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Thomas Hoffmann Blaues Feuer
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„Leika, was ist ein Götterkind?“
Sie blickte kurz auf, dann machte sie eine zornige Handbewegung und widmete sich wieder dem Putzen des Gemüses für den Abendimbiss. Es waren nur wenige verschrumpelte Möhren, die in der Schüssel schwammen.
„Aberglaube!“
„Alle reden darüber, Leika. Was soll das sein, ein Götterkind?“
„Hör nicht hin. Sie hören auch wieder auf, davon zu reden.“
Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.
Maja klärte ihn auf. Er hatte sie am Abend von der Feldarbeit abgeholt und die beiden gingen gemeinsam zum Dorf zurück.
„Alle reden davon, Gretes Kind sei ein Götterkind, aber niemand will etwas darüber sagen, was das bedeuten soll.“
Maja blieb stehen und sah Norbert scheu an aus ihren braunen Augen, die er so liebte.
„Weißt du‘s denn nicht?“ flüsterte sie.
„Woher soll ich es denn wissen, wenn es mir keiner erklärt?“
Sie rieb sich Erde von den Händen.
Stockend meinte sie: „Die... die Götterkinder sind nicht wie die anderen Kinder, die geboren werden. Mutter hat es mir erklärt. Sie werden geboren, weil...“
Maja blickte zu Boden, während sie hauchte: „Weil sie zu den Göttern zurückwollen, von denen sie gesandt sind. Sie wollen nicht bei uns auf der Erde leben, wie andere Kinder. Deshalb sind sie so anders und wachsen nicht richtig.“
Norbert begriff nicht. „Wie – wollen nicht bei uns auf der Erde leben?“
Er wunderte sich, warum Maja Tränen in den Augen hatte.
„Bert... Weißt du denn nicht, was mit ihnen geschieht?“
Es traf ihn wie ein Schlag. „Was?“
„Sie müssen geopfert werden – den Göttern.“ Sie hauchte es kaum hörbar.
Es dauerte eine Weile, bis Norbert seine Sprache wiederfand. Er griff Maja an den Schultern.
„Aber du glaubst das nicht, oder? Du würdest so was nie mitmachen, nicht wahr?“
Mit bebenden Lippen wandte sie sich zur Seite.
„Wenn die Götter es doch fordern – Wenn es doch ihr Wille ist...“
Norbert konnte nicht mehr an sich halten.
„Das ist nicht der Wille der Götter!“ schrie er Maja an. „Götter, die so was wollen, gibt es nicht! Nur die Dämonen fressen Menschen! Und die helfen uns nicht, niemals!“
Maja hielt sich mit beiden Händen den Mund. Entsetzt starrte sie ihren Freund an. Ein stummes Schluchzen schüttelte sie.
Atemlos redete Norbert auf sie ein: „Wenn die das machen, gehen wir weg, Maja! In Altenweil gibt es einen Gelehrten, der würde mich in die Lehre nehmen. Wir...“
Mit einem Aufschrei fiel sie ihm ins Wort: „Bert! Rede nicht so! Wir sind Siedler! Wir dürfen nicht gehen. Der Fluch!“
„Ich hab keinen Schwur getan! Und außerdem würd‘ ich ja später wiederkommen. Und dann töte ich die schwarze Dämonendame!“
Sie weinte an ihn geklammert. Wieder und wieder schüttelte sie den Kopf.
Norberts Herz raste, aber er konnte nicht anders, er schleuderte es ihr noch einmal entgegen: „Wenn die das tun, gehe ich!“
Lange hielten die beiden sich umschlungen.
Endlich flüsterte sie ihm ins Ohr: „Bleib heute Abend da, Bert, mein liebster Bert! Wir wollen zusammen auf meinem Lager schlafen. Wenn wir uns nur lieb haben, können wir das alles überstehen!“
Norbert nickte. Aber in seinem Innern schwärte eine Wut, die er lange nicht mehr gespürt, die er längst vergessen geglaubt hatte.
***
Das Gerede über Wanda hörte nicht auf. Als der Zeitpunkt des Frühlingsopfers näher rückte, wurde es nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesagt. Die Männer bestätigten es einander offen, wenn die Vorbereitungen des Frühlingsopfers zur Sprache kamen.
„Sie ist ein Götterkind!“
Oliver und Grete verbargen sich in ihrer Hütte. Auch zur Feldarbeit ließ Oliver sich nicht mehr blicken. Aber es fragte auch niemand nach ihm oder Grete.
Bei den Feldnersohns versuchte Norbert ein paar Mal, das Thema anzusprechen, das ihm so ungeheuerlich vorkam. Aber jedes Mal verbot Björn ihm, darüber zu reden. Eine bedrückende Stille herrschte an diesen Abenden in Björn Feldnersohns Wohnküche, in der sonst auch in dieser Notzeit noch so häufig geplaudert und gesungen wurde.
„Es ist ein schlimmes Jahr,“ sagte Majas Großmutter dann mit ihrer brüchigen, drohend klingenden Stimme. „Wir müssen den Fluch lösen, mit dem die Götter uns belegt haben für unsere Sünden.“
Maja nahm Norbert bei diesen Worten fest an der Hand und sah ihn flehend an. Aber er spürte nur die Wut, die hinter seinen Augen brannte.
***
Es war drei Tage vor dem Frühlingsopfer, die Blumenkränze waren geflochten und von den wenigen Feldfrüchten, die die Hofgemeinschaft hatte, waren die besten beiseitegelegt. Norbert war zum Abendimbiss am Hof seines Vaters.
Mit nur ganz leicht zitternder Stimme erklärte Norberts Mutter: „Zum Frühlingsopfer geben wir die Wanda den Göttern zurück. Wir bringen sie der schwarzen Dame. Dann wird der Segen wiederkommen.“
Norbert hatte geahnt, dass es kommen würde. Insgeheim hatte er darauf gewartet. Obwohl sein Herz zu rasen begann, stand er auf. Alle starrten ihn an. Hans Lederer richtete sich ebenfalls auf, aber als Norbert ihm mit bleichem Gesicht in die Augen sah, schwieg er, anstatt zu tadeln. Norbert ging geradewegs auf den Vater zu. Seine Fäuste ballten sich von ganz allein.
Er wusste nicht, ob seine Stimme vor Angst oder vor Wut zitterte, als er hervorstieß: „Sag ihnen, dass es nicht geschehen wird!“
Leika versuchte, ihn festzuhalten, aber er wich ihr aus, ging bebend vor Wut und Angst auf den Vater zu.
„Sag ihnen, dass es nie, niemals geschehen wird! Wir geben die Wanda nicht der schwarzen Dame zu fressen!“
Er hörte die Mutter schreien, auch Lene schrie. Hans Lederer stand mühsam auf, als hätte er eine schwere Last zu tragen. Der Vater war über einen Kopf größer als sein fünfzehnjähriger Sohn.
„Norbert, setz dich hin. Iss dein Essen und halt den Mund.“ Es hörte sich müde an.
„Nein!“ schrie Norbert mit geballten Fäusten. „Nein, das lasse ich nicht zu! Sag ihnen, dass es Lüge ist! Die schwarze Dame ist ein...“
Mitten in das Durcheinander am Tisch brüllte der Vater: „Halt dein Maul!“
Es wurde schlagartig still. Nur Norberts heftiger Atem war in der Wohnküche zu hören. Alle waren aufgesprungen.
Mit zornesrotem Gesicht grollte Hans Lederer: „Komm vor die Tür, Norbert!“
Die Mutter weinte schluchzend. Leika versuchte, Norbert etwas zuzuflüstern, aber er hörte nicht hin. Sein Herz hämmerte. Ohne auf Norbert zu warten, stapfte der Vater zur Tür.
Ich bring ihn um! Oder er mich, ist mir egal. Ich mache das nicht mit!
„Bert, bleib hier,“ schrie Lene, als Norbert dem Vater vor die Tür folgte.
Der Vater stand mit dem Rücken zur Tür in der Dunkelheit. Er hatte den Kopf gesenkt. Norbert zog die Tür von außen zu und schritt mit rasendem Puls auf den Vater zu.
Soll er doch versuchen, mich umzubringen! Soll er doch!
Hans Lederer drehte sich zu seinem Sohn um. Norbert hob die Fäuste. Er hatte einen Knüppel, eine Waffe erwartet, aber die Hände des Vaters waren leer.
Statt mit der Faust zuzuschlagen, sagte Hans Lederer: „Norbert, nimm Vernunft an!“
Norbert wollte ihn anschreien, aber der Vater befahl: „Hör mir zu!“
Norbert senkte schwer atmend die Fäuste.
„Du weißt, dass Gretes Kind krank ist. Vielleicht würde es kein Jahr alt werden. Selbst wenn es das siebente Lebensjahr überlebte, es würde ein Krüppel, eine Schwachsinnige. Wir können keine Kranken und Krüppel durchfüttern, Norbert! Du weißt das genauso gut wie alle im Dorf!“
Keuchend starrte Norbert seinen Vater an. „Das ist noch lange kein Grund, sie...“
Der Vater fiel ihm ins Wort. „Sie brauchen etwas, woran sie glauben können, Norbert. Etwas, was ihnen Mut macht, durchzuhalten. In dem Jahr, in dem du geboren wurdest, hatten wir eine Notzeit ähnlich der diesjährigen. Damals gab die Dorfgemeinschaft den lebensunfähigen Säugling der Gerlinde Hüttner an die Götter zurück. Der Segen stellte sich ein. Deine Mutter hätte dich nicht durchgebracht ohne den Erntereichtum dieses Jahres. Die Opfer sind nicht unnütz, Norbert!“
Norbert spürte eine eisige Klaue nach seinem Herzen greifen. Die Wut wich einer Kälte, in der die Worte des Vaters und alle Dinge rings umher glasklar hervortraten. Norbert begriff, was er zu tun hatte.
„Du wirst nach mir die Siedlung leiten,“ fuhr der Vater fort. „Es wird Zeit, dass du vernünftig wirst.“
Ohne ein weiteres Wort ließ er Norbert stehen und betrat das Haus.
Norbert folgte dem Vater stumm in die Wohnküche. Er ertrug die Umarmungen seiner weinenden Schwester ohne eine Regung, machte sich von ihr los, aß seine Schale leer, ging zu seiner Schlafstatt und legte sich lang. Er blieb auf dem Lager liegen, während die anderen sich um die Herdstelle setzten. Es wurde nichts gesprochen an diesem Abend an Hans Lederers Hof. Nur Hanna weinte leise auf Margits Schoß.
In dieser Nacht träumte Norbert von dem Mädchen am Brunnen. Reglos, mit nassem Haar stand sie in der Finsternis und blickte mit dunklen Augen zu ihm herüber.
***
Anderntags ging Norbert zur Arbeit an Björn Feldnersohns Hof wie alle Tage. Maja blickte ihn erschreckt an, als sie seine Miene sah, aber Norbert ging sofort an die Arbeit, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Er mistete den Schweinestall aus, dann ging er hinauf in den Wald, um die Kaninchenfallen zu kontrollieren. Am frühen Nachmittag ging er zum Hof seines Vaters zurück. In der Wohnküche traf er niemanden an. Norbert holte den Bogen, den Köcher mit den Pfeilen, sein Messer und die Fußleder unter dem Lager hervor und wickelte sie in seinen Filzumhang. Dann schlich er zur Herdstelle. Mit angehaltenem Atem starrte er zur Tür und lauschte. Es waren keine Schritte vor der Haustür zu vernehmen. Rasch langte er nach dem Feuereisen und einem Feuerstein und ließ beides zusammen mit einem Büschel Wolle in seiner Hosentasche verschwinden. Er spähte zur Haustür hinaus – es war niemand zu sehen. Norbert schlich sich vom Hof und verbarg sein Bündel in Kurt Morgners Scheune. Den Rest des Tages spaltete er Holz hinter dem Haus der Feldnersohns und schichtete es auf.
Maja kam, ihn zum Abendimbiss abzuholen. Stumm blickte er ihr entgegen. Sie nahm ihn an den Händen.
„Du bist so blass. Was ist passiert?“
„Ich gehe. Ich gehe weg von hier - nach Altenweil.“
Maja wurde bleich. Sie suchte seinen Blick, aber Norbert wandte sich von ihr ab.
„Ich werfe doch der Dämonin in der schwarzen Grotte nicht Gretes Säugling zum Fraß vor. Von dem Zauberer in Altenweil kann ich lernen, die Dämonen zu besiegen. Und dann komme ich wieder und töte sie.“
Verzweifelt zog Maja ihn an sich.
„ Bert, du darfst nicht gehen! Dein Vater bringt dich um!“
„Nicht, wenn du es niemandem verrätst.“
Sie klammerte sich an ihn, fuhr ihm mit ihren schmalen Händen über die Brust, Schultern und Wangen.
„Liebster, bitte, bleib! Bleib bei mir. Wir haben uns doch versprochen...“
Wild sah er sie an.
„Komm mit mir, Maja!“
Aber sie schüttelte nur schluchzend den Kopf. Norbert machte sich von ihr los. Er sah sie nicht an, während er vom Haus wegging.
„Bert! Ich liebe dich! Bitte, Bert, bleib hier!“ weinte sie ihm hinterher.
Er blickte sich nicht mehr nach ihr um.
***
Norbert verbrachte die Nacht in Kurt Morgners Scheune, weil er befürchtete, im Heuschober seines Vaters könnte er von Lene und Roderig überrascht werden. Er wusste, dass Björn Feldnersohns Hofgemeinschaft glauben würde, er übernachte bei seiner Familie. Und dort würden sie meinen, er sei bei den Feldnersohns, bei Maja.
Majas Weinen klang ihm im Ohr. Er hatte den Geruch ihres Kleids in der Nase. In seinem Magen rumorte der Hunger. Norbert wälzte sich auf seinem Lager aus leeren Getreidesäcken hin und her, aber je mehr er versuchte, die Gedanken an Maja zu verscheuchen, um so stärker wurden sie. Er zwang sich, nicht von seinem einmal gefassten Entschluss abzugehen. Die ganze Nacht über hörte er draußen in der Finsternis die Wölfin heulen.
Als er den Morgen nahe glaubte, tastete er im Dunkeln nach seinem Bündel, schnürte sich die Ledersohlen unter die Fußlappen, hüllte sich in den Filzumhang und hängte den Köcher um. Die Bogensehnen steckte er sich unter die Hemdjacke, das Messer klemmte er in den Hosenstrick. Er nahm seinen Bogen und schlich aus der Scheune.
Die Nachtluft war kalt und feucht. Der Mond stand weit im Westen hinter einer dünnen Wolkenschicht. Er war von einem orangeroten Hof umgeben. Der Felsenwald jenseits der Äcker lag in Nachtschwärze verborgen. Vom Fluss her stiegen Frühnebel auf. Sie schimmerten geisterhaft im Dämmerlicht des untergehenden Monds. Unter mehreren Strohdächern quoll der Rauch soeben entfachter Herdfeuer hervor.
Norbert schlich geduckt durch die Siedlung und hastete zum Fluss hinunter. Außer Atem blickte er sich um. Noch war keine Menschenseele zwischen den Hütten zu sehen. Norbert zwang sich, ruhig zu atmen. Er schlug den Weg flussaufwärts durch die feuchte Flussaue ein. Noch einmal blickte er sich zur Siedlung um. Zwischen treibenden Nebelschwaden erhaschte er einen Blick auf die Hütten Wildenbruchs. Er spürte keine Wehmut, aus dem Dorf seiner Kindheit, von Maja, seiner Jugendliebe, wegzugehen. Wenn er überhaupt etwas empfand außer der Angst, im letzten Moment entdeckt zu werden, dann war es bittere Enttäuschung. Er wunderte sich darüber. Er dachte, er würde mit den Tränen zu kämpfen haben. Aber da war nur die dumpfe Wut, die ihn begleitet hatte, so lange er denken konnte. Und ein jagendes, überschäumendes Gefühl, das ihm neu war: das Gefühl, frei zu sein, zu gehen, wohin er wollte.
Er ließ die Auenniederung hinter sich und folgte dem überwucherten Pfad durch das Buschwerk unterhalb der noch im Dunklen liegenden Elbenruinen. Auf dem Pfad standen zwei hochgewachsene Gestalten. Er sah ihre ernsten, blassen Mienen, umgeben vom langen, blonden Elbenhaar. Sie hatten keine Waffen in den Händen. Schweigend traten sie zur Seite. Norbert ging keine drei Schritt entfernt an ihnen vorbei. Hinter ihnen glühte der ferne, blaue Horizont jener anderen Welt.
Sie wissen, dass ich gehe, um sie zu rächen. Sie und die Smeta – und die kleine Wanda! Und das Mädchen am Brunnen.
Norbert erreichte das Steilufer des Flusses. Nach einem Dutzend Schritten flussaufwärts blieb er stehen und wandte sich zur Elbensiedlung um. Die Geistergestalten waren verschwunden. Zügig folgte er dem kaum auszumachenden Pfad das Flussufer entlang. Über den Baumkronen am gegenüberliegenden Flussufer erwachte eine erste Ahnung des Morgenrots.
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