Peter Mathys SONNENBRAND
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Peter Mathys SONNENBRAND

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Der Voraustrupp muss rasch umdenken. Seine Speerspitze, die vorderste Milliarde Viren, ist verschwunden. Der Voraustrupp meldet dazu: »Wir haben keine Bewegung festgestellt, sie sind einfach in einem Mikroklick von einer hunderttausendstel Sekunde verschwunden.«

Der Schwarm, dessen Angehörige alles hören, was gesprochen wird, antwortet: »Zweite Speerspitze hinschicken. Gleiche Größe, gleiche Formation.«

Der Voraustrupp trifft die erforderlichen Anordnungen, aber die zweite Speerspitze verschwindet trotzdem, ebenso wie die erste. Der Schwarm nimmt alles zur Kenntnis. Dann folgt ein Befehl von bedeutender Tragweite.

Schwarm: »Verschiebung nach Titan abbrechen. Über mögliche Ursachen nachdenken. Dann entscheiden.«

Ohne weitere Abklärung schwirren die Viren des Schwarms zwischen Jupiter und den Asteroiden hin und her. Bei der Suche nach Ursachen des merkwürdigen Verschwindens zweier Speerspitzen des Voraustrupps kommt nichts Brauchbares zutage. Sie haben mitten im Weltall keine unerwartete Nahrungsquelle gefunden. Der Sonne Sol sind sie nicht nahe genug gekommen, um sich zu verbrennen. Ebenso wenig hat sie ein Wurmloch verschluckt. Nachdem die Abklärungen nichts erbringen, greift der Schwarm nach einem sehr selten gebrauchten Mittel: Zehn Viren, sie werden hier Pfadfinder genannt, werden allein zum Saturnmond Titan geschickt, um wenn möglich die Informationen zu finden, welche dem ganzen Schwarm vorenthalten geblieben sind. Zehn Viren sind so unendlich klein, dass sie niemandem auffallen. Ohne Elektronenmikroskop sind sie schlicht nicht zu erkennen; deshalb können sie bedenkenlos rekognoszieren, was bei Titan und seinem Umfeld los ist!

»Wir müssen etwas unternehmen«, bestätigt Emil Wetter.

Degenhart: »Ja, aber was schwebt dir vor?«

Wetter, fantasielos: »Das ist die Frage.«

Oskar Bauer: »Ich komme zurück auf Wolfgangs Kommentar zu meinem Traum. Ich will euch nicht schon wieder nerven, aber in meinem Kopf rumort es ständig.«

»Bis jetzt nervst du nicht«, grinst Degenhart. »Schildere dein Rumoren.«

»Eine Stimme, sie spricht nicht, sie ist einfach vorhanden, will mir befehlen.«

Wolfgang: »Was befehlen?«

»Luft. In meinem Traum ist mir die Luft knapp geworden. Die Stimme erscheint wieder. Ich soll die Luft untersuchen.«

Jetzt fangen die drei, Telefon in der Hand, unwillkürlich an zu schnuppern. Sie wollen wissen, ob mit der Atemluft etwas nicht in Ordnung ist.

»Ich spüre nichts«, erklärt Bauer.

Wetter: »Ich auch nicht.«

Degenhart sagt: »Klar spüren wir so nichts. Aber die Frau in Oskars Traum hat vielleicht etwas gespürt. Bloß, das ist wieder reine Spekulation. Man weiß auch nicht, ob die Traumfrau ein natürliches Ebenbild hat oder je gehabt hat. Und ich bin nicht sicher, ob wir unsere Regierungen wegen eines Traums in Aufruhr versetzen dürfen.«

»Nein, bitte nicht!« Oskars Stimme steigert sich ins Falsett. »Ich würde mich unmöglich machen. Ich werde nicht mehr träumen.«

Die drei Ärzte kommen nicht weiter. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als abzuwarten, was die Forschung der Pharma- und Chemiefirmen erbringt. Sie sind frustriert, weil sie die Heilung ihrer Patienten nicht beschleunigen können. Auch der wundersame Krankheitsverlauf von Anita Berger, den Oskar Bauer seinen Kollegen ausführlich geschildert hat, bringt nichts. Wieder zurück in seinem Arbeitszimmer, grübelt Wolfgang Degenhart über der Frage, warum sich Atemnot so prominent in Bauers Gehirn als Albtraum eingenistet hat. Ob sie überhaupt mit den n-Viren in Verbindung steht? Immerhin ist Atemnot eines der wichtigsten Symptome vieler am n-Virus erkrankten Patienten. Oder kaut Kollege Bauer in wachen Stunden an einem ganz anderen, unbewältigten Problem herum? Nein, das führt bloß noch mehr in die Irre. Und Bauer ist europaweit eine Kapazität seines Fachs. Aber angenommen, sein Traum ist die Vorstufe einer Erkrankung. Angenommen, der Traum will ihn warnen. Woher kommt er? Warum sollte Bauer gewarnt werden? Warum nicht Kollege Emil Wetter?

Die Viren fliegen durch den Weltraum, aber sie erkennen seine Schönheit nicht. Sie kennen auch kein Gefühl. Der Weltraum interessiert sie nicht. Jegliche Anteilnahme am Geschick ihrer Kollegen ist ihnen fremd. Insofern sind sie keine Lebewesen sondern eher Sachen. Aber sie haben so etwas wie Freude empfunden, als sie den Planeten Erde und seinen fast unerschöpflichen Reichtum an zweckmäßiger Nahrung entdeckt haben. Und sie kommunizieren miteinander!

Nachdem der Voraustrupp zwei Speerspitzen verloren hat, ruft ihn der Schwarm mit Ausnahme der Pfadfinder in seine Reihen zurück. Auf der Höhe von Jupiter ist er wieder komplett. Der Voraustrupp meldet, dass einige einsame Viren, etwa fünfundzwanzigtausend, seine Flugbahn gekreuzt haben. Ob sie von den Speerspitzen bei deren Verschwinden verloren gegangen oder abgesprungen sind, lässt sich nicht eruieren. Die einzelnen Viren sind sich zu ähnlich, und eine Kontaktaufnahme hat nicht stattgefunden; der Schwarm will sich so lange wie möglich bedeckt halten.

Dies gilt nicht für die Pfadfinder. Ihr Ziel ist Titan, ihre Aufgabe abklären, was mit dem Voraustrupp und den Speerspitzen geschehen ist. Aber auf dem Landeanflug zu Titan geraten sie an einen unbekannten Virenschwarm, etwa von der Größe dreier Voraustrupps. Die Pfadfinder sind zu klein und werden nicht entdeckt. Es gelingt ihnen, sich diesem Schwarm anzuschließen und mitzufliegen. Jetzt unterscheiden sie sich in nichts mehr von den Viren im unbekannten Schwarm, und der Flug geht eindeutig in Richtung Mars. Dass dies ein Fehler war, entdecken sie zu spät. Kontakt aufnehmen geht nicht, sie würden sofort als Fremdlinge erkannt und vernichtet. Was ihnen bleibt, ist zuhören, was im Schwarm gesprochen wird. Und da vernehmen sie, dass die Anderen Titan ebenfalls entdeckt haben, und dass sie vorhaben, den großen Schwarm, dem auch die Pfadfinder angehören, anzugreifen und zu vernichten und so die Nahrungsquelle von Titan für sich zu sichern.

Die Pfadfinder schaffen es, sich vom fremden Schwarm zu entfernen und zu ihrem Schwarm zurückzukehren. Dieser nimmt die Information zur Kenntnis.

Schwarm fragt: »Wie groß sind sie?«

Schwarm antwortet: »Was wir gesehen haben, war etwa dreimal so groß wie unser Voraustrupp.«

Schwarm: »Zwei gleich große Abteilungen bilden. Wenn sie uns angreifen, können wir sie umklammern. Ziel: vernichten.«

Für die Ausführung dieses Befehls braucht der Schwarm siebenundzwanzig Sekunden. Die Pfadfinder stellen überdies fest, dass der feindliche Schwarm massiv gewachsen ist. Die Zahl seiner Viren entspricht nun beinahe derjenigen des anderen Schwarms. Es zeichnet sich ab, dass die beiden Schwärme einander irgendwo zwischen Mars und den nächsten Asteroiden gegenüberstehen werden. Stehen bedeutet hier schwirren. In der Weltraumnacht sind die Schwärme von bloßem Auge klarerweise nicht zu erkennen. Würde man jedoch die Finsternis mit raumtauglichen Scheinwerfern aufhellen, so wäre die Anwesenheit der Viren in Form von winzigen Lichtspritzern erkennbar. Die Viren lösen das Problem auf einfachere Art: Die Natur hat sie mit einem ultrafeinen Geruchssinn ausgestattet, der nur von anderen Artgenossen wahrgenommen werden kann.

Bald ist es so weit. Die beiden Schwärme riechen sich und schwirren aufeinander zu. Die vordersten Einheiten verhaken sich und verschwinden mit einem Geräusch, das an einen Staubsauger erinnert. Beim Kampf der Schwärme geht es darum, dass einer von ihnen eine möglichst große Gruppe des Gegners einschlürft und vernichtet, bevor dieser ebenfalls in Aktion tritt. Das Kampfgeschehen ist ausgeglichen; einmal liegt der erdnahe Schwarm vorne, dann der titannahe. Nach kurzer Zeit ist mehr als die Hälfte der Viren vernichtet. Der Kampf tobt weiter, lautlos und unsichtbar. Er entwickelt sich zu einem kleinen Drama ohne Publikum und ohne Siegerehrung, wie es im All immer wieder vorkommt. Hier haben sich unterdessen die erdnahen Viren einen satten Vorsprung erkämpft, und das nahe Ende der Auseinandersetzung zeichnet sich immer deutlicher ab. Nach einem weiteren Austausch ist der Kampf entschieden. Der Rest des unterlegenen Schwarms, etwa zehn Prozent der ursprünglichen Größe, zieht sich zurück, über Saturn hinaus ins All auf der Suche nach einer neuen Nahrungsquelle. Der Sieger, reduziert auf die Hälfte seines ursprünglichen Bestandes, ruft alle Viren zurück, die auf Nahrungssuche oder mit einem anderen Spezialauftrag unterwegs sind. Dann erkundet er Titan und findet in dessen lebendigen Eisfladen einen brauchbaren Ersatz für die Menschen der Erde, an denen sie sich einige Jahre lang gütlich getan haben.

Die Ärzte Bauer, Degenhart und Wetter haben ihren Schlussbericht abgeliefert. Jetzt treffen sie sich informell in Bern im Hotel Schweizerhof zu einem Abschiedstrunk. Gleich gegenüber steht das eidgenössische Bundeshaus. Ein milder Frühsommer vergoldet das ehrwürdige Gemäuer. Wolfgang Degenhart zündet eine Zigarette an. Er hustet, dann sagt er:

»Meine Patienten erholen sich, und seit Tagen kommen keine Neuinfizierten dazu.«

Emil Wetter: »Bei mir sieht’s ähnlich aus. Heute Vormittag noch drei Neuinfektionen. Ältere Leute, alle drei. Dafür aber sechs, die wir als geheilt entlassen konnten.« Er macht eine Pause und nimmt einen kräftigen Schluck. »Köstlich, dieser Barolo«, erklärt er kennerhaft.

Degenhart nickt zu beidem und sagt: »Viele epidemisch verlaufende Krankheiten erschöpfen sich von selber. Sterben aus, sozusagen. Und bei dir, Oskar. Gehen dir auch die Patienten aus?«

»Ja«, bestätigt Bauer. »Aber viel interessanter … ja … heute traue ich mich eher, darüber zu reden.«

»Na, komm schon«, drängt Kollege Wetter. »Mach’s nicht spannend.«

»Er hat wieder geträumt«, vermutet Degenhart. »Stimmt’s?«

»Ja. Wieder die Frau von meinem ersten Traum.«

»Und? Hat sie diesmal mit dir gesprochen?«

»Nein.« Bauer blickt die Kollegen traurig an. »Sie hat furchtbar ausgesehen. Wie meine Patientin Berger, voll von diesen hässlichen Pusteln.«

»Alle schön dunkelrot«, sagt Emil Wetter, einfach so. Das interessiert ihn nicht mehr.

»Viel schlimmer«, widerspricht Bauer. »Graugrün.«

Ameisen

Spiel 2

1.

Originale waren in Heimland Menschen, die durch normale Fortpflanzung gezeugt und geboren wurden. Hologramme – kurz Holos – waren Menschen, die durch Energieumwandlung als Kopien von Originalen geschaffen wurden. Die Originale besaßen die beschränkte Fähigkeit, aktiv durch Gedankenübertragung zu kommunizieren, die Holos nicht. Ein Original hatte einen Bauchnabel, ein Holo nicht. Den Holos blieb die Fortpflanzung versagt, den Originalen nicht.

Heimland war ein geografisch, politisch und rechtlich genau definierter, autonomer Bereich der übergeordneten Hauptwelt Terra. Was diese Hauptwelt war, was es damit auf sich hatte, wussten in Heimland die Wenigsten. Es gab noch andere Bereiche, zum Beispiel Fremdland im Osten und Wasserland im Westen. Männer und Frauen, die weit gereist waren, erwähnten immer wieder auch Sonnenland im Süden, das ständig warm und während mehrerer Monate richtig heiß war.

Spielen war die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung von Heimland. In jedem Haus und jeder Wohnung gab es ein Spielzimmer und eine Spielwand. Zu arbeiten brauchte niemand. Natürlich waren bestimmte Arbeiten für den Alltag oder die Bequemlichkeit der Menschen unerlässlich. Dafür sorgten riesige Anlagen und Einrichtungen, die, im nördlichsten Zipfel des Landes, wo Eisbären und Eskimos einander Gute Nacht sagten, angesiedelt waren. Ihre Funktionsweise trug den sachlich-bescheidenen Namen künstliche Intelligenz. Menschen waren nicht mehr nötig.

Jeder Mensch trug eine Uhr mit einer Drehkugel in der Mitte. Damit ließ sich jede Aktivität kontrollieren. Die Uhr war hinter dem linken Handgelenk unter die Haut einoperiert. Je nachdem, wie ein Mensch sein Leben gestaltete, schrieb ihm die Uhr Punkte gut. Zwei grüne Punkte neutralisierten einen roten. Wer trotzdem hundert Rotpunkte erreichte, wurde aus dem Spiel genommen.

Was dann mit ihm geschah, blieb ein ungelöstes Rätsel.

2.

Die hier aufgezeichneten Ereignisse fanden im Frühjahr 2621 statt. Heimland wurde von einer Troika regiert, die aus zwei Originalen und einem Holo bestand. Sie erließ Erlasse, setzte Gesetze und sorgte dafür, dass diese von den dafür ernannten Aufsehern angewendet und durchgesetzt wurden. Dafür ernannten die Aufseher Spielleiter. Diese verkehrten mit dem einfachen Volk, erläuterten die Anordnungen der Aufseher und halfen bei allem, das mit dem Spiel zusammenhing. Jedermann, egal, ob Single, Paar oder Familie, wurde eine gediegene Wohnung oder ein großzügiges Haus fertig eingerichtet zugeteilt.

Über der Troika thronte, so sagte man, eine Art Kontrollorgan, das in Angelegenheiten von höchster Bedeutung eingriff. Dazu gehörten etwa eine Kriegserklärung, die Abschaffung des freien Spiels für alle, die Wiedereinführung der Raumfahrt oder die Abschaffung der Überwachung sämtlicher Bürgerinnen und Bürger.

Aber das interessierte im Einzelnen niemanden.

Marnie war vor einer Woche von Wasserland zugewandert. Sie war ein Original. Jemand hatte ihr gesagt, dass Heimland harmonisch organisiert und technisch am weitesten fortgeschritten sei. Sie saß in ihrem Spielzimmer und durchsuchte das Sachverzeichnis des Bildschirms. Da, auf einmal, während sie blätterte, tat sich im Schirm ein Spalt auf. Er öffnete sich, wurde größer, bis sich ein schwarzbraunes, glänzendes Gebilde von der Größe eines Tennisballs hindurchzwängte. Marnie erschrak, dann überwand sie sich und schaute näher hin. Das Gebilde war ein Kopf, hatte zwei schwarze Augen, einen Mund und auf beiden Seiten je eine Antenne – eine Riesenameise. Der Kopf war jetzt vollständig im Freien, und zwei dünne Beinchen drängten von hinten nach. Marnie machte zwei Schritte rückwärts und klickte auf ihrer Uhr auf ›Spielleiter‹. Das große Insekt machte ihr Angst; sie beherrschte sich, um nicht zu schreien.

Innerhalb weniger als einer Minute erschien ein Spielleiter. Er hieß Roman. Unterdessen hatte sich die Ameise bereits ganz durch ihr Loch gezwängt und auf den Boden fallen lassen. Sie ließ ihre Fühler pausenlos rotieren und krabbelte voran, langsam, als wisse sie nicht recht weiter. Der Spielleiter sagte:

»Faszinierend! Sie erkundet ihre nähere Umgebung.«

Das Insekt maß rund sechzig Zentimeter. Der Kopf beanspruchte ein knappes Drittel der Körperlänge, der Mund war breit und ließ seine scharfen Kiefer laufend auf- und zuklappen.

Marnie schnaubte: »Ich will nicht wissen, was sie tut, sondern was du zu unternehmen gedenkst.«

Roman machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Sie scheint harmlos zu sein. Wir sperren sie ein und beobachten sie eine Zeit lang.« Er betätigte seine Uhr und erklärte: »Ich habe noch zwei Kollegen aufgeboten. Sie werden mir helfen, das Tierlein unbeschädigt unterzubringen.«

Plötzlich stieß Marnie einen spitzen Schrei aus. »Dort, sie überfallen uns!« Sie zeigte auf die Spielwand. Aus dem Loch, das die erste Ameise gemacht hatte, kroch eben eine zweite, ließ sich auf den Boden fallen und machte Platz für eine weitere. Die beiden zusätzlichen Spielleiter erschienen, und unterdessen wuselten bereits vier der Insekten über den leeren Platz, und ein fünftes kletterte aus dem Loch in der Wand.

Eine Ameise schnupperte an Marnies Füssen, sie schrie »Verschwinde!« und kickte das Rieseninsekt mit einem Fußtritt weg. Die Spielleiter hatten sich inzwischen mit Schlagstöcken bewaffnet. Roman rief: »Das ist ja eine Invasion!« Seine Kollegen zogen ihre Schlagstöcke den Ameisen über ihre mittleren Körperglieder; sie zuckten kurz, kippten zur Seite und blieben am Boden liegen. Innert Sekunden waren lagen vier der Insekten reglos am Boden, eines zappelte noch ein wenig.

Marnie versuchte etwas anderes. Sie hielt ihre Uhr an den Mund und befahl: »Loch verschließen und keine Ameisen mehr durchlassen.«

Sie heftete ihren Blick auf das Loch, das wie aus dem Nichts entstanden war. Die drei Spielleiter schauten staunend zu, wie es kleiner wurde; seine Ränder sich kräuselten, sich zusammenzogen und schließlich wieder ganz verschwanden. Ihre Uhr informierte Marnie: »Instruktion ausgeführt. Weitere Ameisen wurden in der Innenstadt nahe dem Spielleiterhaus gesichtet. Sie benehmen sich bis jetzt anständig. Ich beobachte weiter.«

Roman sagte: »Ich schicke einen Putztrupp vorbei.« Damit zogen sich die drei Spielleiter zurück.

Jetzt wollte Marnie mit einer Mitbewohnerin ihres Hauses am westlichen Stadtrand über ihre Uhr Kontakt aufnehmen, aber ein fremder Gedanke, stärker, mischte sich ein.

»Hört auf uns umzubringen. Ihr könnt so viele von uns töten, wie ihr wollt, es spielt keine Rolle. Wir können jederzeit zehn, oder hundert, oder tausend oder zehntausend zu euch schicken. Und wir sind zum Sterben geboren, ob früher oder später ist egal.«

Marnie fragte: »Ihr seid Gedankenleser. Was wollt ihr von uns?«

Die Antwort bildete sich als klarer Gedanke in ihrem Kopf: »Wir suchen ein Plätzchen, um ein Heim für etwa fünftausend von uns zu errichten.«

Fünftausend Ameisen, entsetzte sich Marnie. Dieser Größe. Die können alles zerstören. Und wenn fünfzigtausend kommen? Die breiten sich überall aus, in unseren Häusern, auf den Straßen, krabbeln zwischen unseren Füßen herum, erschrecken unsere Kinder. Marnie sandte einen Blick zu den fünf Opfern der Spielleiter.

»Wo kommt ihr her?«, dachte sie so deutlich, wie sie es vermochte. Das fünfte Insekt zuckte immer noch. Eine Nuance Mitleid schwang trotz allem in ihren Gedanken mit.

»Von sehr weit.«

Ihre Gedanken zeigten Marnie jetzt ein Stück Sternenhimmel, wie sie es von vielen Abendspaziergängen gewohnt war. Dann verengte sich ihr Blickwinkel auf einige wenige Sterne, dann auf einen einzigen. Schließlich sah sie drei Himmelskörper, die den Stern in unterschiedlichen Abständen umkreisten. »Planeten«, flüsterte die fremde Stimme in ihrem Kopf. Nun vergrößerte sich das Bild und rückte den innersten der drei Planeten in den Fokus. Nach einigen Sekunden explodierte er und verschwand als kleiner werdender Feuerball in den Weiten des Alls. Kurz danach explodierte auch der zweite Planet. Der dritte kam näher und blieb. »Unser Planet«, flüsterte die Stimme. »Er wird auch sterben.« Marnie sah große Wasserflächen, Gebirgszüge, Wälder, endlose grüne Wiesen, Flüsse. Das nächste Bild zeigte ein Flussbett, das sich, eingerahmt durch grüne Hügel, durch ein breites Tal schlängelte. Parallel zum Fluss zog sich ein graues Band. Marnie dachte sofort, es müsse sich um eine Straße handeln.

»Ja«, flüsterte die Stimme.

Auf der Straße und den Hügeln krabbelten endlose Ströme von Ameisen, Kolonnen und Einzelgänger teils gemeinsam, teils einer anderen Gruppe entgegen. Daneben gab es eine Art halbkugelförmiger Fahrzeuge aus hartem Material, die sich rechts auf einem Unterstreifen der Straße ebenfalls fortbewegten. Manchmal hielten sie an, dann stiegen eine Ameise aus und eine andere ein, und das runde Vehikel setzte seine Fahrt fort. Verblüfft stellte Marnie fest, dass sehr viele Ameisen auch flogen. Sie sah, wie eine von ihnen die Flügel entfaltete, dann mit großer Geschwindigkeit flatterte und am Ende mit einem kraftvollen Senkrechtstart davonschwirrte.

Marnie setzte sich auf ein Sofa im Hintergrund des Spielzimmers. Romans Putztrupp, tonnenförmige Roboter mit Greifarmen und geräuschlosen Rädern, erschien und packte die toten Insekten in graue Säcke, die alsdann in der Abfalltonne verschwanden. Bei der noch lebenden Ameise winkte Marnie ›Halt‹ und sagte: »Lasst die hier. Ich brauche sie noch zu wissenschaftlichen Zwecken.«

Als sie mit der Ameise allein war, fragte sie mit einem Gedankenstrahl: »Warum zeigst du mir das alles? Ich will nicht zu deinem Planeten reisen. Ich will überhaupt nichts. Ich möchte eigentlich, dass ihr alle wieder verschwindet, dorthin, wo ihr hergekommen seid.«

Die Ameise drehte sich langsam zu Marnie und blickte sie aus ihren schwarzen Knopfaugen an. »Das wird nicht so einfach. Und du willst etwas von mir. Sonst hättest du zugelassen, dass ich ebenfalls entsorgt werde. Ich habe dir absichtlich gezeigt, wie wir leben. Du hast gesehen, dass wir von einer entwickelten Welt kommen. Wir haben eine Technik entwickelt, die der euren überlegen ist und die andererseits in eurer vierdimensionalen Welt gar nicht verstanden und beschrieben werden kann. Nimm als Beispiel die Gedankenübertragung. Du benutzt sie, wenn ich dabei bin. Bist du allein mit einem anderen Menschen, dann stehen dir nur deine kümmerlichen fünf Sinne zur Verfügung, aber die wunderschönen Verfahren der Zeitdilatation oder der Krümmung der Weltraumkonstanten sind euch nicht nur fremd, sondern ihr könnt sie nicht einmal denken.«

3.

Marnie war vierundzwanzig Jahre alt. Um ihr Aussehen kümmerte sie sich nicht, außer es gab einen wichtigen Grund, von diesem Grundsatz abzuweichen. Das geschah höchstens zweimal im Jahr, und dann bestand ihr Make-up aus einer Gesichtswäsche mit Seife und einer kurzen Behandlung ihrer Haare mit einem Kamm. Aber da ihre Figur schlank war und ihre Gesichtshaut sich zart anfühlte, war sie in jeder Gesellschaft, gleich welchen Alters, gerne gesehen. Und da sie in Wasserland freiwillig Meeresbiologie und genetische Biologie studiert hatte, begegnete man ihr stets auch überall mit Respekt.

Der Gedankenaustausch mit der Ameise hatte sie viel Energie gekostet. Sie ging in ihr Ankleidezimmer, um sich auf ihre Art für den Ausgang herzurichten. Die Ameise lag reglos in einer Ecke des Spielzimmers. Die Spielwand meldete sich und fragte Marnie:

»Du gehst aus. Was soll inzwischen mit deiner Ameise geschehen? Entsorgen?«

»Das ist nicht meine Ameise, bloß weil ich ihr das Leben gerettet habe«, antwortete Marnie verärgert. »Aber sie kann bleiben. Sie hat mir interessante Informationen geliefert.«

Die Wand ging über diese Bemerkung hinweg und fragte weiter: »Was soll geschehen, wenn der Hund deines Nachbarn hier auftaucht?«

Jetzt lachte Marnie.

»Erstens versetzt du ihm einen elektronischen Fußtritt. Zweitens wird, wenn es zu einem Zweikampf der beiden kommen sollte, die Ameise den Sieg davontragen.«

Marnie suchte in der Innenstadt sofort das Spielleiterhaus auf und fragte nach Roman. Im Inneren des Gebäudes herrschte große Aufregung. Das Wartezimmer war voll von Bürgern, in deren Häuser und Gärten eine, manchmal mehrere Ameisen eingedrungen waren. Alle verlangten, dass sofort etwas geschehe. Was genau zu geschehen hatte, vermochte niemand zu sagen. Die Türe zum großen Sitzungszimmer war geschlossen; ein klobiger Roboter hielt davor Wache. Er ließ sie erst eintreten, als sie ihm ihren Personalausweis dort hinhielt, wo sie seinen Augenersatz vermutete. Drinnen sah sie Roman und drei weitere Spielleiter und einen Aufseher. Auf dem Tisch lagen drei tote Ameisen. Roman stellte Marnie seinen Kollegen und dem Aufseher vor und unterstrich, dass ihr das Verdienst zukomme, die ersten fünf Ameisen in ihrem Haus erlegt zu haben.

Der Aufseher, Bernhard Tschechoff, forderte alle zum Sitzen auf und unterstrich, jetzt gelte es, das weitere Vorgehen zu besprechen. Heimland habe noch nie vor einer derartigen Herausforderung gestanden, gute Ideen seien nun gefragt.

Einer der Spielleiter, Joe Bennett, hob die Hand. Oh doch! In den vergangenen hundert Jahren sei das Land immer wieder von Heuschreckenplagen heimgesucht worden.

Tschechoff winkte ab. »Kinderkram«, rief er aus. »Die waren immer lokal, und in der kalten Jahreszeit verschwanden sie. Diese Ameisen aber, die haben das Zeug, die ganze Welt zu erobern!«

Das Gespräch schwappte in Ausbrüchen von Überzeugungskraft hin und her. Bald standen sich zwei Gruppen mit völlig verschiedenen Auffassungen gegenüber. Die eine Gruppe, bestehend aus Tschechoff und zwei Spielleitern, vertrat einen Kurs, wonach sämtliche Ameisen rücksichtslos zu vernichten seien, die andere mit Roman und den zwei übrigen Spielleitern, wollte auf Begegnung und Dialog setzen mit der Begründung, der Kontakt mit den Ameisen sei für die Menschheit eine einmalige Gelegenheit, eine andere, außerirdische Intelligenz kennenzulernen. Daraus ließe sich mit Sicherheit großer Gewinn für beide Seiten erzielen, zumal die Ameisen offensichtlich nicht bösartig seien.

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