Thomas Hoffmann Blaues Feuer
Blaues Feuer
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Thomas Hoffmann Blaues Feuer

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„Wenn wir groß sind, werde ich ein Held, so einer wie Beowulf. Dann räche ich all das Böse.“

Maja drückte sich eng an Norbert.

„Bert, wenn Kinder bekommen so schlimm ist, will ich nie schwanger werden, nie!“

Lange hielten die Kinder sich in den Armen.

Drei Tage brauchten die Männer der Siedlung, um unten in der Flussniederung eine Stelle vom Schnee freizuräumen und in die steinhart gefrorene Erde ein Grab zu schlagen. Die Wildenbrucher setzten den gefrorenen Leichnam der Silke Mühlhäuser bei und füllten die Grube mit Tannenzweigen auf.

***

An einem der kommenden Abende hielt der Vater Norbert nach dem Abendessen an. Er legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Nimm deinen Filzüberwurf und komm mit.“

Norbert durchfuhr der Schreck.

Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?

Seine Hand tastete nach dem Holzpüppchen in seiner Hosentasche, während er sich mit der anderen Hand die Filzdecke umschlang. Vater öffnete die Tür und schob ihn hinaus in die Dunkelheit.

„Was hab ich denn getan?“ rief Norbert.

„Unsinn! Ich will dir etwas zeigen. Komm mit.“

Der Vater schritt durch den tiefen Schnee zwischen den Hütten hindurch. Verdutzt bemerkte Norbert, dass er den Dolch an der Seite trug, den er auf der Fahrt nach Altenweil dabeigehabt hatte. Norbert zitterte vor Kälte, während er Vaters schwarzer Silhouette nacheilte. Verzweifelt fragte er sich, was geschehen würde. Der Vater ging zur Flussaue hinunter. Neuschnee war gefallen und sie kamen nur mühsam voran. Ein Haufen aus Tannenzweigen tauchte aus der Dunkelheit im Schnee auf. Erst als sie ihn beinahe erreicht hatten, begriff Norbert, dass es sich um das Grab der Mühlhäuserin handelte.

Sie stand neben ihrem Grab. Im Grau der Wolkennacht war sie nur als Schatten auszumachen. Verkrümmt kauerte sie in der Dunkelheit, als wände sie sich unter Schmerzen. Auf ihrem Wollkleid waren dunkle Flecken.

Norbert blieb wie angewurzelt stehen.

„Siehst du sie?“ hörte er Vaters grimmige Stimme.

Er konnte nicht antworten. Der dunkle Schemen wandte sich ihm zu. Die zwei blassen Flecken im Kopf konnten nur ihre aufgerissenen Augen sein. Die blinden Augäpfel starrten ihn an. Norbert wollte schreien, weglaufen, aber er konnte sich nicht rühren. Er bekam keinen Ton heraus. Hinter dem Grab wich die Nacht einem blauen Halblicht. Die Gestalt schleppte sich Norbert entgegen. Ein gequälter Ton lag in der Luft. Er hatte keine Ähnlichkeit mit einer menschlichen Stimme. Weiße, lange Finger krallten nach Norbert. Eisige Kälte hauchte ihn an.

Flieh, lauf weg, sie zieht dich hinab!

Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht.

Eine rasche Bewegung an Norberts Seite. Er meinte, Vaters Dolch aufblitzen zu sehen. Ohrenbetäubendes Krachen. Blendende Helle. Norbert taumelte zur Seite. Er konnte sich wieder bewegen. Einen Moment musste er blinzeln, ehe er wieder etwas sehen konnte. Der Geist war verschwunden. Die Auenniederung lag in grauer Nacht. Der Vater stand zwei Schritt neben ihm und hielt sich die Hand mit dem glühenden Dolch, als hätte er Schmerzen. Mit stockendem Atem starrte Norbert den Vater an. Hans Lederer steckte seinen Dolch in die Scheide zurück und richtete sich auf.

„Das war dir wohl eine Lehre! Sie sind gefährlich, verstehst du? Jetzt wirst du vielleicht endlich klug werden!“

Der Vater drehte sich um und stiefelte dem Dorf zu. Mit Tränen in den Augen stolperte Norbert ihm nach. Auf halbem Weg wartete der Vater auf ihn. Er legte Norbert seine schwere Hand auf die Schulter.

„Wir Siedler müssen zusammenhalten. Wenn du später deinen eigenen Hof gründen willst, mit der Maja Feldnersohn von mir aus, dann musst du klug sein. Eines Tages wirst du meinen Dolch und meine Fibel erben. Dann musst du das Dorf beschützen, Norbert!“

Norbert konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Ja,“ flüsterte er.

***

Bis weit in den März hinein blieb der Schnee liegen. Mehl und Trockenfrüchte wurden knapp. Morgens wie abends gab es dünne Scheiben Dörrfleisch mit einer winzigen Portion gekochtem Kohl oder Bohnen. Das zähe Fleisch war Norbert zuwider. Obwohl er Hunger hatte, brachte er es kaum hinunter. Wenn Mutter wenigstens ein bisschen mehr Salz zum Essen geben würde!

Jeden Abend vor Sonnenuntergang trafen sich die Wildenbrucher Kinder am Dorfausgang nahe dem Wald, machten Feuer und rösteten Kastanien, die sie im Herbst gesammelt und versteckt hatten. Manchmal mussten sie vor Wildschweinen Reißaus nehmen, die auf der Suche nach Nahrung nahe ans Dorf kamen.

Immer seltener hörte Norbert das Heulen der Wölfin in seinen Träumen. Wenn er Maja während der Arbeit im Dorf begegnete und sie eine kurze Strecke Hand in Hand gemeinsam gingen, vergaß er die schwärende Wut, die ihn früher überallhin begleitet hatte. Auch den Vater betrachtete er mit anderen Augen.

Wenn ich erwachsen bin, ging es ihm durch den Kopf, werde ich unser Dorf vor den Dämonen beschützen, wie Beowulf Hrothgars Halle vor Grendel beschützt hat.

Als das Tauwetter einsetzte, verschwand die Wölfin ganz aus Norberts nächtlichen Träumen.

Die Schneemassen verwandelten sich in Bäche und Schmelzwasserlachen. Die Gorn trat über die Ufer, die Auenniederung versank im Strom, aus dem die Stämme der Erlen und Eschen herausragten. Der Felsenbach schwoll an zum gurgelnden, reißenden Sturzbach, der sich schäumend ins schmutzige Wasser der Gorn ergoss. Das Dorf versank im Schlamm. Die Wildenbrucher legten Knüppelpfade aus Zweigen und Brettern zwischen den Hütten an, um nicht im knietiefen Morast zu versinken.

Die Männer begannen, Koppelzäune und Ställe zu reparieren. Die Schafe wurden geschoren. Frauen und Mädchen filzten und spannen Wolle. In allen Höfen wurden Frühlingslieder gesungen. Obwohl die Wildenbrucher unter Hunger und Krankheit litten nach dem Winter, lag Heiterkeit auf ihren blassen Gesichtern in Erwartung des nahen Frühlings.

Am Eingang zu Björn Feldnersohns Hof, wohin Norbert gekommen war, um sein Mädchen zu besuchen, nahm Maja ihn an den Händen und gab ihm einen Kuss auf den Mund.

„Wegen dir haben wir den Winter überlebt,“ strahlte sie ihn mit gerötetem Gesicht an. „Alle wissen das. Ich glaube, du wirst wirklich ein Held – wie Beowulf.“

„Klar,“ meinte Norbert. „Wir Siedler müssen zusammenhalten.“

Beim diesjährigen Frühlingsopfer nach der Schneeschmelze stand Norbert vorn in der Klamm nah bei seinem Vater. Der Vater trug die magische Fibel und hatte den Dolch umgegürtet. Norbert wusste, dass die Dämonin nicht in Vaters Nähe kommen würde.

Sie ist zu stark, als dass Vater sie mit dem Dolch besiegen könnte. Aber sie traut sich nicht heraus. Wenn ich erwachsen bin, werde ich ein magisches Schwert besitzen, mit dem ich sie erschlagen kann.

Er beschloss, fest an die Erfüllung dieses Traums zu glauben.

4.

Mit dreizehn Jahren begann Norbert mehrere Stunden in der Woche, manchmal auch ganze Tage auf Björn Feldnersohns Hof zu arbeiten. Hans Lederer billigte es, obwohl die eigene Hofarbeit kaum noch zu bewältigen war. Beorns Sohn Oliver arbeitete bereits die meisten Tage der Woche wegen der Grete bei Kurt Morgner. Margit wohnte seit dem vergangenem Jahr mit Ulf Methorst im eigenen neuerrichteten Holzhaus beim Hof von Ulfs Mutter Verena.

Björn Feldnersohn nahm Norbert ohne Vorbehalte auf. Er redete zu ihm wie zu einem jungen Erwachsenen, nicht wie zu dem Kind, als welches ihn Lene immer noch behandelte. Norbert mochte die ruhige, besonnene Art, auf welche Björn Feldnersohn mit seiner Familie umging. Er schrie nicht und grollte nicht. Wenn er etwas zu kritisieren oder zu tadeln hatte, sprach er jede und jeden mit Bestimmtheit, aber ruhig an. Und er hörte immer zu, wenn jemand sich über etwas beschwerte. Nie gab es am Hof Björn Feldnersohns jenes lastende Schweigen, das Norbert von zuhause her kannte. Zu allen möglichen Anlässen wurde gesungen.

„Deine und unsere Familie sind die ersten und ältesten in Wildenbruch, Norbert,“ sagte Björn Feldnersohn dem Jungen, während sie gemeinsam den Weidenzaun hinter dem Haus ausbesserten.

„Es ist schön, dass du zu uns kommst.“

Der Familienvater warf einen wohlwollenden Blick auf Maja, die mit einem Eimer Wasser vorbeikam und so tat, als würde sie ihren Vater und Norbert nicht sehen.

Lene verspottete Norbert.

„Was willst du da bei den Feldnersohns, du bist doch viel zu jung dafür, um die Maja zu freien!“

Norbert stellte seine Holzkiepe ab, richtete sich auf und blickte seiner eineinhalb Jahre älteren Schwester in die Augen.

„Weißt du, was Petra dazu sagen würde?“

„Petra?“

„Das Holzpüppchen, das du mir vor vier Jahren geschenkt hast.“

Er holte die kleine Figur aus der Hosentasche und zeigte sie Lene.

„Ach,“ spottete Lene, „damit spielst du noch?“

„Nein, aber weggeworfen habe ich sie auch nicht. Weißt du, was Petra dazu sagen würde, dass ich wegen der Maja bei Björn Feldnersohn arbeite?“

„Nämlich was?“

„Gar nichts sagt sie dazu. Sie findet es völlig richtig, findet es sogar gut!“

„Ach du Schafskopf! Lass mich in Ruhe!“

Wütend lief das Mädchen ins Haus.

Immer seltener fanden Norbert und seine Altersgenossen sich bei den nachmittäglichen Treffen der Kinder ein. Alle hatten sie jetzt mehr auf den Höfen zu tun und die Geschichten und Beschäftigungen der jüngeren Kinder begannen uninteressant zu werden. Roderig kam schon lange nicht mehr.

Zusammen mit Ulrich durchstreifte Norbert den Wald nahe der Siedlung. Sie dachten sich Helden- und Kriegergeschichten aus, spielten Beowulfs Kampf mit Grendel oder seinen Schlachtzug gegen den Feuerdrachen. Doch am häufigsten traf sich Norbert nach der Tagesarbeit mit Maja. Sie setzten sich auf den Holzstapel neben dem Eingang zu Björn Feldnersohns Haus, tauschten Neuigkeiten aus oder saßen einfach nur beieinander, bis es Zeit wurde für Norbert, zum Hof seines Vaters zurückzugehen.

***

Den einen Abend hielt Roderig Norbert nahe beim väterlichen Hof an.

„Hör mal, Bert, sag doch deiner Schwester Lene, dass ich heute noch beim Schafgatter zu tun hab, also, ich meine da, wo euer Heuschober steht.“

„Sag ihr das lieber selber, mich verspottet sie bloß.“

Roderig sah nicht überzeugt aus. „Ich weiß nicht...“

„Komm einfach mit.“

Lene kam mit dem leeren Abfalleimer vom Schweinestall her. Norbert ging zu ihr.

„Der Roderig will dir was sagen.“

Lene machte ein wütendes Gesicht. Roderig trat von einem Bein aufs andere.

Norbert rief ihm zu: „Stimmt doch, Roderig, oder?“

Roderig holte Luft. „Ich wollte dich was fragen, Lene.“

„Was willst du von mir?“ schrie sie zornig.

„Also, nicht hier, unter vier Augen - hinten beim Heuschober.“

„Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ kreischte sie.

„Nur zwei Sätze, Lene!“

Lenes Gesicht war puterrot. „Aber nur einen Augenblick. Ich muss Mutter beim Gemüseputzen helfen.“

Sie stellte den Eimer ab und ging ums Haus. Im Vorbeigehen knuffte Roderig Norbert gegen den Arm.

„Danke, Bert!“

Lene kam erst am nächsten Morgen vom Heuschober zurück. Am folgenden Tag fragte Roderig Norberts Vater, ob er auf seinem Hof arbeiten dürfe. Lene, die beim Herd hantierte, fiel beinahe der Krug mit der Sauermilch aus den Händen. Sie fing ihn gerade noch auf, aber ein Schwall saurer Milch schwappte auf den Boden. Hans Lederer blickte erst Roderig, dann seine Tochter an.

Nach einigen Augenblicken des Schweigens knurrte er: „Lene wird dieses Jahr fünfzehn. Wenn du drei Jahre auf meinem Hof arbeitest, gebe ich sie dir nach Ablauf der drei Jahre zur Frau.“

„He, werde ich vielleicht auch noch gefragt?“ kreischte Lene.

„Halt die Gusche!“ fuhr Hans Lederer seine Tochter an. „Oder ich frag euch, was ihr gestern Nacht in meiner Scheune getrieben habt!“

Seit diesem Tag spottete Lene nicht mehr über Norbert und Maja.

***

Im Spätsommer gebar Margit ihr erstes Kind, ein Mädchen. Als das Neugeborene drei Tage alt war und Leika meinte, es sei kräftig genug, um zu überleben, bekam es den Namen Hanna. Margit zog ins Haus ihrer Eltern zurück und die Mutter und Leika halfen ihr, den Säugling zu pflegen. Ulf kam jeden Abend nach der Tagesarbeit, seine Frau und sein Kind zu besuchen. Er brachte Milch, Käse und Brot, manchmal auch einen kleinen Topf Honig für Margit mit.

Den einen Abend kam Oliver erst spät von der Arbeit an Sven Hüttners Hof herein, als die Familie bereits um den Esstisch saß. Der Mutter entfuhr ein Entsetzensschrei. Alle starrten Oliver an. In der betroffenen Stille war nur Hannas Quengeln zu hören.

Olivers Haar war blutig, sein rechtes Auge zugeschwollen. Er spuckte Blut aus und ließ sich stumm auf die Bank fallen. Mutter betete zur heiligen Dame der Grotte.

Leika betastete Olivers Schädel und Gesicht. „Warte, ich koche einen Kräutersud und mache dir einen Verband.“

Hans Lederer stand auf und trat auf seinen Sohn zu.

„Mit wem hast du dich geprügelt?“

Es fiel Oliver schwer, zu sprechen. Immer wieder musste er Blut ausspucken.

„Lars Weidner,“ brachte er hervor.

„Wer von euch hat angefangen?“

Es klang drohend. Oliver richtete sich auf.

„Er. Fing mich vor Kurts Hof ab. Sagte, ich soll mich zum Teufel scheren. Wegen Grete. Will sie selber heiraten. Aber ich hab‘s ihm gegeben.“

Hans Lederer schwieg. Stumm ging er zu seinem Platz am Kopfende des Tischs zurück.

Während Leika eine Kräuterpaste auf Olivers Kopfwunden auftrug und ihm ein Leinentuch umband, grollte Hans Lederer vom Tisch her: „Wen von euch beiden will die Grete?“

„Mich.“

„Sicher?“

„Ich schwör‘s. Frag sie selbst!“

Hans Lederer antwortete nichts mehr.

Am nächsten Morgen winkte der Vater Norbert zu sich heran.

„Bevor du zu Björn Feldnersohn gehst, gehen wir beide zu Lars Weidner. Du bist alt genug, um zu lernen, wie man mit solchen Dingen umgeht. Später wirst du an meine Stelle treten. Dann musst du die Angelegenheiten im Dorf regeln können.“

Sie trafen Lars Weidner beim Holzspalten vor der Hütte, die er seit dem Verschwinden seiner Frau allein beim Hof Lutz Torstensohns bewohnte. Er legte das Handbeil weg und richtete sich auf, als er Hans Lederer und Norbert kommen sah. Lars‘ rechtes Auge war blutunterlaufen, seine Lippen geschwollen und aufgeplatzt. Stumm erwartete er den Vater, der sich ihm gegenüber stellte. Norbert wartete ein paar Schritt abseits, was geschehen würde. Lars blickte Norberts Vater voller Hass entgegen.

„Was war das gestern vor Kurt Morgners Hof?“ schnappte Hans Lederer.

Norberts Vater war zwar zwanzig Jahre älter, aber fast einen ganzen Kopf größer als Lars. Seine Schultern waren beinahe doppelt so breit. Er hatte kein Messer, keinen Dolch dabei. Lars‘ Beil lag griffbereit neben ihm auf dem Block.

„Dein Sohn will mir die Grete Morgner streitig machen.“

Lars‘ Aussprache war undeutlich, aber der drohende Unterton war nicht zu überhören. Hans Lederer stand keine zwei Schritt vor ihm.

„Wen von euch will die Grete?“

Lars‘ Gesicht wurde dunkelrot.

„Was geht dich das an, Hans Lederer? Sie ist meine Braut!“

„Hat Kurt Morgner sie dir versprochen?“

„Halt dich aus der Sache raus, Lederer!“

Lars‘ Stimme überschlug sich vor Wut.

„Ich schlag deinen Sohn zum Krüppel, wenn er noch mal zum Kurt Morgner geht.“

Die Stimme Hans Lederers wurde hart.

„Du bist ein erwachsener Mann, Lars. Wir Siedler halten Frieden untereinander. Das ist Gesetz. Du bist Wildenbrucher, das Gesetz gilt auch für dich. Du hast die Smeta zur Frau gehabt. Du könntest sie noch immer haben. Deine Schuld, dass du sie dazu getrieben hast!“

Lars Weidner stand schwer atmend da. Endlich schaute er zur Seite.

„Lass mich in Ruhe, Lederer.“

Ohne Vorwarnung langte Hans Lederer nach dem Beil. Lars stolperte zurück. Seine Stimme überschlug sich.

„Was soll das?“

Hans Lederer wog das Beil in den Händen.

„Dies ist meine letzte Warnung an dich, Lars. Lass die Grete in Ruhe. Und benimm dich.“

Er warf das Beil auf den Block zurück.

„Norbert, wir gehen.“

Norbert sah, dass Lars zitterte, während er dem davonmarschierenden Vater nachsah. Sein Gesicht war aschfahl.

***

Lars Weidner ging Oliver aus dem Weg, wenn er ihm auch wütende Blicke zuwarf, sooft sie sich im Dorf begegneten. Er besuchte Sven Hüttner und fragte, ob es etwas zu tun gäbe, doch Gretes Vater wies ihm keine Tätigkeit an. Grete zeigte offen ihre Verachtung für ihn. Dennoch erschien Lars Weidner beinahe jede Woche am Hof.

Als es Herbst wurde, nahm Björn Feldnersohn Norbert mit in den Wald auf die Jagd. Er erklärte ihm die Fährten und Losungen der Wildtiere und den Umgang mit Pfeil und Bogen.

„Das Jagen ist im gesamten Reich nur dem Adel erlaubt, aber wir Grenzsiedler haben die Erlaubnis des Kaisers, für unseren Lebensunterhalt zu jagen,“ erklärte Björn dem Jungen.

Den gesamten Winter über gingen Norbert und Björn Feldnersohn gemeinsam jagen. Norbert lernte das Bogenschießen schnell und auch beim Abhäuten und Ausweiden des Jagdwilds erwies er sich als geschickt. Björn Feldnersohn machte keinen Hehl daraus, wie zufrieden er mit Norbert war.

***

„Du wirst ein guter Jäger werden,“ erklärte Björn.

Norbert hatte eine Rehkuh erlegt und die beiden machten eine Pause beim Aufbrechen des Wilds. Rings um das aufgeschlitzte Tier war der Schnee mit Blut getränkt. Björn reichte Norbert die Feldflasche mit dem Kornbrand. Tapfer nahm Norbert einen Schluck. Noch immer schüttelte es ihn, wenn er das scharfe Getränk hinunterspülte. Hitze stieg ihm in den Kopf.

„Du wirst später deine Familie ernähren können,“ fuhr Björn fort. „Und ich weiß, dass du die Gabe besitzt – wie dein Vater. Und auch, dass du ein ebensolcher Hitzkopf sein kannst, wie er.“

Betroffen blickte Norbert zur Seite. In den kahlen Ästen rings umher sammelten sich die Krähen. Die schwarzen Vögel warteten darauf, dass die beiden Menschen abzogen, um sich über das Gekröse und die blutigen Innereien herzumachen.

Björn blickte den Jungen ernst an: „Dein Temperament und deine Gabe wirst du später einmal einsetzen, um die Siedlung zu schützen. So, wie es jetzt dein Vater tut.“

Er schlug Norbert auf die Schulter.

„In vier Jahren gebe ich dir die Maja zur Frau. Es ist gut, wenn unsere Familien sich verbinden.“

***

Der Winter wurde mild. Die Schneestürme im Januar hielten nur wenige Tage an. Es war nichts im Vergleich zu jenem furchtbaren Winter in Norberts neuntem Lebensjahr, in welchem die Totengeister um die Siedlung wandelten.

Im Frühjahr nach der Schneeschmelze gestattete Kurt Morgner dem Oliver die Heirat mit seiner Tochter Grete. Sie sollte in der Woche nach dem Frühlingsopfer stattfinden. Die Männer Wildenbruchs zogen in den Wald, um Bauholz für die Blockhütte zu fällen, die das Paar bewohnen würde. Lars Weidner schloss sich ihnen nicht an. Er diskutierte eine halbe Nacht lang mit Kurt Morgner, bis Kurt Morgner laut wurde und ihn hinauswarf.

Lars Weidner lief durchs Dorf und erzählte jedem, der es hören wollte: „Ich gehe zurück in die Zivilisation. Diese verfluchte Grenzsiedlung hat mir nichts als Unglück gebracht.“

Meistens war er betrunken.

Hans Lederer forderte den Lars Weidner auf, zum Abendbrot an seinen Hof zu kommen. Die Hofgemeinschaft saß bereits am Tisch, als Lars mit verbitterter Miene erschien. Sein Filzumhang war dunkel vom Regen, der um die Wohnhütte rauschte. Klamme Feuchte sickerte vom Strohdach her in den Raum. Jenseits des schwachen Lichts der Kienspäne auf dem Esstisch und des rötlichen Scheins der Herdglut lag der Raum im Dunkeln. Die Familie rückte auseinander und Lars setzte sich stumm an den Tisch. Er roch nach Bier. Leika gab ihm Bohnensuppe und Speck in die Holzschale.

Auch zu anderen Zeiten wurde an Hans Lederers Hof beim Essen nicht viel gesprochen. Aber das Schweigen, das seit dem Hereinkommen von Lars auf der Tischgemeinschaft lastete, kam Norbert unheilverkündend vor. Nur Hanna greinte in ihrer Wiege, die Margit mit ihrer Hand schaukelte.

Der Vater würdigte Lars keines Blicks, so als wäre Lars gar nicht anwesend. Erst als die Familie vom Tisch aufstand und Schalen und Becher abgeräumt wurden, setzte Hans Lederer sich zu Lars an den jetzt leeren Tisch. Die Hofgemeinschaft versammelte sich stumm um den Herd.

„Du musst aufhören mit dem Trinken und wieder anfangen, zu arbeiten,“ begann der Vater ohne Einleitung. „Im Suff kommt dir lauter Unsinn in den Kopf. Im Dorf wird erzählt, du hättest behauptet, dass du aus Wildenbruch weggehen willst.“

Im Halbdunkel sah Lars‘ vom wilden Haar und Bart umrahmtes Gesicht blass aus. In seinem Blick lag ein trüber Glanz.

„Was geht es dich an, was ich tue,“ murrte er. „Was soll ich noch in diesem Nest in der Einöde? Wenn ich gehen will, dann gehe ich. Schließlich könnt ihr mich nicht daran hindern.“

„Du bist einer von uns, Lars.“

Lars fuhr auf: „Hör auf damit! Was hab ich hier schon? Nichts! Ich gehöre nicht zu euch!“

„Hör mir zu! Als du vor acht Jahren in der Siedlung erschienst, haben wir dich nicht gefragt, woher du kommst, was dich aus dem Reich zu uns getrieben hat. Wir haben dich aufgenommen, haben dir angeboten, zu bleiben, Siedler zu werden. Du hast eine Frau genommen, wir haben gemeinsam dein Haus gebaut. Und du hast geschworen, dich an unsere Gesetze zu halten. Hast du das vergessen, Lars Weidner?“

Lars schnaufte wütend. Er antwortete nichts.

Drohend fuhr Hans Lederer fort: „Wir Grenzsiedler halten zusammen, Lars. Keiner von uns verlässt die Siedlung. Wir bleiben beieinander. Das ist das Gesetz. Und es gilt für dich genau wie für jeden von uns.“

Schwer atmend rief Lars: „Und wenn ich mich an eure verdammten Gesetze nicht halte? Was willst du dann machen, Lederer? Du kannst dich aufspulen, als wenn du der Dorfchef wärst, aber wenn ich gehen will, dann gehe ich!“

„Überleg dir das gut, Junge. Du hast einen Schwur getan. Es ist deine eigene Schuld, dass du dich so benommen hast, dass kein Mädchen in Wildenbruch dich mehr heiraten will. Geh wieder an die Arbeit. Und hör auf mit dem Saufen.“

Lars sprang auf.

„Nein! Ich brauch nichts zu überlegen. Du hast mir nichts zu sagen. Ich tue, was ich will.“

„Du bist betrunken, Junge. Sei vorsichtig, was du sagst.“

„Ich lasse mir von dir nicht drohen,“ schrie Lars. „Ich gehe! Morgen früh mach ich mich auf den Weg. Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ihr verfluchten Siedler!“

Hans Lederer stand auf.

„Komm mit vor die Tür, Lars Weidner. Wir reden draußen weiter.“

Norbert kannte diesen Tonfall. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.

„Du kannst genauso gut drinnen bleiben,“ krächzte Lars. „Ich rede nicht mehr mit dir.“

Er schwankte zur Tür und riss sie auf. Draußen strömte der Regen in der Dunkelheit. Als Lars zur Tür hinausstolperte, wandte Hans Lederer sich zum Herd. Sein Gesicht verzerrte sich. Er griff das Handbeil vom Holzstapel neben dem Herd, schritt hinaus und warf die Haustür von außen zu. Alle starrten blass in die Herdglut. Niemand sagte ein Wort. Draußen war Lars‘ empörte Stimme zu hören. Dann ein überraschter Ausruf, der in einen Schrei überging. Der Schrei brach ab. Etwas Schweres polterte gegen die Tür.

Hanna weinte in der Totenstille. Wie gelähmt saß die Hofgemeinschaft um den Herd. Der Vater kam nicht wieder herein.

Erst Stunden später kam Hans Lederer durchnässt vom Regen ins Haus. Norbert, Lene und die Mutter saßen noch immer an der wieder und wieder geschürten Glut. Die anderen hatten sich auf ihre Lager zurückgezogen.

Ein Schwall feuchter Kälte drang mit dem Vater in den Raum. Hans Lederers Kleider waren lehm- und dreckverschmiert. Mit einer von Erde schwarzen Hand warf er das Beil neben dem Herd auf den Boden. Langsam, als schleppte er eine schwere Last, ging er zum Lehnstuhl in der Ecke, ließ sich in den Stuhl sinken und begrub das Gesicht in den dreckigen Händen. Niemand wagte, ihn anzusprechen. Norbert, Lene und die Mutter schlichen zu ihren Lagern.

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