Peter Mathys Die Steuersünder
Die Steuersünder
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Peter Mathys Die Steuersünder

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«Was ist geschehen, Herr Huber?», fragte Matter ungeduldig. Er hatte für das Osterwochenende im Tessin reserviert und freute sich auf einige intime Tage mit Tanja. Sie wollten in zwei Stunden abfahren.

«Nicht am Telefon.» Hubers Stimme tremolierte am Rande der Hysterie. «Ich muss Sie sehen.»

«Wenn es sein muss», erwiderte Matter. Er stellte sich das schmale Gesicht des Arztes vor und seine starren, fast unheimlichen grauen Augen. «Am Dienstagabend. Ich komme zu Ihnen in die Praxis.»

«Nein!» Huber schrie fast durchs Telefon. «Heute. Sofort.»

Matter erinnerte sich an den unerfreulichen Wortwechsel mit dem Arzt bei ihrem ersten Gespräch. Huber war am Durchdrehen und offenbar nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. «Also gut. Ich komme in einer Stunde. Beruhigen Sie sich.»

Statt einer Antwort vernahm Matter bloß ein Klicken in der Leitung. Es passte ihm nicht, dass Huber ihn im Amt angerufen hatte. Es bestand immer die Möglichkeit, dass jemand mithörte. Er ergriff die Finanzzeitung, die er über das lange Wochenende zu studieren gedachte, und verließ sein Büro.

Mit dem Lift fuhr er in die Tiefgarage zu den Parkplätzen, die für Beamte der Steuerverwaltung reserviert waren. Jahrelang hatte er darum gekämpft, bis man ihm einen Platz zugestand. Sein Opel Astra stand unscheinbar zwischen dem bmw-Coupé des Amtsvorstehers und einem bulligen blauen Landrover, dessen Besitzer Matter nicht kannte. Noch ein paar Wochen, dachte er, höchstens zwei Monate, dann ist Schluss mit «Guten Tag, Herr Doktor» und «Natürlich, sofort, Konrad». Dann ist endlich Schluss mit Sylvia, mit Steuerveranlagungen und all dem elenden Kram.

Inzwischen verfolgte ihn der Gedanke an Paul Regenass. Schickte er ihm eine Steuerrechnung ins Haus, kam es zur Katastrophe. Tat er nichts, drohte Ärger mit Konrad Nägeli. Matter war ratlos. Aber er vertraute darauf, dass ihm über Ostern eine Lösung einfallen würde.

Das alte Jugendstilhaus, in dem Dr. Huber praktizierte, schien auf ihn gewartet zu haben. Kaum ließ er den Klingelknopf los, ging die Haustür aus Eichenholz auf. Der Arzt stand persönlich im Eingang, im weißen Ordinationsmantel, ohne Krawatte.

«Kommen Sie herein, wir sind allein.»

Herbert Matter trat ein. Ein schwerer Teppich im Vorraum, der seit Jahrzehnten hier zu liegen schien, dämpfte seine Schritte. Er kam nicht dazu, die alten Stiche an den Wänden zu bewundern. Huber dirigierte ihn am Wartezimmer vorbei gleich in sein Behandlungszimmer.

«Nehmen Sie Platz», sagte er und wies auf den Patientenstuhl.

«Was ist geschehen?», fragte Matter erneut, während er sich setzte. Er registrierte Hubers unsteten Blick und eine lose Haarsträhne, die ihm in die Stirne hing. Von der kühlen Gefasstheit des Arztes war nichts zu spüren.

«Ich will mein Geld zurück.»

Matter beugte sich vor und musterte Huber aufmerksam. Ärger stieg in ihm hoch; er begriff, dass Ungemach drohte, und er wusste nicht, wie darauf zu reagieren war.

«Was soll das, Herr Dr. Huber?», erwiderte er endlich. «Wir haben eine Abmachung getroffen. Sie haben Ihren Teil erfüllt, ich habe meinen Teil erfüllt. Was wollen Sie eigentlich?»

«Mein Geld zurück», wiederholte der Arzt. «Auf unsere Abmachung pfeife ich. Mein Schwiegervater hat das Darlehen für das Haus im Burgund gekündigt, auf Ende des nächsten Monats. Meine Frau beansprucht eine Abfindung von über einer Million. Und mein eigener Anwalt erklärt mir, dass diese Forderung berechtigt sei. Damit ist meine Praxis ruiniert.»

Während Hubers Ausbruch dachte Matter an Sylvia. Sie hoffte auf Aussöhnung, er auf eine schnelle Scheidung ohne viel Ärger. Aber auch sie würde Forderungen stellen, sobald sie feststellte, dass sein Entschluss unabänderlich war. Von seinem Guthaben in Vaduz ahnte sie nichts. Früher hatte er ihr gerne Überraschungsgeschenke gemacht, einen Blumenstrauß, ein zartes Seidenfoulard; sie hatte es ihm mit Liebe und Fürsorge gedankt. Manchmal wunderte er sich, wo all das geblieben war. Sylvia war älter geworden, fester im Auftritt; unbemerkt hatte sie ein Eigenleben entwickelt. Und ebenso unbemerkt war sein Interesse an ihr erkaltet, ihre Spuren des Alters störten ihn jetzt ebenso wie sein eigenes Aussehen, mit dem er seit seiner Jugend haderte. An beidem ließ sich heute nichts mehr ändern.

Matter sah, wie der Arzt ihn herausfordernd anblickte. Er sagte: «Ihr Privatleben tut hier nichts zur Sache. Unsere Vereinbarung ist klar: In fünf Jahren erhalten Sie Ihr Darlehen zurück, nicht früher.»

Huber stand auf und ging hinter seinem Schreibtisch hin und her, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Bei der afrikanischen Kriegerstatue aus Holz blieb er stehen. Er nimmt ihm gleich den Speer aus der Hand und geht auf mich los, dachte Matter.

Aber Huber wandte sich bloß um und sagte: «Unsere Vereinbarung ist ungesetzlich, das wissen Sie so gut wie ich. Wenn Sie mir nicht entgegenkommen, reiche ich eine Selbstanzeige ein und lege unsere sogenannte Vereinbarung offen. Dann sind Sie dran, Herr Matter. Mit versuchter Beamtenbestechung können Sie mich heute nicht mehr erschrecken. Sie haben die Bestechung, wenn es denn eine war, angenommen. Wenn die Behörden Ihr Konto in Vaduz beschlagnahmen, bleibt Ihnen nichts, verstehen Sie. Es würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellen sollte, dass Sie sich noch an weiteren Opfern finanziell vergriffen haben.»

Herbert Matter spürte, wie ihm warm wurde. Jetzt nur kein Schweißausbruch, hoffte er. Es würde schlecht aussehen, wenn er ein Taschentuch zücken und sich die Stirne abwischen müsste. Er realisierte staunend, wie Dr. Huber immer ruhiger wurde, während er ihm seine Vorwürfe entgegenschleuderte. Er sah die schlanke Figur des Arztes in Weiß, in fast derselben Pose wie hinter ihm die Kriegerstatue, und hinter beiden ein breites Glasfenster, das den Blick in einen kleinen Garten freigab. Er fragte sich, ob Huber nicht tatsächlich einen Anwalt konsultiert hatte, wie er es schon bei ihrem ersten Gespräch in Aussicht gestellt hatte. Es war ein Fehler gewesen, sich mit dem Arzt einzulassen. Was, wenn der Kerl in einer Schublade ein Aufnahmegerät eingeschaltet hatte?

«So einfach ist das alles nicht, Herr Huber», erwiderte Matter und fixierte die grauen Augen des Arztes. «Eine Selbstanzeige kostet in erster Linie Sie eine Menge Geld …»

«Das ich nicht habe», warf Huber ein, «und deshalb ist es mir egal, ob ich von meiner Frau, von der Steuerbehörde oder von beiden in den Ruin getrieben werde. Aber Sie kommen nicht ungeschoren davon, Herr Matter, lassen Sie sich das gesagt sein!»

«Dann kann ich ja gehen», erklärte Matter und erhob sich. Langsam knöpfte er seine gelbe Tweedjacke zu, die er eigentlich schon für die Fahrt ins Tessin angezogen hatte, und wandte sich zur Tür. «Ihre Selbstanzeige können Sie ohne mich vorbereiten.»

«Ich will mein Geld zurück, Herr Matter», rief der Arzt aus. Seine Stimme bewegte sich wieder am Rand der Hysterie. «Ich brauche es, verstehen Sie das denn nicht? Geben Sie es mir zurück, dann ist allen geholfen, Ihnen, mir, meiner Frau …»

«Sie hören nächste Woche von mir, Herr Huber.» Matter verließ das Ordinationszimmer, durchquerte mit strammem Schrittden reich ausgestatteten Vorraum, zog die schwere Eichentür auf und trat auf die Straße.

Seinen Astra hatte er in der nächsten Querstraße abgestellt. Er ließ sich hinters Steuer sinken und zog die Tür zu. Er lehnte den Kopf an die Nackenstütze und schloss die Augen, ohne zu denken. Schweiß tropfte ihm jetzt von der Stirne auf den Kragen. Unter der Jacke war ihm warm geworden; er spürte die dunklen Ringe, die unter seinen Achselhöhlen wuchsen. Herbert Matter hasste seinen Schweiß, dem er machtlos ausgeliefert war. Mit der Rechten fischte er sein Taschentuch aus der Hosentasche und fing an, seine Stirne abzutrocknen. Er würde sich umziehen müssen, bevor er mit Tanja ins Osterwochenende aufbrach.

7

Der Aufenthalt Matters im Nobelhotel Giardino im Tessin über Ostern war kein uneingeschränktes Vergnügen. Hubers hysterischer Auftritt und die Anweisung seines Chefs Konrad Nägeli, die drei Dossiers in Ordnung zu bringen, bedrückten ihn. Eingewickelt in eine Wolldecke lag er im Hotelgarten in einem Liegestuhl, die bleiche Sonne blendete ihn, und auch der Blick auf den See weit unten brachte keine Erleuchtung. Neben ihm lag Tanja und las. Der Gedanke an den Arzt Huber endete stets mit der grimmigen Entschlossenheit, nichts herauszurücken. Und die Vorstellung, dem sympathischen Jungunternehmer Regenass eine Nach- und Strafsteuerveranlagung ins Haus zu schicken, löste kalte Schauer aus. Matter informierte Tanja in epischer Breite über seine Ärgernisse, und sie gab sich alle Mühe, ihn abzulenken. Aber beim Essen blieb er einsilbig. Und auf ihre Verführungskünste am Morgen und am Nachmittag während der Siesta reagierte er nur halbherzig.

Am Sonntag schließlich, während eines Frühstücks mit Champagner, Kaviar und einem reichen Büfett, in dessen Mitte ein Osterlamm aus Butter thronte, entwickelten sie den Plan: Am nächsten Dienstag würde Herbert in Vaduz eine Stiftung gründen und sein Vermögen auf die Stiftung übertragen lassen. Die Erkundungsreise – vielleicht wurde mehr daraus – über London nach Neuseeland würde auf den kommenden Sonntag vorverlegt. Damit entging er weiteren Diskussionen mit seinem Chef. Am Samstagnachmittag davor hatten sich Huber, Regenass und Kellenberger in London einzufinden, um je einzeln Anweisungen entgegenzunehmen. Was für welche, war noch zu überlegen. Sollten sie sich weigern, so hätten sie die Folgen zu tragen. Vor der Abreise würde Matter per Post seine Kündigung bei der Steuerverwaltung einreichen. Den Urlaub für die Reise würde er sich vom Amtsvorsteher persönlich bewilligen lassen; als Grund musste eine schlimme Wendung beim Brustkrebs seiner Schwester in Miami herhalten. Niemand wusste, dass er keine Schwester hatte. Und wenn am folgenden Montag sein Chef von der Südsee zurückkam, würde Matter verschwunden sein; mochte sich Nägeli dann selber mit Regenass und den anderen herumärgern.


Herbert Matter fühlte sich frei und leicht wie die Möwen, die über dem Zürichsee ihre Kreise zogen. Am Morgen hatte er sich im Büro krankgemeldet. Jetzt genoss er das Gefühl, an einem gewöhnlichen Arbeitstag sein eigener Herr und Meister zu sein. Am Abend stand ihm der Einzug in die kleine Wohnung bevor, die er am Stadtrand von Basel gemietet hatte.

Im Internet hatte er «Treuhandbüros in Vaduz» eingegeben und festgestellt, dass es über hundert davon gab. Nach gründlichem Studium verschiedener Internetseiten entschied er sich für die Treuhand Dr. Wanger, rief an und erhielt einen Termin auf den frühen Nachmittag. Jetzt gab er sich ganz seiner Autofahrt hin. Das Radio spielte anspruchslose Schlager, sein Opel Astra spulte mit gemütlichen hundertzwanzig über die Autobahn, und es störte ihn nicht, dass er immer wieder von übermütigen Rasern überholt wurde. Sein Vermögen lag gut angelegt bei der Universal Bank. Einige Aktien waren bereits im Wert gestiegen, wie ihm seine regelmäßigen Kontrollblicke auf eine Wertschriftenseite im Internet bestätigten, die er auf seinem Laptop eingerichtet hatte. Am Walensee öffnete sich die Sicht auf die Kurfirsten; ihre bissigen Zacken waren noch mit Schnee bedeckt, und am Himmel schwebten flauschige Schäfchenwolken und hatten nichts zu tun.

Sorge bereitete ihm allerdings die deutsche Steueraffäre. Aufgeschreckt durch die Äußerungen des Anwalts Kellenberger hatte er alle Zeitungsartikel studiert, deren er habhaft werden konnte. Zweifel befielen ihn, ob das Fürstentum das Bankgeheimnis noch zu wahren vermochte. Schon vor zwei, drei Jahren hatte ein gewissenloser Angestellter einer der großen Banken Liechtensteins Kundendaten ausländischer Bankkunden, darunter über tausend reiche Deutsche, gestohlen und für mehr als vier Millionen Euro an den deutschen Bundesnachrichtendienst verkauft. Dieser hatte die Informationen an die Steuerbehörde weitergeleitet. Und jetzt, kürzlich, waren den deutschen Behörden neue cds mit Kundendaten, diesmal aus der Schweiz, zugespielt worden. Die Steuerfahnder vermuteten, häufig zu Recht, dass die denunzierten Personen Einkommen und Vermögen am Fiskus vorbei nach Liechtenstein oder in die Schweiz geschleust und in anonymen Stiftungen versteckt hatten. Razzien im Morgengrauen in vornehmen Villen, Beschlagnahmung von Akten, Verhaftungen – teilweise vor laufenden Fernsehkameras – und Einvernahmen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens waren die Folge. Da enthüllte die Staatsgewalt eine hässliche Fratze, die man seit gut siebzig Jahren überwunden geglaubt hatte. Dass eine Person als unschuldig galt, bis ein Gerichtsurteil das Gegenteil feststellte, wurde vergessen. Erfolgreiche Anwälte, Unternehmensleiter und reiche Erbinnen erstatteten in großer Zahl Selbstanzeige. Die deutsche Regierung, um ihr ramponiertes Ansehen aufzubessern, offerierte die erbeuteten Daten unentgeltlich den übrigen Regierungen der Europäischen Union. Einige nahmen an, Dänemark lehnte entrüstet ab.

In der Schweiz wurde viel Druckerschwärze auf das Problem verwendet, ob die deutschen Behörden rechtmäßig gehandelt hatten. Alle waren sich einig, dass wer Steuern hinterzog, bestraft werden sollte. Die Frage war bloß, ob der Staat rechtswidrig handeln durfte, um Unrecht aufzudecken. Wenn eine Privatperson Diebesgut erwarb und wusste, dass es gestohlen war, erfüllte sie den strafbaren Tatbestand der Hehlerei. Wenn eine Behörde eines Rechtsstaates dasselbe tat, warfen ihr die einen Raubrittertum vor, während andere fanden, der Zweck heilige durchaus die Mittel.

Für Herbert Matter waren das moralische Spitzfindigkeiten. Ihn interessierte einzig, ob Schweizer Kunden von liechtensteinischen Banken ebenfalls gefährdet waren, ob allenfalls andere unzufriedene Bankangestellte auch auf die Idee kamen, ihre Informationen dem Meistbietenden zu verhökern. Aufgrund seiner Lektüre war er zum Schluss gekommen, dass Schweizer Behörden für vergleichbare Informationen kein Geld herausrücken würden. Außerdem handelte es sich bei der Universal Bank um ein vergleichsweise kleines Institut mit wenigen Angestellten, die einfacher zu überwachen waren. Und schließlich würde er sein Vermögen ohnehin nach Neuseeland transferieren, sobald er dort Fuß gefasst hatte.

Vor der Abfahrt am Morgen hatte er ihre Flüge gebucht, am Freitag nach London und für den Sonntagabend – First Class – weiter über Sydney nach Wellington. Anschließend telefonierte er mit seinen Opfern und bestellte sie nach London ins Old Hampshire Hotel. Ein wichtiger neuer Umstand erfordere ein weiteres persönliches Gespräch, erklärte er. Und, nein, aus Diskretionsgründen komme Basel als Ort für das Treffen nicht in Frage. Eine Weigerung würde sich äußerst nachteilig auswirken. Sein Vorgesetzter sei bei einer Routinekontrolle auf ihre Dossiers gestoßen und habe detaillierten Aufschluss verlangt. Weitere Einzelheiten seien nicht am Telefon zu besprechen. Bei Dr. Huber fügte er bei, er werde sich in London zu seinem Wunsch äußern.

Alle drei reagierten verärgert, aber alle drei willigten ein, am Samstag zur Besprechung zu erscheinen.

Im Treuhandbüro Dr. Wanger wurde Herbert Matter von einem Mitarbeiter namens Josef Ritter empfangen. Es gefiel ihm, dass man ihn überaus freundlich in ein Sitzungszimmer bat und ihm gleich eine Tasse Kaffee offerierte. Der junge Mann hatte Manieren und wusste, was sich gehörte. Er trug einen dunkelblauen Anzug; eine Hornbrille verlieh seinem Gesicht einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck. Als Matter sich nach Einzelheiten zur Gründung einer Stiftung erkundigte, öffnete Ritter eine Broschüre und schob sie über den Tisch. Während der nächsten Viertelstunde erfuhr Matter alles Notwendige. Diskretion sei gewährleistet; Stiftungen würden nicht in ein öffentliches Register eingetragen, sondern die Akten lediglich bei einer Amtsstelle hinterlegt. Die Kosten erwiesen sich als bescheiden. Als Stiftungszweck sollte «Förderung der Alpakazucht und Ausrichtung von Beiträgen an die Lebenshaltungskosten bestimmter Personen» festgeschrieben werden. Die «bestimmten Personen» waren in einem Reglement zu bezeichnen; sie konnten jederzeit wieder gestrichen und durch andere ersetzt werden.

Jetzt lehnte sich Herbert Matter zurück. Mit seinen Kugelaugen fixierte er den jungen Angestellten, bis dieser hinter seiner Brille den Blick senkte. Er sagte:

«Zum Thema Diskretion. Die Schlagzeilen der letzten Wochen über das Fürstentum haben das Gegenteil in die Welt hinausposaunt, haha! Wie sicher sind Sie eigentlich, dass nicht auch Ihre Kundendaten an deutsche oder andere ausländische Behörden verkauft werden?»

Ritter räusperte sich, als sei ihm ein Insekt in die Luftröhre geraten. «Herr Matter, es wird Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen verrate, dass man uns diese Frage in den letzten Tagen schon einige Male gestellt hat.»

«Nein, das wundert mich nicht. Und Ihre Antwort?»

«Wir sind ein kleines Unternehmen mit zweiundzwanzig Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Wir haben das Glück, einen guten und verständnisvollen Chef zu haben. Unser Geschäft lebt von seinem guten Ruf, der über mehr als dreißig Jahre erarbeitet worden ist. Niemand bei uns würde auf die Idee kommen, am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Die Zufriedenheit unserer Kunden ist unser oberstes Ziel.»

Herbert Matter lachte sein schepperndes Lachen. «Soso! Und diese große Bank, deren Kunden nach Deutschland verraten worden sind? Lebt die nicht auch von ihrem guten Ruf?»

«Es handelt sich dort um eine eigentliche Großbank mit sehr vielen Mitarbeitern. Offensichtlich haben die Kontrollen und das Sicherheitssystem versagt. Es wird Jahre dauern, bis sie das verlorene Vertrauen zurückgewinnt. Ob sie überhaupt überlebt, ist noch völlig ungewiss.»

Ganz allmählich begriff der Steuerbeamte Herbert Matter, dass es in Geldangelegenheiten keine Sicherheit mehr gab.


Um halb vier war alles klar.

«Bis Ende Woche ist die Alpaka-Stiftung gegründet», erklärte Josef Ritter. «Dann können wir das Bankkonto eröffnen.»

«Kann man das nicht beschleunigen?», fragte Matter. Er dachte an die Reise nach Neuseeland.

«Schwierig», sagte Ritter. «Haben Sie bereits eine Bankverbindung in Vaduz?»

«Ja, die Universal Bank.»

«Gute Adresse. Nicht zu groß.» Ritter nickte anerkennend. «Aber die Bank muss die Kontoeröffnungsdokumente vorbereiten und Ihnen zur Unterzeichnung zustellen. Und Sie müssen sich überlegen, wer unterschriftsberechtigt sein soll. Das dauert ein paar Tage. Außerdem müssen wir bestimmte Sorgfaltspflichten einhalten. Sie wissen – die Vorschriften zur Bekämpfung der Geldwäscherei und des internationalen Terrorismus. Dazu gehört, dass Sie uns aufklären, woher die Mittel stammen, die Sie auf die Stiftung übertragen.»

Matter runzelte die Stirne. Terrorismus. Geldwäscherei. Er wusste nur ungefähr, um was es dabei ging. Al Kaida fiel ihm ein, Drogenhandel, Prostitution, Pornografie. Damit hatte er nichts zu tun. Er wünschte sich, Dr. Kellenberger wäre an seiner Seite. Der Anwalt würde das gewandt für ihn erledigen.

«Ich habe das alles schon der Bank dargelegt», sagte er schließlich.

Ritter schien mit der Auskunft zufrieden. «Dann genügt es, wenn Sie uns dieselben Angaben zur Verfügung stellen wie der Bank. Im Weiteren benötige ich eine Kopie Ihres Passes.»

Herbert Matter seufzte. «Ich hatte mir Diskretion eigentlich ein wenig anders vorgestellt. Aber bitte – wenn es sein muss.»

Sie einigten sich rasch über alle Einzelheiten. Matter erwähnte seine Tätigkeit als Steuerexperte und seine erfolgreichen Finanzgeschäfte. Unterdessen kopierte eine Sekretärin seinen Pass. Dem Stiftungsrat sollten er selber, Tanja und Josef Ritter angehören. Bei der Bank würden er und Tanja Unterschrift führen. Die Treuhand Dr. Wanger würde der Stiftung ihre Adresse zur Verfügung stellen. Und Herr Matter verstand selbstverständlich, dass er als Neukunde des Büros gebeten wurde, eine Anzahlung von fünftausend Franken zu leisten.

Bei der Universal Bank bezog er die verlangte Anzahlung und darüber hinaus fünftausend englische Pfund für die bevorstehende Reise. Man warnte ihn, nicht zu viel Bargeld mit sich herumzutragen, und offerierte, ihm einen Teil in Reiseschecks auszuhändigen. Matter lehnte dankend ab und verabschiedete sich.

Als er wieder im Auto saß, fragte er sich, ob sein Sohn Arnold es jemals zu einer so interessanten Position bringen würde wie der junge Josef Ritter.


Am selben Dienstagabend, es war der 22. April, rang Rechtsanwalt Kellenberger sich zu einem Entschluss durch. Er schob die Akte, die er seit über einer Stunde studierte, beiseite. Der Fall war hoffnungslos. Sein Mandant, der seit zehn Jahren Seite an Seite mit einem Nachbarn lebte, fand plötzlich, dessen Haus werfe zu viel Schatten auf sein Grundstück. Er hatte einen gehässigen Briefwechsel gestartet, bei dem die Wortwahl mittlerweile die Grenze strafbarer Verunglimpfungen erreichte. Und jetzt sollte der Anwalt einen Gerichtsbefehl erwirken, der dem Nachbarn auferlegte, den Schattenwurf zu beseitigen. Kellenberger griff zum Telefon und drückte eine Taste.

«Frau Goldstein, kommen Sie bitte für einen Augenblick.»

Tanja trat ein, und er bat sie, sich zu setzen. Sie trug ein beigefarbenes, ärmelloses Wollkleid, das ihr bis zu den Knien reichte und schon den Sommer vorwegnahm.

«Frau Goldstein», begann Kellenberger förmlich, «ich muss Ihnen mitteilen, dass ich beabsichtige, mein Arbeitspensum stark einzuschränken. Neue Mandanten werde ich nicht mehr annehmen.» Er sah, wie die Sekretärin ihn ausdruckslos musterte. Ihre Augen glänzten bernsteinfarben. Sie schien schon alles begriffen zu haben. Er dachte an ihren Verrat. «Das bedeutet, dass ich auf Ihre Mitarbeit, die ich außerordentlich schätze, in Zukunft verzichten muss. Ich schlage vor, dass wir unser Arbeitsverhältnis auf Ende Juli beenden. Unter Berücksichtigung Ihrer Ferienansprüche und Überstunden denke ich, dass Sie noch bis Ende Juni hier arbeiten werden.»

Tanjas Mundwinkel verzogen sich zu einem unmerklichen Lächeln. In ihren Augen stand leiser Spott.

«Werden Sie Ihre Korrespondenz dann selber schreiben?»

«Nein. Aber eine stundenweise Aushilfskraft wird genügen.»

«Aha.» Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: «Ich habe gerne bei Ihnen gearbeitet, Herr Kellenberger. Aber Ihre Mitteilung kommt mir nicht ganz ungelegen.»

«Wieso?»

Tanja lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Sie war immer selbstbewusst gewesen; jetzt empfand der Anwalt sie als provokativ. «Ich hatte auch im Sinn, mich gelegentlich zu verändern.»

«So.»

«Ja. Es sieht so aus, als ob ich wieder heiraten werde.»

Kellenberger schluckte. Matter. Der Strolch hat sie völlig in der Hand, jetzt sowieso mit dem vielen Geld. Und Vollmacht über sein Konto hat er ihr auch noch gegeben. «Wer ist denn der Glückliche?»

«Ich schicke Ihnen eine Anzeige, wenn es so weit ist», sagte Tanja und lachte. «Er ist älter als ich.» Es klang wie eine Entschuldigung.

Und sieht aus wie eine Witzfigur, dachte Kellenberger. Was Geld nicht alles fertigbrachte.

Matters Lachen klang ihm wieder in den Ohren, und er sah seine wässrigen Augen über der Stupsnase mit den ungepflegten Nasenlöchern vor sich. Und jetzt zitierte der Kerl ihn noch nach London, wieder mit der verdeckten Drohung eines Nach- und Strafsteuerverfahrens. Er sagte: «Ich wünsche Ihnen, dass er reich ist und Sie glücklich macht.» Und dass ihn der Teufel holt, setzte er in Gedanken hinzu.

«Danke», erwiderte Tanja. Dann fuhr sie fort: «Wir können das Ganze auch abkürzen. Ich würde gerne die beiden kommenden Wochen als Ferien beziehen. Danach helfe ich Ihnen noch, die pendenten Akten aufzuarbeiten, wenn es Ihnen recht ist. Dafür sollten weitere zwei Wochen genügen.»

«Einverstanden», sagte Kellenberger. Er hatte plötzlich die Nase voll. Sollte sie sich doch dem Banditen an den Hals werfen. «Sie erhalten selbstverständlich ein ausgezeichnetes Zeugnis.»

Tanja verabschiedete sich, und Michael Kellenberger wandte sich wieder seiner Akte zu. Er sehnte sich nach einem kühlen Bier und beschloss, das Abendessen im «Goldenen Sternen» einzunehmen. Nur jetzt nicht ins leere Haus zurückkehren. Die Vergangenheit würde ihn mit ihren klebrigen Fingern einholen, Helen ihm seinen Fehltritt während ihrer dritten Schwangerschaft wieder vorwerfen, den Abort im vierten Monat; die Verachtung seiner Töchter, Reue über verpasste Gelegenheiten, dann die Angst vor Versagen im Beruf, und jetzt der Pfusch mit den Steuern – alles würde ihn heimsuchen wie ein Ausschlag, der sich nie ganz auskurieren ließ. Und die Vorstellung der Stille, die ihn umhüllen würde wie ein schweres Laken, wenn er im Wohnzimmer eine Zeitung las, erfüllte ihn mit sanftem Schrecken.

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