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Peter Mathys Die Steuersünder
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Als er sich zum Weggehen bereitmachte, läutete das Telefon. Es war zehn vor sieben. Für einen geschäftlichen Anruf war es zu spät, und seine paar Freunde und Bekannten riefen ihn – wenn überhaupt – zu Hause an. Er hob ab.
«Ja», sagte er, leicht ungeduldig.
Eine Frauenstimme sprach. «Herr Dr. Kellenberger?»
«Ja, wer spricht?»
«Sind Sie allein? Können Sie sprechen?»
«Ja.» Jetzt wurde er neugierig.
«Mein Name ist Sylvia Matter», sagte die Frauenstimme. «Kann es sein, dass Sie meinen Mann kennen, Herbert Matter?»
«Allerdings!», entfuhr es Kellenberger. Dann fiel ihm ein, dass auch sie zu Matters Opfern zu zählen war. Freundlicher fuhr er fort: «Was veranlasst Sie, mich anzurufen?»
«Ich möchte nicht am Telefon weiterreden. Wann kann ich Sie allein sprechen?»
«Geben Sie mir wenigstens ein Stichwort.»
«Vaduz.»
«Ich bin heute Abend frei. Wenn Sie mich in meinem Büro besuchen wollen, können wir ungestört reden.»
«In zwanzig Minuten bin ich bei Ihnen.»
8
Michael Kellenberger führte seine Besucherin in sein kleines Konferenzzimmer. Sylvia Matter trug einen grünen Hosenanzug. Ihr Haar war braun gefärbt mit einem Stich ins Rötliche, kurz geschnitten und straff nach hinten gekämmt. Darunter traten starke Backenknochen hervor, und trotz eines sorgfältigen Makeups waren bei beiden Augen Krähenfüsse sichtbar, und tiefe Falten zogen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinab. Die grauen Augen blickten streng, und das breite Gesicht wirkte gehetzt und müde. Der Anwalt schätzte sie auf Mitte vierzig.
Sie saß kerzengerade auf der Kante ihres Stuhls, die Unterarme auf den Tisch gestützt, und suchte nach einem Anfang. Sie sagte: «Danke, dass Sie mich so kurzfristig empfangen.»
Kellenberger lächelte schwach. «Das fiel mir leicht, als ich Ihren Namen und Ihr Stichwort hörte.»
«Sie haben meinen Mann bei einer Bank in Vaduz eingeführt und ihn bei einer geschäftlichen Angelegenheit beraten. Das stimmt doch?»
Der Anwalt schüttelte den Kopf. «Ja und nein. Ja, ich habe Herrn Matter bei der Universal Bank eingeführt; und nein, ich habe ihn nicht als Mandanten beraten. Wäre er mein Klient, wäre unser Gespräch bereits beendet. Warum kommen Sie zu mir, Frau Matter?»
Die Frau gab sich einen Ruck. «Mein Mann hat mich vor ein paar Tagen Hals über Kopf verlassen. Dabei vergaß er einen Umschlag mit Papieren der Bank aus Vaduz. Neben einem Brief der Direktion – darin werden Sie erwähnt – lagen drei Gutschriftanzeigen über fast vier Millionen Franken im Umschlag. Wir haben nicht so viel Geld, Herr Dr. Kellenberger. Ich möchte wissen, was los ist. Ich hatte gehofft, dass Sie mir dabei helfen. Unsere Ersparnisse betragen etwas über hunderttausend Franken. Und wir haben einen vierzehnjährigen Sohn, dem ich nicht erklären kann, weshalb sein Vater verschwunden ist. Das ist das Schlimmste an der ganzen Geschichte.»
«Steht auf den Belegen, woher die Zahlungen kommen?», fragte Kellenberger, weil ihm nichts anderes einfiel.
«Ja. Von einem Dr. Hubert Huber und einem Paul Regenass, beide aus Basel, ich habe sie im Telefonverzeichnis gefunden, und einer Plus-Minus AG.»
«Hm.»
Wie auf Knopfdruck spulte Kellenbergers Erinnerung den Film seiner Begegnungen mit Herbert Matter ab: die beiden Gespräche im Büro bei der Steuerverwaltung am Fischmarkt, die kurze Sitzung hier im selben Konferenzzimmer, in dem jetzt seine Frau nach Antworten suchte. Dann der Schock, dass seine Assistentin mit Matter gemeinsame Sache machte. Er fragte:
«Wissen Sie, warum Ihr Mann Sie verlassen hat? Eine andere Frau?»
Sylvia Matter schluckte. «Er hat gesagt, er halte es nicht mehr aus, er brauche endlich seine Freiheit. Ob eine Frau im Spiel ist? Ich weiß es nicht. Aber man kann es wohl nicht ausschließen, nach zwanzig Ehejahren, nicht wahr?»
«Nein, das kann man nicht.»
Der Anwalt versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er war froh, dass Matters Frau zuerst zu ihm gekommen war. Die Namen Regenass und Huber sagten ihm nichts. Aber offensichtlich waren sie ebenfalls erpresst worden. Wenn Sylvia Matter sie aufsuchte, flogen die Gaunereien ihres Mannes höchstwahrscheinlich auf. Es war unverkennbar, dass sie vor den großen Geldbeträgen Angst hatte.
Wenn sie Anzeige erstattete, ließen sich auch die Steuerhinterziehungen – er nahm an, dass Huber und Regenass sich in derselben Lage befanden wie er – nicht mehr geheim halten. Er begriff, dass seine Besucherin mit äußerster Sorgfalt zu behandeln war.
«Darf ich fragen, woher Sie meinen Mann kennen?», wollte sie wissen.
Kellenberger nickte. «Er ist für die Bearbeitung meiner Steuererklärungen zuständig.» Die Höflichkeit der Frau stand in krassem Gegensatz zur forschen Aufdringlichkeit ihres Mannes.
«Und wie kommt es, dass Sie ihn bei einer Bank in Vaduz einführten?»
«Er hat mich darum gebeten.»
«Um was geht es bei seinen Geschäften?» Die Frau zögerte, dann setzte sie leise hinzu: «Ich kann nicht glauben, dass alles mit rechten Dingen zugeht.»
«Ich verstehe Sie.»
Der Anwalt stand auf und trat zum Fenster. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt und ließ den Fluss noch goldbraun und teilweise bereits dunkelgrau schimmern. Einige Lichter vom gegenüberliegenden Ufer spiegelten sich darin; es sah aus wie ein kleines Sternenmeer. Er dachte an seine Jugend, wie alles noch harmlos war, wie er als Student mit einem Buch an der Böschung des Flusses gelegen hatte, Vorlesungen, Zukunft und alles andere vergessend. Das Buch hieß «Die Weisheit des lächelnden Lebens» von Lin Yutang, einem chinesischen Philosophen. Das schönste Kapitel handelte vom Genuss guten Essens. Der Autor beklagte die Unsitte westlicher Männer, ihren Bauch mit einem Gurt einzuschnüren, wo doch die lose hängenden Gewänder der Chinesen der Entfaltung der Leibesfülle viel mehr Spielraum boten.
Kellenberger verscheuchte die Reminiszenz an eine entschwundene Zeit und wandte sich wieder seiner Besucherin zu. «Ich weiß teilweise, was geschehen ist», fuhr er fort, vorsichtig bemüht, nichts Unwahres auszusprechen. Dann drehte er sich um und erklärte, noch immer am Fenstersims lehnend:
«Es ist gut, dass Sie mich aufgesucht haben, Frau Matter. Ihre Vermutung ist leider berechtigt: Ihr Mann hat sich Gesetzwidrigkeiten zuschulden kommen lassen. Ich kenne allerdings noch nicht alle Einzelheiten. Ich schlage deshalb vor, dass wir ein weiteres Gespräch führen, sobald ich mehr weiß. Wichtig ist, dass Diskretion gewahrt bleibt. Wenn am falschen Ort geredet wird, droht verschiedenen Personen großes Ungemach, insbesondere auch den Herren Huber und Regenass. Ich bitte Sie deshalb, mit ihnen nicht in Kontakt zu treten. Jeder Schritt, der jetzt unternommen wird, kann falsch sein.»
Sylvia Matter hörte Kellenbergers Enthüllungen mit unbewegtem Gesicht zu, nur in ihren Augen flackerten Unruhe und eine Spur von Angst.
«Herbert wollte immer hoch hinaus», sagte sie schließlich. «Er war nicht zufrieden, mit sich nicht, mit seiner Arbeit nicht, und offenbar mit mir auch nicht. Dabei hatte er alle Aussicht, zum Abteilungsleiter befördert zu werden. Konrad Nägeli – das ist sein direkter Vorgesetzter – war ja bereits als Nachfolger des Amtsvorstehers vorgeschlagen. – Ach, das ist alles so unglaublich. Und so traurig. Wie geht es jetzt weiter?»
«Ich weiß es nicht», sagte der Anwalt. «Noch nicht.»
«Wann sollen wir uns wieder treffen?»
«Morgen Abend um dieselbe Zeit. Wissen Sie, wo Ihr Mann sich jetzt aufhält?»
«In einem kleinen Hotel. Er hat es mir gesagt. Wir sind übereingekommen, nach einiger Zeit zu überprüfen, ob die Trennung wirklich unabwendbar ist.»
In ihrer Stimme schwang plötzlich Hoffnung mit, ihr Gesicht hellte sich auf. Aber Kellenberger dachte an Tanja Goldstein; er bezweifelte, dass Matter je zu einer Versöhnung Hand bieten würde. Er musterte seine Besucherin, und insgeheim bewunderte er die Würde, mit der sie die Trümmer ihrer Ehe zu ordnen versuchte. Seine Exfrau Helen hatte ihn seinerzeit kurzerhand hinausgeworfen, als sie von seinem kurzen – und wie er heute noch glaubte: harmlosen – Techtelmechtel während ihrer Schwangerschaft erfuhr. Jetzt aber quälte ihn vor allem die Frage, wie viele Informationen er Sylvia Matter offenlegen durfte. War sie zuverlässig? Wie würde sie auf die Steuerhinterziehungen reagieren, die ihr Mann so rücksichtslos ausgenützt hatte? Was, wenn sie von Tanja erfuhr? Ob Huber und Regenass ebenfalls nach London zitiert worden waren? Ob er es riskieren durfte, mit ihnen in Verbindung zu treten?

Kellenberger folgte eher einem Impuls als einer rationalen Überlegung, als er in sein Arbeitszimmer zurückging. Er fand die Telefonnummern von Huber und Regenass auf Anhieb. Er entschied sich, mit dem Arzt zu beginnen. Aus dem Verzeichnis ging hervor, dass sich Praxis und Wohnräume im selben Haus befanden. Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen.
«Ja?» Die Stimme klang hart und ungehalten.
«Spreche ich mit Dr. Hubert Huber?»
«Ja. Und wer sind Sie?»
«Ein Bekannter von Herbert Matter. Sagt Ihnen dieser Name etwas?»
«Und ob, verdammt noch mal! Was wollen Sie? Ich habe nichts mehr.»
«Keine Sorge, ich will nichts von Ihnen», sagte der Anwalt. «Ich fürchte, wir befinden uns in derselben Lage, was Matter angeht. Haben Sie auch eine Einladung nach London erhalten?»
«In der Tat, auf nächsten Samstag.» Die Stimme des Arztes tönte weniger gereizt. «Aber ich würde jetzt schon gerne wissen, mit wem ich spreche.»
«Klar.» Kellenberger stellte sich vor und schloss: «Sie verstehen, dass man sich nicht leichthin jemandem als Steuersünder, der erpresst wird, zu erkennen gibt.»
Jetzt lachte der Arzt. «Allerdings. Und wie sind Sie eigentlich auf mich gestoßen?»
«Durch eine Nachlässigkeit von Matter. Purer Zufall. Es gibt noch ein drittes Opfer. Ich habe vor, ihn ebenfalls zu kontaktieren. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ihm von Ihnen erzähle?»
«Nein, aber bitte zunächst ohne Namensnennung, so wie Sie unser Gespräch angefangen haben. Und dann sollten wir uns vermutlich treffen, um abzuklären, ob wir gemeinsam etwas gegen diesen Strolch unternehmen können.»
«Einverstanden», erklärte Kellenberger. «Ich rufe nochmals an, sobald ich mit dem anderen Herrn geredet habe.»
Das Gespräch mit Paul Regenass verlief ebenso reibungslos. Man kam überein, sich am Donnerstagabend um sieben Uhr im Büro des Anwalts zu treffen. Zufrieden räumte Michael seine Akten weg. Er freute sich auf sein Abendessen im «Goldenen Sternen».
Sein Stammplatz war noch frei. Die Oberkellnerin Lucie, eine zierliche Elsässerin mit einem hellen Kinderstimmchen, brachte ihm die Karte. Er entschied sich für eine Kalbsconsommé, danach Riesenkrevetten mit Reis und grünem Blattsalat, dann bat er um eine Zeitung. Matter und seine Gaunereien waren in den Hintergrund gerückt; allein schon die Kontaktaufnahme mit seinen beiden Leidensgenossen linderte den Druck, der seit Tagen auf seiner Seele lag.
«Möchten Sie einen Schluck Wein zum Essen?», fragte Lucie, während sie die Zeitung auf den Tisch legte.
«Gerne, was schlagen Sie vor?»
«Wir haben einen weißen Villa Antinori, der ausgezeichnet zu den Krevetten passt.»
«Also, dann bringen Sie mir einen Dreier.»

Am Dienstagabend hatte Matter seine Zweizimmerwohnung eingerichtet. Die wenigen gebrauchten Möbel waren schnell hingestellt, die paar Lampen aus dem Einkaufszentrum rasch aufgehängt. Freude bereitete ihm eine Biedermeierkommode, die er in einem Antiquariat gefunden hatte. Er platzierte sie prominent im Eingang, die Wand darüber dekorierte er mit einem alten Ölgemälde mit einer englischen Jagdszene aus demselben Antiquariat. Tanja half ihm und beschrieb dabei ihr Kündigungsgespräch mit Kellenberger. Ob dieser wohl etwas ahne von ihrer Verbindung, wollte Matter wissen. Es sei schwer zu glauben, dass er genau jetzt seine Berufstätigkeit einschränke, wo er einen massiven Mittelabfluss hinzunehmen hatte. Dazu lachte er sein grelles Lachen; es klang wie das Bellen eines Foxterriers. Tanja hatte nur die Achseln gezuckt, es war ihr egal.
«Ich bin jetzt ganz dir ausgeliefert», hatte sie erklärt. «Die Ära Kellenberger ist für mich abgeschlossen.»
«Nicht ausgeliefert», hatte Matter protestiert. «Nicht ausgeliefert, mein Häslein. Aber wir sind jetzt auf einander angewiesen, verstehst du? Das ist ein Unterschied.»
«Ja.»
Dann hatte er ihr über die Gründung der Alpaka-Stiftung berichtet und dass sie beide dem Stiftungsrat angehören sollten. Wegen lästiger Formalitäten konnte das Vermögen nicht mehr vor der Reise nach Neuseeland auf die Stiftung übertragen werden. Tanja bereitete zwei Tassen Kaffee und trug sie ins kleine Wohnzimmer. Sie trat ans Fenster mit Blick auf eine stark befahrene Kreuzung. Ihre eigene Wohnung hatte Aussicht ins Grüne, in der Ferne sah man den Waldrand, und es gab keinen Verkehrslärm. Dort war es schön, und sie konnte sich entspannen. Sie versuchte sich Neuseeland vorzustellen und Herbert auf einer Farm, wie er sich mit Tieren beschäftigte, von denen er nichts verstand. Sie zweifelte, ob dieser Nachteil mit Geld allein wettzumachen war. Oder ob Matter nicht doch einfach Fluchtgedanken hegte und sein Ziel nicht weit genug entfernt sein konnte. Zuletzt kam es ihr unwahrscheinlich vor, dass er sich innert nützlicher Frist von seiner Frau scheiden lassen und sie heiraten würde. Und wenn er sie fallen ließ – was für eine Zukunft stand ihr bevor mit fünfunddreißig Jahren? Eine neue Stelle als Sekretärin in einem langweiligen Büro mit jüngeren Kolleginnen, denen das Leben mit allen Verrücktheiten noch offen stand. Was für Männer würden sich noch für sie interessieren? Über Fünfzigjährige mit viel perverseren Wünschen als Matter, der bloß seinen sexuellen Nachholbedarf bei ihr auslebte. Schließlich ging ihr durch den Kopf, dass sie nach wie vor eine Vollmacht über sein Konto in Vaduz besaß.
9
Der Mittwoch brachte Herbert Matter neues Ungemach. Er verbrachte den Vormittag mit der Erledigung von Routineaufgaben, der Veranlagung einiger kleiner Handwerker und dem Studium zweier Einsprachen gegen frühere Veranlagungen. Hoffnungslose Zeitverschwendung, die Einsprecher hatten nicht die geringste Chance, mit ihren Einwendungen durchzudringen. Den Nachmittag widmete er dem Kunststück, für die Akten darzulegen, dass die Steuererklärungen der Herren Kellenberger und Huber nach erneuter Überprüfung korrekt waren. In zwei Notizen zeigte er auf, dass sich dem Rechtsanwalt nichts Unkorrektes nachweisen lasse, insbesondere keine nicht deklarierte Zahlung aus Vaduz, und dass sich das ominöse Schreiben der Ehefrau Huber vom 7. März auch in den Akten der anderen Abteilungen nicht auffinden lasse. Entweder existierte es nicht, oder es war unauffindbar verloren gegangen oder es lag in der Akte eines gänzlich anderen Huber, mit dem Matter nichts zu tun hatte.
Wesentlich mehr Mühe bereitete ihm sein Opfer Regenass. Nachdem der Abteilungsleiter, Konrad Nägeli, die Akten eingesehen hatte, ließ sich nichts mehr wegargumentieren. Paul Regenass musste eine Nach- und Strafsteuerrechnung hingepfeffert werden. Als einzige Milderung kam in Frage, ihm geringeres Verschulden zuzubilligen. Damit ließ sich die Nach- und Strafsteuer auf unter 500 000 Franken reduzieren. Aber wie Regenass darauf reagieren würde, war nicht abzusehen. Der Internetfachmann würde mit Sicherheit toben und hochgehen wie ein Vulkan, vielleicht eine Strafanzeige wegen Erpressung einreichen. Dagegen nahm sich das Gegenargument der Beamtenbestechung reichlich mager aus. Und wenn Konrad Nägeli gar auf die Idee kommen sollte, die Doktoren Kellenberger und Huber zu ihren Steuererklärungen zu befragen, würde Matters sauberes Konstrukt platzen wie eine Seifenblase.
Langsam dämmerte dem Beamten, dass er sich ein unlösbares Problem aufgehalst hatte. Selbst eine Rückzahlung des Darlehens würde keine Sicherheit gewähren; Regenass konnte es sich dann erst recht leisten, ihn zu denunzieren. Der einzige Ausweg bestand darin, in London mit Regenass zu reden, ihm Argumente für eine Beschwerde gegen die zu erwartende Steuerrechnung zu liefern und ihm klarzumachen, dass auch ihm strafrechtliche Konsequenzen drohten, falls ihr Darlehensgeschäft bekannt würde.
Damit ließ sich bestenfalls ein wenig Zeit gewinnen; Zeit allerdings, die Herbert Matter ausreichte, um sich auf Nimmerwiedersehen nach Neuseeland abzusetzen. Mit diesem kleinen Trost versehen, begann er wie die übrigen Beamten kurz vor fünf Uhr sein Pult aufzuräumen.
Am Donnerstag stand der Gang zum Amtsvorsteher auf dem Programm, dem er das Urlaubsgesuch wegen des Brustkrebses seiner Schwester in Miami unterbreiten würde. Dass es bewilligt würde, stand außer Zweifel. Am Freitag stand sein Arbeitsplatz bereits den Putzfrauen zur Verfügung, von unterwegs würde er seine Kündigung einreichen, und am Samstag fing das Leben mit Tanja an. Sein Blick fiel auf das gerahmte Bild seiner Frau Sylvia; er hatte vergessen, es zu entfernen. Entschlossen packte er die Fotografie und verstaute sie in der untersten Schublade seines Pultes. Jetzt war nichts Persönliches mehr in seinem Büro; man konnte ihm getrost für immer den Rücken kehren.

Am folgenden Abend informierte Kellenberger Sylvia Matter über weitere Einzelheiten. Sie trug diesmal ein kleines Schmuckstück um den Hals, ein Goldkettchen mit einem zitronengelben Edelstein. Ihr Gesicht war noch sorgfältiger hergerichtet als am Vortag. Sie hörte aufmerksam zu, als er ihr eröffnete, dass ihr Mann einige Steuersünder erpresst hatte, um sich selber zu bereichern. Also hätten seine Opfer ebenfalls ungesetzlich gehandelt, stellte sie schließlich nüchtern fest. Das sei so, bestätigte der Anwalt, und deshalb sollte sowohl über die Verfehlungen ihres Mannes als auch über diejenigen seiner Opfer Stillschweigen bewahrt werden. Über Tanja Goldsteins Stellung zu reden brachte er nicht fertig. Welche Untat denn nun schwerer zu gewichten sei, wollte Sylvia weiter wissen. Eindeutig die Erpressung, die Strafe dafür sei Zuchthaus, während Steuerhinterziehung lediglich mit einer Strafsteuer, also einer Art von Busse, geahndet werde. Ob das für sie denn so wichtig sei, schloss Kellenberger seine Ausführungen mit einer Frage.
«Nicht wirklich», erwiderte Sylvia Matter. Sie verstummte und fuhr erst nach längerem Schweigen fort. «Wissen Sie, als Frau fühlt man sich ganz klein und schäbig, wenn einem der Mann davonläuft. Man kommt sich unnütz vor, wie weggeworfen. Man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Nicht, was er falsch gemacht hat. Ich habe Fehler begangen, sonst wäre er ja nicht ausgezogen. Dann kommt die Gegenreaktion. Er ist ein Schuft, ein elender. Zwanzig Jahre lang besorgt man ihm den Haushalt, erzieht den Sohn, weil der Papa keine Zeit hat, legt ihm die Hände unter die Füße. Man liebt ihn, selbst wenn er ungehalten ist und unfreundlich, selbst nachts, wenn er schnarcht wie ein Sägewerk. Und das soll es dann gewesen sein, das ganze Leben! Was danach kommt, interessiert niemanden. Und dann vernimmt man noch, dass er ein Verbrecher ist! Umbringen sollte man ihn, den Mistkerl, in die Hölle sollte er fahren!»
Sie schlug die Hände vors Gesicht. Ihr Mund öffnete sich, als wolle sie noch etwas sagen, aber sie schwieg. Kellenberger befürchtete, sie werde gleich in Tränen ausbrechen. Er fragte:
«Kam das alles aus heiterem Himmel? Gab es keine Abkühlung in Ihrer Beziehung? Haben Sie nichts geahnt von seiner Unzufriedenheit?»
Sylvia Matter schüttelte den Kopf. «Wahrscheinlich war ich zu gutgläubig. Oder zu ahnungslos. Ich habe mich der Routine des Alltags hingegeben, ohne zu merken, dass das nicht genügt. Wäre ich wachsam gewesen, hätte ich die Zeichen rechtzeitig erkannt.»
Der Anwalt antwortete nichts. Er wechselte das Thema.
«Ich habe Ihnen noch nicht alles berichtet, Frau Matter.»
«Oh – gibt es noch weitere Hiobsbotschaften?»
«Ihr Mann hat seine Opfer auf kommenden Samstag nach London zitiert. Wahrscheinlich geht es um eine neue Teufelei.»
Sylvia schüttelte den Kopf. «Ich verstehe nichts mehr. Warum nach London? Sicher ins Old Hampshire Hotel.»
Jetzt staunte Kellenberger. «Ja, genau. Sitzungszimmer Leonardo. Aber wie kommen Sie auf dieses Hotel?»
«Er war vor drei Wochen in London an der Abdankung eines Schulfreundes. Wenigstens hat er mir das erzählt. Da wohnte er auch im ‹Old Hampshire›.» Nach kurzem Zögern fuhr sie fort: «Ich durfte nicht mit, weil es zu teuer war.»
Sie schwieg, und ihr Schweigen senkte sich übers Konferenzzimmer wie eine schwere Decke. Als die Stille fast greifbar wurde, räusperte sich der Anwalt und sagte: «Sie machen eine schwierige Zeit durch. Ich bewundere Ihren Mut. Aber ich hoffe auch, dass Sie Diskretion bewahren werden. Im Gegenzug sichere ich Ihnen zu, Sie über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden zu halten, soweit ich dazu in der Lage bin.»
Er wunderte sich, dass sie nicht wissen wollte, ob er selber auch zu den Opfern zähle und ob er auch nach London reise. Dann, nach einer Pause, sagte er unvermittelt:
«Ihnen ist der Mann davongelaufen, Frau Matter. Mich hat meine Frau rausgeworfen. Ich habe eine Dummheit begangen, die ich seither bereue. Jetzt sind wir geschieden, und ich zahle für meine Dummheit.»
Sylvia Matter musterte ihn aufmerksam. Kellenberger erwiderte den Blick, er sah ihren goldenen Anhänger, ihre glitzernden Augen, ihr anliegendes weißes Kleid, aber er sah durch sie hindurch, ganz als habe er nur zu sich selber gesprochen. Sie fragte:
«Warum erzählen Sie mir das, Herr Kellenberger? Um dem einen Unglück ein zweites beizufügen?»
Er schüttelte den Kopf. «Nein, einfach so. Wir kennen uns wenig genug, dass wir uns nicht voreinander zu schämen brauchen. Ich dachte, es hilft Ihnen vielleicht, zu wissen, dass andere auch Unglück zu tragen haben.»
«Nein, das tut es nicht. Ich muss ja mein Unglück allein tragen.»

Als sie gegangen war, setzte sich Michael Kellenberger in sein Büro und legte die Füße auf den Schreibtisch. Er hatte kein Licht eingeschaltet. Ein Bündel Briefe flatterte auf den Boden. Er ließ sie liegen. Die Dämmerung legte sich langsam über den Fluss; die Silhouetten der Häuser auf der anderen Seite stachen spitz wie Scherenschnitte in den Himmel. Er begriff hinterher nicht, was ihn veranlasst hatte, dieser Frau, die er nicht kannte, seinen persönlichen Kummer anzuvertrauen. Aber sie imponierte ihm mit ihrer Gradlinigkeit. Und wenn er die Augen schloss, erschien ihm ihre gepflegte Figur, durchaus noch attraktiv, ihr rotbraunes Haar, das die Ohren zur Hälfte verdeckte, und ihr Blick – nicht leicht anzüglich wie der Tanjas –, sondern ehrlich und rührend zutraulich.
Aber da war noch Helen. Sie hatte sein drittes Kind in ihrem Leib getragen. Vor sechs Jahren. Während genau vier Monaten. Sie hatten gelacht wie die Kinder; er hatte ihr Hemd hochgestreift und ihren Bauch gestreichelt. Natürlich war noch nichts zu sehen. Sie hatten gespritzten Weißwein getrunken im Bett. Er hatte sie weiter gestreichelt, dann sie ihn, und am Ende hatten sie sich geliebt, fröhlich und unbeschwert, bei offenem Fenster, umschmeichelt von den Sonnenstrahlen eines warmen Sommerabends.
Bis sein Ausrutscher mit der Freundin einer Bekannten der Idylle ein Ende bereitete. Im Grunde war es nicht der Ausrutscher, der ihre Ehe unheilbar vergiftete, sondern sein spontanes Geständnis hinterher, als die Affäre nach nur zwei Wochen bereits verpufft war. Dabei hatte er sich eine Überlegungsfrist von einem Tag eingeräumt und sich beinahe aufgerieben ob der Frage, was richtig sei: Geständnis oder Stillschweigen.
Helen hatte hysterisch reagiert auf sein Bekenntnis einer männlichen Schwäche. Ihr Menschenbild ließ eine unbedachte, bedeutungslose Verirrung nicht zu. Ihre herausgeschrienen Vorwürfe klangen Michael in den Ohren wie am ersten Tag; ihre Flüche und Verwünschungen, dann ihre Tränen. Und zuletzt der Abort ihres Kindes als Folge ihrer psychischen Erschöpfung.
