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Patrick Mcgrath Constance
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Patrick McGrath
Constance
Roman
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
OKTAVEN
Für meine Schwester Judy und, wie immer, für Maria
1
Ich heiße Constance Schuyler Klein. Die Geschichte meines Lebens beginnt an dem Tag, an dem ich einen Engländer namens Sidney Klein heiratete und mich für immer von Ravenswood und Daddy und allem verabschiedete, was vorher war. Ich habe nun einen Ehemann, dachte ich, einen neuen Daddy, und ich war entschlossen, eine eigenständige Person zu werden. Ich wollte, ach, ich wollte so viel. Ich sah mich als neugeboren. Ein für alle Mal Schluss mit der Stimme der Verachtung und der Missbilligung, der nörglerischen, missmutigen Stimme, so unerschütterlich in ihrer Überzeugung von meiner Wertlosigkeit, nein, schlimmer noch, Nutzlosigkeit. Sidney hielt mich nicht für nutzlos, und er war ein Mann von Welt, der seinen Shakespeare in- und auswendig kannte. Er sagte, er liebe mich, und als ich ihn fragte, warum, antwortete er: «Genauso gut könntest du fragen, warum der Himmel blau ist.» Von da an war alles anders. Hatte ich mich zuvor mit den zaghaften Schritten einer Fremden durch New York City bewegt, frohlockte ich jetzt über alles, was mich vor noch so kurzer Zeit beunruhigt hatte – die Menschenmengen, die Hektik, den Lärm, die Stimmen.
Andere sahen die Veränderung in mir. Die Cheflektorin erriet mein Geheimnis auf der Stelle und konstatierte, ich sei verliebt. Ich versuchte, es abzustreiten, da ich selbst noch gar nicht auf den Gedanken gekommen war, das könne geschehen sein, aber sie blieb dabei. Sie müsse schließlich wissen, wie Verliebtsein aussehe, sagte sie, und ich fragte, wie denn. «So wie Sie», antwortete sie und ging mit einem unergründlichen Lächeln davon. Ein anderes Mal fragte sie mich, ob ich in meiner Arbeit Erfüllung fände, und ich bejahte. «Dann halten Sie daran fest», sagte sie. Ich nahm an, sie meine, ich könne Sidney Klein und meine Arbeit nicht gleichzeitig lieben, und betonte, doch, das könne ich. Ellen Taussig besaß die Fähigkeit, mit einem winzigen Hochziehen einer Augenbraue mehr auszudrücken, als tausend Worte es konnten. «Aber es stimmt», protestierte ich mit leiser Stimme. «Wieso sollte ich es nicht können?» «Viele sind berufen», sagte sie und sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. Es ist ein vielsagender Hinweis auf meine damaligen Empfindungen, dass mein Selbstvertrauen nicht einmal durch die Fülle von Skepsis in jener hochgezogenen, gezupften Augenbraue erschüttert wurde.
Dann kam die Hochzeit.
Erst hinterher, nach dem Mittagessen in einem Restaurant, bei dem meine Schwester Iris sich danebenbenahm und Daddy so verärgert war, fragte ich mich, was ich mir bloß gedacht hatte. Für wen hielt ich mich? Für eine eigenständige Person? Die neue Welt schrumpfte in sich zusammen wie ein zusammengeknülltes, ins Feuer geworfenes Stück Papier, und alles, was mir blieb, waren ein paar verkohlte Schnipsel und ein bisschen Asche. In meiner Herabsetzung und Demütigung musste ich an Sidneys Mutter denken, eine kleine, vom Rheuma verkrümmte Verrückte, die ganz in Schwarz gekleidet zu unserer Hochzeit erschienen war. Ich war genauso verschrumpelt wie sie. Ich war Sidneys Mutter. Aber als ich ihm zu erklären versuchte, was geschehen war, wollte er es nicht hören, weil es nicht seiner Vorstellung von mir entsprach. Es war das erste Mal, dass ich das alles klar und deutlich sah, und als ich es sah, erkannte ich, wie töricht es von mir gewesen war, auch nur einen Augenblick lang zu glauben, ich würde geliebt –
Sidneys Wohnung war groß und dunkel und voller Bücher. Ich mochte sie nicht, vielmehr fand ich sie einschüchternd. Alles darin schien mir zu sagen, dass hier ein kluger Mensch lebte, ein selbstbestimmter Mensch. Ich hatte das Gefühl, jeden Augenblick als unbefugter Eindringling entlarvt und vor die Tür gesetzt zu werden. Die Wohnung lag in einem oberen Stockwerk eines Vorkriegsgebäudes in der Upper West Side, und nachts war es dort immer sehr laut. Alles verändere sich, sagte Sidney, da die alteingesessenen Bewohner nach und nach in die Vororte abwanderten und die Armen einzogen, die Schwarzen, die Puerto Ricaner, die Einwanderer, die Neuankömmlinge. Auf den Straßen hörte man harsche, grobschlächtige fremdländische Stimmen, und ich hatte das verstörende Gefühl, gleichzeitig in zwei Welten zu leben und keiner davon anzugehören, an keiner einen Anteil zu haben.
Sidney hatte die Wohnung während seiner ersten Ehe erworben, die mit einer Scheidung geendet hatte. Aus dieser Ehe gab es ein Kind, einen Jungen namens Howard, der bei seiner Mutter in Atlantic City lebte. Sidney fuhr oft hin, um sie zu besuchen, und hatte den Jungen unverkennbar gern, ich jedoch empfand nicht den Wunsch, ihn kennenzulernen, und hätte es vorgezogen, wenn Sidney nicht über ihn gesprochen hätte. Howard hatte bereits eine Mutter. Gleichzeitig machte mir die Frage, wieso Sidney ausgerechnet mich zur Frau genommen hatte, immer mehr zu schaffen. Als ich ihn fragte, antwortete er im Scherz, ich habe auf der Buchpräsentation am Sutton Place so verunsichert ausgesehen, dass er das Gefühl gehabt habe, mich retten zu müssen, bevor ich anfinge zu schreien.
Danach war ich eine Zeit lang glücklich, zumindest so glücklich, wie ich es unter den Umständen sein konnte. Sidney nahm die Ränder meiner Tage ein. Er war der Mann, neben dem ich morgens aufwachte, zu dem ich abends nach der Arbeit zurückkehrte und mit dem zusammen ich später zu Bett ging. Aber ich hatte keinen inneren Frieden mehr und fühlte mich zunehmend unwohl mit den von ihm festgelegten Bedingungen der Ehe. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, und ich versuchte, mich nicht allzu sehr in die Sache hineinzusteigern, aber allmählich fing ich an zu denken, ich hätte einen Fehler gemacht und dass nichts von all dem für mich bestimmt sei, sondern für jemand anderen. Zu den Schwierigkeiten, die ich vorausgesehen hatte, als Sidney mir seinen Antrag machte, gehörte, dass er so viel mehr wusste als ich, was nach einer Weile unerquicklich wurde. Der arme Sidney, er liebte es, mich zu belehren. Er wollte mir sein ganzes Wissen vermitteln und reagierte ungehalten, wenn seine Großzügigkeit nicht geschätzt wurde und ich sagte, ich habe selbst eine Bildung genossen.
«Ha!», rief er und beugte sich vor. Seine Augen sprühten vor Verachtung. «Hast du? Tatsächlich?»
Das war gehässig und kränkte mich. Genau so etwas hätte auch Daddy sagen können. Sidney umgab sich am liebsten mit Studenten, die nach einem gewissen Maß an anfänglichem Widerspruch klein beigaben, aber dieses Mal spielte ich nicht mit, ich war es leid, derart behandelt zu werden. Es war unser erster richtiger Streit, und ich erschrak selbst vor dem, was ich ihm entgegenschleuderte. Zum Beispiel sagte ich, er sei alt und zu fett, und es sei grausam von ihm gewesen, mich dazu zu bringen, ihn zu heiraten. Später im Bett klammerte ich mich an ihn, entsetzt über das, was ich gesagt hatte. Er tröstete mich und sagte, mein Bedürfnis, ihm die Stirn zu bieten, sei in Wahrheit Ausdruck meiner Liebe. Ich eignete mir diese Erklärung nur allzu gerne an, erkannte aber später, dass ich nicht daran glaubte. Das behielt ich für mich, es bestätigte jedoch meinen Verdacht, dass ihn nicht wirklich interessierte, wer ich war, sondern nur, inwieweit ich dem Bild entsprach, das er sich von mir gemacht hatte. Manchmal fühlte ich mich in jener Wohnung wie ein Geist.
Ein anderes Mal fragte er mich, ob ich ein paar Druckfahnen für ihn lesen würde.
«Meinst du vielleicht, ich habe nicht genug eigene Arbeit?», fragte ich zurück.
«Ich bezahle dich dafür.»
Ich bezahle dich dafür. Allmählich verstand ich, wieso ich mich bereit erklärt hatte, ihn zu heiraten. Daddy hatte mir nie gegeben, was ich brauchte, und ich hatte das Gefühl gehabt, das sei meine Schuld. Kinder fühlen sich verantwortlich für alles, was ihnen widerfährt, gleich ob gut oder schlecht. In meinem Fall schlecht. Seit meiner ersten Begegnung mit Sidney hatte ich ihn als Daddy gewollt, damit ich einen Neuanfang machen konnte. Aber das ist unmöglich! Allein die Vorstellung ist im Grunde genommen absurd. Wie hatte ich nur so dumm sein können, zu glauben, es könne anders sein. Aber als ich das erkannte, war es zu spät, ich war bereits Mrs Klein. Beziehungsweise Mrs Schuyler Klein.
Ein weiteres Problem war Sidneys Annahme, ich hätte es genauso eilig wie er, eine Familie zu gründen. Ich weiß nicht, wieso ich so wenig davon hielt. Die meisten Frauen wollen Kinder, wieso nicht ich? Vielleicht hatte es etwas mit seinen sexuellen Ansprüchen zu tun. Ich war nicht vehement gegen die Idee, ich meine, ein Kind zu bekommen, aber inzwischen denke ich, die Kinderfrage war ein weiterer Ausdruck des Machtkampfs, der zu einem steten, misstönenden Wispern im Hintergrund unserer Ehe wurde. Sidney schrieb, unterrichtete und nahm oft an auswärtigen Konferenzen teil: Er war ein vielbeschäftigter, vielgefragter Mann. Was wäre, gäbe es ein Kind in der Wohnung? Ich wusste, was wäre. Ich würde meine Arbeit aufgeben müssen, und dazu war ich nicht bereit. Ich weiß noch, dass ich ihn fragte, ob sein Vater sich zu Hause engagiert habe. Er sagte, nein, sein Vater habe alle häuslichen Angelegenheiten den Frauen überlassen. Wieso also sollte er selbst anders sein?
«Ich habe alles durchdacht», sagte er.
Das tat er immer. Gelegentlich zermürbte er mich mit seiner Denkerei. Er besaß einen präzisen, logischen Verstand, der mit beeindruckender Schnelligkeit funktionierte, aber er war nicht kreativ. Zum Beispiel hätte er nie ein Gedicht schreiben können. Er konnte es kritischen Analysen unterziehen, aber damit hatte es sich auch schon. Ihm fehlte die Vorstellungskraft.
Damals liebte er es, seine Studenten nach Hause einzuladen, und es gab oft beängstigend laute Debatten im Wohnzimmer. Weil die Wohnung groß war und wir es diesbezüglich nicht allzu genau nahmen, herrschte ein Zustand chronischer Unordnung. Nur Gladys bewahrte uns davor, in absolutem Chaos zu versinken. Gladys, Sidneys Haushälterin, war eine gute Christin aus Atlanta, Georgia, wie er gerne sagte. Und auch wenn ich immer zu müde war, um mich an den Diskussionen zu beteiligen, die er in seiner Wohnung organisierte, erhob ich nie Einwände dagegen. Ich zog mich einfach ins Schlafzimmer zurück, wo ich mich aber gestört fühlte von den gedämpften Gesprächen und dem lauten Gelächter. Nie beklagte ich mich darüber. Aber ich konnte mich eben auch nicht beteiligen. Anders als meine Schwester fühlte ich mich unter vielen Menschen nicht wohl.
Wie die pflichtbewusste Tochter, die zu sein ich vorgab, rief ich Daddy jede Woche an, um zu hören, ob in Ravenswood alles in Ordnung war. Er mochte keine langen Telefongespräche und gab den Hörer immer schnellstmöglich an Mildred Knapp weiter. Seit Harriets Tod lebte sie im Turm und putzte und kochte für ihn. Iris meinte, dass sie noch mehr für ihn tat. Ich sah geradezu, wie sie mit dem Hörer am Ohr dastand, während Daddy ihr soufflierte. Sie konnte nicht frei sprechen, was jedoch nicht wirklich eine Rolle spielte. Sie und ich hatten uns nie nahegestanden. Aber von ihr erfuhr ich Neuigkeiten über Iris, so zum Beispiel, dass sie nach ihrem Collegeabschluss in die Stadt ziehen wolle. Die Vorstellung einer in New York lebenden Iris beunruhigte mich und muss auch Daddy beunruhigt haben. Daher war ich nicht überrascht, als er vorschlug, sie solle zu mir und Sidney ziehen, damit ich wieder die Mutterrolle bei ihr übernehmen könne, wie damals in ihrer Teenagerzeit nach dem Tod von Harriet. Sidney war nicht abgeneigt, ich dagegen war es. Nur über meine Leiche, sagte ich.
Zum Glück wollte Iris aber sowieso lieber in Downtown leben, wodurch es mir erspart blieb, ihr die Aufnahme bei uns zu verweigern. Wenn es um Iris ging, war nichts je einfach. Immer gab es Dramen, Gefühlsausbrüche, Chaos. Während ihrer Collegezeit hatte sie mich mehrmals besucht, und ich war nie unglücklich gewesen, wenn ich sie anschließend wieder in den Zug setzen konnte. Sie war viel schwieriger als an der Highschool, und die kurzen Zeiten, die ich mit ihr verbrachte, erschöpften mich. Sie war nicht schön, nicht in irgendeinem konventionellen Sinn. Ihr Gesicht war zu mollig und ihre Zähne standen nicht gerade, allerdings hatte sie schöne dunkle Augen und eine samtige Haut. Sie war so groß wie ich, hatte aber eine viel üppigere Figur. Männer fanden sie entschieden attraktiv.
Ihre Haare waren blond, aber nicht so hell wie meine, sondern von einem eher schmutzigen Blond, und sie hatte Unmengen davon, wenn man bedenkt, wie wenig sie sie pflegte. Ich hatte sie oft mit tränenüberströmtem Gesicht und mit feucht im Gesicht klebenden Haaren erlebt – was absolut verboten aussah. Ein unmögliches Mädchen. Aber binnen einer Woche nach ihrer Ankunft hatte sie eine Durchgangswohnung über einem Nudelrestaurant in Chinatown gefunden. Wie sie einen chinesischen Vermieter dazu gebracht hatte, ausgerechnet an sie zu vermieten, ist mir bis heute ein Rätsel. Alle sagten, man müsse Kantonesisch sprechen, um in Chinatown unterzukommen, wobei ich fairerweise hinzufügen muss, dass die Wohnung eigentlich schon fast in der Bowery lag. Außerdem fand sie einen Job in einem Hotel. Sidney war beeindruckt. Iris amüsierte ihn, und er billigte ihr ehrgeiziges Ziel, Ärztin zu werden. Er war überzeugt, sie würde eine gute Ärztin abgeben, wenn sie erst einmal zu sich selbst gefunden hätte. Seiner Meinung nach besaß sie eine robuste Persönlichkeit, wie er es ausdrückte, aber auch eine chaotische Vitalität. Damit meinte er, dass sie laut war und Gelüste hatte, und damit meinte er, dass sie gerne trank und sich gerne mit Männern abgab. Sie zog ältere Männer an, und es war ihr ganz egal, ob sie verheiratet waren oder nicht. Das wusste ich, denn wenn wir in irgendeiner Kellerbar in Greenwich Village saßen, wo sie sich wie zu Hause fühlte, erzählte sie mir bei zahlreichen Cocktails nur allzu gern von ihrem Liebesleben.
Ich habe freizügigen Gesprächen über Sexualität noch nie viel abgewinnen können. Iris jedoch liebte es, sich darüber auszulassen. Ein Glas Martini in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, ein Funkeln in den Augen, die Haare wild zerzaust, machte sie sich darüber lustig, wie schockiert ich reagierte, wenn sie derart unverblümt über ihre Affären redete. Sie verhielt sich, als gehöre ich einer anderen Generation an, was in gewisser Weise auch stimmte, und sagte, ich habe zu früh geheiratet.
«Ich mag Sidney», sagte sie, «aber in New York wimmelt es von klugen Männern, falls es das ist, was du willst.»
«Ich habe genug von klugen Männern», antwortete ich.
«Genug?», rief sie. «Constance, es gibt kein genug. Sondern immer mehr.»
«Iris, wo hast du bloß so reden gelernt?»
Inzwischen hatte Sidney beschlossen, eine Dinnerparty zu veranstalten, um einigen unserer Freunde diese chaotische Beatnik-Braut vorzustellen. Sie brauche Freunde in der Stadt, sagte Sidney. Ich entgegnete, Iris sei mehr als fähig, eigene Freunde zu finden, aber da sie meine Schwester war, erklärte ich mich einverstanden. Ich besuchte sie nach der Arbeit und erzählte ihr von der geplanten Dinnerparty. Sie freute sich unbändig.
«Noch nie hat jemand mir zu Ehren eine Dinnerparty veranstaltet», rief sie.
Ich sagte, sie müsse sich aber unbedingt benehmen, und erinnerte sie daran, was auf unserer Hochzeit passiert war.
«Ich war doch noch ein halbes Kind!»
Am Abend der Party, vor der mir graute, war es warm, alle Fenster in der Wohnung standen offen. Als die Gäste eintrudelten, mixte Sidney, der eine Zigarre rauchte, einen Krug Martinis. Ed Kaplan wollte wissen, wo meine famose Schwester denn sei.
«Sie kommt sicher bald», sagte ich.
Wir standen in einem großen, vertäfelten Raum mit einem guten Perserteppich und zwei ochsenblutroten Chesterfields zu beiden Seiten eines niedrigen Tischs vor dem Kamin, alles sehr maskulin. Außerdem gab es eine Bücherwand mit einer Bibliotheksleiter auf Rollen und einen Getränketisch. Im Sommer wurde es in diesem Raum sehr heiß. Die Martinis verschwanden im Eiltempo. Die Gäste unterhielten sich laut. Alle rauchten. Ed Kaplan erzählte überall herum, Iris existiere überhaupt nicht. Wir sollten lieber mit der Vorstellung von Iris essen, dann sei die Gefahr einer Enttäuschung nicht so groß. Alles sehr witzig, aber die Gäste wurden allmählich betrunken, und immer noch keine Iris. Ich nahm Sidney beiseite.
«Ich trage jetzt das Essen auf», sagte ich. «Sorg dafür, dass sie Platz nehmen.»
Wir waren bereits im Esszimmer und hatten uns gesetzt, als wir sie an der Tür hörten. Ich bat Ed, sie hereinzulassen. Dann hörten wir ihre hohen Absätze eilig durch den Flur klappern. Überrascht starrte sie die versammelten Gäste an.
«Oh mein Gott, komme ich zu spät?», rief sie mit heiserer Stimme. Dann wurden ihre Augen riesig. «Es hat ein Feuer gegeben!», fügte sie hinzu.
Sie trug ein tief ausgeschnittenes rotes Cocktailkleid, das sich eng an ihre üppige Figur schmiegte, und mit ihrer hoch auf dem Kopf aufgetürmten blonden Mähne, aus der sich ein paar Strähnchen gelöst hatten, und den hohen Absätzen wirkte sie, als wäre sie über einen Meter achtzig groß. Sie arbeitete sich um den Tisch herum, beugte sich vor, um jedem einzelnen Gast die Hand zu schütteln, und gewährte dabei tiefe Einblicke in ihr Dekolleté. Die so spröde Ellen Taussig warf mir einen Blick zu, aber Iris war der personifizierte Charme, als sie bei ihr anlangte. Sie habe so viel über sie gehört, sagte sie.
«Meine Liebe», sagte Ellen, «Sie haben doch nicht etwa selbst Feuer gefangen, oder?»
Iris – sie war wirklich noch sehr jung – starrte sie an, und ein, zwei Sekunden herrschte eine eigenartige Stille im Esszimmer. Irgendwo auf der Straße brüllte ein Mann etwas Obszönes. Dann ging Iris plötzlich auf, dass diese elegante, würdevolle Frau einen Witz gemacht hatte. Sie hob den Kopf und gab ein schrilles Lachen von sich, das in meinen Ohren klang wie leere Flaschen, die in einen Kamin geschmettert wurden. Alle fielen ein, sogar Ellen ließ sich von diesem Lachen anstecken. Es war eine fast hysterische Stimmung. Iris war ein voller Erfolg.
Ich weiß nicht, warum ich an diesem Abend an Harriets Tod denken musste. Es war immer schmerzlich, mich an ihre letzten Monate zu erinnern. Ich war zwölf, als sie krank wurde, und sie war im Grunde genommen gar nicht so alt, erst siebenunddreißig. Ich erinnere mich, dass ich wütend auf sie war, gleichzeitig aber auch wusste, dass ich mir das nicht anmerken lassen durfte. Ich glaube, sie verstand. Daddy kam mit ihrer Krankheit weniger gut zurecht als ich. Er war Arzt. Er kannte sich mit Krebs aus und hatte keine Illusionen über den Ausgang der Geschichte. «Krebs ist Krebs», sagte er einmal, und zwar mit derart kalter Endgültigkeit, dass mir ein Schauder über den Rücken lief. Es gab keine Remission. Sie hatte einen Knoten in der Lunge und musste schon eine ganze Weile Schmerzen gehabt haben, ehe sie irgendjemandem davon erzählte. Arme Harriet. Sie sei sehr gefasst, sagte Daddy. In den Augen des Kindes, das ich damals war, wurde sie zu einem ätherischen Wesen; es gab damals nur wenig, was ich nicht romantisieren konnte. Ich versuchte, in ihrem Beisein nicht traurig zu sein, das war das Schwerste. Aber wenn ich traurig war, verschaffte ich ihr zumindest die Befriedigung, mich trösten zu können. Ich glaube, das brauchte sie. Ich bot ihr immerhin die Möglichkeit, sich nützlich zu fühlen.
Es ging ihr gegen den Strich, sich von anderen versorgen lassen zu müssen. Im Krankenhaus wirkte sie immer kleiner und kränker als zu Hause, wo sie zumindest einen gewissen Einfluss auf die Abläufe hatte. Mildred Knapp kam jeden Tag, und die beiden besprachen häusliche Angelegenheiten.
Die Beerdigung war grauenhaft. Hätte ich mich nicht um Iris kümmern müssen, wäre ich zusammengebrochen. Daddy brach zusammen, innerlich. Hinterher war das Haus voller Leute. Mildred hatte Sandwiches gemacht. Es gab Getränke. Ich war sehr verstört. Aber die Erwachsenen schienen das Ganze für eine Art Cocktailparty zu halten. Einmal hörte ich eine der Nachbarinnen zu einer anderen sagen: «Der arme Doktor wusste nicht, wie ihm geschah.» Meine Reaktion auf diese Worte war extrem, ich musste das Zimmer verlassen. Unter der Vordertreppe gab es eine muffige kleine Toilette mit geräuschvollen Rohren. Dorthin zog ich mich oft bei abgeschlossener Tür zurück, um zu lesen oder einfach nur nachzudenken. An diesem Tag übergab ich mich und hörte es noch einmal: Er wusste nicht, wie ihm geschah. Ich hatte die Worte schon einmal gehört, vielleicht in einem Traum. Den Kopf in den Händen vergraben, blieb ich lange dort sitzen.
Dann jedoch war es vorbei. Ich erholte mich, mehr oder weniger, und das Leben ging weiter. Als es das nächste Mal passierte, dachte ich, jemand rede mit mir, aber es war niemand im Zimmer. Die Erkenntnis, dass sich das alles nur in meinem Kopf abspielte, war ein Schock. Ich erzählte niemandem davon. Aber ich glaubte nie, dass ich verrückt wurde. Es war einfach nur eine böse Erinnerung.
Eines Abends in New York fragte Iris mich, ob ich mich an den Tag erinnern könne, an dem Harriet starb. Es war keine einfache Frage. Ich hatte meine Erinnerungen an jene letzten Wochen in eine Schachtel gepackt und in einem Raum in meinem Kopf verstaut, den ich nie betrat, wenn es sich vermeiden ließ. Ich wusste, dass ich Harriets Sterben miterlebt hatte, und einmal hatte ich Daddy gefragt, wann es so weit wäre. Ich weiß noch, wie klinisch er klang, wie absolut kalt.
«In ein paar Tagen», sagte er. «Sehr wenigen Tagen.»
Mir war nicht klar gewesen, dass es so schnell gehen würde. Es brach mir das Herz. Man musste kein empfindsames junges Mädchen mit blühender Fantasie sein, um vor dem randvollen Becher Pathos dieser Worte zurückzuschrecken. Ich fing an, mir ein Ende ihres Leidens herbeizuwünschen. Ich wollte, dass sie starb, und fühlte mich deswegen schuldig. Aber wie gnädig es doch wäre, könnte sie einfach davongleiten, oder würde ich ihr Leben in aller Stille beenden, ihr einfach ein Kopfkissen aufs Gesicht legen und fünf Minuten fest zudrücken. Ich bezweifelte nicht, dass sie das wollte. Es war mir unerträglich, wie dünn sie geworden war, nur noch Haut und Knochen, und wie ihre trüben, morphiumverschleierten Augen mich ansahen. Und immer hing dieser entsetzlich süße Geruch nach Fäulnis in der Luft. Und dann ihre klauenähnliche Hand, die sich von der Decke hob und nach mir griff, wenn ich in ihre Nähe kam –
Das alles konnte ich nicht zu Iris sagen. Sie war wie Harriet, sie hatte ein großes Herz, war wie ein offenes Buch. Niemand dachte, sie sei keine eigenständige Person. Ich weiß noch, dass ich ihr von der Traurigkeit jener Tage erzählte, und davon, dass Daddy gesagt hatte, der Tod sei etwas Gutes, wenn er Leiden beendete. Nur eine Art Schlaf, hatte er gesagt. Kein Wort über ein Leben nach dem Tod. Er war seit jeher ein gottloser Mann.
«Weißt du noch, Constance, dass alle immer gedacht haben, sie sei allein gewesen, als sie starb?», fragte Iris.
Ich jedenfalls hatte es gedacht. Es gab Zeiten, da niemand bei ihr war, und genau da geschah es. Daddy ging ein paar Minuten später in ihr Zimmer und fand sie tot auf. Ich weiß noch, dass Mildred Knapp irgendwann an diesem Tag, als Iris und ich in der Küche saßen und in unsere Teetassen starrten, zu uns sagte, Harriet sei bewusst erst gegangen, als sie allein war. Ihr Mann, Walter, habe es auch so gemacht. Dann schlug sie die Hand vor den Mund.
Ich habe nie vergessen, wie Mildred die Hand vor den Mund schlug, nachdem sie den Namen ihres verstorbenen Mannes ausgesprochen hatte. Walter. Walter Knapp. Sie hatte ihn vorher noch nie erwähnt. Wir hatten nicht einmal gewusst, dass die sauertöpfische Mildred einen Ehemann gehabt hatte. Es hinterließ auch bei Iris einen starken Eindruck.
«Man kann es sich aussuchen?», flüsterte sie.
«Manchmal», sagte Mildred. «Wenn man Glück hat.»
Letztendlich war Harriets Tod eine Erleichterung, aber Daddy brauchte lange, um darüber hinwegzukommen. Später erkannte ich, dass er sich schlecht fühlte, weil er nicht bei ihr gewesen war, um ihr den Schmerz des Gehens zu erleichtern. Das alles schoss mir durch den Kopf, als Iris sagte, Harriet sei nicht allein gewesen.