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Wiebke Groth ¡PARAGUAY, MI AMOR!
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„Jost, das ist er!!“, bringe ich schließlich hervor.
„¡Oh, la chica del baño!“, ruft er erfreut aus und schiebt noch etwas Erklärendes für seine Familie nach.
„Ramón, te presento Valeska, nuestra media hermana de Alemania“, erklärt Juanita ihrem Halbbruder grinsend. „Es tu hermanastra!“
Meine rudimentären Sprachkenntnisse reichen aus, um zu verstehen, wie Juanita ihrem großen Bruder genüsslich die Verwandtschaftsverhältnisse darlegt.
Immerhin hat mein Stiefbruder den Anstand, bei dieser Erklärung leicht zu erröten und etwas auf Spanisch zu stammeln.
„Haha!“, lacht Juanita und erklärt mir: „Er dachte, du wärest meine deutsche Austauschpartnerin! Die kommt aber erst in den Frühjahrsferien im Oktober!“
„¡Estúpido!“, sagt sie zu ihrem großen Bruder.
Jost und Isabella flüstern halblaut auf Spanisch miteinander.
Schließlich hebt Jost die Stimme und sagt ein paar harsche Worte zu Ramón.
Dieser errötet noch etwas mehr und murmelt auf Spanisch etwas von „Schlüssel“ und „abschließen.“
Dann stellt er sich aber vor mich hin und sagt auf Deutsch:
„Fräulein, es tut mir sehr leid!“
Ich grinse ihn an und sage auf Englisch: „Its okay, but please call me Valeska.“ Ich ergreife seine Hand, die er mir hinstreckt, dabei sagt er:
„We will start again, okay?“
„¡De acuerdo!“, bekräftige ich.
„¡Oh, hablas espagñol!“
„No, not at all! Just some words. Please lets continue in English!“
Seine Hand, die immer noch meine hält, ist angenehm warm.
„¡Perdon, Valeska!“
„Alright! I was silly too! Can we have dinner now?“
Jorge und Juanita grinsen und auch der Rest der Familie muss lächeln, dann brechen alle wie auf Kommando in schallendes Gelächter aus.
„Ramón, wie er leibt und lebt!“, japst Jost schließlich. „Aber deine Einlage mit dem spannernden Angestellten, die war auch großartig.“
Ich wische mir die Tränen aus den Augen, während sich meine neue Familie langsam auch wieder sammelt und sich gen Abendbrottisch begibt.
Jorge und Juanita feixen, dann aber unterhalten sie sich angeregt mit Ramón auf Spanisch, der nun endlich auch von seiner Mutter und Jost angemessen begrüßt werden kann.
Wir genießen ein außergewöhnliches paraguayisches Mahl – mit vielen Spezialitäten zubereitet von Carmen, der langjährigen Haushälterin und Köchin der Familie.
Ramón erweist sich als hervorragender Unterhalter. Er erzählt Anekdoten aus seinem letzten Semester – über Partys, die er besucht hat und über das Sezieren von Leichenteilen sowie seine Praktika in den verschiedenen Krankenhäusern der Stadt und erste Kontakte mit Patienten.
Mir erzählt er auch von seinem Pferd und dass er es gleich im Stall besuchen wird, wie er das Reiten und die Natur vermisst, obwohl Asunción ja eine der grünsten Städte der Erde sei.
Ich höre wie immer gerne erst mal allen zu und sage wenig.
Juanita hat sich ein Programm für mich überlegt und ich bin gerührt, mit wie viel Eifer die kleine Schwester sich in die Planung gestürzt hat. Beim Nachtisch möchte sie alles mit mir durchgehen.
„Mira, Valeska“, sagt sie energisch, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Morgen ruhst du dich noch etwas aus. Du erholst dich vom Flug, gewöhnst dich an die Zeitverschiebung, die neuen Eindrücke. Nach einem super Frühstück werde ich dir dann das ganze Haus und die Ställe zeigen.
Dann schauen wir uns die Umgebung bei einem kleinen Spaziergang an. Gar nicht weit von hier fließt ein kleiner Fluss, wir könnten dorthin gehen! Ansonsten entspannst du dich.“
Übermorgen zeige ich dir dann Ciudad del Este, unsere nächstgrößere Stadt an der Grenze zu Brasilien! Wir fahren mit dem Bus hin! Da können wir shoppen gehen!“
„Oh fein, ich geh gerne shoppen. Gibt es in Ciudad del Este auch was zu besichtigen? Ich bin schließlich als Touristin hier!“, ziehe ich Juanita auf.
„Klar, kein Thema, da ist die Kirche, der Fluss, die Brücke nach Brasilien ...“
„Perfekt. Ich freu mich schon, aber“, ich kann einen riesigen Gähner nicht unterdrücken, „ich bin hundemüde! Bei uns in Deutschland ist es jetzt schon zwei Uhr morgens!“
Juanita spult im Eiltempo ab: „Dann will ich mit dir ausreiten und picknicken, zum Stausee Itaipú fahren, ein Wochenende in Asunción verbringen, in dem wir Party machen werden ... zum Río Paraguay, zu dem Guaraní-Indianern ...
„Stopp! Gnade!“ rufe ich lachend.
„Danke, Juanita! Ich freue mich ehrlich schon auf die tollen Ausflüge, aber nun möchte ich schlafen gehen. Vielleicht gehe ich zum Ausspannen einen Moment an die frische Luft.“
„Ich begleite dich“, sagt Ramón auf Englisch, „ich möchte nach Black Lightning sehen. Möchtest du dir die Ställe ansehen?“
Juanita schaut etwas säuerlich, lässt mich aber ziehen.
Zuvor wünsche ich ihr, Isabella und Jost sowie dem kleinen Jorge eine gute Nacht.
Dann trete ich mit Ramón in die subtropische Nacht hinaus. Es ist herrlich, wie angenehm warm es noch ist.
Als Ramón den Stall betritt, pfeift er leise. Sofort beginnt es in einer der Boxen zu rumoren und ein wunderhübscher, schwarzer Hengst streckt uns seinen Kopf entgegen.
Ramón liebkost und streichelt ihn und redet leise-zärtlich auf ihn ein.
„Ach, ich bin so froh, ihn wiederzusehen!“, sagt er.
„Das vermisse ich in Asunción. So toll das Leben dort auch ist, mir fehlt die Natur, das ruhige Leben und mein Hengst“, erklärt er ernsthaft.
Ich trete zurück und will gerade etwas erwidern, als ich mit dem linken Fuß in etwas hängenbleibe. Wild rudernd falle ich in einen Heuhaufen und bleibe erst mal verdattert liegen.
Ich höre Ramóns glucksendes Lachen, als er mir seine Hände entgegensteckt und mich hochzieht.
„¿Qué pasa?“, fragt er.
„Oh, ich bin so müde!“, erkläre ich entschuldigend. „Mir ist richtig schwindelig.“
Besorgt schaut er mich an:
„Du musst sofort ins Bett“, sagt er bestimmt.
Er fasst mich am Arm und zieht mich in Richtung Haus.
„Du hast zu wenig geschlafen und solltest dich gut ausschlafen. Ausreichend Schlaf ist für die Gesundheit und ein langes Leben sehr wichtig!
Neue Studien haben gezeigt, welche verheerenden Auswirkungen Schlafmangel auf unser Wohlbefinden und unsere Lebensdauer hat!“
„Ja, das weiß ich spätestens seit Schlafes Bruder!“, entgegne ich halb spöttisch, halb ernst.
„Robert Schneider hat da wirklich ein außergewöhnliches Stück Literatur geschaffen. Ich habe es auf Spanisch gelesen, Juanita sogar im Original“, antwortet er gelassen.
„Du kennst Schlafes Bruder?“, frage ich ungläubig- aber auch erfreut.
Nicht zu glauben, dass dieser Junge vom anderen Ende der Welt den Bestseller des deutschen Sprachraumes von 1992 kennt!
„In zwei Tagen verschlungen“, grinst er mich an.
„Ich fand aber das Ende und die quälend lange Beschreibung, wie er sich zu Tode wacht, so grausam, dass ich am liebsten nicht weitergelesen hätte!“, gestehe ich.
„Hast du?“
„Ja, weil ich immer alles zu Ende lese“, entgegne ich überheblich. „Ich liebe lesen!“
„Ich denke, du machst allgemein in deinem Leben immer alles zu Ende.
Du wirkst sehr konsequent und diszipliniert“, meint er freundlich.
Inzwischen sind wir im ersten Stock angekommen.
„Mich hat die Figur dieses Jungen – im Grunde mein Alter - enorm fasziniert“, erzählt Ramón.
„Hochbegabt, aber leider unfähig, sein Genie völlig auszuleben, sich aus seinen Verhältnissen zu lösen und mit der Frau, die er liebt, glücklich zu werden. Aber von bewundernswerter Konsequenz bis in den grausamen Tod.“
„Ich fasse nicht, dass ich hier am Ende der Welt mit einem Jungen stehe und „Schlafes Bruder“ rezensiere!“, entfährt es mir.
Er lächelt mich an.
„Das liegt daran, dass du ein außergewöhnliches Mädchen bist.“
Wir stehen vor meiner Zimmertür.
„¡Buenas noches, Ramón! Danke, dass du mich bis zum Zimmer begleitet hast.“
„¡Buenas noches, pequeña!“, antwortet er und hat mir, ehe ich mich versehe, rechts und links je einen zarten Kuss auf die Wangen gesetzt.
„Ich habe das auch aus Eigennutz getan. Es ist jetzt halb elf und ich muss morgen um halb sechs aufstehen. Um halb sieben reite ich los und muss mit den Jungs die Kühe hüten!“
Mit diesen Worten verschwindet er in seinem Zimmer.
Ich schaffe es gerade noch, mir die Zähne zu putzen, ehe ich nach meinem ersten Tag in Paraguay erschöpft in die weichen Laken sinke und umgehend einschlafe.
***
Ein warmer Sonnenstrahl kitzelt mein Gesicht, als ich am nächsten Morgen erwache.
Fast gleichzeitig ertönt eine helle Jungenstimme neben meinem Ohr: „Guten Morgen, Valeska! Gut geschlafen? Steh auf!“
Ich drehe mich unmutig auf die andere Seite und knurre ungehalten: „Klappe, Erik. Seit wann bist du das Weckkommando? Ich bin noch müde und werde weiterschlafen. Mach die Biege!“
„Valeska, ich bin nicht Erik!“
Die Jungenstimme ist noch heller - und nun dämmert es auch meinen verschlafenen Gehirnzellen - jünger als die Stimme meines 16-jährigen Bruders und nun auch sehr empört.
„Ich bin‘s, Jorge!“
Nun bin ich endgültig wach und schlage die Augen auf.
„Oh - entschuldige bitte, Jorge! Es tut mir leid! Ich wollte nicht unhöflich sein.“
„Aha, so redest du also mit meinem Cousin!“, lacht er. „Der Arme!“
„Quatsch“, wehre ich ab, „wir sind halt Geschwister! Du und Juanita mögt euch bestimmt sehr und trotzdem streitet ihr auch öfter mal und geht etwas ruppig miteinander um.“
Er grinst mich verständnisvoll an und gibt zu: „Ja, Juna und ich kabbeln uns auch oft.
Aber ich möchte dich etwas fragen, große Schwester: Würdest du mit an unsere Schule kommen und in meiner Deutschklasse meinen Mitschülern von Deutschland erzählen?
Wir haben seit gestern Ferien, aber in zwei Wochen sind die Winterferien vorbei und du bist ja insgesamt sechs Wochen hier.“
Er schaut mich bittend an.
Ich fühle mich etwas überrumpelt, vor allem fällt es mir nicht leicht, vor vielen Fremden zu sprechen.
Fast hätte ich abgelehnt, aber ich reiße mich gerade noch zusammen, als ich sein eifriges Gesicht sehe.
„Ja, ich überlege es mir. Aber jetzt würde ich gerne aufstehen. Wie spät ist es denn?“
„10:00 Uhr. - Es wäre toll, wenn du es machst.“
„Gott, so spät! Ich mache mich schnell frisch und komme gleich runter!“
Zwanzig Minuten und eine Expressdusche später betrete ich das König’sche Wohnzimmer.
Ein Frühstücksgedeck steht noch auf dem Tisch, worüber ich mich gleich hungrig hermache.
Juanita sitzt auf dem Sofa und liest eine Modezeitschrift.
„Na, hat Jorge dich genervt?“, fragt sie herablassend.
„Nein, wieso?“
„Wegen seines Projekts an der Schule.“
„Ach, das“, winke ich lässig ab. „Klar, ich mache das. Das wird Spaß bringen!“
Jorge, der einer spanischen Zeichentrickserie folgt, springt bei den Worten auf und schreit:
„Hurra! Danke, liebe Valeska!“, er fällt mir stürmisch um den Hals.
„Dafür hast du nun Valeska so früh geweckt“, sagt seine Schwester tadelnd.
„Es ist nicht früh, ich bin schon seit 7:00 Uhr wach!“, sagt Jorge empört und selbstgerecht.
„Du bist so ein Bauer!“, ruft Juanita aus und legt dabei ihre ganze Verachtung in das letzte Wort.
„Ja, und ich bin stolz drauf! Ich werde das hier später übernehmen!
Du bist dir ja zu fein dafür!“
Da ich den Eindruck habe, ich müsste vermittelnd und ablenkend eingreifen, sage ich: „Was möchtest du denn werden, Juanita?“
„Model oder Rechtsanwältin!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen.
„Das nenne ich mal ein breit gefächertes Interessensgebiet!“, entgegne ich verblüfft. „Wow!“
„Was ist daran ungewöhnlich? Entweder verdiene ich mein Geld mit meinem hübschen Körper oder mit meinem scharfen Verstand!“, sagt sie trotzig.
Hübsch ist meine Halbschwester wirklich, das lässt sich nicht leugnen. Das olivschwarze Haar trägt sie lang und heute offen. Mit ihren knapp 170 cm hat sie Jost schon eingeholt. Auch ihre Mutter, die ich auf ca. 175 cm schätze, wird sie bald eingeholt haben. Die Augen leuchten dunkelbraun, wie Isas, aber den Mund und die Nase hat sie von den Königs.
Volle sinnliche Lippen – wie die meinen – und eine kleine Stupsnase. Auch den langen, elegant geschwungenen Hals hat sie aus unserer Familie. Ihr Körper ist mit seinen Rundungen ein sehr fraulicher und sie ist dezent geschminkt und geschmackvoll gekleidet.
„Aber der Beruf des Models ist echt hart!“, wende ich ein. „Du musst immer hungern, um dünn zu bleiben, es ist ein knallhartes Business und sehr stressig und mit Ende 20 bist du raus aus dem Geschäft! Bis dahin musst du genug verdient haben, um über die Runden zu kommen.“
„Bäh – du redest schon wie meine Eltern!“
Ich grinse verlegen. „Naja, du musst wissen, was du willst. Ich würde aber sagen, eine Karriere als Anwältin wäre definitiv besser!“
Der Rest des Vormittags verläuft sehr ruhig und ich nutze ihn, um ihn mit meinen Halbgeschwistern zu verbringen. Jost und Isabella machen zum Mittag eine Pause und wir nehmen ein vergnügtes Mittagessen ein.
Die ganzen neuen Eindrücke, dieses exotische Land und meine neue Familie versetzen mich in eine sehr euphorische Stimmung.
Entgegen meinem Naturell rede ich viel und wie immer genieße ich die Gesellschaft vieler Menschen um mich herum.
Plötzlich höre ich Jorge stolz seinen Eltern auf Spanisch berichten: „Valeska kommt mit mir in die Schule und erzählt von Deutschland!“
Jost schaut mich erfreut an: „Wirklich, Valeska? Wie schön! Das ist sehr lieb von dir!“
„Jorge weiß es sehr zu schätzen, danke“, sagt Isabella auf Englisch.
„Ich weiß nur noch nicht, was ich erzählen soll“, gestehe ich.
„Das ergibt sich. Erzähl doch erstmal von deinem Leben in Deutschland, ein paar allgemeine Sachen zur jüngeren Geschichte und zur Geografie. Was junge Leute in Deutschland so machen ...“
„Okay, das kann ich so machen. Aber bestimmt waren schon einige der Kinder in Deutschland oder kennen etwas davon.“
„Ja stimmt!“, ruft Jorge begeistert dazwischen. „Ich war ja auch schon mal da. Wir waren in Hamburg, als Papa eine Geschäftsreise gemacht hat, und wir durften ihn begleiten, weil es während der großen Ferien war! Es war wundervoll! Wir haben Oma und Opa König besucht und unsere Tanten auch!“
Ich erstarre, als ich verstehe, was er da sagt.
„Moment“, murmele ich fassungslos, „alle wussten Bescheid? Tante Betty und Tante Birga, Oma und Opa, am Ende auch mein Cousin und meine Cousinen??“
Eine plötzliche Wut überkommt mich: „Entschuldigt mich bitte“, rufe ich erstickt aus und laufe aus dem Zimmer in den Flur.
ISABELLA
Josts Tochter rennt aus dem Wohnzimmer, bevor wir ihre Tränen sehen können. Das arme Ding ist ziemlich überfordert, es wundert mich sowieso, dass es erst jetzt aus ihr herausbricht.
„¡José, por favor! Tröste deine Tochter!“, sage ich zu meinem Gatten.
Er schaut mich etwas unwillig an, aber dann steht er auf und folgt seiner ältesten Tochter.
„¡Lo siento, Mama!“, sagt mein Jüngster zerknirscht. „Ich bin schuld, dass Valeska traurig ist!“
„Nein Schatz. Es ist nicht deine Schuld. Es ist die ganze Situation. Sie hat vor nicht mal fünf Wochen erfahren, dass José ihr Vater ist, und der Mann, den sie ihr Leben lang für ihren Vater hielt, eigentlich ihr Onkel ist.
Wenn jemand schuld ist, dann ist es leider José, der in seinem Leichtsinn diese verhängnisvolle E-Mail schrieb und sie dann auch noch hierher einladen musste.“
„Findest du es nicht gut, dass Valeska hier ist?“, mischt sich Juanita ein.
„Doch, aber wir müssen ihr mehr Zeit geben. Vielleicht hätte sie nicht sofort anreisen sollen. Aber nun ist sie da und ich mische mich da nicht ein. Das ist eine Sache zwischen José und seiner Tochter.
Er hat sich ja auch immer neutral verhalten, wenn es um die Familie von Ramóns Vater ging.“
„Oh Mama, ich erinnere mich noch gut! Du meinst, als Ramón fast ins Gefängnis gekommen wäre!“, ruft meine Tochter mitgenommen aus.
„Mama, was ist damals genau passiert? Ich war doch erst sechs!“, will Jorge wissen.
Ich seufze, aber entscheide, dass er alt genug ist, es zu erfahren.
„Ramón liebte seine beiden älteren Cousins Angelo und Carlos. Als er 17 Jahre alt war, verbrachte er, wie so oft, drei Ferienwochen bei ihnen in der Nähe von Asunción.
Angelo und Carlos waren damals 20 und 22 Jahre alt – leider waren sie in illegale Machenschaften verwickelt, in die sich Ramón hineinziehen ließ. Die beiden kamen dafür einige Jahre ins Gefängnis. Ramón kam aber aufgrund seiner Jugend und weil er zum Glück nur geringfügige Gesetzesverstöße begangen hatte, mit einem blauen Auge davon.“
„Er wurde doch von der Polizei verprügelt, die Narben sieht man ja noch am Arm“, sagt Juanita, dann fährt sie fort: „Ich weiß noch, wie wütend Papa war! Er hat Ramón sogar geschlagen!“
„Papa?“, fragt Jorge sowohl zweifelnd, als auch etwas ängstlich, als er überlegt, was sein Halbbruder wohl genau gemacht hat, um den sonst so freundlichen Jost aus der Fassung zu bringen.
„Ja, aber er hat sich später bei ihm entschuldigt“, sage ich eilig.
„Leider hat Ramón ihn zu sehr provoziert. Ramóns Unfähigkeit zu erkennen, dass er etwas Falsches getan hatte und die Angst um ihn, ließen José die Kontrolle verlieren.“
„Mama, ich habe Angst, dass er es wieder tun könnte“, sagt Juanita leise.
Alarmiert blicke ich auf. Blufft sie, bringt es ihr Spaß, mich zu testen?
Aber sie sieht mich ängstlich und ernst an.
„Juna“, sage ich eindringlich, „du musst uns unbedingt Bescheid geben, wenn du vermutest, dass Ramón sich wieder mit den falschen Leuten eingelassen hat.
Damals behielt er nur die Narben am Rücken und am Arm von der ‚Polizeibefragung‘ zurück, aber würde er heute nochmals die gleichen Fehler begehen wie damals, würde er nicht nur ins Gefängnis kommen, sondern sich auch seine gesamte Zukunft zerstören.“
JOST
Mit schnellen Schritten laufe ich Valeska hinterher und hole sie an der Haustür ein, wo sie kurz stehenbleibt. Sie überlegt wohl, ob sie in ihr Zimmer oder gleich nach draußen gehen soll.
„Schatz“, sage ich hilflos. „ich kann dir gar nicht sagen, wie leid es mir tut!“
„Aha, es tut dir leid?! Was denn? Das du 19 Jahre geschwiegen hast und dich ans Ende der Welt zurückgezogen hast?
Dass du nicht den Mumm hattest, es mir zu erzählen, als ich größer war?!
Wann wart ihr in Deutschland?“, will sie wütend wissen.
„Vor drei Jahren“, sage ich beschämt.
„Aha, ihr hieltet mich also mit 16 für unfähig, die Wahrheit zu verstehen und zu ertragen?!
Was seid ihr nur für feige Menschen und du vorneweg!“
„Valeska, bitte, ich verstehe deine Wut, aber bitte beruhige dich und lass uns in Ruhe miteinander reden!“
„Es tut mir weh, dass alle Bescheid wussten, außer ich!“
Nun strömen die Tränen über ihre Wangen. Ich versuche, sie in den Arm zu nehmen, aber sie entwindet sich meiner Umarmung und sagt im Gehen: „Sorry, Jost, ich kann nicht. Du hast nicht das Recht, mich zu trösten. Ich gehe jetzt eine Weile spazieren. Ich hole nur schnell meine Jacke und dann bin ich weg. Mein Handy würde ich gerne mitnehmen, aber es funktioniert in dieser elenden Pampa ja nicht.“
Ich bin getroffen von ihren Worten, die mir die Kehle zuschnüren.
Alles, was ich herausbringe ist: „Warte einen Augenblick. Die deutschen Handys funktionieren hier nicht. Ich hole dir eines von unseren Handys. Ich habe gerade eine neue Karte dafür gekauft. Da sind auch schon meine Nummer und die von der Estancia drauf. Du kannst es während deines Aufenthaltes hier benutzen.
Wenn etwas ist, ruf bitte an. Ich komme dich dann mit dem Auto abholen.“
„Nein danke, ich komme schon zurecht. Aber das mit dem Handy ist cool. Danke!“
Sie stapft nach oben und ich hole das Telefon.
„Hast du Wasser dabei?“ – „Claro.“
Dann schaue ich ihr nach, wie sie in ihrer dunkelblauen Cordjacke und dem roten Rucksack über unser Gelände läuft und den Weg zum Flusslauf einschlägt.
VALESKA
Nach einem dreistündigen Spaziergang mit einer kleinen Rast durch die wunderschöne grüne und blütenreiche Landschaft rund um die Estancia kehre ich wieder zurück. Als das Wohnhaus in Sicht kommt, zögere ich. Ich möchte Jost und Isa nicht schon jetzt begegnen.
Tatsächlich hat mich der lange Spaziergang in der Ruhe der Natur wieder etwas beruhigt. Auch wenn ich zuerst tränenblind und schluchzend loslief. Da mir aber niemand begegnete und ich auch niemanden hier kenne, ist es mir echt egal.
Als mein Blick auf den Pferdestall fällt, beschließe ich spontan, dort reinzugehen und mich in den weichen Heuhaufen zu setzen. Ich habe ein Buch mit und möchte endlich die SMS an meine Freundinnen und Freunde schreiben.
Bei Jola und Hugo habe ich mich heute Morgen gemeldet.
Zufrieden lasse ich mich in den Heuhaufen plumpsen, dessen komfortable Eigenschaften ich schon am Vorabend unfreiwillig testen durfte.
Die SMS sind schnell verfasst, obwohl ich es immer noch etwas mühselig finde, so eine Textnachricht zu tippen.
Sie ähneln sich im Großen und Ganzen und haben diesen Text: „Ich bin gut am Ende der Welt angekommen. Hier ist ein warmer Winter – ca. 20°C.
Gestern habe ich meinen biologischen Papa kennengelernt. Dabei auch erfahren, dass ich neben den zwei Halbgeschwistern auch einen Stiefbruder habe, mit dem ich zum Glück nicht verwandt bin!
Heute emotionaler Tag – die Sache nimmt mich schon noch mit. Bis bald in DE! Val“
Anschließend lese ich meinen neuen Krimi von John Grisham.
Hufgetrappel und lachende Männerstimmen schrecken mich eine Stunde später aus meiner Lektüre auf.
Ehe ich noch mein Buch zur Seite legen kann, kommen Ramón und drei der „Gauchos“ in den Stall.
„¡Dios mío, Valeska! Was machst du hier?“, fragt Ramón überrascht.
Ich stehe schnell auf und zupfe mir etwas Heu aus meinen Klamotten.
„Ich wollte das gemütliche Heuhotel ausprobieren“, versuche ich zu scherzen.
Ramón übergeht diesen hilflosen Versuch meinerseits, meine Peinlichkeit zu überspielen und stellt in einer Mischung aus Spanisch und Englisch seine Begleiter vor.
„Das sind Luis, Sebastiano und Matteo, hervorragende Männer, die viel von ihrer Arbeit verstehen.
- Compañeros, esta es la hija alemana de José, Valeska.“
Alle drei geben mir höflich die Hand. Luis ist wohl um die 40, hager, mit freundlichen runden braunen Augen. Sebastiano schätze ich auf Mitte 30, er trägt einen Dreitagebart und eine verschmitzte Miene zur Schau. Matteo ist mit seinen ca. 25 Jahren der Jüngste. Sein jungenhaftes Gesicht wird von neugierig schauenden grünen Augen und einer markanten Nase dominiert.
Alle drei tragen die typischen Lederhosen der Viehhirten, mit denen man einen Tag auf dem Pferd ohne große Blessuren überstehen kann. Dazu haben sie T-Shirts und leichte Jacken an.
Ramón hat sich dieser Arbeitskleidung angepasst, wirkt aber mit seiner olivfarbenen Haut fast blass gegen die wettergegerbten Gesichter der Männer.
Die „compañeros“ mustern mich neugierig und Sebastiano sagt etwas zu Ramón, das großes Gelächter auslöst. Ramón hat die Neckerei, die sich eindeutig auf ihn und mich bezog, gutmütig aufgenommen und verabschiedet sie mit einem freundlichen
„¡Adiós, hasta mañana!“.
Dann wendet er sich mir zu, während sein Blick mich genauer erfasst: „¿Por qué has llorado?“, erschrocken beugt er sich zu mir herunter und streicht mir über die Wangen.
Dann nimmt er mich in den Arm und sagt auf Deutsch: „Du sollst nicht weinen, Liebes.“
Ich lasse mich von ihm trösten, es tut gut, denn trotz allem ist er die neutralste Person in dieser Geschichte.
Ich drücke noch ein paar Tränchen heraus, als ich Ramón den Grund meines Kummers erzähle.