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Jens Johler Vage Sehnsucht
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Der erste Kinofilm, den ich überhaupt gesehen habe, war ein Zeichentrickfilm, aber ich weiß nicht mehr, ob es Susi und Strolch war oder Bambi. Einer von beiden, ich habe beide gesehen. Ins Kino zu gehen war immer ein Fest für mich und manchmal mit überraschenden Erlebnissen verbunden. Irgendwann in den ’50er-Jahren hatte ich diesen schönen, sentimentalen Song von Frankie Laine gehört, „Do not forsake me, oh my darling“ – High Noon. Ein trauriges Lied, das mich tief berührte. Mitte der ’60er-Jahre sah ich den Hollywood-Western Zwölf Uhr mittags – mit Gary Cooper als schießender Marshal, der eigentlich nur noch Frieden will, und Grace Kelly als gewaltfreie Quäkerin, die sich gezwungen sieht, einen Revolver in die Hand zu nehmen – gegensätzlicher geht’s wohl kaum. Und nun erfuhr ich, dass der Song ursprünglich aus diesem Film stammte. Musik und Film passten perfekt zusammen. Und auch bei einem anderen Kino-Highlight hörte ich zuerst das Lied, North To Alaska von Johnny Horton, das war in den Sommerferien ‘61 in unserem Häuschen an der Schlei. Ein Nachbarmädel hatte die Single und spielte sie wochenlang mehrmals täglich, und das Lied weckte bei mir die Abenteuerlust. „Way up north“, singt Johnny Horton – „Weit oben im Norden“ -, also irgendwo hingehen und sein Ding machen, das war die Botschaft. Immerhin verstand ich noch soviel von dem englischen Text, dass es dabei um Gold, um eine Frau mit dem Namen Jenny und um honeymoon ging, also um Liebe. Natürlich war da sehnsuchtsvolle Romantik mit im Spiel. Viele Monate später ging ich ins Kino, um mir den Western Land der tausend Abenteuer anzuschauen. Als der Vorspanns lief, bekam ich eine Gänsehaut, weil ich unverhofft North To Alaska hörte. Ich sah John Wayne und Stewart Granger in den Hauptrollen als Goldsucher in Alaska, und natürlich war auch eine schöne Frau mit im Spiel, dargestellt von der Schauspielerin Capucine. Die beiden Abenteurer suchen zwar nach Gold, aber tief drinnen suchen sie auch nach Liebe. Kurz vor Ende des Films wird John Wayne vor die Entscheidung gestellt, Capucine entweder laut und deutlich seine Liebe zu gestehen oder sie abreisen zu lassen.
Aber das Land der tausend Abenteuer war gar nichts im Vergleich mit dem, was sich dann ereignete. Es war eines der ergreifendsten Erlebnisse meines damaligen Lebens und fand statt, als ich mir den Kinofilm West Side Story anschaute, mit der genialen Musik von Leonard Bernstein. Ich war zwölf, kam aus dem Kino und wusste nicht mehr, wo ich war. So etwas hatte ich noch nie erlebt, es war atemberaubend! Wieso hat mich der Film so mitgenommen?, habe ich mich oft gefragt. Die Geschichte geht ja zurück auf das Theaterstück Romeo und Julia von William Shakespeare, und in diesem Film ist alles drin, was das Leben zu bieten hat, Liebe, Drama, Gewalt, Spannung, Ekstase, Humor, Trauer – und dazu diese grandiose Musik und die rasanten Tanzszenen. Nachdem ich den Film gesehen hatte, war ich wie verwandelt. Alles hatte sich verändert, ich mich, aber auch meine Umwelt. Als ich langsam wieder zu mir kam, hatte ich nur noch einen Gedanken: Die Musik muss ich haben, koste es, was es wolle. Es gelang mir, über ein paar Ecken jemanden zu finden, der bereit war, mir die Langspielplatte zu borgen, damit ich die Musik auf Tonband aufnehmen konnte; denn genug Geld für eine eigene LP hatte ich nicht. Die geliehene Platte enthielt allerdings nicht die originale Filmmusik, und das ging gar nicht. Also habe ich nicht lockergelassen und dann doch noch jemanden gefunden, der die LP mit dem richtigen Soundtrack hatte. Ich weiß noch, dass ich eines Morgens ganz früh aufstehen musste, um an einem bestimmten Ort zu sein, wo die Übergabe stattfand. Aber ich wäre bereit gewesen, bis nach Alaska zu reisen, um an diese Platte zu kommen. Die Musik dieser Zeit, allen voran die der Beatles und die von Leonard Bernstein, machten die Schule zwar nicht erträglicher, aber es gab etwas, auf das ich mich freuen konnte, sie machte mich glücklich.
Und dann auf einmal hatte das Schicksal ein Einsehen. Der Tag der Befreiung nahte. Es war Ende ‘67 – ich hätte bis zur mittleren Reife noch ungefähr anderthalb Jahre gebraucht – da fuhr mein Vater mit mir nach Lübeck und ließ den Direktor der Schleswig-Holsteinischen Musikakademie einen Eignungstest mit mir machen. So eine Art Vorchecking vor der Aufnahmeprüfung. Ich spielte etwas auf der Gitarre und sang dazu, auch meine Blockflöte kam zum Einsatz; der Direktor prüfte mein Gehör, indem er auf dem Klavier einen Akkord spielte und sagte „das ist G-Dur“, dann spielte er irgendeinen einzelnen Ton, und ich sollte herausfinden, welcher das war. Ich glaube, ich hatte drei Versuche, und zweimal lag ich richtig. Dann wurde ich hinausgeschickt, und mein Vater sprach allein mit dem Direktor. Auf der Rückfahrt nach Kiel hielt mein Vater an einer Raststätte an und eröffnete mir, dass ich die Schule verlassen könne. Noch heute, fast fünfzig Jahre danach, bekomme ich Glücksgefühle, wenn ich an dieser Raststätte vorbeifahre. Wegen irgendwelcher Formalien folgten noch zwei, drei Schultage, dann, am 1. November 1967, war mein letzter Schultag. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich hätte schreien können vor Glück! Und ich habe es nie bereut, die Schule vorzeitig verlassen zu haben. Bis zum Beginn der Ausbildung hatte ich ein paar Monate frei. Ich bekam privat Trompeten- und Klavierunterricht und ging zur Tanzschule, weil das meine Kumpels auch taten. Aber nur ein paar Mal, dann hat’s mir gereicht. Wir waren ein Haufen verklemmter, pubertierender Jugendlicher, die versuchten, sich zu aktuellen Hits wie Judy In Disguise zu bewegen. Und dann auch noch die klassischen Tänze wie Walzer und Foxtrott, also nein, das war nun wirklich nichts für mich. Selbst die Tatsache, dass da auch ein paar ziemlich hübsche Mädels waren, hat mich nicht umstimmen können.
Genaugenommen hatten meine Eltern mir zwei Vorschläge gemacht, der erste war, in die Fußstapfen meines Patenonkels zu treten; der hatte auch Schwierigkeiten mit der Schule gehabt und war in dem großen Konzern seines Onkels – also meines Großonkels – zum Manager aufgestiegen. Um mir diesen Vorschlag schmackhaft zu machen, lockte man mich mit der Aussicht, schon bald einen schicken Sportwagen fahren zu können. Ich war vielleicht naiv und manchmal auch etwas schwer von Kapee, aber dieses Spiel durchschaute ich sofort. Ohne mich! Ich bin kein Typ für die Karriereleiter. Deswegen kam für mich nur die Musikakademie in Frage, auch wenn ich alles andere als sicher war, ob ich wirklich Orchestermusiker werden wollte: denn das war das erklärte Ziel des Studiums. Ich bestand im März ’68 die Begabtenprüfung, wurde aufgenommen und habe drei Semester studiert; Hauptfach Trompete, Nebenfächer Klavier, Harmonielehre, Gesang und ein Fach, das hieß Allgemeinunterricht. Das musste ich belegen, weil ich noch nicht alle Pflichtschuljahre absolviert hatte. Trompete als Hauptfach zu wählen, war übrigens nicht meine Idee gewesen, das haben die mir einfach aufgedrückt; Trompeter waren wohl gerade Mangelware. Ich habe mich redlich bemüht, aber das war einfach nicht mein Instrument. Nie werde ich vergessen, wie ich einmal mit einigen Kommilitonen zusammensaß – wir wollten aus Spaß ein bisschen Jazz spielen. Ich spielte Banjo, weil ich auf der Trompete viel zu schlecht war. Ein anderer Student war Asmus Hinz, heute Professor, er kam plötzlich reingeschneit, schnappte sich meine Trompete und legte los. Er war eigentlich Orgelschüler, kein Trompeter, und konnte trotzdem so gut spielen. Also, das war ein Schock für mich, der ich mich monatelang abquält hatte und dann so erbärmlich vor sich hindümpelte. Auch das Musizieren nach Noten fiel mir nicht leicht, und ich fragte mich immer häufiger, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte.
Gewohnt habe ich in Lübeck in einem Studentenwohnheim, und an den Wochenenden bin ich mit dem Zug nach Kiel gefahren oder getrampt, um Geld zu sparen. In dieser Zeit habe ich auch meinen Führerschein gemacht, die einzige amtliche Urkunde, die ich jemals aufgrund einer bestandenen Prüfung erworben habe. Und hier, in Lübeck, hatte ich auch meine ersten sexuellen Erfahrungen. Mein Mitbewohner, ein angehender Posaunist, war ein gelegentlicher Puffgänger, dessen Wahlspruch war, „ich vögele alles, nur keinen Igel, der hat Stacheln“. Er nahm mich mit in die Hafengegend, irgendwo an der Untertrave, allein hätte ich mich da nicht hin getraut, ich war viel zu schüchtern. Zwanzig Mark waren eine Menge Geld für mich, aber ich wollte unbedingt diese Erfahrung machen. Ich weiß noch ziemlich genau, wie die Frau aussah: dunkelblonde, halblange toupierte Haare, etwas vollschlank, mit kurzem, engem Rock; sie stand gelangweilt in einem Hauseingang und rauchte. Sie wirkte auf mich abgeklärt und cool, aber durchaus sexy; dann fixierte sie mich mit ihren Augen und sagte etwas, das ich akustisch nicht verstand, aber intuitiv sehr wohl. Da habe ich gespürt, die ist es, jetzt oder nie. Als sie mit mir eine Treppe hochstieg, die zu ihrem Zimmer führte, ging sie vor mir, und ihr kurzer Rock ließ tief blicken. Ich war wahnsinnig aufgeregt, aber es ging alles gut, und hinterher war ich einfach happy. Circa zwei Jahre später sah ich den Western Westwärts zieht der Wind, in dem Lee Marvin mit seiner tiefen Bassstimme Wand’rin Star singt; er intoniert teilweise etwas unsauber, aber genau das macht den Charme dieser Aufnahme aus. Man sieht im Film, wie Lee Marvin einen jungen Burschen zu einer Prostituierten ins Zimmer schiebt und zu ihr sagt, „Ich bring dir hier einen Jungen, gib ihn mir als Mann zurück.“ Da wurde mir erst richtig bewusst, was an jenem Abend in Lübeck mit mir geschehen war.
Wie schon erwähnt, war ich nur drei Semester in Lübeck, Trompete war nicht mein Ding, nach Noten zu spielen, fiel mir schwer, ich konnte mir immer weniger eine Berufslaufbahn als Orchestermusiker vorstellen. Und die schematische Einteilung in U- und E-Musik, in Unterhaltungsmusik und ernste Musik, gefiel mir überhaupt nicht. Für mich gab und gibt es nur Musik, egal ob Klassik, Jazz oder Pop. Entweder sie berührt mich oder nicht – das ist das Qualitätsmerkmal. Zu einem Schlüsselerlebnis auf der Musikakademie kam es, als ich die Rhapsody in Blue von George Gershwin entdeckte. Ich war total begeistert und dachte, vielleicht gibt es Noten dazu oder einen Klavierauszug, um etwas davon auf dem Piano nachzuspielen. Ich ging zur Notenbibliothek der Musikakademie und trug der Bibliothekarin meinen Wunsch vor. Ihre knappe Antwort lautete „Unterhaltungsmusik führen wir nicht!“ Ich war sprachlos. Ein Kommilitone von mir hatte kurz zuvor behauptet, der russische Komponist Tschaikowski sei kein ernstzunehmender Musiker der Klassik. Da hatte ich noch gedacht, na ja, der Junge ist eben etwas versnobt. Aber nach diesem Erlebnis in der Bibliothek wurde mir klar, ich bin hier fehl am Platz. Heute würde ich übrigens sagen, die Rhapsody in Blue war damals schon klassische Musik, in der Pop-Musik war man längst über Gershwin hinaus.
Die zweite Hälfte der ’60er Jahre war, was die populäre Musik betrifft, eine unglaublich kreative Zeit und wird deshalb zu Recht die „Goldene Ära des Rock“ genannt. Britische Bands wie die Kinks; The Who mit ihrem rebellischen My Generation; die Small Faces; Procol Harum, die Pretty Things oder Eric Burdon & The Animals, schafften nicht nur eine neue Musik, sondern auch ein neues Lebensgefühl. Mit Cream gab es die erste sogenannte Supergroup – mit Eric Clapton, Jack Bruce und Ginger Baker – einfach irre! Aus den USA kamen fantastische Gesangsgruppen wie die Beach Boys oder die Mamas & Papas und ein Supergitarrist namens Jimi Hendrix. Keiner spielte so abgefahren wie er. Und nicht zu vergessen Bob Dylan, der mir zuerst durch seinen Hit Like a Rolling Stone auffiel. Der amerikanische Autor Greil Marcus hat ein ganzes Buch über diesen Song und seine historische Bedeutung geschrieben. Von ihm stammt die Bemerkung, dass Elvis Presley der Rebell der ’50er-Jahre war und Bob Dylan der Rebell der ’60er. Es gab noch eine weitere Band, die absolut herausragend war, die Rolling Stones mit ihrer rauen bluesigen Art, Musik zu machen – „mit ’ner Schaufel Dreck“, wie Rio zu sagen pflegte. The Last Time, Paint it Black und Jumpin’ Jack Flash waren ihre ersten Hits in Deutschland, die mich nachhaltig beeindruckten, oder Let’s Spend the Night Together – allein schon der Titel war natürlich für einen Sechzehnjährigen ein ganz heißes Thema. Jumpin’ Jack Flash habe ich Anfang der ’70er-Jahre noch mal laut mit Kopfhörern in bekifftem Zustand angehört und gedacht, „wow, Charlie Watts, der Drummer, spielt keinen einzigen Wirbel“ – Einfachheit – weniger ist mehr! Das machte Mut, denn es war offensichtlich möglich, mit bescheidenen technischen Mitteln tolle Grooves hinzukriegen.
Es gab auch Songs ohne rebellischen Sound, die mich faszinierten. Einer davon war The Girl from Ipanema, gesungen von Astrud Gilberto, mit einem klasse Saxofon-Solo von Stan Getz – absolut cool! Diese Bossa-Nova-Single war zwar schon ’64 erschienen, kam aber erst ein paar Jahre später bei mir an. Ich war sofort fasziniert. Später habe ich versucht, das Lied auf dem Klavier zu spielen. Very complicated. Das waren Akkorde, von denen ich noch nie gehört hatte. Lauter krumme Dinger, wie 7+9 und so was, also der große Septakkord mit ’ner None oben drauf. Von Kurt-Weill-Liedern hatte ich schon gelernt, dass die Gesangsmelodie auch mal längere Zeit über die Sexte läuft, doch hier war es auf einmal die None, das war noch einen Zacken schärfer. Wie ich später gelesen habe, hat Tom Jobim, der Komponist von The Girl from Ipanema, sich dabei von Claude Debussy inspirieren lassen, dem Hauptvertreter des musikalischen Impressionismus. Als ich im Jahre ’99 während einer Brasilien-Reise in Rio de Janeiro war, habe ich es mir nicht nehmen lassen, am Strand von Ipanema spazieren zugehen, nur um dabei an das Girl From Ipanema zu denken, das mit wiegendem Schritt vorübergeht und dessen Körper die Sonne vergoldet. Ein anders Beispiel dafür, wie verwoben die sogenannte E- und die U-Musik miteinander sind, ist der Titel A Whiter Shade of Pale von Procol Harum, der basiert auf Air, einer Komposition von Johann Sebastian Bach. Zu meinen Lieblingssongs gehört aber auch Strangers in the Night von Frank Sinatra, der Sommerhit des Jahres 1966; Sinatra war zwar kein Rebell, dafür ein Anti-Rassist und noch vor Elvis der erste große Teeniestar der westlichen Welt. Strangers in the Night ist ein Song, der sich nie abnutzt, so ähnlich wie Like A Rolling Stone, beide klingen immer wieder neu, auch wenn du sie oft hörst. Rio und ich, wir haben Strangers beide sehr gemocht und bei allen möglichen Gelegenheiten gesungen, auf der Autobahn, beim Spazierengehen oder auf einer Party.
Die Aufbruchstimmung der ’60er-Jahre hatte mich total ergriffen. Sie umfasste ja nicht nur den Ungehorsam gegen die Obrigkeit und einen Wertewandel in der Politik, sondern auch die Moralvorstellungen; ich habe damals die sogenannte sexuelle Revolution hautnah mitbekommen, obwohl ich gerne ein paar Jahre älter gewesen wäre. Sprüche wie „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ sollten die Spießer schocken, „Make love, not war“, lautete die Devise der Hippies. Hervorragend in diese Zeit passte das Chanson Je t’aime … moi non plus, gesungen, oder besser gesagt geflüstert und gestöhnt, von Jane Birkin und Serge Gainsbourg im Sommer ’69. Leicht dadamäßig, besonders der widersprüchliche Text, „Ich liebe dich – ich dich auch nicht“. Gainsbourg schuf damit eine Hymne für die sexuelle Revolution. Ich liebe dieses unvergängliche Stück heute noch, es ist in Musik gebadete Erotik. Besonders gefreut hat mich, dass Papst Paul VI. das Stück auf den Index setzen ließ, den millionenfachen Verkaufserfolg jedoch nicht verhindern konnte. Das war ein Machtkampf; auf der einen Seite die bürgerliche Sexualmoral des Establishments, vertreten durch den Papst als Sittenwächter, und auf der anderen Seite die Propheten der sexuellen Revolution, vertreten durch Serge Gainsbourg als Künstler.
Der Höhepunkt der Hippiebewegung war der sogenannte „Summer of Love“ – 1967. Ich wäre gern nach San Francisco geflogen, in die heimliche Hauptstadt der Hippies, doch für mich als sechzehnjährigen Schüler, der noch zu Hause wohnte, war das nur ein Traum. Ich spürte aber diese spezielle Energie, die in dieser Zeit in der Luft lag, vor allem die fantastische Musik. San Francisco von Scott McKenzie und All You Need Is Love der Beatles, das waren die großen ’67er-Hymnen. In diesem Sommer kaufte ich mir von meinem Taschengeld meine erste Langspielplatte, Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, das Konzept-Album der Beatles, ein wahrhaft großes Werk.
Aber es war natürlich nicht nur alles hippiemäßig easy in der Zeit. Es gab die Ermordung von Che Guevara in Bolivien, es gab den Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten, und für Berlin und die BRD war der Wendepunkt mit weitreichenden Folgen definitiv der 2. Juni ’67. Friedliche Demonstranten wurden von der Polizei brutal niedergeknüppelt. Und der negative Höhepunkt war die gezielte Hinrichtung von Benno Ohnesorg durch einen Schuss in den Hinterkopf. Damit wurde eine rote Linie überschritten. An diesem Tag wurde die Saat der Gewalt gesät, und zwar ausgehend von Seiten des Staates, das war eindeutig. Das Wort Deeskalation war für die politisch Verantwortlichen damals noch ein Fremdwort. Die Obrigkeit durfte sich nun nicht wundern, dass sich als Reaktion darauf Gruppen wie Die Umherschweifenden Haschrebellen, Berliner Blues, Bewegung 2. Juni oder die RAF bildeten, die im Laufe der Zeit immer militanter wurden. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt schaukelte sich in den nächsten Jahren immer weiter hoch.
Zu den Ereignissen, die mich wie viele andere auch aufwühlten, gehörten ein Jahr später die Attentate auf Martin Luther King, Rudi Dutschke und Robert Kennedy, und nicht zuletzt der Einmarsch der Sowjetunion mit ihren Zwangsverbündeten in die Tschechoslowakei. Das alles war erschreckend. Besonders berührt haben mich damals noch zwei Ereignisse. Bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko kam es bei der Siegerehrung für die 200-Meter-Läufer zum Eklat. Tommie Smith hatte die Goldmedaille gewonnen und John Carlos die Bronzene. Beide waren Afroamerikaner. Während sie auf dem Siegerpodest standen und die amerikanische Nationalhymne gespielt wurde, streckten Tommie Smith und John Carlos die zur Faust geballte Hand in die Höhe, umhüllt von einem schwarzen Handschuh. Damit protestierten sie gegen den Rassismus in den USA und für die Einhaltung der Menschenrechte. Und gewollt oder ungewollt bekundeten sie damit auch ihre Solidarität mit der Black-Power-Bewegung. Wow, habe ich gedacht, endlich sind da mal zwei Typen, die den Mumm haben, ihre besondere Position zu nutzen. Ich habe mir das Foto aus der Zeitung ausgeschnitten und übers Bett gehängt.

Smith & Carlos (TV-Standbild; Bearbeitg.: Ruud Englebert)
Tommie Smith und John Carlos bewiesen Mut und Charakter, denn sie konnten sich denken, welche Reaktionen ihr Handeln auslösen würde. Sie mussten Mexiko sofort verlassen und wurden danach in den USA von vielen Menschen angefeindet. Doch irgendwann drehte sich der Wind, heute werden sie verehrt. Kürzlich sagte Carlos in einem Spiegel-Interview, „1968 ging es darum, Menschlichkeit einzufordern. Fast jeder Konflikt lässt sich darauf zurückführen, dass Menschen von oben dirigieren und andere einstecken müssen.“ Der Olympiaprotest geschah Mitte Oktober ’68. Drei Wochen später pirschte sich die Journalistin Beate Klarsfeld bei einer CDU-Versammlung in Berlin an Bundeskanzler Kiesinger heran, schlug ihm mit der Hand ins Gesicht und beschimpfte ihn als Nazi. Mit dieser Aktion wollte sie darauf aufmerksam machen, dass unser amtierender Bundeskanzler ein ehemaliger Nazi war. Ich lehne ja eigentlich Gewalt ab, aber in diesem Fall fand ich sie angebracht. Diese Aktion sorgte für weltweite Schlagzeilen und trug dazu bei, dass die Verfolgung von Naziverbrechern neuen Schwung bekam. Der Schriftsteller Heinrich Böll schickte Beate Klarsfeld nach ihrer Tat fünfzig rote Rosen. Irre gut, dachte ich. Das sprach mir genau aus dem Herzen.
Die Musikschule interessierte mich immer weniger, und mir war klar, wohin ich wollte: nach Berlin! Das war der angesagte Ort. Berlin bedeutete für mich Freiheit! Freiheit von der Schule in Lübeck. Freiheit von meinem Elternhaus und – ganz wichtig – Freiheit von der drohenden Gefahr zum Bund eingezogen zu werden, also zum Wehrdienst bei der Bundeswehr. Und die einfachste Lösung, den Wehrdienst zu umgehen, war damals, seinen ersten Wohnsitz in West-Berlin anzumelden. Für Berlin galt zu dieser Zeit der Vier-Mächte-Status – USA, England, Frankreich und UdSSR – deshalb gehörte der Westteil der Stadt streng genommen nicht zur Bundesrepublik Deutschland, und die Bundeswehr hatte keinen Zugriff auf Berliner Bürger. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass Berlin zur Hauptstadt der APO wurde, lauter Studenten, die keine Lust hatten, zur Bundeswehr zu gehen. Berlin war auch deswegen für mich mit Freiheit verbunden, weil es dort die Demos, die Hippies, die Wohngemeinschaften, die Kommunen gab – die ganze antiautoritäre Bewegung eben, man hörte davon in den Nachrichten, ich las davon in Zeitschriften wie Der Spiegel oder Konkret, und es hatte eine ungeheure Anziehungskraft. Ich träumte, wie viele andere auch, von einem selbstbestimmten Leben, ohne mich irgendwelchen Autoritäten beugen zu müssen. In den Osterferien ’69 flog ich zum ersten Mal nach Berlin, um meine Schwester Barbara zu besuchen, die dort zusammen mit ihrem Freund Jens lebte. Jens Johler hatte ich schon im Sommer ’67 kennengelernt, als die beiden, sie waren damals noch Schauspieler in Dortmund, in unserem Häuschen an der Schlei Urlaub machten. Ich weiß noch, dass sie versucht hatten, meine Begeisterung für die Beatles auszunutzen, um mein Englisch zu verbessern. Wir haben zusammen den Text von With a Little Help from My Friends übersetzt; natürlich durchschaute ich diesen pädagogischen Trick, aber es interessierte mich trotzdem. Im August ’68 waren die beiden von Dortmund nach Berlin umgezogen, nachdem sie sich mit einem Essay Über den autoritären Geist des deutschen Theaters ihre Schauspielerkarrieren vermasselt hatten. In Berlin hatten sie sich nach alternativen Theatergruppen umgesehen und dabei auch das Hoffmanns Comic Teater kennengelernt. Als ich nach Berlin kam, hausten sie in einer kleinen Anderthalb-Zimmer-Wohnung in der Admiralstraße in Kreuzberg.
Berlin gefiel mir auf Anhieb, das Stadtfeeling, die Schwingungen dort, das groovte für mich; auch die Berliner mit ihrer leicht prolligen Art mochte ich, „Herz mit Schnauze“, wie man so sagt. Das stand im Gegensatz zu der vornehmen Kühle der Hamburger, mit der ich nicht so richtig klar kam. Durch Barbara und Jens lernte ich auch Rio Reiser und seine Brüder kennen, Peter und Gert Möbius. Die drei Brüder waren schon ’64 zusammen mit Dietmar Roberg und Blalla Hallmann von Nürnberg aus in einem Trecker mit Anhänger über Land gezogen und hatten in den Dörfern ihre Theaterstücke aufgeführt – wie ein kleiner Wanderzirkus. 1967 hatten sie in Berlin die erste Rockoper der Welt aufgeführt, mit Musik von Ralph Möbius, wie Rio damals noch hieß. Die Aufführung fand im Theater des Westens statt, in dem ja noch heute Musicals aufgeführt werden. Es muss eine ziemlich chaotische Produktion gewesen sein, zurück blieb jedenfalls ein Defizit von 100.000 DM.
Die Begegnung mit Rio beeindruckte mich sehr, er sah gut aus, hatte lange Haare und eine enorme Ausstrahlung. Dieser erste und leider sehr kurze Berlin-Aufenthalt bestärkte mich in meinem Entschluss, so bald wie möglich ganz nach Berlin zu ziehen. Zurück in der Heimat verbrachte ich den Sommer im Haus meines Vaters in Schulensee. Eines schönen Nachmittages lief dann im ZDF ein verrückter Film mit dem Namen Drehorgelwalzerwelthit, und in der Fernsehzeitung stand dazu, „Musik: Ralph Möbius“; wow, dachte ich, den kenne ich doch. Die Musik fand ich klasse, und meine Bewunderung für Rio wuchs. Rockmusik mit deutschen Texten in einer Art und Weise, die funktionierte, das war neu. Alles Gründe für mich, nach Berlin zu gehen; und sehr bald sollte es soweit sein. Mein Glück war, dass Barbara und Jens sich im Sommer ’69 auch für zwei, drei Wochen in Schulensee aufhielten, weil mein Vater und seine Frau verreist waren und wir somit das ganze Haus zu Verfügung hatten. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an die berühmte Mondlandung, die wir uns zusammen im Fernsehen angesehen haben. Es war am 21. Juli 3:56 MEZ, bei uns also mitten in der Nacht, als Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat.