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Friedrich Lotter Aus dem Dunkel
Aus dem Dunkel
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Friedrich Lotter Aus dem Dunkel

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Prüfungen für uns waren demgegenüber die Anpöbelungen auf der Stra­ße. Ich habe noch eine Narbe an der Stirn von einem solchen Vorfall. Als ich einmal die Straße entlang ging, mar­schier­te eine HJ-Ab­tei­lung mit Fahne vorbei. Da sprangen ein paar Jungen auf mich zu und stießen mich gegen die Wand, weil ich die Fahne nicht ge­grüßt hatte. Als Jüdin durfte ich aber die Fahne gar nicht grü­ßen, im Ge­gen­satz zu "deutschen" Mädchen. Ich habe furcht­bar geblutet.

Schon 1933 wurde mein Vater als Leiter der Säuglingssta­tion ent­lassen. Auch die Krankenkasse bedurfte seiner Dienste nicht mehr. Bei immer schwä­cher werdender Privatpraxis wurde das Ver­dienen des Le­bensunterhalts für die vierköpfige Familie immer mehr zum Problem. Als mein Vater keine nicht­jüdi­schen Pa­tien­ten mehr hat­te, gab meine Mutter Eng­lisch-Kurse. Die ganze Ge­meinde hat bei ihr Englisch gelernt, sie woll­ten ja alle auswandern. Meine Mut­ter musste die Lek­tio­nen vor­her erst selbst ler­nen, war den Schü­lern immer gera­de eine Lek­tion vor­aus.

Wir haben auch ein Zim­mer an einen nichtjüdischen Geigen­leh­rer ver­mietet. Er war ent­schiedener Anti­na­zi und hat bis zum Som­mer 1938 in diesem Zimmer in unserer Wohnung Geigenstunden gegeben. Eines Tages kam er dann zu mei­nen El­tern und er­öff­nete ih­nen, dass er nicht mehr bei ihnen unter­rich­ten dürfe. Er bat sie um Verständ­nis, er ­sei ganz außer sich, aber er hätte große Schwie­rig­kei­ten, die Schüler durften nicht mehr kom­men. Bis dahin konnte auch die Klavierlehrerin noch in unser Haus zum Unterricht kommen, auch das war nun nicht mehr ­mög­lich. Auch sie musste uns ab­sagen, es tat ihr schreck­lich leid.

Mein Vater gehörte dem Vor­stand der jüdischen Gemeinde an. Daneben war er auch in der ­Har­den­berg-Loge tätig. Dies war eine jüdische Loge, die nach dem Verbot der anderen Logen noch fort­be­stand. Sie be­fand sich in einem schönen Gartenhaus am Wilhelms­platz. Wir hat­ten dort auch unse­re Heim­aben­de von den "Werk­leu­ten". Wir haben dort einen Chor ge­habt und viel Musik ge­macht. Wäh­rend der Ver­samm­lun­gen kam mit­unter ein SA-Mann und kon­trol­lier­te. Wir waren jedoch infor­miert, wor­über wir dann zu sprechen hatten, und was wir zu sin­gen hatten. Das Thema wurde so­fort ge­wech­selt.

Wir sind schon als junge Mäd­chen zu den "Werkleuten" gegan­gen, die aus den "Ka­meraden" hervorgegangen waren. Mein Bru­der, der drei Jahre älter war, ge­hörte schon lange dazu. Die "Ka­me­ra­den" waren noch in kei­ner Weise zio­ni­stisch aus­ge­rich­tet, sie stan­den dem Wan­der­vo­gel nahe, ver­anstal­te­ten Heim­aben­de, hatten La­ger, san­gen Lands­knechts­lie­der wie die an­dern deut­schen Bünde. Der Wan­dervo­gel wurde jedoch zuneh­mend anti­semi­tisch. Daher waren rein jüdische Wander­bünde gegrün­det worden. Die "Werkleute" waren bereits zio­nistisch aus­gerichtet, M­artin Buber hat sie stark beeinflusst. Sie sorgten auf die best­mögliche Weise für die Stärkung unsere­s Selbstbewusstseins. Wir pilger­ten sonn­tags hin­aus zu einer Wiese im Eich­wald, hielten Völ­ker­ball­tur­niere ab, sangen Lands­knechts- und hebräische Pionierlieder durchein­ander, saßen im Krei­se auf dem Gras, im Schnei­der­sitz, diskutierten über die Welt­pro­bleme, ­den Chas­si­dismus und die Kibbuz-Bewegung. Wenn wir durch die Wälder radelten, immer auf der Hut, zu zweit oder zu dritt, um nicht Auf­merksamkeit zu erregen, träumten wir von der judäi­schen Wüste, den Bergen Galiläas und der wunderbaren Frei­heit, die uns dort erwartete. Wir fühlten uns inzwischen als Fremde in dem Land unserer Geburt, das so sehr darauf aus war, uns loszuwerden.

Gleichzeitig mit den wachsenden Einschränkungen und Schikanen der Nazi-Zeit intensivierte sich das kulturelle Leben. Da zahl­lose ­jü­di­sche Künstler entlassen waren und sozusagen auf der Stra­ße lagen, ­konn­ten sie nur noch im ei­ge­nen Rah­men wir­ken. So erschienen jetzt in unserer Provinzstadt angese­hene Musiker, Schauspieler und Schrift­steller, um im Saal der Hardenberg-Loge, und nach der Beschlagnahme dieses schönen Hau­ses in dem nüchternen Gemeinde­saal über der Synagoge ihre Kunst darzubieten. Alle wurden in unserm Haus empfangen, dort wurde musiziert, rezitiert, disku­tiert, und so konnte man immer etwas Neues hören und erleben. Meine Eltern führten ein offe­nes Haus, es gab viel Gesellig­keit. Hausmusik wurde veranstaltet, meine Mutter hat gesungen. Ich wurde als unentbehrliche Notenum­blät­te­rin in diesen Kreis hineingezogen und hatte mei­nen An­teil an dem Applaus für die Klaviervirtuosen. Wesentli­cher war aller­dings der Bei­trag meines Bruders, der sich als Beglei­ter, Solo­pianist und sogar als Komponist hervortat. Sein erster größerer Auftritt erfolgte bei den Kinder­szenen von Schu­mann, diesen Ton­dichtungen von den Freuden und Leiden, Äng­sten, Grü­be­leien und Träumen einer heilen Kindheit. Eben der, die unsere Eltern für uns geplant hatten, bevor ein böser, mäch­tigerer Wille ein­griff.

Aus dem Sprechzimmer meines Vaters hörte man immer seltener Baby­ge­schrei, manchmal verstummte es für ganze Stunden, be­sonders, wenn der SA-Mann auf der Straße patrouillierte und je­den, der mit einem Kind ins Haus trat, nach Namen und Anliegen fragte. Die weni­gen, die der ruhigen Autori­tät meines Vaters zuletzt noch die Treue hielten, kamen oft erst nach An­bruch der Dunkelheit oder baten ihn telefonisch um einen abendlichen und nächtli­chen Besuch. Meine Mut­ter, von Jugend auf zionistisch orientiert, drängte auf Auswanderung nach Palästina. Mein Vater pflegte auf schlim­me Geschichten stets mit dem Ausspruch zu reagieren: "Das glau­be ich nicht!"- In der Emigra­tion - und die Ali­jah, der "Auf­stieg" ins Land Isra­el war für ihn nichts anderes - sah er ­nichts als ein Kapi­tu­lieren, ein fatales Ak­zeptieren des Sieges des Bösen über das Gute. Seine Gäste führ­te er nach wie vor in die alten Frankfurter Messehäu­ser, zum Geburtshaus von Hein­rich von Kleist, zeigte ihnen das Kunersdor­fer Schlachtfeld oder den exo­tischen Baum, Gingko bilo­ba, den er in den Anlagen ent­deckt hat­te, und dekla­mierte dazu das Gedicht, das Goethe einst bei der Betrach­tung eines Baumes dieser Art in Heidel­berger Schlosshof nieder­geschrie­ben hatte.

Doch war meine Kindheit keine glückliche. Nicht wegen des sich immer mehr verfinsternden Himmels, denn was wusste ich schon von dem Grauen, das in der Zukunft wartete, sondern weil über ihr die große, schwarze Wolke des Abschieds lag. Mein Vater hatte be­schlossen, nicht auszuwandern. Ande­re, viele nahe Ver­wandte und Freunde, entschie­den sich anders. Häuser, in die wir gewohnt waren einzutreten, wur­den zu abweisenden Fassaden. Um den Weg­gezogenen in ihre neuen Wohn­orte zu folgen, mussten wir, neben der Palä­stina-Karte, Knaurs großen Weltatlas zu Rate ziehen. Oft bedurfte es der Wanderung über mehrere Länder, um die verstreu­ten Mitglieder einer bis vor kurzem noch glücklich vereinten Familie aufzufinden.

­ Hirsch­bergs waren die er­sten, die weg­gin­gen, schon 1933, ohne zu zö­gern. Onkel Josef und Tante Else, wie wir sie nannten, waren die besten Freunde unserer El­tern gewesen. Onkel Josef besaß ein Riesen­grundstück mit Gar­ten, Wiese und Wald am Rande der Stadt, ein Para­dies unserer Kind­heit, bald ein ver­lorenes Paradies. Damals war Traud­chen Lapi­das noch da, die unzertrennliche Ge­fährtin meiner frühen Kind­heit, die Tochter des Kultusbeamten der jüdi­schen Gemeinde. Unter seinen verschiedenen Ämtern und Pflich­ten fiel ihm auch die Aufgabe zu, an den hohen Feiertagen den Scho­far, das uralte Wid­derhorn, zu blasen. In den letzten Monaten vor ihrer Abreise waren wir sehr aktiv. Ich schrieb Ge­schichten, sie illustrierte sie und band sie ein, und dann ver­kauften wir sie für teures Geld an wohlmeinende Be­kannte, eine Mark oder 1,50 pro Buch. Dann ging sie mit ihren Eltern nach Palästina, und ich schloss mich für eine Woche in mein Zimmer ein und war für nieman­den zu spre­chen.

In den ersten Jahren predigte unser Rabbiner, Ignaz Maybaum, der angesehe­ne und auto­ritäre Seelsorger unserer Gemeinde, noch gegen die Klein­gläubi­gen, die nicht standhalten wollten. Eines Tages verschwand aber auch er, zunächst nur ins Ge­fängnis, und wir mussten uns für seinen kleinen Sohn Mi­scha alle möglichen Ablenkungen ausdenken, damit er nicht zu oft nach sei­nem Vater frag­te. Irgendwann packte auch er seine Sie­bensachen, nahm seine Frau, den krausköpfigen Mischa und das Ba­by, und suchte das Weite.

Im Laufe der Zeit wurde es eine Ge­wohn­heit, auf den Bahn­hof zu ge­hen, wenn jemand abfuhr. Wir wink­ten, bis der Zug außer Sicht war, dann gingen wir nach Hause und brü­teten. In den letz­ten zwei Frank­fur­ter Jahren, 1937/38, hatten alle unsere gro­ßen Brü­der und Schwe­stern von den "Werkleu­ten" die Stadt ver­las­sen. Wir elf- bis dreizehnjährigen Jungen und Mädchen versuchten, unsere Verwaistheit mit gesteiger­ter Aktivi­tät zu verdrängen. Führerlos zurück­geblieben mussten wir uns nun selbst führen, auch nach außen hin. In be­stimmten Abstän­den musste ich mich als klei­nes Mädchen mit Pony und Stupsnase, doch "Orts­grup­pen­lei­te­rin der Werkleu­te", bei der Kri­mi­nal­poli­zei melden. Das war immer ein allgemei­nes Gaudium, und keiner von den jovialen Be­amten sprach anders mit mir als mit amüsiertem Augenzwin­kern.

Anders war es bei der Gestapo, wohin ich einmal, mitten aus der Ge­schichtsstun­de her­aus, abge­holt wurde - zum Entsetzen mei­ner Mit­schüle­rin­nen. Man brachte mich in einen großen kahlen Raum. Dort traf ich eine Reihe von Bekannten, alles ältere Herren, die irgendwelche öffentli­chen Ämter in der jüdischen Gemeinde beklei­deten. Wir mussten uns alle mit dem Gesicht zur Wand stellen, sehr lange, ohne dass et­was geschah. Ich sah, wie dem alten Herrn neben mir die Knie zitte­rten und sein Körper hin und her zu schwanken begann. Irgendwan­n fing eine Stimme hinter uns zu schreien an, zu toben, zu fluche­n, zu drohen. Ich verstand nichts, war nur beschäftigt mit der Fra­ge, ob ich den alten Herrn auffangen sollte, wenn er umfiel, oder feige an der Wand stehen bleiben würde. Aber irgendwann war alles zu Ende. Wir durften den Raum ver­las­sen, vorbei an dem Schrei­er, der unseren Auszug mit bösen Au­gen verfolgte. Kei­ner hatte Hand an mich gelegt, aber der Ton, den man mir ge­genüber an­schlug, das unsin­nige Ge­schimp­fe, Gebrüll und die offe­ne Dro­hung, das Thea­ter, das man in­szenier­te, hätte mich trotz aller Nai­vität damals schon leh­ren müssen, was sich da vorbe­rei­tete. Doch ich erzählte nie­mandem ein Ster­bens­wört­chen.

Als auch mein Vater endlich erkannte, dass sein Glaube an das "gu­te" Deutschland verfehlt war, wandte er seine ganze geistige und seelische Kraft der neuen Heimat zu, dem Land Israel. Wenn er etwas tat, tat er es ganz. Er erweiterte seine hebräi­schen Sprach­kenntnisse, las die Bibel mit Hilfe der Buber-Übersetzung, versuchte sich an neuhebräischen Schrift­stellern und Dich­tern wie A­gnon und Bialik, be­schäftigte sich mit Geografie und Geschichte von Palästina und ver­tief­te sich in die Briefe von Freun­den und Verwandten, die von den Schwierig­keiten erzählten und den Bemühungen, mit ihnen fertig zu wer­den. Be­trüblich an der neuen Orien­tierung war nur, dass sie zu spät kam. Infolge der gespannten Lage hatten die britischen Be­hörden die Ein­wan­de­rungs­poli­tik geändert. Es gab nur noch eine begrenzte Zahl von Zertifikaten, hauptsächlich für Jugend­liche und für Kapita­listen. Meinen Eltern aber war es aber unmöglich, nach fünf Jahren Hitlerregierung noch die verlangten 1ooo Pfund aufzubrin­gen.

Im Spät­som­mer 1938 erhielt ich jedoch aus Berlin ein Auswan­de­rungs­zer­ti­fi­kat für die Jugend-Alijah. In der Jüdi­schen Rund­schau für Kin­der war eine Ge­schi­chte von mir ge­druckt wor­den, dafür gab mir die Jugendhilfe ein Sti­pendi­um für das Kin­der­dorf ­Be­n She­men, das für drei Jahre galt. Ich war da­mals drei­zehn Jahre alt. Als meine Mutter mich bei dem Direk­tor des Lyzeums abmelde­te, sah er sie un­gläubig an: "Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie ein drei­zehnjähriges Kind ohne Eltern in die weite Welt schicken?" "Was schlagen Sie denn vor, Herr Direktor?" fragte meine Mutter. Der Direktor schwieg.

­Am letzten Schultag vor dem Ab­schied kam meine Freundin Ingeborg auf mich zu und sagte: "Ich wün­sche dir viel Glück, aber glau­be mir, es ist gut, dass du uns verlässt. Denn die Kluft, die uns voneinander trennt, ist wohl doch nicht zu überbrücken". "Ja, da wirst du wohl rech­t haben", ant­wortete ich. Am Tag, bevor ich Frank­furt für im­mer, wie ich glaub­te, ver­ließ, an einem der letz­ten Sep­tem­ber­ta­ge, nahm ich mit mei­ne­m Bru­der auf einem Spa­zier­gang durch die An­lagen Ab­schied. In Frankfurt war damals schon niemand mehr von meinen früheren Freun­den. Alle waren entweder schon ausge­wandert oder zeitweilig nach Berlin gezogen.

Zunächst fuhr auch ich nur nach Berlin. Ich meldete mich bei der Ju­gend­hil­fe in der Mei­ne­ke-Stra­ße. Die­ser Kom­plex beher­berg­te alle mög­li­chen zio­ni­sti­schen In­stitu­tio­nen. Zunächst wurden wir auf einem Gut unweit von Berlin auf unsere neue Zukunft in Palästina vorberei­tet. Wir arbeiteten in Haus, Garten und Feld, lernten Hebräisch, sangen und tanzten palästinensi­sche Volkstän­ze und diskutierten das Blaue vom Himmel herunter. Als das Lager zu Ende war, enthüllte man uns, dass für uns fünfzig Kinder nur 25 Zertifikate bereit lagen. Die Leiter des Lagers, junge Leute von 21, 22 Jahren, mussten entscheiden, wer fuhr und wer blieb. Zu ihrem Glück wussten sie damals nicht, dass sie über Tod oder Leben zu beschließen hatten. ­N­ach­her ging alles sehr schnell. Jetzt war ich die­je­ni­ge, die am Anhalter Bahn­hof im Zuge saß, und die an­dern stan­den unten am Fenster. Mein Bruder Alfred rei­ste einen Monat später aus, er bekam ein Studen­ten­zer­tifi­kat für die Mu­sik­schu­le in Jeru­sa­lem, die damals ge­gründet worden war. Gleich nach sei­ner Ab­fahrt kam die "Kri­stall­nacht".

Ich fuhr auf dem Schiff zusammen mit der verwitweten Frau Aron­heim und deren beiden jüngeren Söhnen Hermann und Peter nach Palästina. Als knapp Vier­zehn­jäh­rige kam ich in ein neues Land - kein frem­des, denn ich hatte ihm schon jahre­lang entgegen­ge­träumt. Dennoch war alles anders, das Licht, die Far­ben, Gerü­che, Stim­men, Ge­sichter, man aß andere Speisen, kleidete sich anders, las ande­re Bücher. Bäume und Blumen hatten keine Namen, und die neue Sprache reichte trotz der jah­relan­gen Studien nur für gerade das Allernötig­ste. Ich stand vor der Fra­ge, ob ich, um die­ses Neue und Fremde mir anzueignen, all das biss­chen Wissen, das ich von meinem ersten Zuhause mitgebracht habe, hin­ter mich werfen, es verges­sen, mit der Vergangen­heit bre­chen muss.

An den er­sten Tag im neuen Land er­inne­re ich mich noch ganz ge­nau. Am Abend unserer Ankunft gab es Schieße­reien, das Land war unru­hig, die Fahrt vom Hafen zum Jugend­dorf Ben Schemen leg­ten wir in einem ge­panzer­ten Wagen zu­rück. Einige der jüngeren Lehrer waren gegen Angrei­fer ausgezo­gen, wir lagen mit unseren neuen Gefährten im Dunkeln auf dem Fußboden und zit­terten um ihre Si­cherheit. Aber als uns die Kin­der am Morgen den Hügel herauf zum wöchentli­chen Schabbat­­konzert führten, war davon nichts mehr zu spüren. Die große Essba­racke, in der das Kon­zert stattfand, war vollgestopft mit jugend­lichen Zuhörern. Die beiden Musikleh­rer des Dor­fes spielten Violinsonaten von Mozart und Beet­ho­ven, ein Mädchenchor sang Duette von Mendels­sohn mit hebräi­schem Text und Lieder der Dichterin Rachel, die wir schon kann­ten. An diesem Morgen muss ich wohl glücklich gewe­sen sein, weil Mozart und Beet­hoven für die Gebor­genheit und das Zuhause Sein standen, und weil sie so schön und richtig klan­gen auf dem Hügel im neuen Land, und weil sich die hebräischen Worte so schön ein­fügten in die Melo­dien von Mendelssohn, und weil all das eine feste Brücke bildete zu den zurückgebliebenen Eltern und dem Land der Ge­burt, und weil sich plötzlich heraus­stell­te, dass etwas neu begin­nen kann und zugleich auch weiterge­hen, ohne Bruch.

Unser Vater wurde in der Kristallnacht mit vielen anderen ver­haf­tet und kam nach Sach­sen­hau­sen. Da­mals hieß es, wer ein Ein­reise­visum für irgend­ein Land ­vor­wei­sen kann, wird entlas­sen. Zu die­ser Zeit woll­ten sie die Juden nur los wer­den, noch nicht um­brin­gen. Aber wie an ein Zertifikat kommen, das für die Einreise in Palä­stina ­erforderlich war? Ei­ne Schwe­ster unse­rer Mut­ter, Lucy Nel­ken, Frau eines ange­sehe­nen Arztes hier in Jerusa­lem, im Grunde eine sehr schüch­ter­ne, zurück­hal­ten­de Frau, ist damals von Haus zu Haus gepil­gert, um von allen Bekannten, Freunden und Patienten ihres Mannes Geld zu er­bit­ten. So hat sie tat­säch­lich die erforderlichen 1000 Pfund zu­sam­men­gebet­telt. Was sie das geko­stet haben muss, kann man sich gar­ nicht vor­stel­len.

Nun war das Pro­blem, wie man dieses Geld sicher nach Deutsch­land brin­gen konnte, denn meine Mutter musste der britischen Botschaft einen Bankbe­leg vorweisen. Wir hatten eine Ver­wandte, eine Cousine zweiten Grades meiner Mutter, die Tochter des sephar­dischen ­Chief Rab­bi von London, Irene Gaster. Sie hat sich in Isra­el für geist­esschwache Kin­der enga­giert und Heime und eine Gesell­schaft für behinderte Kinder, Akim, gegrün­det. Sie kam als eng­li­sche Staats­bürgerin mit dem Geld nach Deutsch­land. Tat­säch­lich erhielt meine Mutter dann das letzte Zer­tifikat, das da­mals aus­gege­ben wurde. Sie stand in der Reihe vor der Visumaus­ga­be, und gerade als sie dran war, ging der Schal­ter zu. Sie war völlig ver­zwei­felt und prote­stier­te so ener­gisch, dass sie schließ­lich das Zerti­fikat doch noch bekam. Später wur­den keine Zer­ti­fikate mehr aus­gegeben.

­Auf­grund dieses Zerti­fi­kats wurde ­dann mein Vater freigelassen. Im März 1939 kamen die Eltern nach Palästina. Mein Bruder und ich durften sie im Hafen von Tel Aviv in Emp­fang nehmen. Der neue Hafen war wegen der arabi­schen Unruhen in aller Hast instandgesetzt und ausge­baut worden. Mein Vater kam völ­lig verändert ins Land, ein gebrochener Mann. Er hatte schon im Lager einen Parkinson-Anfall bekommen, vor­her war er kerngesund gewesen. Er konnte hier auch zunächst nicht mehr praktizie­ren. Als er nach längerer Zeit doch die Lizenz be­kam, war er bereits zu krank und wurde immer kränker. Mei­ne Eltern hatten es sehr schwer. Wir waren auch zu jung, um ihnen hel­fen zu können.

In Ben Shemen gab es ein Kinder- und ein Jugenddorf, geleitet von dem berühmten Erzieher Dr. Sieg­fried Lehmann, einer großen Persönlichkeit. Wir hat­ten auch sonst die be­sten Lehrer, einer von ihnen wurde später einer der berühm­testen israelischen Schriftsteller. Wir hatten auch Orches­ter und Chöre, es war ein Kulturpa­radies. Mit dem Jugenddorf war auch eine landwirtschaftliche Schule ver­bunden. Ich wollte aber schrecklich gern weiter auf das Gymnasium gehen, und so wurde mir schließlich das dritte Jahr von Ben Shemen ausbe­zahlt, damit ich in Jeru­salem ein Gymnasium besuchen konnte.

Ich erhielt dann noch ein Stipendium, das mir den weite­ren ­Be­such des Gymnasiums ermöglichte. Das war schon wäh­rend des Krie­ges. Für mich war es eine große Sache, denn das Gymna­sium zu besuchen war sonst bei den Neuein­wande­rern nicht üb­lich. Die an­dern Kinder stammten aus eta­blierten Familien. Ich mach­te auch immer die Schul­ar­bei­ten, wäh­rend die an­dern Schüler fau­lenz­ten. Aber sie hatten Ver­ständ­nis dafür, dass bei mir die Dinge anders lagen. Nach drei Jahren, 1943, habe ich das Ab­itur abge­legt. An­schlie­ßend lebte ich ein Jahr in dem Kib­buz Dorot in der Negev, öst­lich von Gaza. Das war ein jun­ger Kibbuz, damals erst ein Jahr alt. ­Dann ging ich an die Uni­ver­sität in Jeru­sa­lem, studierte Ju­dai­stik und jüdische Geschichte. Ich hatte dort berühmte Leh­rer, Baer, Al­lon, Dinur. Ich habe auch hebräi­sche Literatur ge­hört und schließ­lich an einem Kurs für engli­sche Litera­tur teilge­nommen. Den hielt ein Pro­fes­sor Isaacs, der ei­gens aus Lon­don kam. Die ganze Universität wollte zu ihm, er nahm aber nur zwölf Schü­ler, ich war da­bei - ein ganz großes Privileg.

Das Studium habe ich jedoch nicht beendet. Kurz vor dem Ab­schluss wurde ich nach Zypern geschickt, wo die großen Lager für die inter­nierten Immi­granten waren, welche die Engländer nicht ins Land lie­ßen. Vor allem Dinur schickte seine Schüler nach Zy­pern. Die Je­wish Agency küm­mer­te sich um die Inter­nierten und gab Geld für deren Ausbil­dung. Wir haben dort ein Seminar für Jugend­liche aufge­baut, die die Schule ver­lassen und nichts zu tun hatten. Es gab ein Som­mer- und ein Win­ter­la­ger. Es war eine gute Sa­che, die Schüler waren vor­bild­lich, sie sogen jedes Wort auf.

Auf Zypern habe ich gehei­ra­tet. Mein Mann, David Brodski, war aus Polen am Anfang des Krieges über Russland und Japan nach Ame­rika geflüchtet. Er wurde dann ame­ri­ka­ni­scher Sol­dat und bekam bei der Ent­las­sung eine Geld­summe von der Armee. Für Sol­daten, die stu­die­ren wol­lten, gab es die GI-Bill, monat­lich eine reich­liche Summe für das Stu­dium. Er stu­dierte in Jeru­salem, ging jedoch dann wie ich nach Zypern, und dort haben wir uns kennen gelernt.

Ich erinne­re mich noch an die Nacht, als der Staat Israel ausge­rufen wurde. Als ich von Zypern zu­rück­kam, war schon der Be­frei­ungs­krieg im Gange. Ich ging nicht mehr an die Uni­ver­sität, sondern auf die Musikaka­demie. Musik zu studie­ren war mein ei­gentlicher Wunsch. Auch mein Bruder war Musi­ker. Musik war ein wichtiger Bestandteil unserer Jugend­zeit gewe­sen, sie steht für das, was uns das Land unserer Ge­burt nicht nehmen konnte, als es uns verstieß, dahin, wo wir hingehö­ren, und wohin wir ohne den Druck der Verfolgung wahrscheinli­ch nie ge­langt wären.

Ich habe dann ­l­ange Zeit in der Mu­sik­ab­tei­lung am is­rae­li­schen Rund­funk gear­beitet. Ich wurde durch Serien über Komponi­sten be­kannt, die mit Schau­spie­lern und Musi­kern gestaltet wurde. Eine ganze Gene­ration hat ihre musika­lische Bil­dung aus die­sen Pro­gram­men bezo­gen. Ich habe mich dann 1986 frühzei­tig pen­sio­nie­ren las­sen. Ich wollte mich noch meinen literarischen Interessen widmen, einige Bücher schreiben. Jahrelang habe ich dann an einer Rilke-Bio­gra­phie gear­beitet, mit Gedichten und Briefen. Etwas Derarti­ges gab es in Ivrit, in Neuhebräisch, über­haupt nicht. Dann habe ich noch eine Anthologie deutscher Lieder her­ausge­geben, Texte in Ivrit zu der entsprechenden Musik. 1994 er­hielt ich in Weimar vom Goethe-Institut eine Me­dail­le für meine Aktivitäten auf dem Gebiet des literarischen und künst­lerischen Kulturaustausches zwischen Deutschland und Israel. Jetzt (1995) ar­beite ich an der Bio­gra­phie eines is­raeli­schen Kom­poni­sten, der auch aus dem Ge­biet von Posen stammt.

Bericht von Eldad (Alfred) Neumark, London, 23.6.1996.

Ich wurde 14 Tage nach der Ankunft meiner Eltern in Frankfurt geboren. Seit Ostern 1930 besuchte ich das Friedrichs­gym­nasium und hatte dort auch nach der Machtergreifung keine besonderen Schwierigkeiten mit Mitschülern. Das Problem war nach 1933 ganz allgemein, sich als Jude auf der Straße zu bewegen. Vor allem im ersten Jahr nach der Machtübernahme zogen dauernd Abteilungen der SA oder Hitler­jugend mit Fahnen die Straßen entlang. Wenn man die Hand nicht zum Hitlergruß hob, war das gefähr­lich, wenn man es aber tat und dann stellte sich heraus, dass man Jude war, war es noch gefährlicher.

Im Friedrichsgymnasiums hatte ich nur einmal ein unschönes Erlebnis. Während des Potsdamer Tages am 21. März war ein großer Fackelzug der gesamten Frankfurter Jugend geplant. Auch die Schüler des Friedrichs­gymnasiums sollten geschlossen daran teilnehmen. Meine Eltern waren damals noch verwirrter als viele andere und schickten mich mit. Ich marschierte also mit den andern mit einer Fackel. Natürlich wussten viele, wer ich war, und meine Hintermänner verpassten mir dauernd Fußtritte. Ich war völlig konfus.

Damals, mit zwölf Jahren, verstand ich nicht, warum ich an der deutschen Erhebung keinen Anteil haben sollte. Was hatte mein Judentum damit zu tun? Die Eltern konnten mir nicht helfen, sie waren selbst ratlos. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich durch die Jugendbewegung der "Werkleute" all-mählich meine jüdische Identität fand und verstand, dass ich ein anderer war. Ich begriff auch, dass dieses Anderssein keineswegs etwas Negatives war, dass ich im Gegenteil auf mein Jüdischsein stolz sein konnte.

Die Schule selbst vertrat keine anti­semi­tische oder prosemitische Haltung. Sie war sozusagen neutral. Es hing völlig von den einzelnen Lehrern ab. Ich erinnere mich gut an unsern Klas­sen­lehrer Dr. Schmidt, der zu sagen pflegte: "Ihr HJ-Jungen arbei­tet alle nicht, ihr geht raus, marschiert, schwenkt Fahnen. Was soll aus dem armen Deutschland werden, wenn nur die Juden hier arbeiten, denn das sind die einzigen, die noch etwas tun!" Zu uns war er jedenfalls sehr nett. Es gab nur zwei Juden in der Klasse, Herbert Cohn und mich. Ein Mitschüler und hoher HJ-Führer, Wolf, hat die Klas­se gewarnt, mir auch nur ein Haar zu krümmen. Erst später habe ich erfahren, dass seine Schwester und Ada gute Freundinnen waren.

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