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Hanspeter Götze Ein Wandel der Gesinnung
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Im Gegensatz zu anderen Interessengemeinschaften bedurfte es bei uns Suchtkranken keines Kassenwartes, da wir eh alle pleite waren. Aus diesem Grund übernahm der Wirt die buchhalterische Tätigkeit und zog pünktlich zum Ersten des Monats die erschütternde Bilanz aus unseren feuchtfröhlichen Hinterlassenschaften. So diente der Alkohol nicht, wie oft vermutet, zur Entspannung, sondern war nichts anderes als ein unsicherer „Wirtschaftsfaktor“.
Ich fügte mir durch die Trinkerei zu den schon vorhandenen Problemen noch zusätzliche Belastungen hinzu, welche immer mehr auf meinen Gemütszustand drückten. Man wurde zum Jonglieren mit Zahlen genötigt, damit man einigermaßen über die Runden kam. War kein Land mehr in Sicht, hoffte ich auf eine Eingebung. Doch da ich auf einen Lotsen verzichtete, war es nicht verwunderlich, das ich immer in den falschen Hafen einlief. Es entstand eine Eigenliebe, die mich vor all den bösen Einflüssen bewahren sollte. Gedanklich ging ich meinen eigenständigen Weg, wohl wissend, dass es diesen gar nicht gab. Dies waren nur Ausreden, um der Wahrheit auszuweichen.
Als sich dann mein Seelenleben zusehends verschlechterte, drängte sich der Gedanke nach einer erneuten Therapie auf, doch wollte ich vorab noch das Ergebnis des körperlichen Verfalls abwarten, welches sich wie nachstehend zusammensetzte: Die Fahrlässigkeit im Umgang mit meiner Gesundheit gab selbst bei schmerzlichen Geschehnissen keinen Anlass zum Umdenken in der Verhaltensweise. Wurde ich von einem Leiden in Anbetracht aufopferungsvoller, ärztlicher Hilfe errettet, stellte ich einen sofortigen Kontakt zu meinem damaligen Weggefährten, dem Alkohol, wieder her, um mich unaufhaltsam in die nächste Gefahrensituation zu begeben.
Eigentlich hätte die damalige Operation eines bösartigen Stimmbandkarzinoms bei einem normal Denkenden zu einer radikalen Änderung des Lebenswandels geführt. Doch hielt mich selbst die Verkündung des Stimmenverlustes durch den Professor der Uni-Klinik in Göttingen nicht davon ab, die Zerstörung des Körpers mit Alkohol und Nikotin fortzusetzen. Tage vor dem unvermeidlichen chirurgischen Eingriff saß ich wie ein Häufchen Elend in der Kneipe und konnte ohne funktionierendes Sprachorgan die Bestellung nur auf einen Zettel notieren. Das ganze Leben wurde mir im Zeitraffertempo noch einmal vorgeführt und ich fiel in Bedrücktheit. Eine Woche nach dem guten Verlauf der OP war alles wieder vergessen und ich konnte mit krächzenden Lauten am heimischen Stammtisch über das Erlebte Bericht erstatten. Zu meiner Ehrenrettung muss ich hierzu noch anführen, dass ich innerhalb der nächsten Jahre sämtliche Termine zur Nachsorge wahrnahm, da sich die Angst über eine mögliche Streuung in meinem Gedächtnis eingeprägt hatte.
In der Folgezeit meines beklagenswerten Handelns tauschte ich noch mehrfach meine Wohnung gegen ein Krankenhausbett. Bei diesen unfreiwilligen Aufenthalten lernte ich nicht nur viel über die Anatomie des menschlichen Lebewesens kennen, sondern war auch maßgeblich an der Einrichtung einer Zimmerbar beteiligt. Mein Bettnachbar und ich funktionierten unsere Beistelltische zu einem Bierdepot um. Es war erstaunlich, dass wir in unserem Privatleben ähnliche Interessen vertraten und diese in der Klinik weiterhin wahrnahmen. Nach der vollzogenen Abendvisite gestalteten wir einen feuchtfröhlichen Gemeinschaftsabend. Für die Bierversorgung waren die Besucher verantwortlich, welche stets darauf bedacht waren, dass es zu keinem Engpass kam. Hatte einer von uns beiden am nächsten Tag eine Magenspiegelung, waren wir dazu angehalten, das Besäufnis um einige Stunden vorzuziehen. Das vereinbarte Treffen nach meiner Entlassung in einer Kneipe fand durch den plötzlichen Tod des netten Zimmernachbarn nicht mehr statt.
Da sich bei mir die unter Alkoholeinfluss passierten Unfälle häuften, gehörten die Aufenthalte in den verschiedenen Krankenhäusern schon zu einem routinemäßigen Vorgang. Viele Fragen über den tatsächlichen Unfallhergang musste ich in den meisten Fällen aufgrund der Bierfahne oder eines eiligst durchgeführten Alkoholtests nicht mehr beantworten.
Besonders desaströs verlief die Einlieferung in die Notaufnahme nach einem erlittenen Bruch des Sprunggelenks. Dies alles geschah nach einer ausgiebigen Feier, als mich ein Bekannter aus reiner Vorsichtsmaßnahme von der Kneipe nach Hause fuhr. Beim schwungvollen Aussteigen verkantete ich mich mit dem linken Bein zwischen dem Autounterboden und der Bordsteinkante. Da mein Fahrer mich danach nicht mehr sah, stieg er sicherheitshalber aus dem Kraftfahrzeug und entdeckte mich unter seinem Auto liegend. Als er mich dann mit aschfahler Gesichtsfarbe auf den Bürgersteig zog, sagte ich nur: „Danke, das geht schon wieder.“ Erst bei einem Blick auf meinen Haxen erkannte ich den Ernst der Lage. Mein Fußgelenk hatte sich sprichwörtlich quergestellt und der herbeigerufene Notarzt sowie die Rettungssanitäter trauten ihren Augen nicht, als der Alkomat einen Wert von 4,2 Promille anzeigte. Dadurch erübrigte sich für das OP-Team die Frage nach einer Vollnarkose bei der für den folgenden Tag (Sonntag) angesetzten Notoperation. Aufgrund der veranlassten örtlichen Betäubung konnte ich über die Gesamtdauer der Wiederherstellung des lädierten Fußes die gegen meine Person gerichteten Gespräche des Ärzteteams verfolgen, bei denen ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.
Nach Ende des dreiwöchigen Klinikaufenthaltes hatte sich die Landschaft in ein Wintermärchen verwandelt und ich war an den Rollstuhl gefesselt. Doch selbst diese erschwerten Umstände hielten mich nicht davon ab, auch bei diesen Witterungsverhältnissen meine Stammkneipe für das geliebte Weizenbier aufzusuchen. Für die 150 Meter benötigte ich mit dem Gefährt eine halbe Stunde durch den knöcheltiefen Schnee. An dieser einstig aufgebrachten Energieleistung lässt sich im Nachhinein ersehen, welchen Drang ich verspürte, um der Sucht hinterherzulaufen. Auftretende Schmerzen vergingen nach einigen Bieren von allein und man fühlte sich nach erfolgreichem Zusammenflicken zu neuen Aufgaben berufen. Unbeirrt der mahnenden Worte von den behandelnden Ärzten, endgültig die Finger vom Alkohol zu lassen, setzte ich meine Säuferkarriere unvermindert fort.
Es muss in dieser Zeit irgendjemand seine schützenden Hände über mich gehalten haben, damit ich heute das Erlebte noch niederschreiben kann. Durch die immer wiederkehrenden Fallattacken auf dem Heimweg war der Gaststättenbesuch mit einer gewissen Risikobereitschaft verbunden. Außerdem wurde ich durch meine eiernde Gangart schnell zum Gespött der trinkfesten Szene, welche ihre Ausrutscher in Abwesenheit von Bekannten vollführten. Bei mir half auch ein Wechsel der Lokalität nichts, da die Mundpropaganda schon längst die Runde gemacht hatte. Es gab auch Tage, an denen ich bereits nach dem Bettverlassen über meine eigenen Füße stolperte. Bei derartigen Vorkommnissen wurde mir von meinem Körper ein Hausarrest auferlegt, bei dem ich zum Improvisieren angehalten wurde. Ein Anruf beim Pizzaservice mit einer unauffälligen Bestellung, die dann lautete: „Einen kleinen Salat und zehn Flaschen kaltes Weizenbier“, ließ mich auch solche schwere Stunden einigermaßen überbrücken. Der Tag war gerettet und ich konnte meine Sturzübungen ohne Observation im eigenen Heim durchführen.
Seit diesem misslichen Unfall ließ ich mich nach einem Besäufnis den genannten knappen viertel Kilometer aus Sicherheitsgründen mit dem Taxi nach Hause kutschieren oder fand unter den Gästen einen hilfsbereiten Begleiter, der mich sicher bis vor die Wohnungstür brachte. Kam es bei eigenwilligen Fußmärschen doch zu einem unerwarteten Zusammenstoß mit einer hervorstehenden Außenmauer oder einem Verkehrsschild, versuchte ich am nächsten Tag auf Arbeit, die erlittenen Blessuren weitgehend zu vertuschen. Diese Verschleierungstaktik hätte in einem speziellen Fall fast zum Tod geführt.
Beim Aufsuchen einer Bekannten nach einem üblichen Abend rutschte ich im Treppenhaus auf dem von Kindern hereingetragenen Schnee aus und fiel so unglücklich, dass ich mir den Ellenbogen in die linke Körperseite rammte. Da an diesem Tag auch die gesamte Beleuchtung im Hausinneren ausfiel, kroch ich auf allen vieren aus dem Gebäude in Richtung meiner Wohnung, welche auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag. Schmerzen verspürte ich durch die vorher eingenommene Biernarkose nicht und ließ mich nach der Ankunft einfach ins Bett fallen.
Am nächsten Morgen bei der Teambesprechung in der Firma wurde mir plötzlich vor versammelter Mannschaft dermaßen übel und mein Gesicht war nach Aussagen der Kollegen nicht mehr von der Zimmerwand zu unterscheiden. Dieser Zustand veranlasste unseren Niederlassungsleiter, mich sofort einem Arzt zuzuführen, welches mein Bekannter übernahm. Mein Hausdoktor konnte trotz eines Lungentests keine Beeinträchtigung bei den Atmungsorganen feststellen. Er sah in der durch den Sturz zugefügten Prellung die Ursache für das ungewohnte Nach-Luft-Schnappen.
Zwei Tage später suchte ich erneut die Praxis auf und klagte über zeitweiligen Atemstillstand. Da dieses aufgetretene Krankheitsbild seine ärztlichen Kompetenzen überschritt, überwies er mich umgehend an das hiesige Röntgenzentrum. Nach Auswertung der dort erstellten Aufnahmen führte mein Weg direkt in die schon vertraute Notaufnahme des Klinikums. Während mir eine Drainage gelegt wurde, klärte mich die Oberärztin über den wahren Grund des Aufenthaltes auf. Durch den Ausrutscher war ein Lungenriss entstanden, der den linken Flügel zusammenfallen ließ, sodass Luft eintreten konnte. Die galt es nun mithilfe des eingeführten Schlauches abzusaugen. Zu meiner Erleichterung führte sie noch an, dass ich bei einer Nichterkennung zwei Tage später ohne großes Zutun nicht mehr aufgewacht wäre.
Fortan lebte ich für die Dauer des Aufenthaltes gesundheitsbewusst und verschmähte sogar das alkoholfreie Bier des Zimmernachbarn. Dieser war ehemaliger Brauer und hatte eine unheilbar fortgeschrittene Leberzirrhose und eine Hautfarbe, mit der er problemlos ohne Visum nach China hätte einreisen können. Nach meiner Entlassung hielt ich mich zumindest eine Woche lang an das mir von der Ärztin auferlegte Rauchverbot.
Die zwangsweise eingelegten Zwischenstopps im Krankenhaus hatten auch ihre positiven Seiten. Meine Gesinnung fand endlich wieder Zeit für eine Ursachenforschung und der Magen kam nach langer Enthaltsamkeit in den Genuss von fester Nahrung, was er in vollen Zügen auskostete. Alles schien sich zum Guten zu wenden, wäre da nicht das Problem mit dem Umsetzen in den unbetreuten Alltag gewesen. Unmittelbar nach den jeweiligen Kuraufenthalten übernahm wieder der Alkohol das Zepter und führte mich schnurstracks zu den schon auf meine Ankunft wartenden Trinkquellen. Am schlimmsten traf es hierbei wiederholt meinen Verdauungstrakt, welcher sich nach den üppigen Tagen abermals mit der Rolle des hungrigen Wolfes abgeben musste.
Die unkontrollierte Nahrungsaufnahme führte unweigerlich zu Störungen im gesamten Organismus. Hiervon war bei mir besonders die Haut betroffen. Die schon in jungen Jahren aufgetretene Psoriasis erhielt durch den Alkoholmissbrauch zusätzlichen Nährboden und verbreitete sich schnell über mehrere Stellen am Körper, welches aus reinem Schamgefühl den sommerlichen Badespaß verhinderte. Auch andere Ekzeme fanden mehr und mehr Gefallen beim Ansiedeln an der Haut. Zwar war mir die Ursache der zunehmenden Erkrankungen vollkommen bewusst, doch verzichtete ich lieber auf T-Shirts oder kurze Hosen als auf das heiß geliebte Weizenbier. Neidvoll beobachtete ich Menschen, welche sich trotz ähnlicher Probleme ungeniert in der Öffentlichkeit zeigten.
Die damalige Verhaltensweise stellte bei mir sowohl Körper als auch Geist vor eine neue Belastungsprobe, der ich zum Schluss nicht mehr standhielt. Der einstige Rhythmus bei der Nahrungsaufnahme geriet durch das übermäßige Trinken immer mehr aus dem Gleichgewicht. Der unüberhörbare Rumor aus der Magengegend wurde mit Gerstensaft besänftigt. Erst bei extremer Übelkeit war Handlungsbedarf angesagt. Man wechselte kurzerhand von der Bierstube in ein Restaurant, in dem der Hunger gestillt wurde. Auf dem Weg dorthin malte ich mir schon die bevorstehende Mahlzeit aus und sehnte mich nach dem traditionellen Abschiedsschnaps. Nach Erhalt der Speisekarte zog sich jedoch urplötzlich mein Magen zusammen und die Vorfreude auf ein üppiges Essen schwand zunehmend. Entgegen der eingetretenen Appetitlosigkeit bestellte ich eine angemessene Portion in der Hoffnung auf ein Wunder. Nach der hastigen Einnahme des Salats und dem dazugehörenden Baguette erschien der Kellner mit der Hauptspeise. Beim Anblick dieser erinnerte ich mich an eine Szene mit Mr. Bean, als er die ungeliebten Austern, ohne dabei großes Aufsehen zu erregen, in die offen stehende Handtasche einer am Nebentisch sitzenden Dame verschwinden ließ. Doch diesen Gedanken musste ich angesichts der unbesetzten Tische im Umkreis schnell wieder verwerfen. Nach dem zögerlichen Herumstochern und der ständigen Fragerei des Obers, ob denn alles meinem Geschmack entspreche, entschloss ich mich zur Mitnahme des Essens. Sorgfältig in einer Tüte verpackt, wurde mir dieses zusammen mit einem Gläschen Sambuca überreicht. Während andere Leute diese nette Geste zu einer Essensfortsetzung für daheim nutzten, suchte ich die nächstbeste Mülltonne auf und entledigte mich des lästigen Ballasts.
Im Gegensatz zum Trinken war meine damalige Lust am Essen nicht gerade berauschend. Es gab aber auch Momente, in denen ich mich mit dem Zubereiten von Mahlzeiten befasste, speziell, wenn es in der Kneipe bei einem Frauengespräch um den Austausch wichtiger Kochrezepte ging. Natürlich musste man bei dieser Unterhaltung gewisse Abstriche machen, da es sich dabei um eine schon länger zurückliegende Tätigkeit handelte, welches auch der Zustand der Betreffenden erahnen ließ. Trotzdem regten einige Tipps meinen Appetit an und daher begab ich mich kurz entschlossen in ein Lebensmittelgeschäft. Von der Vielfalt des Angebots angetan, versuchte ich das vorher Aufgeschnappte zu einem eigenen Menü zusammenzustellen. Immer mit einem sehnsüchtigen Blick in Richtung Getränkeabteilung gerichtet, füllte sich mein Einkaufskorb ohne Rücksichtnahme auf das Preis-Leistungs-Verhältnis. Geleitet von der verschwommenen Sicht, wurden Sachen eingekauft, welche dann als Zierde bis zum Verfallsdatum die Küche schmückten. Bevor ich dann zur Kasse einbog, versorgte ich mich noch mit Bier, das man zu Hause noch vor dem Auspacken der restlichen Lebensmittel erst einmal einschenkte. Danach wurde in aller Ruhe die weitere Vorgehensweise ausgetüftelt. Kurz vor der tatsächlichen Ausführung der Wunschvorstellung stellte sich auch rechtzeitig der Hunger ab, sodass ich den Plan auf ungewisse Zeit verschob. Um vor den anderen nicht als Versager dazustehen, aß ich etwas beim Metzger und berichtete danach ausführlich von meinen Kochkünsten, welche ich mir vorab aus einem Buch herausgelesen hatte.
Diesem undisziplinierten Umgang mit dem Körper musste ich letztendlich Tribut zollen. Der enorme Gewichtsverlust stellte meine Standfestigkeit bei aufkommenden Windböen oder alkoholbedingten Schwankungen erheblich infrage. Da bei einem ehemaligen Arbeitskollegen und zugleich guten Bekannten ähnliche Symptome auftraten, schlossen wir uns an den Wochenenden zu einer Essgemeinschaft zusammen. Dies machte die Runde und so gesellten sich mit der Zeit zwei bis drei weitere Personen hinzu. Um in nichts nachzustehen, wurde allgemein gut gegessen und danach dementsprechend gebechert. In diesem Kreis befand sich auch ein guter Kollege, der seit zwei Jahren abstinent war und daher nur Spezi trank. Leider verließ er uns durch seinen plötzlichen Tod viel zu früh. Auch ein anderer aus unserer Tafelrunde verstarb drei Monate später an den Folgen des Alkohols und nicht an denen des Essens. Somit verblieben nur noch wir als Gründungsmitglieder und setzten das gemeinsame Sonntagsessen bis zum Anfang meiner Therapie fort.
Wenn dem Körper wichtige Nahrungsmittel vorenthalten werden, wird er automatisch in seiner Funktionsfähigkeit eingeschränkt. Bei mir äußerte sich dies vor allem in der ständigen Mattigkeit, welche keine größeren Aktivitäten mehr zuließ. Man war froh, abends nach Dienstschluss wieder die gewohnte, stickige Kneipenluft einatmen zu dürfen. Durch die geringe Zufuhr an frischem Sauerstoff geriet auch das Immunsystem ins Wanken. Erkältungen mit Fieberschüben, plötzliches Auftreten von Nasenbluten durch erhöhten Blutdruck oder Gelenkschmerzen bildeten nur eine Wenigkeit der durch den Alkohol bedingten Begleiterscheinungen. Mein Körper war gegen diese Fülle an gesundheitsgefährdenden Einwirkungen nicht mehr gefeit und musste sich letztendlich geschlagen geben. Aus dieser absichtlich herbeigeführten Entkräftung entstand ein schmerzhaftes Zusammenziehen der Muskeln. Selbst beim Anfassen des Bierglases oder im Verlauf einer Zigarettenpause verkrampften sich die Finger derart, dass ich sie erst mit der anderen Hand vom Objekt der Begierde lösen musste. Von diesen Krämpfen wurden ausnahmslos alle Körperteile, die irgendeinen Muskel vorzuweisen hatten, in regelmäßigen Abständen heimgesucht. Auch der Magen schreckte vor solchen Koliken nicht zurück. Besonders erschwerende Umstände lösten diese Attacken in der Einschlafphase aus. Lag man fünf Minuten ruhig auf einer Seite und die Gliedmaßen wirkten entspannt, genügte nur ein einziger Gedanke an eine Muskelverhärtung, so wurde diese prompt vom Gehirn aus auf den Plan gerufen. Aus dem ersehnten Schlaf entwickelte sich ein stetiger Kampf gegen lästige Schmerzen, welche mich dazu nötigten, das Bett für Lockerungsübungen zu verlassen. Mit den daraus entstandenen Auswirkungen in Form von Muskelkater durfte ich mich am nächsten Tag ausgiebig beschäftigen. Besonders heikel waren diese krampfartigen Anfälle vor allem während des Autofahrens. Mehrfach trat ein solcher aus unerklärlichem Grund unterhalb des Rippenbogens auf und veranlasste mich zu einem unbeschreiblichen Tanz am Lenkrad. Um das Leiden einigermaßen erträglich zu gestalten, versuchte ich es mit der Einnahme von Magnesiumtabletten. Trat dann eine Besserung auf, geriet diese Maßnahme schon bald wieder in Vergessenheit.
Da sich Alkohol und Nikotin hervorragend in ihren Eigenschaften ergänzten, gehörten Durchblutungsstörungen zu einer weiteren Folgeerscheinung meines unachtsam geführten Lebensstils. War das Entfernen vom Barhocker aufgrund eines Toilettenganges unvermeidbar, verneigte man sich unbeabsichtigt vor den anderen, da sich zumindest ein Bein noch im Tiefschlaf befand. Anstatt aus diesen Beeinträchtigungen eine heilsame Lehre gezogen zu haben, erlitt ich lieber die Peinigungen und blieb meiner eingeschlagenen Lebensführung treu. Dies nennt man erbrachte Hingabe für eine zum Scheitern verurteilte Vorgehensweise. An dieser plötzlich eintretenden Gefühllosigkeit in den unteren Extremitäten habe ich auch heute noch ab und an zu leiden. Bei längerem Sitzen in Bus oder Bahn überprüfe ich jedoch fortan vor dem Aussteigen die Tragfähigkeit und erspare mir dadurch einstige peinliche Abgänge. Die im alkoholischen Zustand davongetragenen Verletzungen veranlassten mich zu einer vorsichtigeren Gangart. Schon allein der Anblick einer Wendeltreppe ließ mein Herz im negativen Sinne höher schlagen. Alles, was nicht ebenerdig war, wurde von mir als Hindernis angesehen und ich versuchte dieses, so gut es ging zu umgehen.
Besonders nervenaufreibend und schweißtreibend gestaltete sich die Fahrt zum Therapieplatz nach Wilhelmsheim. Mit schlottrigen Beinen und einer inneren Unruhe erreichte ich zusammen mit den zwei Koffern und einer Tragetasche das erste Etappenziel Augsburg. Zu meinem Entsetzen hatte weder die ab- noch aufwärtsführende Treppe eine Geländerstange zum Festhalten. Da stand ich nun wie ein gebrochener Mann vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Erst einmal ließ ich alle Reisenden passieren und bewunderte ihre Leichtfüßigkeit, mit der sie sich in die Tiefe stürzten. Danach nahm ich einen Koffer und stützte mich während des Abstiegs mit der rechten Körperhälfte an der Mauer ab. Nach einiger Zeit hatte ich das ganze Hab und Gut unterhalb von Gleis 7 deponiert und bewegte mich nach kurzem Verschnaufen in Richtung Bahnsteig 1. Dort konnte ich den mittlerweile eingespielten Ablauf dann treppauf wiederholen. Als ich schließlich im ICE nach Stuttgart saß, benötigte mein Körper über eine Stunde, um sich von diesem Stress einigermaßen zu erholen. In dieser Phase verfluchte ich erstmals den Alkohol, der mich zu einer gehbehinderten Person gemacht hatte. In der Hoffnung, dass dieses Leid bald ein Ende finden sollte, verließ ich in Stuttgart den Zug, wo eine noch größere Belastungsprobe auf mich wartete. Aufgrund von Wartungsarbeiten befand sich der Personenaufzug ins Untergeschoss zur S-Bahn außer Betrieb und die Rolltreppe abwärts war wegen technischen Defekts gesperrt. Als ich so hilflos in die Tiefe blickte, nahmen sich zwei Bahnbedienstete meiner an und trugen das gesamte Gepäck die Steintreppe hinab. Es war wie ein Wink von irgendwoher, welcher mir zeigte, dass der von mir eingeschlagene Weg der Richtige sei.
Die einstige Verunsicherung bei der Fortbewegung hinterließ Folgeschäden, mit denen ich noch heute zu kämpfen habe. Da das Gleichgewicht von vielen körperlichen Funktionen abhängig ist, entstanden durch die Fremdeinwirkung durch übermäßiges Trinken verschiedene Störungen, welche zu unkontrollierten Bewegungsabläufen führten. Daher genügte ein einziger Blick gen Himmel, um die Balance zu verlieren. Nach einem ausgiebigen Kneipenbesuch war das Gehirn nur noch bedingt einsatzfähig und dadurch kam es unweigerlich zu Unstimmigkeiten bei der Absprache mit der Motorik. Die Beine wollten nicht so wie der Kopf und deshalb kam es beim Laufen zum Verkanten der Füße, welches entweder einen Sturz zur Folge hatte oder aber in einer Serie von ausgreifenden Schritten endete.
In dem Wirrwarr der letzten Monate vor der Heilbehandlung schmiedeten die Organe einen Komplott gegen mich, um wieder Vernunft walten zu lassen. Allen voran erwies sich die Fettleber durch ein Stechen unterhalb des rechten Rippenbogens als zuverlässiger Peiniger. Sobald ich wieder einmal das Maß überschritt, setzte es sofort schmerzhafte Seitenhiebe, welche mich bei anfallenden Tätigkeiten stark beeinträchtigten. Auch das Herz stand dieser Quälerei in nichts nach und versuchte mir durch starkes Klopfen sowie Reißen Angst einzujagen. Zu meinem Erstaunen kündigte auch das Zahnfleisch den Pachtvertrag mit dem Gebiss und die Zähne machten sich selbstständig. Wer nicht freiwillig seinen Platz räumte, wurde vom Dentisten ohne großes Aufsehen entfernt. Auch im Gesicht zeichneten sich die bei Alkoholikern typischen Gefäßspinnen ab. Die anfangs noch rötlichen Äderchen verfärbten sich zum Ende hin blau und gaben Anlass zu lästigen Fragen: „Hast du eins auf die Nase bekommen oder eine Mauer abgeküsst?“ Solche und ähnliche musste ich über mich ergehen lassen, bevor ich selbst eine Bestandsaufnahme vom Gesicht machte. Tatsächlich fanden sich in dem aufgedunsenen Aussehen farbliche Kontraste, die besonders bei Kälte Wirkung zeigten.
Diese Auswahl an seelischen und körperlichen Gebrechen, verursacht durch den unkontrollierten Umgang mit Alkohol, gab schließlich den Ausschlag für eine sofortige therapeutische Maßnahme, welche ich dann zu meinem Wohlergehen ergriff.
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