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Jens Johler Vage Sehnsucht
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Ein anderer heller Streifen am Horizont des Lebens war das kleine Häuschen in Angeln, direkt an der Schlei, das meine Mutter sich nach der Scheidung zusammen mit ihrem zweiten Ehemann O.B. kaufte, als ich sieben Jahre alt war; O.B. war die Abkürzung für Onkel Blaue, das hatten meine beiden Schwestern sich ausgedacht. Eigentlich hieß er Alwin Blaue und war ein ziemlich bekannter Bildhauer und Maler. Die Schlei, auch Tochter der Ostsee genannt, ist ein circa vierzig Kilometer langer Meeresarm zwischen Kiel und Flensburg, in Schweden würde man sagen, ein Fjord. Das Wasser ist salzig, aber nicht so salzig wie das der Ostsee, weil es sich mit dem Süßwasser aus kleineren Zuflüssen vermischt, deswegen spricht man von Brackwasser. In dem kleinen Häuschen an der Schlei gab es außer Elektrizität nur Natur pur. Wasser mussten wir mit’m Eimer vom Brunnen des Nachbarn ranschleppen, das war hauptsächlich mein Amt. Als Toilette diente ein Plumpsklo, und geheizt wurde mit Holz und Kohle in einem alten Böllerofen. Die kleine Zufahrtsstraße bestand aus Sand und Schotter. Ach, war das schön urig! Ich habe dort wundervolle Wochenenden und Ferien verbracht. Jeden Sommer haben wir in der Schlei gebadet, schon morgens, noch vor dem Frühstück; wenn meine Mutter dann hinterher erfrischt aus dem Wasser stieg, schwärmte sie oft, „das Zweitschönste auf der Welt ist ein Bad in der Schlei.“ Ein paar Mal habe ich sie gefragt, was denn das Schönste sei, bekam aber als Antwort immer nur ein vielsagendes Lächeln.
Wir hatten ein kleines Ruderboot, das hieß Auguste, mit dem war ich viel auf der Schlei unterwegs. Einmal bemerkte ich, wie sich ein Segelboot mit seinem langen Kiel auf einer Sandbank festgefahren hatte. Bald darauf kam ein großer Schlei-Dampfer, der bereit war, das Segelboot herauszuziehen. Da ich mit Auguste ganz in der Nähe war, wurde ich per Zeichensprache und mit lauten Zurufen gefragt, ob ich das dicke Tau, das zum Abschleppen nötig war, vom Schlei-Dampfer zum Segelboot bringen könnte. Ich ruderte zum Dampfer, übernahm das Tau, das von oben herabgelassen wurde, ruderte es zum Segelboot, und dann konnte die Abschleppaktion beginnen. Und sie gelang. Mann, war ich stolz, an solch einer Hilfsaktion beteiligt zu sein! Außer den Wasseraktivitäten gab es noch Federballspielen, zusammen mit einem Nachbarjungen Gänsehüten, am Lagerfeuer sitzen, Feste feiern und singen. Manchmal habe ich auch auf den Bauernhöfen im Dorf bei der Heu- oder Kartoffelernte mitgeholfen, und einige Male bin ich sogar Trecker gefahren. Ich lernte auch Angeln, mit Angelhaken und Regenwürmern, habe Aale, Barsche und Plötze rausgeholt. Anders als heute, machte es mir damals nichts aus, die Fische aufzuschneiden, auszunehmen und meiner Mama mitzubringen, damit sie mir meinen Fang zum Abendessen braten konnte.
Die Landbevölkerung in Angeln sprach Plattdeutsch, jedenfalls untereinander. Der Nachbar unseres kleinen Häuschens, Opa Hansen, sprach nur Platt. Wenn ich ihn morgens typischerweise mit einem freundlichen „Moin“ begrüßte, antwortete er stets mit einem lang gezogenen „Mooiiiin“, quer durch die Tonleiter, das war schon fast eine halbe Sinfonie. Opa Hansen hatte den Schalk im Nacken und war immer für ein Späßchen gut. Wenn meine Mutter ihn nachmittags zu Kaffee und Kuchen einlud und ihn nach einer Weile fragte, „na, Opa, schmeckt’s denn?“, antwortete er schlagfertig „ick heff noch gornich too schmeckt.“ Das heißt auf hochdeutsch „ich hab noch gar nicht hingeschmeckt.“ Plattdütsch ist ja kein Dialekt, wie man annehmen könnte, sondern eine eigene Sprache. Ich habe diese Sprache damals ein bisschen gelernt, nicht perfekt, doch immerhin so viel, dass ich einer niederdeutschen Theateraufführung folgen kann. Meine Mutter hat sich sehr mit dieser Sprache beschäftigt. Deswegen lagen in unserem Häuschen auch ein paar plattdeutsche Bücher rum. Eines davon hieß Dat harr noch leger warn kunnt, der Titel gefiel mir. Später, als ich Angie kennenlernte, habe ich ihr diesen Satz vorgetragen und sie gefragt, ob sie ihn versteht. Sie hat kurz überlegt und dann vorsichtig geantwortet, „der Hahn noch mehr Eier legen kann?“ Die richtige Antwort wäre gewesen, „das hätte noch schlimmer kommen können.“ Alles in allem waren diese Besuche in Angeln an der Schlei immer wundervoll, ein Hauch von Bullerbü-Romantik – ich denke gern daran zurück.
MEINE LEBENSRETTER: DIE BEATLES
An das Jahr 1960 habe ich keine guten Erinnerungen. Mein Vater hatte sich in Schulensee, einem Vorort von Kiel, ein Haus bauen lassen. Dorthin zog er mit seiner neuen Frau, und ich musste mit. Schlimm war daran erstens die Umschulung, neue Schule, neue Klasse – davor graute mir. Außerdem war ich gerne ein Großstadtkind und wollte nicht in so einen bürgerlichen Vorort mit gepflegten Vorgärten. Und schließlich wollte ich lieber bei meiner Mutter wohnen; sie war eine lebenslustige Person und verkehrte am liebsten in Künstlerkreisen. Da wurden ständig irgendwelche rauschenden Feste gefeiert – mit Rotwein, Schnaps und Zigaretten, versteht sich. Ich liebte diese Stimmung, mit dem blauem Dunst in der Luft und der Weinlaune der Erwachsenen; ich erinnere mich an volle Aschenbecher und tropfende Kerzen, die auf diesen mit Bast ummantelten Chianti-Flaschen brannten. Wenn das flüssige Wachs am Flaschenhals herunterlief, habe ich gerne damit rumgespielt. Dann sagte meine Mutter manchmal „nich’ kokeln!“ Getrunken wurde außer Chianti meist Kalterersee aus Zwei-Liter-Flaschen. Ich mochte die Leute aus dieser Künstlerszene, mit denen meine Mutter verkehrte, vornehmlich Maler, Grafiker und Bildhauer. Dadurch lernte ich so verrückte Begriffe wie Chromoxidgrün feurig, der Name einer Farbe – wäre auch ein geeigneter Namen für eine Punk-Band. Der Kopf der Künstlerclique war der Maler Werner Rieger, eine charismatische Persönlichkeit und ein geistreicher Philosoph, den ich sehr verehrt und bewundert habe. Er wohnte damals in der Kieler Altstadt, in der Straße Klosterkirchhof, in einem uralten Haus, das später abgerissen wurde. Seine kleine Ein-Zimmer-Behausung war spartanisch eingerichtet und diente gleichzeitig als Atelier. Als ich sie sah, war ich begeistert und wünschte mir, später auch einmal so zu wohnen. Von Werner habe ich viel gelernt – nicht nur philosophische Weisheiten. Zum Beispiel trank er schon gerne mal einen Aquavit, und bevor er ihn kippte, hielt er das Glas hoch und sagte mit lauter Stimme, „Rein Gottes Wort!“ Es hatte immer etwas Andächtiges, wenn er das sagte. Später, als Erwachsener habe ich selbst den einen oder anderen Alkoholrausch erlebt, und es gab da Momente, die würden Japaner als Satori bezeichnen, eine Einheits- oder Gipfelerfahrung. In solchen Momenten musste ich immer an Werner Riegers Trinkspruch „Rein Gottes Wort!“ denken. Der Kater am nächsten Morgen war dann des Teufels Antwort.
Nach der Umschulung kam ich in die dritte Klasse der Uwe-Jens-Lornsen-Schule in Kiel-Hammer; Hammer war ein Nachbarort von Schulensee, und dahin gingen nicht nur wir, die Kinder aus dem gutbürgerlichen Schulensee, sondern auch die Proletarier-Kids aus Hammer, die zum Teil noch in Baracken wohnten. Da gab es dann echte Klassenkämpfe, im doppelten Wortsinn. Ich kann mich noch genau an den ersten Schultag erinnern. Die Hammer-Kids hatten einem von uns aus Schulensee die Mütze geklaut und warfen sie im Klassenzimmer hin und her. Aus Versehen landete sie plötzlich bei mir. Ich gab sie dem Beklauten zurück. Daraufhin kam so ein untersetzter Proletariertyp auf mich zu, rammte mir seine Faust in die Fresse, verletzte sich dabei die Hand und schrie auf, wohingegen mir wie durch ein Wunder nichts passierte. Mein Schutzengel hatte gute Arbeit geleistet: Ich sah wie der Sieger aus, obwohl ich nichts dafür getan hatte. Gleich dieses erste Ereignis verschaffte mir eine gute Position innerhalb der Klassenhierarchie. Aber es ist mir wichtig zu betonen, dass nicht alle Jungs aus Hammer solche Schlägertypen waren, da waren auch prima Kumpels dabei, mit denen ich mich verstanden habe. Und umgekehrt gab es Kids aus Schulensee, die arrogant und eingebildet waren. Ein kleiner Trost oder, besser gesagt, ein großer war, dass es wieder eine gemischte Klasse war. So konnte ich heimlich nach den Mädels schielen und hatte natürlich meine Favoritinnen. Ein Mädchen kam aus Hammer, hatte blonde Haare und sah gut aus – ne Hammer-Braut eben. Das Besondere an ihr war, dass sie nicht sprach, weder im Unterricht noch auf dem Schulhof; ich habe nie ein einziges Wort von ihr gehört. Aber gerade das machte sie für mich so interessant und weckte meinen Beschützerinstinkt. Außerdem fühlte ich mich irgendwie mit ihr verbunden; ich war ja auch nicht gerade gesprächig. Außer Lesen, Schreiben und Rechnen habe ich auf dieser Hammer-Schule auch noch die Fäkalsprache gelernt und für ein paar Groschen meine ersten Pornos erworben, Schwarz-Weiß-Fotos mit nackten Frauen; mir gingen die Augen über. Ich glaube, heute im Zeitalter des Internets, ist das für die Kids nichts Besonderes mehr. Aber damals!
Anfang der ’60er Jahre, genau am 13. August 1961, wurde die Berliner Mauer gebaut, das habe ich mit meinen zehn Jahren natürlich mitgekriegt. Es gab dagegen auf dem Rathausplatz in Kiel eine Kundgebung. Ich war mit meinen Eltern dort und weiß noch, dass mich dieses Ereignis tief erschüttert hat. Am nächsten Tag habe ich den Zeitungsartikel aus den Kieler Nachrichten ausgeschnitten, weil ich stolz darauf war, mit dabei gewesen zu sein. Walter Ulbricht, der Staatsratsvorsitzende der DDR, war das erklärte Feindbild, mein Vater bezeichnete ihn als Brechmittel. Zwei Jahre später besuchte dann der amerikanische Präsident John F. Kennedy Berlin und rief den legendären Satz „Ich bin ein Berliner!“ in die Menge, um seine Solidarität mit den Berlinern zu bekunden. Nur fünf Monate später wurde Kennedy in Texas erschossen; was für eine Tragödie.
Es gab auch eine persönliche Tragödie bei uns; mein Vater und meine Stiefmutter hatten zwei Söhne, und der Ältere der beiden starb kurz vor seinem dritten Lebensjahr an Leukämie. Es war so traurig. Nach der Beerdigung hieß es, ich hätte mich nicht korrekt verhalten. Offenbar hatte ich keine angemessene Trauermiene gezeigt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber wenn es so war, dann deshalb, weil ich unsicher und verlegen war. Ich habe meinen Bruder sehr gern gehabt. Und ich wusste, wie schlimm das für meine Eltern war.
Aber ich will nicht alles, was damals passiert ist, als grau und freudlos hinstellen, obwohl mir vieles so vorkommt, wenn ich zurückblicke. Ich hatte bald neue Freunde in Schulensee, und sobald ich die Hausaufgaben hinter mich gebracht hatte, durfte ich nach draußen, mit Freunden abhängen, Musik hören, Fahrrad fahren. Ich habe aber sowieso meistens versucht, die Hausaufgaben zu umgehen, für mich waren das Schularbeiten, und die mussten morgens in der Schule erledigt werden; ich war Spezialist darin, sie von irgendjemand abzuschreiben. Eines meiner schönen Erlebnisse war, dass ich Anfang ’62 zusammen mit meinem Vater in der Kieler Ostseehalle dabei war, als der THW Kiel Deutscher Meister im Hallenhandball wurde. Sport war neben Musik etwas, das mich interessierte, zumindest ein bisschen. Ich war sogar Mitglied in einem Ruderverein, dem Kieler Ruderclub am Düsternbrooker Weg, habe es da aber nur ein Jahr ausgehalten, von ’66 bis ’67; es ging dort unerträglich versnobt zu, allein schon diese Club-Abende, bei denen jeder so eine bestimmte Clubjacke trug! Nur das Rudern als solches war okay. Einmal haben wir einen Ausflug gemacht, sind die Schwentine entlang gerudert und haben irgendwo ein paar Tage gezeltet; das hat mir gefallen. Da hatten wir ja auch nicht diese Jacken an. Vorher war ich bei den Christlichen Pfadfindern, geleitet vom Sohn unseres Pfarrers. Ich wollte eigentlich nicht mitmachen, aber mein Vater übte so einen Druck auf mich aus, dass ich schließlich hingegangen bin und gestammelt habe „ich will hier rein“; das hat mich große Überwindung gekostet. Wir haben ’64 und ’65 jeweils im Sommer große Rucksackreisen unternommen, einmal an den Edersee in Hessen, das andere Mal nach Südnorwegen. Bei dem Norwegen-Trip sind wir mit einer Fähre über den Skagerrak gefahren, es war sehr windig und dementsprechend gab es hohen Seegang; fast alle Passagiere wurden seekrank und haben gekotzt wie die Reiher, ich eingeschlossen. Ich fühlte mich so elend, dass ich sterben wollte. Als wir endlich an Land waren, hätte ich am liebsten den Boden geküsst, so dankbar war ich. Bei beiden Fahrten haben wir immer im Zelt geschlafen und am Lagerfeuer gekocht, es wurde viel gesungen, Spirituals, Gospels und Lieder aus dem kleinen Liederbuch Die Mundorgel, mit dem genialen Untertitel „Der Globus quietscht und eiert“. Und wir haben viel Zeit in der Natur verbracht und solche Sachen gemacht wie Räuber und Gendarm zu spielen. Für mich war das fast schon so etwas wie eine Initiation. Da wurden auch bestimmte moralische Werte vermittelt, wie zum Beispiel einmal am Tag eine „gute Tat“, oder das berühmte Pfadfinder-Ehrenwort. Aber es wurde auch gesagt, wenn meine Eltern mir Vorschriften machten, die sich nicht richtig anfühlten, dann sollte ich das hinterfragen; das fand ich sehr in Ordnung. Und – es waren ja christliche Pfadfinder – die Werte, die Jesus im Neuen Testament der Bibel in seiner programmatischen Rede, der Bergpredigt, zum Ausdruck bringt, haben mich umgehauen und begleiten mich bis zum heutigen Tage: die Feindesliebe, wohl eine bis dahin in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesene Ansage, „der Verzicht auf das eigene Recht“, zum Beispiel Rache zu üben, und die Goldene Regel: „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut ihr ihnen“.
Zu dieser Zeit war ich sehr berührt von dem Chanson Dominique, geschrieben, gespielt und gesungen von Soeur Sourire. Eine französisch singende Nonne aus Belgien schreibt ein Lied über den Heiligen Dominikus für ihre Schwester Oberin und landet damit in den USA auf Platz 1 der Single-Charts. Sagenhaft! Alles schien möglich in dieser Zeit. Soeur Sourire hieß in Wirklichkeit Jeanine Deckers, und dieses Lied war für sie sowohl Segen als auch Fluch. Weil Dominique ein internationaler Millionenseller war, klopfte Hollywood bei ihr an und verfilmte ihr Leben. Aber sie hatte beim Eintritt in das Dominikanerkloster ein Armutsgelübde abgelegt, deswegen bekam sie für das Lied nur einen Bruchteil der Einnahmen, das meiste ging an den Orden, und so ähnlich war es auch bei den Filmrechten. Irgendwann kam es zum Streit mit der Schwester Oberin, die nicht wollte, dass Jeanine einen neuen Plattenvertrag unterschrieb; daraufhin verließ Jeanine das Kloster. Später bekam sie Ärger mit dem Finanzamt, das die Steuern für das Geld einforderte, das Jeanine nie bekommen hatte, und das Kloster hielt sich bedeckt. Am Ende blieb ein Schuldenberg übrig. Jeanine versuchte weiter als Musikerin zu arbeiten, aber leider erfolglos, jedenfalls in kommerzieller Hinsicht. Deswegen soll sie zeitweise auch alkohol- und tablettensüchtig gewesen sein. Tatsache ist, dass sie ’85 zusammen mit ihrer Freundin aus dem Leben schied. In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie: „Wir kehren zum Herrn zurück“.
Noch ein anderes französisches Lied war eine musikalische Sensation in diesem Jahrzehnt: Milord, gesungen von Edith Piaf mit dem Text von Georges Moustaki. Es war ungewohnt, so etwas zu hören, ich verstand kein Wort, aber es ging mir unter die Haut. Ebenso wie Ein Schiff wird kommen aus dem Film Sonntags … nie! Die Hit-Version von Lale Anderson war nicht schlecht, aber die Fassung von Melina Mercouri mit ihrer rauchigen Stimme fand ich klar besser – auch heute noch. Beide Stücke haben etwas mit dem zu tun, was ich Halbwelt nennen würde. Ich erwähnte ja schon, dass ich als Junge gelegentlich im Kieler Hafen herumstreunte und vom Rotlichtmilieu fasziniert war. Deswegen finde ich es interessant, dass in diesem Milieu oft neue Musikstile geboren wurden. Louis Armstrong trieb sich in seiner Jugend in Storyville herum, dem Rotlichtbezirk von New Orleans, der Geburtsstätte des Jazz. Die Beatles hatten ihr erstes größeres Engagement auf der Großen Freiheit in Hamburg. Und der Londoner Marquee Club, in dem die Rolling Stones 1962 ihren ersten Auftritt unter diesem Namen hatten, befand sich im Rotlichtviertel Soho.
Zu Weihnachten ’61 bekam ich eine Langspielplatte von Louis Armstrong & His All-Stars, mit Titeln wie Mack The Knife und Basin Street Blues. Dieser musikalische Charme, Trompete, rauer Gesang – oh Louis Armstrong, du bist mir bis heute ans Herz gewachsen, du warst der erste richtig große Weltstar des 20. Jahrhunderts!

Louis Armstrong Schallplattenhülle (© Z+Z Multidigital Services)
Unsere Single-Plattensammlung, meine und die im Haushalt meiner Mutter, wuchs langsam, aber stetig, Red River Rock von Johnny & The Hurricanes gehörte dazu, eine fetzige Instrumentalnummer ohne Text; das Stück hat einen besonderen Groove und vermittelt ein ganz bestimmtes Lebensgefühl dieser Zeit. If I Had A Hammer von Trini Lopez war auch dabei, ebenso wie Blueberry Hill von Fats Domino, der mit seinem ureigenen Stil, einer Mischung aus Boogie-Woogie und Rhythm & Blues, den Nerv der Zeit traf, auch meinen. Fats Domino ist übrigens der einzige ’50er-Jahre-Star, den ich live erleben durfte – 1990 in Glücksburg – ich hatte vor Freude Tränen in den Augen.
1964 endlich, mit dem Song I Want To Hold Your Hand, begann für mich eine neue Ära. Ich wurde von der Beatlemania ergriffen. Die Beatles waren ja keine Boygroup heutiger Tage, die nur sangen und tanzten, das waren vier Individualisten, die ihre eigenen Lieder schrieben und fast alle Instrumente selber spielten. Sie waren die Erfinder der kleinen Rockband als verschworene musikalische Gemeinschaft. Und sie hatten lange Haare, die im Laufe der ’60er zum Symbol der späteren Flower-Power-Kultur und überhaupt des Unangepasstseins wurden. Die Idee für die Pilzfrisur hatte Astrid Kirchherr, eine Fotografin, die sie im Indra oder im Kaiserkeller auf der Großen Freiheit kennengelernt hatten, und die mit dem schon 1962 gestorbenen fünften Beatle Stuart Sutcliff befreundet war. Ich ließ mir nun auch die Haare länger wachsen, und es gefiel mir. Aber wenn ich an einer Baustelle vorbeiging, riefen die Bauarbeiter hinter mir her, „Hey, bist du’n Junge oder’n Mädchen?“. Und das waren noch die charmanteren Sprüche. Die heftigeren Beschimpfungen lauteten später in Berlin: „langhaariger Affe“ und „geh doch nach drüben“. Als ob man da drüben, auf der anderen Seite der Mauer, nicht genauso damit angeeckt wäre. Der kurzgeschorene Schädel war das Zeichen für Autoritätshörigkeit und soldatische Disziplin, die langen Haare Zeichen einer ästhetischen Rebellion dagegen, die auch das Weiche, Feminine betonten. Ich lebte fortan nur von Beatles-Hit zu Beatles-Hit; fast alle Songs der Fab Four waren Lebenselixiere für mich. Und die Anfangszeit war besonders schön; ich war dreizehn Jahre alt, und Nummern wie Can’t Buy Me Love, A Hard Day’s Night, I Should Have Known Better oder I Feel Fine umhüllten mich wie ein magischer Zauber. Musik war für mich damals wie heute etwas Heiliges, im wahrsten Sinne des Wortes, sie heilt mich. Die Beatles hatten einen ganz eigenen Sound. Ich weiß noch, dass ich einmal – das war natürlich später – in der Straßenbahn der Linie 1 nach Hause gefahren bin und ein Jugendlicher, der ein paar Reihen von mir entfernt saß, Musik aus einem Kofferradio hörte. Ich habe nicht weiter darauf geachtet, aber auf einmal wurde ich hellhörig. Das, was jetzt kam, berührte mich sofort, und ich dachte noch, das klingt ohrwurmartig, fast wie ein Kinderlied, ist es vielleicht von den Beatles? In den nächsten Tagen achtete ich beim Radiohören immer darauf, und schließlich kam die Auflösung: es war Yellow Submarine. Musik bestimmte mein Leben, deshalb wünschte ich mir eine Gitarre und bekam eine sogenannte Schlaggitarre der Firma Hoyer mit zwei länglichen Schalllöchern in f-Form. Zusammen mit ein paar Freunden nahm ich Unterricht, um ein paar Akkorde zu lernen. Ich tat mich schwer damit, aber nach ein paar Monaten konnte ich mich und andere beim Singen ganz passabel begleiten. Einer der ersten Hits, die ich ganz gut nachspielen konnte, war nicht House Of The Rising Sun – der kam etwas später -, sondern Eve Of Destruction von Barry McGuire; ein Protestsong, wie man damals sagte. Was ich auch toll fand und mir natürlich auch einstudierte, war Spiel nicht mit den Schmuddelkindern von Franz Josef Degenhardt. Ich mochte den Text, konnte mich in ihm wiederfinden. Ein Junge wird ermahnt, brav und angepasst zu sein wie seine Brüder, aber er will lieber in einem Kaninchenstall zusammen mit Schmuddelkindern rauchen, Karten spielen und den Mädchen unter die Röcke schielen. Ich wollte definitiv auch ein Schmuddelkind sein.
Zu meiner Gitarre gesellten sich später noch zwei Banjos, die ich einem Schulfreund für wenig Geld abkaufte. Eines davon war ein achtsaitiges Mandolinen-Banjo, das ich Jahre später beim Rauchhaus-Song spielte; mich fasziniert dieser klare, metallische Klang des Banjos auch heute noch. Meine Kumpels und ich haben dann natürlich versucht eine Band zu gründen; Besetzung: drei Gitarren und ein Banjo. Die Eltern meines besten Freundes Hermann hatten im Garten eine kleine Bude aus Holz, die durften wir uns zurechtmachen. Leider begingen wir den Fehler, sie mit Karbolineum zu streichen, einem braunrötlichen Holzschutzmittel, das fürchterlich nach Teer stank. Wir dachten, der Geruch würde sich mit der Zeit verflüchtigen, aber das tat er nicht, und der Teergeruch setzte sich immer in den Klamotten fest. Wenn ich abends nach Hause kam, wusste meine Stiefmutter immer sofort, wo ich gewesen war. Trotzdem haben wir unsere Bude geliebt und sie ausgiebig genutzt, haben Musik gemacht, heimlich Zigaretten geraucht und manchmal auch Wein getrunken, den ich aus dem Weinkeller meines Vaters stibitzte. Dazu hatte ich folgenden Trick: Ich nahm eine Flasche aus dem Regal, ging damit durch die Hintertür nach draußen und versteckte sie hinter der Mülltonne. Später verabschiedete ich mich von meinen Eltern, ging durch den Vordereingang unseres Hauses hinaus, nahm heimlich die Weinbuddel und fuhr zur Bude. Leider ist das durch meine eigene Blödheit aufgeflogen. Einmal hatte ich den Wein schon bei der Mülltonne versteckt, dann wurde unser Treffen kurzfristig abgesagt, und ich vergaß die Buddel. Als meine Stiefmutter am nächsten Vormittag den Müll wegbringen wollte, entdeckte sie die Flasche. Das gab Mecker, aber es hielt sich in Grenzen. Mir was das Ganze sehr peinlich.
Leider Gottes gab es nicht nur Musik, sondern auch noch die Schule. Und es ging weiter abwärts! Das heißt, erst aufwärts, dann abwärts. Ich musste aufs Gymnasium, auf die Max-Planck-Schule. Das verlangte meine Familie von mir, allen voran mein Vater. Der Junge muss doch Abitur machen und studieren, hieß es. Ich hatte jetzt einen sehr viel längeren Weg zur Schule, den ich mit dem Fahrrad bewältigen musste. Obendrein bekam ich auch noch Nachhilfeunterricht in der Gutenbergstraße, im Zentrum von Kiel. Das waren echt weite Fahrradtouren; jeden Tag eine Stunde hin und eine wieder zurück, und das zu jeder Jahreszeit, egal ob es regnete oder schneite. Im Sommer blieb nur das Fahrrad, da gab’s keine Diskussionen; in einem Winter habe ich einmal für zwei oder drei Monate ein Straßenbahnticket bekommen. Aber es hatte auch was, sich auf dem Fahrrad mit gesenktem Kopf durch den Schnee zu kämpfen.
Damals fingen meine morgendlichen Halsschmerzen an, jeden Morgen ganz früh, noch im Bett, ließ ich als Erstes eine kleine, saure Lutschtablette namens Cebion auf meiner Zunge zergehen, danach ging’s besser. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, die Halsschmerzen und Schluckbeschwerden waren psychosomatischer Natur. Ich konnte und wollte dieses Schulleben nicht mehr akzeptieren, nicht mehr „schlucken“. Es gab Tage, an denen ich an Selbstmord dachte, aber das hört sich dramatischer an, als es war; tief in mir wusste ich, es gibt irgendeine höhere Instanz, die mir dieses Erdenleben geschenkt hat, und ich habe zwar die Freiheit, aus eigenem Entschluss vom Diesseits ins Jenseits zu wechseln, aber es ist besser, dieser höheren Instanz die Entscheidung zu überlassen. Deswegen war ich eigentlich nie wirklich selbstmordgefährdet. Aber das Gymnasium war entsetzlich! Lauter eingebildete Schüler und Lehrer, die alle glaubten, sie wären was Besseres – mit wenigen Ausnahmen. Einige Lehrer waren vom Denken her noch Nazis. Es entwickelte sich bei mir eine Verweigerungshaltung gegenüber der Schule, die stetig zunahm. Irgendwann zu dieser Zeit gab es ja auch schon die ersten Gammler in Deutschland, Typen mit langen Haaren, die nur abhingen und rauchten und den lieben Gott einen guten Mann sein ließen. Sie lebten die totale Verweigerung gegenüber der etablierten Gesellschaft. Ich schätze mal, wenn ich zwei, drei Jahre älter gewesen wäre, hätte aus mir ein prima Gammler werden können. In den Augen der Mainstream-Bevölkerung war ein Gammler natürlich ein Taugenichts. „Was er ja auch war, das war doch gerade der Witz“, könnte man sagen, aber ich denke, „Taugenichts“ ist eine moralische Bewertung, als „Gammler“ haben sich die unangepassten Jugendlichen selbst bezeichnet. Das hieß auch nicht unbedingt, dass sie gar nichts machten, aber sie kleideten sich lässiger und verweigerten sich den Normen der Leistungsgesellschaft. Und irgendwie fühlte ich mich diesen Leuten zugehörig. Tief in meinem Herzen war und bin ich Nonkonformist. Und deswegen musste ich auf dem Gymnasium natürlich eine Ehrenrunde drehen und die Sexta wiederholen. Aber die zweite Runde war noch schlimmer. Mein neuer Klassenlehrer – Dr. Reshöft hieß er, wenn ich mich nicht irre – ein kleiner, pummeliger Kerl und armseliger Geist, hatte mich irgendwie auf dem Kieker und versuchte mich zu quälen, wo immer er konnte. Seinen größten „Erfolg“ hatte er, als er dafür sorgen konnte, dass ich nicht mehr im Chor des Kieler Theaters bei den Turandot-Aufführungen mitsingen durfte, das Einzige, was mir in dieser Zeit wirklich Freude bereitet hatte. Dafür verachtete ich ihn zutiefst. Mir wurde übel, wenn ich ihn nur von Weitem sah. Zwar bin ich in die Quinta versetzt worden, aber das Ende vom Lied war der Abgang vom Gymnasium. Ich wurde aussortiert und kam auf die Realschule. Das war Ostern ’65, ich war vierzehn. Danach wurde es besser, immerhin. Ich kam auf die III. Knaben-Mittelschule, wie sie früher hieß, später dann Klaus-Groth-Realschule. Leider gab es, wie schon auf dem Gymnasium, keine gemischten Klassen, nur Jungs. Das war für mich ein dicker Wermutstropfen. Ich war der Älteste in der Klasse und wurde deswegen Opa genannt. Aber nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit war ich dort gut integriert. Die Mitschüler und Lehrer waren echt in Ordnung. Ich wurde sogar zum Klassensprecher gewählt. Aber unserer Klassenlehrerin passte das nicht, sie setzte mich nach kurzer Zeit wieder ab, mit der Begründung, ein Klassensprecher müsse sich, was den Notendurchschnitt betrifft, im oberen Drittel befinden, und das war bei mir definitiv nicht der Fall. Die Absetzung war mir nicht unrecht, ich hing nicht an der Verantwortung, die dieses Amt mit sich brachte. Ich bin sowieso lieber ins Kino gegangen.