten, wir konnten uns kaum halten, konnten einfach nicht aufhören. Iris hatte es nie jemandem gesagt, bis sie es mir erzählte, so nah standen wir uns. Gleichzeitig war ich aber auch verärgert. Eigentlich hätte ich am Ende bei ihr sein müssen.
Nachdem Iris bei dem Abendessen, zu dem Sidney ihr zu Ehren eingeladen hatte, ein derart großer Erfolg gewesen war, bat ich sie, mir das Hotel zu zeigen, in dem sie arbeitete. Ich versuchte, auf sie aufzupassen. Harriet hätte gewollt, dass ich das tat, soweit ich wusste, war das der Wunsch sterbender Mütter. Es dämmerte, wir standen auf dem Bürgersteig vor einem Sandsteingebäude an der Ecke West Thirty-third Street, nicht weit von der Penn Station entfernt. Am Himmel über Jersey waren ein paar Schmierstreifen eines rostroten Sonnenuntergangs zu sehen. Schwarze Wolken hingen über uns. Mir war unbehaglich zumute. Das letzte Licht ließ die Fenster der gegenüberliegenden Gebäude aufleuchten und die Feuerleitern gleißen. Ein Stück die Straße hinunter umgab ein Maschendrahtzaun ein brach liegendes Grundstück. Mehrere junge Männer lungerten rauchend davor herum und starrten zu uns herüber. Das Ganze gefiel mir nicht. Iris meinte, drinnen sei es gar nicht so übel.
«Was du nicht sagst.»
Eine breite Steintreppe mit Messinggeländer führte zu einer Tür, über der sich eine Markise mit dem Wappen des Hotels spannte. Tauben hockten auf dem Sims darüber. Als wir die Treppe hinaufgingen, flogen sie auf und flatterten in die Dämmerung davon. Ein Schwarzer in einer abgetragenen grauen Livree mit scharlachroten Litzen hieß uns im Dunmore Hotel willkommen und begrüßte Iris mit Namen.
«Hi, Simon», antwortete sie. «Das hier ist meine große Schwester.»
Dann zog sie eine Brille mit klobigem schwarzem Gestell aus der Tasche und setzte sie auf. Das veränderte sie total. Sie sah wie eine Intellektuelle aus.
«Guck nicht so», sagte sie. «Ich brauche sie.»
Wir betraten eine Lobby mit gefliestem Fußboden und Kübeln mit staubigen Farnen. Alte lederbezogene Sessel und Couches umgaben niedrige Tische. Alles machte einen schäbigen Eindruck, dennoch hielt sich auch ein Rest von Vornehmheit, und ich stellte mir einsame Handlungsreisende vor, die mit ihren Musterkoffern eincheckten und dann hinausschlüpften, um sich ein Tröpfchen Whiskey oder was auch immer zu besorgen. Neben der Rezeption führte eine breite, mit Teppich ausgelegte Treppe in die oberen Stockwerke. In diesem Moment merkte ich, denn ich hörte ihn, dass sich das Dunmore einen Pianisten leistete. Anscheinend spielte er jeden Abend in der Cocktailbar. Er hieß Eddie Castrol, und Iris wollte unbedingt, dass ich ihn kennenlernte. Ich fragte, wieso.
«Bist du dann sauer auf mich?»
«Kommt darauf an, was du sagst.»
Das Herz wurde mir bereits schwer. Dann erzählte sie mir, sie habe sich mit diesem Mann eingelassen. Deshalb wolle sie, dass ich ihn kennenlernte. Ich sagte, ich würde sofort nach Hause gehen, wenn sie mir nicht sage, wer er sei. In diesem Punkt war ich sehr bestimmt. Also setzten wir uns eine halbe Stunde in die Lobby, und sie vertraute mir an, dieses Mal sei es das Wahre.
«Ach, tatsächlich?»
Sie führte mich nach hinten in die Bar, einen großen, dämmrigen Raum mit zwanglos verteilten Tischen, einer kleinen Tanzfläche und einer Theke. Die wenigen Gäste saßen entweder für sich allein oder steckten als Paare die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander. Lampen mit bogenförmig eingefassten Schirmen verbreiteten ein gedämpftes gelbliches Licht. Die Atmosphäre war seltsam und traurig und irgendwie traumartig, was durch den Mann in dem schäbigen Smoking verstärkt wurde, der, eine Zigarette im Mundwinkel, auf der anderen Seite des Raums am Flügel saß. Er spielte ein Stück, das ich nicht identifizieren konnte. Es war eigenartig abgehackt, irgendwie sperrig, synkopiert. Ich bin sehr empfindsam, wenn es um Musik geht, extrem empfindsam in Bezug auf alle Geräusche.
«Erinnert er dich auch an Daddy?», flüsterte Iris.
Absolut nicht! Es war beunruhigend, dass Iris das fand. Sie führte mich zu einer Sitznische, winkte der Kellnerin, blieb einen Moment stehen und betrachtete Eddie Castrol durch ihre lächerliche Brille. Er grinste zu uns herüber. Dann ging Iris davon. Ich bestellte mir einen Martini und sah erneut zu dem Mann hinüber, der meine Schwester an Daddy erinnerte. Seine Haut war wie Pergament und wirkte im Scheinwerferlicht wie ausgebleicht, aber ich musste ihm zugestehen, dass er spielen konnte.
Er spürte, dass ich ihn musterte. Die Zigarette im Mundwinkel, den Kopf gesenkt, beugte er sich tiefer, hackte auf die Tasten ein wie ein Vogel, der nach Würmern pickt, und ging ausgerechnet zu Moon River über. Außer mir schien niemand zuzuhören. Er spielte das Stück sehr langsam und stimmungsvoll. Zu sentimental für meinen Geschmack.
Ich verlor mich im Fantasieren und sah meine Schwester in den Armen dieses schwer fassbaren Mannes, stellte mir vor, wie er sich über ihren üppigen, weichen, schweren Körper hermachte wie ein Tier. Es war ein beunruhigender Gedanke. Er beendete das Set, bevor Iris zurückkam, stand abrupt auf und durchquerte den Raum, begleitet von spärlichem Applaus. Inzwischen besaß er meine volle Aufmerksamkeit. Ich zündete mir eine Zigarette an, es war einer von diesen Abenden. Er glitt geschmeidig neben mich in die Nische, stellte sich vor und drehte sich zur Bar um.
«Wo ist dieses Mädchen denn jetzt schon wieder hin?»
Er meinte die Kellnerin. Über seine Zigarette hinweg grinste er mich an, machte anschließend kurzen Prozess mit einem großen Gin und rief nach dem nächsten. «Säufer», dachte ich. Er kippte den Gin, als wäre es Wasser. Dann beugte er sich näher.
Ich wandte mich ab.
«Bringen Sie mich nicht in Verlegenheit», sagte ich.
Ich behandelte ihn kühl, denn ich empfand nichts als Verachtung für diesen zwielichtigen Mann und die lausige Bruchbude, in der meine Schwester arbeitete. Wäre sie nicht gewesen, wäre ich auf der Stelle gegangen. Eddie hob die Hände, wie um zu sagen: «Worüber sollen wir uns denn unterhalten?». Und ich dachte: «Ja, worüber bloß?»
«Iris sagt, Sie komponieren auch?»
Ich versuchte nur, Konversation zu machen. Er spitzte die Lippen, als wolle er etwas küssen, zog die Augenbrauen hoch und starrte in seinen Gin. War die Frage so kompliziert?
«Ja, ich schreibe Sachen», sagte er nach einer Weile.
«Sachen?», fragte ich und griff nach der nächsten Zigarette. Ich fühlte mich alles andere als wohl. Meine Vermutung lautete, dass das abgehackte Stück, das er gespielt hatte, als wir hereinkamen, zu seinen Sachen gehörte.
«Ich lektoriere Sachen», sagte ich. «Sachen, die andere schreiben. Was meinen Sie? Sind Ihre Sachen wie meine, oder sind meine Sachen etwas völlig anderes?»
Er gab mir Feuer und senkte den Blick, aber da war es, ich sah es noch einmal, das schiefe Grinsen, das er an sich hatte. Ich hatte ihn amüsiert. Das war zwar nicht meine Absicht gewesen, es freute mich aber trotzdem.
«Möchten Sie darüber reden?», fragte ich.
Er kam aus Miami. Sein Vater hatte ihn in die Kammermusik eingeführt, als er sieben war. Er war am Juillard Konservatorium angenommen worden, aber nicht lange geblieben. Ich fragte, wieso, und er sagte, allein sei er schneller vorangekommen. Ich lachte leise auf, denn ich glaubte ihm kein Wort.
«Würden Sie mir etwas sagen?», fragte ich.
«Sicher.»
«Was machen Sie in dieser Bruchbude?»
Damit hatte er nicht gerechnet. Er reagierte mit einem bellenden Lachen und legte die Hände flach auf den Tisch. Er hatte die dünnsten, spinnenartigsten Finger, die ich je gesehen hatte, die Kuppen gelblich verfärbt. Vielleicht erinnerte er Iris deshalb an Daddy.
«Bruchbude ist der richtige Ausdruck. Ich bin nur wegen Ihrer Schwester hier.»
Er wusste genauso gut wie ich, dass das nicht stimmte. Er brauchte das Geld, so armselig es zweifellos war. Aber ich spielte mit.
«Das würden Sie für Iris tun? Sie ist nur wegen Ihnen hier.»
«Sie glaubt, wir haben eine Zukunft.»
Er sah mir in die Augen, während er sich eine neue Zigarette ansteckte.
«Sie nicht?»
«Ach kommen Sie, Darling. Sie wissen, wie meine Situation aussieht.»
«Ich weiß, dass Sie verheiratet sind, Darling.»
Er war kein bisschen verlegen. Ganz offensichtlich hatte er entschieden, dass es keinen Sinn hatte, mir gegenüber nicht offen zu sein. Er kippte seinen Gin und beugte sich näher, und jetzt lag etwas von einem Hai in seinem Gesichtsausdruck.
«Und Sie?», fragte er.
Er hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und grinste. Mein Glas war leer. Er war ein schlaksiger Mann mit geschmeidigen Gliedmaßen, und seine Haare glänzten ölig. Von den Winkeln seiner schmalen, schwarzen Augen zog sich ein Netz winziger Falten über seine Wangenknochen. Ich sah mich nach der Kellnerin um, und nach Iris, die zurückkommen müsste. Ich hatte sie ganz vergessen gehabt. Mir war ein bisschen übel. Ja, sagte ich, ich sei verheiratet.
«Läuft es gut?»
«Kein Kommentar.»
Erneut gab er dieses bellende Lachen von sich und stand auf, und eine Spannung, deren ich mir kaum bewusst gewesen war, legte sich. Später gingen wir zu dritt in eine andere Bar. An diesem Abend war ich das Publikum der beiden. Was für ein Paar sie abgaben – er in seinem alten Smoking und sie in diesem Cocktailkleid aus zweiter Hand, aus dem ihre Brüste geradezu hervorquollen, einen billigen Pelz um die Schultern geschlungen. Arm in Arm zogen wir durch die Straßen von Greenwich Village, drei fein gemachte Nachtschwärmer auf Kneipentour. Harriet wäre stolz auf uns gewesen.
Als ich am nächsten Tag mit Iris sprach, erwähnte sie den letzten Teil des Abends nicht. Der Laden, in den wir gingen, war heiß und verraucht. Es gab Jazz. Irgendwann nach Mitternacht saßen Iris und ich auf Barhockern, während Eddie Castrol, der seine Jacke ausgezogen und sein Hemd aufgeknöpft hatte, zwischen uns mit dem Rücken am Tresen lehnte, die ewige Zigarette im Mund. Stellenweise war sein Hemd durchgeschwitzt. Er schien jeden zu kennen. Alle kamen, um «Hi» zu sagen und ihm in die Hand zu klatschen. Ich fragte Iris, wie sie sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellte. Ich hätte es besser wissen müssen.
«Eddie?», wandte sie sich an ihn.
«Liebes?»
«Meine Schwester möchte wissen, wie deine Absichten aussehen. Willst du mit mir Schluss machen?»
Die Hand auf die Brust gelegt, sang sie die Zeile aus Louis Armstrongs und Ella Fitzgeralds Song in einem tiefen, bebenden, tonlosen Bass: But ooooh, if we call the whole thing off, then we must part –
Eddie zog sie an sich, wobei er Gin über ihr Kleid vergoss, was sie aber nicht bekümmerte. Glücklich wie ein Kind überließ sie sich diesem langfingrigen Klavierspieler aus Miami, der sie an Daddy erinnerte. Einen Arm lose herabhängend, legte sie den Kopf an seine Schulter, und er streichelte ihre Haare. Sie hob den Kopf, und er küsste sie auf die Lippen. Dabei beobachtete er mich. Meine Vorhersage: Er würde ihr das Herz brechen. Es machte sicher Spaß, mit ihr zusammen zu sein, aber sie war noch ein Kind. Er war zu alt für sie. Zu alt. Zu zynisch. Zu verheiratet.
Ein paar Abende später ging ich noch einmal ins Dunmore. Iris sagte ich nichts davon, ich wusste, wie es für sie aussehen würde. Als würden die Erwachsenen hinter ihrem Rücken darüber reden, was das Beste für sie war. Sie wäre wütend. Es war das zweite Mal. Er sah mich gleich, als ich hereinkam, spielte ein paar Takte von Moon River und setzte sich dann zu mir in die Nische. Er fragte, womit er die Ehre dieses Mal verdient habe, und ich sagte, ich wolle ihm danken. Er wusste, was ich meinte.
«Wie geht es ihr?»
«Im Augenblick leidet sie», sagte ich. «Aber sie wird darüber hinwegkommen. Was haben Sie ihr gesagt?»
Er hatte ihr gesagt, was ich vor einigen Tagen vorgeschlagen hatte. Ich war ins Hotel gegangen und hatte ihm klar gemacht, dass er die Finger von Iris lassen musste. Sie sei noch sehr jung, er würde ihr nur schaden. Er hatte nicht protestiert. Dann hatten wir über seine Familie geredet und uns im Guten voneinander verabschiedet.
Jetzt runzelte er die Stirn, starrte den Tisch an und tippte mit dem Finger gegen den Rand seines Glases. Dann sah er mich an und schüttelte den Kopf.
«Was?», fragte ich.
Er stützte den Ellbogen auf den Tisch und legte die Finger an die Stirn. An diesem Abend herrschte in der Bar viel Betrieb. Frauen blieben am Tisch stehen, um ihn zu begrüßen. Er war charmant zu jeder von ihnen.
«Ach Gott», seufzte er.
«Sagen Sie mir nicht, dass Sie sie lieben.»
«Liebe ich sie denn?»
Er sah mich mit schmerzerfüllten Augen an. Was für ein Schauspieler! Dann plötzlich hellte sich seine Stimmung auf. Die Wolken teilten sich, er beugte sich vor und berührte meine Hand, plötzlich sanft.
«Es könnte anders sein», sagte er, «aber ich muss an das Kind denken.»
«Kinder überleben Scheidungen.»
«Nicht meine Francie.»
Ich musste mich entschuldigen und zur Toilette gehen, wo ich in einer der Kabinen sitzen blieb, bis ich mich wieder ruhiger fühlte. Kinder überleben Scheidungen. Hatte Sidneys Sohn die Scheidung überlebt?
Ungefähr um diese Zeit herum kam Sidney von einem Besuch bei seiner Ex-Frau in New Jersey zurück und sagte, er müsse mich um einen großen Gefallen bitten. Ich arbeitete an diesem Tag am Küchentisch und lektorierte ein schlecht geschriebenes Manuskript, das mir keinerlei Freude machte, aber Ellen Taussig hatte mich gebeten, diese besondere Aufgabe zu übernehmen. Sidney wollte wissen, ob es mir recht sei, wenn Howard für ein paar Tage zu uns käme, seine Mutter müsse ins Krankenhaus. Ich fragte, was von mir erwartet werde.
«Sei einfach höflich.»
Gladys würde für ihn kochen, und da er ein stiller Junge sei, würde er mich abends nicht stören. Wir würden kaum merken, dass er in der Wohnung sei. Er könne sonst nirgends hin.
Als ich am nächsten Tag nach Hause kam, saß ein magerer, ernster Junge vor einem Teller mit Würstchen in Sidneys Küche. Ein Vorhang aus Haaren von der Farbe hellen Strohs fiel ihm in die Stirn, seine Arme und Beine wirkten wie die einer Gliederpuppe, und seine Finger waren die eines Geigers. Anscheinend hatte ich damals nichts als Musiker im Kopf. Howard besaß nur wenig Ähnlichkeit mit Sidney, der groß und schwer gebaut war und eine rötliche Gesichtsfarbe und winzige Hände und Füße hatte.
Der Junge stand auf, als ich in die Küche kam, und ich dachte: «Oh, ein richtiger kleiner Gentleman.»
«Hallo, Howard Klein», sagte ich.
«Hallo, Mrs Klein.»
«Setz dich wieder. Möchtest du Senf für die Würstchen?»
«Nein danke.»
«Ketchup?»
«Nein danke.»
Er setzte sich, und mir ging auf, dass er kein Problem sein würde. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass ich in seinem Alter genau wie er gewesen war, immer auf Höflichkeit bedacht, um mein inneres Leben vor den Erwachsenen zu schützen. Deshalb schlug ich Sidney am nächsten Tag vor, übers Wochenende wegzufahren. Er war mit seinem Buch beschäftigt und wollte nicht unterbrochen werden. Ich sagte, es gehe nicht um mich, sondern um Howard, dem das bestimmt gefallen würde.
«Du hast recht», sagte er. «Wir könnten deinen Vater besuchen.»
«Ich habe mir eher etwas anderes vorgestellt.»
Ich hatte nämlich genug von Daddy, den wir am Labor Day besucht hatten, und so fuhren wir nach Long Island und verbrachten das Wochenende in Montauk. Es tat gut, wegzukommen. Zum Schwimmen war es zu kalt, aber wir unternahmen lange, windumpeitschte Spaziergänge am Strand, wo es Dünen gab, Treibholz, Anhäufungen von großen, flachen Steinen und Stellen voller glänzender Seetangbüschel, die von den Herbstfluten angeschwemmt worden waren. Ich beobachtete Howard und seinen Vater, die im nassen Sand knieten und eine tote Meeresschildkröte inspizierten. Sidney drehte sie mit einem Stock um, und Howard kreischte entzückt auf, als Dutzende winziger schwarzer Krebse hervorschwärmten. Anschließend gingen wir zum Essen in ein Fischrestaurant. Der Wind hatte Farbe in Howards Gesicht gebracht und rote Flecken auf seine Wangenknochen gezeichnet. Auf meine auch. Sidney war erfreut. Er wollte, dass Howard und ich Freunde wurden, und fand, es sei gut für mich. Die Mutter zu spielen würde mich von meinem Vater ablenken, sagte er.
Etwa um diese Zeit herum musste ich mich für eine Party an Sidneys Fakultät zurechtmachen, auf die ich gern verzichtet hätte. Ich war im Schlafzimmer und hatte vor, mein graues Seidenkleid anzuziehen, als Sidney hereinkam, um seine Uhr zu suchen. Er sorgte sich wegen der Zeit. Ich hatte keine Lust, nett zu ihm zu sein, weil er nicht sehr mitfühlend gewesen war, als ich ihm erzählt hatte, Iris habe Liebeskummer und sei sehr deprimiert. Wo das Problem sei, hatte er darauf nur gesagt. Sie müsse nur mit Trinken aufhören und zum Psychiater gehen.
«Du machst mich nervös», sagte ich. «Kannst du nicht Zeitung lesen oder was auch immer?»
Ich beobachtete ihn im Spiegel. Er saß mit gerunzelter Stirn auf dem Bett und starrte seine Hände an, während ich Papiertücher auf mein Gesicht drückte, damit es bei der Hitze nicht glänzte.
Ich wählte einen Lippenstift. Die arme Iris. Ich hatte sie an diesem Morgen besucht. Ich fand es furchtbar, wie sie lebte, in einer Wohnung im dritten Stock eines Gebäudes etwas südlich der Manhattan Bridge. Schon als ich das Haus betrat, wurde mir fast schlecht vom Geruch nach gekochtem Gemüse. Ich stieg die drei Treppen hoch und sah, dass ihre Tür bereits offen stand. «Komm rein», rief sie mir zu. Die Wohnung war ein einziges Durcheinander. Sie gab sich zwar Mühe, war aber kein besonders ordentlicher Mensch und außerdem die ganze Nacht unterwegs gewesen. Ich hörte die Dusche angehen, stellte mich ans Fenster und sah auf die Straße hinab. Chinesen huschten über die Bürgersteige, Obdachlose saßen an einer Konfuzius-Statue und ließen Flaschen in braunen Papiertüten zwischen sich herumgehen. Der Verkehr war so laut, dass ich das Fenster schloss, woraufhin sich die winzige Wohnung sofort schwül und stickig anfühlte, obwohl der Herbsttag feucht und trübe war und der Himmel mit Regen drohte.
Sich die Haare frottierend kam sie im Bademantel zum Vorschein und entschuldigte sich für den Zustand der Wohnung. Eigentlich habe sie für gestern einen Hausputz geplant gehabt, sei aber angerufen worden und habe die Hostess geben müssen, was immer das bedeuten mochte. Sie holte zwei kalte Bier aus dem Eisschrank und sah sich gähnend nach sauberen Gläsern um. Ich hatte es aufgegeben, immer wieder zu betonen, sie sei für Besseres geschaffen. Dann saßen wir an einem niedrigen Tisch, auf dem sich reißerische Romane, billige Illustrierte und medizinische Fachzeitschriften stapelten, dazwischen stand eine halbleere Flasche Brandy, billiger spanischer Fusel. Nachdem Eddie sich von ihr getrennt hatte, hatte es ein paar letzte Schäferstündchen im Hotel gegeben, aber jetzt war auch das vorbei, und sie war der Verzweiflung nahe.
«Was zum Teufel soll ich bloß tun?», jammerte sie.
Ich nahm kein Blatt vor den Mund, ergriff ihre Hände und sagte in strengem Ton:
«Du wirst Medizin studieren und hart arbeiten und Eddie vergessen und Ärztin werden. Das wirst du tun.»
Sie wandte sich ab. Ich hatte nicht einmal einen Hauch von Entschlossenheit in ihr geweckt.
«Ich habe dabei kein gutes Gefühl», sagte sie.
«Was soll das heißen?»
«Ich glaube, ich will nicht Medizin studieren.»
«Um Himmels willen, Iris, sag doch nicht so was! Du musst! Schon Daddys wegen!»
Ich verlor die Geduld. Früher hatte sie über sich selbst lachen können. Jetzt war sie die ganze Zeit so verdammt weinerlich. «Wenn etwas vorbei ist, ist es vorbei», sagte ich. «Was ist bloß los mit dir?» Sie fing an, in ihrer Handtasche zu kramen, und fischte ihre Zigaretten und ihr Feuerzeug heraus. Ich schlug einen Spaziergang vor, um sie aus dem Haus zu bekommen. Wortlos stand sie auf und verschwand ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen.
Wir gingen nach Osten. Es war immer noch stickig. An der Brooklyn Bridge waren die Straßen wie leergefegt. Die Stille war eine Erleichterung. Nur ein paar Tauben flatterten herum, das einzige Lebenszeichen hier. Die Hälfte der Gebäude an der Beekman war verrammelt. Die ganze Gegend wurde abgerissen, Lagerhäuser, Druckereien, Schnapsläden, Friseurgeschäfte. Wo der Schutt schon abgefahren war, erstreckten sich von Betonbrocken übersäte Flächen über ganze Blocks. Iris’ Stimmung hellte sich dadurch nicht auf, ich aber schöpfte eine Art Befriedigung aus dem Anblick eines ganzen städtischen Bereichs, der verschwand, als sei er von einer Wasserstoffbombe getroffen worden. Genauso ging es mir mit der Penn Station, die ebenfalls abgerissen wurde. Ich kam dort jedes Mal durch, wenn ich nach Norden fuhr. Der Bahnhof war inzwischen eine Ruine. Ich mochte Ruinen. Schließlich war ich in einer aufgewachsen. Genau, schafft das ganze alte Zeug weg, lautete mein Gefühl. Fangt neu an! Baut alles neu auf! Dann fing es an zu regnen. Wir standen in der William Street vor einem Lagerhaus, das keine Türen mehr hatte.
Wir stiegen die schmale Treppe hinauf. Die Farbe blätterte von den Wänden. Ein Stockwerk höher lag ein großer, leerer Raum mit unverputzten, weiß getünchten Backsteinwänden. Alte eiserne Heizkörper standen inmitten von Gerümpel, und auf der anderen Seite des Raums blickten leere Fensteröffnungen nach Süden auf die Wolkenkratzer der Wall Street. Ein Bild von Marilyn Monroe war mit Klebestreifen an der Backsteinwand befestigt worden, darunter stand ein wackliger Holzstuhl. Iris setzte sich und zündete sich eine Zigarette an. Der Regen ließ nicht nach. Iris starrte zu Boden, und ich sah eine Träne fallen. Dann hob sie den Kopf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Manchmal wirkte sie so jung, dass ihr Unglück mich rührte. Aber meistens machte sie mich einfach nur unduldsam.
«Ich weiß nicht, wie ich das alles überleben soll», sagte sie.
«Ist das dein Ernst?»
«Ich habe noch nie jemanden so geliebt. Aber ich gewöhne mich wohl besser daran.»
«Woran?»
«Unvollständig zu sein.»
Ich räumte ein Stück Boden frei und setzte mich neben sie.
«Ach, Süße», sagte ich. «Du wirst darüber hinwegkommen. Wie alt bist du? Zweiundzwanzig?»
Sie fuhr zu mir herum.
«Constance, würdest du bitte einfach die Klappe halten?»
Wahrscheinlich war es gedankenlos gewesen, das zu sagen. Die Wunde war noch zu frisch. Ich entschuldigte mich.
«Schon in Ordnung. Aber du musst mich nicht beschwichtigen. Ich hasse es, beschwichtigt zu werden.»
Ich fragte, wieso sie nicht über ihn hinwegkommen würde.
«Weil wir noch nicht am Ende angelangt waren. Das Ganze war noch am Wachsen und wäre noch lange weitergewachsen. Deshalb ist es in mir etwas Unfertiges.»
Ich hatte noch nie gehört, dass Liebe so beschrieben wurde. Als etwas, was wächst, meine ich, wie ein Baum. Sie entsteht also, wächst heran, wird älter und reifer, und dann? Dann stirbt sie? Für mich war es noch nie so gewesen. Etwas später fragte sie mich, ob ich glaube, Eddie gehe zu einem Psychiater.
«Nein.»
«Wieso sagst du das?»
«Ich glaube einfach nicht, dass er es tut.»
«Wieso nicht? Er hat Nein gesagt, aber ich glaube ihm nicht. Alle in New York gehen zum Psychiater, außer mir.»
«Er kommt aber aus Miami. Er ist Klavierspieler. Und ein Trinker. Ich weiß nicht, aber ich glaube es einfach nicht.»