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Thomas Mateo Oles Berufung
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Meine Frau und ich, wir sind uns voll und ganz darüber im Klaren, dass wir viel Glück im Leben gehabt haben. Wir haben ein gutes Auskommen. Wir haben sieben stramme Halbwüchsige und einen gnadenlos egomanischen und gleichzeitig total selbstlosen Helfer als Hund, der nichts unversucht lässt, um Friede und Freude zu verbreiten Wir haben ein geräumiges Haus mit einem kleinem Park und ein paar Autos, weil ständig jemand woanders hingefahren werden muss. (Ich habe mir sogar schon mal überlegt, ob wir nicht zusätzlich noch eine kleine Taxizentrale eröffnen sollten. Dann könnten wir die komplette Fahrerei für und mit uns von der Steuer absetzen!) Auch Ole fährt sehr gerne rum. Er hat schon als Welpe, damals war er in etwa zwei dicke Kartoffeln groß, seine ersten Reiseerfahrungen gesammelt, als wir ihn von seiner Mutter bekamen und abholten. Da war er ganze sieben Wochen alt und niemand hätte damals vermutet, was in ihm steckt. Nicht nur gewichtsmäßig meine ich, sondern auch mental und emotional und spirituell und so. Niemand hätte sich ausmalen können, dass dieses kleine, haarige Wesen einmal eine ganze Familie zusammenhalten würde. Mit und notfalls auch gegen ihren Willen. Wurscht. Echt egal. Eine wahrhafte Integrationsfigur. Ein Mediator. Ein Moderator. Ein Coach. Ein Bewusstmacher und Begleiter. Ein Freund und Helfer. Ein kompletter Überflieger. Ein tierischer Therapeut. Und das bedeutete schon immer, dass keiner gegen ihn anstinken konnte. Wenn er nicht wollte, dann wollte er nicht und wenn er etwas unbedingt möchte, dann hat er es sich ertrotzt. Man kann sich kaum vorstellen, was ein solcher Hund alles in Bewegung setzen kann, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Hört sich unwahrscheinlich an, werden manche sagen, und doch, meine lieben Leserinnen und Leser: Alles, was ich aufgeschrieben habe, entspricht der reinen Wahrheit. Ich musste nichts erfinden. Alles liegt und lag glasklar und unverfälscht vor meinem inneren, höchst subjektiven Auge. Niemand kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn so ein harmloses, sensibles Tier die emotionale Macht in einer chaotischen Familie übernimmt. Wie es sich anfühlt, wenn jemand Fremdes, Hinzugekommenes, die Familie so für sich einnimmt, dass für den Vater und die Mutter kaum mehr etwas übrig bleibt an Liebe oder Zuneigung oder wenigstens Beachtung. Ole war und ist natürlich vollkommen unschuldig daran, aber wenn er mich anschaut, dann weiß ich nicht recht: Ist es Schadenfreude oder einfach der Glanz des Erleuchteten in seinen rehbraunen Augen?
Meine liebe Frau und ich selbst, wir waren schon immer recht experimentierfreudig. Und neugierig. Manchmal hatte ich sogar schon den Eindruck, dass wir vielleicht ein wenig naiv waren. Leichtgläubig und leichtsinnig. Nicht was das Sexuelle anbelangte, sondern eher was unsere Zukunft betraf. Wir liebten und lieben uns und das war und ist gut und genug. Und wir haben sieben Sprößlinge. Unsere chancenreiche Familie eben. Und irgendwann kam dann halt einer von uns Neunen auf die Idee, einen kleinen Hund anzuschaffen. Einen Welpen. Eine Katze hatten wir da schon. Kira. Sie war uns bei einem Ausflug zugelaufen. Völlig unterernährt und verwildert. Zwei Schneidezähne fehlten. Sie wurde von uns hochgepäppelt und umsorgt und geliebt und langsam kam sie in der Familie an. Das war ein Jahr vor Ole gewesen. Ein tierisches Testjahr sozusagen. Alle hatten begriffen, dass es auch Mühe und Verantwortung bedeutet, ein Tier in unserer Mitte zu haben. Essen geben, Katzenklo saubermachen, bürsten, usw. … Man musste sich kümmern, sonst lief das Tier einfach zum nächsten Nachbarn. Und wir schafften es ganz gut, Kira zu halten, auch wenn sie sich immer mal wieder in anderen Häusern etwas zu essen schnorren ging. Und den Kindern, den machte die freigehende Katze Spaß. Sie war die große Trösterin, wenn die bösen Eltern, also wir beide, mal nicht so funktionierten wie die Kinder es sich wünschten. So also wurde Kira zur Schmusekatze und alle waren recht zufrieden.
Und dann, ein Jahr später, kam sozusagen zwangsläufig die Idee mit dem Hund auf. Was soll ich sagen? Wir hatten uns etliche Bilder von Hunden angesehen und auch auf der Straße immer mal wieder sehnsüchtig nach vorbeilaufenden Bellern geschaut und uns gefragt, ob der oder die auch für uns passen würde. Aber niemand von uns wäre damals auf die Idee gekommen, dass wir einmal einen Riesenkerl von einem Hund haben würden! Schon gar nicht, weil wir sonst befürchtet hätten, dass die eher kleine Kira wegen der schieren Größe eingeschnappt gewesen wäre. Und außerdem hatten wir damals auch noch nicht den geräumigen SUV, um einen solchen Brocken, wie Ole einer ist, zu transportieren. Daher gingen wir eher von etwas Mittelgroßem aus. Struppig, graubeige, Promenadenmischung. Handzahm und leicht zu befördern. Wenig mühevoll für Mensch und Tier. Alles hätte gut gehen können, wenn wir nicht irgendwann und ganz zufällig einen Berner Sennenhund gesehen hätten. Er lief uns bei einem Spaziergang über den Weg. Zufall, Fügung? Keinen Schimmer. Über den Weg gelaufen ist auch ein wenig salopp gesagt und stimmt auch nicht ganz. Er war an der Leine bei einem stämmigen Mann, der seine gute Not hatte, den Hund davon abzuhalten, sich seine speicheltriefenden Lefzen an unseren Kleidern zu trocknen. Er war derart verschmust und liebesbedürftig, das musste einfach schiefgehen. Und so war es auch. In den nächsten Wochen dachten wir nur noch in Berner-Sennenhund-Dimensionen. Und irgendwann dann spuckte das Internet einen Züchter am fernen Ammersee aus, der gerade einen neunköpfigen Wurf meldete. Anruf, Terminvereinbarung, alles in den Bus und los ging die weite Reise zu Ole. Immerhin 250 Kilometer von Württemberg zum Ammersee ins unbekannte Land. Ein Abenteuer für alle und ein gelungener Zeitvertreib! Bis heute hallt das nach, was damals seinen Anfang nahm. Und unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Zum Glück für alle!
So, und ab hier soll Ole selbst erzählen, wie, was und warum alles genauso geworden und gekommen ist, wie es kam und noch immer kommt. Nur eins noch:
»Jeder Mensch sollte eine Weile mit einem Hund leben!«