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Marc Lindner Die verborgenen Geheimnisse
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„Was meinst du?“, fragte Hönnlin. „Meinst du, du kannst jetzt schlafen?“
Clara sah ihn an, überlegte kurz und schüttelte zaghaft den Kopf.
„Gut“, atmete Hönnlin erleichtert aus. „Ich würde ohnehin noch lieber eine halbe Stunde gehen, dann eine Rast einlegen und morgen sehr früh aufbrechen. Was immer auch passiert, ich glaube es ist besser, wenn wir denen kein zweites Mal begegnen.“
Clara nickte wie in Trance. Ihr war alles recht, solange sie nicht in die Nähe der Abtrünnigen musste. Bei Nacht durch den Wald zu gehen, war keine leichte Angelegenheit und sie kamen weit weniger schnell voran als am Tag und so gab es Hönnlin noch vor der halben Stunde auf. Fürs erste würde sie keiner einholen und wenn sie morgen früh losgingen, dann war die Fläche, die die anderen absuchen müssten viel zu groß, als dass sie eine Chance hätten sie zu finden. Aber Clara hatte schwer gelitten. Obschon sie mehr als müde war, fand sie lange keinen Schlaf. Auch kam sie aus dem Frieren nicht mehr heraus, weil Hönnlin kein Feuer wagte und wohl auch keines zustande bekomme hätte. Die einzige Wärme, die Hönnlin ihr geben konnte, war die seines Esels. Clara lag eng an seine Seite geschmiegt, da Hönnlin ihr versichert hatte, dass er ruhig schlief, erst recht, wenn er selbst seiner Wärme bedurft hatte.
Mit beginnender Morgendämmerung schreckte Hönnlin aus dem Schlaf. Er hatte ein Geräusch gehört. Er blickte sich bedächtig um. Es war wohl ein Tier gewesen. Trotzdem stand er auf und ging in einem weiten Kreis um ihr notdürftiges Lager. Es war kein Mensch weit und breit. Dennoch wurde er seine innere Unruhe nicht los als er vor Clara stand. Ihre Augen flackerten ängstlich im Schlaf. Er blieb unentschlossen stehen. Es war wahrscheinlich übertrieben, aber er wollte weiter. Aus Erfahrung wusste er, dass einzelne Grüppchen an Abtrünnigen selten weit verstreut waren. Oft gingen sie ihre eigenen Wege, aber doch hielten sie sich in den gleichen Gegenden auf. Es war sicherer Verbündete in der Nähe zu haben und wenn ihre Gäste von heute Nacht aufwachten, würden sie vielleicht Alarm schlagen.
Mit diesem Wissen bückte er sich. „Wach auf“, fuhr er ihr sanft an die Schulter. Sie war viel zu schnell wach und wollte sich gleich aufrichten. „Es ist alles in Ordnung. Ich möchte nur weiter.“
Clara nickte und stand auf. Der Aufbruch ging rasch von statten.
„Es tut mir leid, dass das passiert ist.“ Hönnlin machte sich deshalb große Sorgen.
„Sie konnten doch nichts dafür“, sprach Clara endlich und versuchte sich an einem Lächeln.
Sie schluckte angestrengt, da ihre Kehle ganz trocken war.
„Ich habe fürchterlich Durst“, sorgte sie sich jetzt um andere Dinge und ging zum Esel der unbekümmert hinter ihnen her schritt. Dort hing ihre Trinkflasche.
„Nimm nur kleine Schlucke“, riet Hönnlin dem eben erst auffiel, dass er das gleiche Bedürfnis empfand. Er griff zu seiner Flasche. „Sonst kullert das Wasser nachher in deinem Bauch.“ Er setzte zum ersten Schluck an. „Das ist kein gutes Gefühl.“
Clara zwang sich sichtlich nicht gleich die ganze Flasche zu leeren.
„Wie sieht es mit deinem Hunger aus?“, wollte Hönnlin wissen.
„Habe ich auch. Aber ich dachte es ist besser, wenn wir jetzt keine Rast machen?“
„Tapferes Mädchen“, lobte er Clara. „Ohnehin muss ich gestehen, dass wir nichts mehr zu essen haben.“ Hönnlin setzte eine Miene auf, die sein schlechtes Gewissen zeigte.
„Aber“, begann Clara verwirrt. „Aber sie waren doch alles zurückholen?“ Clara konnte das nicht recht verstehen.
„Ja und nein“, gestand Hönnlin. „Ich habe alles geholt, was wir wirklich brauchen. Viel von unseren Rationen hatten die Fünf ohnehin bereits in sich gestopft. Den Rest habe ich ihnen gelassen.“
„Aber wieso? Werden wir jetzt verhungern?“ Clara war gleichermaßen verwirrt und besorgt.
„Werden wir nicht. Nicht wenn du mit mir unterwegs bist und nicht zu dieser Jahreszeit. Wir werden alles finden, was wir brauchen. Wir werden nur etwas Zeit verlieren.“
Clara nickte bloß. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Ja, er hatte ihr bereits Einiges gezeigt, und die Pilze vom gestrigen Abend hatten sie selbst gepflückt. Aber konnten sie so viel finden, dass es für den Rest des Weges reichte?
„Du hast gefragt, warum?“, fuhr Hönnlin fort.
Clara nickte.
„Es gibt zwei Gründe“, erklärte er. „Erstens führen sie ein hartes und vielleicht ungerechtes Leben und die Freude wollte ich ihnen nicht nehmen.“
Das machte keinen Sinn, fand Clara.
„Zweitens musst du eines bedenken, merk dir das gut, man begegnet sich immer zwei Mal im Leben. Und selbst wenn nicht, so wollte ich sie freundlich stimmen, denn sie werden dies auch bei anderen Reisenden versuchen und dann ist es gut, wenn sie nicht böse gestimmt sind.“
„Aber sie sind doch böse“, widersprach Clara.
„Nein Clara, die Fünf waren nicht böse und das war unser Glück.“
„Aber Mathias“, begann Clara und wusste nicht recht, wie sie ihn beschreiben sollte.
„Auch er nicht. Ja, er war grob, aber nicht böse. Eigentlich wollte er sich nur aufspielen. Das tun die meisten Menschen, wenn sie glauben über etwas Macht zu verfügen.“
„Aber noch keiner wollte mich töten!“
„Mathias wollte das auch nicht. Er wollte uns nur einen Schrecken einjagen.“
Sie redeten noch eine Weile darüber, da es Hönnlin wichtig war, dass Clara den Unterschied verstand. Als Clara ihm nicht länger widersprach und über alles nachdachte, erzählte er, wie er zu den Fünf zurückgekehrt war, und wie er ihnen für den heutigen Tag einen Schrecken vorbereitet hatte.
Daraufhin musste Clara lachen und stellte sich vor, wie sie an diesem Morgen aufgewacht waren und vielleicht wild umhersprangen, um das Laub von sich abzuschütteln. Sie konnte förmlich hören, wie Mathias fluchte, während die Frau betete, dass es keinen Fluch gab, der auf ihnen lag.
„Es gibt einen Spruch, den du dir merken sollst“, gab Hönnlin sein Wissen weiter. „Wie du in den Wald rufst, so schallt es heraus.“
„Was soll das bedeuten?“
„Oh, in diesem Fall ist es ganz einfach. Respektiere die, die im Wald wohnen und sie werden dich respektieren“, erklärte er. „Nun ja, vielleicht auf ihre Art“, ergänzte er als Clara in skeptisch ansah. „Aber es zählt auch anderswo. So wie du dich benimmst, werden die Anderen auf dich reagieren. In der Bibel steht geschrieben: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das bezieht sich auf das Negative, aber es geht auch im Positiven.“
„Aber warum sind so viele böse?“
„Weil Hass eine starke Frucht ist. Säe einmal Hass und du kannst sicher sein, dass du ihn hundertfach erntest. Mit Nachsicht, Respekt und Liebe verhält es sich leider anders. Es kann sein, dass du sie ein Leben lang aussähst und später an dem Unkraut erstickst, den die Anderen gesät haben.“
„Aber das ist nicht gerecht“, protestierte Clara.
„Nein, das ist es nicht. So funktioniert die Welt auch nicht. Der Herr wird über uns richten, und er allein weiß, was gerecht ist“, kündete Hönnlin von seinem Glauben. „An jedem einzelnen von uns ist es zu entscheiden, wie er leben will und welche Frucht er säen möchte.“
„Ich möchte gerecht leben und das Gute säen“, verkündete Clara. Hönnlin erschrak, wie entschlossen sie das aussprach.
„Das möchte ich auch“, sprach Hönnlin nach einer Weile. Clara war in Gedanken versunken.
„Dann setzen sie deshalb die Nussbäume?“
„Ja auch, ich finde es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, etwas gesät zu habe, das Früchte trägt. Findest du nicht?“
Clara nickte und stellte sich vor, wie eine Reihe von Bäumen sich dort erstreckte, wo Hönnlin gereist war.
„Aber wir haben jetzt keine Nüsse mehr“, schreckte Clara aus ihren Gedanken auf.
„Nein, haben wir nicht“, lächelte Hönnlin und freute sich über ihre Teilnahme. „Wenn du im Kloster bist, werde ich Kräuter und Pilze sammeln und sie in Städten gegen Nüsse eintauschen. Ich hatte darüber nachgedacht, ob ich einige Nüsse entwenden sollte, doch ich habe mich entschieden in der folgenden Wochen je zwei Nüsse pro Tag zu pflanzen. Eine mittags, eine abends.“
„Ich möchte euch helfen“, entschloss sich Clara begeistert.
„Wir werden schon so genug sammeln, um satt zu werden. Auch möchte ich Pilze eintauschen, damit wir nicht die nächste Zeit allein von Pilzen und Kräutern leben müssen.“
„Dann sammeln wir einfach ein wenig mehr“, entschied Clara und lächelte Hönnlin herausfordernd an.
„Aber dann verlieren wir zu viel Zeit“, entgegnete Hönnlin. „Wir werden so bereits langsam sein.“
„Es eilt doch nicht“, grinste Clara ihn an.
„Willst du denn nicht zurück ins Kloster. Ein Dach über dem Kopf, ein Bett?“ Hönnlin hatte zu Beginn der Reise alles für möglich gehalten, aber nicht, dass die ihm anvertraute Novizin am Reisen Gefallen finden könnte.
Clara schüttelte gleich den Kopf, überlegte kurz. „Nein“, grinste sie schelmisch. Es klang nach einer Mischung aus verspielt und entschlossen.
„Aber dort wirst du in Sicherheit sein. Dort gibt es keine Räuber“, rief Hönnlin ihr ins Gedächtnis.
„Ja, aber Nonnen“, wagte Clara ihre Gedanken auszusprechen und ihr Gesicht zeigte deutlich, dass sie sich der Rüge bewusst war, die nun kommen würde.
Doch Hönnlin verzichtete auf eine Rüge, da er ausreichend damit beschäftigt war, sich ein Grinsen zu verkneifen. Wenn er nun hätte zornig klingen wollen, fürchtete er, dass er lachen musste.
„Aber warum kann ich nicht bei euch bleiben?“ Claras Selbstvertrauen bekam durch den fehlenden Tadel Aufwind. „Sie gehen auch nicht zurück ins Kloster!“
Damit hatte sie wohl recht, dachte Hönnlin, aber das durfte er nicht zulassen. „Ich habe mir sehr lange Zeit gelassen, darüber nachzudenken. Du aber bist erst knapp eine Woche hier draußen unterwegs.“ Hönnlin spürte zu spät, dass er sich gleich in die Defensive begab.
„Ich möchte schon lange aus dem Kloster.“
„Ja, weg aus dem Kloster. Aber du willst sicher keine Abtrünnige werden.“ Hönnlin hoffte, dass dieses Wort Wirkung zeigen würde. Und tatsächlich brachte es Clara zum Grübeln.
„Ich will keine Abtrünnige werden“, entscheid Clara.
Hönnlin wurde es leichter ums Herz.
„Ich will mit euch Gutes tun!“, setzte Clara nach und klang noch entschlossener als zuvor.
„Aber das kannst du auch im Kloster.“
„Da beten wir nur!“ Clara erwiderte Hönnlins Blick und hielt ihn fest.
„Aber du sollst jemanden heiraten! Dann wirst du viel Einfluss haben und kannst vielmehr Gutes bewirken, als ich es jemals tun könnte.“
„Ich will den nicht heiraten“, stellte Clara klar. „Und selbst wenn, ich bin eine Frau. Alles was die Nonnen mir erklären, ist, dass ich später tun muss, was mir gesagt wird. Ich will aber frei sein“, ließ Clara ihren angestauten Ärger entweichen.
„Aber“, setzte Hönnlin etwas hilflos an und wollte sich Zeit zum Nachdenken verschaffen.
„Ich werde sowieso aus dem Kloster weglaufen, bevor ich zurück geschickt werde.“
Damit hatte sie die Linie übertreten. Wenn dem so war, dann würde Hönnlin sie nicht aufhalten können. Ohnehin verstand er sie nur zu gut, aber er wollte es nicht zugeben.
„Was solls“, gab er nach, „dann sammeln wir eben so viel wie wir tragen können. Dann kann ich dir noch viel zeigen und dich lehren.“
Clara grinste zufrieden.
„Auf ein paar Tage mehr kommt es auch nicht an.“
„Das sehe ich genauso“, zeigte Clara ihre Freude. Ein paar Tage Aufschub waren ihr gewiss und danach konnte sie immer noch einen Weg finden, dem Kloster oder zumindest der Hochzeit zu entgehen.
„Das wird harte Arbeit werden!“, versuchte er, ihre Freude zu mindern. Ihm blieben nur wenige Wochen Zeit ihr deutlich zu machen, dass dieses Leben nichts für sie war.
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