Thomas Hoffmann Blaues Feuer
Blaues Feuer
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Thomas Hoffmann Blaues Feuer

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„Ja.“ Norbert hoffte, dass es die richtige Antwort war.

Noch immer schaute der Vater ihn an.

„In Wildenbruch,“ erklärte er, als müsse er sich die Worte mühsam zusammensuchen, „leben wir an der Grenze – im Urwald, wo vorher noch nie Menschen gelebt haben. Vieles ist dort gefährlicher, wilder als an den Orten, wo Menschen schon lange wohnen. Wir müssen uns in Acht nehmen. Wir müssen die Grenze respektieren, sonst ist es um uns geschehen, verstehst du?“

Hans Lederer suchte sichtlich nach Formulierungen. Norbert starrte seinen Vater mit offenem Mund an. Also wusste er...?

„Die Smeta Weidner...“ Es kam Hans Lederer nur zögernd über die Lippen, „die Weidnerin hat die Grenze nicht respektiert. Sie ist hinübergegangen...“

Norbert musste sich zusammenreißen, um nicht aufzuschreien. Das Zittern überkam ihn wieder.

Vaters Blick war unerbittlich. „Verstehst du, Norbert?“

Norbert blickte zu Boden.

„Dein Gerede über Geister muss aufhören, hörst du?“ forderte Hans Lederer.

„Ja,“ hauchte Norbert.

Und ich hör doch nicht damit auf!

***

Bis zum Abend marschierten die Reisenden flussaufwärts. Immer höher erhoben sich die bewaldeten Hügel zu den Seiten des Flusses. Norbert hatte Seitenstiche vom schnellen Gehen. Wieder und wieder rutschten seine nackten Füße auf Lehm und feuchtem Gras aus. Die Freude über die Marktreise war verflogen. Seit der Mittagsrast war eine dumpfe Empörung über ihn gekommen, seit ihm klar geworden war, dass Vater wusste, was mit Smeta geschehen war. Vielleicht, bestimmt sogar hatte Vater es vorausgesehen – und er hatte nichts gesagt! Möglicherweise wusste er auch von Großmutter – und hatte ihn trotzdem geschlagen... oder gerade deswegen! Leika hatte behauptet, die anderen verstünden nichts. Doch eine viel grausamere Wahrheit dämmerte Norbert herauf.

Bei Sonnenuntergang erstiegen sie einen Hang und suchten sich zwischen den Wurzeln alter Buchen einen Schlafplatz. Nach dem Abendimbiss, den sie schweigend zu sich nahmen, gab Vater Norbert eine Wolldecke heraus. Norbert schmerzten sämtliche Körperpartien nach dem Tagesmarsch. Er streckte sich aus, wo er war und wollte sich in die Decke rollen.

„Nicht dort neben dem Gepäck – komm hier herüber auf meine andere Seite!“ grollte der Vater.

Es war der Tonfall, den Norbert gewöhnt war, nicht der jenes ernsten, nach Worten suchenden Mannes, der ihm während der Mittagsrast so fremd vorgekommen war.

„Nicht, dass du dich nachts ans Gepäck schleichst und heimlich am Proviant zu schaffen machst!“

Auf so blödsinnige Ideen konnten nur Erwachsene kommen.

***

So müde er war, fand Norbert doch keinen Schlaf. Er rutschte in der Wolldecke auf dem unebenen Boden umher und versuchte, eine halbwegs bequeme Schlafposition zu finden. Aber immer wieder drückte ihn eine Wurzel, ein Stein. Was Vater über Smeta gesagt hatte, ging ihm im Kopf herum: sie wäre über die Grenze gegangen. Die Schreie aus der Grotte. Ihre blutig aufgerissenen Arme und Hände. Leise stöhnend wälzte Norbert sich umher. Vater schnarchte laut. Norbert tastete in der Hosentasche nach Lenes Holzpüppchen und umschloss das glatte Holz mit den Fingern. Er brachte das Figürchen dicht vor sein Gesicht.

Du musst mir helfen, Petra. Ich darf keine Angst bekommen, weil ich doch ein Held werden will – wie Beowulf. Aber ich hab immerzu so schreckliche Angst!

Das Püppchen lachte nicht. Es blickte auch nicht höhnisch oder verächtlich. Norbert wusste, dass Petra ihn verstand.

Ein paar Schritt abseits döste der Esel mit hängendem Kopf im Stehen. Jetzt hob er den Kopf und gab ein kurzes Knurren von sich. Norbert blickte durch die Baumkronen hinauf in den Nachthimmel. Die Mondsichel war von einem trüben Hof umgeben. Wald und Hügel langen in fahlem Dämmerlicht. An Vaters Schulter glänzte die Silberfibel, die den Umhang zusammenschloss, hell im Mondlicht. Aber drüben, beim Gepäck!

Mit einem Ruck fuhr Norbert hoch. Ein fahlblauer Schimmer umgab die Gepäcktaschen. Norbert kroch ein Schauder über den Rücken, wie von tastenden Fingern. Die Nackenhaare sträubten sich ihm. Das blaue Glühen schien aus den Gepäcktaschen hervorzukriechen. Der Esel zerrte knurrend an seiner Leine. Vaters Fibel strahlte hell, obwohl kaum Mondlicht schien.

Vorsichtig wickelte Norbert sich aus der Decke. Er schob das Püppchen zurück in die Hosentasche. Vater schnarchte. Fröstelnd stand Norbert auf.

Ich hab keine Angst, erklärte er Petra.

Er biss die Zähne fest zusammen, damit sie nicht aufeinander schlugen. Norbert zitterte am ganzen Leib. Aber er schlich sich um Vater herum zu den Gepäcktaschen. Es war, als würde die Nachtluft kälter. Aus einer der Taschen glühte es fahlblau heraus.

Wenn Vater wüsste, was er in seinem Gepäck hat!

Norberts Wissbegier siegte über seine Angst, über die unterschwellige Ahnung drohender Gefahr. Petra passte auf ihn auf. Zumindest redete er es sich ein. Mit klammen Fingern öffnete er die Tasche.

Kaltes blaues Licht blendete ihn. Er hatte das Gefühl, fortgerissen zu werden, weit weg von aller Wärme, allem Leben. Reglos starrte er in dieses unirdische Licht, er kannte es, er hatte es schon einmal gesehen, aber wo? Es war wie ein Sog, der ihn mit sich fortriss, in eine fremde, andere Welt, deren Schemen nebelhaft in der Ferne auftauchten. Noch konnte Norbert nichts erkennen. Und dann wusste er, woher er dieses Licht kannte: Die Elbensiedlung! Die Frau mit dem blutigen Säugling! Der Bogenschütze! Der Pfeil zielte ihm mitten ins Gesicht. Irgendwo kreischte eine Flöte.

„Norbert!“

Vaters Hand packte ihn an der Schulter, riss ihn zurück. Norbert blinzelte, noch halb geblendet. Plötzlich bekam er wieder Luft.

„Ich habe dir gesagt, du sollst nicht an die Gepäcktaschen gehen! Willst du wohl verdammt nochmal auf mich hören!“

Etwas gleißte strahlend hell an Vaters Schulter.

„Aber da ist...“ Weiter kam Norbert nicht.

Die Ohrfeige schlug ihn ins Gras. Der grelle Schmerz verjagte Norberts Benommenheit. Er presste die Hand gegen sein Ohr, in dem die Schmerzen tobten, biss die Zähne zusammen, um nicht zu schluchzen. Durch Tränenschleier bekam er mit, wie der Vater die Gepäcktasche zu zurrte und sie hinter die anderen Gepäckstücke warf.

„Unter deine Decke!“ schleuderte er seinem Sohn entgegen. „Dass du dich ja nicht mehr rührst heute Nacht!“

***

Norbert lag in die Decke gewickelt und starrte durch das Baumgeäst in den Nachthimmel, lauschte den Schmerzen in seinem Ohr, wie sie langsam abklangen.

Vater weiß, was in der Tasche ist! Er weiß es, aber ich sollte es nicht mitbekommen! Warum nimmt er das mit? Was ist das?

Seine Gedanken gingen im Kreis. Er konnte an nichts anderes mehr denken.

In der Morgendämmerung stand der Vater auf und entfachte Feuer mit einem Feuereisen. Eine Nebelbank verbarg den Fluss. Aus den Hügeln rings umher stieg Dunst auf. Norbert schälte sich aus der Decke. Feuchte Kälte kroch durch seine Kleidung. Er machte kreisende Bewegungen mit dem Unterkiefer, um festzustellen, ob das Ohr noch schmerzte und verzog das Gesicht. Die Schmerzen waren noch da. Norbert ging Holz zusammenklauben und brachte es ans Feuer. Vater blies die Glut an. Dann hielt er Norbert einen kleinen Kessel entgegen.

„Wir brauchen Wasser für den Tee.“

Wortlos nahm Norbert den Kessel und stieg zum Fluss hinab. Er rang mit sich, während er den Hügel wieder hochstieg.

Ich will ein Held werden. Ich fürchte mich nicht vor dem Vater! Und wenn er tobt, ich sag‘s doch!

Trotzig hielt er dem Vater den Kessel hin. Hans Lederer betrachtete seinen Sohn, während er Teekräuter in den Kessel gab. Schweigend holte er Brot und Käse aus dem Gepäck und gab Norbert von beidem. Mit zusammengekniffenem Mund nahm Norbert das Frühstück entgegen. Der Vater rieb sich die Hände über dem Feuer, dann fuhr er mit den schwieligen Händen über sein Gesicht und schaute in den Frühnebel hinaus.

„Nun frag schon!“ knurrte er.

Norbert hatte plötzlich einen Kloß im Hals.

Er schluckte einen Bissen hinunter, dann stieß er die Frage hervor: „Was ist in der Tasche drin?“

Der Vater sah seinem Sohn in die Augen. „Elbenholz!“

Norbert hustete den Bissen wieder hervor, den er hinunterschlucken wollte. Entgeistert starrte er seinen Vater an.

„Aus der... von dem...,“ Er bekam keinen Satz heraus.

„Aus dem Elbendorf. In den Ruinen dort liegen Mengen morscher Balken. In Altenweil gibt es einen verrückten Gelehrten, der zahlt bares Silber für die vergammelten Holzstücke.“

„Aber wie... du...“ Norbert konnte nur Wortfetzen schreien.

Vater tastete nach der Mantelfibel.

Langsam seine Worte suchend erklärte er: „Woher dachtest du, dass unser Geld kommt? Das Geld, mit dem ich in Altenweil einkaufe, was wir brauchen? Was haben wir schon in Wildenbruch, womit man handeln könnte? Lutz Torstensohn stellt Wildfallen auf und bringt Felle auf den Markt, die Verena Methorst sammelt wilden Honig, aber was ist das schon? In den Augen der Menschen in der Zivilisation sind wir Bettler!“

Norberts Kopf trieselte. Er hatte sich nie Gedanken darum gemacht, womit Vater bei seinen Marktreisen handelte. Es war ihm immer selbstverständlich vorgekommen, dass der Vater im Herbst zum Markt reiste und eine Woche später mit dem schwer beladenen Esel zurückkam. Die Elbenfrau mit dem blutigen Säugling im Arm stand ihm vor Augen. Er quetschte sein Brot in der Faust zusammen.

„Das Dorf gehört den Elben – es ist ihr Holz.“ Er konnte es nur flüstern.

Hans Lederer warf seinem Sohn einen mahnenden Blick zu. „Ich habe dir gesagt, dass wir im Gornwald an der Grenze leben. Wir Siedler müssen zusammenhalten. Wir ringen der Wildnis das Land ab, verstehst du? Wir sind es, die das Land urbar machen für die Menschen. Es ist gefährlich. Wo wir die Toten nicht vertreiben können, besänftigen wir sie, halten sie jenseits der Grenze. Es ist unser Wald!

Obwohl sein Herz heftig schlug aus Furcht vor Prügel, sah Norbert den Vater trotzig an. „Es ist böse, was der Smeta passiert ist! Und es ist böse, was den Elben passiert ist! Ihr habt sie nicht besänftigt! Die Soldaten haben die Elben erschlagen, alle, sogar Kinder und Säuglinge, und du...“ Er schrie es hinaus: „Du bestiehlst sie! Es ist ihr Holz!“

„Die Elben sind tot. Sie werden vergehen, Norbert, wie die Großmutter vergangen ist. Jetzt sind wir es, die im Gornwald leben.“

Norbert starrte auf den Fluss hinunter, von dem die Frühnebel sich gehoben hatten.

Sein Herz raste, aber dennoch sagte er es laut: „Ich werde ein Held, wie Beowulf. Dann räche ich all das Unrecht!“

Hans Lederer schlug seinen Sohn nicht. Er goss eine Blechtasse mit heißem Tee voll und reichte sie ihm.

„Du bist mutig, Norbert. Aber Beowulf war nicht bloß mutig, sondern auch klug. Deshalb kam er Grendel auf die Schliche. Ich rate dir: werde zuallererst klug. In Altenweil bekommst du die armen Teufel noch zu sehen, die zuerst mutig waren und danach erst klug wurden.“

Norbert umschloss die heiße Blechtasse mit beiden Händen. Er hatte keine Ahnung, wovon Vater sprach. Eine dumpfe, trotzige Wut gärte in ihm.

***

Bis zum Mittag wanderten sie flussaufwärts, dem überwucherten Trampelpfad durch die Hügel folgend. Norbert las einen Ast vom Boden auf, der halbwegs als Wanderstecken taugte. Sein Körper schmerzte von der ungewohnten Anstrengung und er hatte Mühe, mit dem Vater Schritt zu halten. Während dem Laufen kam er nicht dazu, sich Gedanken darüber zu machen, warum der Vater so verändert war: Er sprach mit Norbert, er erklärte ihm Dinge. Schreckliche Dinge, fand Norbert, aber es war allemal besser als Vaters wütendes Schweigen und die stummen Prügel in Wildenbruch.

Sie rasteten in einem sonnenbeschienenen, von Buchenschösslingen und jungen Bäumen bestandenen Windbruch. Als sie von der Mittagsrast aufstanden, betrachtete Vater Norberts behelfsmäßigen Wanderstock, zückte sein Messer und ging zu einer nahen Gruppe junger Buchen. Mit wenigen Schnitten hatte er einen stabilen Stecken zurecht gearbeitet und reichte Norbert den Stab.

„Da hast du deinen Wanderstock.“

Norbert verstand nicht, womit er so viel Aufmerksamkeit verdient hatte.

Sie bogen vom Fluss ab, der hier von den steilen Hügelketten im Nordosten herabgestürzt kam. Hinter den Hügeln warfen sich hohe Bergflanken auf. Hans Lederer und Norbert stiegen über bewaldete Hügel nach Westen. Norberts Lunge rasselte beim Aufstieg auf die Hügelflanke, trotz des Wandersteckens. Der Vater wartete mit dem Esel auf der Kuppe, bis Norbert nach Atem ringend ankam. Wortlos hielt er Norbert den Wasserschlauch hin. Als Norbert zu Atem gekommen war, stiegen sie hinab in ein enges, schattiges Hügeltal. Föhren klammerten ihre Wurzeln zwischen Felsblöcke. In der Talmitte schlängelte sich ein Bach entlang.

„Am Nachmittag kommen wir aus dem Gornwald in die Ebene heraus,“ erklärte der Vater. „Am Abend sind wir in Köhlershofen. Dort übernachten wir in der Herberge. Morgen Nachmittag erreichen wir Altenweil.“

Zwei volle Wandertage, fast drei von Wildenbruch bis Altenweil! Norbert hatte keine Vorstellung davon gehabt, wie groß der Gornwald und das Land dahinter waren.

Während er über Steine und Wurzeln dem Vater nach abwärts stieg, brachte er hervor: „Vater – wie groß ist die Welt?“

Hans Lederer dachte nach. „Von Altenweil nach Trümmelfurt sind es fünf oder sechs Tagereisen. Von dort geht eine Straße zwanzig Tagereisen weit nach Klagenfurt, der Kaiserstadt an der Lorn. Die Lorn entlang, nochmal vielleicht zwanzig Tagereisen, kommt man ans Meer im Westen. Das Meer geht bis zum Horizont, wo abends die Sonne versinkt. Dahin kann kein Mensch gelangen.“

Norbert hatte keine Ahnung, was oder wo der Horizont war. Er musste stehen bleiben, weil ihm der Kopf schwamm.

***

Sie stiegen aus den Hügeln herab und folgten einem Trampelpfad durch dichten Nadelwald. Die Sonne hatte sich hinter die Wolkendecke zurückgezogen und der Wald lag in schattigem Dämmerlicht. Es roch nach Harz und faulem Holz. Fichtennadeln klebten sich Norbert an die Fußsohlen. Sein Herz hämmerte. Wie würde es sein, das Land hinter dem Gornwald?

Am späten Nachmittag wanderten sie auf einen Streifen Helle jenseits der Fichtenstämme zu. Unvermittelt hörte der Wald auf. Sie traten auf eine Rodung hinaus. Vor ihnen breitete sich das flache Land - Äcker und Brachen, Knüppelzäune um kleine Felder, die in jungem Grün standen, hier und da ein vereinzelter Baum mit nach allen Seiten sich breitender Krone, Haufen von Feldsteinen um seine Wurzeln. In der Ferne, in weiten Abständen voneinander, einzelne Katen. Von ihren Strohdächern stieg Rauch auf. Das Land verlor sich in einer beängstigenden Ferne, die Norbert den Atem raubte. Stumm vor Ergriffenheit wanderte er dem Vater nach.

***

Bei Sonnenuntergang erreichten sie Köhlershofen. Der Flecken bestand aus einem knappen Dutzend getünchter Hütten längs eines wenig befahrenen Karrenpfads. Windschiefe Schuppen standen hinter den Hütten im Morast. Hühner und Ziegen liefen umher. Männer und Frauen in ungefärbter Filz- und Leinenkleidung standen beieinander, bärtige Alte rauchten Pfeifen unter den Hüttendächern, Mütter riefen die kreischend herumtollenden, halbnackten Kinder zur Nacht in die Hütten.

Ein bisschen wie in Wildenbruch, wunderte sich Norbert, nur enger und schmutziger.

Die Herberge war ein niedriger, rindengedeckter Anbau an einer der Hütten, ein einziger, fensterloser Raum mit einem Strohlager am Boden. Dämmerlicht rieselte durch den Spalt zwischen Wänden und Dach. Vor dem Anbau standen zwei Tische für die Herbergsgäste. Bretter dienten als Bänke. Ein paar Schritt abseits an einem gemauerten Ziehbrunnen verabschiedeten sich Köhlershofener Frauen voneinander, um zu ihren Hütten zu gehen.

Außer Norbert und dem Vater waren an diesem Abend vier Kriegsknechte in Köhlershofen zur Herberge. Sie saßen beieinander am Tisch, tranken Bier aus Holzhumpen und blickten verdrossen vor sich hin. Ihre Piken lehnten an der Hauswand hinter ihnen. Am vorderen Tisch saß ein in einen Kapuzenumhang gehüllter Reisender mit schmutzigen Stiefeln und einem Schwert in einer Lederscheide, das er neben sich an den Tisch gelehnt hatte. Er blickte kurz von seinem Humpen auf, als Hans Lederer und Norbert über die Bank stiegen und sich an den Tisch setzten. Der Esel stand an ein Gatter gebunden an der Tränke. Norbert erhaschte einen Blick auf das Gesicht unter der Kapuze des Fremden. Graue Augen in einem wettergebräunten Bartgesicht musterten ihn.

„Den Sternen zum Gruß,“ knurrte der Vater.

Er rückte den Dolch am Gürtel zurecht. Der Fremde nickte nur. Norbert schaute fasziniert nach den Landsknechten in ihren speckigen Lederrüstungen. Helme und Lederhandschuhe lagen neben ihnen auf den Bänken. Die ungekämmten Haare hingen ihnen wirr über die Schultern. Einer von ihnen nickte Norbert zu. Er blickte auf Norberts nackte Füße und verzog das Gesicht zu einer Art Grinsen. Es sah nicht unfreundlich aus, fand Norbert, eher wie in halber Anerkennung für einen Jungen, der barfuß über Land reisen musste.

„Siedler?“ Die Stimme des Kriegsknechts hatte den Klang eines Reibeisens.

„Wir sind aus Wildenbruch,“ erklärte Vater. „Mein Junge faselt ständig davon, dass er Gespenster sieht. Ich bringe ihn zum Kloster der Armen Brüder in Altenweil, damit sie über ihm beten.“

Der Fremde sah auf. Einige Augenblicke lang lag der Blick seiner grauen Augen auf Norbert.

„Vielleicht ist es gar kein krankes Gefasel,“ überlegte einer der Kriegsknechte. „Vielleicht sieht dein Junge einfach nur mehr als andere. Wir hatten einen Kameraden...“

„Es ist eine Krankheit!“ polterte Hans Lederer. „Die Armen Brüder werden ihn heilen!“

Der Klang seiner Stimme verriet, dass er keinen Widerspruch duldete, was seinen Sohn betraf. Irrte Norbert sich, oder hatte er dem Fremden bei Vaters Wutausbruch den Kopf schütteln sehen?

„Hör mal, Siedler, seid ihr unterwegs Leuten begegnet?“ wollte der Kriegsknecht wissen. „Wir sind vom Markgrafen ausgesandt, nach Wilddieben zu suchen.“

Vater schüttelte den Kopf. „Keiner Menschenseele.“

Die Schankmagd brachte Bier und Kohlsuppe mit Schwarzbrot.

„Ihr könnt den Esel über Nacht in den Stall bringen,“ erklärte sie.

Der Vater nickte. Der Fremde betrachtete ihn, während der Vater schmatzend seine Suppe schlürfte.

„Da wirst du den Armen Brüdern viel bezahlen müssen, damit sie eine ihrer wundertätigen Ikonen über deinen Sohn halten und beten.“

Norbert fand die tiefe Stimme nicht unsympathisch. Der Vater sah kauend auf. Er betrachtete den Fremden, dann blickte er kurz zu den Kriegsknechten hinüber.

„Ich kenne jemanden in Altenweil, der mir Geld leiht,“ knurrte er. „Anton Dreyfuß, ein gelehrter Herr. Er kennt mich schon mehrere Jahre.“

Zuckte da ein Grinsen um die Lippen des Fremden? „Anton Dreyfuß leiht dir Geld? Wofür?“

„Das ist nicht deine Angelegenheit!“ brauste Hans Lederer auf.

„Das stimmt.“

Der Fremde stand auf, nahm sein Schwert und nickte Norbert zu. Ja tatsächlich, ihm, nicht dem Vater.

„Ich hau mich hin. Hab einen langen Reisetag hinter mir.“

Die Herbergstür knarrte, während er drinnen verschwand.

„Vater, was für ein Mann ist das?“ flüsterte Norbert.

„Ein Dreckskerl von einem Vagabunden, ein Strauchdieb oder Freischärler, ein Vogelfreier, ein Abenteurer, einer vom freien fahrenden Volk, die sich keinem Fürsten und keinem König untertan fühlen!“ brummte der Vater ebenso leise. „Ich bin froh, dass die Kriegsknechte heute Nacht hier sind, sonst wär ich weitergezogen, eh ich mit dem eine Nacht unter einem Dach verbracht hätte!“

Norbert war kein bisschen schlauer. Er hatte keine Ahnung, was für Leute das sein mochten, über die der Vater schimpfte.

***

Als es dunkel wurde, brachte der Vater den Esel in den Stall. Die Kriegsknechte nahmen ihre Piken und zogen sich in die Herberge zurück. Die Herbergstür klapperte. Norbert ging zu den Latrinen hinüber, die ein Stück weit ab auf einer Brache standen. In der Dunkelheit stolperte er über den gefurchten Boden. Die Mondsichel war ein blasser Fleck in den Wolken, der kein Licht spendete. Ein paar Schritt vor dem Brunnen blieb er wie angewurzelt stehen.

Am Brunnen stand ein Mädchen und schaute zu den Hütten hinüber. Das Haar hing ihr wirr ums Gesicht. Ihr Kleid triefte vor Nässe. Sie sah vierzehn oder fünfzehn Jahre alt aus. Das Mädchen stand vollkommen reglos. Auf dem Boden um sie bildete sich eine Pfütze. Ihr Blick war erfüllt von stummer Verzweiflung.

Norbert hielt den Atem an. Ein Gefühl wie von kalten Fingern rieselte ihm den Nacken herab. Es war ihm, als stünde er unter Zwang. Er konnte den Blick nicht von dem Mädchen wenden.

„Kannst du sie sehen?“ Die tiefe, warme Stimme ertönte unmittelbar hinter Norbert.

Norbert fuhr herum. Der Fremde im Kapuzenumhang stand hinter ihm. Er hatte die Kapuze abgestreift. Dichtes, dunkles Haar umgab sein Gesicht. Er deutete zum Brunnen. Norbert nickte stumm.

„Wer ist sie?“ flüsterte er.

„Die Köhlershofener erzählen, sie habe sich vor zwanzig Jahren in den Brunnen gestürzt, weil ein durchreisender Junker, in den sie sich verliebt hatte, weitergezogen sei, ohne sie mitzunehmen. Ich denke aber, es wird kein Junker gewesen sein, sondern irgendein Meierssohn aus Altenweil. Mag sein, dass sie sich gar nicht selbst ertränkt hat, sondern der Meierssohn hat nachgeholfen, als herauszukommen drohte, dass sie von ihm schwanger war.“

Norbert betrachtete die verlorene Erscheinung. Er meinte, ihren Schmerz körperlich zu spüren. Vorsichtig ging er einen Schritt auf sie zu. Ihm war, als wandte sie den Kopf ein wenig in seine Richtung.

Der Fremde hielt ihn am Arm fest. „Lass sie. Sie nimmt uns nicht wahr. Es ist gefährlich, die Toten zu stören.“

„Manchmal nehmen sie einen doch wahr,“ flüsterte Norbert.

Er musste an die Großmutter denken. Da war wieder die Wut, die jedes Mal gekommen war, wenn der Vater ihn von Großmutters Lehnstuhl weggezerrt hatte. Die ihn überkommen hatte, als Vater ihm vom Elbenholz erzählt hatte – und von der Smeta.

Er starrte zu dem Mädchen hinüber. „Ich werde ein Krieger, wie Beowulf. Dann räche ich alles Böse, was in Wildenbruch geschehen ist. Und was ihr passiert ist, auch!“

Der Abenteurer, wie der Vater ihn genannt hatte, nahm Norbert bei den Schultern. In der Dunkelheit waren seine Gesichtszüge kaum zu erkennen.

„Da werden dir Kriegskünste nichts nützen. Lerne lieber, mit deiner Begabung umzugehen. Es ist keine Krankheit, Junge. Du bist hellsichtig. Nur wenige Menschen sind das.“

„Das sagt Tante Leika auch,“ murmelte Norbert.

Er wand sich, aber der große Mann packte ihn nur fester an den Schultern.

„Statt ein Kriegsmann zu werden, solltest du zu einem Lehrmeister gehen, der dich im Umgang mit der Anderwelt schult. Hör auf meinen Rat: Geh bei Anton Dreyfuß in die Lehre, dem dein Vater wer weiß was aus dem Grenzwald anschleppt.“

„Er bringt ihm Elbenholz.“

„Ich dachte mir so was. Sag Dreyfuß, Lars Wagenknecht hätte dich geschickt. Dann wird er dich aufnehmen.“

Der Fremde ließ Norbert los. Norbert betrachtete die Silhouette des Mannes in der Dunkelheit. Warum wollte der Abenteurer ihn zu dem sonderbaren Gelehrten schicken? Was hatte er davon?

„Was machst du hier? Wer bist du?“

Der Fremde schnaufte verächtlich. „Einer von den Wilddieben, die die Kriegsknechte suchen. Aber sag‘s ihnen nicht, sonst müssten sie versuchen, mich gefangenzunehmen und aufzuhängen.“

Die Hand des Fremden spielte mit dem Schwertknauf. „Und die armen Teufel wollen lieber heil und in einem Stück aus Köhlershofen wegkommen.“

„Vater sagt, du bist ein freier Abenteurer.“

„Mag sein,“ brummte der angebliche Wilddieb.

Er wies in Richtung Herberge. „Da kommt dein Vater vom Stall. Geh, lauf zu ihm. Er braucht nicht zu wissen, dass ich mit dir geredet habe.“

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