Frederik Hetmann Ich habe sieben Leben
Ich habe sieben Leben
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Frederik Hetmann Ich habe sieben Leben

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Mitte 1944 avanciert Perón weiter zum Kriegsminister und Vizepräsidenten. Als er am 17. Oktober 1945 aus dem Kabinett entlassen werden soll, mobilisiert Eva die städtische Arbeiterschaft. Massendemonstrationen in Buenos Aires erzwingen, dass ihr Geliebter im Amt bleibt. Im selben Monat noch heiraten Evita und Juan, um als ideales Paar in den Wahlkampf des Jahres 1946 ziehen zu können. Wie Hitler, so gelangt auch Perón durch Wahlen in das Amt, von dem aus er als Diktator regiert. Im Juni 1946 ist er Präsident von Argentinien.

Für die »Hemdlosen«, die städtischen Industriearbeiter, zu deren Idol seine (inzwischen erblondete) Frau geworden ist, setzt er gewisse Reformen durch.

1946 übernimmt seine Frau das Amt des Arbeitsministers, verhilft den Frauen, zum Stimmrecht und gründet die Peronistische Frauenpartei.

Die theatralische Propaganda des Ehepaars, in der das Schlagwort von der sozialen Revolution geschickt ausgespielt wird, vernebelt die Tatsache, dass es Juan Perón vor allem darum geht, sich persönlich zu bereichern. Als er 1955 gestürzt wurde, hatte er nach Schätzungen von Times und New York Times zwischen 100 und 500 Millionen Dollar auf die Seite - ins Ausland - gebracht.

Evita mag ihre Rolle als »Engel der Hemdlosen« und »Retterin des Volkes« schließlich selbst geglaubt haben. Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre konnte sie der Bewunderung des städtischen Proletariats sicher sein. Ihr demagogischer Einfluss nahm immer weiter zu.

Ernesto durchschaut die Scheinrevolution, die unter Perón in Argentinien abläuft. Er hält Verbindung mit oppositionellen Studentengruppen, aber mehr, um zu beobachten und zu analysieren. Er sieht keine reale Chance, die politischen Verhältnisse zu verändern. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Es gibt keine integre politische Partei oder Gruppe im Land, für die zu engagieren es sich lohnen würde. Die studentische Opposition gegen den starken Mann, der noch das Heer und eine linksfaschistische Gewerkschaftsorganisation hinter sich hat, ist zu schwach.

Das Beste wäre, sich diesem Saustall für eine Weile zu entziehen, frische Luft zu atmen, sich umzusehen, diesen ganzen gewaltigen Kontinent kennenzulernen, auf dessen Befreiung zu hoffen, wovon Ernesto niemals ablässt. Seine Freunde, die Brüder Granados, haben ähnliche Pläne. Im Herbst 1951 sprechen Alberto und Tomas von einer weiten Motorradtour, die sie zum ersten Mal über die Grenze Argentiniens hinausführen soll. Tomas erklärt, er müsse die Herbstferien dazu benutzen, um für sein Studium zu lernen.

»Aber wen soll ich dann mitnehmen?« fragt Alberto. »Eine solche Reise sollte man zu zweit machen.«

»Frag doch Ernesto, ob er nicht Lust hat. Der ist doch immer für Reisen zu haben.«

»Ja«, sagt Alberto und schnippt vergnügt mit den Fingern, »ganz klar, Ernesto wäre der richtige Mann dazu.«

In den nächsten Tagen taucht Ernesto wieder einmal in der Leprastation auf. Er ist von den Plänen des Freundes begeistert. »Sehr gut«, sagt er, »nur raus aus dem Tollhaus! Ich bin noch nie in Patagonien gewesen... Dann Chile! Von dort nach Bolivien, Peru. Alberto, wir müssen unbedingt nach Machu Picchu ... und zum Amazonas. Wenn ich darüber nachdenke, was wir alles noch nicht gesehen haben. Ja, das werden wir machen!«

Um die Zeit, da dieses Gespräch stattfindet, sind die Peróns auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Im Juli hat Evita ihre Nominierung als Vizepräsidentin Argentiniens zunächst akzeptiert.

Im gleichen Monat stimmt der argentinische Kongress einem Gesetz zu, durch welches die Territorien La Pampa und Chaco in Provinzen umgewandelt werden, die den Namen Eva Perón und Presidente Perón erhalten.

Ende August tauchen in allen größeren Städten Argentiniens Plakate auf, mit denen die in der peronistischen Gewerkschaft zusammengeschlossenen Arbeiter Perón und Eva auffordern, als Präsident und Vizepräsidentin zu kandidieren. Gleichzeitig aber sickern die ersten Gerüchte durch, dass Eva an einer unheilbaren Krankheit leide.

»Du wirst sehen«, spottet Ernesto im Gespräch mit Alberto, »wir werden noch das Wunder erleben, dass sie stigmatisiert, um an der Macht zu bleiben.«

Am 31. August aber lehnt Evita es in einer Rundfunkansprache ab, für das Amt der Vizepräsidentin zu kandidieren. Sie erklärt: »Ich entziehe mich nicht der Pflicht, aber ich verweigere mich dieser Ehrung. Alles, was ich mir wünsche, ist, dass die Geschichte einst überliefern wird, es hat an der Seite von General Perón eine Frau gegeben, die ihm die Hoffnungen und die Not des Volkes nahe brachte, und diese Frau hieß Evita.« Sofort schlägt die peronistische Gewerkschaft vor, den 31. August in Zukunft als »Tag des Widerrufs« zu feiern.

Am 28. September 1951 nimmt General Benjamin Menendéz die immer grotesker werdenden Ausbrüche von Cäsarenwahnsinn zum Anlass und putscht gegen das Regime.

Obwohl Eva tatsächlich schwer krank ist, hält sie eine melodramatische Rundfunkansprache und ruft die Massen zur Loyalität auf. Der Putsch scheitert. Noch einmal kommt das Regime Perón über die Runden.

Ernesto und Alberto sind mit dem Motorrad unterwegs. Ihr vagabundieren durch den südamerikanischen Kontinent hat begonnen …


... sinnlos, auf die Straße zu gehen

Die Armee marschiert

24. September 1967. Truppenparade in Santa Cruz, Bolivien. Anlass ist der Gedenktag an eine Schlacht im Krieg der Nationalen Befreiung, jenes Krieges, in dem im 19. Jahrhundert mit einer Kette von Aufständen und Revolten das Land seine nationale Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialmacht erkämpfte.

Die Sechserreihen der Abteilungen lösten sich auf. Die Soldaten marschierten nun im Gänsemarsch. Die Vertreter der Behörden und die Generäle, die auf der Festtribüne saßen, applaudierten, als die Truppen an der Fahne vorbeizogen. Die jungen Rekruten warfen den Kopf in den Nacken und drückten die Brust heraus.

Die Zuschauer erhielten einen Eindruck von der Feuerkraft der einzelnen Gruppen. Sie sahen die mattglänzenden FAL- und SIG-Gewehre, die aus Argentinien und aus der Schweiz stammten. Auf der Feldausrüstung wie auf den Tarnanzügen der sogenannten Ranger waren die Etikette der US-Army zu erkennen.

Die Kampfhandlungen zwischen der bolivianischen Armee und der Guerillagruppe unter Führung von Ernesto Guevara dauerten zu diesem Zeitpunkt, Ende September, schon über sechs Monate an.

Im März 1967 hatte die Regierung durch zwei Überläufer, die sich bei der Polizei in Camiri stellten, zum ersten Mal Kenntnis über die Existenz von Guerilleros in den Vorbergen der Zentralkordillere im Department Santa Cruz erhalten. Der Armee war es dann zwar gelungen, die Guerillas aus ihrem Ausbildungs- und Basislager bei Ñancahuazú zu vertreiben, ihre im Kampf gegen Partisanen ungeübten Truppen hatten aber bei diesen Gefechten beträchtliche Verluste hinnehmen müssen.

Im Laufe des Monats April waren über 2.000 Mann gegen die Guerillas aufgeboten worden, ohne dass die Regierung Herr der Lage wurde.

Die Guerillas konnten ausweichen und bei Überfällen auf unzureichend geschützte kleinere Ortschaften mehrmals gewisse Erfolge erzielen.

Die Generäle räumten in Verlautbarungen gegenüber der Presse nun ein, dass sich die Kämpfe doch noch über mehrere Monate hinziehen könnten, nachdem sie zunächst von einem raschen Sieg gesprochen hatten.

Im Juni wurde die Situation für die bolivianische Regierung sogar recht kritisch. Es kam zu Unruhen in den weiter nördlich gelegenen Bergbaugebieten von Catavi und Siglo XX. Nach Zusammenstößen zwischen Arbeitern aus den Zinnminen und Militär brach ein Streik aus. In La Paz und anderen größeren Städten demonstrierten Lehrer und Studenten gegen das Militärregime. Präsident Barrientos verhängte über das ganze Land den Ausnahmezustand.

Ein direkter Zusammenhang zwischen der Guerillabewegung und den Unruhen im Bergbaugebiet bestand allerdings nicht. Auch war keine Verständigung über gemeinsame Aktionen zwischen den Führern der Streikbewegung und den Guerilleros möglich. Aber die Armee musste ihre Elitetruppen aus dem Gebiet der Guerilla abziehen und sie gegen die rebellierenden Arbeiter einsetzen.

Am 30. Juni 1967 brach der Streik zusammen. Ohne ihre Lohnforderung durchsetzen zu können, kehrten die Bergleute von Catavi und Siglo XX an ihre Arbeitsplätze zurück. Etwa um die gleiche Zeit ging bei Ches Guerilla-Gruppe das Tonbandgerät verloren, das für die Dechiffrierung von Botschaften aus Kuba unerlässlich war. Die Verbindung zwischen dem Haupttrupp und der Nachhut riss ab und konnte nicht mehr hergestellt werden.

Die Regierung schickte weitere Eliteeinheiten der Armee zur Verstärkung der die Guerillas verfolgenden Truppen in das entlegene und unübersichtliche Gebiet im Südosten des Landes, wo es nun gelang, die Nachhut Guevaras in eine Falle zu locken und zu vernichten.

Der Haupttrupp aber, bei dem sich Che befand, konnte sich, trotz zunehmender Verluste und wachsender Schwierigkeiten, noch immer einer Einkreisung auf engerem Raum entziehen und vereinzelte Überraschungsangriffe auf kleinere Ortschaften wagen.

Gleich nach Bekanntwerden der ersten Nachrichten über die Guerillas war auf einer Stabsbesprechung hoher Offiziere der bolivianischen Armee in Cochabamba erwogen worden, ob man die USA um die Entsendung von Truppen ersuchen solle.

Oberst Zenteno Anaya, der Leiter der Offiziersschule, hatte sich damals entschieden gegen diesen Plan ausgesprochen und war mit seiner Meinung durchgedrungen. Man fürchtete, eine direkte Intervention der USA werde in der Weltöffentlichkeit zu großes Aufsehen erregen. Die Parallelen zu den Ereignissen in Guatemala, in der Dominikanischen Republik und in Vietnam waren naheliegend.

Statt dessen wurde in Konferenzen mit General Robert Porter, dem Kommandeur des sogenannten US-Southern Command, und anderen Offizieren des amerikanischen Heeres, die in diesen Wochen nach La Paz kamen und auch andere bolivianische Garnisonen inspizierten, vereinbart, dass die USA ihre Lieferungen von modernen Waffen und Kriegsmaterial an Bolivien verstärken und sich durch die Entsendung von Militärberatern und CIA-Agenten insgeheim am Kampf gegen die Guerillas beteiligen würden.

In den folgenden Monaten richteten Major Ralph Shelton, der aus Nashville in Tennessee stammte, und sein Adjutant Hauptmann Leroy Mitchell, der eben aus Vietnam zurückgekehrt war, in der aufgegebenen Zuckermühle bei La Esperanza (die Hoffnung), 45 Meilen nördlich von Santa Cruz, ein Trainingszentrum für Anti-Guerillakämpfer ein. Insgesamt kamen etwa 50 Offiziere und Unteroffiziere aus den USA nach Bolivien. Sie stellten mit einheimischen Rekruten das sogenannte Ranger-Bataillon auf und unterrichteten diese Spezialeinheit in jenen Unterdrückungstaktiken, die die US-Armee zuvor in Vietnam, Laos und in der Dominikanischen Republik erprobt hatte.

Bei der Militärparade am 24. September 1967 sah man die Rangers zum ersten Mal in der Öffentlichkeit.

Am Mittag des 25. September erhielten die Offiziere den Befehl, das Härtetraining abzubrechen. Eine neue Phase begann. Die Soldaten wurden auf schwere Alligatoren-Lastwagen verladen und zum Rio Grande gefahren. El Fuerte, Estanque, Pujro und Abra del Picacho waren die Ortsnamen, die in den Marschbefehlen auftauchten. Es wurde der 4. Oktober, ehe die Kompanie C in der kleinen Ortschaft Higuera eintraf.

Sie befand sich hier im Zentrum jenes Gebiets, in dem sich die Ausweichbewegungen der Guerillas in den letzten Tagen abgespielt hatten.

Schon zuvor waren andere, zahlenmäßig starke Verbände der Armee im weiteren Umkreis zusammengezogen worden. Sie sicherten den Rand des Kessels, in den sich nun die Rangerkompanien wie scharf geschliffene Stacheln hineinbohrten ...


Positionen

Im Südosten Boliviens verlaufen von den Höhen um Higuera mehrere Schluchten abwärts zum Rio Grande: die des Jague, des Churo, des Tusca, des Higuera und des San Antonio-Baches. Anfang Oktober 1967 lagerten die Reste des Guerillaverbandes unter Führung von Ernesto Guevara an jenem Punkt, an dem die ersten drei der oben genannten Gebirgsbäche zusammenlaufen.

Die Operationen der bolivianischen Armee in dieser Gegend hatten den Bewegungsmöglichkeiten der Guerillas weitgehend ein Ende gesetzt.

»Die Voraussetzungen sind die gleichen wie im vergangenen Monat«, hatte Ernesto am 30. September bei der Monatszusammenfassung in sein Tagebuch notiert, »nur, dass jetzt die Armee wirklich mehr Tatkraft bei ihren Aktionen zeigt und die Masse der Landbevölkerung uns überhaupt nicht unterstützt und sich in Verräter verwandelt.«

Die 8. Division der Armee, die zur Guerilla-Bekämpfung abgestellt war, operierte nach einem von Oberst Zenteno ausgearbeiteten Plan, der drei Phasen vorsah.

Während der ersten Phase war es das Ziel, die Bewegung der Guerillas auf ein überschaubares Gebiet zu beschränken. Gewisse Einheiten blockierten im Norden die Straße Cochabamba - Santa Cruz, während andere Abteilungen entlang des Rio Grande aufgefächert worden waren, um ein Entkommen nach Süden unmöglich zu machen.

Für den Fall, dass es Guevara dennoch gelingen sollte mit seinen Männern den Fluss zu überqueren - immerhin handelte es sich hier um ein Terrain, in dem es schwerfiel, jeden möglichen Marschweg einer kleineren Gruppe abzuriegeln -, stand außerdem die 4. Division unter Oberst Reque Terán bereit.

Die zweite Phase sah vor, in die nun immer enger werdende »Rote Zone«, wie der Generalstab der bolivianischen Armee und der amerikanische CIA den Operationsraum der Guerilleros bezeichnete, einzudringen. Zentenos Truppen standen schließlich östlich von Guevaras Gruppe an der Eisenbahnlinie zwischen Yacuiba und Santa Cruz. Von dort aus stießen sie nach Westen vor.

Phase eins und zwei von Zentenos strategischem Plan waren in den ersten Wochen des Oktobers abgeschlossen. Die Armee schickte sich nun an, den Kampfauftrag der Phase drei zu erfüllen: Zerschlagung der Guerillas. Die Einheiten, die hierbei zum Einsatz kamen, waren die Kompanien A und B des sorgfältig ausgebildeten 2. Ranger-Bataillons. Sie ließ Oberst Zenteno die Gegend westlich von Valle Grande, der Provinzhauptstadt, durchkämmen.

In seinem Handbuch für den Guerillakrieg hat Guevara die Beweglichkeit des Verbandes als entscheidend für den Erfolg dieser Kampfweise bezeichnet. Er hatte geschrieben: »Charakteristisch für diesen Bewegungskrieg ist das, was man in Analogie zu dem Tanz gleichen Namens das Menuett nennen könnte: Die Guerillas umkreisen die Position des Feindes, zum Beispiel einer vorrückenden Abteilung, sie umstellen sie an den vier wichtigsten Punkten und mit hinreichendem Abstand, um nicht selbst umzingelt zu werden. Der Kampf beginnt an irgendeinem dieser Punkte, die Armee bewegt sich dorthin, die Guerillas weichen zurück, dabei immer den Feind im Auge behaltend. Dann greifen sie einen anderen Punkt an. Die Armee reagiert wie zuvor, die Guerillas ebenfalls. Auf diese Weise wird es in der Folge möglich, die feindlichen Streitkräfte zu schwächen. Man zwingt sie große Mengen an Munition zu verschwenden. Man zehrt an der Moral der feindlichen Truppen, ohne sich selbst allzu großen Gefahren auszusetzen.«

Betrachtet man die Gefechte, die sich zwischen den Guerillas und Zentenos Truppen in den ersten Wochen des Oktobers 1967 abspielten, so stellt man fest, dass sich in der Realität die theoretisch im Handbuch festgelegten Rollen nun genau vertauscht hatten. Die Guerillas waren von der Armee umstellt. Es waren Zentenos Soldaten, die das Menuett ausführten.

Wie war es möglich, dass Guevara entgegen allen Regeln, die er selbst entworfen hatte, in die Falle geraten war? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man in seinem Tagebuch nachliest. Er konnte nicht nach diesen Regeln handeln, weil seine Gruppe zu schwach war und weil er sich zudem mit der Geographie dieses Gebiets zu wenig auskannte. Am meisten aber fiel ins Gewicht, dass er sich kaum Nachrichten über die Bewegungen des Feindes verschaffen konnte, während der Feind über ihn und seine Gruppe fast alles wusste.

Guevara hatte nur eine vage Vorstellung über die Operationen der Armee. Er war auf die zensierten Radiomeldungen angewiesen und auf das, was sich aus den kleineren Scharmützeln mit Militärpatrouillen ergab. Was er an Gerüchten von den Bauern erfuhr, darauf war kein Verlass.

Die Moral seiner Guerilleros war angeschlagen. Zwischen den einheimischen und kubanischen Angehörigen seiner Gruppe bestanden starke Spannungen.

Am 3. Oktober waren wiederum zwei Guerilleros zu den Regierungstruppen übergelaufen:

»... während Camba zugab, gegen die Armee gekämpft zu haben, gestand Leon, dass er sich im Vertrauen auf die Worte des Präsidenten hin ergeben hätte. Die beiden haben Informationen über Fernando gegeben, über seine Krankheit und alles weitere, dabei nicht eingerechnet, was sie geredet haben, und was nicht veröffentlicht worden ist. So endet die Geschichte zweier heroischer Guerilleros. Höhe 1.360 m.«

Bei Guevara waren seit einiger Zeit, bedingt durch die unerhörten Strapazen, vielleicht aber auch durch die ungünstige Entwicklung, die die Guerilla genommen hatte, die Asthmaanfälle wieder häufiger aufgetreten. Aber seit einem Monat schon besaß er keine Medikamente mehr. Sein Asthma schnürte ihm Lungen und Hals zu und hinderte ihn am Atmen. Es gab Augenblicke, da bat er seine Kameraden, ihn heftig auf die Brust zu schlagen, oder er hängte sich an die Äste eines Baumes. Offenbar verschaffte ihm das Erleichterung.

Vor einigen Wochen hatte er Urbano ausgeschickt, um Medikamente aus den Höhlen des aufgegebenen Stamm- und Ausbildungslagers Ñancahuazú zu holen.

Es war Urbano gelungen, in die getarnten Verstecke einzusteigen, die zu diesem Zeitpunkt von der Armee noch nicht entdeckt worden waren, und er hatte so viel gebracht, wie er nur tragen konnte. Aber diese Vorräte waren nun erschöpft. Das einzige Medikament, das Guevara blieb, waren zwei Flaschen einer besonderen Art von Collyrium mit einer starken Zumischung von Cortison. Wenn er sich sehr elend fühlte oder wenn eine Kampfhandlung bevorstand, injizierte sich Ernesto diese Collyrium-Mixtur, was aber jeweils nur eine kurzfristige Besserung brachte.

Am 26. September waren die Guerilleros zwischen La Higuera und Jague in einen Hinterhalt geraten. In dem Feuergefecht mit den Regierungstruppen fielen Coco Peredo und zwei weitere Guerilleros. Die näheren Umstände dieser Kampfhandlung, der Tod eines seiner besten Männer (Coco), wirkten bei Ernesto schockartig nach. Er gestand sich ein, dass er, trotz aller Willenskraft, durch seinen schlechten körperlichen Zustand für die Beweglichkeit der Gruppe, von der allein es abhängig war, ob sie den Soldaten entwischen würden oder nicht, eine starke Belastung darstellte.

Der Trupp bestand nur noch aus 17 Mann. Gegen Mittag des 7. Oktober stieß eine Bauersfrau auf der Suche nach einer Ziege, die sich von der Herde entfernt hatte, auf das Lager der Guerilleros. Che notierte an diesem Tag:

»... 11 Monate sind seit Beginn unserer Guerilla ohne Schwierigkeiten vergangen ...« (Eine stoische Untertreibung. Die Guerilla war eine Kette von Schwierigkeiten, Fehlern und Katastrophen gewesen.) »... der Vormittag verlief ohne Gefahr in einer fast idyllischen Stimmung. Gegend 12.30 Uhr betrat eine Alte, die ihre Ziegen weidete, die Schlucht, in der wir unser Lager aufgeschlagen hatten. Wir haben sie festnehmen müssen. Die Frau gibt keinerlei glaubwürdige Auskunft über die Soldaten. Auf alles antwortete sie nur, dass sie nichts wisse und die Soldaten schon lange nicht mehr hier gewesen seien. Nur über den Weg machte sie Angaben, aus denen zu entnehmen ist, dass wir uns ungefähr eine Meile von Higuera, eine Meile von Jague und zwei Meilen von Pucara entfernt befinden. Gegen 17.30 Uhr gingen Inti, Aniceto und Pablito zum Haus der Alten, die zwei Töchter hatte, die eine kränklich, die andere ein halber Zwerg. Wir gaben ihr 50 Pesos und verpflichteten sie, nichts auszuplaudern. Wir haben jedoch trotz ihrer Versprechungen wenig Hoffnung, dass sie sich daran halten wird.«

Das Auftauchen der alten Frau hatte die Guerilleros nervös gemacht. Sie diskutierten und analysierten andere solcher Vorkommnisse. Zu den meisten Verlusten war es bisher immer durch Informationen der bäuerlichen Zivilbevölkerung an das Militär gekommen.

»Diese Bauern sind undurchschaubar wie Steine«, hat Ernesto in sein Tagebuch geschrieben. Ein Satz, in dem sich Zorn und Enttäuschung mischen und hinter dem sein intensives Verlangen spürbar wird, es möge doch anders sein. Die Guerilleros entschieden sich, ihr Lager abzubrechen.

In der Abenddämmerung des 7. Oktober begann die Gruppe, die Schlucht des Churo-Baches hinauf zu marschieren. Che berichtet darüber in der vorletzten Eintragung seines Bolivianischen Tagebuches.

»Wir, die restlichen 17 Mann, brachen bei sehr schwachem Mondlicht auf. Der Marsch war beschwerlich. In der Schlucht, in der wir uns bewegten, hinterließen wir viele Spuren. Es gab in dieser Gegend keine Häuser, nur kleine, bewässerte Kartoffeläcker. Gegen zwei Uhr nachts machten wir halt. Wir konnten einfach nicht mehr weiter. Wenn wir nachts marschieren, benimmt sich Chino jedesmal wie ein altes Weib. Höhe 2.000 m.«

Am Abend dieses 7. Oktober versuchte der Bauer Victor Colomi, etwas Wasser aus dem Rinnsal des Churo-Baches auf seine Kartoffelfurchen zu leiten. Er öffnete den Zulauf zum Bewässerungssystem, streckte sich und hielt nach einem Baum Ausschau, an den er sich anlehnen konnte. Bald darauf hörte er Schritte und leises Sprechen. Er bekam Angst und versteckte sich hinter einem breiten Stamm. Er sah dann bärtige Männer vorbei gehen. Sie schleppten schwer an ihren Rucksäcken. Alle waren bewaffnet. Zuerst zählte er drei. Er wartete noch einige Minuten und weitere Männer kamen. Insgesamt waren es 17. Sie hatten ihn nicht gesehen.

Dem Bauer war sofort klar, wen er da vor sich hatte, denn überall sprach man von den Guerillas, und die Regierung hatte eine hohe Belohnung auf ihr Ergreifen ausgesetzt.

Die Sympathien der Indio-Bevölkerung, die in dieser entlegenen Landesecke von Bolivien kärglich ihr Leben fristete, galten zumeist der Regierung.

Wie ist das zu erklären?

Einmal war es den Guerilleros nicht gelungen, den Indios ihre Ziele deutlich zu machen. Die Eingeborenen in diesem Gebiet sprechen Quechua und Guarani, beides Indianersprachen, von denen Guevaras Männer höchstens ein paar Brocken verstanden und artikulieren konnten.

Auch Guevara selbst hatte sich, trotz seiner Vorliebe für die Indianer, nie die Mühe gemacht, eine der wichtigen Indiosprachen gründlich zu lernen. Er hatte sich darauf verlassen, man werde als Verständigungsmittel mit Spanisch durchkommen.

Guevara war Argentinier. Sein Spanisch hatte einen sofort erkennbaren argentinischen Akzent. Er war ein Fremder - ein Fremder in einem Landesteil Boliviens, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung durch die geschichtlichen Ereignisse in der Vergangenheit für Argentinien eher Abneigung als Sympathien empfand. Und noch etwas kam hinzu: General René Barrientos Ortuños, der Präsident, der um diese Zeit Bolivien im Stil eines Militärdiktators regierte, war ein Indio und stammte aus dieser Gegend. Wie immer die Intellektuellen und die Bergarbeiter seine politische Handlungsweise beurteilen mochten, durch seinen sicheren Instinkt für prestigeträchtige und gerade den Indios imponierende Handlungen genoss er in seiner Heimatprovinz Ansehen und galt zudem, da er schon mehrere Attentate und Unfälle auf nahezu wunderbare Weise überstanden hatte, als »kugelsicher«.

Will man die Meinung der Indios auf eine knappe Formel bringen, so könnte man sagen: Sie waren nicht in der Lage zu begreifen, was die Guerilleros eigentlich wollten. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass eine Veränderung der Lebensbedingungen möglich war. Sie waren unwissend. Ihr Aberglaube und ihre Unwissenheit ließen sich nicht so leicht aufbrechen. Sie bewunderten Barrientos - einen Mann aus der Gegend, der es bis zum Präsidenten gebracht hatte. Die Guerillatätigkeit bedeutete für sie Unruhe, Ärger mit den Behörden. Wenn sie die Guerilleros unterstützten, würde man ihnen ihre Hütten bombardieren. Wenn sie zu ihrem Präsidenten hielten, winkten ihren Dörfern vielleicht ein paar tausend Pesos Belohnung und andere Vorteile.

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