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Thomas Hoffmann Blaues Feuer
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Der Regen rauschte in der Finsternis. Klamme Kälte kroch durch Norberts Decken. Mit rasendem Herzen lag er auf seinem Lager. Kaum wagte er zu atmen.
Er hat ihn umgebracht!
Er konnte und konnte den Gedanken nicht zum Schweigen bringen.
***
Hans Lederer sprach kein Wort über das, was vorgefallen war. Die Hofgemeinschaft und das gesamte Dorf schlossen sich seinem Schweigen an. Selbst wenn hier und da leise über den Mord getuschelt wurde, sprach niemand laut darüber. Lutz Thorstensohn räumte die leer stehende Hütte aus, die Lars Weidner bewohnt hatte, und nutzte sie als Schweinestall.
Mit niemandem außer Maja konnte Norbert über die quälenden Gedanken reden, die ihn verfolgten. Nicht einmal Leika traute er sich anzusprechen. Maja und er saßen auf einem Holzstapel beim Ziegenstall, wohin sie sich in der milden Luft des Frühjahrsabends vor den anderen zurückgezogen hatten. Es war fast dunkel. Maja hatte Schmalzkuchen gebacken.
„Es ist ganz einfach,“ meinte sie. „Mutter hat es mir gezeigt.“
Norbert schluckte den fettigen Teig, aber er empfand keine Freude daran.
„Alle tun so, als hätte es den Lars Weidner nie gegeben!“
Maja sah ihn erschreckt an.
„Wir wollen nicht darüber sprechen,“ flüsterte sie.
„Ich muss aber darüber reden. Mit wem kann ich das denn, außer mit dir?“
Maja blickte zu Boden. Sie knetete ihre Hände im Schoß.
Es drängte Norbert, sich von der Seele zu reden, was ihn verfolgte.
„Von der Smeta haben sie behauptet, sie hätte die Siedlung verlassen und sich davongeschlichen. Den Lars Weidner hätten sie auch ziehen lassen können.“
„Aus dem Dorf weggehen ist dasselbe, wie tot sein,“ sagte Maja leise. „Es macht keinen Unterschied.“
„Das heißt, du findest das richtig, dass... dass mein Vater ihn ermordet hat?“
Maja schniefte.
Erst nach einer Weile antwortete sie sehr leise: „Er war kein guter Mensch.“
Norbert spürte einen heftigen Stich in der Brust. Fassungslos blickte er Maja an.
„Es war Mord! Genau wie es Mord war, die Smeta zur schwarzen Dame gehen zu lassen. Und wie das, was sie den Elben angetan haben.“
Maja schüttelte verzweifelt den Kopf. Sie hatte Tränen in den Augen. Aber Norbert wurde nur noch wütender.
„Das Dorf ist auf Mord gebaut! Die Gesetze, von denen Vater redet, sind Mordgesetze! Ich will hier nicht mehr bleiben. Lass uns weggehen, Maja. Lass uns nach Altenweil gehen. Ich weiß dort von einem Gelehrten...“
Maja unterbrach ihn schreiend.
„So darfst du nicht reden, Bert! Das stimmt ja gar nicht. Mein Vater ist kein Mörder!“
Beim Gedanken an Björn Feldnersohn verstummte Norbert. Majas Vater hatte ihn wie einen Sohn aufgenommen. Hilflos fuhr Norbert sich durchs Haar. Er konnte nicht verhindern, dass ihm ebenfalls Tränen in die Augen schossen.
Maja nahm seine Hände: „Bert, es sind so schlimme Sachen passiert. Aber wenn wir beide erwachsen sind, machen wir das Unheil wieder gut. Das hast du immer gesagt. Du willst Wildenbruch beschützen, hast du gesagt.“
Norbert zog durch die Nase hoch.
„Glaubst du, dass wir das können, Maja?“
Sie sah ihm in die Augen.
„Ja! Wenn wir beide zusammen sind, können wir es. Ich glaube es ganz bestimmt. Bitte, Bert, rede nie wieder vom Weggehen. Das Dorf – die Familie – sind mein Leben. Ich könnte nie woanders leben. Genauso gut könnte ich tot sein.“
Norbert schlang die Arme um das Mädchen und die beiden umarmten sich verzweifelt.
„Es wird gut,“ flüsterte Maja. „Wir schaffen es - du wirst es schaffen, Bert, das Unheil gutzumachen. Ich helfe dir.“
Norbert hielt Maja fest in den Armen. Nichts wünschte er sehnlicher, als dass sie recht hätte.
***
Unmittelbar im Anschluss an das Frühlingsopfer feierten die Wilderbrucher die Heirat von Oliver, dem Sohn von Norberts Onkel Beorn, mit Grete Morgner. Die beiden zogen in die neuerrichtete Blockhütte beim Hof Kurt Morgners. Ulf Methorst, der sich auf das Zimmererhandwerk verstand, hatte das Bett, eine Truhe, Tisch und Bank als erste Einrichtung gebaut. Alle Familien steuerten Hausrat als Hochzeitsgeschenk bei.
„So muss es sein,“ erklärte Hans Lederer seinem Sohn. „Wir Siedler halten zusammen, unterstützen uns gegenseitig. Niemand ist ausgenommen.“
Drei Tage nach der Hochzeit kam Oliver verstört an den väterlichen Hof.
„Die Grete sagt, sie kann in unserem Blockhaus nicht leben. Sie ist bei der Mutter und will nicht mehr zurückkommen in die Hütte. Sie meint immerzu, jemand schleiche nachts ums Haus. Sobald es dämmert, traut sie sich nicht mehr vor die Tür. Sie zittert immer so. Dabei war sie vor der Hochzeit doch so mutig und selbstbewusst, deshalb hab ich sie ja genommen. Gestern ist sie mitten in der Nacht aufgewacht und hat geschrien, der Lars Weidner stehe am Bett und wolle sie töten. Ich hab einen Kienspan am Herd entzündet, aber das Licht ging gleich wieder aus. Da war so ein eisiger Luftzug, wie ein Todeshauch.“
Hans Lederer hörte seinem Neffen mit zusammengekniffenen Lippen zu. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.
„Bleib heute Nacht hier,“ knurrte er. „Wenn es Abend wird, gehe ich zu Kurt Morgner.“
Leika wechselte einen Blick mit Norberts Vater.
„Ich gehe hinüber zu den Morgners und spreche mit der Grete.“
Als der Vater billigend nickte, sagte sie zu Oliver: „Mach dir keine Sorgen. Es wird gut.“
Hoffnungsvoll blickte Oliver von Leika zum Vater.
Am Abend nahm Hans Lederer seinen Dolch aus der Truhe und verließ den Hof. Zwei Stunden später kam er wieder herein. Er hielt sich die rechte Hand, als hätte er Schmerzen. Die Hand war rot und geschwollen. Der Dolch steckte in seinem Gürtel. Mit aufgerissenen Augen betrachtete Norbert die Klinge. Sie glühte blau.
Der Vater ließ sich schwer auf die Bank fallen. Er nickte Oliver zu.
„Grete ist wieder in eurer Hütte. Leika ist bei ihr. Geh zu ihr. Es ist vorbei. Der Lars Weidner behelligt euch nie wieder.“
Mit verhaltener Wut blickte er auf seine Frau, die ein Dankgebet an die schwarze Dame murmelte.
Norbert konnte lange nicht einschlafen. Er wurde den Gedanken nicht los, in dieser Nacht hätte der Vater den Lars Weidner zum zweiten Mal ermordet. Kurz vor Morgengrauen, als die Nacht fadenscheinig wurde, hörte er weit weg einen Wolf heulen.
***
Der Regen hielt bis weit in den Mai an und ein großer Teil der Saat verfaulte. Dazu brach unter den Schafen eine Krankheit aus, die viele Tiere dahinraffte. Die Wildenbrucher hielten Prozessionen zur Grotte der schwarzen Dame ab und beteten um Segen.
„Die schwarze Dame will die Wiesenblumen, Möhren und Erbsenschoten nicht, die sie ihr bringen,“ konnte Norbert sich nicht verkneifen, Maja zu erklären. „Sie will Fleisch. Aber wenn sie welches bekommt, wird sie wild und grausam.“
„Bert, erzähl doch nicht solche Sachen!“ schrie Maja.
„Ich kann das gar nicht anhören. Was sollen wir denn machen, wie sollen wir denn um Segen bitten?“
„Wir müssen es eben aushalten, bis es wieder besser wird,“ murmelte Norbert.
Im Sommer wurde Norbert fünfzehn. Zu Sonnenwend schenkte Björn Feldnersohn seinem zukünftigen Schwiegersohn einen Jagdbogen, Köcher und Pfeile. Am Morgen nach der Sonnenwendfeier legte der Vater Norbert ein in Leinen gewickeltes Bündel auf den Tisch. Darin war ein Messer. Die Stahlklinge war eine Spanne lang. Norberts Herz machte einen Sprung.
„Du wirst ein Mann,“ knurrte der Vater. „Für deine Jagdstreifzüge kannst du ein vernünftiges Messer gebrauchen. Ich hab es letzten Herbst aus Altenweil für dich mitgebracht. Aber bilde dir nichts darauf ein. Gegen die von jenseits der Grenze nützt es nichts.“
Maja schenkte ihm eine wollene Schlupfjacke.
„Ich hab sie selbst gestrickt. Mutter meinte, dafür sei es noch zu früh, ich soll dir erst zur Hochzeit was schenken, aber ich wollte unbedingt dieses Jahr schon etwas für dich machen.“
Die beiden saßen auf der Bank vor Björn Feldnersohns Haus. Die Familie war bereits zur Hofarbeit auseinandergegangen. Norbert betrachtete die braun gemusterte Jacke. Maja gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Er nahm ihre Hände. „Wo du jetzt Schmalzkuchen backen kannst, da kann ich dir doch auch zeigen, wie man sich richtig küsst.“
Vor Überraschung blieb ihr der Mund offen stehen. Norbert drückte schnell seinen Mund auf ihre Lippen. Sie wehrte sich nicht.
Als sie sich genug geküsst hatten, flüsterte sie: „Nachher gehe ich Holzsammeln. Die kleine Lichtung bei den Haselsträuchern, weißt du, welche ich meine?“
Norbert nickte. Sein Herz begann zu rasen.
„Ich warte dort auf dich,“ hauchte sie. „Kommst du?“
Norbert konnte wieder nur nicken. Er brachte kein Wort hervor. Sie küssten sich noch einmal.
Es war ein heißer, trockener Sommer nach dem verregneten Frühling. Staubige Hitze brütete zwischen den Haselsträuchern, als Norbert sich mit klopfendem Herzen durch die Büsche zwängte. Es roch nach Harz und Kiefernnadeln. Maja wartete auf ihn auf der kleinen Grasnarbe zwischen den Sträuchern. Sie saß barfuß mit angezogenen Beinen im braunen Gras. Ihre bloßen Unterschenkel lugten unter ihrem Kleid hervor. Die Kiepe mit dem Klaubholz stand bei den Büschen.
Wie hübsch sie ist, dachte Norbert, während er das hagere Mädchen betrachtete.
Mit mulmigem Gefühl im Bauch setzte er sich neben sie. Der Staub trockener Grasrispen kitzelte ihn in der Nase. Maja strich sich die Locken hinters Ohr. Sie versuchte ein schüchternes Lächeln. Norbert nahm sie in die Arme.
„Ich liebe dich, Maja.“
Sie küssten sich. Norbert war schwindlig.
Und jetzt? Was kommt jetzt?
Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Und er konnte überhaupt nicht denken. Er nahm nichts wahr, als Majas warme, aufregende Nähe. Sanft schob sie ihn weg und begann, an ihrem Kleid zu nesteln.
„Ich muss mich ausziehen,“ erklärte sie leise. „Mädchen bluten beim ersten Mal, wusstest du das?“
Norbert schüttelte stumm den Kopf. Er wusste nicht, warum er sich plötzlich schämte.
„Jedenfalls behauptet Liese das. Sie sagt, ihre Mutter hätte es ihr erklärt.“
Sie trauten sich kaum, einander anzuschauen, während sie ihre Kleider abstreiften und sich zueinander ins trockene Gras legten. Und obwohl sie beide von Kindheit an mitbekommen hatten, was nachts auf den Lagern in den Wohnküchen passierte, mussten sie feststellten, dass sie es so ganz genau doch nicht mitgekriegt hatten.
„Nicht so,“ flüsterte Maja. „Ich glaube, du musst... Ja, da – Au!“
Ein jagendes, unendlich süßes Gefühl durchfuhr Norbert und ein paar Atemzüge lang wusste er nicht mehr, was er tat.
Als er sich außer Atem neben Maja legte, murmelte sie: „Es hat nur ganz wenig geblutet.“
Es klang enttäuscht.
Doch Majas fester Entschluss, in ihrer Liebe zu Norbert Erfüllung zu finden, bewahrte die Jugendlichen vor einer ersten großen Ernüchterung. Noch scheu und vorsichtig ertasteten sie einander, ließen ihre Körper einander kennenlernen.
Als die beiden am Nachmittag zum Hof von Majas Vater zurückkehrten, lag ein heimliches Glück auf ihren Gesichtern.
In der Wohnküche empfing sie Majas Mutter. „Heut ist wohl kein Arbeitstag für euch beide? Deine ganze Küchenarbeit ist liegengeblieben, Maja – und Vater ist allein zur Jagd gegangen!“
Als sie in die Gesichter der beiden sah, wurde sie milder. „Na, setzt euch noch ein bisschen auf die Bank. Ich koche euch einen Tee.“
Sie fuhr Maja durch die zerrauften Locken. „Alles in Ordnung, Töchterchen?“
Majas Augen glänzten vor Glück. „Ja, Mama.“
***
Wenn Norbert später an diesen Sommer zurückdachte – seinen letzten in Wildenbruch – dann konnte er sich einzig an Maja erinnern, an ihre Liebe, ihren Körpergeruch, den Sommerduft ihres einfachen Kleids. Das Vertrocknen der Ernte, der Streit zwischen Verena Methorsts Söhnen Ulf und Boris um den Anteil an den kargen Erträgen des Hofs, die Schlichtung durch Björn Feldnersohn und Hans Lederer, all das zog an ihm vorüber, als ginge es ihn nichts an. Er lebte und arbeitete nur für die ein, zwei Stunden, die er nach der Hofarbeit mit Maja verbrachte. Sie gingen Hand in Hand hinunter zur Flussaue oder saßen nebeneinander auf der Bank vor dem Haus und plauderten. Oder sie zogen sich vor den anderen zurück in den Wald, auf die kleine Grasnarbe zwischen den Haselsträuchern, die sie „ihre Lichtung“ nannten. Maja holte sich Rat bei Leika, die ihr erklärte, wie sie sich verhalten musste, um nicht schwanger zu werden. Norbert und Maja schworen sich bei allen Sternen am Himmel, zueinander zu stehen bis an ihr Lebensende.
***
Von seiner Herbstreise brachte Hans Lederer Säcke voller Getreidemehl mit, so viele der Esel tragen konnte. Was die Familie auf den eigenen Feldern geerntet hatte, reichte nicht, um durch den Winter zu kommen. Für Norbert brachte der Vater zwei Fußleder mit. Sie waren an den Seiten gelocht, damit man sie unter die Fußlappen schnüren konnte.
„Wirst schließlich erwachsen,“ knurrte Hans Lederer.
„Ich kann auch für unsere eigene Familie jagen gehen, damit wir besser durch den Winter kommen“ erklärte Norbert.
„Red keinen Unsinn,“ fuhr der Vater ihn an. „Du arbeitest für Björn Feldnersohn um der Maja willen. Lass dir ja nicht einfallen, nachlässig zu werden. Bei uns arbeitet Roderig mit. Wir kommen zurecht.“
Der Winter nahm die Siedlung in seinen eisigen Griff. Im
Heulen des Sturms und im Krachen der Bäume in der Kälte glaubten die Wildenbrucher die Dämonen heranschleichen zu hören. Björn Feldnersohns alter Vater erkrankte am Schüttelfieber. Die Feldnersohns hüllten ihn in Decken, rückten seinen Lehnstuhl nahe ans Herdfeuer und Majas Mutter flößte ihm Tag und Nacht schluckweise Brühe und heißen Tee ein. Er starb in den ersten Januartagen. Norbert half, das Grab im gefrorenen Boden auszuheben.
Grete war schwanger. Oliver und sie zogen hinüber ins Haus ihres Vaters, wo das große Herdfeuer mehr Wärme spendete und die Familie sich um die Schwangere kümmern konnte.
Anfang März änderte sich das Wetter. Mit heftigen Frühjahrsstürmen setzte die Schneeschmelze ein. Regengüsse verwandelten den Boden in der Auenniederung und den Talwiesen in Morast. Die Gorn stieg über die Ufer. Schmelzwasser und Regenfälle in den Bergen verwandelten den Fluss in eine strudelnde schlammige Flut, die binnen einer Nacht die Siedlung, die Tiergatter und die Felder mit dem im Herbst gesäten Winterweizen überschwemmte, Gatter zerstörte, Ziegen und Schafe mit sich fortriss, die Hütten knietief überflutete und die Herdfeuer löschte. Die Wildenbrucher knüpften, was sie an Vorräten retten konnten, an die Dachbalken und übernachteten in klammer Kälte im Gebälk. Erst Tage später nahm die Flut ab. Viele der Frauen weinten vor Verzweiflung über die Zerstörungen. Die Männer sichteten stumm den Schaden, pferchten die überlebenden Tiere ein, pflügten die verwüsteten Felder um und bereiteten das wenige, was sie an Saatgut gerettet hatten, zur Aussaat vor.
Die Flutschäden waren noch nicht repariert und die Böden der Hütten bedeckte noch immer eine knöcheltiefe Schlammschicht, als Gretes Wehen einsetzten. Die Frauen hatten die Geburt erst in einem halben Monat erwartet. Aber die Strapazen der vergangenen Wochen hatten Grete zugesetzt. Beim Herdfeuer errichteten die Morgners ein Deckenlager. Leika kam, um bei der Geburt zu helfen. Die Männer, auch Oliver, wurden aus dem Haus verwiesen. Es wurde eine lange, schwere Geburt und als die Frauen das Blut von dem schreienden Neugeborenen abwuschen, war seine Haut von einem ungesunden Rot und seine Oberlippe war gespalten. Die Geburtshelferinnen beschlossen, es sei ein Mädchen, obwohl das Neugeborene sowohl ein weibliches als auch ein männliches Geschlechtsorgan zu haben schien.
Der Säugling schrie pausenlos mit einer heiseren, röchelnden Stimme, die anders klang als die anderer Neugeborener. Die verzweifelte Grete ließ ihn nicht von ihrer Brust und Leika zeigte ihr, wie sie ihn an die Brustwarze anlegen musste. Oliver und die Männer wurden auf Abstand von der Mutter und dem Neugeborenen gehalten, aber es merkten doch alle, dass etwas nicht stimmte. Schnell sprach sich in der Siedlung herum, die Grete habe ein krankes, verkrüppeltes Kind zur Welt gebracht.
Als der Säugling nach drei Tagen wider Erwarten nicht gestorben war und trotz dem unverminderten heiseren Röcheln ein wenig kräftiger wurde, bekam er den Mädchennamen Wanda. Oliver nahm das schreiende Bündel in die Arme.
„Sei vorsichtig!“ schrie Grete, die ihr Kind noch immer kaum zum Wickeln und Waschen aus den Händen geben wollte.
Oliver brachte das Neugeborene, von dem nur das rötliche, vom Schreien verzerrte Gesicht mit der Hasenscharte zu sehen war, nah an sein Gesicht.
„Wanda, du bist meine Tochter,“ sagte er mit brüchiger Stimme. „Ich will für dich und deine Mutter sorgen und ich werde dich großziehen.“
Die Gesichter der Hofmitglieder und Freunde um das Paar entspannten sich. Mehrere atmeten auf. Nur einige schüttelten stumm die Köpfe.
***
In diesen Tagen erinnerten sich die Wildenbrucher abends an den Herdfeuern an die Sage vom Geisterdorf. Norbert hörte die Sage zum ersten Mal bei den Feldnersohns, wo Majas Großmutter sie nach dem Abendessen erzählte. Schon im Winter hatte Norbert hin und wieder bei den Feldnersohns in der Wohnküche übernachtet, wenn der Sturm ihm nach der Tagesarbeit daran hinderte, zum Hof des Vaters zurückzukehren. Dann gab ihm Majas Mutter eine Decke und er und Maja schliefen nebeneinander auf ihrem Lager. Außer Norberts Schwester Lene fand niemand etwas dabei.
„Das kann man in den Wochen vor der Hochzeit machen, aber doch nicht jetzt schon,“ hatte sie geschimpft, als Norbert am Morgen nach seiner ersten Übernachtung bei den Feldnersohns nach Hause kam.
„Aber hinten beim Heuschober rumknutschen und mitten während der Tagesarbeit heimlich für ein paar Stunden ins Heu schleichen, das kann man?“ erwiderte Norbert seiner Schwester.
Lene zischte verächtlich und lief durch den Schnee davon. Aber Norbert hatte doch gesehen, wie sie knallrot wurde.
Die Feldnersohns saßen um die knisternde Glut der in den Boden eingelassenen Herdstelle. Rings umher lag die Wohnküche im Dunkeln. Die Luft war dumpf und feucht. Gebälk und Fußboden waren noch nicht getrocknet seit der Überflutung. Maja rückte dicht an Norbert heran und nahm seine Hand in ihre. Er liebte es, so nah bei ihr zu sitzen, dass er den Schweißgeruch ihres Kleids riechen konnte. Norbert träumte von diesem Geruch, wenn er allein auf seinem Lager am väterlichen Hof übernachtete.
„Vor langer Zeit, viele Tagereisen von hier im Osten, wo der Gornwald sich weit hinauf in die wilden Berge erstreckt,“ begann die Großmutter ihre Erzählung, „gründeten Siedler am Oberlauf der Gorn eines der ersten Siedlungsdörfer im Gornwald. Damals waren die Wälder noch von Elben bewohnt und die Siedler der ständigen Gefahr eines Überfalls ausgesetzt. Erst Jahrhunderte später ließ der Kaiser den Gornwald durch Strafexpeditionen seiner Ritter von den Wilden säubern.“
Norbert verzog das Gesicht. Er dachte an den Geist der Elbin mit dem erschlagenen Säugling im Arm. Maja drückte fest seine Hand.
„Die Siedler nannten ihr Dorf Schwarzenrode. Die ersten Jahre gedieh die Siedlung gut und die Siedler lebten im Überfluss von Feldfrüchten und von der Jagd. Aber dann kam eine Reihe strenger Winter und das Leben in Schwarzenrode wurde hart. Als nach der ersten guten Herbsternte seit Jahren Elben das Dorf überfielen, mehrere Männer töteten, die Ernte, Vieh und auch einige Mädchen wegführten, verließ die Überlebenden der Mut. Sie hatten den Siedlerschwur getan, ihr Siedlungsland der Wildnis auf immer zu entreißen und die Siedlung unter Einsatz ihrer aller Leben zu behaupten. Doch in der Dorfversammlung setzten sich die Stimmen einiger Männer durch, die behaupteten, in der Zivilisation würden sie alle besser leben können. Obwohl der Kaiser ihnen per Dekret Schwarzenrode unabänderlich als Siedlungsort zugeschrieben hatte.“
Ein drohender Tonfall schien in den heiseren Worten der Großmutter mitzuschwingen.
„Die Dorfleute beschlossen, ihr Hab und Gut auf Karren zu laden und Schwarzenrode und den Gornwald vor Wintereinbruch zu verlassen. Am Abend vor dem Aufbruch kamen alle zusammen, um ein letztes Fest miteinander in der Siedlung zu feiern. Es wurde ein trauriges Fest. Stumm und mit schlechtem Gewissen saßen sie beim Mahl. Als nach dem Essen zum Tanz aufgespielt wurde, tanzten die jungen Leute ohne Freude miteinander. Immer wilder drehten die Paare sich, einander verzweifelt umklammernd, im hektischen Tanz Vergessen suchend vor dem Eidbruch, den der nächste Morgen bringen sollte. Und draußen vor dem Haus heulten die Dämonen im Nachtwind.“
Die Greisin machte eine Pause und blickte mit brennenden Augen in die Runde. Es war absolut still, nur die Holzkohlen knackten in der erlöschenden Glut.
„Um Mitternacht hielten die Tanzenden plötzlich inne. Atemlos lauschten sie in die Dunkelheit, aber es war kein Laut mehr zu hören, kein Windheulen, keine Musik, nicht einmal mehr ein Knacken im Gebälk oder jemandes Atem. Der Fluch legte sich über sie mit blinder Schwärze und die Menschen in der Siedlung erstarrten zu Stein um ihres Eidbruchs willen. Die Siedlung verschwand wie vom Erdboden verschluckt. Wo sie einst stand, befindet sich heute ein undurchdringliches Dornengestrüpp, aus dem ein Pesthauch denjenigen anhaucht, der dort hinein vordringen will. Nur einmal alle hundert Jahre erwacht das Dorf für einem Tag zum Leben und die Schwarzenroder müssen den letzten Tag vor ihrem geplanten Aufbruch noch einmal durchleben, wissend, dass um Mitternacht der Todeshauch sie ergreifen wird, dass sie in alle Ewigkeit verdammt sind, als Untote auszuharren an dem Ort, der ihnen als Siedlung zugeschrieben wurde.“
„So geht es denen, die den Schwur brechen und ihre Siedlung aufgeben wollen,“ endete die Alte ihre Erzählung.
***
Nach der Überschwemmung blieb der Regen aus und die Ernte des Frühgemüses fiel spärlich aus. Die vor der Flut geretteten Vorräte gingen schnell zur Neige. Die Wildenbrucher stellten oben im Wald Kaninchenfallen auf und wer Bogen und Pfeile besaß, ging auf die Jagd. Aber auch so reichte es kaum noch zum Leben. Die Kinder durchstreiften den Wald in der Nähe der Siedlung auf der Suche nach Käferlarven und aßen sie vor Hunger gleich vor Ort. Die Kleinsten bekamen aufgeblähte Hungerbäuche vom ständigen Wasser trinken, um wenigstens etwas im Magen zu haben. Mit hohlen Augen und blassen Gesichtern gingen die Wildenbrucher ihrer Hof- und Feldarbeit nach.
„Die schwarze Dame will ein Opfer haben,“ murmelte Norberts Mutter am Abendbrottisch.
Ein Teller Radieschen, gerade zwei oder drei für jeden, und eine Schüssel Brühe mit ein paar Stückchen Kaninchenfleisch waren alles, was auf dem Tisch stand.
„Sie ist wütend. Wir haben sie erzürnt,“ hauchte die Mutter in ihrem weinerlich-klagenden Tonfall.
„Wie sollen wir sie denn erzürnt haben?“ fuhr Norbert trotzig auf.
Aber der Vater rief ihn sofort zur Ordnung. „Halt den Mund. Du bringst nur noch mehr Unglück über uns.“
Norbert schleuderte dem Vater einen wütenden Blick zu.
Du weißt es doch selber besser!
Hans Lederers Miene blieb hart. „Kein Wort mehr, Norbert!“
Grete kam zu Leika, um sich von ihr Rat zu holen wegen Wanda. Der Säugling wollte nicht wachsen. Wanda schrie nahezu ununterbrochen mit hochrotem Gesicht. Aber auch Leika wusste Grete und ihrem Kind nicht zu helfen.
Es war Gerlinde Hüttner, die als erste raunte, Gretes Säugling sei ein Götterkind. Bald wurde es in der gesamten Siedlung hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Oliver ging herum wie gelähmt. Grete klammerte ihr Töchterchen schluchzend an sich. Sie kam nicht mehr aus der Hütte, versteckte sich und ihr Kind vor allen außer Oliver.
Den einen Nachmittag, als er von den Feldnersohns kam, traf Norbert Leika allein in der Wohnküche an. Er verstaute Bogen und Köcher bei seinen Sachen unter der Schlafstätte und setzte sich mit knurrendem Magen zu ihr an die Herdstelle.