Tim Lebbon Eden
Eden
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Tim Lebbon Eden

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Sie genoss die Anstrengung des Aufstiegs. Das Team erinnerte sie an einen kleinen Vogelschwarm, einander bewusst und wachsam. An diesem Nachmittag wehte keine Brise und die Luftfeuchtigkeit war unangenehm. Sie trank einen Schluck Wasser und sah sich um. Aaron tat neben ihr das Gleiche. Er lächelte um die Trinkblase. Hinter ihm bewegten sich Lucy und Gee schnell und gleichmäßig.

»Das wird reichen«, verkündete ihr Vater und sie hielten an einer Felsformation. Zwischen den Steinen sprossen alle möglichen Pflanzen, die ihnen bis zur Taille reichten, eine Mischung aus Farnen und einem Dornengestrüpp, das sie nicht kannte.

Selina sah sich staunend um. In einer Hand hielt sie ein kleines Notizbuch, doch sie schien es vergessen zu haben.

Sie gingen tiefer in die Hocke, sodass über dem Meer aus Pflanzen nur ihre Köpfe und ihre Schultern sichtbar waren. Über ihnen zitterten die Baumkronen in der sanften Brise, die aufgekommen war, und die Blätter tanzten in zahllosen komplexen Mustern.

Jenn war mit jeder dieser Personen hier befreundet und sie hasste es, dass sie wütend auf sie waren. Sie hoffte, dass sie gut genug befreundet waren, dass diese Wut verrauchen würde.

Sie horchten auf die Geräusche von Verfolgern. Es gab keine.

Tatsächlich war überhaupt nichts zu hören.

»Was zum Teufel?«, flüsterte Gee und sprach damit aus, was Jenn dachte.

»Nichts«, sagte Aaron. Ohne zu blinzeln, drehte er sich nach links und rechts.

»Ich habe noch nie einen so stillen Wald erlebt«, stellte Selina fest.

»Es ist, als wüssten alle, dass wir hier sind«, sagte Jenn. Diese Gedanken auszusprechen ließ sie noch beunruhigender werden. Der Wald war still, aber nicht weil nichts da wäre, um ein Geräusch zu machen. Es war das Schweigen eines angehaltenen Atems, ein Wimpernschlag zwischen zwei Momenten.

»Wo sind die Vögel?«, fragte Lucy. »Die Tiere?«

»Sie sind hier«, sagte ihr Vater. »Überall um uns herum. Schaut.« Er deutete in die Äste eines in der Nähe stehenden Baums und zuerst konnte Jenn nichts sehen. Dann verwandelte sich eine Form, bei der es sich um einen Zweig hätte handeln zu können, in den Umriss eines großen Vogels, vielleicht eines Greifvogels. Plötzlich bemerkte sie weitere Formen im Blätterdach über ihnen, Vögel, die sie schweigend anstarrten.

»Sie beobachten uns«, erkannte Jenn. »Fliegen aber nicht weg.«

»Warum sollten sie auch?«, fragte Selina lächelnd. »Sie wissen nicht, dass sie Angst vor uns haben sollten. Möglicherweise sind wir die ersten Menschen, die einige von ihnen zu sehen bekommen, und je tiefer wir hineingehen, umso mehr wird das der Fall sein.«

Die Vorstellung gefiel Jenn. In anderen Zonen hatte sie Ähnliches beobachtet, aber nie so etwas wie das hier.

»Es ist, als ob sie über uns reden würden«, sagte Lucy. In Anbetracht der absoluten Stille eine seltsame Bemerkung.

»Sind wir bereit?«, fragte Jenns Vater, überzeugt davon, dass ihr Eindringen nicht entdeckt worden waren. Er stand auf, nahm seinen Rucksack ab, um die Stoppuhr herauszuholen, und drängte sie damit, sich auf den wahren Beginn ihrer Reise vorzubereiten. Er war ein großer Mann mit großer Lebenserfahrung, der viele Geschichten erzählen konnte, und Jenn liebte ihn von ganzem Herzen.

»Bereit«, sagte Jenn und erhob sich. Die anderen standen ebenfalls auf und bildeten einen Kreis um Dylan, während er die Stoppuhr auf null stellte. Es war eine alte Analoguhr, die er auf einem Basar in Ägypten gefunden hatte, über hundert Jahre alt und immer noch zuverlässig. Auf der Rückseite war etwas in fremder Sprache eingraviert, das er nie hatte übersetzen können, und Jenn wusste, dass ihn das glücklich machte. Es war ein Geheimnis, das er mochte. Anders als das Geheimnis seiner verschwundenen Frau, und Jenn spürte einen Stich im Herzen, als er sie ansah und sich zu einem Lächeln zwang.

»Fünf …«, sagte ihr Vater.

»Gott steh uns bei«, betete Aaron.

»Vier …«

»Wir schaffen es«, sagte Cove.

»Drei …«

»Ich will nach Hause.« Gee grinste.

»Zwei …«

Eine letzte Sekunde friedlicher Ruhe.

»Eins.« Er drückte den Startknopf und für ein paar Sekunden konnte Jenn das beständige Ticken der Uhr hören.

Geschlossen zogen sie los.

7

»Als unberührte Zone hält das Green Valley mehrere wichtige Rekorde. Es ist die kleinste der Zonen und umfasst zu einem Großteil das, was einst Pembrokeshire und seine Küstenlinie war. Es wurde im kleinsten Land der Welt eingerichtet. Es hat die wenigsten Verhaftungen und Anklagen wegen illegalen Eindringens pro Jahr. Die anfänglichen Unruhen und Zwangsumsiedlungen von dreitausend Menschen waren traumatisch, die Protestgruppen blieben etwa ein Jahrzehnt lang aktiv und ein sehr kleiner Teil von ihnen unternahm eine Reihe von Terrorangriffen gegen Sicherheitspersonal und die Regierung, die das ganze Konzept unterstützte. Doch die Menschen von Wales sind überaus belastbar und weiterhin stolz auf ihre führende Rolle im Internationalen Abkommen zu den unberührten Zonen.«

Auszug aus Unser grünes Gras, Welsh Government Press

Jenn rannte.

Darum waren sie hier und sie war gut darin. Sie war wahrscheinlich die beste Dauerläuferin unter ihnen. Sie war bereits fünfzehn Bergmarathons gelaufen, dabei war sie erst Mitte zwanzig. Zwei davon hatte sie in ihrer Altersgruppe gewonnen, doch als sich die Gelegenheit ergeben hatte, ins Profilager zu wechseln, hatte sie es abgelehnt. Ihr Vater fühlte sich teilweise dafür verantwortlich, doch sie wurde immer wütend, wenn er es erwähnte. Sie war durchaus in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und hatte von klein auf ein Leben voller Unabhängigkeit und Abenteuer geführt, ein Lebensstil, den ihre Eltern ihr auferlegt hatten. Doch Jenn hatte sie dafür nie verurteilt.

Nachdem ihre Mutter auf Nimmerwiedersehen gegangen war, hatten ihr Vater und sie ihr ungewöhnliches Leben voller Reisen und Erforschungen fortgesetzt und sich immer nur kurz in ihrer Mietwohnung in Edinburgh aufgehalten. Ein anderes Leben konnte sie sich nicht vorstellen.

Jenn übernahm nur selten die Führung, wenn sie liefen, weil sie ein zu hohes Tempo vorgeben würde und einige der anderen am Ende von Tag eins bereits völlig erschöpft sein würden. Selina lief voran, dann die anderen, während Lucy und Gee das Schlusslicht bildeten. Jenn folgte dicht hinter Aaron, manchmal so dicht, dass sie sein schweres Atmen hören konnte. Gelegentlich überholte sie ihn zum Spaß, sprang um ihn herum, hüpfte von einem Felsen auf einen umgestürzten Baum, um vor ihm zu landen, und nahm kichernd seinen Platz ein.

Lucy war versiert darin, die beste Route zu finden, um eine Landschaft zu durchqueren. Sie hatten nur einen Kompass dabei – ein weiterer Aspekt, um diese Expedition so reduziert wie möglich zu halten – und sie trug ihn an ihrem rechten Handgelenk, auch wenn sie nur selten darauf sah. Sie liebte ihre technischen Spielereien, rühmte sich als Teil des Teams jedoch, auch ohne überleben zu können. Orientieren konnte sie sich mithilfe ihrer Armbanduhr und der Position der Sonne, dem Polarstern in einer wolkenlosen Nacht oder dem Moos, das an Bäumen wuchs. Während Selina die Landschaften, durch die sie kamen, eher wissenschaftlich betrachtete, war Lucy auf unschuldige Weise beeindruckt und verbrachte jeden Abend im Lager eine Stunde damit, Notizen zu schreiben. Es wurde nur selten angesprochen, aber allen war klar, dass sie an einem Buch über ihre Abenteuer als Team schrieb.

Selina führte sie den ersten bewaldeten Hang entlang, anstatt direkt hinaufzusteigen. Es war eine längere Route, die aber energiesparender war. In den Bäumen um sie herum hielt das Schweigen an und auch wenn Jenn sich im Rausch des Laufens zu verlieren versuchte, kribbelte die Überzeugung, dass sie beobachtet wurden, in ihrem Nacken. Sie zweifelte dieses Gefühl nicht an. Im Laufe der Zeit hatte sie gelernt, dem zu vertrauen, was Comicfan Gee als seinen Spinnensinn bezeichnete. Einmal hatte ein solches diffuses Gefühl Jenn das Leben gerettet, als ein Schneefeld, das Aaron und sie in den Anden überqueren wollten, von einer Lawine weggerissen worden war. »Ich wollte hier einfach eine Weile warten«, hatte sie später gesagt, als das Dröhnen und Krachen der Lawine durch die Berge hallte.

Sie würde es niemals Vorahnung nennen. Jenn war überzeugte Rationalistin und sie wusste, dass sich der sogenannte sechste Sinn oft aus einer Fülle von Mikrodaten zusammensetzte. Möglicherweise hatte sie auf diesem Schneefeld in den Bergen unbewusst das weit entfernte Knacken von Eisplatten gehört, die Vibration der Risse gespürt oder die plötzliche Panik oder Abwesenheit von Tieren wahrgenommen, die besser an das Leben in den Anden angepasst waren. Ihr Unterbewusstsein hatte ihr eine Botschaft geschickt und der wahre sechste Sinn bestand darin, in der Lage zu sein, darauf zu hören.

Sie sah sich im Laufen um, lauschte auf die Stille und suchte nach Bewegungen. Sie begann zu fürchten, dass es hier Überwachungstechnik gab – in den Bäumen versteckte Kameras, durch unsichtbare Drähte oder Fallen ausgelöste Alarme, Bewegungsdetektoren, die Signale über den Fluss zurück in eine der Sicherheitsstationen der Zeds schickten.

»Da ist nichts«, sagte Aaron, der ihre Sorge spürte.

»Es ist einfach so seltsam«, erwiderte sie.

»Das stimmt.« Er lief neben ihr und als Selina sie in Richtung einer Kammlinie ein paar Hundert Meter über ihnen führte, verfielen sie alle in Gehgeschwindigkeit. »Meine Eier kribbeln.«

»Das kommt von zu viel Sportsalbe«, sagte Gee von vorn.

»Oder zu wenig von etwas anderem«, ergänzte Cove. »Du kümmerst dich doch um deinen Mann, Jenn?«

»Leute«, mahnte ihr Vater. »Ihr redet hier von meiner Tochter.«

»Ihr zwei seid verwandt?«, sagte Gee in gespielter Überraschung. »Aber sie ist so talentiert, attraktiv, intelligent, fit, charismatisch …«

»Ich schmeiß dich gleich vom Berg«, drohte ihr Vater.

»Kreativ. Energiegeladen.«

»Ich warne dich.«

»Dafür musst du mich erst mal fangen, Glatzkopf!« Gee flitzte an ihrem Vater vorbei, schnipste ihm dabei mit seiner guten Hand an den Hinterkopf, duckte sich, um einem Schlag auszuweichen und schoss an Selina vorbei den Hang hinauf.

Sie gingen schweigend weiter, doch nachdem die Stille einmal unterbrochen worden war, wirkte sie jetzt noch bedrückender.

»Ich war noch nie an einem solchen Ort«, sagte Jenn. »Dad? Sonst jemand?«

»Das ist nur, weil wir uns so darauf konzentrieren«, erklärte Lucy. »Oder, Selina?«

»Könnte sein«, antwortete Selina. »In der Zona Smerti war es auch so.«

»Ja, aber das hier fühlt sich anders an«, beharrte Jenn.

»Wie anders?«, fragte ihr Vater. Jenn konnte sehen, dass er ihrer Meinung war, und wenn sie unter sich gewesen wären, hätte er freier darüber gesprochen. Doch in der Gruppe wollte er die positive Stimmung nicht untergraben.

»Die Zona Smerti fühlte sich wie etwas an, das die Menschheit vergessen wollte«, versuchte Jenn, es zu erklären. »Und so sollte es auch sein, denn dafür wurden die Zonen ja eingerichtet. Es zeigt, dass sie funktionieren.«

»Es ist erstaunlich, dass die meisten von ihnen funktionieren«, bemerkte Cove. »Wenn man bedenkt, wie Menschen sind.«

»Klar«, sagte ihr Vater. Dann sah er wieder zu Jenn. »Aber?«

»Aber Eden kommt mir wie ein Ort vor, der niemals Menschen gekannt hat.«

Niemand antwortete darauf und ein paar Minuten später erreichten sie einen niedrigen Hügelgipfel, der nicht nur eine gute Sicht in die Richtung bot, aus der sie gekommen waren, sondern auch ein Panorama auf das, was vor ihnen lag. Sie bewegten sich über den Hügel, ohne anzuhalten, um nicht doch noch von jemandem an der Grenze, die nur ein paar Kilometer entfernt lag, entdeckt zu werden. Sie pausierten unter einem Felsvorsprung, standen schweigend nebeneinander und betrachteten Eden.

»Erinnert mich ein bisschen an die Rockies«, sagte Aaron.

»Ja«, erwiderte sie zurückhaltend. Es war eine Weile her, dass sie darüber gesprochen hatten.

»Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Nach Eden natürlich. Um diese Langstreckenschule aufzubauen. Und unsere Füße wieder in Ordnung zu bringen.«

Jenn lächelte und zuckte mit den Schultern. Sie hatten darüber gesprochen, sich in Boulder niederzulassen, um dort für das, was sie liebten, bezahlt zu werden. Um Wurzeln zu schlagen. »Du hast recht. Vielleicht ist es so weit«, sagte sie. »Wenn wir hier fertig sind.«

Vor ihnen lag das wilde Land, riesig und wunderschön. Jenn blinzelte und fragte sich, ob sie träumte. Die Aussicht hatte eine Tiefe an sich, die Geheimnisse und Schmerz versprach. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als Aaron seine Schulter an ihre drückte. Eden war, wie sie erwartet hatten, stark bewaldet. So weit sie sehen konnten, gab es keine Hinweise auf Menschen, auch wenn sie wussten, dass es sechs Städte und Dutzende kleinerer Gemeinden gab, die verlassen worden waren, als man vor über fünfzig Jahren die erste der unberührten Zonen eingerichtet hatte. Auf dieser Seite führte der Hügel in ein breites, flaches Tal, das rechts und links von hohen Kämmen eingegrenzt wurde, die zu einer entfernten Hügelkette führten, die wiederum in das erste von Edens zahlreichen Gebirgen überging. Ihr Plan lautete, dem Tal zu folgen und so flach aufzusteigen, wie sie konnten, um den Berg in zwei Tagen zu überwinden. An diesem Punkt wären sie bei Tag fünf ihrer Reise.

Ihre Routen basierten auf über fünfzig Jahre alten Karten. Ihr Vater hatte es genaustens geplant, Wochen über alten Papierkarten gegrübelt und das Internet nach weiteren Bildern durchsucht. Die grundlegende Geografie des Gebiets mochte sich nicht geändert haben, das Terrain aber mit Sicherheit. Sie würden hier weder Straßen noch alte Wanderwege oder Bergpfade finden. Jenn wusste aus Erfahrung, ganz gleich was das Team auf dieser Expedition zu erwarten glaubte, es würde überrascht werden.

»Wunderschön«, sagte Selina und wieder verspürte Jenn diesen Schwindel, ein Ausdehnen der Luft und der Welt, bis ihre Umgebung unerträglich weit und sie selbst so klein war, dass sie sich kaum noch bemerkte. Ihr wurde übel.

»Alles in Ordnung?«, fragte Aaron.

»Jaja.« Sie trank einen Schluck Wasser. »Ich kann es nur nicht erwarten, endlich loszulegen. Dad?«

Ihr Vater nickte ihr zu. »Ja. Wir haben noch nicht mal richtig angefangen. Warum zum Teufel steht ihr rum und spielt an euch rum?«

»Weil es sich anfühlt wie jemand anders«, erwiderte Gee und hob seine linke Prothesenhand. Sein alter Witz ließ die anderen aufstöhnen und es war Gee, der die Führung übernahm und lachend den Abstieg begann.

Hinter ihnen verlor sich die bekannte Welt, als sie sich ins Herz von Eden aufmachten.

KAT

Das war mal Philippe, aber er sieht nicht mehr so aus.

Er kommt aus den Bäumen auf Kat zu, bewegt sich mit den Schatten, und zuerst denkt sie, dass ihr das Gleiche zustoßen wird wie allen anderen. Sie hat nur zwei von ihnen sterben sehen, aber das war genug. Sie hat in den letzten Jahren oft über den Tod nachgedacht und noch viel häufiger in den letzten paar Monaten, doch so hat sie ihn sich nie vorgestellt. Nie mit Schreien, Zerreißen, Bersten und Brechen.

Sei tapfer, denkt sie. Sei stark. Das ist das Mindeste, was du dir schuldig bist.

Schöne Erinnerungen drängen sich ihr auf, doch sie ist gut darin geworden, sie beiseitezuschieben. Sie würde nicht wollen, dass sie sie so sterben sehen. Sie will nicht, dass sie es wissen.

»Na, komm schon«, sagt sie.

Das Ding, das mal Philippe war, kommt auf sie zu. Es benutzt seine menschliche Form, ist aber alles andere als menschlich. Diese Unmenschlichkeit war schon vor dem Verfall deutlich, im Schwingen seiner Gliedmaße, dem abgehackten Gang. Jetzt, wo die Verwesung von seinem Körper Besitz ergriffen hat, ist die Veränderung noch krasser sichtbar. Seine Haare sind vertrocknet und verwelkt, wie tote, spröde Äste. Sein Fleisch ist schwach, die Haut hängt von seinem Gesicht herab, seine Züge sind gesättigt mit giftigen Farben.

Dennoch trägt es einen Ausdruck irgendwo zwischen Wut und Belustigung und sie kann verstehen, warum. Die Gründe sind nun offensichtlich, auch wenn es nichts gab, was einer von ihnen hätte tun können, um es wiedergutzumachen. Waffen hatten ihnen nicht geholfen. Weder Entschuldigungen noch Betteln und Flehen hatten etwas an den Tatsachen ändern können.

Sie würde jetzt nicht betteln und selbst wenn sie eine Waffe gehabt hätte, hätte sie sie nicht benutzt. Sie ist froh, den Tod willkommen zu heißen. Wenn er nur nicht so rot wäre.

Philippe bleibt ein paar Schritte von ihr entfernt stehen. Sie hält den Atem an. Die Last in ihr, der Kern, der sie seit Jahren von innen verzehrt, fühlt sich schwerer und heißer an als jemals zuvor. Zumindest das ist eine gute Sache. Gegen jede Wahrscheinlichkeit hat sie die Krankheit geschlagen.

Philippe kniet sich hin.

Sie runzelt die Stirn. Er hat mit keinem von ihnen gespielt. Sie sieht keine Freude in seinen Taten, nur eine Notwendigkeit, die sie allmählich zu verstehen beginnt. Diese Erinnerungen, die an ihr nagen, würden es ebenfalls verstehen, doch sie schiebt sie weiterhin von sich.

»Komm schon!«, sagt sie erneut, doch Philippe sieht sie nicht länger an. Sie glaubt zu erkennen, wie sich seine wütende Freude in Traurigkeit verwandelt, als seine Mundwinkel erschlaffen, doch dann sacken auch seine Schultern herunter, sein Oberkörper senkt sich zu Boden und es ist, als ob ihn das Land im Ganzen verschlingt. Es hat uns alle verschlungen, seit dem Moment, als wir ankamen, denkt sie. Der Drang wegzurennen überfällt sie, verschwindet dann aber genauso schnell wieder. Sie kann nirgendwohin rennen. Kein Entkommen. Sie gesteht sich ihre menschlichen Verbrechen ein und erkennt die Strafe dieses Orts an. Erschöpft, müde, schicksalsergeben sieht sie zu, wie Philippe zerfällt.

Er schließt die Augen, während die Haut und das Fleisch über ihnen herunterrutschen über gerötete Augäpfel, ohne Mitleid, wie schon seit einer ganzen Weile, dennoch mit seltsamem Leben gefüllt. Er sackt nach rechts, mit einknickender Schulter und hängendem Kopf. Ein feuchtes Schmatzen begleitet seine Auflösung und sie nimmt den Hauch von etwas Chemischem wahr, wie Autoabgase in heißer Sommerluft. Es ist nicht heiß heute und in einem Umkreis von hundertfünfzig Kilometern oder mehr gibt es keine Autos. Der Geruch ist nicht mehr als eine Erinnerung.

Als sich seine rechte Hand bewegt, sich öffnet wie eine tote Spinne, die wieder zum Leben erwacht, sieht sie, was er in seiner Faust gehalten hat. Der Stiel ist schmal und leuchtend grün. Die Orchidee, weiß und zerknittert, entfaltet sich. Ihre zarten, fleischigen Blütenblätter ziehen sich zurück und enthüllen das gelbe und rote Staubblatt.

Die Orchidee, die Kat umklammert hält, ist ein altes, totes Ding.

Philippe bricht auseinander. Ein feuchter Riss, der unter seinem Kinn beginnt und sich bis zu seiner eingesunkenen Leiste erstreckt. Als seine Eingeweide herausrutschen, ruht sein Kopf auf dem Boden, ein Bein vor sich ausgestreckt, das andere verborgen unter den schmelzenden Teilen dessen, was ihn einst menschlich machte. Sie hört keine Stimme, kein Seufzen, während ihn diese Verhöhnung des Lebens verlässt. Es gibt nur Nässe, ein Ploppen und Schmatzen, als ihn die Schwerkraft über den Waldboden verteilt.

Kat reißt entsetzt die Augen auf, dann kneift sie sie zu. Ihr Verstand, offen und aufgeschlossen, kann die Form und Macht nicht begreifen, die sich aus ihrem toten Freund erhebt und auf sie zuschwebt. Seine Freiheit und Traurigkeit, Wut und Stärke. Es ist etwas, das nie für die Augen eines Menschen gedacht war, und sie versteht nicht, was es an diesem Ort tut.

Noch nicht.

Doch sie erkennt, dass sie es noch früh genug begreifen wird. Sie ergibt sich in ihr Schicksal, kann das eiskalte Entsetzen aber nicht unterdrücken, das sie packt, als sie die erste fremdartige Berührung ihres Verstands spürt, die erste warme Liebkosung ihres linken Unterarms.

Wieder drängen die Erinnerungen auf sie ein und diesmal lässt sie es zu, unfähig, sich noch länger gegen sie zu schützen. Diesmal will sie sich unbedingt an den Mann und das Mädchen, die sie liebt, erinnern. Sie hofft verzweifelt, dass diese letzte Warnung die beiden erreicht, irgendwie, irgendwo.

Etwas anderes lächelt mit ihrem Gesicht.

8

»Russland war uns allen natürlich voraus. 1917 schuf Zar Nikolaus II. das erste Sapowednik, grob übersetzt ein ›striktes Naturschutzgebiet‹. Was es doppelt traurig macht, dass Zona Smerti so schwer durch menschliches Eingreifen geschädigt wurde.«

Professor Amara Patel, Natural History Museum, London

Sie aßen im Gehen. Während die Sonne im Westen über einer zerklüfteten Bergkette unterging, begann Dylan zu verstehen, warum er Eden so beunruhigend fand, und alles, was er sah, roch und an seiner Haut spürte, bestätigte es.

Genau wie Selinas Enthusiasmus und Begeisterung. Eigentlich ruhig und zurückhaltend, wurde sie immer lebhafter, je weiter sie gingen. Sie sah Dinge, die niemandem sonst auffielen, und sprach ihre Beobachtungen untypischerweise aus.

Es sind all die kleinen Dinge, dachte Dylan. Die winzigen Veränderungen, die meisten davon unbemerkt, summieren sich zu etwas Größerem. Darum fühlt sich dieser Ort so seltsam an.

Selinas Arbeit auf dem Gebiet der Umweltwissenschaften manifestierte sich in der Besorgnis über das Artensterben und die Auswirkungen von menschlichem Eingreifen in die Natur. Es war ihre Passion und Ursache ihrer sie regelmäßig heimsuchenden Depressionen. Während sie sich durch die Landschaft bewegten, ging sie oft voraus, um etwas Zeit zu haben, einen Baum, eine Pflanze, eine Spur auf dem Boden oder eine Blume genauer zu untersuchen, bis die anderen aufgeholt hatten. Sie machte sich hastige Notizen und lief mit ihnen weiter, ihre Augen voller Ehrfurcht über ihre Funde.

»Was hast du gesehen?«, fragte Dylan, als sie einen langen, flachen Hang zum weiten Talboden hinunterstiegen.

»Vieles, was ich erwartet habe«, sagte sie. »Aber auch eine Menge Dinge, die ich mir niemals hier hätte vorstellen können. Es gibt hier wieder Pflanzen im Überfluss, die aus solchen Landschaften eigentlich schon vor vielen Hundert Jahren verschwunden sind. Der Boden ist immer noch basischer, als er sein sollte, aber die Zone scheint sich zu erholen. Sich von unserer Berührung zu befreien.« Sie sprang über einen umgestürzten Baum. Dylan musste mühselig darübersteigen und laufen, um sie wieder einzuholen.

»Seht euch nur den alten Mann an«, rief Gee von hinten.

»Ich bin auch zwei Jahre älter als du, mit einem kaputten Knie«, sagte Dylan.

»Dann bleib das nächste Mal daheim, Opa, und wir rufen dich an, wenn wir fertig sind!« Gee lachte auf diese Art, die sonst immer so ansteckend war.

»Seht euch mal den Kerl mit der falschen Hand im Arsch an«, rief Dylan und diesmal lachten alle. Dylan holte Selina ein. »Was sonst noch? Hab dich schon lange nicht mehr so aufgeregt gesehen.«

»Es ist fast so, als wäre das hier der perfekte Ort für mich!«, sagte Selina und die Fröhlichkeit in ihrer Stimme ließ ihm ganz warm ums Herz werden. Ihr Leben war normalerweise so von Fakten und Zahlen über die negativen Auswirkungen der Menschheit auf die Natur beherrscht, dass solche Freude selten war. Dylan sagte oft, dass es sehr selbstlos von ihr war, diese Dinge zu lehren und sich von ihnen ständig herunterziehen zu lassen. Sie nannte es Realität.

»Aber findest du das nicht ein bisschen seltsam?«, fragte Jenn. Sie lief neben ihnen her, angelockt von ihrer Unterhaltung. Er wusste, dass sie das Gleiche spürte wie er und dass der Rest der Gruppe ebenfalls von Eden verunsichert war.

»Absolut«, stimmte Selina zu. »Aber auf wunderbare Weise.« Sie lief wieder vor, überholte Aaron und sah sich um, als sie einen abfallenden Waldboden überquerten. Große Dornenbüsche rissen an ihrer Kleidung und Dylan hatte bereits ein Dutzend Kratzer an den Schienbeinen und Waden, aus denen kleine Bluttropfen drangen. Ihm machte das nicht viel aus. Es gefiel ihm, die Natur und Umgebung zu spüren, durch die er kam. Selbst hier.

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