Gary J. Jucha Der ultimative Jimi Hendrix Guide
Der ultimative Jimi Hendrix Guide
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Gary J. Jucha Der ultimative Jimi Hendrix Guide

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Townshends Gruppe konnte sich später im Jahr in Monterey gegen die Experience zumindest behaupten und übertrumpfte eindeutig Hendrix’ Gypsy Sun and Rainbows Line-up beim Woodstock-Festival 1969, nicht zu vergessen die schlecht vorbereitete Cry-of-Love-Band auf der Isle of Wight 1970. Dort führten The Who Tommy komplett auf, wo das von Townshend angesprochene Songwriting eindeutig Früchte trug.

Eric Clapton

Clapton zählte zu den Anwesenden bei der unter dem Slogan „Schlacht der explosivsten Londoner Bands“ beworbenen Veranstaltung im Saville Theatre. Als er den Experience-Gig als „einfach nur brillant“ beschrieb, stellte das für ihn keine Überraschung mehr dar, denn er hatte das schon zuvor erlebt.

Nichts von Townshends „Auto-Destruktion“ wissend, aber sich möglicherweise Becks kunstvollem Umgang mit Rückkopplungen bewusst, war Hendrix nach London geflogen, klar auf Eric Clapton abzielend. Oft wurde schon darauf hingewiesen, dass Hendrix Chandlers Offerte, mit ihm über den großen Teich zu fliegen, nur annahm, als dieser ihm versprach, Jimi mit dem englischen Blues-Gitarristen bekannt zu machen, den man aufgrund der in London gesprühten Graffiti als „God“ kannte.

Chandler löste sein Versprechen zügig ein, und kaum eine Woche nach Hendrix’ Ankunft jammte er bereits mit Cream auf der Bühne des Regent Polytech College. Drummer Ginger Baker stemmte sich gegen die Idee, einen amerikanischen Eindringling mit Creams Rhythmus-Sektion auftreten zu lassen. Nachdem er aber erfuhr, dass sowohl Clapton als auch Bassist Jack Bruce eingewilligt hatten, gab er nach. Allerdings bestand er darauf, Jimi Hendrix direkt auf der Bühne zu platzieren, woraufhin sich Clapton an den Rand verzog, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dann donnerte Hendrix in Howlin’ Wolfs „Killing Floor“. Clapton zog sich in den Backstage-Bereich zurück, wo Chandler seinem Freund begegnete. Er sah, dass Clapton seine Zigarette immer noch nicht angezündet hatte.

Creams Rhythmus-Sektion bestand aus Jazz-Musikern, die versuchten, einige der Konzepte von Ornette Colemans Trio auf die Rockmusik zu übertragen. Clapton hatte auf der E-Gitarre einen hohen Grad an Virtuosität erreicht, war aber trotz seiner britischen Nationalität im Grunde seines Herzens ein Blues-Musiker. So gut zu spielen wie der Delta-Blues-Musiker Robert Johnson stellte seine größte Ambition dar. Er erkannte sofort, welchen Song Hendrix spielte – und er musste sich eingestehen, dass Hendrix ein Stück gemeistert hatte, das er niemals auf diese Art überbieten könnte. Jimi teilte sich schätzungsweise nur acht Minuten die Bühne mit Cream, aber in diesem kurzen Zeitraum hatte er bewiesen, dass er Großbritanniens besten Musiker ausstechen konnte. Clapton stellte es später in der South Bank TV Show: Jimi Hendrix bei ITV wie folgt dar: „Er ging wieder [von der Bühne], und mein Leben hatte sich radikal geändert.“

Hendrix’ Freundin in dieser Woche – Kathy Etchingham (sie führte zuvor Beziehungen mit Keith Moon und Brian Jones) – erzählte danach von der Reaktion ihres Freundes. „Er verließ die Bühne mit einem breiten Grinsen, wusste genau, was er geleistet hatte.“ Nicht ahnend, dass aus ihnen Freunde würden, bedauerte Hendrix später, Clapton bei einem Gig seiner eigenen Band blamiert zu haben, und lobte ihn als seinen „favorisierten“ britischen Lead-Gitarristen. Als er dann Creams „Strange Brew“ im Melody Maker besprach, schwärmte er von dem Titel.

Aus einer ursprünglich angespannten Beziehung erwuchs allmählich eine enge Freundschaft, während die beiden bedeutendsten Blues-Gitarristen ihrer Generation im Londoner Speakeasy, im Scene oder in anderen New Yorker Clubs in den kommenden Jahren jammten. Falls Claptons Version – im Gegensatz zu anderen Berichten – tatsächlich der Wahrheit entspricht, plante er, Hendrix am Abend vor dessen Tod bei einem Konzert von Sly and the Family Stone im Londoner Lyceum eine Fender Stratocaster für Linkshänder als Geburtstagsgeschenk zu überreichen. Allerdings tauchte Hendrix nicht auf.

Eric Clapton berührte der Tod von Jimi Hendrix am stärksten, verglichen mit den britischen Zeitgenossen. Er ist möglicherweise der nicht genannte Musiker, der während eines nicht verwerteten Interviews für Joe Boyds Doku Jimi Hendrix weinte. Robin Turner, ein Mann aus dem Zeitungsgeschäft, der seinen Job zugunsten dem des Pressesprechers aufgab, erzählte Chris Welch: „Clapton weinte nach seinem Tod drei Tage lang. Er klagte: ‚Wie konnte er nur gehen und mich zurücklassen?‘ Er sah Parallelen zu Robert Johnsons [frühem Tod]. Eric wollte Robert Johnson gleichen – ein paar gute Jahre und dann verscheiden.“

Wieder taucht ein Name auf: Robert Johnson. Er ist der Vater des Delta-Blues des 20. Jahrhunderts. Nur zwei Fotos von ihm haben die Zeit überstanden, doch das ist nicht der Grund, warum aus Johnson ein Mythos wurde, der Stoff, aus dem die Inspiration erblüht – zuerst im ländlichen Teil des Südens der USA bei Schwarzen und dann, eine Generation später, bei britischen Weißen aus der Mittelschicht. Die Legende besagt, dass Johnson den Teufel an einer Kreuzung in Clarksdale, Mississippi, traf und ihm seine Seele verkaufte, damit aus ihm der beste Blues-Musiker der Welt würde. Der Teufel hielt sich an seinen Teil der Vereinbarung. Johnson spielte nach kurzer Zeit besser als seine Mentoren – und überragte Koryphäen wie Son House – doch nach nur 29 aufgenommenen Songs (41 Takes) verstarb er im Alter von 27 Jahren und wurde in einem nicht näher gekennzeichneten Grab beigesetzt. Entweder war er das Opfer eines eifersüchtigen Ehegatten geworden, der ihn vergiftete, oder – vorausgesetzt man glaubt an Mythen – des Teufels, der kam, um seine Seele einzufordern.

Auch Hendrix starb im Alter von nur 27 Jahren. Er hatte einige gute Jahre und verschwand. Johnson und Hendrix sind „Mitglieder“ im berüchtigten „Club 27“. Die Musik von Robert Johnson war für Clapton von höchster Bedeutung, und schon vor dem 18. September [dem Todestag von Jimi Hendrix; Anm.] hatte er den „Cross Road Blues“ des Musikers aus dem Delta zwei Mal aufgenommen. Für einen Gitarristen, der die Meinung vertrat, Hendrix habe ihn bei jeder Gelegenheit in Grund und Boden gespielt (Clapton fühlte sich wie am Boden zerstört, als er Are You Experienced hörte, ein vollendetes Album, auf dem alles verwirklicht wurde, was eigentlich Creams Disraeli Gears hätte leisten sollen), wäre es die größte Herabwürdigung gewesen, falls sein Freund auch noch Johnson interpretiert hätte. Man kann nur spekulieren, welche Rolle dieser Druck bei Claptons Weg in die Drogenabhängigkeit im folgenden Jahr spielte.

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Jeder kennt sie – dieselbe alte Story

Rhythm and Blues rekonfiguriert

Hendrix’ Erbe wird aus den verschiedensten Gründen (positiver und negativer Natur) von Journalisten, Sensationssüchtigen und Konservativen unterschiedlich dargestellt. Der Musiker, das extravagante Sexsymbol, die Galionsfigur einer Drogengeneration, die das erntete, was sie säte – das sind all die verschiedenen Ausprägungen von Jimi Hendrix, die die Welt heute kennt. Jung und schön gestorben, ist er immer noch vermarktbar und klar erkennbar und kann zum Verkauf von Musikprodukten und Laptops genutzt werden. Da er aufgrund von Drogen so jung verstarb, eignet er sich aber auch als warnendes Beispiel.

Was dabei meist verlorengeht, sind die facettenreichen musikalischen Innovationen. Er verschob die Grenzen des Aufnahmestudios hinsichtlich des Einfangens von bislang unbekannten Klängen, seine Musik war ein Laboratorium, in dem Rock, Blues und Jazz kollidierten und somit den Grundstein für Heavy Metal sowie Fusion legten – nicht zu vergessen die Wurzeln des Rap. Darüber hinaus definierte er das Konzerterlebnis neu.

Was im Trott der Zeit verlorenging, in der sich stetig verändernden Erinnerung, ist die manifeste Kraft von Hendrix’ persönlichen, aber trotzdem universellen Texten und seine fast unheimliche Fähigkeit, die Zeilen anderer verständlich zu machen, speziell von Bob Dylan. Ein Großteil der Texte der späten Sechziger haben sich im Verlauf der Jahre nicht gut gehalten, aber die von Hendrix sind in Würde gealtert, da sie sich vier Kategorien zuordnen lassen, die immer noch relevant sind:

1. Rhythm and Blues

2. Science Fiction und Fantasy

3. Realismus

4. Klassische Elemente

Im Folgenden werden wir uns die Pfeiler von Hendrix’ Œuvre näher anschauen, beginnend mit dem Rhythm and Blues.

Als Chandler von Jimi Hendrix verlangte, eigenes Material zu komponieren, war es offensichtlich, dass dieser sich an dem orientierte, was er kannte: die Reimpaare tausender von Rhythm-and-Blues-Songs, die er als Begleitmusiker auf den Ochsentouren musikalisch untermalte oder zwischen 1963 und 1966 in verschiedenen Studios hörte. Vor dem Zwischenspiel mit Cream und der Idee, sich als Leader eines Trios zu verwirklichen, schwebte Hendrix eine neunköpfige Rhythm-and-Blues-Revue vor.

Der deutlichste Beleg für die musikalischen Lehrstunden des Musikers findet sich auf der ersten CD von West Coast Seattle Boy, einer von Sony Legacy veröffentlichten Anthologie aus vier CDs. Auf dieser CD sind Beispiele von Hendrix-Aufnahmen zu hören, die er als Session-Musiker für andere Rhythm-and-Blues-Sänger und diverse weitere Künstler machte. Dazu zählen die Isley Brothers, Don Covay, Little Richard und King Curtis. Das alles gleicht einer Art Soundtrack für Jackie Brown, an den Regisseur Quentin Tarantino niemals gedacht hätte. Diese Zeitkapsel im CD-Format vermittelt eine Vorstellung, von welchem Song „Foxy Lady“ (an dieser Stelle wähle ich wieder die allgemein gültige Schreibweise) inspiriert wurde („(My Girl) She’s A Fox“ von den Icemen) oder wie der Isley-Brothers-Track „Have You Ever Been Disappointed“ (auch ohne ein Fragezeichen, ähnlich dem Debüt) Hendrix dazu brachte, dem Zuhörer eine ähnliche Frage im Fall von Electric Ladyland zu stellen.

(Da ich die einzigartige CD nur einmal in diesem Buch erwähne und darauf eingehe, möchte ich betonen, dass während dieser Lebensphase der Grundstein für seinen Durchbruch auf der „6-Saitigen“ gelegt wurde. Der Fan wird schnell erkennen, wie Hendrix’ Session-Arbeit die eigenen Aufnahmen nur wenige Jahre später prägte. Ray Sharpes „Help Me“ lässt eine Rhythmus-Gitarre ähnlich der von der „Gloria“-Version der Experience erkennen, der Gitarren-Sound von Jimmy Normans „That Little Old Groove Maker“ deutet auf „Come On (Part 1)“ hin, und in Hendrix’ Spiel auf dem bereits genannten „Have You Ever Been Disappointed“ lässt sich klar die Melodie von „Drifting“ ausmachen.)

Jimi Hendrix hat den Rhythm and Blues neu definiert, und das werde ich in diesem Kapitel erforschen. Dank der Nutzung etablierter Song-Strukturen, der Ermutigung eines Managers, Gitarre zu spielen, so wie er es wollte, und eines Hauchs autobiografischer Erlebnisse in seinen Texten personalisierte und verwandelte er einen häufig genutzten und originären musikalischen Zweig, den man ursprünglich „Rassenmusik“ nannte, also Musik, die zu Beginn fast ausschließlich von Schwarzen gespielt wurde.

„Stone Free“

Als sich Chas Chandler mit „Hey Joe“ zufrieden zeigte („diesem Cowboy-Song“, wie ihn Jimi nannte), drehten sich seine Gedanken um die B-Seite der ersten Single der Jimi Hendrix Experience. Jimi wollte die Komposition eines anderen Musikers umsetzen und schlug Don Covays „Mercy, Mercy“ vor oder Howlin’ Wolfs „Killing Floor“ (den Titel, der Clapton einige Monate vorher „geplättet hatte“) oder sogar „Land Of 1.000 Dances“, eine Nummer, kurz zuvor von Wilson Picket populär gemacht. Die Experience kannte den Hit schon, da sie ihn bei den ersten Jams zum „Antesten“ gespielt hatte, bei denen Hendrix die neuen Mitmusiker auswählte.

Chandler wollte davon nichts hören. Da er keinen einzigen Cent Tantiemen an den vielen Coverversionen der Animals verdiente, aus denen die Gruppe die ultimativen Versionen herausgekitzelt hatten, wusste er, dass der eigentliche Verdienst für den Musiker (und seinen Manager) sich durch die Aufnahme von Eigenkompositionen ergeben würde. Chandler gab sich hinsichtlich der B-Seite unnachgiebig: Sie musste unbedingt ein Originalsong von Hendrix sein.

Und so schrieb der Musiker „Stone Free“ im Zimmer des von ihm bewohnten Hyde Park Towers Hotel. Nach Proben in Clubs in der ganzen Stadt und dem Aberbach Publishing House nahm man Jeff Becks Lieblingssong von Hendrix in den De Lane Lea Studios am 2. November 1966 auf und mischte ihn. Nur wenige Overdubs – Percussion, Hendrix’ zweite Stimme und eine zweite Gitarren-Spur – kamen dabei zur Geltung, da die Experience live im Studio spielte.

Mit seiner ersten Eigenkomposition versinnbildlichte Hendrix sein Leben als Rhythm-and-Blues-Musiker, wobei er von der Freiheit sang, die nur ein tourender Musiker genießen kann. Sein Lebensstil ist sorgenfrei, denn er zieht jeden Tag weiter, die Frauen können ihn nicht an sich binden, und die „normalen“ Menschen zeigen mit dem Finger auf ihn. Die Sprache des Texts drückt aber auch eine bestimmte Härte aus. Das lyrische Ich wird mit einem Hund verglichen und klingt wie ein gehetztes Tier, das kurz davor ist, gefangen zu werden. Der Protagonist prahlt dann aber mit „Stone free, to ride the breeze!“ und davon, weiterzuziehen („Goin’ down the highway“), ähnlich dem „Highway Chile“, von dem er auf der B-Seite seiner dritten Single singt.

Die im Text angesprochene Freiheit wird auch durch den Sound der Experience artikuliert, und darum stellte die Musik eine Art Offenbarung für den Fan dar, wenn er sich die Rückseite der „Hey Joe“-Single anhörte. Trotz des ungewohnten Umgangs mit dem für ihn neuen Instrument wirkt Reddings Bassspiel auf den frühen Aufnahmen kraftvoll. Er zieht zusammen mit Mitch Mitchells Kuhglocken-Spiel das Tempo an und drückt damit die Vorwärtsbewegung des Protagonisten im Song aus.

„Can You See Me“

Obwohl Chandler unter extremen Finanzproblemen litt, ließ er es nicht zu, dass davon die Aufnahmen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das kam den frühen Tontechnikern der Experience zugute. „Can You See Me“ wurde bei der „Stone Free“-Session als Demo eingespielt und dann erneut in den CBS- und Olympic-Studios weiterentwickelt. Amerikaner empfanden das Stück als eine obskure Aufnahme – und aufgrund der Inklusion auf Smash Hits, einer von Reprise im Juli 1969 veröffentlichten Greatest-Hits-Compilation, die zur Überbrückung bis zur Fertigstellung des vierten (und niemals veröffentlichten) Albums dienen sollte, möglicherweise sogar als B-Seite. Allerdings stammt der Track von der UK-Version des Debüts der Band.

Im Text nimmt Hendrix die Rolle eines Mannes ein, der seine Freundin verlässt und eine Rückkehr ganz klar verneint – das wird niemals geschehen. Hinsichtlich der Struktur folgt der Musiker dem Rhythm-and-Blues-Standard-Muster, bekannt als AAB. (Jimi benutzte es regelmäßig in so grundsätzlich unterschiedlichen Songs wie „Red House“, „Lover Man“ und „In From The Storm“.) Das AAB-Muster besteht aus einer ersten Zeile (A), die durch minimale, jedoch signifikante Modifizierungen verändert (A) und dann durch eine Pointe (B) komplementiert wird.

Die Pointen zum Beispiel bei „Red House“ sind cleverer gesetzt. Wahrscheinlich spielt Hendrix deswegen hier eine wiederkehrende Note auf der Gitarre – nämlich zur Ausschmückung der Pointe. Dabei wird aus dem Gitarren-Part der wichtigste und erinnerungswürdigste Teil des Stücks. Hendrix wendet sich an das Mädchen, will wissen, ob sie hören könne, dass er wegen der Trennung weine, fragt sie erneut und schließt dann mit folgendem Satz ab: „If you can hear me doing that/you can hear a freight train coming from a thousand miles.“ Bang!

„Remember“

Bei „Remember“ gibt es kein „Bang!“ oder einen anderen eindeutigen Beleg, um den Song als eine Nummer der Jimi Hendrix Experience zu identifizieren. Im Vergleich zu allen anderen von Hendrix geschriebenen und aufgenommenen Titeln weicht dieser am stärksten ab. Er klingt wie eine Soul-Nummer von Stax und sticht auf der UK-Version von Are You Experienced nur heraus, weil er zwischen ein Science-Fiction-Spektakulum („3rd Stone From The Sun“) und ein „psychedelisches“ Meisterwerk („Are You Experienced“) eingebettet ist.

Das Stück ähnelt dem Soul-Rock eines Otis Redding und nicht den Klangexkursionen von Hendrix. Von einer Spottdrossel zu singen, die verstummt ist, seit seine Freundin ihn verlassen hat („since my baby left me“) ist mehr als ungewöhnlich. Es ist einer der wenigen Songs, in denen Hendrix die Frau anfleht, zu ihm zurückzukehren. Bedenkt man zudem die Rotkehlhüttensänger („bluebirds“!) und die Honigbienen („honey bees“) findet sich der Musiker in einer ausgesprochen ländlichen Idylle wieder.

Zu den erinnerungswürdigsten Auftritten, die das Monterey Pop Festival kennzeichneten, zählt Otis Reddings Performance, der damit den Samstagabend beschloss. Bekannt für seine Coverversion der Rolling Stones („(I Can’t Get No) Satisfaction“) wie auch für das eigene „Sitting By The Dock Of The Bay“, sah sich der Musiker gezwungen, den Auftritt wegen einer zeitlichen Beschränkung auf nur fünf Songs zu reduzieren. Sie finden sich auf der zweiten Seite eines Albums, das das – wenn auch geschnittene – Konzert der Experience präsentierte.

Historic Performances Recorded At The Monterey International Pop Festival kam am 26. August 1970 auf den Markt, ein Zeitpunkt, zu dem niemand Hendrix’ Tod im folgenden Monat hätte vorhersagen können. Otis Redding war da schon bei einem Flugzeugabsturz am 10. Dezember 1967 ums Leben gekommen.

„Up From The Skies“

Man würde nicht unbedingt einen erdigen Sound erwarten (Hendrix an der Wah-Wah-Gitarre und Mitch Mitchell beim Spiel mit Drum-Besen) bei einem aus der Perspektive von Außerirdischen erzählten Stück. Doch jeder Hörer von Axis: Bold As Love erkannte 1967, das sich Hendrix, verglichen mit dem Debüt, für eine radikal andere Farbpalette entschieden hatte. Der erste Song des Albums – das Intro „EXP“ ist eigentlich ein klanglich modulierter Sprachteil mit einem Feedback-Coda – hat eine entspannte, Jazz-angehauchte Grundstimmung, die nicht dem brachialen Sound-Orkan von „Foxy Lady“ oder dem maskulinen Riff von „Purple Haze“ gleicht, mit denen die UK- und USA-Version von Are You Experienced eröffnet werden.

Zwar war Hendrix kein Hippie, aber der Text impliziert dennoch eine flehentliche Bitte (im New-Age-Kontext), die Welt zu retten. Der außerirdische Erzähler ist ein wiedergekehrter Besucher, der vor der Eiszeit auf der Erde lebte und sich nun bestürzt zeigt von dem, was er wiederfindet. Er beobachtet Menschen, die „in großen und kalten Gefängnissen leben“ („living in cages tall and cold“) und nimmt „den Geruch einer verbrannten Welt“ wahr („the smell of a world that’s burned“). Sheila Whitley schrieb 1990 in Popular Music, dass die im Song erwähnten „sich nach oben bewegenden Figuren Flug und Desorientierung“ ausdrückten.

Hendrix sah „Up From The Skies“ als einen Versuch, die Augen der Menschen für einen neuen Umgang mit der Erde und einen anderen Lebensstil zu öffnen. „Die Gebäude werden nicht lange an ihrem Platz stehen“, meinte er in Rock: A World As Bold As Love, „und warum sollte man so leben?“

Die nur selten aufgeführte Nummer wurde am 26. Februar 1968 als Single mit der B-Seite „One Rainy Wish“ veröffentlicht. Sie erreichte Platz 82 und hielt sich nur vier Wochen in den Charts. Als Misserfolg kategorisiert, verwundert es umso mehr, dass man so einen offensichtlichen Album-Track ursprünglich als Single ausgewählt hatte.

„Wait Until Tomorrow“

Schusswaffen blitzen regelmäßig im Werk von Jimi Hendrix auf. Bei „Hey Joe“ zieht der beschriebene Joe mit einer Waffe in seiner Hand durch die Straßen, was allgemein als lebendiges Bild empfunden wird. „Machine Gun“ beschreibt bildhaft Soldaten, die in einem Kampfgebiet auf Bauern schießen. In „Freedom“ zückt der Sänger seine Knarre, wohingegen „Wait Until Tomorrow“ einen seine Waffe tragenden Vater porträtiert, der einen ausreißenden Bräutigam niederstrecken will.

Trotz des brutalen Endes gleicht „Wait Until Tomorrow“ einer Art Komödie – eine von Chandler bestätigte Interpretation, der meinte, „dass es als eine Art Scherz geschrieben wurde. Als (Hendrix) damit experimentierte, empfanden wir es als Witz, fast schon als einen komödienhaften Song“. Noel Redding parodiert die Kommentare der „liebestollen“ Dolly Mae und singt dabei mit Falsett-Stimme.

„Have You Ever Been (To Electric Ladyland)“

Zu den Gitarristen, deren Stil Hendrix absorbierte, gehört Curtis Mayfield, selbst ein höchst individueller Sänger und Gitarrist. Durch die große Eigenständigkeit und damit Wiedererkennbarkeit lässt sich sein Einfluss auf bestimmten Hendrix-Aufnahmen nicht von der Hand weisen.

Mayfield wurde im selben Jahr wie Hendrix geboren, doch ihm gelang der Mainstream-Erfolg wesentlich früher, und zwar mit seiner Gruppe Impressions. Sie hatte 1958 mit „For Your Precious Love“ den ersten Hit, bei dem aber noch Jerry Butler die Leadstimme sang. Der erste Hit mit Mayfields Falsett-Gesang war „Gypsy Woman“ aus dem Jahr 1961. Der Falsetto-Gesang war ein wichtiges Stilmerkmal Mayfields, ebenso wie auch sein Gitarrenspiel, da er das Instrument nach den schwarzen Tasten eines Klaviers stimmte.

Während der ersten Hälfte der Sechzigerjahre kreuzten sich die Wege der beiden Musiker auf der sogenannten Ochsentour. Einmal „lieh“ sich Hendrix Mayfields Verstärker ohne dessen Einwilligung aus, den er aufgrund der übermäßigen Lautstärke beschädigte, was dazu führte, dass man ihn noch während der laufenden Tournee rauswarf. Somit wirkt es ironisch, dass Mayfields Einfluss bei den sanfteren Hendrix-Songs liegt, zu hören beim Titeltrack von Electric Ladyland und dem wunderschönen „Little Wing“.

Mayfield verließ dann die Impressions, um sich einer Solokarriere zu widmen. Wie bei vielen Künstlern um das Jahr 1970 herum lässt sich in seiner Musik ein neues Bewusstsein für soziale Belange erkennen. Zu dem Zeitpunkt hörte Mayfield die Musik von Hendrix und war wahrscheinlich mit dem Repertoire der Band of Gypsys vertraut, das eher auf einen Konfrontationskurs abzielte, im Vergleich zu den Stücken der Experience.

In Bezug auf Hendrix erklärte Mayfield Chuck Philips von der Los Angeles Times 1989: „Jimis musikalischer Ansatz transzendierte Rassenschranken. Seine Vorstellungskraft kommunizierte mit den Menschen auf einer grundlegenderen Ebene. Bedenkt man die psychedelischen Elemente, entsprach er beinahe einem Wissenschaftler, der die Effekte studierte.“

Hier zeigt sich das perfekte Verständnis von „Have You Ever Been (To Electric Ladyland)“, denn wie auch schon in „Up From The Skies“ vom vorhergehenden Album findet im ersten Song von Electric Ladyland das Fliegen Erwähnung: Hendrix deutet auf einen magischen Teppich hin, von dem er will, dass der Hörer ihn „mit Klängen und Bewegungen fliegt“ („with sound and motions“). Dann regt er die Erkenntnisfähigkeit des Zuhörers an: Er soll sehen, dass „Gut und Böse nebeneinanderliegen, während elektrische Liebe den Himmel durchdringt“ („good and evil lay side by side while electric love penetrates the sky“).

„Who Knows“

Das „Frage und Antwort“-Spiel ist ein musikalisches Muster, so alt wie die Berge und das Meer. Es lassen sich dementsprechende Beispiele in den bei der Feldarbeit gesungenen Sklaven-Songs nachweisen und auch bei Seemannsliedern. Das Muster findet sich allgemein in afroamerikanischen Musikstilen wie Gospel, Blues und Rhythm and Blues und kommt auch in dem gut ein Dutzend Originalkompositionen vor, die von Hendrix’ schwarzem Trio, der Band of Gypsys, stammen.

Die „Frage und Antwort“-Passagen von Hendrix und Drummer Buddy Miles bei dieser Aufnahme vom Album Band Of Gypsys verschleiern die Tatsache, dass der Track im negativen Aspekt der Beziehung zwischen dem Gitarren-Genie und Devon Wilson wurzelt. Fast alle Stücke aus den Jahren 1969 und 1970 mit dem Thema Partnerschaft drehen sich um das unglückliche Verhältnis, aus dem er sich bis zu seinem Tod zu lösen versuchte. Bei „Who Knows“ ist der Musiker aus „Stone Free“ von den Tourneen zurückgekehrt und muss herausfinden, dass seine Freundin nicht mehr auf ihn wartet. Die Rollen haben sich ins Gegenteil verkehrt, und nun schläft sie sich durch fremde Betten, und der Protagonist muss „Ketten [ertragen], die um seinen Kopf herum angebracht sind“ („chains attached to [his] head“).

Die Live-Aufnahme von der ersten Show im Fillmore East am Neujahrstag 1970 lässt sich laut Charles Shaar Murray als „brandneuer Funk [beschreiben], [dem sich Hendrix] niemals in einer anderen Formation näherte“. Beinahe 20 Jahre später wurde der Song geschickt von Digital Underground als zweiter Track von Sex Packets gesampelt („The Way We Swing“), wodurch viele Hip-Hopper die Musik von Jimi Hendrix kennenlernten.

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