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Wiebke Groth ¡PARAGUAY, MI AMOR!
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„Oh Gott – Valeska!“
Am anderen Ende der Leitung – über 10.000 Kilometer entfernt – ist ein tiefer Atemzug zu hören. „Valeska – verzeih mir, bitte! Wie hast du es erfahren?“
„Durch deine dämliche Mail und meine Neugier!“
Paraguay, 22. Juli 1999
„Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns nach diesem Auftakt sehen würden. Du hattest ja danach aufgelegt. Ich war total fertig. Aber am nächsten Tag riefst du wieder an, entschuldigtest dich sogar.
Es wurde ein gutes Gespräch und wir sprachen eine Stunde und ich war so glücklich, als du meiner spontanen Einladung folgtest und zusagtest, herzukommen.“
Er schaut mich lächelnd an:
„Valeska, meine große, deutsche Tochter, es ist schön, dass du hier bist!“ Er breitet die Arme aus und zögernd umarme ich ihn. Er taxiert mich und sagt:
„Du bist ein sehr hübsches Mädchen.“
Ich schaue ihn an, als ob er einen Scherz gemacht hat:
Mit meinen 165 cm bin ich eher klein, habe kräftige Beine, kleine Hände und kurze dicke Finger.
Ich bin stämmig, aber nicht dick. Allenfalls bin ich durchschnittlich.
Das dichte hellbraune Haar, das ich sehr kurz trage, in Kombination mit den wasserblauen Augen und den vollen Lippen sowie die runden, wohlgeformten Brüste gefallen mir wiederum.
„Quatsch, ich bin nicht hübsch!“
„Selbstbewusstsein und Liebe zu deinem Körper haben sie dir nicht beigebracht“ murmelt Jost ungehalten. Dann, freundlicher: „Ich sage das nicht nur als stolzer, sondern auch als besorgter Vater.
Du bist eine junge, hübsche Frau in der Blüte ihrer Jahre.
Du bist nicht in Deutschland, sondern in Paraguay, wo noch ein anderes, ein archaischeres Weltbild von Männern und Frauen herrscht.“
Ich lache unwillkürlich, es klingt irgendwie so lächerlich und gestelzt.
„Ich möchte, dass du es ernst nimmst! Sei einfach vorsichtig.
Die Männer und Jungen hier sind nicht immer so zurückhaltend, wie du es aus Deutschland kennst.“
„Ach ein bisschen Machotum ist für uns manchmal ganz nett“, sage ich provozierend.
Was bildet er sich eigentlich ein?
Klugerweise schweigt er nun, er merkt wohl, dass es nicht gut angekommen ist.
„Warum bist du eigentlich hierhergekommen?“, frage ich, um einen Themenwechsel bemüht.
„Ich meine, bis vor zehn Jahren war Paraguay eine üble Diktatur und eine Nazihochburg.“
„Ja, das ist leider wahr. Es gibt hier viele ausgewanderte Nazis und deren Nachkommen, die dieser Ideologie anhängen.“ Er lächelt gequält. „Aber Paraguay ist bei Weitem nicht das einzige Land in Südamerika mit diesem Problem.
Du musst mir glauben, dass ich damit überhaupt nichts am Hut habe.“
Währenddessen sind wir durch die Ankunftshalle Richtung Ausgang gelaufen.
„Ich erzähle dir gleich alles, was du über mich wissen willst.
Wir haben knapp drei Stunden Fahrt vor uns. Aber zuerst: Hast du Hunger, möchtest du etwas trinken?“
„Wir hatten im Flugzeug gerade noch etwas zu essen.“ Es ist jetzt 14:00.
„Aber was zu trinken wäre super.“
„Ich habe Wasser im Auto. Hier in Paraguay sollte man immer genügend Wasser bei sich haben, selbst jetzt in unserem Winter und erst recht im Sommer, wenn es oft über 40 Grad Celsius heiß ist.“
„Wasser klingt gut.“
„Ach, weißt du was, wir gehen trotzdem in einen Supermarkt“, sagt er, „ich wollte sowieso schauen, ob sie unsere Produkte gut platziert haben und so kannst du gleich sehen, womit ich hier meinen Lebensunterhalt verdiene.“
„Ja, okay“, ich bin total aufgedreht. Obwohl ich im Flugzeug immerhin etwas geschlafen habe, lassen mich der Jetlag und die neuen Eindrücke hellwach sein.
Wir verlassen nun das Flughafengebäude, warme Luft schlägt mir entgegen.
„Wir sind hier in Luque, einem größeren Nachbarort von Asunción. Wir gehen nun zum Parkplatz und fahren dann ins Stadtzentrum unserer Hauptstadt“, erklärt Jost.
Eine völlig fremde, faszinierend exotische Welt schlägt mir entgegen. Der „Aeropuerto Internacional Silvio Pettirossi“ selbst ist ein moderner hellgrauer Komplex auf mehreren Ebenen und auf einer Gebäudeseite vollständig mit Grünpflanzen bepflanzt.
Der Flughafen liegt am nordwestlichen Stadtrand von Luque, ein Zubringer führt uns ins benachbarte Ascunción. Tropische Pflanzen, die ich allenfalls aus Filmen kenne, wachsen am Wegesrand, für einen Freitagnachmittag herrscht reger Verkehr in und um den Flughafen.
Jost führt mich zu den Parkplätzen und einen in die Jahre gekommenen Jeep.
„Bei den hiesigen Straßenverhältnissen, besonders auf der Estancia, ist der Jeep einfach praktisch“, erklärt er fast verlegen.
„Ist doch okay“, meine ich, „es ist mir egal, was für ein Auto du fährst“
Er lacht: „Komm, steig ein, Kleine.“
Schnell erreichen wir das Stadtzentrum Asuncións, wobei ich Josts stoische Gelassenheit bewundere, mit der er den Geländewagen ruhig durch den teils chaotischen Verkehr lenkt.
Wir halten an einem super mercado. Drinnen sieht es nicht viel anders aus als in einem deutschen oder europäischen Lebensmittelgeschäft, nur halt alles auf Spanisch.
Stolz zeigt Jost mir das Rindfleisch, welches hier an prominenter Stelle in der Frischetheke ausliegt.
„Biofleisch von unserer Estancia. Wir verkaufen nicht nur hier, sondern exportieren auch nach Europa – auch nach Deutschland.“
„Aha, ist es einträglich?“
„Man kann in einem Land wie Paraguay gut davon leben. Den Betrieb haben wir vor einigen Jahren von Isabellas Eltern übernommen – wir haben ihn damals als einen der ersten Betriebe in Paraguay auf Bio umgestellt“, erklärt er stolz, „ in Deutschland und Europa ist das jetzt ja der Zukunftsmarkt – ich schätze in zehn bis zwanzig Jahren wird Bio normal sein, aber zurzeit machen wir guten Umsatz mit unserem Konzept, vor allem in Deutschland, Frankreich und den USA. Da sind sie ganz wild nach südamerikanischen Rindern, die ein glückliches, freies Leben mit biologisch angebautem Futter oder auf unbehandeltem Weideland geführt haben. Dabei muss man wissen“, er gluckst etwas, „dass in Paraguay nahezu alle Rinderzüchter und Mäster ihre Tiere auf der Weide halten oder traditionell in großen Gebieten hüten. Wir mussten also nur das Futter und ein paar Kleinigkeiten ändern.“
„Nicht schlecht. Aber das klingt nach viel Arbeit“
„Wir haben zehn Angestellte und trotzdem haben Isabella und ich alle Hände voll zu tun.“
Ich suche mir noch eine paraguayische Limo und Kekse aus, die Jost wie selbstverständlich bezahlt, dann treten wir von dem gut klimatisierten Geschäft wieder in die warme Luft Asuncións.
Als wir weiterfahren, erzählt Jost:
„Asunción ist die älteste Stadt des südlichen Südamerikas. Sie wurde am 15.08.1537 als Festung gegründet.
Sie wird „Madre de Ciudades“ (Mutter der Städte) genannt, da von hier zahlreiche Expeditionen gestartet wurden. Viele Städte wurden von hieraus gegründet, auch Buenos Aires!“
„Wow, das ist wirklich spannend“, meine ich beeindruckt. „Über sowas haben wir im Geschichte-Leistungskurs, natürlich nichts gehört!“
Die Stadt ist sehr grün, was mir gut gefällt.
Wir passieren langsam die Außengrenzen und fahren Richtung Norden.
Dabei unterhalten wir uns angeregt.
Jost erzählt unterhaltsam, wie er im März 1981 in Paraguay ankam- es war damals noch im eisernen Griff von Alfredo Stroessner, der über drei Jahrzehnte lang totalitär regierte.
Die ersten Monate ging es ihm dreckig.
Nur durch die regelmäßigen Zuwendungen seiner Eltern sowie Gelegenheitsjobs wie Schuhputzer, Zeitungsverkäufer und Kellner, war er in der Lage zu überleben und ein heruntergekommenes Zimmer am Stadtrand zu bezahlen. Nebenbei lernte er weiter Spanisch, so dass er bald einigermaßen zurechtkam.
Dann lernte er andere deutsche Auswanderer kennen. Sie vermittelten ihn zu einem paraguayischen Estancia-Besitzer, der einen Nachfolger suchte. Seine neuen Freunde sahen in Jost das Potenzial und brachten ihn mit Juan Ortega Sánchez und seiner Frau Leticia Blanco Pérez in Kontakt.
Juan willigte ein, Jost eine Chance zu geben und ihn auszubilden.
Zunächst lernte er den Beruf des Viehzüchters von der Pike auf und ging bei Juan durch eine harte Schule.
Es gab Momente, in denen er am liebsten aufgegeben und nach Deutschland zurückgekehrt wäre.
Aber da gab es noch die junge Witwe Isabella, die Tochter von Juan und Leticia. Sie hatte ihren Mann vor einem Jahr verloren und war zu ihren Eltern zurückgekehrt.
„Als ich Isabella das erste Mal sah, war ich fasziniert von ihr. Allerdings hielt ich es für keine gute Idee, meine Gefühle sofort offen zu zeigen.
Sie war sehr unnahbar und noch in tiefer Trauer, denn sie war erst ein Jahr Witwe, als ich auf die Estancia kam.“
„Was war mit ihrem Mann? Hatte er einen Unfall oder war er unheilbar krank?“, bin ich neugierig.
„Er wurde vom Stroessner-Regime ermordet, weil er sich zu sehr in der Opposition engagierte.
Leider wurde er erwischt und verhaftet. Zwei Tage nach seiner Verhaftung, fand man ihn und seinen besten Freund, der ebenfalls verhaftet worden war, erschossen in ihrer gemeinsamen Zelle.
Man behauptete, sie hätten sich eine Pistole beschafft und Enrique hätte erst seinen Freund und dann sich selbst erschossen, um nicht in einem Schauprozess hingerichtet zu werden.
Aber alle wussten, dass sie umgebracht wurden. Sie wollten nicht, dass sie zu Helden des Widerstandes stilisiert werden würden. Er war damals erst 24“, erzählt Jost bekümmert.
„Nein wie schrecklich!“
Es wird mir immer rätselhafter, wie mein Vater in so ein gewalttätiges Land einwandern konnte und dort immer noch lebt.
„Ich war auch so zurückhaltend, weil ich nicht wollte, dass Isabellas Vater mich wieder entließ, die Gelegenheit, hier Fuß zu fassen, war zu günstig. Ich hatte damals unheimliches Glück, denn anders wäre ich nicht zu einem so lukrativen, sicheren Einkommen gekommen.
Ich lernte also alles über Rindermastzucht, das Führen einer Estancia und eben alles, was mir Don Juan, Donna Leticia und ihre Mitarbeiter beibringen konnten. Isabella erledigte damals wie heute die Verwaltung und Buchführung, kümmerte sich um die Angestellten.
Es war auch ein Glücksfall, dass ich mich mit Leticia und Juan so gut verstand. Abends durfte ich mit ihnen am Familientisch sitzen und essen, nicht im Angestelltentrakt, wie sonst üblich. Ich hatte sogar ein Zimmer im Haupthaus.
Nach einiger Zeit bemühte ich mich dann immer augenscheinlicher um Isabella.
Ich versuchte, sie während der Mahlzeiten in Gespräche zu verwickeln, machte ihr Komplimente und brachte sie zum Lachen.
Letzteres war sehr schwierig, aber der kleine Ramón war eine große Hilfe.“
„Wer ist Ramón?“, möchte ich wissen.
„Das ist Isabellas Sohn aus erster Ehe. Er war damals vier, als ich zu Juan kam. Als Isa und ich 1983 heirateten, adoptierte ich ihn.“
„Oh cool, noch ein Halbbruder!“, rufe ich begeistert aus.
„Eher ein Stiefbruder, aber ja“, antwortet er lächelnd. „Ich mochte den Kleinen sehr. Für seine vier Jahre war er schon recht aufgeweckt und er schien mich auch zu mögen. Er war ein lebendiger, kleiner Bursche, aber natürlich litt er auch unter dem Verlust seines Vaters.
Er war und ist uns eine Quelle der Freude und des Stolzes, aber leider hat er uns auch immer wieder heftigen Kummer und Sorgen bereitet.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Es ist der Verlust seines Vaters; obwohl ich immer versucht habe, ihn zu ersetzen, konnte es mir nicht gelingen. Ich bin so anders, als Enrique es gewesen sein muss.“
„Er war wohl ein richtiger südamerikanischer Revolutionär“, rufe ich begeistert aus.
„Ja, aber ich würde es nicht so positiv und bewundernd ausdrücken, Valeska. Du siehst, wohin es geführt hat.“
„Aber er wollte seinem Land und auch seiner Familie helfen, eine schreckliche Diktatur zu beenden!
Was ist daran falsch?“, beharre ich.
„Ich bewundere deinen jugendlichen Enthusiasmus und deinen Glauben an das Gute“, erwidert er, „aber er hat es mit seinem Leben bezahlt und – seien wir ehrlich – mit dem Sturz der Regierung hätte er es billigend in Kauf genommen, dass Menschen sterben – egal auf welcher Seite.“
Ich schweige und kann Josts Argumentation nur bedingt zustimmen.
„Wie dem auch sei“, fährt er fort. „Ramón war ein entzückender, hochintelligenter Junge, sehr extrovertiert und wie viele begabte Kinder langweilte er sich schnell in der Schule, so dass er Blödsinn anstellte.
Oft mussten wir zu Gesprächen in die Schule und egal wie streng wir mit ihm waren, es fruchtete wenig. Nur die Arbeit mit den Pferden und Rindern liebte er.
In der Pubertät wurde es noch schlimmer. Hinzu kamen unzählige Mädchengeschichten – ich kann dir gar nicht sagen, wie oft wütende Väter vor unserer Tür standen.
Ramón war und ist völlig bindungsunfähig. Es liegt wohl viel am frühen Verlust seines Vaters.
Isa und ich haben uns oft gefragt, was wir falsch gemacht haben…“
„Was macht er denn jetzt? Er musss nun schon Anfang 20 sein. Arbeitet er auf der Estancia?“
„Ramón?“, lacht Jost. „Nein, nur während der Semesterferien. Er studiert seit drei Jahren Medizin an der Uni in Asunción!“
„Wow, das ist ja großartig! Dann müsst ihr doch stolz auf ihn sein?“
„Ja, das sind wir auch. In letzter Zeit hat er auch keinen Ärger mehr gemacht. Wir denken, er wird langsam erwachsen. Er wird übrigens auch bald zu Besuch kommen.
Die Uni schließt für vier Wochen und wir erwarten ihn heute Abend oder morgen. Genaueres hat er nicht gesagt.“
„Schön. Dann erzähl doch bitte auch vom Rest der Familie: von Isabella, Juanita und Jorge.“
„Ja – Isabella ging mit der Zeit auf meine Avancen ein. Später sagte sie, es habe ihr gefallen, wie schüchtern und vorsichtig ich ihr den Hof gemacht hätte. Wir konnten uns stundenlang unterhalten, ich lud sie ins Kino und zum Essen in Restaurants ein.
Eines Tages, als wir allein waren, fasste ich mir ein Herz und küsste sie …
Schnell wurden wir ein Paar. Juan und Leticia kam diese Entwicklung mehr als gelegen.
Hatten sie nicht nur einen geeigneten Nachfolger, sondern auch einen neuen Mann für ihr einziges Kind Isabella gefunden.
1983 heirateten wir groß, es war ein rauschendes Fest – deine Großeltern waren übrigens auch da, auch wenn sie nicht viel verstanden.
Sie haben uns auch danach mehrere Male besucht. Wenn sie für euch für vier Wochen an der See oder im Allgäu waren, waren sie in Wahrheit oft in Paraguay, um ihre ‚exotischen Enkel‘ zu besuchen.“
„Das glaube ich jetzt nicht! So viel Gerissenheit hätte ich meinen lieben Großeltern nie zugetraut.“
„Doch, so war es“, nickt Jost.
„Anfang 1984 wurde Juanita geboren. Sie ist mein Goldstück und ich habe sie bestimmt sehr verwöhnt. Aber so machen es Väter nun mal mit ihren Töchtern.“
Er unterbricht sich verlegen, als er merkt, dass er das gerade ausgerechnet zu seiner anderen Tochter sagt, die er vor 19 Jahren verließ.
„Entschuldige bitte“, sagt er leise.
„Schon gut, Jan-Hugo hat mich genauso verwöhnt und behütet. So sind die Königs nun mal“, entgegne ich milde.
„Nun ja, Juanita ist auch sehr aufgeweckt, schulisch hat sie uns nie Kummer bereitet.
Sie kann aber manchmal sehr anstrengend sein, gerade weil sie seit vier Jahren in der Pubertät ist.
Das Schlimme ist, dass sie sich seit Kurzem enorm für Jungs interessiert. Du musst wissen, sie ist sehr gutaussehend und so sind die Jungs auch nicht abgeneigt. Zum Glück passt Ramón sehr gut auf sie auf, wenn er mit ihr unterwegs ist. Allein darf sie natürlich nicht weg. Aber er nimmt sie manchmal in eine Disco oder in einen Klub mit, wenn sie in Asunción ist.
Dann ist da unser Jüngster – Jorge. Er ist gerade aufs Gymnasium gekommen. Er und Juanita fahren jeden Morgen gemeinsam mit dem Bus in die nächste Stadt- es sind 20 Minuten Fahrt.
Jorge ist noch ein liebenswertes Kind, er liebt die Natur und reitet genauso gerne wie seine Geschwister. Er ist allerdings ein kleiner Träumer und die Dinge fallen ihm nicht so leicht zu wie Juanita. Er muss sich anstrengen. Er ist aber sehr ehrgeizig und ich könnte mir vorstellen, dass er eines Tages die Estancia übernehmen wird.
Ramón will Arzt werden und Juanita hat schon mal deutlich gesagt, dass sie hier nicht alt werden will.“
Unser Gespräch plätschert noch eine Weile dahin.
Jost will von mir auch vieles wissen und ich antworte ihm ausführlich. Irgendwann gähne ich.
Er bemerkt es und meint: „Schlaf ruhig, wir haben noch anderthalb Stunden Fahrt vor uns. Also schließe ich die Augen und bekomme von der weiteren Fahrt nichts mehr mit.
***
„Valeska“, weckt mich Josts angenehme Stimme, „wach auf, wir sind da!“
Verschlafen öffne ich die Augen.
„Wow“, murmele ich, als ich das prächtige Anwesen erblicke.
Ein weiß gekalktes, zweistöckiges Haupthaus mit wunderschönen farbigen Mustern verziert, daneben Stallgebäude- für die Pferde, wie ich vermute - und ein Nebengebäude für die Angestellten.
Ein riesiger Garten umgibt das Haus – kunstvoll angelegt und sehr gepflegt.
„Wow, macht ihr das alles allein?“ Ich deute auf den Garten.
„I wo, wir haben einen Gärtner, ein sehr fähiger Mann, der schon für die Schwiegereltern arbeitete.
Und für die Haushaltsführung beschäftigen wir Carmen, die auch eine Freundin von Isabella ist. Carmen ist ein absoluter Glücksfall. Ohne sie und Felipe könnten wir die Estancia gar nicht führen.“
„Ihr lebt aber ziemlich dekadent“, merke ich kritisch an.
„Ach nein, hier in Paraguay ist das normal und viele können sich Hausangestellte leisten“, antwortet Jost schulterzuckend.
Währenddessen sind wir ausgestiegen und ich komme nicht zu einer Erwiderung, da die Haustür aufgeht und ein Mädchen mit schulterlangem, dunklem Haar und ein kleiner Junge mit Lockenkopf in derselben Farbe mir entgegenstürzen und laut „Hallo Schwester“ brüllen.
„Hey“, antworte ich verlegen, als sie bei uns angelangt sind.
„Schön euch zu sehen! Ihr seid also Juanita und Jorge.“ Sie nicken und lachen und fangen an, mich mit Fragen zu bestürmen. „Wie ist der Sommer in Deutschland? War der Flug aufregend? Wie findest du Paraguay?“
Die Unterhaltung geht reibungslos auf Deutsch vonstatten. Beide beherrschen die Sprache fließend.
Dann erscheint eine hochgewachsene Frau etwas größer als Jost, im Türrahmen und schreitet würdevoll auf uns zu.
„¡Bienvenida, Valeska! ¿Como estaba el viaje?“
„Gracias, estaba muy bien“, stottere ich.
Ich habe versucht, vor meiner Abreise etwas Spanisch zu lernen, aber die Zeit war zu kurz.
In der Schule habe ich kein Spanisch gelernt und so konnte ich in den letzten vier Wochen nur einen Sprachkurs am Computer machen.
Wir gehen rein und Jost führt mich kurz durch die wichtigsten Räume, dann zeigt er mir mein Zimmer. Es liegt im ersten Stock, am Anfang des Ganges.
„Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass es genau neben Ramóns Raum liegt“, mein Jost.
„Aber nein, warum sollte es mich stören?“
„Dann ist ja gut.“
„Jost meinst du, ich könnte ein Bad nehmen?
Du meintest ja, wir essen erst um 19:00 Uhr, da muss ich mich dringend frisch machen! Ich werde sonst zu müde.“
„Aber natürlich Liebes! Warum habe ich es dir nicht schon längst angeboten?“ Er führt mich in ein großzügig geschnittenes Bad mit einer luxuriösen Badewanne und einer komfortablen Dusche.
Dort reicht er mir ein Handtuch und ein Fußhandtuch.
Ich hole mir schnell meinen Bademantel und er lässt mich allein – nicht ohne den Hinweis ich könnte gerne den Badeschaum und das Shampoo von Juanita benutzen.
Ich lasse mir das Wasser einlaufen, gebe großzügig von dem herrlich duftenden Badeschaum hinzu.
Dann ziehe ich mich aus und lasse mich mit einem wohligen Seufzer in die warmen Fluten sinken.
Nach circa zehn Minuten schrecke ich aus meiner Wohlfühlzeit auf.
Die Klinke der Badezimmertür bewegt sich – jemand drückt sie nach unten!
Verdammt, ich habe nicht abgeschlossen!
Ich versuche, schnell aufzustehen und nach dem Handtuch zu angeln, das auf einem Ständer neben der Wanne hängt. Doch in dem Moment, wo ich hoch aufgerichtet und wie Gott mich schuf in der Wanne stehe, öffnet sich die Tür ganz und ein junger Mann mit kurzen, dichten und sehr dunklen Haaren – nur mit einem Handtuch bekleidet – erscheint in der Tür.
Starr vor Schreck bleibe ich stehen.
Der Fremde fängt sich zuerst und sagt: „Lo siento señorita. ¡No sabía que esta ocupado!“
Dabei grinst er mich unverschämt an und seine dunkelbraunen Augen mustern unverhältnismäßig langsam mein ganzes Erscheinungsbild.
Endlich gelingt es mir, ein Handtuch zu schnappen und es mir einigermaßen würdevoll umzuhängen.
Der dreiste Kerl senkt während dieser gefühlten Ewigkeit nicht einmal den Blick und wendet sich auch nicht höflich ab.
„Sorry it‘s occupied, but I forgot to close the door!“ schnappe ich wütend auf Englisch.
„Please go now and let me finish my bath!“
„¡Disculpe, señorita!“
Mit diesen Worten verschwindet er.
Zitternd stehe ich in der Wanne. Was bildet der sich eigentlich ein?!
Das war bestimmt einer von den Viehhirten. Ungehobelter Bursche!
Aber der Typ wird noch sein blaues Wunder erleben, das lasse ich mir nicht gefallen!
Ich werde Jost von dieser Belästigung erzählen! Jetzt weiß ich jedenfalls, was Jost mir in Bezug auf die Männer hier sagen wollte.
Ich lasse das Handtuch auf den Fußboden vor der Wanne fallen, dann sinke ich wieder ins Wasser und schaffe es, mich noch einige Minuten zu entspannen.
Zurück in meinem Zimmer setze ich mich im Bademantel auf das sehr bequeme Bett und krame mein Handy hervor. Seit wenigen Jahren besitzt Jan-Hugo eines dieser unheimlich praktischen Geräte und ich habe solange gebettelt, bis ich zum Abi schließlich eines geschenkt bekam.
Am besten finde ich die SMS und natürlich die Möglichkeit auch von unterwegs zu telefonieren.
Seit vier Jahren besitze ich immerhin eine eigene E-Mail-Adresse.
Jan-Hugo ist nicht der schnellste beim technischen Fortschritt, aber er passt sich den Notwendigkeiten an.
„Nun komm schon, du Mistding! Geh schon an!“, murmele ich verärgert.
Das Display leuchtet auch auf, aber der Empfang ist nicht existent!
„Was soll denn das? Ich fass es nicht!“, rufe ich wütend aus.
Wollte ich doch meinen Freunden die neuesten Nachrichten aus Paraguay simsen.
Fast wäre ich im Bademantel runtergelaufen, aber schnell ziehe ich mir Jeans, und ein rotes Top an und lege mir sogar Make-up auf.
Es ist mittlerweile halb sieben, als ich ins Wohnzimmer trete.
„Buenas tardes“, grüße ich unsicher in die Runde.
Dann entdecke ich Jost, der entspannt in einem Sessel sitzend liest.
„Ah, Valeska. Hattest du ein angenehmes Bad?“
„Geht so“, meine ich säuerlich. „Ich vergaß, die Badezimmertür abzuschließen und bekam überraschend Besuch.“
Ich berichte von dem aufdringlichen Kerl, der mich belästigt hat, als ich nackt im Bad war.
„Kannst du deine Mitarbeiter bitte vom Haupthaus fernhalten, wenn sie sich jungen Frauen gegenüber nicht benehmen können! Der soll sich ordentlich bei mir entschuldigen dieses Schwein!“
„Valeska, beruhige dich!“, Jost schaut mich besorgt, aber auch irritiert an.
„Schatz, die Mitarbeiter haben ihr eigenes Bad im Angestelltenhaus. Wenn hier tatsächlich einer von ihnen halb nackt vor unserer Badezimmertür herumlungert und dich oder, Gott bewahre, Juanita belästigt, dann bekommt er eine saftige Abmahnung!“ Jost sieht nun nicht mehr so entspannt aus. Juanita, die ihren Namen gehört hat und von ihrem Videospiel aufschaut, bemerkt lässig: „Papa, für mich klingt das nicht nach einem unserer Angestellten, sondern nach ...“
Ein fröhliches „¡Buenas tardes, familia!“ unterbricht ihre Ausführungen.
Ich drehe mich nach der angenehmen männlichen Stimme um und erstarre.