
Полная версия:
Eugenie Marlitt Reichsgräfin Gisela
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
»Sind Sie endlich da, Sievert?« sagte sie verdrießlich mit schwacher, aber scharfklingender Stimme. »Sie brauchen ja immer eine halbe Ewigkeit zu Ihren Ausgängen! Meine Tochter übt und hört mein Rufen nicht – ich habe mich fast heiser geschrien... Mich friert. Jedenfalls haben Sie den Ofen nicht gehörig versorgt, ehe Sie fortgegangen sind, und Jutta hat vergessen, das Fenster zu verhängen – Sie hätten auch daran denken können... Und was für schauderhafte Lichte bringen Sie jetzt immer ins Haus – das ist ja ein Geruch und ein Qualm –, nicht in unserer Domestikenstube hätte ich früher dergleichen gelitten!«
Der alte Diener ließ diese Vorwürfe ohne Widerrede über sich ergehen. Wachs- und Stearinlichte konnte die gnädige Frau nicht bezahlen, noch weniger aber das Öl, das die prachtvolle, aus dem Ruin gerettete Astrallampe verbrauchte. Er öffnete schweigend einen Schrank, nahm eine verblichene, rotseidene Steppdecke heraus und hängte sie vor das der Kranken am nächsten liegende Fenster.
Frau von Zweiflingen ergriff eines ihrer langen Haubenbänder und rollte es mechanisch zwischen den dünnen, wachsgelben Fingern auf und ab – es lag etwas nervös Aufgeregtes in dieser Bewegung.
»Sie haben einen abscheulichen Rauchgeruch in Ihren Kleidern mit hereingebracht, Sievert«, hob sie wieder an und richtete ihre erloschenen Augen nach dem Fenster, wo sie Sievert noch hantieren hörte. »Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie nasses Holz brennen, wenn ich auch nicht begreife, wie Sie dazu kommen... Sie haben doch ohne Zweifel unser Winterholz im Sommer zur rechten Zeit einfahren lassen – denn Sie sind ja sehr praktisch –, liegt es denn nicht an einem trockenen Ort?«
Ein beißendes Lächeln glitt um Sieverts Lippen, als er das Wort »einfahren« hörte. Ja, auf diesen seinen Schultern hatte er heuer das Winterholz der gnädigen Frau »eingefahren«, und es mochte freilich mancher noch grüne Ast mit untergelaufen sein, der jetzt im Ofen zischte und die Nase der Dame beleidigte... Sievert hatte die Kasse der Frau von Zweiflingen unter seinen Händen, seit er bei ihr eingetreten war. Früher gelang es ihm, auszukommen und, wenn auch mit großer Mühe, den Anschein eines behaglichen Auskommens der Welt gegenüber aufrecht zu erhalten; aber jetzt kostete die Krankheit viel Geld. Daran dachte die Frau nicht im entferntesten; ebensowenig hatte sie eine Ahnung, daß das Abendbrot, welches sie heute essen sollte, wie auch das verabscheute Talglicht, aus Sieverts Tasche bezahlt seien – denn es war kein Groschen mehr im Hause.
Der alte Diener versicherte indes seiner Gebieterin, daß das Holz wohlverwahrt im nördlichen Turm liege, und schob alle Schuld auf den Sturm, der den Rauch in die Halle blase. Dabei nahm er gleichmütig eine Serviette, zwei Tassen und eine messingene Teekanne aus dem Schranke und arrangierte einen Teetisch vor dem Sofa.
In diesem Augenblick schloß das Klavierspiel im Nebenzimmer mit einem rauschenden Akkord. Frau von Zweiflingen seufzte erleichtert auf und preßte ihre Hände einen Moment gegen die Schläfe – für ihr zerrüttetes Nervensystem mußte die geräuschvolle Musik eine wahre Marter gewesen sein.
Die Tür des Nebenzimmers ging auf. Wenn statt der Gardinen plötzlich bestaubte Spinnweben die tiefen Fensternischen des Turmgemachs überhangen hätten, wenn die elegante Möbeleinrichtung in den Erdboden gesunken und statt des Teetisches eine Kunkel zur Seite der Frauengestalt im Sessel auferstanden wäre, dann hätte Prinzessin Dornröschens Erscheinen bei der mörderischen Frau Stubenpoesie nicht lieblicher verkörpert werden können als in diesem Augenblick. Dicht neben dem greulichen schwarzen Ofenungeheuer, im Rahmen der Türöffnung, erschien ein junges Mädchen. Diese kinderhaften Hände, die jetzt prüfend und ordnend durch die auf die Büste niederfallenden dunkeln Locken glitten, waren eben noch mit ungewöhnlicher Energie über die Tasten hingeflogen. Wie leicht mußte das so schwierige Klavierstück der jungen Spielerin geworden sein – auch nicht die leiseste Röte der Erregung lag auf dem Gesicht, das zwar blaß, aber frühlingsfrisch wie die Blüte des Kirschbaumes war. Es hatte nichts gemein mit jenem hippokratischen Frauenprofil, das so lebensmüde und mumienhaft braun auf dem gelben Seidenpolster lag – wohl aber wiederholten sich seine köstlichen Linien voll griechischer Schönheit immer und immer wieder in der langen Bilderreihe der Halle, und die schwarzen Augen, die da draußen in wilder Jagdlust funkelten oder in ihrem aristokratischen Bewußtsein kalt gleichgültig auf die Welt niedersahen, strahlten auch hier groß und weit geöffnet aus dem weißen Mädchengesicht. Um den Kontrast zwischen Mutter und Tochter noch schreiender zu machen und letztere in allem lediglich als Sproß der Zweiflingen zu kennzeichnen, die fast durchgängig in grünem, mit Goldstickerei bedecktem Samt prunkten, umrauschte die jugendliche Gestalt ein durchwirktes, blaßblaues Seidenkleid, um dessen viereckigen Halsausschnitt sich echte Spitzen in gelblicher Weiße kräuselten.
»Nun, Sievert«, sagte das junge Mädchen, in das Zimmer tretend, »kann man endlich heißes Wasser bekommen?« Ihre Augen fielen auf den Teetisch. »Wie, nur zwei Tassen?« rief sie. »Haben Sie vergessen, daß wir Besuch erwarten?«
»Der Besuch kann nicht kommen, weil der Herr Student krank geworden ist«, erwiderte Sievert kurz, während er die Teekanne noch einmal prüfend neben das Licht hielt, ob sie auch fleckenlos blinke.
Die junge Dame sah plötzlich aus, als seien ihre sämtlichen Lebenshoffnungen vor ihr ins Wasser gefallen – ein Zug der bittersten Enttäuschung flog um ihre Lippen.
»Oh, wie abscheulich!« klagte sie. »Darf man sich denn auch auf gar nichts mehr freuen?... Krank soll der junge Ehrhardt sein? Was fehlt ihm denn, wenn man fragen darf?« Eine Beimischung von Ironie und Unglauben trübte mißtönend die kinderklare Stimme des jungen Mädchens.
»Hm – der Student wird sich auf der Reise erkältet haben«, erwiderte Sievert trocken, indem er nach der Tür schritt.
»Nun meinetwegen denn – aber ich sehe nicht ein, weshalb da nun auch der Hüttenmeister zu Hause bleibt... Fürchtet er sich auch vor dem Schnupfen?« fragte die junge Dame.
»Sei nicht so kindisch, Jutta!« schalt Frau von Zweiflingen ärgerlich. »Wie kannst du verlangen, daß er den kranken Bruder allein lassen soll, den er seit zwei Jahren nicht gesehen hat, und ihn obendrein zum erstenmal im eigenen Hause beherbergt!«
»O Mama, das entschuldigst du auch?« rief Jutta und schlug in unwilligem Erstaunen die Hände zusammen. »Würde es dich nicht tief geschmerzt haben, wenn Papa dich um anderer willen hätte vernachlässigen wollen, und –«
»Schweig, Kind!« gebot Frau von Zweiflingen so rauh und heftig, daß die Tochter erschrocken verstummte. Die Kranke lehnte den Kopf kraftlos an die Stuhllehne und legte die Hand über die achtlosen Augen.
»Sei nicht böse, Mama«, hob das junge Mädchen nach einer Pause wieder an; »aber in dem Punkte kann ich mich nicht ändern – eine solche Rücksichtslosigkeit von seiten Theobalds macht mich sehr unglücklich! Ich habe nun eben einmal meine hohen Ideale und weiß, daß alle Damen aus dem Hause der Zweiflingen zu allen Zeiten hochgefeiert gewesen sind. Lies nur unsere Hauschronik; da wirst du finden, daß die edlen Herren in den Tod gegangen sind für die Dame ihres Herzens, und was waren ihnen Eltern und Geschwister, wenn es sich um das Wohl und die Freuden der Geliebten handelte! Nun ja, das waren eben auch adlige Gesinnungen!«
»Du Törin!« zürnte die kranke Frau. »Ist dieser bodenlose Unsinn das ganze Resultat meiner Erziehung?« Sie hielt inne, denn Sievert trat eben wieder in das Zimmer. In der einen Hand trug er ein Glas frisches Wasser und in der andern die mitgebrachte weiße Papiertüte, die er Jutta hinreichte. Sie schlug das Papier auseinander – auch nicht ein Zug des Gesichts veränderte sich beim Anblick der duftenden Liebesboten, die ihre unschuldigen Köpfchen furchtlos in die Winterzeit gewagt hatten, um die an Licht, Duft und Wärme verarmten Menschen erquickend zu trösten. Es ist reizend, wenn ein junges Mädchen die vom Geliebten gesandten Blumen leise und verstohlen an ihre Lippen drückt – diese Braut aber war wohl augenblicklich zu tief gekränkt; sie bog nicht einmal den Kopf nieder, um den süßen Duft einzuatmen; das Papier auf dem Tisch ausbreitend, warf sie das Bukett auseinander und zog nur die Tazetten heraus... Sievert stand noch da und hielt ihr das Glas hin; sie stieß es zurückweisend mit der Hand weg.
»Ach, dazu sind sie nicht abgeschnitten«, sagte sie verdrießlich. »Ich kann die trübe Lache in den Gläsern nicht ausstehen!« Sie trat an den Spiegel und steckte die Tazetten diademartig in ihre Locken, und zwar so anmutig und ungezwungen, als seien die weißen Blumensterne auf das dunkle Haar geschneit. Die unglückliche Mutter war in diesem Augenblick doppelt bedauernswürdig, daß sie ihr unvergleichlich schönes Kind nicht sehen konnte; vielleicht hätte sie über der Erscheinung den »bodenlosen Unsinn« vergessen, den die in innerer Befriedigung jetzt lächelnden Lippen vorhin so herb ausgesprochen – »sehr unglücklich« sah das Gesicht ganz gewiß nicht mehr aus.
Der alte Diener warf auch nicht einen Blick auf die geschmückte Gestalt vor dem Spiegel; aber ein böses Lächeln zog seine Mundwinkel herab, als er mit dem Glas zur Tür hinausging. Die Dichter besingen in zahllosen Variationen das vermutliche Wonnegefühl der Blumen bei ihrem Verscheiden im Haar oder an der Brust eines schönen Mädchens – der rauhe Soldat aber fluchte innerlich, daß er »die armen Dinger« so sorgsam durch Schnee und Wetter getragen, damit sie nun »elendiglich« hier umkommen sollten. Er brachte nach kurzer Zeit das Teewasser, Brot und Butter herein, und schob die kranke Frau im Lehnstuhl näher an den Tisch; dann zog er sich in seine im Erdgeschoß des nördlichen Turmes gelegene Stube zurück. Da kam, wie allabendlich, seine Erholungszeit. Er heizte den Ofen tüchtig, stopfte sich eine Pfeife und las – astronomische Werke.
Jutta schlug die feinen Spitzenmanschetten am Handgelenk zurück. Sie strich Butterbrote und bereitete den Tee.
»Ich weiß nicht, mein Kind«, sagte die Blinde, das Ohr aufmerksam nach ihrer Tochter hinneigend, »es rauscht heute bei jeder deiner Bewegungen wie schwere, starre Seide –«
Die junge Dame erschrak sichtlich; ein glühendes Rot färbte für einen Augenblick Gesicht und Hals, und unwillkürlich rückte sie einen Schritt weiter aus dem Bereich der Mutter.
»Hast du deine schwarzseidene Schürze vorgebunden?« forschte die blinde Frau weiter.
»Ja, Mama!« Diese Antwort klang halberstickt, aber sie erfolgte sofort.
»Merkwürdig – das Geräusch ist mir nie so aufgefallen. Hättest du über ein seidenes Kleid in deiner Garderobe zu verfügen, dann wollte ich darauf schwören, du machtest dir das lächerliche Vergnügen, im alten Waldhaus als Salondame zu paradieren... Was hast du für ein Kleid an?«
»Mein altes braunes Wollkleid, Mama.«
Das Examen war zu Ende, Jutta atmete erleichtert auf, sie klirrte beim Teetrinken mehr als nötig mit der Tasse, im übrigen aber hielt sie sich plötzlich steif und unbeweglich wie ein Wachsbild.
Die Kranke genoß so viel wie nichts. Ein dünnes Schnittchen des feinen Brotes, das Sievert um ihretwillen aus Schloß Arnsberg geholt hatte, zerbröckelte zwischen ihren Fingern, kaum einige Krumen kamen über ihre Lippen sie war offenbar dem letzten Stadium ihrer Krankheit sehr nahe.
»Du könntest mir etwas vorlesen, Jutta, wenn du mit deinem Abendbrot fertig bist«, sagte sie. »Der Sturm heult zu unheimlich!«
»Gern, Mama. Ich will die Sappho von Grillparzer holen. – Theobald hat sie mir gestern mitgebracht.«
Ein nervöses Aufzucken durchflog die Glieder der blinden Frau. »Nein, nein!« rief sie mit abwehrender Heftigkeit. »Weißt du, was diese Sappho ist? Ein unglückliches, verratenes Weib!... Ein Sturm der qualvollsten Seelenschmerzen geht durch dies Buch, schlimmer als der da draußen, und – ich will ihn ja doch vergessen!«
Die junge Dame erhob sich, um ein anderes Buch zu holen; dabei streifte sie unbewußt mit ihrem Kleid die herabhängende Rechte der Kranken – diese Hand erfaßte plötzlich die vorübergleitenden Rockfalten und hielt sie krampfhaft fest, während die Linke prüfend in fieberhafter Hast über den Stoff hinfuhr.
»Jutta, bist du wahnsinnig?« schrie sie auf.
Das junge Mädchen sank sofort neben dem Lehnstuhl nieder. »Ach, Mama, verzeihe mir!« flüsterte sie. Der Schrecken hatte ihre Lippen schneeweiß gefärbt.
»Leichtsinniges, liebloses Geschöpf du«, zürnte die Mutter und stieß die Hände zurück, die ihre Rechte erfaßten. »Hast du auch nicht einen Funken von Scham und Scheu empfunden, als du mein Heiligtum an dich rissest?... Mein Brautkleid, das ich gehütet habe wie einen Augapfel, als einzigen Zeugen einer himmlisch schönen Zeit – dieses Kleid, von dem du weißt, daß es mit mir gehen soll, wenn ich endlich erlöst sein werde von meinem Leiden, schleifst du zur Verhöhnung unserer ganzen armseligen Verhältnisse über die elenden Dielen des Waldhauses und führst damit eine Farce auf, wie sie sich lächerlicher und erbärmlicher nicht denken läßt?«
Jutta erhob sich rasch, mit einer zornigen Gebärde. In diesem Moment verflüchtigte sich auch die letzte Spur der Dornröschenlieblichkeit bei dem jungen Mädchen. Der zürnenden Mutter den Rücken halb zugewendet, war sie Zoll für Zoll die geharnischte Opposition. Ein impertinenter Zug flog um die leichtvibrierenden Nasenflügel, und höhnisch lächelnd richtete sie ihre sprühenden Augen auf ein Damenporträt, das über dem Sofa hing. Es war eine jugendliche Mädchengestalt mit einem Mulattenköpfchen. Vollkommen unregelmäßig in seinen Linien und von entschiedenem bronzefarbenem Teint, fesselte dies kleine magere Gesicht unwiderstehlich durch den pikanten, geistreichen Ausdruck der Züge und durch ein tiefes halbverschleiertes Augenpaar, in dem die Leidenschaft verstohlen glimmte. Die zarten, bräunlichen Schultern umfloß weiße Seidengaze, unter der schwerer Atlas schimmerte, und in den dicken, dunkeln Haarflechten steckte ein Granatblütenstrauß, den eine Brillantnadel festhielt.
Juttas Blicke hingen an der eleganten Toilette des Bildes.
»Du tust, als hätte ich ein Kriminalverbrechen begangen, Mama«, sagte sie kalt. »Ich habe das Kleid nicht an mich gerissen, sondern mir nur erlaubt, es für einige Stunden zu leihen. Die paar Nähte, die ich verändern mußte, sind im Nu wieder aufgetrennt; im übrigen ist es unversehrt... Theobald wollte uns heute abend seinen Bruder vorstellen; es ist wohl sehr natürlich, daß ich dem neuen Verwandten wenigstens einen anständigen Eindruck machen wollte. Mein braunes Wollkleid ist lächerlich unmodern und hat Flicken, die sich nicht gut mehr verbergen lassen – du erlaubst ja nie, daß Theobald mir dergleichen schenkt... Mama, du hast vergessen, daß du auch einmal jung gewesen bist; oder vielmehr, du kannst nicht begreifen, wie ich fühle und leide, denn deine Jugend war ja so ganz anders!... Wenn ich dort dein Bild ansehe und den weißen Atlas mit meiner brillantesten Toilette, eben dem kostbaren braunen Wollkleide, vergleiche, dann frage ich: Warum bin ich ausgestoßen aus dem Paradiese, in dem du, Mama, leben und glänzen durftest?«
Die Blinde stöhnte und schlug die Hände vor das Gesicht. »Ich bin auch jung und von edlem Geschlecht!« fuhr die Tochter unerbittlich fort. »Ich fühle auch den Beruf in mir, oben zu stehen und mit den Großen zu verkehren, und muß elend in einem dunkeln Winkel verkümmern!«
War es Frau von Zweiflingens Absicht gewesen, ihr Kind, frei von Eitelkeit und Weltlust, für eine anspruchslose, bescheidene Lebensstellung zu erziehen, dann hatte sie unklugerweise einen beredten Gegner außer acht gelassen, der unausgesetzt und energisch ihren Bestrebungen entgegenwirkte – es war der Spiegel. Wenn auch die dürftige Talgkerze kaum ein halbes Dämmerlicht im Zimmer verbreitete, so daß nur das weiße Licht des jungen Mädchens, die bleichen Blumensterne in ihrem Haar und hier und da ein Streifen der hellen Seidenrobe aufleuchteten – das deckenhohe Glas warf doch eine Erscheinung zurück, die in ihrem stolzen Gesamtausdruck, in dem verführerischen Reiz ihrer tadellosen Formen durchaus nicht mit der einsamen und harmlos verblühenden Waldanemone verglichen werden durfte.
»Von dem ganzen großen Familienvermögen ist nicht ein Groschen für mich verblieben«, sprach Jutta beharrlich weiter, während die blinde Frau, das Gesicht in den Händen vergraben, bewegungslos schwieg. »Du sagst, Papa habe es durch Unglücksfälle und falsche Freunde verloren – gut, das ist nicht zu ändern; aber dann mußten von deiner und Papas Seite Schritte geschehen, mich wenigstens standesgemäß zu versorgen... Vor einigen Tagen las ich, daß die Töchter verarmter Adelsfamilien meist als Hofdamen untergebracht werden – das hat mich sehr aufgeregt, Mama; ich muß fortwährend darüber nachdenken, weshalb du mir den einzigen Weg zu einem glänzenden Leben verschlossen hast.«
»So – das wäre also dein unumwundenes Glaubensbekenntnis, Jutta!« sagte die Blinde tonlos; ihre Hände sanken langsam in den Schoß. Die leidenschaftlich hervorbrechende Heftigkeit der Frau war plötzlich wie erloschen, wie vernichtet unter einem ungeahnten moralischen Schlag. »Und ich habe gewähnt, das Blut durch die Erziehung bekämpfen zu können! Alle Eigenschaften unserer Kaste, da sind sie ja: die Genußsucht, der Hochmut, der Trieb, es den Höchsten gleich zu tun – und reichen die eigenen Mittel nicht aus, nun so schraubt man den Stolz um so und so viel Grad tiefer und mischt sich wenigstens unter den dienenden Troß, um sich von der Gnadensonne beglänzen zu lassen... Ich wollte dich nicht in jener Sphäre wissen, die du das Paradies, nennst, hörst du?« fuhr sie heftiger fort, indem sie sich mit den Händen auf die Seitenlehnen des Stuhles stützte und so ihre halbgelähmte Gestalt höher aufrichtete; »eher würde ich dich eigenhändig hier im alten Waldhause vermauern!... Das mag dir vorläufig genügen. Später, wenn du gereift und nicht mehr so kindisch unverständig sein wirst, und wenn ich nicht mehr bin, soll Theobald dir meine Gründe sagen!« Sie lehnte sich erschöpft zurück und ließ die Lider über die Augen sinken.
3
Es war mit einemmal still geworden im Zimmer, Jutta wagte kein Wort der Erwiderung mehr. In dem Blick, den sie auf die Kranke heftete, lag doch etwas wie Scheu, Furcht und ein plötzlicher Schrecken über die eigene Kühnheit. Sie ging einigemal auf und ab; die kleinen Füße glitten unhörbar über die ausgetretenen Dielen, als versänken sie im weichsten Teppich – nur das verhängnisvolle Seidenkleid knisterte und rauschte beim Hinstreifen über die Möbel. Draußen aber flog der Sturm im jähen Aufbrausen um die alten Turmmauern. Die letzten Blätterreste der ächzenden Baumwipfel rasselten, im wilden Gemenge mit dem Flockenwirbel, gegen die Fensterscheiben, und droben in luftiger Höhe klatschten und knarrten die verwahrlosten Laden der Dachluken hilflos auf und zu.
In diesen allgemeinen Aufruhr mischte sich plötzlich der Ruf einer menschlichen Stimme.
Zur Sommerzeit lag das Waldhaus nicht so gänzlich vereinsamt, als man hätte denken sollen. Der Fahrweg, den Sievert anfänglich betreten, führte, ungefähr dreißig Schritte entfernt, an der Nordseite des Hauses vorüber. Er lief ziemlich gerade über den hier sehr flachen Bergrücken in der Richtung nach A. und vereinigte sich drunten wieder mit der Landstraße, die in weitem Bogen den Fuß des Berges umschrieb – er verkürzte die Strecke zwischen Neuenfeld und der Stadt um mindestens eine halbe Stunde. Dieser Umstand und die köstliche Waldeskühle machten, daß der Weg nicht allein von den Holzfuhrknechten benutzt wurde. Die Dorfleute gingen hin und wieder und kehrten auch öfter bei Sievert ein, um kleine Bestellungen für ihn in der Stadt zu besorgen. An heißen Tagen aber vermieden auch die Reisenden zu Wagen die staubige Landstraße und vergaßen auch die holprigen Geleise über dem Frieden und der grünen Dämmerung des Waldes. Diese Lebensader, die das Dickicht durchlief, wurde den Bewohnern des Waldhauses freilich nur bemerkbar durch herüberklingendes Lachen und Plaudern von Menschenstimmen, lustiges Peitschenknallen und bei trockenem Wetter durch das Rasseln der Räder – ebenso wußten die wenigsten, die da drüben vorüberzogen, um das Dasein des uralten Jagdschlößchens im Herzen des Waldes, denn ein wildverwachsenes Unterholz, überragt von dicht gescharten Buchenkronen, trennte das Haus von dem Fahrweg. Mit dem Eintritt des Winters jedoch verstummten die Laute eines lebendigeren Verkehrs vollständig. Nur die Dohlen, die, seit Jahrhunderten auf den Türmen nistend, ihre Geschlechtstafel getrost neben die verwitterte drunten in der Halle hängen durften, und die ihr angemaßtes Vorrecht im Walde zäher und hartnäckiger zu behaupten wußten, als die besiegelten Pergamentstreifen des Herrn von Zweiflingen es vermocht hatten – sie kreisten flügelklatschend über dem einsamen Hause, und ihr mißtönendes Geschrei war oft wochenlang die einzige Lebensäußerung, die von draußen her in das stille Turmzimmer drang.
Der vereinzelte Ruf einer Menschenstimme war demnach von überraschender Wirkung für die beiden Frauen. Die Blinde fuhr empor aus ihrem apathischen Hinbrüten, und Jutta öffnete rasch den Flügel des einen unverhüllten Fensters. Mit dem Windstoß, der ihr entgegenfuhr, drang auch deutlicher ein wiederholter Ruf herein, das laute Hallo einer Männerstimme; es klang von der nördlichen Seite des Hauses herüber und galt offenbar Sieverts erleuchteten Fenstern. Eine halbverwehte Antwort des alten Soldaten erfolgte, und nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Fremden kam er aus seiner Stube und schritt nach der Haustür.
Jutta nahm das Licht und ging hinaus in die Halle in dem Augenblick, wo Sievert den schweren Türflügel zurückschlug und, auf die Galerie tretend, eine brennende Laterne in die undurchdringliche Finsternis hinaushielt.
Rasche, feste Schritte kamen über den schmalen Wiesenfleck, der sich vor dem Hause hinstreckte. Am Fuß der Treppe machten sie halt, und gleich darauf trippelten ein Paar leichte Füßchen die Stufen hinauf.
»Meine beiden Kutscher sind auf den Tod erkrankt«, sagte draußen eine tiefe Stimme von sehr angenehmem Klang, wenn sie auch im Unwillen und, wie es schien, infolge körperlicher Anstrengung bebte. »Ich war gezwungen, mit dem Postillon zu fahren, und weil der Mensch während des Sommers meist den Holzfahrweg benutzt hat, so ist er einfältig genug, auch in dieser entsetzlichen Nacht in den engen, bodenlosen Schacht einzubiegen. Der Sturm hat uns wiederholt die Laternenflammen ausgeblasen, und mein Wagen steht da drüben wie eingemauert. Ist nicht jemand da, der bei den Pferden bleiben möchte, bis der Postillon Vorspann geholt hat, und können wir einstweilen hier eintreten?«
Jutta trat rasch in den Bereich der Tür. Sie hielt die Hand schützend vor das flackernde Kerzenlicht; dadurch wurde der Strahl desselben doppelt kräftig auf das Gesicht und die Büste des jungen Mädchens geworfen, und wie sie so dastand, den blumengeschmückten Lockenkopf mit dem Ausdruck lächelnder Spannung vorgeneigt, während der Flammenschein des Kamins hinter ihr aufzuckte und die Bilder und Hirschköpfe als nebelhafte, fremdartige Gestalten von den Wänden herabdämmerten – da mußten wohl die in Sturm und Nacht draußen Stehenden unwillkürlich an eine jener wunderholden Erscheinungen denken, wie sie das Märchen in alten verzauberten Schlössern walten und weben läßt.
Bei Juttas Hervortreten erschien denn auch sofort ein kleines, ungefähr sechsjähriges Mädchen auf der Schwelle und sah mit neugierigem Erstaunen zu der jungen Dame empor; es war so winterlich vermummt, daß nur ein schmales Näschen und ein paar groß und weit aufgeschlagene Augen sichtbar wurden; aber diese Umhüllung erschien in allen Einzelheiten höchst elegant und von kostbarem Stoff. Das Kind trug einen ziemlich umfangreichen Gegenstand auf dem Arme, über den es sorgsam das Mäntelchen hielt... Und jetzt tauchte eine Männergestalt aus dem Dunkel empor – unter der dunkelglänzenden Pelzverbrämung der Mütze leuchtete förmlich die tiefe Blässe eines sehr vornehmen Gesichts. Die Hast, mit der der Herr plötzlich die Stufen heraufsprang, mochte möglicherweise auch dem Gefühl augenblicklicher Überraschung entspringen – dagegen zeigten die Züge bereits wieder eine vollkommene Gelassenheit, als er Jutta gegenüberstand. Er schob das Kind in die Halle und verbeugte sich leicht, mit der ganzen Ungezwungenheit des vollendeten Kavaliers, vor dem jungen Mädchen.

