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Werner Hetzschold In den Meyerschen nahm alles seinen Anfang
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Jahre später! Jan erinnert sich. Anfang 1960 muss es gewesen. Von der Schule kam er nach Hause, betrat die elterliche Wohnung, findet seine Mutter im Wohnzimmer vor, in Tränen gebadet.
„Ist jemand gestorben?“, fragt er besorgt.
„Der Helmut Drechsler ist tot!“ Die Trauer, der Schmerz, der Kummer vereinen sich in ihrer Stimme, in ihrem Gesicht. Hier lies! Das ist der Text, den die Zeitung schreibt. Im Rundfunk haben sie es auch gebracht. Es kann also kein Irrtum sein! Man sagt, von seiner letzten Reise nach Zentralafrika sei er nicht mehr zurückgekehrt. In der Nacht vom 3. zum 4. Februar sei er tödlich verunglückt. Er sei vom Steilufer in einen Fluss abgestürzt. Die Unfallursache sei ungeklärt.“
Noch immer Tränen in den Augen breitete Mutter Bücher auf dem Tisch aus.
„Die habe ich alle antiquarisch kaufen können. Da waren sie preisgünstiger. Billig ist dafür nicht das richtige Wort.“
Vorsichtig reichte sie Jan ein Buch. Er las „Kamerajagd auf Schmetterlinge“. Jan betrachtete sich die auf dem Tisch liegenden Bücher näher, las „Vom Atlantik zum Mittelmeer“, „Vom Karst zu den Karpaten“. Diese Bücher sahen geschmackvoller aus als viele, viele Bücher, die es in den Buchhandlungen zu erwerben gab.
„Du musst Vater nichts von diesen Büchern sagen“, flüsterte Mutter. „Er hätte dafür kein Verständnis. Ich habe sie gut versteckt. Wie dir bekannt ist, hat Vater auch seine Verstecke für Bücher, die mir verborgen bleiben sollen.“
Ausgiebig sah Jan sich jedes Exemplar an, Seite für Seite. Ihm gefiel die Gestaltung der Bücher. Sie machten etwas her, eigneten sich hervorragend als Geschenk.
Inzwischen waren viele Jahre seit Drechslers Tod vergangen. Bis jetzt ist der Unfall nicht aufgeklärt. Viele Vermutungen wurden angestellt, aber keine endgültige Lösung gefunden. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt worden. Im Traum verfolgt Jan dieses Geschehen. Er sieht den Mann vor sich, wie er, Jan, ihn sieht. Auf diesem Foto ist er mit freiem Oberkörper abgebildet, kurz vor seinem Tod. Braun gebrannt, auf dem Kopf einen Hut ähnlich den Kopfbedeckungen der Soldaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den ehemaligen deutschen Kolonien, sportlich, durchtrainiert, Waschbrettbauch, eine gut aussehende, auf Wirkung und Ausstrahlung bedachte Persönlichkeit, die sicher auch Feinde hat bei dem Erfolg, den sie auf vielen Gebieten erzielt hatte. Dieses Foto wird gewiss eines der letzten gewesen sein, die von ihm unmittelbar vor seinem Tod angefertigt wurden. Der Traum versetzt Jan in die Nacht vom 3. zum 4. Februar 1960. Drechsler steht am Steilufer des Flusses, lässt das Ambiente auf sich wirken, ist zu tiefst beeindruckt von der tiefen Stille der Nacht. Kein Laut! Nur eine in sich ruhende Natur. Ein Hauch von Ewigkeit. Eine Bewegung, ein falscher Schritt! Der Körper gleitet in die Tiefe, den die Umgebung als Sturz wahrnimmt. Der Tod holt ihn, noch bevor er sich als Individuum mit seinen vielseitigen Talenten voll entfalten konnte. Den letzte Kartengruß an seine Frau hatten dunkle Vorahnungen diktiert. Im Krankenhausbericht vom achten Februar1960 hieß es lakonisch, dass „die Umstände und die Stunde des Sturzes nicht präzisiert werden können.“ Bis heute ist Helmut Drechsler unvergessen geblieben, wird es auch bleiben, solange sein Nachlass existiert in Form von Publikationen, Druckerzeugnissen, Fotografien, Kalendern, Bildern. Ein Mensch ist erst tot, wenn ihn die Nachwelt vergessen hat. Solange es Menschen gibt, die ihn nicht vergessen haben, lebt er in der Erinnerung fort. Gedenksteine, Namen von Straßen und Wegen, sie tragen seinen Namen.
Jan hat schon öfters darüber nachgedacht, was für eine außerordentliche Persönlichkeit dieser Helmut Drechsler war. Aus bescheidenen Verhältnissen kam er, wuchs ohne Vater auf, da dieser früh verstorben war. Schwer war es für die Mutter, drei kleine Kinder zu versorgen. Der Direktor der Schule erkannte die Begabungen des Jungen, förderte ihn, schickte ihn auf das Lehrerbildungsseminar. Nach bestandenem Examen nahm er keine Position als Lehrer an, sondern machte sein Hobby zum Beruf. Vielseitig begabt wie er war, war er vielseitig einsetzbar, war Fotograf und Schriftsteller, war ein begnadeter Redner, füllte Säle, war ein blendender Organisator, wurde von den Wissenschaftlern geschätzt. In jungen Jahren verfügte er über die finanziellen Mittel, um sich in Colditz in herrlichster Lage ein Haus bauen zu lassen. Er führte ein Leben, das nur wenigen vorbehalten ist. Jan beneidete ihn. Nur wenige sind auserwählt, aber noch weniger sind berufen, so ein erfolgreiches, abenteuerliches Leben führen zu dürfen. Er war eine starke Persönlichkeit, von seiner Kompetenz, seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten und seinem Wert überzeugt.
Jan wollte Förster werden. Er liebte die Natur: die Tiere, Pflanzen, Seen, Flüsse, Berge, Wiesen, Weiden. Ständig beobachtete er seine Umwelt, verfolgte das Geschehen mit offenen Augen, registrierte jede Bewegung, jede Veränderung. Viel hielt er sich draußen an der frischen Luft auf, zu allen Jahreszeiten, brauchte seine Bewegung. Zu seinem zehnten Geburtstag erhielt Jan ein Fahrrad. Es war kein neues Fahrrad. Viele aus seiner Klasse hatten Fahrräder zu den Geburtstagen oder zu Weihnachten von den Eltern geschenkt bekommen. Das waren alles neue Fahrräder, in allen Farben gespritzt. Sein Fahrrad war eine Rarität, setzte sich aus Bauteilen unterschiedlicher Fahrräder und Fahrradtypen zusammen, deshalb wirkte es kurios, höchst seltsam. Die Farbe seines Fahrrades war auch nicht aufgespritzt worden, sondern es war angestrichen worden. Der Monteur hatte ein freundliches Dunkelblau gewählt, auf dem Fahrrad-Rahmen hatte er einige Nasen hinterlassen, doch die beeinträchtigten nicht das Aussehen. Das Wichtigste war, Jan besaß ein blaues Fahrrad, das auch fuhr. Das Fahrrad hatte keine Gangschaltung, die hatten damals nur wenige. Jan probierte sein Rad aus, wählte den Auenwald zunächst als Ziel. Heiß schien die Sonne. Im Auenwald war es schwül. Die Mücken griffen an, verfolgten ihn, stachen. Sie rückten an in dichten Schwärmen, fielen erbarmungslos über ihn her. Die Haut juckte, rote Flecken bildeten sich, die anschwollen. Er wurde immer von den Mücken am meisten geplagt. Sein Vater sagte, dass die Mücken sein süßes, gesundes Blut bevorzugen, es zu sich nehmen wollen, weil es am besten schmeckt. Deshalb überfallen sie ihn scharenweise, um ihm das Blut abzuzapfen. Den Wald durchflossen viele Wasserläufe, überwuchert von vielen Pflanzen, die Jan nicht kannte. Die einzigen Pflanzen, die ihm bekannt waren und hier in üppigen Beständen sich ausbreiteten, waren die Farne und das Schilf mit den Rohrpumpen. Gern hätte Jan einige Stängel mit Kolben mit dem Taschenmesser abgeschnitten und seiner Mutter als Schmuck für die große Vase überreicht, aber die Rohrpumpen waren zu weit vom Rand des Gewässers entfernt. Die Wasserläufe endeten mitunter in kleinen Seen, auf denen sich Wasservögel tummelten.
Ein Vogel erregte seine Aufmerksamkeit. Dieser wendige, bewegliche Flieger mit langem Schnabel und kurzem Schwanz war ihm vertraut. Er liebte diesen leuchtenden, blau-grünen Diamanten, der mit schnellen Flügelschlägen dicht über der Wasseroberfläche dahin schoss. Der Eisvogel in seinem strahlend bunten Federkleid war für Jan ein Teil der exotischen Vogelwelt wie der Bienenfresser, die Blauracke, der Wiedehopf, der Pirol. Die Blauracke hat etwa die Größe eines Eichelhähers mit auffallendem Gefieder. Die Unterseite leuchtet grünlich-blau, der Rücken bräunlich. Wenn dieser Vogel fliegt, lenkt die türkis-blaue Farbe der Flügel die Aufmerksamkeit auf sich. Kopf und Hals schimmern bräunlich-grün. Die Blauracke bevorzugt ein offenes Gelände mit vereinzelt stehenden alten Bäumen an Flussufern. Der Bienenfresser hat etwa die Größe einer Amsel, ist von schlankem Körperbau, hat einen langen Schnabel und kastanienfarbenes Gefieder auf der Oberseite. Die Unterseite ist türkis-blau. Wie die Blauracke liebt dieser Vogel offenes Gelände in der Umgebung von Wasserläufen, an deren Ufern er Nistmöglichkeiten hat.
Jan ließ die Auen-Landschaft hinter sich zurück, befuhr jetzt Sand-Wege zwischen Wiesen und Feldern, über denen Turmfalken rüttelten und nach Mäusen Ausschau hielten. Hatten sie eine erspäht, stießen sie im Sturzflug herab. Sobald sie eine erbeutet hatten, strichen sie davon.
Wie den Helmut Drechsler zog es Jan hinaus ins Grüne. Während der Wintermonate beobachtete er auf den verschneiten Feldern die vielen Hasen, die jetzt verschwunden, vielleicht fast ausgestorben sind. Im extrem kalten Winter hatten es die Kaninchen sehr schwer Nahrung zu finden. Viele überlebten nicht. Sie leben in einer Vielzahl von Bauen, die mit einem Netz von Gängen miteinander verbunden sind. Blind und ohne Fell kommen sie auf die Welt, öffnen als Nesthocker nach ungefähr zehn Tagen die Augen. In strengen Wintern dringt die Kälte in ihren Bau, lässt sie erfrieren. Der Nahrungsmangel führt auch zum Tod, denn die ursprüngliche Heimat dieser Tiere ist der Mittelmeerraum. Trotzdem haben sie bis heute überlebt, die Hasen offensichtlich nicht oder nur in geringen Populationen. Die Feldhasen wurden sicher ein Opfer der Monokulturen, der auf den weiten Feldern eingesetzten Maschinen. Für die Aufzucht der Jungen gräbt der Hase keinen unterirdischen Bau, er legt zu ebener Erde eine Erdmulde oder Sasse an, die er als Ruhelager nutzt und zur Aufzucht der Jungen. Behaart und sehend werden sie geboren. Als Nestflüchter verlassen sie gleich ihre Geburtsmulde, trotzen den Gefahren des Lebens.
Jan gehörte zu den wenigen Schülern, die nach dem erfolgreichen Abschluss der Grundschule die Erweiterte Oberschule besuchen durften. Er nahm an, dass er seine Delegierung für diese Bildungseinrichtung seinem sozialen Status zu verdanken hatte, denn unter sozialem Aspekt betrachtet, gehörte er zur Arbeiterklasse und nicht wie die Eltern seiner Mitbewerber zur Intelligenz. Er war der Einzige, dessen Eltern nicht Rechtsanwälte oder Ingenieure mit und ohne Einzelvertrag oder Ärzte waren. Er hatte den Eindruck, die Schulleitung schätzte sich glücklich, dass sie ihn als ihren Schüler auf die Erweiterte Oberschule delegieren konnten, denn außer ihm verfügten sie über keinen weiteren Antragsteller mit diesem sozialen Status. Bei den vielen Bewerbern aus Akademiker-Familien erhielten längst nicht alle die Zulassung. Im September begegnete Jan vielen ehemaligen Mitschülern an der neusprachlichen Oberschule wieder, die vorher abgelehnt worden waren. Er erfuhr, dass alle Bewerber aus seiner Klasse die Zulassung für die Abitur-Ausbildung empfangen hatten. Jan fand diese Entscheidung gerecht, denn er hatte immer das Gefühl gehabt, dass diese Klassenkameraden mehr wussten als er, denn sie wussten über Dinge Bescheid, die nicht in der Schule gelehrt worden waren.
Mit Michael war Jan befreundet. Nach der Schule hielt Jan sich oft bis zum Abend bei seinem Klassenkameraden auf. Gemeinsam fertigten sie die Schularbeiten an, spielten Fußball mit anderen Jungen, die in dieser teuren und vornehmen Gegend zu Hause waren, schauten fern. Jans Eltern waren äußerst zufrieden mit dem neuen Freundeskreis ihres Sohnes.
„Endlich werden dem Jungen Manieren beigebracht!“, sagte der Vater.
„Auch wird er sehr viel Neues kennen lernen“, ergänzte die Mutter.
Jans Eltern besaßen kein Fernsehgerät. Gerade so viel Geld konnten sie aufbringen, um sich ein schlichtes, einfaches Radio kaufen zu können. Ein Radio hatte sich Mutter schon immer gewünscht. Es erlaubte ihr, die Nachrichten zu hören und dann vor allem Musik. Mutter liebte Operetten und Opern. Nun war es ihr vergönnt, diesen Kunstwerken in der Küche bei der Arbeit lauschen zu können.
„Ist diese Musik nicht ein unvergleichlicher Kunst-Genuss!“, wiederholte Mutter immer wieder. „Das ist echte Kunst, mein Junge!“
Jan nickte nur.
„Nun sag doch mal was! Schließlich hat Gott dir eine Sprache gegeben, damit du dich mitteilen kannst.“ Ihre Stimme klang verärgert.
„Es ist unsterbliche Musik“, sagte Jan, dabei benutzte er Wörter aus ihrem Wortschatz.
Sie reagierte nicht.
Der Vater seines Klassenkameraden war wie viele Väter Arzt. Nachmittags suchte er seine Patienten auf, nahm seinen Sohn bei diesen Visiten per Auto mit. So bot sich Jan die Gelegenheit, einen großen Teil seiner näheren Heimat kennen zu lernen, der ihm sonst verborgen geblieben wäre. Bei diesen Fahrten erlebte er den regen Verkehr auf den Autobahnen, sah Fahrzeug-Typen, die er sonst nie zu sehen bekommen hätte, weil sie die schmalen Straßen und Gassen der Städte mieden. Während der Vater des Klassenkameraden am Steuer saß, fragte er seinen Sohn in Englisch, Französisch und Latein ab, führte Gespräche mit ihm über Politik, eigentlich über alles, was so im Fernsehen an Nachrichten ausgestrahlt wurde. Der Vater stellte viele Fragen, die Jan nicht hätte beantworten können. Michael war sehr redegewandt, musste erklären, erläutern, Zusammenfassungen geben. Alle diese Themen, die hier diskutiert wurden, kannte Jan nicht, weil sie nicht in der Schule behandelt wurden. Sie gehörten nicht zum Lehrplan, sie wurden einfach übergangen, nicht zur Kenntnis genommen, wie Jan begreifen musste. Michael musste sich mit einem Lehrstoff und mit Themen beschäftigen und auseinandersetzen, die unwichtig für die Schule waren, weil nach ihnen kein Lehrer fragte, sie in keiner Prüfung als Wissen abgefordert hätte. Wenn diese Themen aber für den Unterricht keine Bedeutung hatten, warum verlangte ihre Beherrschung dann Michaels Vater? Er wird doch seinen Sohn nichts Unnützes, vielleicht sogar Falsches abfragen? Dieses Erlebnis ging Jan nicht aus dem Kopf. Fragen wollte er nicht. Er befürchtete keine richtige oder eine ausweichende Antwort zu erhalten. Er musste selbst das Rätsel lösen.
Jan erkannte, dass er die besten Ergebnisse im Fach Deutsch erzielte und dafür den geringsten Arbeitsaufwand investieren musste. Für die Bewältigung der Naturwissenschaften, er dachte an die Fächer Mathematik, Chemie, Physik, musste er viel Zeit opfern, weil er nur schwer Zugang zu ihnen fand. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, dass er naturwissenschaftlich unbegabt sei und dass später einmal eine berufliche Entscheidung auf diesem Gebiet für ihn nicht in Frage käme. Mit dem Deutschlehrer hatte er auch ein Glückslos gezogen. Er verstand es blendend, Jan für dieses Fach zu begeistern. Im Literaturunterricht wurde auch die Epoche der Romantik behandelt. Für Jan war es ein kurzer Streifzug. Die Dichter Novalis, Brentano und Heine wurden als typische Repräsentanten erwähnt, ihre Biografie beinhaltete nicht nur das Datum ihrer Geburt und ihres Todes. Besonders von Heinrich Heine war Jan begeistert. Dessen Sprache empfand er als äußerst zeitgemäß, geradezu modern, musikalisch, voller Rhythmik. Mit der Epoche der Romantik beschäftigte er sich intensiver als eigentlich notwendig war. In dem Zusammenhang erinnerte er sich an seine Kindertage, an die Spaziergänge mit seiner Mutter, an gemeinsame Museumsbesuche. Wieder begegnete er der Blauen Blume, dem Aushängeschild der Epoche der Romantik. Er erinnerte sich, dass damals die Mutter auch die Wortgruppe Blaue Blume benutzte, als sie ihm von den Dichtern erzählte, die entsprechend ihrer Kenntnis zu diesem Dichterkreis gehörten. Als junge Frau lieh sie sich in der Stadtbibliothek Bücher aus, in der über die Liebe zwischen Novalis und seiner Verlobten die Rede war. Auch damals auf dem Ost-Friedhof schwärmte sie von der Beziehung dieser beiden jungen Menschen und sah diese Bindung, diese Verlobung verklärt und rein. Von Sex war nie die Rede, nur von geistiger Verwandtschaft.
„Stell dir vor“, sagte seine Mutter damals auf dem Friedhof und auch jetzt wieder, „wie herrlich jung diese beiden Geschöpfe waren.“
Entsprechend Jans Erfahrung war Mutter die Einzige, die für eine solche Verbindung wie zwischen Novalis und seiner Verlobten den Begriff Geschöpf gebrauchte. Für Mutter hatte das Wort Geschöpf einen sehr hohen Stellenwert. Aus den klugen Büchern erfuhr Jan, dass die künftige Verlobte zu diesem Zeitpunkt, als sie sich das erste Mal begegneten, gerade einmal zwölf Jahre alt war. Sie hieß mit vollem Namen Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn. Mit fünfzehn Jahren verstarb sie an Tuberkulose. Diese Krankheit hieß damals Schwindsucht. Vielen Operationen hatte sich diese junge Frau unterziehen müssen, aber alle Eingriffe waren vergebens. Sie konnte diese Krankheit nicht besiegen. Als Novalis ihr Tod mitgeteilt wurde, war er zutiefst verzweifelt und bewahrte und konservierte ihr Bild in seinen Dichtungen. Auch er ist nicht alt geworden. Er war keine dreißig Jahre alt, als er starb. Er gehört zu den Dichtern, die unsterblich bleiben.“
Mutter seufzte tief, war sehr nachdenklich geworden und fügte noch immer in Gedanken verloren hinzu: „Es waren andere Zeiten damals. Die Medizin war damals noch nicht auf dem Stand, den sie heute hat. Drei Mal musste sich Sophie Operationen unterziehen. Drei Mal musste sie furchtbarste Schmerzen erleiden und erdulden. Damals gab es noch keine Betäubungsmittel. Alles musste sie bei vollem Bewusstsein ertragen. Ich habe Bilder von ihr gesehen, gemalte. Damals gab es ja noch nicht die Fotografie. Auf dem Bild, das ich mir eingeprägt habe, sieht sie nicht wie eine Fünfzehnjährige aus, sie wirkt älter und reifer, scheint eine kluge Frau zu sein, die passende Ergänzung zum Dichter. Es muss ein gewaltiger Schock für den Schöngeist gewesen sein, als seine Blaue Blume verblühte, verwelkte, aufhörte zu existieren. Sophie war für Novalis die Muse, die nicht zu ersetzen war, seine ewige unsichtbare Begleiterin. In seinen Gedichten „Hymnen an die Nacht“ ist sie allgegenwärtig, ist ihre Nähe zu spüren, beeinflusst sie Novalis als seine Muse, die ihm bis zu seinem Tod nicht von seiner Seite weicht. In jungen Jahren war ich für die Epoche der Romantik sehr empfänglich, vielleicht lag es daran, weil die Gegenwart keine Lichtblicke bot, die Romantiker aber das Geschehen ihrer Träume zur Wirklichkeit werden ließen. Sie benutzten Wörter wie Morgenröte, Abendstern, Mondschein, Sehnsucht nach der Ferne, ungeheure Sehnsucht. Sie verwendeten viele Symbole wie Tag und Nacht, Leben und Tod. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Ich verfüge nicht über so einen gefühlvollen Wortschatz wie sie, kann nicht so blumige Sätze bilden.“ Jans Mutter hält inne, blickt ihren Sohn nachdenklich an, fragt ihn völlig unvermittelt: „Was willst du nach dem Abitur tun? Vermutlich studieren? Und was willst du studieren?“
Jahre sind vergangen. Jan hat sein Abitur bestanden, auch die Aufnahmeprüfung für die Fächer Anglistik und Germanistik an der Universität. Die Romantik nimmt einen Teil der Vorlesungen in Anspruch. In den Seminaren stehen einige ihrer Repräsentanten im Mittelpunkt, über deren Werke diskutiert wird. Jan hat seine Zuneigung, seine Verehrung zu diesen Dichtern sich bewahrt, liest mehr von ihnen und mehr über sie, als er eigentlich müsste.
Aus seinen frühesten Kindertagen ist ihm Joseph von Eichendorff ein vertrauter Bekannter. Auf dem Ostfriedhof stellte ihm seine Mutter den Dichter vor. Das war in der Zeit, als seine Mutter das Grab der Österreicher pflegte, das jetzt verschwunden ist wie sie selbst seit einer Ewigkeit. Soweit Jan informiert ist, haben sie sich nie gemeldet. Er kennt die Gründe dafür nicht. Vielleicht liegt es daran, dass seine Eltern in eine andere Gegend gezogen sind oder die Österreicher und sich somit aus den Augen verloren haben. Die Zeit nach dem Krieg war eine bewegte Zeit, in der sich viele fanden und sich viele verloren. Joseph von Eichendorff wurde auf Schloss Lubowitz Ende des 18. Jahrhunderts in Oberschlesien geboren. Gern würde Jan nach Oberschlesien reisen, um die Gegend kennen zu lernen, in der der Dichter aufgewachsen ist, aber er kann und darf nicht in diese Region reisen; ihm fehlen die finanziellen Mittel, und dann erlaubt es die Politik nicht oder sieht es zumindest höchst ungern. Der Eiserne Vorhang teilt zwei Imperien, deren Grenze Deutschland in zwei Teile aufspaltet. In den Bücherregalen seines Vaters schlummern Bücher über alle Wissensgebiete aus allen Zeiträumen. Und es werden immer mehr. Jans Vater lebte in einem Deutschland, das vor mehr als einhundert Jahren existierte. „Die nach dem Krieg existierenden Grenzen sind das Werk der obersten Entscheidungsträger dieser heutigen Welt“, behauptete Vater, „aber nicht die Grenzen der innerhalb dieser willkürlich gezogenen Grenzen lebenden Völker. Diese Völker wissen genau, wem welches Land gehört.“
Aus der Biografie Eichendorffs geht hervor, wo er überall gelebt und seine Spuren hinterlassen hat. Viele Namen stürmen auf Jan ein, viele Landschaften werden namentlich genannt, die in der europäischen Geschichte von Bedeutung sind. In Breslau war er Schüler des katholischen Gymnasiums, in Halle und Heidelberg studierte er Jura. An der Universität in Heidelberg wurde sein literarisches Talent von den Dichtern Arnim und Brentano erkannt. Im Befreiungskrieg gegen Napoleon schloss er sich dem Lützowschen Freikorps an. Weitere Stationen seines Lebensweges sind Danzig und Königsberg, es folgen Berlin, Wien und Dresden. Zuletzt nahm er seinen Aufenthalt in Neiße bei der Familie seiner Tochter. Eichendorff hat ein bewegtes Leben geführt, musste Jan dem Dichter zugestehen. Bei dem Namen Neiße wurde er an die Oder-Neiße-Friedensgrenze erinnert. Von ihr wird nicht mehr gesprochen. In Vergessenheit ist sie geraten. Für ihn sind noch immer einige Gedichte Eichendorffs abrufbereit, noch immer kann er sie auswendig aufsagen.
Der frohe Wandersmann
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt.
Dem wird er seine Wunder weisen
In Berg und Tal und Strom und Feld.
Er hält inne. Obwohl heute kein Dichter für seine Schöpfungen solche Worte, solche Sprachmelodie wählen würde, sind diese Verse ihm noch immer höchst vertraut, rufen längst vergangene Zeiten wehmütig in ihm wach, wecken Erinnerungen, schwören Gesichter herauf, die sich bereits in seinen Kindertagen für immer von ihm verabschiedet haben. Er hört ihre Stimme, ihre Lieder, ihre Gedichte von den Dichtern, die er auch heute noch mag. Er liebt diese Sprache, in der die lyrische Stimmung wirkungsvoll sich entfaltet. Ihm fällt die Erzählung „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ein, die die Sehnsucht nach der unbekannten Ferne weckt. Jan spürt diese Sehnsucht, diese Sucht nach der Ferne auch in sich. Als er jung war, fühlte er sich als Kosmopolit und bekannte sich vehement zu diesem sozialen Status. Heftig wurde er dafür kritisiert.
„Kein Mensch kann zwischen Stühlen sitzen.“, wurde er zurecht gewiesen.
Während seines Studiums ist Jan gar nicht bewusst geworden, dass Joseph von Eichendorff zu den viel gereisten Dichtern gehörte. Er hat sehr viel von Europa kennen gelernt, war Augenzeuge vieler intereuropäischer politischer Veränderungen in Form von Kriegen, Revolutionen.
Mit der Epoche der Romantik und deren Vertretern in der Literatur, der bildenden Kunst, der Malerei, der Musik setzt sich Jan noch immer intensiv auseinander. Das Buch „Die blaue Blume“ von der Schriftstellerin Penelope Fitzgerald hatte ihm ein guter Bekannter empfohlen. „Die Blaue Blume“ war ihr letzter Roman. In ihm gibt die Schriftstellerin den Abschnitt aus dem auch recht kurzen Leben des Dichters Friedrich von Hardenberg wieder. Der 22-jährige Dichter, der sich Novalis nannte, hatte sich in die zehn Jahre jüngere Sophie von Kühn verliebt, sich mit ihr verlobt, sie zwei Jahre später verloren. Seine blaue Blume stirbt mit fünfzehn Jahren. Die englische Kritik ist von dem Buch begeistert.
Jan entsinnt sich. Damals als kleiner Junge wurde er von der Mutter gefragt, welche Farbe seine Lieblingsfarbe sei. Er legte sich nicht fest, gab zu, jede Farbe sei schön, schön auf ihre Weise. Jede Farbe braucht die anderen Farben, um schön zu sein. Seine Mutter gestand, dass sie Blau sehr mag. Und sie fügte noch hinzu, welche Bedeutung für sie die Farbe Blau hat und welche Wirkung sie ausstrahlt.
„Blau wirkt entspannend und beruhigend auf mich“, offenbarte ihm seine Mutter. „Zu den kalten Farben gehören die Blautöne. Kühl wirken sie, vermitteln Sachlichkeit, schaffen Distanz“
Jan hatte im Deutsch-Seminar gelehrt bekommen, dass die Blaue Blume das wichtigste Symbol für die Romantiker darstellt. Sie drückt die romantische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren aus, nach der Unendlichkeit. Die Blaue Blume wird als Verbindung von Mensch und Natur interpretiert. Sie ist das Symbol der Wanderschaft. Das Vorbild für dieses Symbol war die Kornblume oder die Wegwarte, behaupteten einige, erblickten in diesen Blumen ein Sinnbild der Sehnsucht nach der Ferne und ein Zeichen der Wanderschaft. Die Blaue Blume wird von heimischen blau blühenden Pflanzen repräsentiert.
