
Полная версия:
Nami Korevko Lumine
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Wie konnte man nur? Er hätte es ahnen sollen. Innerlich schüttelte er den Kopf. Es war geschehen und somit auch unwiderruflich. Mit dem mussten sie nun leben. Langsam näherte sich der treu Ergebene und entnahm ihr das Band, um es ihr wieder umzubinden. Sie ließ es zu. Nachdem er sein Tun beendet hatte, erhob er seine Stimme: „Bitte begebt Euch nun wieder in die Kutsche und versucht zu schlafen. Ihr müsst Euch ausruhen. Und bis wir den Wald vollständig durchquert haben, wird es noch eine Weile dauern!“ Nachgebend folgte Luna seiner Bitte und schritt auf die schwarze Kutsche zu, die auf dem breiten, leicht unebenen Waldweg stand. Dankbar lächelte sie Benedict zu, als er, wie schon so oft, die Tür aufhielt und ihr half einzusteigen. Erschöpft ließ sie sich auf die Sitzbank fallen, schlief nach kurzer Zeit ein und wurde, wie jede Nacht, von alten, bedrückenden Bildern ihrer Vergangenheit in ihren Träumen heimgesucht.
Mit eisernem Griff hielt der treue Butler die Zügel in seinen Händen und beobachtete während der Fahrt die finstere Umgebung. Verärgert musste er feststellen, dass auch seine Kräfte langsam verschwanden.
Die Müdigkeit drohte ihn wie eine riesige Welle mit in die Tiefe zu reißen. Wann hatte er das letzte Mal ausgiebig geschlafen? Selbst wenn es ihm schwerfiel, so musste er ebenfalls an seine Gesundheit denken. Denn sein Leichnam würde Lady Luna nichts bringen. Für ihn hatte ihre Sicherheit stets höchste Priorität. Nichts, aber auch gar nichts würde ihn davon abhalten können, sie zu beschützen.
Lumine – Kapitel 2
Der kleine Hügel unter dessen Baum das Mädchen schlief, wurde von einem kegelförmigen Sonnenstrahl erhellt. Ein neuer Tag war angebrochen. Ein Neubeginn. Unter dem Rascheln der Blätter war es das flatternde Flügelschlagen, das Lumine erwachen ließ. Ihr trüber Blick klärte sich und sie erblickte vor sich eine weiße Taube, die auf einem Stein saß und sie musterte. „Wie du wohl heißen magst?“, erhob sie ihre Stimme und beschloss daraufhin, den Vogel auf den Namen Kuro zu taufen. Ab diesem Zeitpunkt wich Kuro ihr nicht mehr von der Seite.
Kapitel 2 – Die Perfektion in Person
Wer war schon perfekt? Das Aussehen entsprechend einer in Stein gemeißelten Schönheit. Helle und reine Haut, die im Scheine des Mondlichtes zu strahlen begann, gepaart mit roten, wohlgeformten Lippen, die schneeweiße Zähne beherbergten. Kräftiges, schimmerndes Haar und leuchtende Augen, die jeden in ihren Bann ziehen konnten. Eine makellose und unvergleichbare Statur, die in jedem den Ehrgeiz erweckte, ebenfalls so auszusehen. Einen besonnenen Charakter, eine reine Seele mit einem Herz aus Gold. Tadellose Verhaltensgewohnheiten wie eine gerade Haltung, dem einer Linie entsprechend, und eine überaus gewandte Wortwahl sowie Ausdrucksweise, die den Verdacht erwecken ließ, dass dies einem zuvor verfassten Text, der lediglich auswendig gelernt wurde, gleichkam. Die Fähigkeiten besitzen, ein Instrument oder im Idealfall mehrere spielen zu können, wie auch die Tanzkunst zu beherrschen und allen Fehlern und Makeln vorzubeugen.
Man durfte keine negativen Eigenschaften aufweisen. Nicht sie. Die Adligen der Gesellschaft.
Aber all diesen strengen Vorschriften musste eine Person im Stillen widersprechen. Tonlos, aufgrund der Angst, verstoßen, verachtet und allein gelassen zu werden. Die Tochter einer Adelsfamilie musste perfekt sein. Erst recht die Tochter der Familie De Menciums.
Allerdings fragte sie sich: War sie denn nicht bereits, wenn nicht seit Jahren, allein? Es fühlte sich zumindest so an. Das wohlhabende Leben war kalt und nur begleitet von langweiligen und oberflächlichen Gesprächen, die keinerlei Farben beinhalteten. Deren Privileg war Quantität, nicht Qualität. Wie traurig dies doch war. Jedoch schienen diese verkorksten Leute tatsächlich glücklich damit zu sein. Am liebsten wollte das Mädchen aus dem goldenen Käfig entfliehen. Doch wie? Wahrscheinlich würde ihm das niemals gelingen, außer es würde einen äußerst beängstigenden Entschluss fassen, vor dem es sich mehr als nur fürchtete. Allerdings wäre sie nicht die Erste, die in ihrer Familie Suizid begehen würde. Ihre Tante Sherry wurde vor knapp fünf Jahren in ihrem Gemach erschossen aufgefunden, so wurde ihr erzählt. Da war Luna gerade mal sieben Jahre alt gewesen, zu jung, um sowas verstehen zu können. Nun war diese Tat ihr eher ein Begriff. Traurigerweise hatte sie keinen Abschiedsbrief hinterlassen, um wenigstens erahnen zu können, was die rotblonde Frau dazu veranlasst hatte, die Waffe ihres Mannes zu greifen, sich auf das Bett zu setzen, ihre Hand mit der zuvor entsicherten Pistole an ihren Kopf zu führen und den Abzug zu drücken. Ihr Make-up war komplett verwischt. Sie musste offensichtlich geweint haben.
Um das schreckliche Kopfkino zu beenden, schüttelte das zwölfjährige Albino-Mädchen verzweifelt den Kopf. Den Tränen nahe, schloss sie ihren feuerroten Seelenspiegel. Sie sollte nicht mehr allzu oft darüber nachdenken. Schliesslich konnte man es nicht mehr rückgängig machen. Der Kummer aufgrund des Verlustes saß wahrlich tief. Überraschenderweise jedoch nicht nur Trauer, sondern zusätzliche Wut war spürbar. Wut deswegen, weil sie sich im Stich gelassen fühlte. Ihre Tante war der einzige Halt gewesen. Sie war die einzige Person, die sich ihr gegenüber nicht entfremdet benahm, als wäre Luna nur ein Vorzeigeprodukt, aufgrund ihres sonderbaren Aussehens. Ihre Eltern mochten von außen hin als wunderschön und charmant betrachtet werden, allerdings richtige Liebe konnte sie von ihnen nie erwarten. Vielleicht, als sie noch ein Baby und Kleinkind war. Aber nun?
Mittlerweile hatte sie immer wieder das Gefühl, dass ihre Familie sich immerzu verändert hatte in den letzten Jahren, an die sie sich zumindest erinnern konnte. Besuch bekamen sie auch immer seltener und falls dies mal der Fall war, dann ausschließlich nachts. Aus dem Büro ihres Vaters Earl Edwin De Mencium schien nahezu noch bis zum Morgengrauen Licht. Bekam er denn noch genug Schlaf? Selbst wenn Luna noch so wenig das Gefühl übermittelt bekam, Liebe von ihren Eltern zu erhalten, so machte sie sich dennoch Sorgen um ihren geliebten Vater. Geliebt? Natürlich. Die eigenen Eltern musste man doch lieben. Sie musste doch dafür dankbar sein, in solch einem Luxus leben zu dürfen, und das nur dank ihnen. Dank dem, was ihr Vater aufgebaut hatte. Ja, aber was denn? Ihr wurde nie erklärt, woher der Ruhm und Reichtum kam. Wahrscheinlich war sie noch zu jung, um das richtig zu verstehen, wurde ihr gesagt – oder eingeredet?
Seufzend schloss die Weißhaarige ihr über alles geliebtes Buch, das ihre Tante ihr einst zu Weihnachten geschenkt hatte und in dem sie bis eben noch gelesen hatte.
Es war in dunkelbraunes Leder gebunden und besaß goldene Verschnörkelungen, die die Ecken unterstrichen. Der Titel des Märchenbuches war ebenfalls in goldener und gebundener Schrift geschrieben. Das Buch wurde nach dem Namen des Hauptcharakters der Geschichte benannt. Es hieß Lumine. Ein sehr schöner Name. Er gefiel der Adelstochter sehr, und sie mochte die erfundene Person. Sie konnte sich mit ihr irgendwie identifizieren. Wie sie selbst besaß Lumine ein ungewöhnliches Aussehen.
Mit Sicherheit wäre Luna dazu in der Lage gewesen, jeden Satz des Märchens zu rezitieren, da sie es nach so häufigem Lesen auswendig kannte. Sie liebte ihr Geschenk wirklich. Aber es war nun nicht bloß ein Geschenk, sondern auch ein Andenken.
Langsam erhob sich die Weißhaarige aus ihrem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, um aus dem Fenster blicken zu können und lief an dem Bett vorbei, um vor ihrem Regal, das sich neben ihrem riesigen Schrank befand, stehen zu bleiben. Sanft strich Luna verträumt mit ihren bleichen Fingerkuppen der Schrift entlang. Ein kleines Lächeln von einer Mischung aus Freude und Trauer setzte sie auf. Ein paar Minuten verharrte sie in dieser Position, bevor sie sich aus ihrer Starre wieder löste und sich auf die Zehenspitzen stellend, die Lektüre zurück ins hölzerne Gestell verfrachtete. Neben den Büchern saßen ihre zwei alten Stoffpuppen mit Zierkleidchen, deren Wert womöglich mit dem eines echten, maßgeschneiderten Kleides vergleichbar war. Ihre glänzenden schwarzen Knopfaugen starrten ins Nichts. Diese kalten und leblosen Augen, bei denen man das Gefühl hatte, sie würden einen beobachten. Unheimlich.
Schnellen Schrittes näherte das kleine Mädchen sich wieder dem Fenster und nahm wieder Platz auf ihrem Stuhl. Neugierig folgte sie dem Tun des Gärtners. Draussen schien die Sonne und die Blumen begannen zur Frühlingszeit zu blühen. Es herrschte ein überaus herrliches Wetter. Keine einzige Wolke konnte man oben am hellblauen Himmel entdecken. Am liebsten wäre die Kleine zum Angestellten nach Draußen gefolgt und hätte ihm geholfen. Allerdings: Ohne Erlaubnis war es ihr nicht gewährt, das Anwesen zu verlassen, aufgrund ihres geschwächten Immunsystems. Selten ließ man sie das Haus verlassen. Ihr Gemach konnte noch so groß sein. Trotzdem fühlte sie sich darin eingesperrt, wie in einem Käfig, dessen Schlüssel zur Sicherheit weggeworfen wurde.
Ein für sie viel zu riesiges Bett stand an der Wand mittig des Raumes. Daneben auf der rechten Seite, wie erwähnt, der mit mehreren Dutzend von Kleidern gefüllte Schrank und das Regal aus Eichenholz. Der Boden wurde von einem roten Teppich mit goldenen Mustern bedeckt. Ihre Vorhänge der Fenster waren so weiß wie ihr Haar.
Was sie nur alles dafür getan hätte, um sich an die frische Luft begeben zu dürfen. Da kam ihr ein gewisser Gedanke. Zwar war es ihr nicht gewährt sich außerhalb des Hauses aufzuhalten, aber für kurze Zeit wäre dies doch kein Problem. Verschmitzt grinste die Kleine. Sie würde nicht lange weg sein, dachte sie sich. Schritte die sich ihr näherten, ließen Luna aufhorchen. Sie kannte diesen versteiften Gang. Nur noch ein paar Meter und die Person würde in ihrem Türrahmen stehen. Innerlich seufzend erhob das Kind sich und wandte sich, noch mit geschlossenen Augen, in die Richtung des Klanges um. Die Stimme des Zimmermädchens Genevieve veranlasste sie dazu sie nun anzuschauen. In diese freudlosen grünen Augen, die denen eines Fisches ähnelten, musste sie jeden Tag starren.
„Lady, Luna ich hoffe doch, Ihr habt nun Eure Lektion gelernt und werdet es doch wohl vermeiden, weitere Unannehmlichkeiten zu verursachen. Das würde Eurem Vater vieles ersparen und den Namen der Familie nicht weiter in den Schmutz ziehen!“
Luna mochte ihre raue Stimme nicht. Sie mochte ihre Art nicht. Eigentlich mochte sie gar nichts an ihr. Genevieve war eine unangenehme Person. Jeden Tag vernahm sie einen Text dieser Art. Mittlerweile war dies zur Gewohnheit geworden. Aber dennoch hinterließ es jedes Mal einen kleinen Kratzer im Inneren, der überraschenderweise viel mehr schmerzte als zuvor angenommen. Ob es der nicht besonders alten Frau Freude bereitete, über die Adelstochter zu tadeln oder ihr dies von ihren Eltern aufgetragen wurde, wusste sie nicht. Noch vor Genevieve hatte das Mädchen viele andere Zimmermädchen. Jedoch blieben diese nie lange, denn schon nach kurzer Zeit haben sie gekündigt oder es wurde ihnen gekündigt, und daraufhin sah die Kleine sie nie wieder. Anders bei Genevieve. Ausgerechnet sie. Aber vielleicht würde sich auch dies bald ändern. Schließlich wusste man nie.
Die eben geäußerten Worte, die Luna wie Steine an den Kopf geworfen wurden, schluckte sie tapfer herunter und überspielte ihre Reue mit einem gekünstelten Lächeln.
„Diesbezüglich entschuldige ich mich nochmals. Aber Genevieve, erlaubst du mir vielleicht, mir ein bisschen die Beine zu vertreten?“ Unschuldig verschränkte sie dabei die Arme hinter ihrem Rücken.
Misstrauisch legte die schwarzhaarige Frau ihre hohe Stirn in Falten, ehe sie antwortete: „Nein. Euch ist es für heute strengstens untersagt, Eure vier Wände zu verlassen. Habt Ihr das etwa vergessen? Wagt es also nicht, auch nur einen Schritt über die Türschwelle zu wagen. Dies könnte Konsequenzen nach sich ziehen!“ Was für ein törichtes und ungezogenes Balg sie doch war. Und so eine wie sie sollte eine Adlige sein? Pah! Dass sie nicht lachte. Eine ungehobelte und tollpatschige Person wie sie hatte nicht einmal ansatzweise das Zeug dazu, zum höchsten Rang der Gesellschaft zu gehören. Noch ein strenger Blick des Zimmermädchens unterstrich den Befehl, bevor auch sie auf dem Absatz kehrtmachte und ihren Tätigkeiten nachging.
Nachdenklich starrte Luna die nun geschlossene Tür an. Was für Konsequenzen denn? Sie wollte doch nie ihre Eltern verärgern oder ihnen im Weg stehen. Sie wollte lediglich ein Kind sein, das nicht eingesperrt und wie ein Vorzeigeprodukt behandelt wurde. Was war daran so verwerflich? Eigentlich gar nichts. Eigentlich. Jedoch: Ihr Wunsch, bloß für wenige Minuten ihr Zuhause zu verlassen, das sie noch nie komplett durchquert hatte, da es ihr immerzu verboten wurde, war zu groß. Sie würde niemanden stören und auch bald wieder zurück sein. Versprochen. Voller Elan und Spannung betätigte ihre kleine Hand die Türklinke und eröffnete ihr den Weg ins Abenteuer. In ein Abenteuer, mit dem sie niemals gerechnet hätte und dessen Folgen sie niemals hätte verursachen wollen.
Leisen Schrittes lief sie den Flur entlang, um zur großen Treppe zu gelangen, die in die Eingangshalle führte. An der Wand hinter dem ersten Treppenabsatz hing ein großes Gemälde, auf dem ihre Eltern abgebildet waren. Die engelsgleichen blonden Haare ihrer Mutter wurden von dem Maler mit einer Mischung aus den Farben Weiß, Gold und Gelb gemalt. Ihre schmalen Lippen, die ein minimales Lächeln andeuteten, waren rosa und ihr fabelhaftes, beaurdauxrotes Kleid, das ihr ein majestätisches Antlitz zauberte, machte den Augen Lunas nicht ansatzweise Konkurrenz. Ihre schmalen Schultern wurden von einem kräftigen Arm in Beschlag genommen, der ihrem Vater gehörte. Seine braunen Augen strahlten selbst auf dem Bild eine gewisse Strenge aus und ließen vermuten, dass sein erheitertes Gesicht nur eine Fassade war, die jederzeit wieder in sich zusammenbrechen würde, sobald der Zeitpunkt gekommen war. Seine dunkelbraunen Haare verschmolzen leicht mit den sanften Schattierungen im Hintergrund. Er war ein Mann, dessen Größe den Durchschnitt etwas übertraf.
Voila. Ein Vorzeigeehepaar, dessen Ruhm und Anerkennung kein Ende zu nehmen schien.
Die perfekten Adligen Earl Edwin De Mencium und seine Gattin Lady Valanice De Mencium. Und nur ein einziger kleiner Störfaktor existierte in ihrer ach so perfekten Scheinwelt. Ein Parasit. Das schwarze Schaf, das sich nicht in die Herde eingliedern wollte, nicht konnte.
Achtsam wagte Luna es, sich einen Überblick zu verschaffen, bevor sie sich nach Vergewisserung, dass niemand sich in der Halle aufhielt, nach unten begab. Immer noch darauf bedacht, keinen Lärm zu verursachen. Stufe um Stufe. Nach links abgebogen, folgte sie dem Gang entlang und betrachtete im Vorbeigehen gewisse Bilder oder Vasen. Das Zeitgefühl und die Orientierung ließen immer mehr nach, je länger die Zwölfjährige den verzweigten Gängen folgte. Das Anwesen kam ihr vor wie ein Labyrinth. Irgendwann kam sie an einer Sackgasse an. Erschrocken versteckte die Kleine sich aber wieder hinter der Ecke. Genevieve staubte die Gemälde und Wandleuchter ab. Hoffentlich hatte das Zimmermädchen sie nicht bemerkt. Dieser Teil des Hauses wurde merkwürdigerweise weniger beleuchtet. Rechts und links befanden sich jeweils noch zwei Türen. Diese führten wahrscheinlich ihres Wissens nach in die Vorrats- und sonstige Lagerräume. Ihr Herzschlag legte einen Zahn zu. Sie wollte keinen Ärger bekommen. Nicht noch mehr eingeschränkt werden. Ein deutlich hörbares Rumpeln und ein erstickter Schrei ließen ihren kleinen Körper zusammenzucken. Erwischt. Bestimmt hatte Genevieve sie entdeckt.
Wenn sie sich stellen würde, bekäme sie möglicherweise eine mildere Strafe.
Allen Mut sammelte sie an und atmete tief ein und aus.
Danach überwand die Adelstochter sich, trat um die Ecke und hob zaghaft den Kopf. Auf alles gefasst, schluckte Luna, jedoch alle Anspannung löste sich auf, als sie auf eine bis auf mit zwei Wandleuchten bestückte leere Wand starrte.
Nanu? Womöglich hat sie einen der Räume betreten und ist irgendwo dagegengestoßen, dachte sie sich. Hoffentlich hatte die Frau sich nicht allzu schwer verletzt.
Dies sah Luna als Chance, um so schnell wie möglich umzukehren. Schnellen Schrittes begab sie sich zurück. Aber dieser Laut war äußerst merkwürdig. Waren die Türen so morsch? Oder steckt was … Ihr Gedankengang wurde unterbrochen aufgrund des Zusammenstoßes mit einer anderen Angestellten des Hauses, die zuvor ein Tablett, beladen mit Porzellan und einer bescheidenen Mahlzeit, trug. Jedoch lagen diese nun zerbrochen und ungenießbar auf dem Boden. Ihr weißes Kleid bekam einiges von der Sauerei ab. Aus ihrer Trance erwacht, stand die Weißhaarige schnellstmöglich wieder auf den Beinen und entschuldigte sich. „Nicht doch, Lady Luna, euch trifft keine Schuld!“, beschwichtigte das dunkelblonde Hausmädchen namens Serina sie und machte sich daran aufzuräumen. Was für ein Tollpatsch sie doch sein konnte. Mist. Das Scheppern hallte genug laut wider, dass man es meilenweit hätte hören können.
„Was ist das hier für ein Krach?“, ertönte Earls beherrschte Stimme, als er sich dem Tatort näherte, dabei die beiden weiblichen Geschöpfe inspizierend. Seine stechenden Augen musterten Lunas verschmutztes Kleid, und wie ein Blitzschlag keimte eine Wut in ihm auf. Niemals. Nie ging ein Tag in Ruhe zu Ende, ohne dass auch nur ein Missgeschick widerfuhr, ob von den ungehobelten Angestellten verursacht oder seitens seines eigenen Fleisch und Blutes, das er nur zu gerne vor der Öffentlichkeit versteckte. Und dieses Ding sollte eines Tages seinen Namen vertreten? Vermaledeit! Hätte er doch bloß einen Sohn bekommen, der dem eines edlen Ritters gleichgekommen wäre. Ein perfektes Geschöpf, das alles und jeden in den Schatten stellte. Jedoch war dem nicht so. „Scher dich davon!“, meinte das Oberhaupt des Hauses zynisch an das Zimmermädchen gewandt. Wortlos und ergeben leistete die Frau seinem Befehl Folge und verschwand mit den scharfen, schneidenden Scherben in ihren Armen. „Und nun zu dir“, setzte der Earl an, wurde aber unterbrochen. „Es tut mir leid, Vater. Ich wollte mir doch nur ein wenig die Beine vertreten. Ich hätte es mit Garantie nicht gewagt, mich nach Draußen zu begeben. Bitte verzeih mir!“, äußerte Luna ertappt, den Blick gesenkt. Leichte Überraschung huschte über sein Gesicht.
Aber sein Ärger wurde dadurch nicht besonders minimiert. Sein Entschluss stand fest. Ab morgen würde er sie einsperren lassen, wenn er der Ansicht war, es würde vonnöten sein. Zwar wollte er noch bis vor Kurzem sein Kind mit einer äußerst erhöhten Lautstärke seiner Stimme zurechtweisen und seine Hand erheben. Allerdings verzichtete er darauf. Kraft und Nerven würde er in den nächsten Tagen in hohen Mengen gebrauchen. Somit wäre es am Besten, wenn er sich seine Reserven aufsparte. Immerhin sollte dabei nichts schiefgehen.
Die folgenden Tage verbrachte die Adelstochter ausschließlich in ihrem Zimmer und verließ ihr Gemach nur, um entweder zu speisen, damit sie nicht an mangelhafter Ernährung irgendwann krepieren würde, und um im Musikzimmer ihrem Geigen- sowie Französischunterricht nachzugehen. Sie liebte ihr Instrument. Außerdem war sie talentiert. Zweifellos. Die sanft gespielten Melodien, die den niedergeschriebenen Noten entsprachen, zogen sie jedes Mal in eine andere Welt. Dabei konnte sie sich entfalten und sah vor ihrem inneren Auge immer eine Szenerie, die sie sich so gerne ausdachte. Ihr absolutes Lieblingsstück war Bianco vom italienischen Musiker Cedriano. Dieses Lied hatte sie schon so oft gespielt. Es war Ihr absoluter Favorit. Wenn sie traurig war, sich einsam fühlte oder generell ihr irgendwas auf dem Herzen lag, spielte sie diese Melodie und verschmolz mit den Klängen, die sie für einen kurzen Moment alles vergessen ließen.
Ihr Musiklehrer Henry Rue legte seinen Taktstock auf den Notenständer, richtete sich seine Brille, die ihm viel zu oft von der Nase rutschte, und klatschte anerkennend mit den Händen. Dabei schenkte er ihr zusätzlich ein freundliches Lächeln. „Wundervoll, Lady Luna. Ihr habt Euch heute selbst übertroffen!“ Glücklich über die Anerkennung seitens des mittlerweile grauhaarigen Lehrers, bedankte die Kleine sich und vollführte einen leichten Hofknicks.
Ihre Mutter betrat den Saal und erkundigte sich. Wie jeden Tag sah die Gattin des Earls atemberaubend aus. Leicht schmunzelnd an Mr. Rue gewandt, erhob sie das Wort: „Und wie macht sich meine Tochter?“ In ihrer Stimme schwang ein gewisser Ton mit, den man als hoffnungsvoll bezeichnen konnte. Der ältere Herr breitete demonstrativ die Arme leicht aus und erwiderte: „Wahrlich hervorragend. Nahezu perfekt. Eure Tochter ist offenkundig talentiert!“ Leichtes Stutzen seitens der blonden Schönen. „Nahezu perfekt?“, wiederholte sie leise ungläubig. Das breite Lächeln, das noch bis vor Kurzem Lunas Gesicht zierte, war verschwunden. Selbstverständlich kümmerte ihre Eltern nur Perfektion. Wie konnte sie auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden, dass ihre Eltern stolz auf sie sein würden? Nichts und niemand war perfekt. Oder? Zumindest nicht ihre Wenigkeit. Sie wollte es auch nicht sein. Langsam begann sie, dieses Wort wirklich zu verabscheuen. Während die beiden Erwachsenen ihr holpriges Gespräch weiterführten, packte die weißhaarige ihre Geige mitsamt Bogen wieder ein und machte sich daran, den Saal zu verlassen. Vorher verabschiedete sie sich noch von dem lieben Musiklehrer. Draußen aber verblieb sie, nicht weit von der Tür entfernt, und wartete, bis ihre Mutter ihr folgen würde, da sie Luna dazu gebeten hatte.
Erschöpft schloss sie ihre blutroten Augen und atmete tief ein und aus. Ihre Arme eng um ihre Geige geschlungen. Als das Mädchen nach einer ungewissen Weile Schritte vernahm, blickte es auf. „Liebling, vernachlässige niemals dein musikalisches Talent, ja? Bald wirst du dazu in der Lage sein, deine Kunst zu perfektionieren. Immerhin liegt dir die Musik. Aber bitte zier dich nicht, auch an deinen Tanzkünsten und Manieren zu arbeiten. Deine Tollpatschigkeit mit eingeschlossen. So was schickt sich nicht für eine Adlige. Wir sind besser als die normalen Leute. Verstehst du? Wir sind perfekt. Wir müssen perfekt sein!“ Sanft legte Lady Valanice ihrer Tochter die Hände auf die Wangen. „Bitte tu es für mich“, hauchte weinerlich ihre Mutter. Erschrocken stellte Luna fest, dass die Frau vor ihr den Tränen nahe war. Aber weshalb? Aus welchem Grund? Noch war es der Kleinen ein Rätsel.
Eine Antwort bekam sie zu ihrem Bedauern nicht.
In der folgenden Woche startete die Familie De Mencium den Tag mit einem höflichen Empfang für ihre Gäste. Nach langer Zeit beehrten sie die Snootfields und Stanvishes wieder. Gemeinsam saßen alle im Garten zu Tisch, speisten und unterhielten sich. Deren Gespräche besaßen so viel Tiefgang wie ein flacher Teller. Wundervolle und köstliche Speisen wurden von dem Personal serviert. Das hölzerne Möbel war beige gedeckt. Der Himmel war schön blau. Nur wenige Wolken wagten es, sich zu zeigen. Im Hintergrund konnte man die vielen Sträucher, Hecken und Blumenbeete betrachten. Und etwas abseits in der Mitte des Gartens befand sich ein großer Baum, dessen Äste das Doppelte an Volumen eines Nudelholzes besaßen. Gezwungen brachte Luna nicht mehr als ein Schmunzeln zustande und lauschte gespielt interessiert, während sie ihre Teetasse anhob, um sich einen Schluck zu genehmigen, darauf bedacht, keinen Laut von sich zu geben. Das penetrante Starren ihres Gegenübers machte sie nervös, und sie verspürte das Bedürfnis, einfach aufzustehen und zu gehen, um dem Unwohlbefinden zu entgehen. Der Sohn der Madam Snootfield konnte sein Augenpaar nicht von Lady Luna abwenden. Sie sah viel zu sonderbar aus. Ihre schneeweißen Haare, die zu einer tollen Flechtfrisur mit einer beigen Schleife kombiniert frisiert waren. Nicht zu vergessen ihre roten Augen und diese helle Porzellanhaut. So was hatte er noch nie zuvor zu Gesicht bekommen. Faszinierend.
„Ach, wirklich? Wie entzückend und beeindruckend euer Sohn Lawrence doch ist, Earl Snootfield!“, kicherte Lady Stanvish und hielt sich die Hand etwas vor den Mund. „Er ist geradezu der perfekte zukünftige Ehemann für eine meiner beiden Töchter!“, äußerte sich die schwarzhaarige Lady mit zu viel Schminke im Gesicht, dabei ihren beiden Mädchen zunickend. „Da stimme ich Euch ohne jeden Zweifel zu, Lady Stanvish!“, entgegnete Madam Snootfield mit einem leicht arroganten Unterton und schaute ihren brünetten Sohn unauffällig auffordernd an. Dieser bedankte sich daraufhin höflichst und war so frei, endlich seinen Blick von Luna abzuwenden. Statt dessen lächelte er Lady Stanvish charmant an. „Die Perfektion in Person, wie man es doch zu sagen pflegt!“, lachte das Oberhaupt der Snootfields. Trotz aller inszenierter guter Laune spürte man eine Spannung. Irgendwas lag in der Luft. Man konnte sie beinah zerreißen. Dunkle Wolken zogen plötzlich auf.