Margit Kruse Eisaugen
Eisaugen
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Margit Kruse Eisaugen

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Nun war sie fort. Bereits seit einigen Monaten. Was Friedbert seitdem anschleppte, blieb nie lange. Was er sich am Freitagabend aus irgendeiner Kneipe mitbrachte, entsorgte er oft schon samstags, spätestens jedoch am Sonntag nach dem Frühstück. Zurück blieben schmutziges Geschirr, übel riechende Bettwäsche und ein versifftes Badezimmer, um das sich Christel mit mütterlichem Tatendrang am Montag kümmerte. Wenn Friedbert von der Arbeit kam, waren alle Spuren des Wochenendspielzeugs beseitigt.

Das hätte es zu ihrer Zeit nicht gegeben. Als sie 1960 Heinz kennenlernte, herrschten andere Gesetze. Moral und Anstand wurden in der christlichen Familie, in der Christel aufwuchs, großgeschrieben. Sex ohne Trauschein? Undenkbar. Ihre Mutter zählte ihr täglich auf, was dabei alles in die Hose gehen konnte. Ungewollte Schwangerschaft, uneheliches Kind, Schande über eine ganze Familie. So beschränkte sich das Austauschen von Zärtlichkeiten in der Zeit der ersten Verliebtheit auf verstohlene Küsse im Treppenhaus und ein wenig Parkbankgefummel im Sommer. Heinz war schon ein fescher Kerl in seiner Sturm- und Drangzeit, und es fiel Christel immer schwerer, ihn abzuwehren. Ihre Bedenken wischte er lachend beiseite. »Was soll das, wir heiraten doch sowieso.« So fieberte sie der baldigen Hochzeit entgegen. Damit alles seine Ordnung hatte. Eine Wohnung wurde gesucht, Altbau, mit Kohleheizung. Nur mit Trauschein zu bekommen. Die Hochzeit wurde zu Hause gefeiert. Das volle Programm, Zimmer ausräumen, vorkochen, Polterabend.

Die Hochzeitsnacht war für Christel ernüchternd. Dachte sie noch morgens vorm Traualter, dass das süße Gefühl der Verliebtheit in der Nacht endlich seinen Höhepunkt finden würde. Geigende Engel vom Himmel, Glücksglöckchengeläut und das Gefühl zu schweben. Alles Schwindel. Was ihr von der Nacht blieb, waren Schmerzen, Muskelkater und versaute Bettwäsche. Ihr draufgängerischer, alkoholisierter Ehemann drehte sich, nachdem er bekommen hatte, was ihm laut Gesetz zustand, auf die Seite und war Sekunden später eingeschlafen. Christel hingegen weinte sich in den Schlaf.

»Es wird bald besser«, tröstete sie die Mutter am nächsten Tag, als sie gemeinsam das Chaos der Hochzeitsfeier beseitigten. »Das ist eben das Los einer Ehefrau«, war deren Ansicht. Als Christel versuchte, mit ihrem Ehemann über ihr Problem zu sprechen, wurde er wütend. »Was willst du? Hast du nicht alles?« Nein, wollte sie sagen. Ich brauche Liebe und Zärtlichkeit.

Als sechs Jahre später die Aufklärungsfilme Oswald Kolles in den Kinos liefen und Christel sich heimlich einen davon ansah, keimte Hoffnung in ihr, dass vielleicht auch Heinz einmal so ein zärtlicher, rücksichtsvoller Liebhaber werden würde. Als sie ihm gestand, solch einen Film angesehen zu haben, und ihm Einzelheiten davon berichtete, rastete er aus. »Wo bleiben da Sitte und Moral?«, wollte er wissen.

War das alles?, grübelte sie immer öfter. Belanglose Gartenzaungespräche mit den Nachbarinnen, Wohnung putzen, kochen und einkaufen, darauf warten, dass der Ernährer müde von der Schicht heimkam? Oft sehnte sie sich zurück in ihr heimeliges Büro zu ihren Kolleginnen, die anderes zu verrichten hatten als die Hausfrauen von nebenan.

Nach Friedberts Geburt wurde es besser. Das Gefühl, da sei etwas, was sie verpasste, wurde schwächer. Sie ging ganz in ihrer Mutterrolle auf.

Sie suchte sich, nachdem sie das Grab ihres Mannes verlassen hatte, einen Beobachtungsposten hinter halbhohen Sträuchern. Mindestens 200 Menschen folgten dem mit roten Rosen geschmückten, hellen Sarg Sabines. Verständlich, bei einem so jungen Menschen, der tragisch ums Leben kam. Der sichtlich betroffene Pfarrer rang am Grab um Worte, die den Angehörigen Trost spenden sollten. Die Mutter, mit offenen langen Haaren und verweintem Gesicht, und der Vater, der aussah wie ein Waldbauer, stützten einander schluchzend. Zwei Kranzwagen mit einem Meer bunter Kränze und Gebinde standen ein wenig abseits des Feldes. Die verschiedenfarbigen Schleifen flatterten leicht im Wind. Die Menschenmenge drängte sich dichter ans Geschehen. Wollte hören, was der Pfarrer zu sagen hatte. Doch das machte das Mädchen nicht wieder lebendig. Christels Nachbar Michael stand weiter hinten an einen Baum gelehnt. Erst lief ihm die Frau weg, dann erwürgte man seine Geliebte.

Kurze Zeit später, als ungefähr die Hälfte der Trauergäste am Grab Abschied genommen hatte, sah Christel Margareta und ihre Mutter zum offenen Grab schreiten. Was haben die denn da verloren?, dachte sie. Die müssen ihre Nase aber auch in alles stecken. Da es ihr hinter den Büschen zu ungemütlich wurde und sie außer den drei Personen niemanden kannte, trat sie den Heimweg an.

7.

Als Walter Hartmann auf seinem Heimweg an Sabines Grab vorbeikam, blieb er stehen, klemmte seine abgewetzte Aktentasche zwischen die Beine und faltete die Hände zum Gebet. Die Kränze, die nicht fachmännisch auf Ständer hinter dem Erdhügel drapiert waren, lagen übereinandergestapelt auf einem Haufen. Die Schleifen hatte man aus lauter Neugier an den Seiten herausgezogen, um sie besser lesen zu können. Eine Ermordete auf unserem Friedhof, dachte er. Soll sie die ewige Ruhe finden. Wer weiß, warum man sie umgebracht hat? Frauen! Pah! Erst machen sie einen scharf und dann zieren sie sich. Immer das gleiche Spiel. Er hätte Iwona am liebsten erwürgt, als sie ihn so kalt abserviert hatte. Die ist es, sagte er sich noch, als sie Kuchen essend vor dem Fernseher saßen, seine Mutter, Iwona und er. Die Sonntagnachmittage waren immer so harmonisch. Seine Mutter kochte ihr Pfefferminztee, weil sie keinen Kaffee vertrug. Mutti meinte: »Sie passt zu dir, mein Junge. Endlich hast du die Richtige gefunden!« Am Samstagabend war er bei ihr gewesen. In ihrer schönen kleinen Neubauwohnung hatten sie es sich bei einem Glas Wein gemütlich gemacht.

»Sag mal, du nicht ziehen Mantel aus?«, hatte sie ihn gefragt, als er sich nach dem gemeinsamen Spaziergang in voller Montur aufs Sofa setzte.

Ich werde nicht lange bleiben, sagte er sich. Sonst ist Mutti so allein.

Er schaute durch die offene Küchentür und blickte auf die neue Waschmaschine, die er ihr von seinem knappen Lohn geschenkt hatte. Eine echte Miele W 3741, für 999 Euro.

Sie trug das rote Kostüm, in das er ebenfalls investiert hatte. Vor Dankbarkeit war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn auf beide Wangen geküsst. »Du so gut zu mir!«, hatte sie mit Tränen in den Augen zu ihm gesagt.

Waschmaschine, Kostüm, unzählige Essenseinladungen, Parfüm, prall gefüllte Einkaufskörbe im Supermarkt. Alles Investitionen, die sich nicht rentiert hatten. Wollte er ihr an den Busen fassen oder ihr den Rock öffnen, zierte sie sich, sprang unter irgendeinem Vorwand auf und verschwand aus dem Zimmer, um kurz darauf mit geordneten Klamotten wieder den Raum zu betreten. Wozu also den Mantel ausziehen? Ihm schien, als ekelte sie sich vor ihm. Er fühlte sich ausgenutzt. Die Zeit lief. Drei Monate und viel Geld waren scheinbar verschenkt.

Wie lange musste man wohl zudrücken, bis so ein Leben ausgehaucht war?, fragte er sich, immer noch an Sabines Grab stehend. Frauen meinen, sie können sich alles erlauben. Spielen mit ihren Reizen, machen einen verrückt und zeigen dann die Rote Karte. Falsches Gesindel!

Er nahm seine Tasche und ging seines Weges. Heim zu Mutti an den gedeckten Tisch. Mutti war ehrlich. Mutti machte ihm nichts vor. Sie würde ihn trösten. Iwona war schließlich nicht die einzige Frau auf der Welt.

»Habe ich kennengelernt Landsmann von mir. Passen besser zu mir. Du verstehen?«, waren ihre letzten Worte heute Morgen am Telefon. Nein, er verstand nicht! Ich werde sie umbringen. Dann hat der Landsmann auch nichts mehr von ihr. Von der schönen, blonden Iwona.

Ehrfürchtig saß er hinter dem Steuer des noblen Daimlers. Sie lag auf der Rückbank, mit verklebtem Mund und auf dem Rücken gefesselten Händen. Die Augen vor Angst weit aufgerissen. Es war weit nach Mitternacht. Windgeräusche und monotones Motorbrummen zeugten von einer Autobahn. Stolz lenkte er das große Fahrzeug. Ein vorbeisausendes Schild. Haltern am See? Er nahm die nächste Abfahrt. Gar nicht mehr schön sieht sie aus, die blonde Iwona aus Warschau, sagte ihm beim Blick in den Rückspiegel ihr angstverzerrtes Gesicht.

Häuser, Läden, in weiter Ferne der nächtliche See. In einen einsamen Feldweg bog er ein.

»Jetzt gehörst du mir, du alte Nutte!«, sagte er mit zynischem Gesichtsausdruck. Seine John-Wayne-Stimme war ihm fremd.

Sie schloss zitternd die Augen. Große Bäume, weitläufige Felder, versteckte Häuser. Er durchfuhr eine Villengegend. Niemand hinter ihnen, kein vorbeihuschendes Auto. Einsamkeit auf weiter Flur.

Der Wagen fuhr in eine Einfahrt und hielt vor dem kleinen Tor, das er mit einem funkgesteuerten Gerät öffnete. Das Prasseln von Kies war zu hören. Der Daimler stoppte. Eine Garage tat sich auf und der Wagen verschwand. Walter stieg aus, öffnete die Fondtür und zerrte Iwona aus dem Auto. Der Eukalyptusgeruch, der sie aus seinem Mund streifte, verursachte ihr Übelkeit. Brutal schlug er auf sie ein. Sie blutete aus der Nase. Augenblicklich donnerten Fäuste auf ihren Kopf. Das Letzte, was sie wahrnahm, bevor sie in tiefer Bewusstlosigkeit versank, war ein derber Schweißgeruch, den selbst Walter an sich bemerkte.

Als sie erwachte, hatte er ihr bereits das Klebeband vom Mund entfernt und ihre Fesseln gelöst. Schlaff hingen ihre Arme herunter. Stöhnend saß sie an die Garagenwand gelehnt. Walter setzte sich neben sie und öffnete ihr die vollgeblutete Kostümjacke. War schließlich sein Kostüm, hatte er bezahlt. Er wusste, dass sie sich nicht wehren würde. Wenn doch, bekäme sie eben noch was auf die Fresse. Iwona wimmerte und spuckte Blut.

»Warum du tust das mit mir?«

»Weil du das brauchst, du Nutte!« Er kam sich groß vor. Mit Gewalt bekommt man alles im Leben, dachte er selbstgefällig.

Er schleppte sie zu einer Werkbank am Ende der Garage. Iwona mobilisierte den Rest ihrer Kräfte und trat ihn gegen das Schienbein. Walter schrie auf. Er warf sie auf die Werkbank, und bevor er sie darauf festband, schlug er wieder auf sie ein. Zwischen Bohrmaschine, Zangen und Schraubzwingen begann sie zu schreien. Walter holte eine Rolle Paketband aus seiner Hosentasche und verklebte ihr erneut den hübschen Mund, in dem vorn schon ein Zahn fehlte. Nun war endlich wieder Ruhe.

Zärtlich strich er ihr über das blonde, wellige Haar. »Jetzt wirst du bezahlen, zuerst für die Waschmaschine!«

Er griff nach einer großen Zange, holte mit dem Arm weit aus und schlug sie ihr mitten auf den Kopf. Plogg, machte es. Ein dumpfes Plogg und Iwona war auf dem Weg in den Nuttenhimmel. Da, wo sie hingehörte. Nachdem er ihr den Rock hochgeschoben und den Slip heruntergerissen hatte, öffnete er seine olivfarbene Cordhose aus den 80ern und holte seinen kleinen Freund heraus, der sich wohlig reckte und streckte. Gerade als er sich das rote Kostüm bezahlen lassen wollte, spürte er eine Hand in seinem Gesicht und hörte eine ihm wohlbekannte, vertraute Stimme.

»Was ist denn, Walterchen? Hast du schlecht ge­träumt? Du hast so laut geschrien, da bin ich wach geworden.«

Schweißgebadet setzte er sich auf. Sein Schlafanzug roch nach Szegediner Gulasch. Erschöpft ließ er sich wieder auf sein Kissen fallen. Sein Herz raste und ihm war schlecht. »Ich hatte einen Albtraum, Mutti.«

»Oh, du armer Junge, ich mach dir einen Tee. Dann geht es dir bald besser!«

»Nein, geh nicht, Mutti, bleib hier!« Seine Hände krallten sich in das verblichene Flanellnachthemd der alten Frau, die mit ihrem langen grauen Zopf gespenstisch aussah.

Der arme Junge, dachte sie, wenn er nur endlich eine vernünftige Frau fände. Dass ihr Walterchen schon über 50 Jahre alt war, verdrängte sie hartnäckig.

Wie souverän er den Wagen heute Nacht gelenkt hatte. Die Wirklichkeit sah leider anders aus. Völlig verstört von seinem bösen Traum machte Walter sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Seine Führerscheinprüfung hatte er nach der 78. Fahrstunde und dem dritten Anlauf zwar im Sommer vor drei Jahren bestanden, doch sein Auto, einen blauen Opel Astra, hatte er nach drei Monaten schweren Herzens wieder verkauft. Die Probleme, die er mit dem Linksabbiegen hatte, waren unüberwindbar, und nur mit Geradeausfahren und Rechtsabbiegen kam er nicht dorthin, wo er hinwollte. Seine letzte Fahrt endete am Nordring in Buer auf dem Mittelstreifen. Einen Tag später holte ein Arbeitskollege den Wagen dort ab. Aus der Traum von der mobilen Unabhängigkeit, inklusive Ausflüge mit Mutti durch die herrliche Landschaft außerhalb Gelsenkirchens. Weiterhin Bus fahren war angesagt. Oder bei schönem Wetter den Heimweg von der Arbeit zu Fuß über den Friedhof antreten, mit der Chance, eine Frau kennenzulernen. Er seufzte, bevor er in den Bus der Linie 397 stieg und sich auf seinen Stammplatz hinten rechts am Fenster setzte.

8.

Angst einflößend und geheimnisvoll wirkte der Dachboden des Wohnturmes auf Margareta. Es roch muffig und ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, um sie Umrisse erkennen zu lassen. Es war der Spitzboden des Wohnturmes, mit einem winzigen runden Sprossenfenster, welches kaum Tageslicht hineinließ. Eine steile leiterartige Treppe hatte sie hier hinaufgeführt. Den Schlüssel zu diesem Verlies hatte sie reflexartig in ihre Hosentasche gesteckt, als sie ihn am Schlüsselbrett mit der Aufschrift ›Dachboden‹ in Karols Wohnung hängen sah. Doch was wollte sie hier?

Sie blickte suchend nach oben, hielt Ausschau nach Nestern, die Schleiereulen oder Fledermäuse beherbergten. Deine Fantasie geht mit dir durch, mahnte sie sich. Du hast zu viele Harry-Potter-Filme gesehen. Sie bewunderte die Dachbalkenkonstruktion. Stabile Holzbalken. So richtig was, um sich daran aufzuhängen. Ihr fiel eine damalige Nachbarin ein. Die Dickliche, mit dem großen Busen, von gegenüber. Sie hatte sich auf einem ähnlichen Dachboden erhängt. Eine Woche zuvor hatten alle Kinder der Siedlung, einschließlich Margareta, dort oben ein Schützenfest gefeiert. Diese Frau hatte den Kartoffelsalat für alle gemacht. Der Name der Frau war Margareta entfallen. Eine Woche später fand man sie erhängt auf besagtem Dachboden. Angeblich hatten sie Wechseljahrbeschwerden gequält. Diese Begründung konnte Margareta nicht nachvollziehen.

Es fehlte jegliche Isolierung, man hatte freien Blick auf die Dachpfannen, welche auf maroden Dachlatten ruhten.

Sie hörte ein leises Fiepen und ihr Herz begann zu rasen. Ratten. Sie hatte panische Angst vor Ratten. Aber es war nur eine Maus, die in der Ecke zwischen den Kisten entlanghuschte. Ein alter vergammelter, ehemals weißer Küchenschrank stand auf der linken Seite. Daneben ein Korbsessel, dahinter etliche Kisten, zwei Nachtschränkchen eines alten Schleiflackschlafzimmers, halb volle Eimer mit irgendeiner Flüssigkeit. In einem davon schwamm eine tote Maus. Als Margareta den Inhalt einer der Kisten genauer inspizieren wollte, hörte sie Schritte und etwas über den Boden schleifen. War ihr jemand gefolgt? Es war fast 20 Uhr und die Sonne gerade im Begriff unterzugehen. Auch daran hatte Margareta gedacht und eine Taschenlampe mitgenommen.

Sie hielt einen Augenblick inne. Die Geräusche verstummten, und sie öffnete gerade den vollgestaubten Karton, den sie vor sich hatte. Du hörst schon die Flöhe husten, beruhigte sie sich selbst. Wer soll sich denn nach hier oben verirren? In der Kiste befanden sich alte Kleidungsstücke, die mindestens 30 Jahre alt sein mussten. Herrenoberhemden mit riesigen Kragen und einer gestickten schwarzen Rose mitten auf der rechten Vorderseite. Sie konnte sich erinnern, dass ihr Vater damals solche Hemden trug. Blusen, mit riesigem Blumenmuster, sogar alte Büstenhalter entdeckte sie. Welcher Messie hortete denn so ein olles Zeug? In dem Moment, als sie sich den nächsten Karton vornehmen wollte, fiel ihr Blick auf ein Paar Gummistiefel, die in der Ecke standen. Sie waren staubfrei und sahen ziemlich neu aus. Daneben lag zusammengerollt ein grüner Regenmantel, auch neueren Baujahrs. Beides konnte sich noch nicht lange hier oben befinden. Margareta nahm die Stiefel in die Hand und drehte sie um. Aus dem groben Profil rieselte Sand. Größe 43 stand auf den Sohlen. Der Regenmantel war ebenfalls ein Herrenmodell. Wem gehörten die Sachen? Im ersten Augenblick hatte sie gedacht, es handele sich um Sabines Reitstiefel. Vielleicht frisch besohlt. Da sie tot war, wurden sie nicht mehr gebraucht. Es waren jedoch große stinknormale Gummistiefel, die wohl kaum einer so zarten Person gehört haben konnten. Sie stellte sie wieder zurück und faltete den sperrigen Mantel genau so, wie er vorher dagelegen hatte. Weg hier. Einfach nur weg. Margareta wurde es zu unheimlich. Sie richtete sich auf. Gerade als sie sich umdrehen wollte, um den Dachboden zu verlassen, spürte sie, wie zwei starke Arme nach ihr griffen und sie von hinten packten.

»Was tust du hier?«, hörte sie Karols wütende Stimme. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken.

»Au, du tust mir weh, lass mich los!«

Er ließ tatsächlich von ihr ab. Sie drehte sich um und sah in braune, traurige Augen.

»Na, Miss Marple, auf Spurensuche?«

»Ich wollte nur mal … Ich weiß auch nicht …« Verschämt senkte sie den Blick.

»Meinst du vielleicht, ich habe das Mädchen ermordet und bewahre hier Sachen von ihr auf?« Er seufzte und blickte aus dem kleinen Fenster hinunter auf die Straße. »Du schläfst also mit einem Mann, den du für einen Mörder hältst? Hast du denn gar keine Menschenkenntnis?«

»Ich halte dich nicht für einen Mörder!«

»Ach nein? Vielleicht habe ich noch mehr Menschen umgebracht und du findest eine Leiche. Schau mal hinten im Schrank nach!« Er gab ihr einen Stoß. Sie fiel auf den Boden.

»Aber der Mantel und die Gummistiefel! Die gehören mit Sicherheit dir! Oder?«

»Ja, das sind meine Sachen!«

»Wozu brauchst du sie?« Margareta stand auf und wischte sich notdürftig den Staub von ihrer Jeans.

»Manchmal gehe ich nachts spazieren. Meistens, wenn es regnet. Da sind am wenigsten Leute unterwegs.«

»Du gehst nachts spazieren?« Margareta lief ein kalter Schauer über den Rücken. Karol wurde ihr immer unheimlicher. Geht nachts im Regen in einer Anglermontur auf Wanderschaft. Gleichzeitig fühlte sie sich stark von ihm angezogen. Bin ich vielleicht abartig veranlagt?

»Ja meinst du vielleicht, es ist schön, immer eingesperrt zu sein?«, zischte er sie an.

»Wo gehst du denn hin? Mitten in der Nacht?«

»Meistens über den Friedhof. Das ist am nächsten. Dort ist Ruhe, man ist allein!«

»Mitten in der Nacht auf den Friedhof?« Sie bekam eine Gänsehaut. Gleichzeitig tat er ihr leid. Wie einsam und verzweifelt musste ein Mensch sein, der nachts auf den Friedhof ging?

Sie standen sich gegenüber. Auf dem muffigen Dachboden des Turmes. Sie sahen sich an. Er lächelte und strich ihr zart über die Wange. Seine Hormone ließen den Ärger schnell verfliegen. Der Dachbodenschlüssel befand sich längst wieder in seiner Hosentasche, was Margareta bedauerte. Dann küsste er ihr Gesicht, ihre Stirn, ihre Wangen und ihre Lippen.

»Warum machst du aus allem so ein Geheimnis?« Sie küsste ihn zärtlich auf den Mund. Obwohl sich ihre Angst vor diesem Mann nicht gänzlich aufgelöst hatte, sehnte sich jede Faser ihres Körpers nach ihm.

Ihre Fingerspitze zeichnete die Umrisse seines Adamsapfels nach. Seine Halsschlagader trat hervor. Er seufzte vor Erregung. Mit zitternden Fingern umkreiste er ihre Brüste.

»Zieh dich aus«, flüsterte er mit rauer Stimme.

»Hier auf dem ollen Dachboden?«

»Ja, jetzt und hier!« Er holte den Regenmantel aus der Ecke, breitete ihn aus, legte ihn auf den Boden und kniete sich darauf. »Los, komm schon!« Er zog sie zu sich herunter.

Nur durch den kalten Regenmantel vom harten Dielenboden getrennt, kamen sie schnell zur Sache. Wie Ertrinkende klammerten sie sich aneinander. Ihre Hände krallten sich an seinem Hintern fest. Endlich. Leidenschaftlich biss Karol sie in den Hals. Sie spürte seine zärtlichen Hände überall gleichzeitig. Fast verrückt machte ihn ihr anfeuerndes Hecheln.

Wie weit ist es mit mir gekommen, dachte Margareta, als sie behäbig versuchte aufzustehen und ihre Kleidungsstücke zusammensuchte. Karol lachte, als er sich mit knackenden Knochen vom Boden erhob.

»Wir sind eben keine 20 mehr!«

»Keiner hat uns gezwungen, es hier an diesem unheimlichen, ungemütlichen Ort zu treiben!« Margareta lächelte süffisant.

»Wie sich das anhört: es zu treiben! Was ist mit Liebe?«

Margareta hielt sich die Ohren zu. »Bitte nicht schon wieder dieses Thema. Du bist echt ein toller Liebhaber. Doch mehr nicht!«

In der Nacht wurde sie vom Regen, der an das Fenster prasselte, geweckt. Sie stand auf und schloss den gekippten Fensterflügel. Drüben bei Karol war alles dunkel. Ob er wieder unterwegs war? Er liebte doch Regenwetter. Hat er sich in Stiefel und Mantel geworfen und irrte auf dem Friedhof umher? War er in besagter Nacht, als Sabine ermordet wurde, auf dem Friedhof? Hat er vielleicht etwas gesehen? Ein für sie unvorstellbarer Gedanke. Ich muss von ihm loskommen. So wichtig darf Sex schließlich nicht sein.

Da sie nicht einschlafen konnte, ging sie in die Küche, um sich einen Tee zuzubereiten. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, setzte sie sich an den Küchentisch. Ihr Blick fiel auf den Stapel Post, den sie, als sie von der Arbeit kam, achtlos beiseitegelegt hatte, getrieben von dem Gedanken, den Dachboden zu inspizieren. Und nach der heißen Dachbodennummer hatte sie den Stapel glatt vergessen. Reklame irgendwelcher Möbelhäuser, die Telefonrechnung, eine Urlaubskarte ihrer Freundin Corinna, die an der Nordsee weilte, und ein brauner DIN-A5-Umschlag waren die Ausbeute ihres Briefkastens. Sie nahm den Umschlag in die Hand und betrachte ihn verwundert. In kindlicher Krakelschrift war ihr Name darauf geschrieben. Weder Straße noch der Ort, nur ›Margareta Sommerfeld‹ stand auf dem Umschlag. Keine Briefmarke, kein Poststempel, nichts. Es musste ihn jemand persönlich in den Kasten geworfen haben. Sie öffnete ihn neugierig und entnahm ihm drei Fotos. Kaum hatte sie einen Blick darauf geworfen, wurde ihr speiübel und sie begann zu würgen. Die Fotos zeigten drei Frauen. In einer von ihnen erkannte sie Sabine, das tote Mädchen vom Friedhof. Im Dunkeln, aus nächster Nähe fotografiert. Ein erstarrtes Gesicht mit geöffneten Augen. Margareta hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf den Küchentisch. Auf dem zweiten Foto war ebenfalls eine junge blonde Frau abgebildet, an einen Stuhl gefesselt, mit einem Knebel im Mund, und Augen, die qualvolles Entsetzen ausdrückten. Aber sie lebte. Das letzte Foto zeigte eine zarte Frau mit kurzen dunklen Haaren, nackt auf einen Tisch festgebunden. Ihr Mund war mit Paketband verklebt. Ihr Blick starrte resigniert in die Gegend. Jetzt brauche ich einen Schnaps, Pfefferminztee reicht nicht mehr, dachte Margareta. Sie ging ins Wohnzimmer, goss sich einen doppelten Weinbrand in ein Wasserglas und schüttete den Inhalt, ohne nachzudenken, in den Hals.

Eisauge! Das war Karl-Heinz, das Eisauge, war ihr sofort klar. So abartig konnte nur er sein. Erst machte er mit den Frauen perverse Spielchen, dieser verklemmte Psychopath, und dann brachte er sie um. Er war der Mörder von Sabine! Das stand für sie zweifelsfrei fest. War Margareta vielleicht die Nächste?

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