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Margit Kruse Eisaugen
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Seitdem war die Gardine einige Tage stets zugezogen gewesen und das Rollo den ganzen Tag heruntergelassen. Margaretas Wohnung war die Einzige im Haus, die ein Fenster an der Seite hatte, von dem aus man das Zimmer der Wohnung von Frau Koletzki, das zur Straße hinausging, beobachten konnte.
Selbst Margaretas Mutter, der Pirat der Siedlung, bezichtigte ihre Tochter der Tagträumerei. »Kind, die Koletzki wohnt allein. Da ist niemand. Ich habe mich überall erkundigt! Du guckst zu viel Fernsehen!«
2.
Margareta hörte auf, ihn zu küssen. Ein Blick in seine großen, braunen Augen sagte ihr, dass auch er genug hatte. Er küsste ihre erhitzte Stirn, dann drehte er sich zur Seite. Die pure Lust hatte sie wieder zusammengeführt. Gut, dass es keine Liebe ist, dachte sie.
»Was hast du Henriette erzählt, wo du hingehst?«, fragte sie ihn spröde lächelnd. »Außer in den Keller, und das nur, wenn die Luft rein ist, hast du ja keine Möglichkeiten!«
»Sie schläft tief und fest. Hat bis jetzt nichts bemerkt!«
»Wie hältst du das bloß aus? Seit einem Jahr in der Wohnung eingesperrt zu sein und nichts anderes zu machen, als Schuhe zu reparieren!«
»Ich bin froh, dass ich überhaupt was zu tun habe! Außerdem habe ich ja jetzt dich!« Mit einem Blick, der mehr als besitzergreifend war, musterte er sie lange Zeit gierig.
»Starr mich nicht so an! Ich hab dir schon mal gesagt, das mit uns hat nichts zu bedeuten. Wir bilden eine reine Zweckgemeinschaft. Du brauchst hin und wieder mal etwas Abwechslung und ich ebenfalls. Uns verbindet nur Sex, mehr nicht. Keine Verpflichtung beiderseits. Nichts. Hast du verstanden?«
»Ja, ja, das hast du mir schon mehr als einmal gesagt. Doch du wirst dich so sehr an mich gewöhnen, dass du ohne mich nicht mehr leben kannst!« Er zündete sich eine Zigarette an und zog gierig daran, sodass die Glut im Dunkeln aufleuchtete.
»Und mit dir leider auch nicht. Weil es dich praktisch gar nicht gibt. Du bist illegal hier, vergiss das nicht!«
»Es wird sich ein Weg finden!«
»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter!«
»Die Weichsel, die Weichsel hinunter!« Zärtlich versuchte er, sie an sich zu ziehen. Wahrlich, ein toller Mann, ihr polnischer Gelegenheitsliebhaber, der heute genau zum vierten Male bei ihr war, um ihr ein paar schöne Stunden zu bereiten. Wie gut, dass die Zeit der vorgetäuschten Orgasmen und des Über-sich-ergehen-Lassens vorbei war und eine Frau hemmungslosen Sex genießen durfte, freute sich Margareta.
Der Mann, den es gar nicht gab, hatte ihr einfach keine Ruhe gelassen. Und so hatte sie eines Abends, als sie Frau Koletzki davongehen sah, dem nicht-existenten Mann mutig einen Besuch abgestattet. Natürlich hatte er auf ihr hartnäckiges Klingeln nicht geöffnet. Deshalb musste sie bei einem Nachbarn schellen, um sich Einlass ins Nebenhaus zu verschaffen. Aber das war kein Problem. Als der Nachbar wegen der späten Störung laut fluchend wieder seine Wohnungstür schloss, schlich sie die Treppe hinauf in den ersten Stock und lauschte an Frau Koletzkis Wohnungstür. Leise Radiomusik war zu hören und gelegentlich ein Räuspern. Auf ihr Klingeln tat sich natürlich wieder nichts. So versuchte sie es mit Klopfen. Selbst nach wiederholtem Poltern gegen die Tür dauerte es eine geschlagene Stunde, bis die Wohnungstür einen Spaltbreit geöffnet wurde. Zwei braune Augen lugten neugierig und gleichzeitig ängstlich durch den Türspalt. Ein angenehmer Männergeruch zog augenblicklich in ihre Nase. Nicht übertrieben nach Parfüm oder Deo, sondern nach Sauberkeit und Seife roch der Mann. Sein Gesicht sah aus der Nähe genauso gut aus wie aus der Ferne. Gebräunte Pfirsichhaut, ein schöner, geschwungener Mund. Seine wuscheligen braunen Haare warteten nur darauf, von ihr mit der Hand durchfahren zu werden. Und so etwas versteckt sich in einem Turmzimmer! Eine Schande, fand Margareta.
»Was wollen Sie?«, fragte er leise.
Sie war erschrocken, dass er ein akzentfreies Deutsch sprach. Ja, dass er überhaupt sprechen konnte, verwunderte sie. Einen Mann, der gar nicht existierte, hatte sie sich eher stumm vorgestellt. So wie Pan Tau.
»Ich wohne nebenan und kann in Ihr Fenster sehen!« Klügere Worte wollten ihr einfach nicht einfallen.
»Ich weiß!«, sagte er nur.
»Ich muss mit Ihnen reden!«
»Wieso? Haben Sie etwa Schuhe zu besohlen?«, fragte er verwundert. Wie kam die Koletzki bloß an die vielen kaputten Schuhe?, wunderte sie sich. Ein Mann, den es nicht gab, konnte solche Arbeiten schließlich gar nicht ausführen. Dachten die Auftraggeber etwa, die Koletzki besohlte all die Schuhe selbst? Muss ich abklären, unbedingt, sagte Margareta sich.
»Nein«, lachte sie. »Kommen Sie nachher zu mir! Schellen Sie bei Sommerfeld!«
»Kann aber spät werden!«
»Macht nichts!«
Es wurde sogar sehr spät. Und er hatte nicht mal gefragt, was er eigentlich bei ihr sollte. Nie hätte sie gedacht, dass er tatsächlich kommen würde. Etwas mulmig war ihr schon zumute, als es weit nach 23 Uhr an der Tür klingelte. Ohne zu zögern drückte sie auf den Türöffner. Sie hörte leise Schritte die alten knarrenden Holzstufen hinaufsteigen. Als er oben an ihrer Wohnungstür angekommen war, öffnete sie diese und ließ ihn eintreten. Einen Mann, den sie überhaupt nicht kannte und den es eigentlich gar nicht gab. Was, wenn er ein gesuchter Verbrecher war und sich in der Wohnung der alten Frau nebenan versteckt hielt? Er trug einen Rollkragenpulli und eine enge Jeans. Er roch nach wie vor nach Seife. Sein Blick war hypnotisierend auf sie gerichtet und taxierte ihren Körper langsam von oben nach unten. An ihrem Busen verweilte er einen Augenblick und wanderte dann tiefer, um an ihrem Slip, der durch den leicht geöffneten Seidenmorgenmantel zu sehen war, hängen zu bleiben.
»Na, schläft Mutti?«, fragte sie ihn spöttisch.
»Ist nicht meine Mutter. Ist meine Tante!«
Sie ging einen Schritt auf ihn zu und seine Atemfrequenz steigerte sich augenblicklich. Schweiß trat auf seine Pfirsichhautstirn.
Schon immer wollte sie mal etwas völlig Verrücktes tun, fernab von all den anständigen Dingen, die sie sonst gewohnt war, stets zur Zufriedenheit ihrer Mitmenschen zu verrichten. Mutig wollte sie sein. Mutig und draufgängerisch. Endlich bot sich ihr die Chance dazu. Immerhin gab es den Mann, dem sie sich jetzt hemmungslos an den Hals warf, überhaupt nicht. Sie küsste stürmisch seinen duftenden Hals, wühlte heftig in seinen wilden Locken, sodass er schon Angst bekam, sie reiße ihm diese büschelweise aus. Zerrte ihm den Pulli über den Kopf und öffnete seine knallenge Jeans. Er hatte es da einfacher. Unter ihrem Seidenmorgenrock war sie, bis auf den Slip, nackt. Seine Hände zitterten, als er dieses Seidenteil einfach nach hinten fallen ließ und sich anschließend an ihrem winzigen Slip zu schaffen machte. So ein Teil hatte er bestimmt noch nie in den Händen gehalten, dachte sie kurz. Dort, wo er herkam, gab es bestimmt nur große Baumwollschlüpfer, Marke ›Hüftwarm‹.
Sie fielen übereinander her wie wilde Tiere. Ausgehungert nach Sex kosteten sie die dargebotene Gelegenheit bis zum Letzten aus. Er vergaß seine Ledersohlen, seine Gummiabsätze und seine flinke Nähahle. Sie den tollen Bertl, der gegen den Kaloderma-Mann eine Niete war, den Friedhof, ihren Hertie-Laden, ihre Eltern und den Eisaugenmann.
Er führte sie in ein Land, das sie bisher nicht kennengelernt hatte. Ein Land, das irgendwo zwischen Tschechien und der Slowakei liegen musste. Sie stellte sich vor, dass er, bevor er dort geflüchtet war, ein toller Arzt gewesen war. Gab ihm zwischen zwei heißen Liebesnummern den Namen ›Dr. Blaschey‹.
Die Ernüchterung kam schneller als erwartet. Als sie schweißgebadet aus dem Taumel der Leidenschaft auf ihrem Bett erwachte, erzählte er ihr, dass er weder Arzt war noch Dr. Blaschey hieß, sondern Karol Waczmarek. Ein vor 35 Jahren in Polen geborener Mann, der für gutes Geld von Autoschleppern illegal hier eingeschleust worden war, um sich auf die Suche nach seiner deutschstämmigen Mutter machen zu können, die vor vielen Jahren mit seinen beiden Schwestern als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen war. Man brachte ihn bei Nacht und Nebel erst einmal bei Tante Henriette unter. Sie kommt ja auch von drüben und wird Verständnis für seine Situation haben, dachte man. Nur für ein paar Tage, vertröstete man sie. Man würde ihm Papiere besorgen, irgendwie. Aus den paar Tagen ist fast ein ganzes Jahr geworden. Er hatte nach wie vor keine Papiere und somit keine Gelegenheit, seine Mutter zu suchen. Aus Angst, eingesperrt zu werden oder seiner Tante Ärger zu bereiten, fand er nicht den Mut, sich den Behörden zu stellen.
Hoffentlich komme ich aus der Nummer wieder raus, dachte Margareta einen letzten klaren Gedanken, bevor er sie wieder küsste, dass ihr schwindelig wurde.
Von da an besuchte er sie regelmäßig, immer mitten in der Nacht, immer nach Kaloderma-Seife riechend. Wie ein Vulkan brach die Leidenschaft jedes Mal über sie herein und machte die Nacht zu einem hellwachen energiegeladenen Tag. Der Mann ist wie eine Droge, die süchtig macht, dachte Margareta, wenn sie am nächsten Tag, ohne Schlaf, völlig unkonzentriert und müde ihrer Arbeit nachging und einen Fehler nach dem anderen machte. Du musst das beenden. Das führt zu nichts!
Du gewöhnst dich an ihn und kommst nicht von ihm los. Er ist nichts und er hat nichts. Das nächste Mal wird das letzte Mal sein, befahl sie sich. Jawohl! Doch wenn ein paar Tage vergangen waren und die Entzugserscheinungen einsetzten, sie wieder was von dieser Droge brauchte und sie als Erstes, nachdem sie von der Arbeit kommend ihre Wohnung betrat, unruhig zum Schlafzimmerfenster rannte und in sein Zimmer starrte, war alles vergessen. Wie er da auf seinem kleinen Schemel saß, einen Schuh zwischen seine Beine geklemmt und mit dem Hammer kräftig auf den soeben befestigten Absatz des Schuhs klopfte, dass seine Muskeln an den nackten Oberarmen hervortraten, war ihr Vorsatz vergessen. Sobald er, als spürte er ihre Blicke, zu ihr herübersah und sie verschmitzt anlächelte, hätte sie sich am liebsten augenblicklich die Kleider vom Leib gerissen, das Fenster geöffnet und laut herübergeschrien:
»Nun komm schon her, du geiles Polenbürscherl!«
Ob sie ihm bei der Suche nach seiner Mutter, Aleksandra Waczmarek, nicht behilflich sein könnte, hatte er sie bei seinem letzten Besuch, nach einer heißen Nummer, gefragt. Daraufhin hatte sie ihm das Telefonbuch in die Hand gedrückt und mit den Schultern gezuckt.
»Du machst es dir aber einfach!«, ließ er aus wütenden Augen verlauten.
»Hey, ist das meine Mutter, oder was? Du weißt, was ich über unsere Beziehung denke. Nur Sex, mehr ist nicht. Das wusstest du von Anfang an!«
»Ja, das hast du gesagt. Ich habe aber nicht gedacht, dass du es tatsächlich so meinst!« Mit hängenden Schultern verließ er sie in dieser Nacht und ließ eine Woche lang die Gardine sowie das Rollo seines Fensters geschlossen.
Soll er doch, sagte sie zu sich selbst. Okay, im Bett ist er eine Granate. Aber soll ich ihn mir deshalb komplett ans Bein binden? Er ist noch ärmer als ich. Liegt seiner Tante auf der Tasche. Von dem bisschen, was er durch die Schuhreparaturen verdient, kann er sich nicht einmal ernähren. Nein, das ist mir alles zu kompliziert, entschied Margareta. Ich muss die Sache mit diesem Sahneschnittchen beenden, bevor es zu spät ist. So verordnete sie sich selbst ab sofort eine Kaloderma-Mann-Diät und hoffte, sie auch durchzuhalten.
3.
Sie hätte dagelegen, als schliefe sie, hatte ihr ihre Mutter am Telefon erzählt. Oh, wie sie es hasste, wenn man sie auf ihrer Arbeitsstelle anrief und sie über Lautsprecher ausgerufen werden musste. Die hämischen Kommentare ihrer Kolleginnen und der wütende Blick des Abteilungsleiters hatten sie bis hinter die Stahltür begleitet, die zu dem Büro führte, wo sie das Gespräch entgegennahm. Was hat Waltraud denn nun wieder?, fragte sie sich. Sie wusste, dass es nur ihre Mutter sein konnte, da sich alle anderen an das Bei-der-Arbeit-Anrufverbot hielten.
Eine junge Frau, Anfang 20, mit langen blonden Haaren, war in den frühen Morgenstunden auf dem Friedhof tot aufgefunden worden, berichtete ihr ihre Mutter aufgeregt. Im Garten der Erinnerung, einem neu angelegten Gemeinschaftsfeld, hätte man sie, mit einer Baccara-Rose in der rechten Hand, entdeckt. Natürlich war ihre Mutter, Waltraud Sommerfeld, sofort zum Tatort geeilt, als ihr ein Nachbar, der gerade von der Nachtschicht mit dem Fahrrad dort vorbeigefahren war, davon erzählt hatte.
Sie hatte sich blitzschnell ihren blauen Regenmantel über ihren Schlafanzug gezogen, ihrem Goldfasan »Ich bin gleich wieder da« zugerufen und war die Treppen hinuntergestürzt. Es wurde gerade erst hell. Da die Aprilnächte reichlich kalt sein konnten, wurde Waltraud sich ihrer nackten Füße in den Birkenstocklatschen erst 400 Meter weiter, als sie den Friedhof bereits betreten hatte, bewusst. Doch jetzt gab es für sie kein Zurück mehr. Sie sah in der Ferne das Blaulicht blinken und einige silber-blaue Polizeiautos den Weg versperren. Vor Aufregung und purer Sensationslust schlug Waltrauds Herz schneller.
Ein kalter Windstoß fuhr unter ihren Regenmantel, als sie wie von Sinnen zum Tatort hetzte. Genau bis zum Flatterband, mit welchem der Fundort abgesperrt war, ließ man sie vordringen. Etliche Uniformierte sowie normal Gekleidete, Waltraud vermutete Kripomänner, schüttelten sich stumm die Hände. Ein Weiterer saß auf der gegenüberliegenden Bank und tippte etwas in sein Notebook. Der dickste der normal Gekleideten war wohl der Chef und gab den anderen gewichtig Anweisungen.
»Furchtbare Sache, so ein junges Ding«, hörte sie den Dicken sagen.
Ein Streifenwagen stand direkt am Eingang des Feldes. Im Flackern seines Blaulichts konnte sie den Körper der jungen Frau sogar sehen. Als der Lichtkegel die Tote erfasste, leuchtete das weiße Gesicht der Frau gespenstisch auf und Waltraud hätte am liebsten laut geschrien. Die junge Frau war vollständig bekleidet. Der Gerichtsmediziner machte sich an ihrem Hals zu schaffen und Waltraud vernahm Worte wie: »Blutunterlaufene Stelle, Würgemale und Hämatome«. Ach ja, und gerade noch hörte sie »Sie ist mindestens sechs Stunden tot!«, da wurde sie auch gleich von einem Uniformierten regelrecht vom Fundort verjagt.
»Mutti, nun aber mal ab nach Hause. Wirst schon morgen alles inne Zeitung lesen!« Ruppig packte er sie am Oberarm und schob sie in die Richtung, aus der sie gekommen war.
»Unverschämtheit!«, rief Waltraud ihm hinterher und machte sich, nicht ohne Stolz, auf den Heimweg. Sie, Waltraud Sommerfeld, war dabei gewesen, als man die Leiche fand, würde sie in wenigen Stunden all ihren Nachbarn und Freundinnen erzählen. Und natürlich ihrer Tochter. Die musste es sofort wissen. Gleich wenn ihre Arbeitszeit beginnt, werde ich sie anrufen, dachte Waltraud völlig erregt.
Wer macht so etwas?, fragte Margareta sich. Der Schock über die grausame Tat unweit ihrer Wohnung war größer als der Ärger über den Anruf ihrer Mutter. Und ausgerechnet im Garten der Erinnerung, dem neuen Feld. Oft hatte sie dort auf einer Steinbank gegenüber der Skulptur gesessen. Gerade dort hatte man die tote Frau gefunden. Mit einer Rose in der Hand. Wie furchtbar.
Gleich nachdem sie Feierabend hatte, entschloss sie sich zu einem Spaziergang auf dem Friedhof. Neugierde war es, welche sie veranlasste, ihn an diesem Abend aufzusuchen. Das Wetter war gut, die Abendsonne schien, nachdem man einige Tage zuvor die Uhr auf Sommerzeit umgestellt hatte. Sie warf, während sie sich umzog, einen kurzen Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster hinüber zu Karols Domizil und sah ihn wieder einmal an seinem Tisch sitzen. Auf dem niedrigen Schemel. Einige Nägel zwischen seine Lippen geklemmt, war er ganz in seine Arbeit vertieft, sodass er sie nicht bemerkte. Er trug über einem blau gestreiften, schlafanzugähnlichen Hemd seine verklebte Arbeitsschürze und schlug kräftig mit dem Hammer auf einen Schuh ein, den seine Beine umklammert hielten. Und das mit einer solchen Begeisterung! Margareta schüttelte darüber nur mit dem Kopf. Dem ist einfach nicht zu helfen, diesem starrsinnigen Kerl. Sie zog ihre Jacke an und verließ ihre Wohnung gegen 19 Uhr.
Sie atmete tief die milde Frühlingsluft ein und erfreute sich an den blühenden Blumen in den Vorgärten des Wetterwegs. Als sie das einsame Friedhofstor am Ende der Siedlung erreichte, war ihr etwas mulmig zumute. Sie schob ihre Ängste beiseite. Was soll mir schon passieren? Das wäre ja ein toller Zufall, wenn man an einem Tag auf dem Friedhof zwei Leichen finden würde. Laut Statistik fast unmöglich. Auf dem Hauptweg Richtung Trauerhalle kam ihr Walter Hartmann entgegen. Sie musste schmunzeln. Na, der hat heute aber spät Feierabend. Walter Hartmann war Junggeselle und wohnte mit seiner Mutti schräg gegenüber ihren Eltern in einer Zweizimmerdachwohnung. Oh, wie oft hatte ihre liebe Mutter ihr diesen Mann schon anzudrehen versucht.
»Kind, der ist eine gute Partie! Der arbeitet als Inspektor bei der Stadtverwaltung und hat ein gutes Einkommen!«
»Lass mal gut sein, Mutti!«, ließ sie jedes Mal lachend verlauten. Inspektor bei der Stadtverwaltung wurde man schließlich nicht wegen herausragender Leistungen, sondern einzig und allein aufgrund der Tatsache, dass man viele lange Jahre pünktlich zum Dienst erschienen war und tapfer den Arbeitstag überstanden hatte, ohne einzuschlafen. Das war zumindest Margaretas Überzeugung in Bezug auf Walter.
Sie wusste, dass der liebe Walter, trotz Monatsfahrkarte, nur deshalb den Heimweg von seiner Arbeitsstelle zu Fuß über den Friedhof zurücklegte, um dort eventuell die Frau fürs Leben zu finden. Aber was für ein Leben erwartete die Gute? Das Leben an der Seite eines 50 Jahre alten, bei Mutti lebenden Mannes, der, wenn diese mal stirbt, in ein so tiefes Loch fällt, dass ihn niemand jemals dort herausziehen könnte. Und so lange es Mutti noch gibt, müsste sie sich mit ihr arrangieren, ein Leben zu dritt in einer kleinen Wohnung. Nein, danke!
Sich tief zu einem Gruß verneigend, ging er an ihr vorbei. Er trug den beigen Trenchcoat schon, so lange sie ihn kannte. Die alte Aktentasche unter den Arm geklemmt, ging er mit immens großen Schritten des Weges. Dabei war er eigentlich gar nicht hässlich. Er erinnerte sie ein wenig an John Wayne, den alten Westernhelden. Seine braunen, zurückgekämmten Naturlocken waren entweder fettig oder mit Gel in Form gebracht worden. Würde er zu einer 70er-Jahre-Party eingeladen, bräuchte er sich nicht einmal zu verkleiden. Seine dunkle Hornbrille war mega-out, so wie der ganze Mann samt seiner verstaubten Ansichten nicht in dieses Jahrzehnt passte. Er war übrigens schon seit 30 Jahren auf der Suche nach der passenden Gefährtin für sich und seine Mutti, die ihm über alles ging. Eigentlich brauchte er ja nur jemanden für den Part, den seine Mutti nicht abdeckte. Er war nicht einmal verlegen, als Margareta ihn neulich bei Sinn in der Wäscheabteilung traf, wo er gerade seine Hände in riesige Schlüpfer mit Bein steckte und diese so spreizte, dass der Stoff fast nachgegeben hätte. Welcher Sohn prüfte so sorgfältig die Qualität, bevor er seiner Mutti etwas kaufte?
Und ausgerechnet Schlüpfer? Welcher Mann grüßte in einer solchen Situation freundlich und wühlte weiter mit Begeisterung in den verschiedenen Unterhosen? Ein Geruch von Franzbranntwein hatte sie gestreift, als
sie sich an ihm vorbeidrängen musste. Igitt!
Aber immerhin war er Inspektor. Inspektor im Referat Bauordnung und Bauverwaltung im Buer’schen Rathaus. Er teilte sein heimeliges Büro mit Margaretas Bruder Gisbert, der ebenfalls dort arbeitete beziehungsweise sich da aufhielt. Gisbert erzählte oft witzige Anekdoten aus Walter Hartmanns Junggesellenleben. Beide waren sie für ordnungsbehördliche Verfahren zuständig. Akribisch, wie nur Beamte sein konnten, freuten sie sich über jeden neuen Fall, der wieder etwas frischen Wind in die miefige Amtsstube brachte. Kam ihnen eine Sache zu Augen oder Ohren, die gegen ihre gestrengen Satzungen verstieß, traten sie in Aktion. Und wenn es sich auch nur um einen fünf Zentimeter zu hohen Zaun handelte, rieben sich die beiden die Hände. Endlich kam Action in ihr Beamtenleben. Die Fliegenklatsche und die Kalenderblätter waren vergessen. Jetzt durften die zittrigen Hände wieder über die Tastatur des PCs fliegen. Behördliche Mahnungen mit Anordnungen von Zwangsgeldern wurden flugs geschrieben und versandt.
Mein Bruder ist nicht besser als dieser Walter, dachte Margareta. Beamte sind alle gleich, irgendwie klebt etwas Spießiges an ihnen, fand sie. Obwohl sie sich schon auf den Ostersonntag bei ihrem Bruder, der mit seiner Familie in einem Zechenhäuschen in der Hasseler Körnerstraße lebte, freute. Da hatte sie anschließend mit ihrer Freundin Corinna wieder Gesprächsstoff für mindestens zwei Stunden. Bei Sekt oder Wein würden sie sich über die Eigenarten der beiden Beamten vor Lachen abrollen.
Sie hatte den Fundort der Leiche erreicht. Nichts erinnerte mehr an die grauenvolle Schilderung ihrer Mutter. Nirgendwo die kleinste Spur eines Verbrechens. Alles war wieder hergerichtet, als wäre nie etwas geschehen.
Nachdem sie sich einige Minuten auf der Steinbank im Garten der Erinnerung niedergelassen und auf den Fundort gestarrt hatte, entschloss sie sich, nach Hause zu gehen.
Das Blinken des Anrufbeantworters zeigte ihr eine neue Nachricht an. Noch während sie sich von Jacke und Schuhen befreite, drückte sie die Abspieltaste. Laut vernahm sie die Bariton-Stimme ihres Ex-Geliebten. »Hallo, Gretchen, ich bin’s, Friedbert. Ruf mich doch mal an!«
Ehe seine Stimme restlos verklungen war, drückte sie hastig die Löschtaste, so, als könne sie mit der hinterlassenen Nachricht gleich den ganzen Bertl auslöschen. Schon zum dritten Male hatte er ihr in dieser Woche aufs Band gesprochen. Sie spürte nicht die geringste Lust, ihn anzurufen. Alles war gesagt, sie hatte kein Verlangen, die abgestandene Suppe zum wiederholten Male aufzuwärmen. Als sie im Schlafzimmer das Rollo herunterließ und dabei zu dem sprossenverglasten Fenster des Nebenhauses sah, saß Karol bei schwachem Licht einer winzigen Tischleuchte noch immer über seine Schuhe gebeugt. Hat wohl Großaufträge, volles Programm! Da wird die Kasse klingeln. Alle wollen zu Ostern ihre Frühjahrsschuhe neu besohlt wissen. Wenn er doch einen ähnlichen Eifer bei der Suche nach seiner Mutter an den Tag legen würde. Wann wollte er sich endlich den Behörden stellen? Wie lange wollte er so weitermachen? Nicht mein Problem. Als er in der letzten Nacht an ihrer Tür klingelte, hatte sie nicht reagiert.
Sie schaltete den Fernseher ein, um sich durch die Tagesschau bestätigen zu lassen, dass es den Mordfall wirklich gab und ihre Mutter ihr kein Märchen erzählt hatte. Man zeigte Bilder vom Friedhof und vom Garten der Erinnerung. Die neu installierte Skulptur wurde zum Medienstar. Von der Toten und von Waltraud konnte sie in dem Gewusel der Polizei- und Kripobeamten nichts entdecken. Bei der Toten handelte es sich um die 25-jährige Sabine Pöschl, eine Angestellte eines nahe gelegenen Reiterhofes, die seit zwei Tagen vermisst wurde. Der Name sagte Margareta nichts. Vielleicht würde morgen in der Zeitung mehr über sie stehen. Außerdem hatte sie ja einen eigenen, viel genaueren Berichterstatter, nämlich ihre Mutter.
4.
Sie saß an dem karg gedeckten Tisch eines einfach eingerichteten Zimmers und blickte aus dem Fenster. Komisch, dachte sie, von hier aus habe ich die Schievenstraße noch nie betrachtet. Ihr gegenüber, keinen Meter entfernt, starrte sie in zwei erwartungsvolle, hellblaue Augen. Es war Karfreitag, 13 Uhr, und sie bekam gerade eine Portion Schlemmerfilet à la Bordelaise unter die Nase gestellt. Daneben lagen zwei Kochbeutelknödel und eine Portion Erbsen und Möhren aus der Dose. Seine Hände zitterten. Er hatte Angst. Angst, dass es ihr vielleicht nicht schmecken würde, sie enttäuscht sei, vom Essen, von seiner Wohnung und von ihm.
Wick Blau, die Farbe seiner Augen erinnerte sie an Wick-Blau-Hustenbonbons. Während sie auf den ramponierten Teller mit der dampfenden Mahlzeit starrte, fragte sich Margareta, ob sie eigentlich verrückt war. Hatte ich den totalen Blackout, als ich die Essenseinladung annahm? Was habe ich mir da für eine Suppe eingebrockt? Hat meine Gutmütigkeit, mein Nicht-Nein-sagen-Können mir dieses Mal einen besonders üblen Streich gespielt?