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Thomas Hoffmann Blaues Feuer
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Während der Fremde sich mit raschen Schritten entfernte, schaute Norbert zum Brunnen hinüber. Das Mädchen war nicht mehr da. Auch die Pfütze nicht, die sich unter ihr gebildet hatte.
***
Auf dem Strohlager in der stockdunklen Herberge schwirrte Norbert der Kopf von den Ereignissen der letzten Tage: die atemberaubende Weite der Ebene - die Kriegsknechte mit ihren Waffen und Rüstungen - der geheimnisvolle Abenteurer... die vielen Dinge, die der Vater gesagt hatte - Norberts Wut beim Gedanken an die heftige Ohrfeige... das blaue Licht aus der Gepäcktasche, die Schatten der anderen Welt im diffusen blauen Licht, das entfernte Kreischen der Flöte... das verzweifelte Mädchen am Brunnen... dann das raubtierartige Grollen aus der Grotte und Smetas Schreie...
Die Worte des Abenteurers klangen Norbert in den Ohren: „Such dir einen Lehrmeister, der dich im Umgang mit der Anderwelt schult...“
Ich werde kein verrückter Gelehrter, ich werde ein Krieger wie Beowulf!
Norbert wälze sich im muffigen Stroh herum. Auf der Seite der Soldaten hustete jemand rasselnd. Ein anderer murmelte und schmatzte im Schlaf. Norbert konnte lange nicht einschlafen.
***
Der folgende Tag brachte Nieselregen. Über aufgeweichte Wege zogen die beiden Reisenden vorbei an Viehweiden, Hecken und von Bächen durchflossenen Gehölzen. Der Regen rann Norbert übers Gesicht und in den Nacken. Alle paar Schritte musste er Rotz hochziehen. Seine Nase lief, aber Petra störte das nicht. Er wusste, dass Lene das maßlos ärgern würde, wenn er es ihr erzählte. Insgeheim freute er sich schon darauf.
Am Nachmittag sichteten sie Altenweil. Die Stadt lag auf einer Anhöhe. Hoch oben auf einem Felsplateau inmitten der Stadt erhoben sich die grauen Mauern und der wuchtige Rundturm der Markgrafenburg. Norbert blickte atemlos zu den Stadtmauern und Wehrtürmen Altenweils auf. Schiefe, steile Dächer ragten hinter den Mauern hervor.
„Ist das die größte Stadt der Welt, Vater?“
„Du bist ein dummer Junge. Trümmelfurt ist viel größer als Altenweil. Und Klagenfurt, die Kaiserstadt an der Lorn, erst recht.“
Es gruselte Norbert bei der Vorstellung von Riesenstädten, in denen sich Haus an Haus drängte, deren Bewohner vielleicht nie in ihrem Leben gesehen hatten, wie Sonnenstrahlen durchs Blätterdach des Waldes rieselten. Die dunklen Mauern von Altenweil machten ihm Angst.
***
Im Stadttor mussten sie angeben, wie sie hießen und woher sie kamen. Ein Reiter in Kettenhemd und Kettenhaube zahlte den Wachen das Torgeld aus der Lederbörse an seinem Gürtel. Sein Knappe wartete mit den vom Ritt schwitzenden Pferden. Norbert blickte sich mit klopfendem Herzen um. Überall grauer Stein: Das Torgewölbe bestand aus großen Feldsteinen, der Boden war gepflastert. Der düstere Tordurchgang bedrückte ihn.
Als Vater erklärte, sie seien Siedler, durften sie passieren, ohne Torgeld zahlen zu müssen. Sie traten hinaus in die lärmende Gasse. Norbert hatte den Eindruck, die schiefen Fachwerkhäuser mit ihren über die Gasse ragenden Erkern müssten jeden Moment über ihm zusammenstürzen. Der Gestank von verrottenden Küchenabfällen und Fäkalien lag in der Luft. Männer und Frauen in ungefärbter und brauner Kleidung drängten sich um die Auslagen der Läden und versuchten, das Rattern der Handwagen auf dem Pflaster zu überschreien. Norberts erster Impuls war, auf der Stelle durchs Stadttor wieder hinauszurennen.
Hier halte ich es keinen Tag lang aus!
Aber der Vater führte den Esel zügig durch das Gedränge und Norbert musste hinter ihm her, damit er ihn nicht aus den Augen verlor. Drei oder vier Burschen in einem Hoftor grinsten, als er vorbei ging. Boshaft lachend zeigten sie auf seine nackten Füße. Norbert biss die Zähne zusammen. Seine Finger krampften sich um den Wanderstab.
Der Vater bog in eine enge Seitengasse ein. Der Lärm ebbte ab. Nur wenige Alte saßen in den niedrigen Hauseingängen und rauchten. Die Häuser neigten sich bedrohlich über der dämmrigen Gasse zusammen. In Winkeln lagen Haufen von Unrat. Ratten huschten umher. Norbert begriff nicht, wie man in solchem Dreck und solcher Enge leben konnte.
Auf dem höchsten Punkt der Gasse zwängte sich ein Rundturm in die Häuserzeile. Er war kaum zwölf Schritt breit und die oberen Geschosse unter dem steilen Spitzdach sahen so schief aus, das Norbert geschworen hätte, er müsse sofort einstürzen. Es gab nur ein schmales Fenster in jedem Stockwerk. Ein paar Stufen führten zur Pforte hinauf. Über einem eisernen Türklopfer war ein vergilbtes Pergament an die Tür geheftet. Norbert vermutete, dass die verwaschenen Zeichen auf dem Pergament Buchstaben waren. Leika hatte einmal von Büchern erzählt, in denen Buchstaben sich zu Wörtern zusammenfügten, so dass man lesen konnte, was ein anderer in das Buch hineingeschrieben hatte. Norbert hielt es für schiere Zauberei.
Auf Vaters Klopfen wurde die Tür geöffnet und der Vater wechselte ein paar Worte mit jemandem hinter der Tür. Im dunklen Turmeingang konnte Norbert niemanden erkennen.
Der Vater drehte sich zu ihm um. „Warte hier mit dem Esel!“
Er verschwand mit der Gepäcktasche im Turm. Die Pforte schloss sich hinter ihm. Norbert blickte schaudernd zum Spitzdach des Turms hinauf. Er war fest überzeugt, dass in diesem Gemäuer inmitten der lärmenden, verdreckten Stadt nur ein Irrsinniger hausen konnte.
Der Esel stand geduldig, während Norbert von einem Bein aufs andere trat und auf den Vater wartete. Er wünschte, er hätte alles bereits hinter sich, wäre aus der Stadt hinaus und mit dem Vater unterwegs zurück zum Gornwald. Nie, nie würde er hierher zurückkehren, das schwor er sich. Als die Pforte sich öffnete, schreckte er auf. Er hörte den Vater mit jemandem reden. Vater trat aus der Pforte. Der alte Mann, der ihm nachkam, war in ein dunkles Gewand mit weiten Ärmeln gekleidet. Das hohlwangige Gesicht war von Falten durchzogen. Mit Fingern, die Norbert an Klauen erinnerten, schüttelte er Vater die Hand.
Norbert hörte Vater sagen: „Nein, ich bringe ihn zu den Armen Brüdern. Ich will, dass er geheilt wird.“
Der Blick des Alten lag auf Norbert. Kleine, stechende Augen musterten ihn. Norbert wäre am liebsten weggerannt. Der Alte sagte etwas zum Vater, dann schloss er die Turmpforte. Vater kam die Stufen herab und nahm Norbert die Leine aus der Hand.
„Das Kloster liegt am Marktplatz. Heute ist es zu spät, die Mönche aufzusuchen. Wir übernachten im Gasthof „Zum frommen Pilger“. Dorthin gehe ich jedes Mal in Altenweil. Dort ist es billig und gut.“
***
In der Torgasse wurden die Läden zu den Werkstätten der Handwerker geschlossen. Die Gasse leerte sich. Hinter der schwarzen Silhouette der Felsenburg über den Dächern der Stadt leuchtete trübes Abendrot.
Der Marktplatz lag am Ende der Torgasse. Obwohl der Burgfelsen den Platz überschattete, war es hier heller und die Luft kam Norbert reiner vor als in den engen Gassen der Unterstadt. Bei den großen Häusern vor dem Burgfelsen am gegenüberliegenden Ende des Platzes konnte es sich wohl nur um die Schlösser von Grafen oder Fürsten handeln, glaubte Norbert. Aber er wollte den Vater nicht schon wieder fragen. An der Ostseite begrenzte eine hohe Backsteinmauer den Marktplatz. Ein wuchtiges Gebäude ragte hinter der Mauer auf. Zwischen abgeschrägt gemauerten Außenpfeilern blickten oben unter dem Dach winzige Fenster aus den Mauern.
„Das Kloster der Armen Brüder,“ erläuterte Vater auf Norberts ehrfürchtigen Blick.
Die gewaltigen Tempelmauern waren nur ein weiterer drohender Schrecken dieser Stadt, von der Norbert glaubte, dass er sie bis an sein Lebensende hassen würde wie die Pest.
Auf dem Marktplatz wurden die Stände geleert. Händler luden ihre Waren in Schulterkiepen und Karren. In Lumpen gehüllte Frauen und dreckstarrende Kinder wanderten zwischen den Ständen herum und sammelten Gemüseabfälle auf. Die Händler fuhren sie an, manche traten auch zu, doch die Bettelleute zogen lediglich die Schultern ein und bückten sich nach dem nächsten Gemüserest. Ein Junge rannte über den Marktplatz, von rachsüchtigem Geschrei verfolgt. Er presste einen Kohlkopf gegen sein zerfetztes Hemd. Norbert blickte ihm mit klopfendem Herzen nach, bis er in einer Gasse verschwand. Ein untersetzter Mann in einer Schürze brüllte ihm hinterher. Er schwang ein Tischbein in der Faust.
Norbert blickte sich um wie gehetzt, als würde er selbst verfolgt von den wütenden Marktleuten. Da kauerten Gestalten an den Hausmauern längs des Platzes. Aus dreckigen Lumpen streckten sie den Vorbeigehenden Armstümpfe entgegen, blinzelten einäugig aus entstellten Gesichtern, ein Junge ohne Beine saß in einem Handwagen. Vater ging an ihnen vorbei, ohne sie zu beachten.
„Erbarmen, Junge, einen Viertelkreuzer für einen Diener des Grafen, der seinem Herrn treu gedient hat.“
Eine Krücke schwang vor Norbert. Der junge Mann, der sie hielt, hatte seinen Beinstumpf mit schmutzigen Lappen umwickelt. Sie waren dunkel von Blut. Auch das Sackleinen um die seltsam verkrümmte Hand waren blutverkrustet.
„Nur einen Viertelkreuzer, guter Junge!“
Fassungslos starrte Norbert in das ausgezehrte Gesicht. Er bekam keinen Ton heraus. Verzweifelt schüttelte er den Kopf, als könnte er die Erscheinung dadurch vertreiben. Dann rannte er dem Vater hinterher.
„Vater!“
Er konnte nicht anders, er musste sich an Vaters Jacke klammern. Tränen rannen Norbert übers Gesicht.
„Vater, was sind das für Leute?“
„Ich habe dir gesagt, dass du sie sehen würdest. Kriegskrüppel: Männer, die mutig aber dumm genug waren, in den Krieg zu ziehen. Jetzt sind sie klug geworden. Aber das schützt sie nicht mehr vorm Verrecken.“
Norbert wurde schlecht.
„Vater, lass uns weggehen. Lass uns draußen übernachten, nicht in der Stadt.“
„Unsinn, komm jetzt. Reiß dich zusammen!“
Der Vater schlug ihm über den Kopf – es war nur ein angedeuteter Schlag.
„Ich habe dir geraten, zuerst klug zu werden. Du wirst jetzt wohl auf mich hören, wie?“
Norbert nickte stumm.
***
Der Gasthof „Zum frommen Pilger“ lag ein paar Quergassen abseits vom Markt an der unteren Klostermauer. Es war ein großer Gasthof. Licht schimmerte aus den Pergamentfenstern im Erdgeschoss auf die Gasse hinaus. Aus der halboffenen Tür drangen Essensgerüche und Stimmengewirr. Der Vater und Norbert brachten den Esel in den Stall. Vater gab dem Stallknecht Trinkgeld und nahm dem Esel das Gepäck ab. Durch den Hinterhof mit den Latrinen und der Waschküche gingen sie zur Gaststube hinüber. Irgendwo lachte ein Mädchen. Ihr Juchzen passte nicht in eine Pilgerherberge, wie Norbert sie sich vorstellte.
Die Gaststube nahm das gesamte Untergeschoss des Wirtshauses ein. Viele der langen Tische waren voll besetzt. Männer mit abgearbeiteten, blassen Gesichtern hielten ihre Bierhumpen in die Höhe und prosteten den Schankmädchen zu, die mit Armen voller Humpen von den Bierfässern her kamen. Die Mädchen hatten saubere Kleider an, stellte Norbert staunend fest, manche sogar blau gefärbte Schürzen, die sie sich eng um die Taille geschnürt hatten. Eine junge Frau erzählte den Männern an den umgebenden Tischen mit in die Hüften gestemmten Armen eine Geschichte, die offenbar sehr lustig war, denn die Männer johlten und prosteten ihr zu. Über der Herdstelle wurde ein Spanferkel am Spieß gedreht. Es roch nach Bier, verschwitzten Körpern und Braten. Norbert lief das Wasser im Mund zusammen.
Sie suchten sich einen freien Platz an einem Tisch am unteren Ende der Gaststube.
Der Vater fragte das Mädchen, das an den Tisch kam: „Ist Rebekka nicht da?“
Das Mädchen überlegte kurz. Dann sah sie Hans Lederer nachdenklich an. Der Vater holte den Geldbeutel aus der Jacke, legte ihn klimpernd auf den Tisch ohne ihn loszulassen und steckte ihn wieder ein. Norbert beobachtete die Szene gespannt, ohne etwas begreifen zu können.
„Ich glaube, Rebekka ist in der Waschküche,“ sagte das Mädchen mit einem seltsamen Blick auf Norbert. „Ich sag ihr Bescheid. Soll ich dir Bier bringen?“
Der Vater nickte. „Und dem Jungen auch. Essen wollen wir auch was.“
„Ich bringe euch Eintopf und Bier. Wollt ihr auch Spanferkel?“
Oh ja, bitte, bitte! dachte Norbert.
Doch er wusste, dass der Vater kaum viel Geld ausgeben würde. In Wildenbruch achtete er stets genauestens darauf, dass niemand mit dem Essen verschwenderisch umging.
„Ja,“ sagte Hans Lederer. „Und gib uns Brot dazu.“
Norbert starrte den Vater mit großen Augen an.
Der duftende Krustenbraten, der Kartoffeleintopf und das frische Brot ließen Norbert die Schrecken der Unterstadt und des Marktplatzes vergessen. Er war so mit Kauen und Schlucken beschäftigt, dass er den Wirtshauslärm kaum noch wahrnahm. Das Bier stieg ihm in den Kopf und machte ihn dösig. Die junge Frau bemerkte er erst, als sie sich zu ihnen an den Tisch setzte. Ihre Schürze war ausgebleicht und sie hatte Schwielen an den Händen, aber die Haut ihrer Unterarme, des Gesichts und des Halses, der bis zum Schlüsselbein zu sehen war, war sauber. Ihr brünettes Haar war gewaschen und ordentlich aufgesteckt. So viel Mühe um ihr Äußeres gaben sich die Wildenbrucher Frauen nur an Festtagen. Die junge Frau hatte ein hübsches Gesicht, fand Norbert. Er wunderte sich, warum sie ihr Kleid nicht bis oben zugeschnürt hatte.
„Sonst kommst du immer im Herbst,“ sagte die Frau zu Hans Lederer.
Sie war wohl die Rebekka, nach der der Vater gefragt hatte.
Hans Lederer deutete auf Norbert. „Mein Sohn. Er ist geistersichtig. Es gibt Gerede darüber im Dorf. Ich bringe ihn zu den Armen Brüdern, damit sie über ihm beten.“
Den Blick, mit dem die Frau, die wohl Rebekka war, ihn betrachtete, fand Norbert freundlich.
„Glaubst du, die Gebete der Armen Brüder werden ihm helfen?“
„Wehe, wenn nicht!“ grollte Hans Lederer. „Er soll sich bloß zusammenreißen!“
Er sah Norbert drohend an. Norbert guckte auf seinen Teller und stopfte sich Spanferkel in den Mund, weil er nicht wusste, was er darauf für ein Gesicht machen sollte. Als er aufgekaut hatte, wischte er mit dem Finger den letzten Rest Suppe aus der Holzschale. Der Vater und Rebekka unterhielten sich leise. Rebekka nahm Norbert den Suppenteller aus der Hand.
„Ich hole dir noch Eintopf. Du brauchst bei uns nicht zu hungern.“
Norbert musste an die Kriegskrüppel draußen beim Markt denken. Plötzlich fühlte er sich schlecht.
Als Rebekka mit dem vollen Teller Suppe zurück an den Tisch kam, fragte Norbert, obwohl sein Herz dabei zu pochen anfing: „Warum gibt niemand den Kriegskrüppeln was zu essen? Und den Bettelkindern?“
Aus irgend einem Grund glaubte er, solange Rebekka am Tisch saß, würde er vom Vater keine Ohrfeigen kassieren. Der Vater schlug tatsächlich nicht zu.
Statt dessen grollte er: „Weil die nichts haben, womit sie bezahlen können! Wer sollte ihnen da was geben wollen? Wenn du allen Krüppeln der Welt dein Geld geben willst, bist du bald selber Bettler! Glaub bloß nicht die Ammenmärchen, die die Weiber im Dorf erzählen: Wenn eine ihr letztes Hemd weggibt, regnen die Sterne Gold auf sie herab. Im Dreck landet sie, nirgends sonst!“
Norbert musste wohl ein sehr bestürztes Gesicht gemacht haben, denn Rebekka legte ihm die Hand auf den Arm und sagte versöhnlich: „Die Armen Brüder betreiben ein Siechenhaus im Kloster. Da waschen sie den Kriegsversehrten die Wunden und verbinden sie. Sie geben ihnen auch etwas zu essen, aber dann schicken sie sie fort. Es heißt, es gibt einen Streit zwischen dem Abt und dem Markgrafen. Der Abt sagt, die Kriegsleute hätten dem Markgrafen gedient, zu dem sollen sie gehen, damit er sie versorgt.“
Das verstand Norbert nicht, aber er hörte auch kaum zu, weil er es mochte, wie Rebekkas Hand auf seinem Arm lag. Er hätte ihre Berührung gerne noch länger gespürt, aber sie zog die Hand weg.
Sie lächelte Hans Lederer an. „Du hast einen aufgeweckten Jungen, Hans.“
Der Vater betrachtete seinen Sohn zweifelnd.
„Noch ist er nicht klug, aber klug werden muss er, das rate ich ihm!“
***
Norbert döste am Tisch, während der Vater und die junge Frau leise miteinander sprachen. Das Bier und das Essen machten ihn müde. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so satt gewesen war. Lärm, Bierdunst und das Durcheinander der Menschenmenge in der Gaststube schwammen ihm im Kopf und er wusste nicht, ob er noch wach war, oder ob er bereits im Halbschlaf träumte.
Irgendwann hörte er Rebekka sagen: „Dein Sohn schläft gleich ein, Hans, ihm fallen ja schon die Augen zu.“
Norbert dachte, sie wollte ihm eine Ohrfeige geben, aber sie fuhr ihm bloß zärtlich durchs Haar. Er konnte sich nur noch schwer konzentrieren.
„Ich bringe ihn nach oben in die kleine Kammer, da kann er schlafen, ohne dass die Betrunkenen ihn stören.“
Der Vater nickte. Norbert hatte gedacht, Vater und er würden zusammen übernachten. Aber der Vater machte diese Miene, die er immer machte, wenn er der Verena eine Speckseite oder ein Ferkelchen brachte. Norbert sah sich in der Gaststube um. Mit einem Mal hatte er den Eindruck, dass es gar nicht wegen dem Bier oder dem Essen war, weswegen viele der Männer im Raum in den „frommen Pilger“ gekommen waren.
Er folgte Rebekka zur Treppe neben der Küche. Rebekka brachte einen glimmenden Kienspan. Aus einer Truhe nahm sie Decken und ging ihm voraus nach oben. Neben dem Wäscheboden öffnete sie die Tür zu einer kleinen Kammer. Es gab einen schmalen mit Stroh gefüllten Bettkasten und eine Truhe. Die Dachluke war mit einem Laden verschlossen. Rebekka setzte den Kienspan in einen Ständer auf der Truhe.
„So, hier kannst du dich ausruhen.“ Sie legte die Decken im Bettkasten zurecht. „Wenn du später noch mal Hunger bekommst, geh nur runter in die Küche und lass dir ein Stück Brot geben. Die Küchenmägde wissen alle, dass du Hans Lederers Sohn bist. Du brauchst hier keinen Hunger zu haben.“
„Rebekka?“
Sie sah ihn fragend an.
„Bringt dir Vater auch ein Geschenk? Der Verena im Dorf bringt er immer eine Speckseite oder ein Stück Rauchfleisch oder so etwas, wenn er zu ihr geht.“
Sie fuhr ihm durchs Haar. „Du redest wie ein dummer kleiner Junge. Erwachsene sprechen nicht über solche Dinge.“
Sie reden nicht drüber, aber sie tun es trotzdem.
„Und nun schlaf. Träum schön.“
„Rebekka, ich hab Angst, dass ich von den Kriegskrüppeln träume.“
In Rebekkas Augen lag eine traurige Zärtlichkeit, als sie ihn sanft in die Decken drückte. „Daran musst du nicht denken. Wenn wir alle Nase lang an den Tod dächten und das Elend, das einen erwischen kann, wie sollten wir das aushalten? Du bist ein gewitzter, gesunder Junge und hast einen fleißigen, hart arbeitenden Vater. Du wirst deinen Weg gehen. Du brauchst keine Angst zu haben vor dem Elend.“
Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und während Norbert sich noch darüber wunderte, ging sie hinaus und schloss die Tür leise hinter sich.
Norbert lag im Lichtschimmer des Kienspans und starrte zu den schrägen Dachbalken hinauf. Die Ecken der Kammer lagen im Dunkeln. Sein Kopf drehte sich. Er fühlte sich unendlich fremd in dieser Stadt. Jetzt im trüben Schimmer des Kienspans jagte ihm alles, was er gestern und heute erlebt hatte, Angst ein. Er tastete in der Hosentasche nach dem Holzpüppchen.
Petra, wenn ich groß bin, werde ich Krieger und räche alles, alles! Was sie den Elben angetan haben und der Smeta, dem Mädchen am Brunnen und den Kriegskrüppeln. Wenn ich erst ein Held geworden bin, dann werde ich...“
Aber er wusste gar nicht mehr, was er denn unternehmen würde, um das alles gut zu machen, was ihn bedrängte. Er presste das Püppchen an seine Brust und weinte vor Wut und Verzweiflung.
Ich bin bei dir, sagte Petra. Hab keine Angst.
***
Norbert wachte früh auf und ging in die Küche hinunter, wo er Brot mit Schmalz bekam und auf den Vater wartete. Der Vater sah müde aus, als er hinunterkam. Sie frühstückten Gerstengrütze mit Bier und machten sich zum Tempel auf.
Im Klosterhof waren nur wenige Menschen. Ein paar Frauen mit abgedeckten Körben gingen zwischen den niedrigen Gebäuden an der oberen Mauer umher. Vor dem Tempelportal standen Reisende in Filzumhängen mit langen Stecken in den Händen. Pilger, vermutete Norbert. Echte Pilger. Die Morgensonne brach durch die Wolken und beschien mehrere Reihen steinerner Gräber zwischen dem Tempelgebäude und der Klostermauer. In die Grabstelen waren kleine Bilder in verwaschenen Blau- und Rottönen eingearbeitet.
Das massige Tempelgebäude stand wie ein unverrückbarer Fels dem Eingang zum Klosterhof gegenüber. Norbert glaubte, die wuchtigen Mauern müssten von Riesen erbaut worden sein. Hinter dem Tempelportal öffnete sich eine von Pfeilern getragene Halle. Das Deckengewölbe lastete in einer derartigen Höhe auf den Stützpfeilern, dass es Norbert den Atem raubte. Die höchsten Waldbäume, die er kannte, waren kaum so hoch. Diesiges Licht rieselte aus kleinen Fenstern zwischen den Seitenpfeilern in die Halle herab. In fensterlosen, vergitterten Seitengewölben brannten unzählige Kerzen vor dunklen Bildaltären, deren Konturen in den Schatten verschwanden.
Norberts Herz klopfte heftig. Der Vater sprach mit einem Mönch und zählte ihm mehrere Münzen auf die Hand. Der beleibte Mann in der schwarzen Kutte schaute Norbert nicht an. Er ging Norbert und dem Vater voraus zu einem Seitengewölbe, schloss das Gitter auf und wies Norbert hinein vor den dunklen Altar. Kerzen standen vor einer Kniebank auf dem Boden. Überall an den Wänden zu den Seiten des Altars waren kleine Tafeln angebracht.
„Dies alles sind die Votivtafeln derer, die von der heiligen Mutter von Altenweil geheilt oder von großem Unglück erlöst worden sind,“ erklärte der Mönch dem Vater. „Bei deinem nächsten Besuch in Altenweil wirst du ebenfalls eine Tafel zum Dank für die wunderbare Heilung deines Sohnes hier anbringen lassen können.“
„Mögen eure Götter es geben,“ knurrte der Vater.
Der Mönch legte Norbert seine fleischige Hand auf die Schulter. „Zweifle nicht, mein Sohn, du wirst von deiner Plage erlöst werden.“
Ich hab keine Angst, dachte Norbert, am ganzen Körper zitternd. Ich lasse mich nicht verzaubern. Auch nicht von eurer heiligen Mutter.
Der Mönch befahl ihm, sich auf die Bank vor dem Altar zu knien. Dann öffnete er die Altarklappen. Das Bild dahinter war im Schimmer der Kerzen kaum zu erkennen. Aber es stellte keine Mutter dar, dachte Norbert. Es war das Bild eines jungen Mädchens mit verdrehten Augen, die ein Rehkitz im Schoß hielt. Sicher würde der Mönch böse werden, wenn Norbert fragte, was das Bild bedeutete. Er hielt lieber den Mund.
Vielleicht mag sie das Rehkitz nicht und guckt darum so komisch.
Der Mönch murmelte ein Gebet. Norbert biss die Zähne zusammen. Es passierte nichts. Kein Wunder geschah. Verstohlen beobachtete Norbert eine Maus, die hinter dem Altar am Boden entlang schnupperte.
***
Vor dem Eingang zum Klosterhof erklärte der Vater: „Ich will ein paar Sachen einkaufen für zu Hause. Geh zum Gasthof und warte auf mich in der Küche bei den Mägden. Mach flott und trödle nicht!“
Norbert ließ es sich nicht zweimal sagen und lief auf den Marktplatz hinaus.
Zwischen den Ständen drängte sich eine bunte Menge. Frauen in graubraunen Kleidern und Holzschuhen trugen Körbe in den Händen. Sie diskutierten mit den Marktfrauen. Händler in Schürzen und Handwerker in kurzen Arbeitskutten schrien sich über die Standtische hinweg an. Männer in Stiefeln mit Dolchen oder Schwertern an der Seite, die Norbert für Reisende hielt, betrachteten die Auslagen auf den Tischen. Es gab Stände mit Säcken und Körben voller getrockneter Früchte, an denen Norbert das Wasser im Mund zusammen lief, Tücher und Stoffballen in unglaublicher Menge, glänzende Kupferkessel in jeder Größe und Becher und Teller aus Zinn, die wohl für hohe Adlige ausgestellt wurden, dachte Norbert staunend. An einem Gemüsestand plauderte ein Händler mit zwei Kriegsknechten. Sie hatten ihre Piken gegen die Schultern gelehnt und kauten Rettich. Der Händler warf Norbert einen feindseligen Blick zu.