Ernst Hofacker Giganten
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Ernst Hofacker Giganten

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Aber die bis zur Selbstaufgabe aufrichtige Platte hält ein paar unwiderstehliche Melodien bereit und, wichtiger noch, sie hilft John, seinen Weg aus den Sechzigern zu finden. Um dem Mythos Beatles den endgültigen Garaus zu machen, gibt er dem US-Magazin Rolling Stone ein ausführliches Interview. Und redet Klartext. Thema Beatles: »Das Ganze war ein Traum. Ich glaube nicht mehr an den Traum.« Oder Yoko: »Yoko ist mindestens so wichtig für mich wie Paul und Dylan zusammen.« Noch Fragen?

Im Frühling 1971 wird durchgeatmet auf Tittenhurst. Plastic Ono Band hat einen künstlerischen Pflock eingeschlagen, der die drei experimentellen Alben davor – neben Two Virgins noch Life With The Lions: Unfinished Music No. 2 und Wedding Album (beide 1969) – vergessen macht. Und John hat eine wichtige Lektion gelernt: Will er ein Hitalbum haben, dann muss er die Sache mit dem nötigen Zuckerguss versehen. Oder wie er selbst sagt: »Bring deine politische Botschaft mit etwas Honig rüber.« Für sein nächstes Album holt er also neben bewährten Kräften wie Alan White (später Yes), Klaus Voormann und George Harrison Cracks wie Nicky Hopkins, Jim Keltner und Jim Gordon. Überdies nimmt Produzent Phil Spector die in Ascot eingespielten Tracks mit nach New York, wo er sie nach dem Vorbild des Beatles-Abgesangs Let It Be (1970) mit Bläsern und Streichern anreichert. Imagine, veröffentlicht am 9. September 1971, ist dann tatsächlich radiofreundlich und, wie sich bald schon zeigen soll, absolut hitträchtig.

Die Themen von Imagine sind natürlich dieselben wie die des Vorjahres. Das gallige How Do You Sleep ätzt in Richtung Paul, mit dem John über heftigstem Streit ums liebe Geld und nicht zuletzt wegen des unschönen Gezerres ums Beatles-Management bis auf weiteres gebrochen hat. Hinter dem fröhlichen Barrelhouse-Pop von Crippled Inside verbergen sich ein paar unerbittliche Bemerkungen zum Thema Selbstbetrug – to whom it may concern. Jealous Guy ist das in eine süßliche Ballade gebettete Bildnis der Eifersucht, anrührend und doch schonungslos. I Don’t Wanna Be A Soldier Mama I Don’t Wanna Die erklärt sich in seiner düsteren Monotonie von selbst. Brillante Krönung des Ganzen aber ist der Titeltrack. Eine Pianoballade mit simpel gesetzten Harmonien und sparsamster Begleitung, nur hier und da mit verhaltenen Streichern gezuckert. Yoko selbst bestätigt später, wie zentral John das Anliegen dieses Songs ist: »Imagine war etwas, was er der Welt unbedingt sagen wollte.« Vielleicht gerade wegen seiner unschuldigen Naivität und der kindlichen Einfachheit der Grundidee wird Imagine, als Single ausgekoppelt am 16. Oktober 1971, praktisch über Nacht zur Friedenshymne einer ganzen Generation.

Auch wenn Imagine nach dem starken Tobak von Plastic Ono Band wie Lennon light anmutet, John ist zufrieden. Er hat bewiesen, dass er nicht nur seinen künstlerischen Weg gefunden hat, er hat auch gezeigt, dass er damit am Markt erfolgreich bestehen kann. Streicheleinheiten für das geschundene, längst aber nicht uneitle Ego.

Nun, da sich John solo bewiesen hat, kehrt er zurück zum politischen Aktivismus, dem er sich gemeinsam mit Yoko verschrieben hat. Und das funktioniert nach bewährter Manier – der Künstler ist die Botschaft, das Medium die Nachricht, und John und Yoko alles auf einmal. Die Beschaulichkeit des abgelegenen Tittenhurst ist nun passé, am 3. September 1971 geht das Paar nach New York. England wird John nicht wiedersehen und Amerika bald von den beiden hören.

In New York massiert sich zu Beginn der Siebzigerjahre die junge politische Szene des Landes. Der Vietnam-Krieg, längst zum Fiasko für die US-Regierung geworden, eint so unterschiedliche Gruppierungen wie die Black Panthers mit Angela Davis, die kindsköpfigen Yippies um Abbie Hoffman oder auch die anarchistische White Panther Party von MC5-Manager John Sinclair. Dieses radikale Anti-Establishment, dem auch Leute wie Allen Ginsberg, Bobby Seale und Jerry Rubin angehören, nimmt die berühmten Aktivisten aus Swinging London mit offenen Armen auf. Und die lassen sich nicht lange bitten, treten nun bei allen möglichen Veranstaltungen auf und nutzen ihre Popularität, um Solidarität mit den neuen Waffenbrüdern im Geiste zu demonstrieren. TV-Shows, Benefizkonzerte oder Demos für einsitzende Gesinnungsgenossen, John und Yoko sind dabei. Der Ex-Beatle und die bei Beatles-Fanatikern verhasste Yoko sind nun geachtete und einflussreiche Galionsfiguren der Gegenkultur, die in jenen Jahren noch vom naiven Glauben an den Erfolg der eigenen Mission beseelt ist.

Johns Kunst allerdings tut all das nicht gut. Im Frühjahr 1972 gehen die Lennons ins Studio und nehmen mit Elephant’s Memory, einem Musikerhaufen, den sie in Greenwich Village aufgetan haben, ein neues Album auf. Yoko hat bei acht der zehn Studiosongs mitkomponiert. Und John, der auf den Alben davor sein Innerstes nach außen gekehrt hatte, hat nun den Protestsänger in sich entdeckt. Songs wie Woman Is The Nigger Of The World, Sunday, Bloody Sunday, Angela oder John Sinclair sind weniger Pop als vertonte Agitation. Und die ist nun mal naturgemäß platt, auch wenn sie von einem Beatle ausgebrütet wird. Hinzu kommt, dass das musikalische Spektrum auf Some Time In New York vom archaischen Folkblues über eigenwillige Reggae-Anleihen und polternden Rock bis hin zur spectoresken Wall Of Sound reicht – homogen ist das nicht, und besonders sorgfältig verarbeitet auch nicht. Da macht die als Bonus-Disc beigegebene Live-Platte mit Aufnahmen aus dem Londoner Lyceum und einem Gastauftritt bei Frank Zappas Mothers Of Invention den Kohl nicht fett. Das Album enttäuscht.

Auch privat steht Ärger ins Haus. Die US-Behörden fordern John im März 1972 auf, das Land zu verlassen. Begründet wird dies mit Lennons Verurteilung wegen Marihuana-Besitzes in England 1968, tatsächlich aber steckt dahinter, dass der US-Geheimdienst John und Yoko subversive Aktivitäten unterstellt. Man will die beiden loswerden. Es ist der Beginn einer zermürbenden vierjährigen Auseinandersetzung mit den Behörden. Der Startschuss zu einer weiteren, nicht weniger zermürbenden Periode in Johns Leben folgt bald darauf.

Im Dakota Building, an der Westseite des Central Parks gelegen, finden die Lennons im Mai 1973 eine neue Bleibe. Das Haus wird zum Zentrum des Lennono-Universums, privat, künstlerisch, geschäftlich. John hat wieder ein Zuhause. Im Sommer beginnt er mit den Aufnahmen zur nächsten Platte, Mind Games (1973). Enttäuscht hat er zur Kenntnis genommen, dass zu viele seiner neuen, politisch vermeintlich so engagierten Freunde doch eher der Spaßfraktion angehören. Überdies dämmert ihm, dass letztlich auch dem größten Revoluzzer das seelische Hemd näher ist als die sozialpolitische Hose. Die große Politik lässt er also links liegen und richtet den Blick wieder verstärkt auf den eigenen Seelenfrieden. Den hohen Standard von Imagine und Plastic Ono Band aber kann das Album nicht halten – die wirklich packenden Momente sind zu wenige, zu willkürlich scheinen die Themen gesetzt. Immerhin, der Titeltrack bringt es zum mittleren Hit.

John hat nun alles erreicht. Er ist Lennon Superstar, linkes Gewissen der Rockaristokratie und genialischer Solokünstler. Sogar die Sache mit Yoko haben die Fans, so scheint es, gefressen. Dabei brodelt es heftig unter der harmonischen Oberfläche. Seit fünf Jahren ist das Paar mehr oder weniger ununterbrochen, Tag für Tag, Nacht für Nacht und Stunde um Stunde, zusammen. Nicht, dass sie einander überdrüssig wären, aber ihre überaus intensive Beziehung raubt ihnen zusehends die Luft. Im August ist Yoko klar, dass sie handeln muss, will sie nicht riskieren, dass John irgendwann ausbricht. Zumal sie sieht, dass dem Gatten die Reize der jungen Assistentin May Pang nicht verborgen geblieben sind. Zwar behauptet John später, dass Yoko ihn im September 1973 schlicht »rausgeschmissen« hat, ganz so derb aber will sie nach eigenem Bekunden die vorübergehende Trennung nicht inszeniert haben, die als Johns »Lost Weekend« in die Annalen eingeht.

Wie dem auch sei, im Herbst findet sich John plötzlich in Los Angeles wieder. May ist mit Yokos Segen zu seiner Gespielin aufgestiegen, und mit den Kumpels Harry Nilsson, Ringo Starr und Keith Moon teilt er ein Strandhaus in Malibu. Seit seinem 23. Lebensjahr ist er Ehemann gewesen, jetzt, mit 33, unversehens wieder Junggeselle. Und der lässt es krachen. Zur Freude der Boulevardpresse, die keine Gelegenheit auslässt, die Eskapaden des ehemaligen Beatle auszuschlachten. Zweifelhafter Höhepunkt: Eines Abends fliegt Mister Lennon aus einer Bar in Los Angeles – sturzbesoffen und mit einer Damenbinde auf dem Haupt. Parallelen zu Hamburger Tagen sind augenfällig, plötzlich ist John wieder der ruppige, launische Zyniker, der sich seinerzeit auf offener Star-Club-Bühne auch gern mal eine Toilettenbrille um den Hals gehängt hat.

Musik macht er auch noch. Genau dieselbe wie damals im Star-Club, den Rock’n’Roll, der ihn in den Fünfzigerjahren elektrifiziert hat und den er immer noch so sehr liebt. Gemeinsam mit Phil Spector verlegt John die regelmäßigen Saufgelage gelegentlich ins Studio, wo er Standards wie You Can’t Catch Me und Sweet Little Sixteen von Chuck Berry, Larry Williams’ Bony Moronie und Be My Baby von den Ronettes aufnimmt. Dumm nur, dass Spector inzwischen den einen oder anderen Trip zu viel eingeworfen hat, gern mit dem Revolver rumfuchtelt und dabei auch schon mal in die Studiodecke feuert – sch(l)ussendlich macht sich der Produzent im Dezember mitsamt den Bändern aus dem Staub. Lennons Rock’n’Roll-Sause ist damit vorerst geplatzt.

An anderer Front entspannt sich die Lage: In Malibu empfängt John Paul McCartney und Gattin Linda, sogar gemeinsame Sessions sind überliefert. Trotzdem, Miss Pang und ihr Junggeselle haben das kalifornische Lotterleben im Frühling 1974 satt. Sie kehren zurück nach New York und nehmen ein Apartment an der East 52nd St. Umgehend beginnt John, ein neues Album einzuspielen. Walls & Bridges heißt es und erscheint am 26. September. Einmal mehr aber hat Lennon nur durchwachsene Qualität zu bieten. Geniestreichen wie Whatever Gets You Thru The Night oder # 9 Dream steht Überflüssiges wie das Instrumental Beef Jerkey, Mittelmaß wie Surprise, Surprise und Blödsinn wie Ya-Ya entgegen, dazu das Selbstmitleid von Nobody Loves You (When You’re Down And Out). Ein ähnliches Bild wie auf Mind Games – beide Platte wirken zerrissen, stellenweise schlaff und hingeschludert.

Elton John, Pianist auf Whatever Gets You Thru The Night, hat mit John gewettet, dass der Track ein Nr.-1-Hit werden wird. So geschieht es. Am 16. November 1974 löst der Song You Ain’t Seen Nothing Yet von Bachman Turner Overdrive an der Spitze der Billboard Charts ab, Johns erste Nr. 1 als Solokünstler. Seine Wettschuld, einen gemeinsamen Auftritt, löst er am 28. November im Madison Square Garden ein. Es wird seine letzte öffentliche Performance sein. Und Yoko ist Zeugin. Ihr Eindruck: »Ich saß da mit zugeschnürtem Hals, weil er so einsam aussah da draußen.« Nach der Show treffen sie sich kurz, und John beschreibt das später so: »Als ich von der Bühne kam, stand sie da, und wir sahen uns an. Es war wie damals in der Indica Gallery.«

Bis zur endgültigen Versöhnung dauert es noch einige Wochen. Nachdem John mit David Bowie gearbeitet hat – sie schreiben zusammen Fame – kehrt er zurück ins Dakota Building. Etwa zur selben Zeit, im Januar 1975, ergeht in London ein Gerichtsurteil, das die Beatles als eingetragene Firma endgültig auflöst.

Die verschollenen Rock’n’Roll-Tapes hat Phil Spector inzwischen zurückgeschickt und John noch ein paar weitere Oldies eingespielt. Rock’n’Roll, das im Februar 1975 erscheint, wird in der damaligen Szene jedoch mit Enttäuschung registriert. Heute aber, mit dem Abstand der Jahre, zählt das Album zu den Höhepunkten in Lennons Schaffen. Mit sicherer Hand hat der alte Kiezrocker hier ein paar Goodies aus den Fünfzigern durch die Zeitmaschine gejagt, ohne ihnen den rauen, ursprünglichen Charme zu nehmen. Die Arrangements von Klassikern wie Stand By Me, Be-Bop-A-Lula oder Peggy Sue sind originell, wirken frisch und atmen doch den Geist der klassischen Jukebox-Ära. Perfektes Handwerk, das Mr. Winston O’Boogie als immer noch kraftstrotzenden und leidenschaftlichen Rock’n’Roller ausweist.

Johns Odyssee zu sich selbst ist mit der Rückkehr zu Yoko nach 16 Monaten beendet. Er ist nun geläutert, bereit für die Wirklichkeit und ein Leben ohne die Insignien und Maskeraden des Rockstars. Zur Krönung dieses Jahres, in dem sich so viele Kreise für ihn schließen, wird der 9. Oktober. Pünktlich zum 35. Geburtstag schenkt ihm Yoko seinen Sohn Sean. Noch während sie schwanger ist, hat John einen folgenschweren Entschluss gefasst: Er will seinen Job als Musiker an den Nagel hängen, sobald der Kleine auf der Welt ist. Keine neuen Alben, keine Konzerte, keine neuen Songs. Im Februar 1976 läuft sein Plattenvertrag aus. Er wird ihn nicht verlängern. Lieber kümmert er sich um den Haushalt und den kleinen Jungen, wäscht Windeln, oder besser: lässt sie waschen, und lernt, wie ausgiebig kolportiert wird, Brot zu backen. Sein alter Freund Klaus Voormann, ebenfalls 1975 Vater geworden, besucht kurze Zeit später mit seiner Familie die Lennons im Dakota Building. Was er vorfindet, ist ein perfektes Familienidyll, nur eben mit vertauschten Rollen: Yoko mehrt das Vermögen und John, in Business-Dingen eine Niete, kümmert sich um die »home front«. Wie Voormann in seiner Biografie berichtet, plaudern die Rocklegenden an jenem Tag über wunde Babyhintern, Ringelblumensalbe und die Geheimnisse des Reiskochens.

Am 27. Juni 1976 geschieht dann endlich, worauf die Familie so lange gewartet hat: John erhält eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und die begehrte Green Card. Endlich kann er unbeschwert reisen. Die Lennons machen ausgiebig Gebrauch von der neuen Freiheit und besuchen unter anderem Hongkong, Südafrika, Singapur und Japan, wo sie den Sommer 1977 verbringen. Das Leben als Privatier scheint John Spaß zu machen, indes: Der Künstler, der Musiker, der Poet in ihm, sie alle schlummern nur. Eines Tages würden sie erwachen. Und Yoko ahnt das – auch wenn das Paar am 27. Mai 1979 den nicht totzukriegenden Gerüchten um ein Comeback mit einer ungewöhnlichen Aktion begegnet: In der New York Times und Zeitungen in Rom und Tokio schaltet es eine ganzseitige Anzeige, mit der es sich an jene wendet, »die uns nach dem Was, Wann und Warum fragen«. Der wortreiche »Liebesbrief von John und Yoko« sagt: Uns geht’s gut, und die Familie ist uns das Wichtigste.

Dass den 39-jährigen Lennon im Sommer des folgenden Jahres plötzlich doch wieder der Hafer sticht, liegt an der New-Wave-Truppe B-52’s. Auf den Bermudas hat John in einem Club deren Song Rock Lobster gehört. Sofort fühlt er sich an Yokos Musik erinnert und beginnt wieder zu schreiben. Yoko in New York tut desgleichen, und Anfang September hat das Paar 25 neue Songs fertig. Der nächste Schritt führt in die New Yorker Hit Factory Studios.

Die Single (Just Like) Starting Over erscheint am 23. Oktober, das Album Double Fantasy drei Wochen später. Sofort wetzt die Kritik die Messer. Enttäuscht moniert man die süßlich-gelackte Produktion, die ewig gleiche Leier vom Liebesglück zwischen John und Yoko, die offenbar völlige Ignoranz moderner Strömungen wie New Wave und Punk und, natürlich, den Umstand, dass Yoko die Hälfte der Songs beigesteuert hat. Hätten die Schreiber genauer hingehört, sie hätten registriert, dass Double Fantasy konsequent Johns alter Maxime folgt, die er schon zu Beginn seiner Solojahre erklärt hat: »Für die Beatles war jeder Song, jede Platte, jeder Film wie ein Tagebuch. Nur war uns das nicht bewusst. Bei der Arbeit mit Yoko wurde mir das erst klar.« So auch jetzt. Immer schon hat John, mehr als jeder andere Songwriter, seine Alben als persönliche Bekenntnisse angelegt. Und hier, 20 Jahre nach den Anfängen in Hamburg, zehn Jahre nach den Beatles und fünf Jahre nach seinem Ausstieg, gibt er den Blick frei auf sein Leben als Vierzigjähriger. Er bekennt: Ich liebe, ich bin glücklich, ich bin mit mir im Reinen. Es ist der Dezember 1980. Was sollte jetzt noch schiefgehen?

30 Jahre ist das nun her – und viele wissen wohl noch heute, wo sie waren und was sie gerade taten, als gemeldet wurde, was keiner glauben wollte. John Lennon starb in den Abendstunden des 8. Dezember 1980, nachdem er vor dem Portal des Dakota Building von einem psychisch kranken Fan namens Marc David Chapman mit mehreren Schüssen niedergestreckt worden war. Stunden zuvor, als er mit Yoko das Haus verließ, um in den Record Plant Studios zu arbeiten, hatte er ihm noch ein Autogramm gegeben. Dabei entstand ein Foto, das letzte des lebenden Lennon, das ihn zusammen mit seinem späteren Mörder zeigt. Als um 23.15 Uhr Ortszeit im New Yorker Roosevelt Hospital Dr. Lynne offiziell Lennons Tod bekannt gab, löste die Nachricht eine weltweite Schockwelle aus, spontan versammelten sich überall trauernde Fans, um Johns Lieder zu singen.

Wenn sich je über einen Künstler sagen ließ, dass er in seinem Werk weiterlebt, dann über diesen hier. Vielleicht, weil John Lennon bei seinem Hochseilakt im Popzirkus auf ein Netz immer verzichtet hatte. Für ihn zählte nur das: Gimme Some Truth! Kein Grund, ihn, Yoko und all das, was die beiden taten, zu idealisieren. Sie liebten, sie stritten, sie meinten es ernst und waren dabei albern – oft genug zwei nervensägende Spinner. Aber sie waren echt.

Lennons Songs stehen nicht nur für eine einzigartige Persönlichkeit, sie stehen auch für eine Ära, in der Popmusik sich anmaßte, etwas zu bedeuten. Geträumt hat eine ganze Generation von Frieden, Gerechtigkeit, Liebe und Rock’n’Roll. Gesungen hat davon ein Junge aus der englischen Arbeiterklasse. Ein Working Class Hero, die Füße auf dem Boden, den Kopf in den Wolken: »Ich war immer ein Rebell. Aber ich wollte auch geliebt und geachtet werden, nicht nur der großmäulige, verrückte Poet und Musiker sein. Aber ich kann nicht sein, was ich nicht bin.«

Empfehlenswert:

Imagine (1971)

Zusammen mit dem ein Jahr zuvor veröffentlichten John Lennon/Plastic Ono Band bildet Imagine den Kern des Lennon’schen Soloschaffens. Nicht nur ist dies das erfolgreichste Soloalbum in der Karriere des Ex-Beatles, es bietet auch die wohl bekanntesten Klassiker aus seiner Feder. Imagine natürlich, die ewige Friedenshymne, das fröhlich mit Saloon-Piano dahin rumpelnde Crippled Inside, das bittere How Do You Sleep, mit dem der enttäuschte John seinen langjährigen Partner Paul McCartney anging, und nicht zuletzt das verstört-melancholische Jealous Guy. Ein zeitloses Meisterwerk.

Working Class Hero – The Definitive Lennon

Der ganze Lennon auf zwei CDs. Eine rundum gelungene Zusammenstellung der schönsten, bekanntesten, wichtigsten und erfolgreichsten Songs aus John Solo-Jahren. Neben den Schlüssel-Tracks der großen Alben Plastic Ono Band und Imagine finden sich hier Songs aus Double Fantasy und dem posthum veröffentlichten Milk & Honey ebenso wie die Hitsingles Whatever Gets You Thru The Night und Give Peace A Chance – 38 Tracks, die keine Wünsche offen lassen. Ausgespart bleibt natürlich die Musik, die Lennon mit den Beatles gemacht hat.

John Lennon/Plastic Ono Band – Classic Albums (DVD)

Im Rahmen der zu Recht hochgelobten Classic-Albums-Reihe haben sich die britischen Macher auch John Lennons so wichtiges Solowerk von 1970 vorgenommen. Der Film leuchtet detail- und tiefenscharf aus, wie Lennon den schwierigen Schritt vom gewesenen Beatle zum eigenständigen Solokünstler vollzog und seziert die Entstehungsgeschichte der zentralen Songs des Albums, darunter Mother, Working Class Hero, God und Power To The People. Zu sehen sind neben jeder Menge Originalaufnahmen von damals auch Zeitzeugen und Beteiligte wie Yoko Ono, Ringo Starr, Arthur Janov (Begründer der »Urschrei-Therapie«), Bassist Klaus Voormann, Rolling-Stone-Herausgeber Jann Wenner und andere. Hochgradig spannend und weit mehr als »nur« eine sehr gute Dokumentation, ist dies die akribische Rekonstruktion der wohl wichtigsten Phase im Leben des Künstlers John Lennon.


MR. TAMBOURINE MAN

Das zweite Leben des Bob Dylan

»How does it feel to be on your own, with no direction home, like a complete unknown, like a rolling stone?« Wir wissen nicht, ob sich Bob Dylan Mitte der Achtzigerjahre diese Frage aus seinem wohl berühmtesten Song selbst gestellt hat. Wenn, dann dürfte die Antwort deprimierend ausgefallen sein: einsam, hilflos, verkannt. Zwei Jahrzehnte nach seinen eindrucksvollsten Triumphen fühlte sich die größte aller Pop-Legenden künstlerisch tot. Sicher, immer noch brachte er regelmäßig neue Platten heraus, und immer noch war er auf Tournee. Aber er hatte den Kontakt zu sich selbst, zu seinen Songs, zu seiner inneren Flamme verloren. Und die, die ihn da draußen sehen wollten, schienen das zu spüren, sie wurden weniger, unaufhaltsam. Er wusste es, und er verzweifelte daran.

Er war der Big Boss Man des Sixties-Pop gewesen, der »Picasso of song«, wie ihn Leonard Cohen einmal nannte. Im Alleingang hatte dieser Messias der Jugendkultur die Poplyrik auf literarisches Niveau gehievt und damit eine Revolution in der Unterhaltungsmusik ausgelöst. Die Textzeilen seiner bekanntesten Songs wie Like A Rolling Stone, Mr. Tambourine Man oder Blowin’ In The Wind nahmen der Baby-Boomer-Generation gleichsam das Denken ab. Was Dylan sang, war ideologisches Gesetz, auch wenn er genau das monierte – »don’t follow leaders, watch the parkin’ meters«. Gegen alle Widerstände riss er dazu die Grenzen zwischen Folk und Rock ein und inspirierte eine Generation von nachfolgenden Musikern. Sein Auftreten, seine Songs und seine Haltung machten ihn zur alles überstrahlenden Leitfigur und etablierten den neuen Typus des unabhängigen und emanzipierten Popkünstlers.

All das hatte er in seinen Zwanzigern erreicht. Kaum auf dem Gipfel, schlug er freilich schon den ersten Haken. Zum Ende dieses turbulenten Jahrzehnts initiierte er mit seiner Hinwendung zum Country eine Rückbesinnung des Rock auf die musikalischen Wurzeln und entwickelte obendrein eine mürrische Kauzigkeit, die so gar nicht zur »Love & Peace«-Euphorie seiner Anhänger passen wollte. In seinen Dreißigern bereits wirkte Dylan wie ein Fossil, ein Frühvollendeter, dessen Aktivitäten, etwa die Hinwendung zum Christentum oder die chaotische Rolling-Thunder-Tournee, bei der er maskiert auftrat, vom nachgewachsenen Publikum als spleenige Launen eines mysteriösen alten Mannes belächelt wurden, der ohnehin nicht mehr viel zu sagen hatte.

Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, für ewig würde er eine Art Moses der Popkultur bleiben, derjenige, der die steinernen Gesetzestafeln von den nebligen Höhen des Berges Sinai mitgebracht hatte. Dieses Werk, dieses Künstlerleben reklamierte das Publikum als Eigentum. Mit Alben wie Subterranean Homesick Blues, Highway 61 Revisited und Blonde On Blonde hatte Dylan der Jugendbewegung ihren Katechismus geschaffen. Den hatte sie in Besitz genommen und ihrem Schöpfer seinen wohlverdienten Platz als unangefochtener Gottvater auf dem Thron der Popkultur zugewiesen, zur Rechten Elvis, zur Linken die Beatles. Kult und Werk waren damit zur Ewigkeit und der Künstler zum Stillhalten verdammt. Eine Gegenwart oder gar Zukunft würde diesem Götzen der Vergangenheit verwehrt bleiben. Dylan blieb Dylan blieb Dylan. Lebendig begraben.

Ein Status, der ihm die Luft zum Atmen nahm. Viel hätte nicht gefehlt und der Mann, den nicht wenige für den bedeutendsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts halten, wäre mit gerade mal 46 Jahren in Rente gegangen: »Es war an der Zeit aufzuhören. Die Vorstellung, mich zur Ruhe zu setzen, beunruhigte mich nicht im mindesten. Ich hatte mich mit diesem Gedanken angefreundet und mich längst an ihn gewöhnt.« So schreibt Dylan in seinen Erinnerungen Chronicles Volume One (Hoffmann & Campe, 2004) über seine seit Beginn der Achtzigerjahre schwelende künstlerische Krise, die Ende 1987 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Was war geschehen? Und was war es, das ihn nur kurze Zeit später zum glatten Gegenteil eines Rücktritts veranlasste, als er beschloss, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, die Never Ending Tour und damit sich selbst neu zu erfinden?

Am Ende des Jahres, das international durch das allmählich einsetzende Tauwetter von Gorbatschows Glasnost und hierzulande durch die unrühmliche Barschel-Affäre geprägt wurde, hat Bob Dylan in der Tat »fertig«: Hinter ihm liegen eine 18 Monate währende Welttournee mit Tom Petty & The Heartbreakers sowie eine Konzertreise, die er mit den Althippies von Grateful Dead absolviert hat. Auch dem wohlwollendsten Fan dürfte bei dieser nur sechs Konzerte umfassenden Dead-Tour aufgefallen sein, wie lustlos, geradezu apathisch Dylan sich phasenweise durch die Sets geleiert hat – dokumentiert auf dem wenig aufregenden Album Dylan & The Dead (1989). Nicht viel besser hat er sich auf der Petty-Tournee präsentiert. Zumindest empfand dies ein Großteil des Publikums. Bei gedimmtem Licht bot er irritierende, mitunter fast wie absichtlich vermurkst klingende Interpretationen seiner Klassiker – und verlor bei all diesen Konzerten zwischen den Songs nicht ein einziges Wort. Die ihn begleitenden Heartbreakers konnten da kaum etwas retten. Die vielerorts enttäuscht abwandernden Zuschauer hatten den Eindruck, dass hier einer nicht wirklich mit Freude dabei war – Dylan, der Miesepeter.

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