Peter Mathys SONNENBRAND
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Peter Mathys SONNENBRAND

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Tschechoff vertrat die Ansicht, die Ameisen könnten sehr wohl bösartig sein, und selbst wenn sie es nicht seien, verbiete und verunmögliche ihre große Zahl allein – fünftausend! – einen echten, sinnvollen Kontakt. Und wo, bitte, sollen die fünftausend untergebracht werden? Und was, wenn es ihnen hier so gut gefallen sollte, dass gleich fünfzigtausend die Reise nach Heimland antreten würden? Außerdem müsse zwingend die Troika, vielleicht sogar das Kontrollorgan von Terra informiert werden. Die Befugnis zu extraterrestrischen Kontakten stehe laut Verfassung einzig der Erdregierung zu.«

Marnie, der als gewöhnlicher Bürgerin kein Mitspracherecht und kein Stimm- und Wahlrecht zustand, bat ums Wort. Bernhard Tschechoff nickte.

»Die Bürgerin Marnie hat ausnahmsweise das Wort. Bitte sehr!«

Sie stand auf. »Danke, Herr Vorsitzender. Erlauben Sie mir vorweg eine Frage. Wie viele extraterrestrische Kontakte hat Terra bis heute gehabt?«

Tschechoff kratzte sich an seinem grauen Spitzbart. Endlich sagte er: »Zu meinen Lebzeiten keine. Aber es hat sich auch niemand dafür interessiert.«

»Und die Troika?«, fragte Marnie.

Sie blickte in die Runde. Alle schüttelten den Kopf.

»Eben, keine«, stellte sie fest. »Das aktuelle Kontrollorgan von Terra hat keine Erfahrung im Umgang mit Außerirdischen, die Troika erst recht nicht. Das heißt doch, dass wir den Kontakt mit den Ameisen selber gestalten können, zumindest, bis eine gültige Richtlinie vorliegt. Wir wissen auch, dass es sehr lange dauern kann, bis die Behörden in einer bestimmten Angelegenheit handeln. Wir hier sind näher am Problem und können schneller entscheiden.« Sie machte eine Pause. Dann: »Und damit ist noch keineswegs entschieden, wie wir schlussendlich mit den Besuchern aus dem Weltall verfahren.«

Bernhard Tschechoff nickte bedächtig. Als alle aufmerksam zu ihm blickten, holte er aus: »Ich danke der Bürgerin Marnie für ihre Analyse. Das tönt alles sehr überzeugend, und ich habe ihren Ausführungen nichts entgegenzusetzen. Aber das bedeutet nicht, dass wir unsere individuellen Ansichten völlig über Bord werfen. Wichtig ist, wie gesagt worden ist, dass wir hier schneller entscheiden können. Wir handeln nach unseren Überzeugungen, und zwar solange, bis die Regierung anders entscheidet.« Er blickte siegessicher in die Runde. »Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

Alle standen auf, schüttelten einander die Hände und verschwanden. Marnie blieb allein mit den drei toten Ameisen auf dem Tisch und dem Gefühl, absolut nichts erreicht zu haben. Draußen im Eingang wartete Roman auf sie.

»Gratuliere«, sagte er. »Das war ein großer Erfolg.«

»Was? Dass ich gleich weit bin wie vor einer halben Stunde?«

»Nein, dass er dir vor allen Teilnehmern das Wort erteilt hat. Ein Aufseher gibt sich normalerweise nicht mit gewöhnlichen Bürgern ab. Jetzt bist du in seinem Fokus. Bald steckst du in einem Spielleiterkurs.«

Marnie verwarf die Hände.

»Noch vor einer Stunde wünschte ich mir, die Ameise, alle Ameisen würden verschwinden und mich in Ruhe lassen.«

»Und jetzt?«, fragte Roman.

»Jetzt hat sich mir eine Chance aufgetan. Eine neue Welt. Eine fremde Welt, eine spannende Welt, die ich kennenlernen will. Jetzt muss ich zurück in meine Wohnung.«

»Darf ich mit?«

»Klar.«

Sie verließen das Spielleiterhaus und gingen durch die Spielallee zum nahe gelegenen Stadtpark. Die Birken hatten angefangen zu treiben und, wie versuchsweise, ihre grünen Knospen hinausgestreckt. Auf der großen Wiese in der Mitte des Parks waren regelmäßig Beete mit den verschiedensten Blumen angelegt worden. Marnie atmete die würzige Luft ein und entspannte sich langsam von der Anstrengung der unnützen Sitzung. Aber beim nächsten Beet blieb sie stehen und zog Roman am Ärmel: »Schau, was die Banditen getan haben.«

Auf der Hinterseite des Beetes, vom Weg aus fast nicht sichtbar, lagen sechs tote Ameisen, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Etwa fünfzig Meter weiter sahen sie die zwei Spielleiter, die sich in der Sitzung mit Tschechoff solidarisiert hatten, mit ihren Schlagstöcken auf lebendige Ameisen einschlagen.

»Wir müssen sie aufhalten, Roman!«, rief Marnie aufgeregt. »Das sind intelligente Wesen. Was die Burschen ihnen antun, ist reiner Mord.«

»Du hast recht, Marnie«, bestätigte Roman, »aber wir sollten es bleiben lassen. Das Leben hat für sie einen anderen Stellenwert als für uns. Und wenn wir uns jetzt einmischen, starten wir einen Privatkrieg mit Tschechoff, der uns von unserem Ziel abhält.«

»Was ist unser Ziel?«

»Die Ameisen besser kennenlernen. Erfahren, was ihre Absichten sind. Abklären, ob und wie wir ihnen helfen können.« Roman hatte sich richtiggehend warmgeredet; er fasste Marnie am Arm und setzte hinzu: »Wenn wir uns mit ihnen abgeben, am besten diskret, können wir viel mehr bewirken, als wenn wir uns mit Tschechoff und seinen Spießgesellen anlegen.«

Marnie war stehen geblieben. Sie schaute an Roman vorbei, über den Park hinweg in unbestimmte Fernen. Endlich sagte sie:

»Einverstanden, Roman. Du bist vernünftiger als ich. Danke für deine Hilfe. Lass uns gehen.«

Sie fanden die Ameise reglos in einer Ecke des Spielzimmers. Marnie fragte: »Ist der Hund des Nachbarn gekommen?«

»Nein«, sandte die Ameise einen Gedankenstrahl zu Marnie und Roman. »Ich erhole mich von meinen Schmerzen.«

»Wie geht das?«, erkundigte sich Roman. »Ich meine – es ist niemand hier, ein Ameisenarzt oder so.«

»Ich bin eine Arbeitsameise wie alle von uns, die bis jetzt hier gelandet sind. Wir verfügen über eine starke Selbstheilungskraft. Wir können defekte Körperteile bis zu einem gewissen Grad selber ersetzen.«

Roman schüttelte den Kopf. »Daran muss ich mich gewöhnen. Dass in meinem Kopf ganze Gespräche geführt werden.«

»Du wirst dich daran gewöhnen«, versicherte ihm Marnie. Dann wandte sie sich an die Ameise. »Du hast mir vor ein paar Stunden gesagt, dass euer Planet ebenfalls sterben werde. Wie viel Zeit bleibt euch, bis dieses Unglück eintritt?«

»Schwer zu sagen«, erwiderte die Ameise. »Es können fünfzig oder fünfzigtausend eurer Jahre sein. Alles ist möglich. Ihr seid offensichtlich nicht mit den zeitlichen Dimensionen des Universums vertraut.«

Marnie ging nicht auf die letzte Bemerkung ein. Sie fragte: »Wieso braucht ihr heute ein ›Plätzchen‹ für fünftausend Ameisen?«

»Wir müssen rechtzeitig unser Hauptquartier planen, eben weil wir nicht wissen, wann unser Planet sterben wird.«

Jetzt erschrak Marnie. Hauptquartier! Eine fremde Besatzungsmacht! Vielleicht hatte Tschechoff doch recht gehabt. Unseren Planeten mit einer fremden Rasse teilen. Mit diesen Ameisen! Bei aller Sympathie, das würde zu weit gehen. Dann schalt sie sich einen Feigling. Eine unbekannte Rasse kennenlernen, neues Wissen miteinander teilen! Und sie wurde schon schwach, bevor sie wusste, ob es etwas zu teilen gab.

Roman reagierte schnell und schaltete die Spielwand ein. Er befahl: »Zeige uns den Planet der Ameisen – wenn du kannst.«

»Sie nennen ihre Sonne Beta Centauri, fünfhundertdreißig Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt. Das System hatte drei Planeten. Zwei davon sind vor knapp einer Million Jahren explodiert, Grund unbekannt. Der dritte Planet ist die Heimat der Kadaren, so nennen sich die Ameisen untereinander. Ich garantiere nicht für die Richtigkeit dieser Informationen. Ich ziehe sie nur aus ihren Gehirnen.«

Die Ameise hockte immer noch in der Ecke des Spielzimmers am Boden und ließ als einzige Regung ihre Antennen am Kopf rotieren. Ihr hinteres und ihr vorderes Körperteil waren oval und schimmerten dunkelbraun, das mittlere war hell und beinahe durchsichtig. An jedem Teil ihres Körpers war ein Paar lange, dünne Beine angebracht – wie Streichhölzer mit Gelenken, dachte Marnie. Sie studierte den Körper des Rieseninsekts, der nicht die geringste Gefühlsregung zu erkennen gab. Ich weiß nicht, was sie ist, was sie denkt, ist sie am Ende ein Er, oder gar ein Neutrum?

»Jetzt den Planeten«, forderte Roman.

»Nein, ich bin weder ein Er noch ein Neutrum«, mischte sich die Ameise ein. »Ich bin weiblich.«

Der Bildschirm wechselte die Ansicht und zeigte ihnen zuerst den dritten Planeten und fokussierte dann auf einen großen Platz. Man sah grau schimmernde Gebäude, von hinten umrahmt von einer lang gezogenen Bergkette. Auf dem freien Bereich des Platzes bewegten sich kugelförmige Gebilde vorwärts, hielten an, öffneten eine Art Einstiegsluken. Marnie und Roman sahen vier Ameisen aussteigen. Sie standen zunächst reglos, dann hoben sie ab und flogen davon, einem unbekannten Ziel entgegen. Nach ihnen stiegen drei Ameisen ein, die Luke schloss sich, und die Kugel stieg senkrecht in die Höhe. Nach einigen Sekunden beschleunigte sie massiv und war nach einer halben Minute im All verschwunden.

»Unsere Raumschiffe«, signalisierte die Ameise. »Es gibt verschiedene Typen: Die Kleinsten haben Platz für fünf Kadari, die Größten bis zu fünfzig.«

Roman sagte leise, fast ehrfürchtig: »Die haben tatsächlich die Raumfahrt entwickelt, und zwar die interstellare. Wir, Terra, haben es bis zum Mond und zum Mars geschafft; das habe ich im Spielleiterkurs gelernt. Später sind einige Raumschiffe zu ferneren Sonnensystemen aufgebrochen, gingen aber im All verloren. Und dann hat Terra das Interesse verloren.«

Marnie sandte einen Gedanken zu ihrer Ameise. »Mit eurer Hilfe werden wir die Raumfahrt wiederbeleben.«

Die Ameise erwiderte: »Und wir hoffen auf das Plätzchen für ein paar Tausend Kadari. So haben beide Seiten etwas, das für die andere Seite von Interesse ist.«

4.

»Über diesen Tauschhandel muss noch geredet werden«, bemerkte Roman knapp.

Die Ameise krabbelte langsam aus ihrer Ecke hervor. Marnie sah sofort, dass ein Stück des Eichenparketts in der Größe eines Geldbeutels angeknabbert war. Außerdem befanden sich gleich daneben drei Tropfen einer dunkelbraunen Flüssigkeit.

»Von dir?«, fragte Marnie überflüssigerweise.

»Ja. Wir brauchen sehr wenig und können uns von fast allem ernähren.«

Marnie schmunzelte, aber ihre Botschaft an die Ameise war eindeutig. »Du musst jetzt meine Wohnung verlassen. Geh in den Garten auf der Rückseite des Hauses; dort gibt es genug Büsche und Blattpflanzen, wo du dich verkriechen kannst. Außerdem wirst du dort jede Menge deiner kleinen Artgenossen antreffen.«

Die Ameise sandte folgende Gedanken zurück: »Kein Problem. Und ich warte gerne auf Romans Erklärungen zu seiner Idee für unser Hauptquartier.«

Roman schüttelte wieder den Kopf. Seine schwarze Mähne hing ihm wirr über die Stirne. Er erklärte: »Das geht nicht so schnell, mit dem Erklären nicht und mit dem Gewöhnen auch nicht. Und dass Marnies Hausameise meine Ideen kennt, bevor ich sie ausspreche, irritiert mich sehr.«

Marnie öffnete die Türe zum Garten. »Da, bitte«, sagte sie. »Hast du eigentlich einen Namen, sodass man dich von den anderen Ameisen unterscheiden kann?«

»Nein. Wir verständigen uns taktil durch Berührung unserer Fühler, durch Körperbewegungen, olfaktorisch durch gewisse Ausscheidungen und manchmal akustisch durch sehr leise Geräusche. Diese Ausdrucksformen genügen, um uns gegenseitig auszutauschen.«

»Aber uns nicht«, widersprach Marnie.

»Das macht nichts. Wir wissen gegenseitig stets alles voneinander. Jede andere von uns könnte jederzeit unser Gespräch hier fortsetzen. Deshalb spielt es keine Rolle, wen ihr vor euch habt.«

»Ich bin verblüfft. Darüber muss ich nachdenken«, erwiderte Marnie.

»Es vereinfacht die Kommunikation. Wir brauchen keine Namen.« Sie senkte ihre Fühler in einer Art Abschiedsgruß und beinelte zielstrebig durch die offene Türe ins Freie.

Als sie allein waren, bemerkte Marnie: »Es nimmt mich wunder, wie weit ihre Gedankenübertragung funktioniert.«

»Keine Ahnung«, gestand Roman. »Ich glaube, wir müssen davon ausgehen, dass wir total transparent sind – und dass es keine Diskretion mehr gibt.«

Marnie ließ sich in ein Sofa fallen. Ihr junges Gesicht zeigte Spuren der Erschöpfung, dunkle Flecken unter den Augen und zwei tiefe Runzeln von der Nase zu den Mundwinkeln. Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und sagte:

»Ich habe genug für einen Tag. Zu viel Neues, zu viel Unangenehmes, zu viel Stress. Aber sag mir, was ist das für eine Idee, die unser Hausgast vor mir erfahren hat?«

Roman schmunzelte. Voll Begeisterung erklärte er: »Ich habe, während du mit der Ameise geplaudert hast, einen Wohngleiter bestellt. Er bringt uns zu einer alten Militäranlage, die seit über hundert Jahren nicht mehr benutzt wird. Die Anlage ist etwa sechzig Kilometer von unserer Innenstadt entfernt, wahrscheinlich von allen vergessen und in einem schäbigen Zustand, mit anderen Worten genau das, was unsere interstellaren Freunde suchen.«

»Tönt interessant. Lass uns hinfahren.«

Unterdessen spiegelte der Himmel den Beginn der Abenddämmerung. Bis es ganz dunkel wurde, blieben ihnen noch anderthalb Stunden. Die weißen Wölkchen glichen immer mehr den Plüschtierchen, an denen sich kleine Kinder und Haushunde erfreuten, die mächtigen Wolken mit ihren rotorangen Rändern glichen strengen, mit großen Pinseln hingeworfenen Kunstwerken. Auf die Frage der Behörde, einer Untergruppe der Troika, nach dem Zweck der Fahrt, verriet Roman vieldeutig: »Fahrt zu zweit in die Umgebung, um den Abendfrieden zu genießen.« Das wurde ohne Weiteres akzeptiert.

Die Militäranlage hieß schlicht Kaserne, obwohl sie mangels Soldaten und Offizieren leer stand. Rechts von der Einfahrt erhob sich ein hässlicher, fünfstöckiger Turm aus Zementsteinen, einem Material, das seit ewigen Zeiten nicht mehr verwendet wurde. Roman erklärte Marnie, der Turm habe als Gefängnis gedient, deshalb die kleinen Fenster. An den Turm anschließend standen dreistöckige Mannschaftsunterkünfte aus denselben Zementsteinen, Konferenzsäle, am fernen Ende eine große Küche samt allen Pfannen und Geräten, alles mit einem schmierigen Film überzogen.

Marnie und Roman waren ausgestiegen und schritten über den Innenhof, der wohl auch als Exerzierplatz gedient haben mochte. Neben einer Türe stand ein altes Geländefahrzeug mit einem durchlöcherten Faltdach, aber weit und breit war kein Mensch zu sehen. Etwa dreißig Meter weiter sahen sie eine Reihe von zehn Fahrrädern, alle in schöner Disziplin parallel geparkt, den Lenker mit dem Vorderrad einheitlich nach rechts gedreht und alle alt und verrostet. Ganz hinten, neben der Küche entdeckten sie schmutzige Pferdeställe, ebenfalls leer und vereinsamt.

Einmal fragte Marnie: »Woher kennst du diese Anlage?«

»Spielwand«, lachte Roman. »Die hat nicht nur viele Tausend Bücher, sondern ist auch mit dem Internet und unseren Uhren verbunden. Aber das weißt du.«

»Können wir auch hineingehen?«

»Natürlich. Es ist einfach alles ein wenig schmutziger als hier draußen.«

»Das macht nichts«, sagte Marnie. »Diese Anlage ist geradezu ideal für die Kadari. Auf den schmutzigen Böden gibt es kleine Insekten, Würmer, Larven, Raupen, was du willst.«

Roman nickte, aber in seinem Gesicht standen Zweifel geschrieben. »Ich bin gleicher Meinung, aber wenn die Troika davon Kenntnis erlangt, wird sie die Anlage sofort beschlagnahmen und wichtige Pläne vorlegen, die dringend realisiert werden müssen. Die wollen hier keine Ameisen.«

»Da müssen wir uns etwas einfallen lassen.« Sie musterte Roman mit einem bittenden Blick. »Du hast doch immer gute Ideen.«

»Themawechsel«, erklärte Roman. »Schau da, vor uns. Etwa fünf Meter.«

Sie sah es sofort: Zwei Ameisen marschierten direkt auf sie zu.

»Seid gegrüßt, Marnie und Roman«, sagte die eine. Die andere sagte nichts.

»Seid auch gegrüßt, Ameisen«, erwiderte Marnie.

»Normalerweise verzichten wir auf solche Förmlichkeiten und kommen gleich zur Sache«, erklärte die Sprecherin.

»Woher wisst ihr, dass wir hier sind?«

»Ich habe in Roman gelesen, da war alles schön gespeichert.«

Marnie wurde sich plötzlich bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, wie ihr Abenteuer mit den Ameisen weitergehen sollte. War es ihre Aufgabe, die Behörden zu kontaktieren? Hatte die Gruppe um Aufseher Tschechoff bereits Maßnahmen eingeleitet, die ihren und Romans Vorstellungen zuwiderliefen? In der Innenstadt waren praktisch keine Ameisen mehr anzutreffen. Sie schienen verstanden zu haben, dass Zurückhaltung ihre beste Vorgehensweise war. Die Sprecherin der beiden Ameisen, die mental nur eine waren, bestätigte das.

»Wir haben uns überall zurückgezogen, wo Gefahr besteht, dass man uns entdeckt. Einige Beobachter haben wir in der Nähe von Tschechoff stationiert. So können wir seine Gedanken und die seiner Anhänger lesen. Sie wollen uns tatsächlich vernichten, wenn wir uns nicht von Terra zurückziehen. Aber im Augenblick sind sie ratlos, weil sie uns nirgends antreffen. Wir sind daran, eine Abwehrstrategie zu entwickeln. Wenn wir diese schöne Anlage tatsächlich zu unserem Stützpunkt machen, können wir es nicht beliebig geheim halten.«

Roman hatte bisher nur zugehört. Langsam gewöhnte er sich daran, dass die Gespräche mit den Ameisen lautlos nur auf dem Weg der Gedankenübertragung stattfanden.

Jetzt sagte er: »Den ersten Kontakt mit euch hatte Marnie heute am frühen Nachmittag. Seither ist viel geschehen, aber behördliche Anweisungen wurden noch keine erlassen. Da muss noch studiert, verhandelt, gestritten und beschlossen werden. Unterdessen können wir unsere Strategie entwickeln.«

»Und die wäre?«, fragte Marnie.

»Wir mobilisieren die Holos. Wir müssen eine positive Stimmung unter den einfachen Menschen erzeugen. Dann helfen sie uns, wenn wir sie brauchen.«

»Wie?«, erkundigte sich Marnie.

»Erstens: Die Ameisen sind freundlich und streben ein harmonisches Zusammenleben an. Zweitens: Sie brauchen Hilfe, weil ihrem Heimatplaneten wegen negativen galaktischen Strömungen der Untergang bevorsteht. Drittens: Sie haben Technologien entwickelt, die wir noch nicht kennen, und sie sind bereit, diese mit uns zu teilen. Stimmt das?«, wandte er sich an die beiden Ameisen.

»Ja. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Romans Strategie gefällt uns. Bis morgen sind wir auch voll handlungsfähig.«

»Was heißt das?«

»Wir müssen die Ankunft unserer Königin vorbereiten. Sie muss ihre Eier an einem sicheren Ort ablegen, dann kümmern wir uns um ihre Pflege bis zur Geburt unserer Jungen.«

Roman schüttelte den Kopf. »Kann eure Königin mit ihrer Fortpflanzung nicht noch zuwarten, bis wir wissen, ob meine Strategie Erfolg hat? Es wäre sonst schade um die vielen Eier.«

»Ja, das wäre es«, bestätigte die Ameise.

5.

Roman und Marnie fuhren mit dem Wohngleiter zurück. Die Dämmerung machte Fortschritte, der Himmel glühte golden, und im Gegenlicht erschienen ihnen die Häuser und die hohen Bäume wie schwarze Scherenschnitte. Roman verabschiedete sich, um mit einigen Spielleiterkollegen über die Ameisen zu reden. Marnie sah in einem Straßencafé ein paar Mitbewohner ihres Hauses. Die Stimmung war ausgelassen, das Thema waren die Ameisen. »Mir gefallen die großen viel besser als die kleinen, die nur beißen«, erklärte Bella, die Rothaarige. Jack, der Älteste der Runde, sagte: »Sie sind wie eine neue Art Haustiere, sauber und still. Komisch ist, wenn ich zu ihr spreche, egal was, bildet sich in meinem Kopf eine passende Antwort.«

Marnie gesellte sich zu ihnen, die anderen machten ihr Platz. »Hast du unsere neuen Haustiere schon kennengelernt?«, erkundigte sich Jack. »Sie sind eher scheu.«

»Ja, und ob!«, erwiderte Marnie. »Ich kann euch eine Geschichte erzählen, die ihr mir sofort nicht glauben werdet.«

»Ich liebe Märchen«, erklärte Bella.

»Schieß los, Märchentante«, lachte Jack.

Marnie begann damit, wie sich in ihrer Spielwand ein Loch auftat und eine große Ameise daraus herauskletterte. Sie erzählte, wie sich in kurzer Folge weitere Ameisen aus dem Loch zu Boden fallen ließen, wie zwei Spielleiter vier Ameisen brutal erschlugen und sie die fünfte rettete, indem sie wissenschaftliches Interesse geltend machte. Es folgte das Treffen im Spielleiterhaus; die Kontroverse mit dem Aufseher Tschechoff, die unversöhnliche Gegensätze zutage brachte. Sie besann sich auf ihre Abmachung mit Roman und sagte:

»Wenn ihr auf der Spielwand ›Herkunft der Ameisen‹ öffnet, seht ihr, dass sie von einem Sonnensystem kommen, das Beta Centauri heißt und ursprünglich von drei Planeten umkreist wurde. Ich sage ›wurde‹, weil die beiden inneren Planeten von einer kosmischen Katastrophe zerstört wurden und ihrem Heimatplaneten dasselbe Schicksal droht.«

»Wie sind sie zu uns gelangt?«, wollte Jack wissen.

»Sie beherrschen die Raumfahrt. Die Entfernung von ihrem System zu uns beträgt fünfhundertdreißig Lichtjahre. Technisch sind sie generell viel weiter als wir. Sie kommunizieren untereinander durch Gedankenübertragung, mit uns auch. Das ist eines der Wunder der Natur. Ein intelligentes Lebewesen braucht nicht die Gestalt eines Menschen, um intellektuelle Höchstleistungen zu erbringen.«

»Was wollen sie von uns?«, fragte Bella und neigte sich nach vorne, um jedes Wort von Marnie zu verstehen. »Sie sind so niedliche Kerlchen.«

»Sie brauchen Hilfe«, sagte Marnie. Sie erläuterte jetzt das Konzept, das beiden Seiten als machbar erschien. Die Ameisen brauchten einen Platz für bis zu fünftausend ihrer Artgenossen, um ihr zukünftiges Hauptquartier zu errichten. Im Gegenzug würden die Ameisen ihre technischen Errungenschaften mit Terra teilen. Marnie erzählte von der verlassenen Kaserne, die den Bedürfnissen der Ameisen geradezu ideal entspreche.

»Im Übrigen müssen wir das Projekt in die Hände unserer Regierung legen, und zwar so rasch als möglich. Die wird dafür sorgen, dass die besten Wissenschaftler darauf angesetzt werden. Unser Feind ist Aufseher Tschechoff. Wir müssen verhindern, dass er unser Projekt zerstört, indem er solange Ameisen tötet, bis diese kein Interesse mehr haben und sich zurückziehen. Auch deshalb brauche ich Unterstützung von möglichst vielen Holos als Gegengewicht. Würdet ihr da mitmachen?«

Jack schmunzelte. »Spannende Abwechslung zu unserem Alltag. Ich bin dabei.«

»Ich auch«, rief Bella voller Begeisterung.

»Und ich ebenfalls«, schloss sich Stefanie an.

Marnie holte tief Atem. »Dann sprecht bitte mit euren Freunden und Wohngenossen, damit wir eine möglichst starke Truppe zusammenkriegen.« Sie machte eine Pause, dann: »Und noch etwas. Es gibt keine Geheimhaltung. Ihr wisst, dass wir Tag und Nacht überwacht werden. Aber bis jetzt haben wir nichts Unerlaubtes getan. Jemandem Hilfe zu leisten, ist positiv.«

Wie als Quittung vernahm Marnie einen Klingelton von ihrer Uhr. Ein Kontrollblick zeigte einen Kurztext: »Einen roten Punkt für Mitwirkung bei einer unerlaubten Gruppenbildung. Einen zweiten roten Punkt für die Leitung einer unerlaubten Gruppe und die Anstiftung weiterer Personen zur Teilnahme.«

Marnie lachte entspannt. »Bei den Ameisen wissen alle alles über alle. Nur Strafpunkte gibt es nicht. Davon sind wir nicht mehr sehr weit entfernt. Und wir haben Straf- und Pluspunkte.«

Noch während sie sprach, klingelten die Uhren der anderen und zeigten jedem einen roten Punkt für die Teilnahme an einer unbewilligten Gruppe an.

»So, das hätten wir«, frotzelte Bella.

»Wir treffen uns morgen um sieben Uhr bei der Kaserne. Sagt es weiter.«

6.

Am nächsten Morgen stand Marnie um halb sechs Uhr auf. Von einem Wohngleiter ließ sie sich zur alten Militäranlage bringen. Was sie dort sah, raubte ihr fast den Atem. In der Mitte des Kasernenplatzes ragte ein mächtiger Haufen zum Himmel, zehn, vielleicht auch zwölf Meter hoch. Marnie ging näher heran und sah, es war ein riesiger Ameisenhaufen, auf dem Hunderte von Ameisen herumkletterten, ein Stück Holz oder einen Zweig hinauftrugen; andere krabbelten ohne Last wieder nach unten, um ein nächstes Bauteil zu holen. Auf dem Platz hatten sich Ameisenstraßen gebildet, auf denen die Ameisen ständig vom Kasernenhauptgebäude zum Ameisenhaufen weitere Teile anschleppten. Einmal sah Marnie, wie eine Gruppe von acht Ameisen versuchte, ein hölzernes Fensterkreuz nach oben zu bugsieren. Kurz danach entfernte sich eine Ameise von ihrer Ameisenstraße und trippelte zu Marnie.

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