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Jens Johler Vage Sehnsucht
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Im August schmiedeten wir dann Fluchtpläne für mich. Als mein Vater aus dem Urlaub zurückkam, eröffnete ich ihm, dass ich zusammen mit Barbara und Jens nach Berlin fahren wollte – er war alles andere als erfreut. Aber was sollte er machen? Ich war zwar erst 18 Jahre alt, volljährig war man damals erst mit 21, ich brauchte also die Erlaubnis meiner Erziehungsberechtigten, aber erziehungsberechtigt war meine Mutter, und die hatte nichts dagegen. Das Einverständnis meines Vaters war sozusagen moralischer Natur, hatte aber auch mit Geld zu tun, sprich mit finanzieller Unterstützung. Ich erinnere mich aber daran, dass er sich ausgesprochen fair verhalten hat. Das Hauptproblem für ihn war, dass ich meine Ausbildung in Lübeck abbrechen wollte, die in seinen Augen eine große Chance für mich war, weil ich keine abgeschlossene Schulausbildung hatte. „Was soll jetzt aus dir werden“, meinte er. Dem ganzen 68er-Protest stand er sowieso kritisch gegenüber. Barbara und Jens hatten ihm von der kubanischen Revolution vorgeschwärmt und von der Idee, das Geld abzuschaffen, und er sagte nur, „Gute Idee, das Geld abzuschaffen, wenn es nichts zu kaufen gibt“. Sie haben oft Skat mit ihm gespielt, zwischendurch wurde diskutiert, und er sagte einmal, „Wenn es zur Revolution kommt, stehe ich auf der einen Seite der Barrikade und ihr auf der anderen“, und dann haben sie weiter Skat gespielt. Wir alle mochten unseren Vater, auch wenn er etwas bürgerlich war. Immerhin hatte er auch Sinn für das Verrückte. Er war Mitglied im Freundeskreis Till Eulenspiegel und als Anfang der ’70er das vermeintliche Original der Eulenspiegel-Geschichten von einem gewissen Hermann Bote gefunden wurde, überarbeitete er es und veröffentlichte es neu. Diese Ausgabe gilt bei Kennern bis heute als eines der besten Till Eulenspiegel-Bücher. Als dann klar war, dass ich mit nach Berlin fahre, bestand mein Vater darauf, dass ich in Berlin eine Ausbildung mache, und sagte dann, „Wenn du keine Ausbildung machst, dann zahle ich dir auch keinen Unterhalt“. Das war seine Bedingung, und die habe ich akzeptiert. Ich weiß noch, dass er hinzufügte, „du kannst ja immer noch Straßenfeger werden, das ist auch ein ehrenwerter Beruf“. Das war so ein Spruch, den hatten damals viele Eltern drauf.
Und dann ging’s los. Den genauen Tag weiß ich nicht mehr, aber es muss so Mitte August gewesen sein. Wir sind zu dritt in Jens’ VW-Käfer von Kiel nach Berlin gefahren – es war einer der aufregendsten und bedeutendsten Tage meines Lebens. Ich habe dann erstmal bei Barbara und Jens in der Admiralstraße gewohnt. Diese Wohnung gehörte eigentlich dem Schauspieler Heinrich Giskes, der gerade ein längeres Engagement in Westdeutschland hatte. Sie lag im Hochparterre, anderthalb Zimmer. Wenn wir die Tür zum Treppenhaus öffneten, machten wir immer ksch-ksch, damit die Ratten sich verzogen. Ich habe erst später erfahren, dass sie ihre Nester im Keller unter der Wohnung hatten, in dem Möbellager eines Trödlers. Mein Gästezimmer war ein kleiner Raum, in dem man sofort war, wenn man die Wohnungstür aufschloss, einen Flur gab es nicht. Zum Klo musste ich durch das Zimmer von Barbara und Jens hindurch, was natürlich auf Dauer kein angenehmer Zustand war, weder für sie noch für mich. Die Verabredung lautete, dass ich mir so schnell wie möglich eine eigene Bleibe suchte, was ich aber nicht tat. Ich nahm erstmal Kontakt zu Rio auf, den ich ja schon Ostern kurz getroffen hatte. Ich besuchte ihn in einer Fabriketage in der Oranienstraße, dem Hauptquartier des Hoffmanns Comic Teater. Wir verstanden uns auf Anhieb, tranken Jasmintee und rauchten – nicht nur Zigaretten. Die Musik war unser verbindendes Element. Wir hörten Platten von Johnny Cash und Bob Dylan; Pet Sounds, das tierische Album der Beach Boys, aber auch die älteren LPs der Rolling Stones, die überragende Aftermath, sowie Between The Buttons, Their Satanic Majesties Request und Beggars Banquet. Ich kannte ja nur die Single-Hits der Stones, jetzt erschlossen sich mir ganz neue musikalische Welten. Damals gab es noch keine CDs, sondern nur LPs, und die relativ große Fläche der LP-Cover konnte gut für künstlerische Zwecke genutzt werden. Ich erinnere mich an Gespräche mit Rio über das Thema Covergestaltung. Einmal zeigte er mir das Plattencover der LP Between The Buttons von dem Fotografen Gered Mankowitz. Man sieht die Band etwas unscharf am frühen Morgen in freier Natur, das Foto wirkt ungestellt und strahlt eine besondere, etwas surrealistische Stimmung aus – ein kleines Kunstwerk. Rio erklärte mir dazu, wie wichtig das Image einer Band sei. Ich war etwas verwirrt, denn ich wusste noch nicht, was das Wort genau bedeutete. Sechzehn Jahre später haben wir uns als Scherben-Band ein bisschen an der Idee von Gered Mankowitz orientiert. Wir haben für die Fotosession zum LP-Cover Scherben extra eine Nacht durchgemacht, um dann im Morgengrauen übernächtigt auszusehen.
Ich war schwer beeindruckt von Rios Liedern, die er auf einem Revox-Tonbandgerät aufgenommen hatte und mir nach und nach vorspielte, alle mit deutschen Texten. So, wie Rio sang, das war immer authentisch, nie aufgesetzt oder peinlich – ähnlich wie bei Johnny Cash. Das hört man einfach. Durchs Musizieren und die Gespräche habe ich im Laufe der Jahre viel von Rio gelernt. Er vertrat zum Beispiel die Ansicht, dass es ein bestimmtes Qualitätsmerkmal ist, wenn sich ein Song nur auf einem einzigen Instrument spielen lässt, auf der Gitarre oder auf dem Piano.
Bereits nach wenigen Tagen fragte Rio mich, ob ich nicht bei zwei Stücken Bassgitarre spielen wollte. Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Rio hatte dem Schlagerproduzenten Peter Meisel ein Demoband geschickt, und der hatte sich zwei Songs ausgesucht, die er produzieren wollte: Freitagabend und Baby. Das sollten A- und B-Seite einer Vinyl-Single werden. Doch Bassist Georgie, mit dem Rio vorher gespielt hatte, hing an der Nadel und konnte oder wollte irgendwie nicht mehr spielen. Deswegen fragte Rio mich, ob ich nicht für Georgie einspringen wolle. Ich sagte, ich könne zwar ein bisschen Lagerfeuer-Gitarre, aber einen E-Bass hätte ich noch nie in der Hand gehalten. „Das macht nix“, sagte Rio, „ich zeig’s dir“. Und ehe ich mich’s versah, hatte er mir einen Bass der Marke Höfner umgehängt, den sogenannten Beatles-Bass, und zeigte mir als Einstieg den Anfang der Basslinie von I Can’t Help Myself von den Four Tops. Das war ein Basslauf von James Jamerson, dem Kult-Bassisten, der mir damals aber noch kein Begriff war. So nahm das Schicksal seinen Lauf: Ich wurde Rock’n’Roll-Bassist! James Jamerson war, wie ich später erfuhr, der Bassist einer Studioband, die sich Funk Brothers nannte. Das war die Motown-Studioband aus Detroit, die haben die ganzen Motown-Sachen eingespielt. Alle Musiker waren großartig, aber für mich ragte Jamerson heraus, weil er mich mit seinen fantasievollen Basslinien beeindruckte. Ich habe später versucht, seine Bassläufe nachzuspielen, und das war verdammt nochmal nicht einfach. Ich konnte die natürlich nicht auf Anhieb und auch nicht alle Phrasierungen, aber ich habe mich relativ schnell reingefummelt, jedenfalls in die Grundlinien. Und ich begann von nun an, wenn ich einen Song hörte, immer auf den Bass zu achten, das hatte ich früher selten getan. Viel geprobt habe ich nie; doch wenn zu einem Stück eine Basslinie nötig war und sie mir gefallen hat, dann habe ich solange rumprobiert, bis ich sie konnte. Wir haben später nicht nur eigene Songs gespielt, sondern auch viele andere Sachen nachgespielt, dadurch lernst du viel. Denn natürlich geht es auch darum, sein Instrument von Grund auf zu beherrschen, also um das Handwerk. Aber ich habe nie irgendwelche Fingerübungen gemacht, um meine Technik zu verbessern. Bill Wyman, der Rolling Stones-Bassist, spricht in diesem Zusammenhang von Simplizität – ist genau mein Ding. Bloßes Virtuosentum hat mich nie interessiert. Im Gegenteil, wenn ich das Gefühl habe, da spielt jemand besonders schnell oder kompliziert, nur weil er beweisen will, was er alles draufhat, dann langweilt mich das.
Zu den Musikern des Hoffmanns Comic Teaters gehörten auch RPS Lanrue und Dietmar Roberg. Die waren aber gerade verreist, daher war ich in den ersten Tagen mit Rio allein. Er sang und begleitete sich auf der Gitarre oder am Piano, und ich zupfte dazu den Bass. Dann kam Dietmar zurück und spielte Rhythmusgitarre. Ein paar Tage später folgte Lanrue und übernahm das Schlagzeug. Da waren wir dann komplett. Das war die erste richtige Band, in der ich gespielt habe. Und was soll ich sagen? Es war einfach affentittengeil. Jeder macht etwas, eins greift ins andere, und das Ergebnis ist ein Musikstück. Ich war glücklich, auch wenn ich wusste, dass wir uns musikalisch noch erheblich steigern mussten.
Die Geschichte mit dem Schlagerproduzenten Peter Meisel sollte ich aber noch zu Ende erzählen. Wir, also Rio Reiser, RPS Lanrue, Dietmar Roberg und ich als Band, Rios Bruder Gert, sowie Barbara und Jens als Gäste, waren dann im Sonopress-Tonstudio der Ariola, dem späteren Hansa-Tonstudio, in dem David Bowie den Song Heroes aufnehmen sollte. Es befand sich in einem ziemlich verfallenen Gebäude in der Köthener Straße 38, ganz nah am Potsdamer Platz. Das Haus stand allein in der Wüste, die der Krieg hier hinterlassen hatte, niemand hatte ein Interesse daran, hier zu bauen, weil die Mauer direkt durch den Potsdamer Platz hindurch führte. Es war eine seltsame Situation, über diesen verwaisten, vom Regen aufgeweichten Platz zu stapfen, auf ein heruntergekommenes Gebäude zu, um dort eine Karriere als Rockband zu starten. Das hätte wahrscheinlich auch ein gutes Coverfoto abgegeben. Es hatte etwas Unwirkliches. Für mich sowieso, weil ich ja gerade erst ein paar Basslinien gelernt hatte. Wir hatten Freitagabend und Baby wochenlang geprobt und nahmen diese beiden Lieder schließlich in diesem legendären Studio auf. Ich durfte sogar noch meine Künste auf der Blockflöte zum Besten geben, doch Peter Meisel hatte irgendwas gegen Rios Stimme oder seine Art zu singen, ich weiß nicht mehr genau, was es war, jedenfalls wurde die Single nicht produziert. Jens hat die Geschichte anders in Erinnerung. Er meint, dass wir nach den Aufnahmen alle zusammen in Meisels Büro gingen. Meisel saß hinter seinem dicken Schreibtisch, Rio auf der anderen Seite, Jens zufällig neben Rio, wir anderen dahinter, und es war eine merkwürdig gedrückte Situation. Meisel schob Rio einen Vertrag und einen Kugelschreiber rüber und fragte, „Nur der Sänger oder die ganze Band?“ Und Rio saß da wie gelähmt und reagierte nicht. Starr, unbeweglich, stumm. Er sagte nicht ja, er sagte nicht nein, aber er hat auch nicht unterschrieben. Wahrscheinlich wusste er, dass es der unwiderrufliche Schritt in eine kommerzielle Karriere gewesen wäre, und die wollte er nicht. Witzigerweise ist Rio nach Auflösung der Scherben dann doch bei Meisel gelandet. Sein Manager für die Solokarriere als König von Deutschland wurde George Glück. George Glück war ’75 in den Meisel-Verlag eingestiegen, und so hat sich der Kreis geschlossen. Ironie des Schicksals, könnte man sagen. Vielleicht hat Meisel damals hinter seinem Schreibtisch gesessen und gedacht, „wo immer du auch hingehst, du entkommst mir nicht“. So ist es eben in der Haifischbranche.
Mein Gästezimmer in der Admiralstraße musste ich nach drei oder vier Wochen räumen. Das Prinzenpaar – so nannten wir Barbara und Jens inzwischen, das war eine Idee von Lanrue – hatte mir ein Zimmer bei einem Studenten in der Görlitzer Straße besorgt, in einer ziemlich tristen Gegend, nahe der Mauer. Sie fuhren mich mit meinen Sachen dorthin, und ich weiß noch, wie Barbara zu mir sagte, „So, und hier kannst du deinen Müll so hoch stapeln, bis er zur Decke reicht“. Uff, das saß! Das war ’ne echte Lektion. Und als ob das nicht gereicht hätte, folgte gleich der nächste Schock: In meinem möblierten Zimmer lag das Buch Geschichte der O, ein Sado-Maso-Roman. Es war eine gebundene Ausgabe, aber der Schutzumschlag fehlte, deswegen gab es kein Bild, das auf den Inhalt schließen ließ. Ich war zuerst völlig ahnungslos und fing unbekümmert an, darin zu lesen, bis ich irgendwann merkte, was da abging. Alter Schwede! Wie konnte sich jemand so etwas ausdenken? Ich empfand überwiegend Abscheu beim Lesen, und trotzdem habe ich immer weitergelesen. Seltsam, nicht wahr? Wahrscheinlich gehören Aversion und Faszination irgendwie zusammen; der Roman hat mich noch Jahre verfolgt. Aber lange habe ich es in der Görlitzer Straße nicht ausgehalten, ich bin dann vorübergehend zu Rio und Lanrue in die Fabriketage in der Oranienstraße gezogen, manchmal bin ich auch in irgendwelchen heruntergekommenen Szenewohnungen mit Matratzenlagern auf dem Fußboden untergekommen – alles immer in Kreuzberg. An eine kann ich mich recht gut erinnern, es war eine Zwei-Zimmer-Ladenwohnung in der Dresdener Straße, dort wohnte ich mit einem Mädel namens Rolli, die mit Opium zugange war. Wir kannten – das hat jetzt aber nichts mit dem Opium zu tun – einen netten Typen, der nachts irgendwelche Milchprodukte ausfuhr. Jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe hielt er vor unserer Wohnung und versorgte uns mit Joghurt, Fruchtquark und solchen Sachen – das war immer eine leckere Erfrischung. Da ich von meinem Vater keine Unterstützung bekam, musste ich mich irgendwie durchschlagen, „Tu was Du willst und schade niemandem“ war meine Parole. Eine Zeit lang habe ich mit Lanrue zusammen an der Uni Raubdrucke verkauft, manchmal auch beim Sklavenhändler gejobbt. Raubdrucke waren meistens vergriffene Bücher, die im Siebdruckverfahren billig nachgedruckt wurden. Ich erinnere mich an ein Buch von Anna Freud über Psychoanalyse für Kinder, und an ein anderes über das Monopolkapital, von Baran und Sweezy, die gingen besonders gut. Aber auch aktuelle Veröffentlichungen wie die von Günter Wallraff wurden nachgedruckt. Das war natürlich illegal und auch nicht fair. Doch wir haben gedacht, wir müssen ja irgendwie überleben, also was soll’s, legal, illegal, scheißegal! Sklavenhändler waren kleine Arbeitsvermittlungen, da konntest du morgens ganz früh hingehen und bekamst einen schlechtbezahlten Job für einen Tag; Rio hat einen Song darüber geschrieben: „Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich? Sklavenhändler, ich tu’ alles für dich. Und wenn ich 7,50 verdiene, geb ich dir 3,50 ab“.
Einmal, es war in der TU-Mensa, wo Lanrue und ich diese Raubdrucke verkauften, sprach uns ein junges Pärchen an, ob wir nicht einen Schlafplatz wüssten. Charlie und Gabi hießen die beiden. Wir gaben ihnen die Adresse von der Oranienstraße, und gleich am selben Abend kamen sie bei uns vorbei. Mit Gabi habe ich mich dann ein bisschen angefreundet. Wir haben im selben Bett geschlafen, ’n bisschen geknutscht und gefummelt; damals sagte man Petting dazu. Und morgens, oder besser gesagt vormittags, nach dem Aufwachen, habe ich als Erstes auf nüchternen Magen eine Rote Hand geraucht, die filterlose Zigarette der Marke Roth-Händle, so dass mir schwindelig wurde. Ich glaube, ich mochte dieses schwindelige Gefühl. Heute schaudert es mich bei dem Gedanken – was habe ich meinem Körper bloß zugemutet?
Natürlich haben wir nicht nur Zigaretten geraucht; ich hatte schon in Lübeck erste Erfahrungen mit Haschisch gemacht. Es gab Wochenenden, da bin ich nicht nach Hause, sondern mit Kommilitonen nach Hamburg gefahren. Wir sind dann meistens einmal die Reeperbahn rauf und runter und irgendwann in dieser Underground-Disco Grünspan gelandet, da wurde dann gekifft, wenn auch maßvoll. In Berlin ging es mit dem Kiffen aber richtig los, Schwarzer Afghane, Roter Libanese, Grüner Türke, der allerdings manchmal auch aus Marokko kam. Hasch brachte nicht nur diesen völlig neuen Kick in der Birne, es löste auch den Alkohol und die Zigaretten von der Verbotsliste ab, denn ich durfte ja jetzt, mit 18 Jahren, öffentlich trinken und rauchen. Somit hatte jeder Joint, der gedreht und geraucht wurde, auch etwas Konspiratives. Das war spannend und schaffte eine besondere Art von Gemeinschaftsgefühl. „Wie hat Haschisch auf dich gewirkt?“, bin ich immer wieder gefragt worden. Es ist nicht leicht zu beschreiben. Ich wurde passiv und friedlich. Diese Friedfertigkeit habe ich auch bei allen anderen Kiffern beobachtet, mit denen ich zusammen war. Alkohol macht oft aggressiv, kiffen dagegen … Es gibt darüber einen netten Witz: Drei Drogenfreaks sitzen zusammen im Knast, ein Kokser, ein Kiffer und ein LSD-Freak. Eines Tages beschließen sie, auszubrechen. Der LSD-Freak sagt, „Wir werfen jeder einen Trip ein, dematerialisieren uns und schweben durch die Gefängnisgitter nach draußen“; „Nein“, sagt der Kokser, „wir nehmen jeder eine dicke Line, überwältigen die Wärter und brechen durch“; daraufhin meldet sich der Kiffer und sagt, „Die Ideen sind gut, aber können wir das nicht morgen machen? Lasst uns doch erst mal einen Joint rauchen.“ In der Anfangszeit meines Kifferdaseins bekam ich immer Appetit auf Süßes, habe mir Vanillepudding gekocht oder bin nachts zu einem Automaten gestiefelt, in dem es Schokolade gab. Manchmal wird man auch albern, bekommt einen Lachanfall und weiß gar nicht, warum. Aber das Wichtigste war, glaube ich, ein Gefühl von Grenzüberschreitung, ein gewisser Rausch, das Gefühl, etwas völlig Neues zu erleben. Allerdings hatte das Kiffen auch Nachteile, jedenfalls bei mir. Die Libido wurde geweckt, aber die Potenz ließ nach; das war alles andere als „herausragend“. Ich habe einige Monate gebraucht, um dahinterzukommen. Das war aber noch harmlos im Vergleich zu den Depressionen, die ich bekam. Regelmäßiges Kiffen führte bei mir zu immer stärkeren Irritationen. Beim Fahren auf der Autobahn, wenn ich unter einer Brücke oder Unterführung hindurchfuhr, hatte ich Angst, mit meinem Kopf dort oben anzuschlagen. Irgendwann kam noch Paranoia dazu. Eines Tages bin ich beim Trampen auf der Autobahn von der Polizei aufgegriffen worden und war noch froh darüber. Ich war total durch’n Wind. Einmal bin ich in so einer typischen Kifferhöhle in Kreuzberg gelandet, mit Matratzenlager auf dem Fußboden, lauter langhaarige Freaks, von denen ich niemanden kannte. Rolli hatte mich dorthin mitgenommen. Es kreisten mehrere Joints, und auf einmal wurde mir ganz schwindelig, richtig schwarz vor Augen. Ich hatte wohl zu viel intus und bekam Angstzustände. Ich stand auf, um an die frische Luft zu gehen, machte zwei, drei Schritte und fiel ohnmächtig zu Boden. Als ich nach ein paar Minuten wieder zu mir kam, war ich mit Rolli allein. Sie sagte, die anderen hätten gedacht, ich wäre tot, und seien getürmt. Aber dann, als ich nach draußen ging, war ich baff. Alles war irgendwie neu, ich befand mich in einem noch nie zuvor erlebten Bewusstseinszustand, fast paradiesisch. Ich fühlte mich einfach super, mit einem tiefen inneren Frieden. Leider hielt dieser Zustand nur ein paar Stunden an, aber ich kann ihn bis heute nicht vergessen, so wunderschön war es. Ein anderes Ereignis war dramatischer. Es war Anfang der ’80er-Jahre, ich war mit den Scherben auf Tour und hatte schon Jahre nicht mehr gekifft. Nach einem Gig trafen wir uns noch im Hotelzimmer unseres Tour-Gitarristen Dirk Schlömer, als ein Marihuana-Joint kreiste. Da ich gut drauf war und auch schon etwas angetrunken, wurde ich leichtsinnig, zog zwei oder drei Mal und merkte ziemlich schnell eine negative Wirkung. Ich ging sofort auf mein Zimmer, und spürte auf einmal einen unwiderstehlichen Sog, mich aus dem Fenster zu stürzen. Es war die nackte Todesangst, urplötzlich war sie da. Das klingt unwahrscheinlich, ich weiß, aber es war so, als ob sich ein Geist meiner bemächtigt hätte, und dieser Geist befahl mir, aus dem Fenster zu springen. Das Hotel war ein Hochhaus, ich wohnte so weit oben, dass ich einen Sturz nicht überlebt hätte. In meiner Not lief ich ohne nachzudenken ins Bad, drehte die kalte Dusche auf, setzte mich angezogen darunter und fing an zu beten. In dieser Stellung, betend unter der Dusche, verharrte ich einige Zeit – vielleicht zehn Minuten oder so -, und allmählich ließ der schreckliche Sog nach. Und es blieb dabei: Je länger ich kiffte, desto mieser fühlte ich mich, und trotzdem hörte ich nicht auf damit, völlig absurd. Ich glaube, ich habe immer gehofft, die allerersten Zustände, die ja positiv waren, noch einmal wiederzuerleben. Doch dann, nach circa zwei bis drei Jahren, so gegen Ende ’72, habe ich konsequent aufgehört und stattdessen angefangen, Whiskey zu trinken. War deutlich bekömmlicher! Meine Lieblingsmarke war Jim Beam, ein Bourbon aus Kentucky. Der wurde zu meinem kleinen Helferlein, immer und überall gegenwärtig, so wie der kleine Glühbirnenroboter von Daniel Düsentrieb. Aber richtig betrunken habe ich mich, abgesehen von einigen Reisen nach Kentucky, selten. Hier muss ich wieder an den Trinkspruch von Werner Rieger denken: „Rein Gottes Wort“; es war fast so, als würde Jim Beam mir dabei helfen, den Anschluss nach „oben“ nicht zu verlieren.
Meine ach so geliebten ’60er-Jahre endeten – musikalisch gesehen – mit einer Überraschung. Der Gospelsong Oh Happy Day von den Edwin Hawkins Singers wurde im August ’69 zum internationalen Sommerhit! Das hat mich umgehauen. Gospels sind ja aus den Spirituals der schwarzen Sklaven in den USA hervorgegangen, und diese Musik findet den Weg in den kommerziellen Mainstream. Nicht zu fassen! Gesungen wurde über den „glücklichen Tag, als Jesus meine Sünden wegwusch“; ob das in Deutschland alle verstanden haben? Aber unbewusst hat wohl jeder irgendwie gefühlt, was gemeint war. Im selben Monat gab es das denkwürdige Woodstock-Festival in den USA, das hatte für mich zwei Höhepunkte: den Urschrei von Joe Cocker bei With A Little Help From My Friends und das Gitarrensolo von Pete Townshend bei See Me, Feel Me von den Who. Beide zusammen, Schrei und Solo, verschmolzen für mich zu einer musikalischen Essenz, die sowohl den bitteren Schmerz als auch die schönen Sehnsüchte einer rebellischen Jugend- und Studentenbewegung zum Ausdruck brachten, die über ein Jahrzehnt lang versucht hatte, die Welt positiv zu verändern.

Kai bei den Aufnahmen zu „Macht kaputt …“, 1970 (© Archiv Scherben)
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