Thomas Hoffmann Blaues Feuer
Blaues Feuer
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Thomas Hoffmann Blaues Feuer

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Liese stolperte im Rennen und fiel der Länge nach hin. Roderig fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

„Da war ein Lufthauch vor meinem Kopf, ganz deutlich!“

Norbert sah den langen Pfeil, der neben Roderig in einem Hausbalken zitterte.

Horst bahnte sich zwischen widerspenstigen Zweigen einen Weg zum Hang zurück. „Hauen wir ab!“

Lene half Liese auf. Die beiden stolperten Horst nach.

„Komm, Bert!“

Hinter den schwarzen Gestalten lag blaue Dämmerung. Sie waren überall zwischen den Häusern. Norbert wandte sich um, schaute nach den Gefährten. Er hörte ihre Rufe in der Ferne. Tiefes, leuchtendes Blau hinter hohen Holzhäusern. Der Himmel war schwarz. Wo waren Roderig, Lene und die anderen? Eben noch waren sie in seiner Nähe gewesen. Vor ihm stand eine hochgewachsene Frau, in braun gemusterte Decken gehüllt. Er sah die klaffende Hiebwunde, die ihr das Ohr abgetrennt und die Schulter bis zum Schlüsselbein zertrümmert hatte. Die Decken, die sie als Kleidung trug, waren blutverklebt. In den Händen hielt sie ein wimmerndes, blutiges Bündel. Norbert wurde übel.

„Bert, wo bist du?“

Es klang von weither. Keine zwei Schritt vor ihm stand ein Elb. Blut rann ihm aus dem blonden, langen Haar übers Gesicht. Der Pfeil auf seinem gespannten Bogen zielte Norbert mitten ins Gesicht. Verzweifelt fuhr Norbert herum. Er schloss die Augen, lauschte auf die leisen Rufe der Gefährten, tastete sich ihnen entgegen, stolperte im dichten Buschwerk. Eine Flöte klagte in schrillen Tönen in seinem Rücken. Erst, als er den Regen in seinem Haar spürte, öffnete er die Augen wieder. Diesiges Nachmittagslicht drang ihm in die Augen.

„Den Sternen sei Dank, Bert, da bist du!“

Lene schloss ihn in die Arme, aber sofort kreischte sie auf. „Da ist Blut in deinen Haaren!“

Erst jetzt spürte Norbert das Pochen der Wunde.

„Sie haben auf mich geschossen. Die Soldaten haben Frauen und Kinder geschlachtet, sogar Säuglinge. Sie haben sie einfach abgeschlachtet.“

Die Gefährten sammelten sich um ihn. Allen stand die Angst in den Gesichtern. Regen rauschte in den Zweigen. Oben auf der Anhöhe wogte Nebel um die Elbenruinen.

Über Roderigs Wange zog sich ein blutiger Riss, wo der Elbenpfeil ihn gesteift hatte.

„Warum hast du uns nicht früher was gesagt?“ schleuderte er Norbert entgegen.

Roderigs Atem ging immer noch schnell. Norbert blickte ihn verkniffen an, ohne zu antworten.

Die Kinder kamen überein, zu behaupten, Norbert und Roderig hätten sich geprügelt, um die Verletzungen der beiden zu erklären.

Norbert sah Roderig trotzig in die Augen. „Ich erzähl' allen, dass wir im Geisterdorf waren, wenn du sagst, du hättest mich verhauen.“

„Also gut – unentschieden,“ fauchte Roderig.

***

In der Wohnküche wusch Leika Norberts Kopfwunde mit einem Kräutersud aus, bevor sie ihm ein Leinentuch fest um den Haarschopf wickelte. Norbert presste die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerz zu wimmern. Am Esstisch saßen Smeta und Mutter dicht beieinander. Smeta schluchzte laut. Mutter versuchte, sie zu trösten. Der Vater blickte Norbert nachdenklich an.

„Roderig ist fünf Jahre älter als du. Das war tapfer von dir.“

Es kam selten vor, dass Vater ein Lob aussprach.

„Womit habt ihr euch da geprügelt?“ fragte Leika. Da war ein misstrauischer Unterton in ihrer Stimme. „Das ist keine normale Platzwunde.“

„Wir haben Tonscherben genommen,“ murmelte Norbert.

Lene sah ängstlich von ihm zu Leika. Leikas Mutter hatte viel über Wunden gewusst.

Leika beugte sich zu Norbert herab und sah ihm fest in die Augen.

„Das ist eine Pfeilwunde,“ flüsterte sie so leise, dass nur Norbert und Lene es hören konnten. „Wo wart ihr?“

Norbert schwieg verbissen.

„Ich glaub', Lars verstößt mich,“ weinte Smeta am Tisch. „Er hat so was angedeutet. Was soll ich denn tun? Was kann ich denn nur tun?“

Mutter hielt sie im Arm. Sie musste tief Luft holen, um sich Mut zu machen, bevor sie zu Hans Lederer sagte: „Gib ihr ein Ferkelchen für die schwarze Dame, Hans. Eins können wir entbehren.“

Und als ihr Ehemann stirnrunzelnd zurückblickte, murmelte sie bitter, obwohl ihr die Stimme dabei zitterte: „Sie müssen nicht alle bei der Verena landen.“

Einen Moment lang sah Hans Lederer stumm zu Boden.

Dann knurrte er: „Morgen soll sie sich das Ferkel holen.“

Mit schweren Schritten ging er hinaus zu den Ställen. Norbert machte sich von Leika los und ging zu Mutter und Smeta an den Tisch. Das Herz pochte ihm bis zum Hals. Mit offenem Mund starrte er Smeta an. Wieder und wieder schüttelte er den Kopf.

„Nein, tu das nicht, Smeta!“ Die Stimme versagte ihm, er konnte es nur flüstern.

Die heftige Maulschelle, die Mutter ihm gab, spürte er kaum. Er hörte nicht, was die anderen schimpften.

Erst in der Nacht auf seinem Lager begannen ihm die aufgeplatzten Lippen zu brennen. Er wälzte sich in seiner Filzdecke hin und her. Der schwarze Grottenschlund stand ihm vor Augen. Der Schauder, der ihm jedes Mal den Rücken heraufkroch im Angesicht der Grotte. Später in der Nacht hatte ihn die Erinnerung an den blutenden Elbenkrieger in ihrer Gewalt, an die Pfeilspitze, die ihm ins Gesicht zielte. Das blaue Leuchten über dem dunklen Horizont zwischen den Silhouetten der Elbenhäuser – wie das Licht einer anderen Welt.

***

Am frühen Vormittag kam Smeta das Ferkel abholen. Sie hatte ihr schönes, volles Haar zu Zöpfen gebunden, die sie sich um den Kopf gewunden hatte wie für ein Fest. Unter dem wollenen Regenüberwurf trug sie ein sauberes Kleid. Es war dasjenige, welches sie zu ihrer Hochzeit getragen hatte, erinnerte sich Norbert. Mutter und Leika gaben ihr Segenswünsche mit auf den Weg. Smetas Miene wechselte zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Norbert schlich ihr nach, als sie den Weg in die Felsen zur Grotte einschlug. Auf halber Höhe holte er sie ein. Neben dem Pfad toste der von der Schneeschmelze geschwollene Bach. Norbert griff nach Smetas Überwurf und zerrte. Er musste schreien, um das Tosen des Bachs zu übertönen.

„Smeta, geh da nicht hin, sie bringt dich um!“

Die junge Frau fuhr herum und schlug Norbert auf den Mund, so dass die Wunde an der Oberlippe wieder aufplatzte. Norbert schmeckte Blut im Mund.

„Du bösartiger Bengel, dass die Dämonen dich holen sollen! Wirst du wohl verschwinden!“

Norbert wischte sich das Blut von der Lippe.

„Bitte, Smeta! Sie... die schwarze Dame ist ein Dämon.“

Smeta wurde bleich. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Wut und Verzweiflung.

„Na, wenn schon,“ schrie sie in das Tosen des Bachs. „Was hab ich denn schon noch vom Leben. Wenn sie mir nicht hilft, will ich ja doch sterben!“

Sie schürzte mit der Linken ihr Kleid, umklammerte mit der Rechten den Korb mit dem Schweinchen und rannte stolpernd den Felsenpfad hinauf.

„Smeta!“

Norbert rannte ihr nach, aber er rutschte auf dem nassen Fels aus und schlug der Länge nach hin. Als er sich wieder aufgerafft hatte, war Smeta zwischen den Felsen verschwunden. Außer Atem stieg Norbert ihr hinterher.

Sie stand vor der Grotte, den Korb mit dem Ferkel an sich geklammert. Norbert kam es vor, als schwankte sie. Die Schwärze im Schlund der Grotte war keine gewöhnliche Dunkelheit. Sie schien aus der Grotte herauszuquellen, Smeta entgegen. Norbert wollte schreien, aber er hatte keine Stimme mehr. Wie gelähmt stand er am Eingang des Felseinschnitts. Über verfaultes Obst, modernde Kränze, Opfergaben des vergangenen Herbsts hinweg ging Smeta in die Grotte hinein. Sie ging sehr langsam und zögernd. Norbert konnte sie in der dichten Finsternis nicht mehr sehen.

„Smeta!“ Es war kaum mehr als ein Schluchzer.

Da war ein Geräusch wie aus der Kehle eines Raubtiers. Ein kurzes Gurgeln, bei dem sich Norberts Nackenhaare aufrichteten. Er hörte Smeta schreien. Der Schrei schwoll an zu einem panischen Kreischen, brach abrupt ab, setzte röchelnd wieder ein. Norbert presste die bebenden Lippen zusammen. Tränen rannen ihm übers Gesicht. Er schlotterte am ganzen Körper. Zwei blutende Hände klammerten sich aus der Schwärze heraus an den Fels am Grotteneingang. Die Ärmel waren zerfetzt. Etwas ruckte an den Armen, die Hände glitten ab, verschwanden in der Dunkelheit. Die Schreie kamen jetzt stoßweise. Sie verröchelten weit hinten in der Grotte.

***

Außer Atem, schlammverschmiert und durchnässt stolperte Norbert in die Wohnküche. Die Hofgemeinschaft war noch nicht zur Arbeit auseinander gegangen. Insgeheim hatten sie alle für Smeta zur Schutzgottheit Wildenbruchs gebetet.

Lene kreischte auf. „Bert, wo bist du gewesen?“

Schluchzend ging er in die Knie. Das Entsetzen ließ ihn nicht sprechen. Erst mehrere Atemzüge später fand er seine Stimme wieder.

Er heulte es aus vollem Hals heraus: „Die schwarze Dame hat Smeta gefressen!“

Mutter schrie. Norberts Onkel Beorn und Oliver sprangen auf, so dass die Bank hinter ihnen umstürzte. Hans Lederer starrte seinen Sohn an. Stumme Wut spiegelte sich in seinen Gesichtszügen.

„Sie hat das Ferkel gefressen und Smeta gleich mit!“ heulte Norbert.

Der Vater ging zum Brennholzstapel und griff sich einen kantigen Scheit.

„Hans, bitte!“ flüsterte die Mutter.

Leika streifte Norbert mit einem Blick und ging auf den Hausherrn zu. Hans Lederer sah ihr entgegen, als wollte er sie ebenfalls verprügeln.

Leika griff ihn am Arm. „Lass ihn. Warum willst du deinen Sohn zum Krüppel schlagen? Du siehst doch, dass er schon genug Seelenqualen leidet.“

Hans Lederer stand erstarrt. Langsam ließ er die Hand mit dem Holzscheit sinken. Mit zwei Schritten war Leika bei Norbert, zerrte ihn hoch und zog ihn hinter sich her in die Vorratskammer. Hinter der geschlossenen Tür kniete sie sich neben den zitternden, schluchzenden Jungen, fuhr ihm durchs Haar und presste ihn an ihre Brust, bis das hysterische Schluchzen verebbte.

„Rede nicht davon, hörst du?“ flüsterte sie.

„Aber es ist wahr, es ist wahr!“ weinte Norbert.

„Sie verstehen es nicht. Keiner von ihnen. Ich wollte es ja selbst nicht glauben.“

***

Die Wildenbrucher erzählten einander, Smeta sei ihrem Mann ausgerissen und in einen der Weiler jenseits des Gornwalds gegangen, weil sie kinderlos geblieben war. Ruth Feldnersohn behauptete, Smeta hätte ihr gegenüber einmal so etwas fallen lassen. Und Gerlinde Hüttner meinte, die Verena Methorst habe Smeta mit einem Bündel und Wanderstecken längs der Flussaue davonschleichen sehen, am Elbendorf vorbei. Verena sagte nichts dazu. Aber sie widersprach dem Gerücht auch nicht.

Wenn bei der Abendmahlzeit das Gespräch auf Smeta kam, legte Leika Norbert die Hand auf den Arm und rückte dicht an ihn heran. Sie beteiligte sich nicht, wenn die Mitglieder der Hausgemeinschaft einander beipflichteten, Smeta sei fortgelaufen. Hin und wieder warfen Mutter oder Margit Norbert ängstliche Blicke zu. Norbert schaute auf seinen Teller und kaute sein Essen. Er war froh über Leikas Händedruck auf seinem Arm. Es half gegen das Zittern, das ihn jetzt oft überkam. Smetas Schreie hallten ihm im Ohr. Nachts träumte er von ihren blutigen Händen. Und etwas Dunklem, Unsichtbaren, das ihn Nacht für Nacht schreiend auffahren ließ.

Lars Weidner ging fluchend und schimpfend durchs Dorf. An den Abenden saß er jetzt oft bei der Hofgemeinschaft Kurt Morgners, erzählte Kurt, wie er ihm bei der anstehenden Feldarbeit zur Hand gehen wolle und war freundlich zu Grete. Doch Kurt Morgner blieb nachdenklich.

„Ich werde niemals Lars' Frau!“ erklärte Grete laut im ganzen Dorf.

Oliver wurde rot, wenn er es mitbekam.

***

Der Regen wurde seltener und die Sonne trocknete den Schlamm zwischen den Hütten. Die Wildenbrucher Kinder trieben die Kühe und Schafe aus den Ställen auf die Wiesen jenseits des Bachs. Sie schlossen Wetten auf die gegeneinander kämpfenden Schafböcke ab.

Manchmal an den Abenden, wenn sie am Waldrand beieinander saßen, hauchten Maja oder Liese Norbert zu: „Erzähl von der schwarzen Dame. Was ist der Smeta passiert?“

Aber Norbert presste bloß die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Er versuchte, das Zittern zu unterdrücken, das ihn durchfuhr.

Das Frühlingsopfer an die schwarze Dame der Grotte wurde vorbereitet. Bereits Tage vor dem Fest schwärmten die Kinder von Schmalzkuchen und süßem Dörrobst. Norbert stahl sich davon und versteckte sich in einer Scheune. Die Gefährten sollten seine Weinkrämpfe nicht mitbekommen. Er biss sich in die Faust, um nicht zu schreien.

Am Tag des Opferfests verkroch er sich auf Lutz Torstensohns Heuboden. Er hörte den Vater fluchen und seinen Namen rufen, aber er kam nicht heraus. Keine Macht der Welt würde ihn vor den Schlund der schwarzen Grotte bringen.

Eines Tages werd' ich ein Krieger wie Beowulf. Dann geh ich zur Grotte zurück und erschlage die schwarze Dame. Und dann werd' ich Smetas Knochen in der Flussaue begraben und niemand kann mich daran hindern!

Den ganzen Abend über, während die Wildenbrucher feierten, und noch über Nacht blieb Norbert auf dem Heuboden. Er wälzte sich im Heu umher und hielt sich die Ohren zu, aber Smetas Schreie gellten ihm doch in den Ohren. Erst früh am nächsten Morgen schlich er sich in die elterliche Wohnküche zurück. Doch die Prügel, die er erwartet hatte, blieben aus. Der Vater blickte ihn schweigend an. Lene und Mutter sahen ängstlich zwischen Norbert und dem Vater hin und her. Norbert nahm stumm den Wassereimer und beeilte sich, zur Tür zu kommen, aber Leika trat ihm in den Weg. Sie strich ihm Grashalme aus den Haaren.

„Guten Morgen, Bert.“

Norbert sah ihr in die Augen und wusste, dass sie verstand. Und er erkannte an ihrem Blick, dass sie mit Vater gesprochen hatte. Er hatte plötzlich einen Kloß im Hals, musste schlucken und blickte zur Seite.

„Nun lauf schon!“

Er stolperte hinaus, um am Bach Wasser zu holen.

In bedrückender Stille versammelte sich die Hofgemeinschaft um den Frühstückstisch. Norbert kaute seine Gerstengrütze und blickte auf seinen Teller. Die Anspannung im Raum machte ihm Angst. Womöglich stand seine Bestrafung noch bevor.

Der Vater brach das Schweigen: „Übermorgen gehe ich nach Altenweil auf den Markt, Einkäufe machen.“

Es schien niemanden zu überraschen. Vater reiste sonst nur im Herbst zum Markt nach Altenweil. Norbert blickte sich verstohlen am Tisch um. Alle schienen etwas zu wissen, das ihm nicht gesagt wurde. Als der Vater ihn beim Namen rief, fuhr er zusammen. Der Ausdruck, mit dem der Vater ihn ansah, verwirrte ihn. Er kannte Vater wütend oder desinteressiert, aber nicht ernst.

„Norbert, du kommst mit. Wir gehen zum Kloster der Armen Brüder. Die sollen über dir beten.“

Der Bann war gebrochen. Alle redeten durcheinander. Mutter pries laut die Heilkraft der wundertätigen Ikonen der Armen Brüder. Lene holte zwei Schmalzkuchen aus ihrer Schürze hervor und schob sie Norbert hin.

„Die hab ich für dich aufgehoben.“

Norbert saß wie vom Donner gerührt. Er fragte sich, ob die wundertätigen Ikonen Gutes oder Böses bedeuteten. Eine Marktreise! Er war noch nie anderswo gewesen, als in Wildenbruch. Das Kloster machte ihm Angst. Aber schließlich riss er sich zusammen.

Ich will Krieger werden. Ich hab doch keine Angst vor Mönchen!

Er griff nach den Schmalzkuchen und stopfte sie in sich hinein.

„Danke, Lene.“

Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

Nach dem Frühstück nahm Leika Norbert an der Hand und zog ihn hinters Haus. Sie blickte sich um. Niemand von der Hausgemeinschaft war zu sehen. Leika kniete sich hin, um mit Norbert auf gleicher Höhe zu sein. Sie schaute Norbert lange an. Er war überrascht, wie schön ihre Augen waren.

„Bis vorhin hab ich nicht gewusst, was er machen würde,“ flüsterte Leika.

Es war Norbert klar, dass sie den Vater meinte.

„Gestern Abend hat er geschworen, dass er dich totschlägt. Die halbe Nacht hab ich mit ihm gestritten.“

Leika blickte Norbert fest in die Augen. Ihr Blick verunsicherte ihn.

„Vor den Mönchen brauchst du dich nicht zu fürchten. Sie werden dir eine Ikone, ein Bild hinhalten und Gebete sprechen. Das hat gar nichts zu bedeuten. Dein Vater und die Familie glauben, du hättest eine Krankheit, aber es ist keine Krankheit, Norbert. “ Sie sagte es sehr ernst. „Es ist eine Gabe. Mir kannst du es glauben.“

Norbert schämte sich ein bisschen unter Leikas Blick.

„Leika,“ versuchte er abzulenken, „warum darfst du Vater solche Sachen sagen? Warum prügelt er dich nicht?“

Ein warmes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich bin Heilerin, Norbert. Was sie oben im Reich eine weise Frau nennen.“

Verwundert starrte er sie an. „Kannst du hexen?“

Um Leikas Mundwinkel zuckte es. „Nicht so viel, wie ich wünschte... Aber jetzt Schluss mit dem dummen Geplapper!“

„Leika, ich glaub, es ist doch eine Krankheit. Ich hab immer dieses Zittern. Und Nachts träum' ich ganz böse.“

„Ich mache dir heute Abend einen Johanniskrauttee. Das wird dir helfen. Aber mit deiner Gabe hat das nichts zu tun.“

***

An diesem und dem folgenden Tag unternahmen die Wildenbrucher Kinder keinen Ausflug. Sie steckten die Köpfe zusammen und redeten vom Altenweiler Markt und dem Kloster mit seinen wundertätigen Ikonen. Keins der Kinder war je aus Wildenbruch hinausgekommen. In umso schillernderen Farben malten sie sich die fremde, wunderbare Welt jenseits des Gornwalds aus. Es kam Norbert vor, als reise er in ein Märchenland, wo den Menschen die gebratenen Tauben in den Mund flogen.

In der Nacht vor dem Aufbruch lag Norbert mit klopfendem Herzen auf seinem Lager. Mit der ersten Morgendämmerung sprang er auf. Sein Kopf war benommen von der durchwachten Nacht. Er schlich sich zur Herdstelle, wo Margit und Leika das Feuer schürten. Fröstelnd kauerte er sich ans Feuer und hoffte, dass ihm warm würde. Die Mutter kam mit einem Topf Gerstenschrot aus der Speisekammer. Sie fuhr Norbert rau durchs Haar. Dann zog sie ihn zu sich heran.

„Ich gebe dir eine bessere Hose und eine andere Schlupfjacke aus der Truhe. Die Altenweiler brauchen nicht zu glauben, wir wären Bettler.“

Betroffen blickte Norbert auf seine dreckstarrende Wolljacke und die zerrissenen Hosen. Alle wildenbrucher Jungs sahen so aus. Es wäre Norbert nicht in den Sinn gekommen, dass an seinen Sachen etwas auszusetzen sein könnte.

Beim Frühstück legte die Mutter ihm ein Extrastück Speck in die Grützeschale. Der Vater betrachtete kauend seinen Sohn über den Tisch hinweg. Norbert trug die sauberen Sachen, die Mutter ihm herausgegeben hatte. Hans Lederer nickte anerkennend. Nach dem Frühstück nahm Leika Norbert beiseite. Vater und Onkel Beorn gingen vors Haus, um dem Esel den Reisepacken aufzuladen. Leika drückte Norbert ein winziges Stoffbündel in die Hand. Etwas Hartes war darin. Norbert lugte hinein und starrte mit stockendem Atem auf zwei kleine Kupfermünzen.

„Das sind zwei Viertelkreuzer. Kauf dir ein paar Rosinenbrötchen auf dem Markt,“ flüsterte Leika. „Dein Vater braucht nichts davon zu wissen.“

„Danke, Leika!“

Norbert steckte sich die eingewickelten Münzen unters Hemd. Eine Gabe hatte offenbar auch unerwartet gute Seiten.

Der schwarzen Dämonendame werd ich's noch zeigen!

Vor dem Haus ließ Norbert Umarmungen der ganzen Hofgemeinschaft über sich ergehen. Mutter klammerte ihn fest an sich.

„Komm gesund wieder, Bert, mein Junge!“

Lene legte ihm eines der kleinen Holzpüppchen in die Hand, die Onkel Beorn ihr vorletzten Herbst geschnitzt hatte. Verdutzt sah Norbert sie an.

„Das ist Petra. Sie soll auf dich aufpassen, solange wir nicht beieinander sind. Damit du nichts anstellst. Und damit du dir auch die Nase abwischst, wenn dir die Rotze rausläuft. Und wenn du zurück bist, kann sie mir alles von der Marktreise erzählen.“

Hans Lederer sah ungeduldig zu seinem Sohn hinüber. Er hielt den Esel am Halfterstrick. In der Rechten trug er einen Wanderstecken. Mit dem wilden roten Haar und dem Vollbart von derselben Farbe um den entschlossenen Mund, der gefurchten, wettergebräunten Stirn und dem festen Blick seiner grauen Augen war Norberts Vater ein beeindruckender Mann, fand Norbert. Der Vater trug den dicken Reisefilzumhang mit der Metallfibel. Unter die Leinentücher um seine Füße hatte er Ledersohlen gebunden. Die Riemen um die Fußleinen waren bis zu den Knien um die Hosenbeine geschnürt. An Vaters Gürtel hing ein langer Dolch.

Norbert steckte das Püppchen in die Hosentasche. Lene überrumpelte ihn mit einem Kuss, bevor er zurückzucken konnte.

„Also Tschüss,“ flüsterte er ihr zu.

Dann rannte er dem Vater hinterher, der bereits den Weg zwischen den Hütten zum Dorfausgang eingeschlagen hatte.

2.

Der Vater schritt zügig voran, ohne sich nach Norbert umzusehen. Der Trampelpfad längs der Flussaue war feucht vom Frühnebel und Norbert musste aufpassen, dass er mit seinen nackten Füssen nicht ausrutschte, während er dem Packesel hinterhereilte. Morgendunst stieg vom sumpfigen Ufer auf. Erste Sonnenstrahlen brachen durch die Baumkronen. Norberts Herz klopfte wild.

Ich reise mit Vater auf den Markt!

Er konnte keinen anderen Gedanken mehr fassen.

Als sie sich der Anhöhe des Elbendorfs näherten, verdichtete sich der Nebel. Die Nebelschwaden um die Ruinen im Erlengehölz waren düsterer als sonst, fand Norbert. Der Pfad führte mitten hinein in die Nebelbank. Graue Schwaden quollen von der Anhöhe herab. Norbert blieb wie angewurzelt stehen. Oben auf der Anhöhe standen Gestalten im Dunst. Reglos schauten sie auf den Pfad herab.

„Norbert!“ Vaters Stimme klang harsch durch den Nebel.

Norbert stolperte den Pfad entlang.

„Da...“ Die Stimme versagte ihm und er musste schlucken. „Da sind Elben, Vater! Sie haben uns gesehen!“

„Glotz nicht in die Gegend! Bleib dicht hinter mir!“

Norbert hastete dem Vater hinterher. Der Esel schnaubte. Er machte einen Versuch, am Vater vorbei voran zu traben. Seine Flanken zitterten. Norbert hielt den Blick fest auf den Pfad gesenkt. Ein heiserer Flötenton hauchte den beiden Reisenden nach.

***

Sobald sie die Flussaue hinter sich gelassen hatten, verschwand der Nebel. Der überwucherte Pfad wand sich an der steilen Uferböschung entlang. Oberhalb der Böschung stand dichter Buchenwald. In den Baumkronen spielte Sonnenlicht.

Norbert schauderte noch immer beim Gedanken an die Gestalten auf der Anhöhe.

Sie wissen, dass ich in ihrem Dorf gewesen bin. Sie wollten mich nicht gehen lassen. Sie wollen mich holen!

Norbert biss die Zähne zusammen. Er lief dem Vater nach, der mit dem Esel schon wieder weit voraus war. Schließlich wollte er Krieger werden! Hatte Beowulf etwa Angst gehabt vor Grendel, dem Ungeheuer? Vielleicht – aber er hatte sich dem Ungeheuer gestellt und es besiegt.

Ich lasse mich nicht einschüchtern - von der schwarzen Dame nicht und nicht von euch!

Gegen Mittag legte der Vater auf einem vom Sonnenlicht beschienenen Hügel oberhalb des Flussufers eine Rast ein. Norbert taten die Füße weh. Er streckte sich im warmen Gras aus. Vater öffnete das Gepäck. Er schnitt einen Streifen Wurst ab, riss ein Stück vom Brotlaib ab und gab Norbert beides zusammen mit dem Wasserschlauch. Überrascht nahm Norbert das Essen entgegen. Der Vater kam ihm unerwartet großzügig vor. In Wildenbruch hatte Norbert außer Schlägen selten etwas vom Vater bekommen. Von der warmen Filzdecke letzten Herbst abgesehen, korrigierte er sich.

Sie aßen schweigend. Vater blickte auf den Fluss hinab.

Kauend meinte er: „Für deine Heilung werde ich im Kloster eine Menge Geld bezahlen müssen. Ich will, dass du dich dort zusammenreißt. Komm ja nicht auf die Idee, den Mönchen Widerworte zu geben.“

Hans Lederer betrachtete seinen Sohn mit einem Blick, der Norbert nachdenklich vorkam. Er wusste nicht, ob er zurückblicken oder lieber zu Boden schauen sollte. Der Vater kam ihm verändert vor. Norbert konnte sich nicht erinnern, je so von ihm angeschaut worden zu sein. Dazumal hatte der Vater noch nie so viele Worte an seinen Sohn gerichtet.

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