Isolde Kakoschky Herbstblatt
Herbstblatt
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Isolde Kakoschky Herbstblatt

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Und Cosima dachte: Ja, er kann schon manchmal sehr nett sein, manchmal …

Doch viel zu oft war der Arbeitshimmel getrübt. Robert konnte wegen Kleinigkeiten an die Decke gehen und schrie sie dann an, dass sie oft genug danach heulend in einer Ecke saß und sich fragte, bin ich jetzt eigentlich Weibchen oder Männchen? Und noch schlimmer erging es ihren Kollegen.

Wenn da etwas schief ging, musste sie das Büro verlassen, wenn der betreffende Fahrer rein kam. Doch die Lautstärke wurde nur unwesentlich durch die Tür gedämpft und Cosima verkroch sich dann am liebsten ganz weit weg.

«Sind doch alles Dilettanten!« tobte er danach noch rum und Cosima fühlte sich von diesen Worten fast persönlich getroffen.

Die Angst vor ihrem Chef war allgegenwärtig. Nachts wachte sie aus Albträumen auf, die auch nach dem Erwachen noch völlig realistisch waren. Sie lief weg. Sie lief und lief und lief, sie wollte weg. Doch ihr Verfolger kam immer näher. Sie schrie vor Angst und erwachte mit klopfendem Herzen. Und immer war der Verfolger ihr Chef.

So gut auch die Zusammenarbeit meistens mit ihm war, so groß war doch der Druck, unter dem sich Cosima befand. Der Wunsch, ihm alles recht zu machen, lag wie ein schweres Gewicht auf ihr.

Mit der Getreideernte kam neue Arbeit auf Cosima zu. In den Lagerhallen, in denen bis vor kurzem noch Kartoffeln gelagert wurden, die hunderte Frauen sortierten und schälten, wurde nun Getreide angenommen, zwischenzeitlich gelagert und wieder verladen. Geschäftsfreunde von Robert Weihtmann hatten zwei neue große 40‐Tonnen‐Kipper angeschafft, die nun regelmäßig in der Firma Getreide abholten. Cosima war schon immer ein LKW‐Fan gewesen. Dadurch hatte sie sogar ihren Mann kennen gelernt. Und deshalb war sie auch so gerne mit ihren Kollegen zusammen. Und nun gab es nicht Besseres, als mit den fremden Fahrern zu sprechen und die großen Sattelzüge zu bewundern. Sie mochte die LKW‐Fahrer und war sehr rasch wieder beim kameradschaftlichen »Du« angekommen. Doch sie merkte schnell, dass das ihrem Chef ein Dorn im Auge war. Wenn er sie bei vertrauten Gesprächen erwischte, folgte die Strafe auf dem Fuß. Entweder verbot er ihr, das Büro zu verlassen oder er redete kaum noch mit ihr. Beides traf sie hart und er wusste es nur zu genau.

Wenn aber gute Stimmung war, dann bezog er sie in seine Gedanken und Entscheidungen ein. So wusste sie bald, dass es auch in ihrer Firma demnächst einen neuen Sattelzug geben würde. Die alten 10‐Tonnen‐LKW aus DDR‐Beständen wollte er nach und nach aus dem Verkehr ziehen. Und noch etwas wusste sie bald, dass er ihren Mann Reiner als einen Fahrer für den Sattelzug vorgesehen hatte. Da in absehbarer Zeit die beiden Firmen fusionieren würden, war das möglich geworden, ohne dass Reiner vorher die Firma wechselte. Reiner verstand sich eigentlich recht gut mit Robert Weihtmann und Cosima versuchte, ihn nicht zu beeinflussen, indem sie ihre Probleme für sich behielt. Nur, immer gelang das nicht.

An dem Tag, als der neue LKW geliefert wurde, fand sich alles was Beine hat, auf dem Hof ein. Zu gerne wäre auch Cosima dabei gewesen. Sie wusste nicht, was sie falsch gemacht hatte. Sie

fragte sich, wofür er sie bestrafte. Sie hoffte, er würde sie noch raus gehen lassen. Doch sie musste im Büro bleiben, dort, wo es keinen Blick zum Hof gab. Natürlich bemerkte Reiner das und fragte sie am Abend zu Hause. Doch statt sich ihren Ärger von der Seele zu reden, suchte sie nach einer Entschuldigung für Roberts Verhalten.

»Es musste doch jemand am Telefon sein«, sagte sie und wusste ganz genau, dass es eine dumme Ausrede war, schließlich gab es einen Anrufbeantworter, den sie jedes mal anschaltete, wenn sie das Büro verließ. Reiner schüttelte den Kopf. Ihm war das zu blöd, doch seine Frau musste wissen, was sie tat.

Längst war Reiner aufgefallen, dass Cosima Kaugummi kaufte, obwohl sie doch gar keinen Kaugummi mochte, Robert Weihtmann aber schon. »Musst Du Deinen Chef gnädig stimmen?« fragte er dann seine Frau. Ja, genau so ist es, dachte Cosima, wenn sie penibel darauf achtete, dass immer eine Packung Kaugummi in seinem Schreibtisch lag. Sie wollte ihrem Chef etwas Gutes tun, ihm zeigen, dass sie an einem guten Verhältnis interessiert war.

Während Cosima über den Abrechnungen der Rübenernte saß und kaum noch aus ihrem Büro heraus kam, wurde nur 10 Meter weiter ein neues Büro ausgebaut und sie bekam kaum etwas davon mit. Sie wusste nicht, dass das Jahr ihrer Einzelhaft« bald vorüber sein würde.

3.

Verdammt, siehst Du denn nicht Daß hier drinnen jemand lebt;

Eine Kreatur, die atmet

Und sich nach Liebe sehnt?

Am Nikolaustag sagte Robert Weihtmann zu ihr: »Packen Sie Ihre Sachen zusammen, heute wird umgeräumt.« Von diesem Tage an war sie nicht mehr allein mit ihm, denn die verbliebenen Kolleginnen aus Reiners Firma, die noch einen Rest des Kartoffelhandels betrieben, zogen mit Cosima gemeinsam in die neuen Büroräume. Die waren schön und praktisch gestaltet, mit viel Glas und mit freiem Blick zum Hof.

Trotz der neuen Räume änderte sich nichts an Roberts Verhalten, Cosima gegenüber. Nur war das bisher im Verborgenen abgelaufen, so wurden die anderen Kolleginnen immer öfter Zeugen seiner Ausbrüche und Cosimas Tränen. Cosima schämte sich dafür, was er mit ihr tat, doch immer, wenn sie jemand darauf ansprach, fand sie eine Entschuldigung für sein Verhalten. Sie war wie ein Kind, das geschlagen wird und meint, es hätte es verdient, weil es die Eltern trotz allem liebt.

Selbst dachte sie an Liebe jedoch nicht. Der erste, der das Wort in dem Zusammenhang aussprach, war ihr Mann Reiner. Nachdem sie wieder einmal ihre Stimmung auch zu Hause nicht verbergen konnte, sagte er es ihr auf den Kopf zu: »Merkst Du denn nicht, dass Du ihn liebst?«

»Nein!« Sie wies es weit von sich, laut und deutlich und auch innerlich. So einen unmöglichen Typen konnte sie doch nicht lieben!

Doch von diesem Tag an lauschte sie immer öfter tief in sich hinein, wenn ein Streit zwischen ihr und Robert Weihtmann in der Luft lag. Und als ihre Kollegin sie fragte, warum sie sich das alles gefallen lasse, da überlegte sie doch: »Liebe ich ihn?« Niemals hätte sie das offen ausgesprochen, doch der Gedanke war da und hatte sich festgesetzt. Plötzlich fiel es ihr viel leichter, seine Bosheiten hin zu nehmen, für andere der Prügelknabe zu sein, als Prellbock zu fungieren.

An einem Nachmittag saßen beide noch im Büro und waren über ihre Arbeiten vertieft, als Cosima aufblickte. Ihr gegenüber, nur durch eine Glasscheibe getrennt, saß Robert. Und in genau diesem Moment blickte auch er auf. Sie lächelte. Er lächelte zurück, wie er sie noch nie angelächelt hatte. Und Cosima durchfuhr es wie ein Blitz. Ihr Herz machte Purzelbäume und da war er wieder, der Gedanke und etwas in ihr schrie: »Ja verdammt, es ist so, ich habe mich in ihn verliebt!« Von da an lebte Cosima mit einer permanente Sehnsucht nach Robert, der sie sich nicht mehr entziehen konnte. Sie war froh, dass ihre beiden Jungs schon so selbständig waren und machte oft Überstunden. Und sie beneidete jeden, der noch länger als sie in der Firma sein konnte. Noch immer zitterte sie oft aus Angst vor ihm, doch jedes nette Wort, jede noch so kleine freundliche Geste, jedes Lächeln erfüllte sie mit ungekannter Seligkeit. Und wieder geisterte er durch ihre Träume. Doch war sie noch im vorigen Jahr darin schreiend weg gelaufen, so erträumte sie sich nun seine Nähe. Denn nun fing er sie ein und hielt sie fest im Arm. Auch diese Träume waren realistisch genug, um ihr Herz noch beim aufwachen schneller schlagen zu lassen und ein Kribbeln im Magen machte sich breit. Völlig berauscht von diesen Träumen wollte Cosima nur noch eins, ihm auch in der Wirklichkeit so nahe wie möglich sein.

Eine engere Beziehung jedoch schloss sie mit aller Entschiedenheit aus. Es schien ihr auch gar nicht so wichtig, wenn sie nur gut miteinander arbeiten konnten und sie ihm nützlich sein durfte.

Diese Nützlichkeit nahm zuweilen seltsame Formen an. Eines Tages drückte Robert ihr einige Hundert Mark in die Hand und beauftragte sie, davon Blumen und ein Geschenk für seine Frau zum Geburtstag zu kaufen. Da stand sie nun beim Juwelier und suchte die Kette aus, welche die Frau tragen würde, die sie um so viel mehr als diese Kette beneidete.

Das Jahr ging dem Ende zu, wieder war Rübenernte. Reiner war auch wieder sehr eingespannt, da war kein Unterschied zwischen Wochentag und Wochenende.

An so einem Samstag fand sich auch Cosima im Büro ein. Sie wollte mit Robert frühstücken, ehe sie später zu einer Mitarbeiterschulung in die Zentrale Verwaltung gehen musste. Eigentlich hätte auch Robert daran teilnehmen müssen. Doch die Technik streikte und er wurde dringend auf dem Feld gebraucht. So vertraten Cosima und ihre Kollegin Marie die Firma allein. Herr Haan tat, was viele in solchen Situationen tun, wer nicht da ist, wird kritisiert. So erging es Robert Weihtmann. Cosima spürte fast körperliche Schmerzen, als ihr das bewusst wurde und fühlte sich mit angegriffen.

Sie konnte danach einfach nicht nach Hause gehen, sondern setzte sich heulend vor Wut an den Computer. Nun war es Robert, der sie beruhigte, als er ins Büro kam. Sie redeten schon bald sprichwörtlich über Gott und die Welt und irgendwann brachte er Cosima sogar zum lachen. Und dann machte er ihr ein ganz besonderes Geschenk.

»Sie sollten wissen, dass Sie mir sehr viel wert sind, als Mensch und als Mitarbeiterin!« Mit diesen Worten drückte er Cosima einen Schlüssel in die Hand, es war ihr erster eigener Büroschlüssel, mit dem sie, ohne zum Pförtner zu müssen, jederzeit ins Büro gehen konnte. Cosima schwor sich, sein Vertrauen nie zu enttäuschen, das er ihr gerade geschenkt hatte. Und ein diffuses Gefühl kam in ihr auf, dass er sie auch irgendwie gern haben musste.

Doch damit waren die Probleme nicht aus der Welt. Mehr und mehr gab es Differenzen zwischen Reiner und Robert. Cosima merkte, wie ähnlich sich die beiden oft waren. Doch das wollten beide auf keinen Fall wahrhaben.

Bei ihren Vermittlungsversuchen geriet Cosima immer öfter zwischen die Fronten. Nahm sie für Reiner Partei, so reagierte Robert wütend: »Sie wissen, dass ich diese Sippenwirtschaft nicht mag!« Setzte sie sich für Robert ein, so war Reiner sauer: »Du musst ja wissen, wen Du mehr liebst!« Sie fühlte sich wie ein Kind zwischen seinen zerstrittenen Eltern. Sie liebte sie einfach beide und hoffte jeden Tag aufs Neue, sie würden miteinander klar kommen.

Zwar war die Stimmung im allgemeinen besser geworden in der letzten Zeit, doch noch immer war Robert oft so unberechenbar und impulsiv, dass Cosima nach seinen verbalen Attacken nur die Flucht aufs Klo blieb, um sich auszuheulen und wieder zu beruhigen. Dann wieder lag morgens ein Kasten Pralinen in ihrem Schreibtisch. Er regierte mit Zuckerbrot und Peitsche. Sie genoss jede Art von Zuwendung, egal ob gut oder böse. Plötzlich konnte sie sich vorstellen, sich klaglos von ihm verprügeln zu lassen. Da war ihr klar, wie sehr sie ihn längst liebte. Und doch wusste sie auch, dass das niemals jemand erfahren durfte. Sie war allein mit ihren zwiespältigen Gefühlen.

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