Hanspeter Götze Ein Wandel der Gesinnung
Ein Wandel der Gesinnung
Ein Wandel der Gesinnung

4

  • 0
  • 0
  • 0
Поделиться

Полная версия:

Hanspeter Götze Ein Wandel der Gesinnung

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Im fortgeschrittenen Trinkerstadium entwickelte sich eine Apathie am Leben, welche zu Schwankungen im inneren Gleichgewicht führten. Jedes auftretende Problem wurde mit Bier kaschiert, was wiederum die noch verbliebenen Zellen ergrauen ließ und eine konstruktive Gesinnung verhinderte. Die Suche nach Lösungsmöglichkeiten stellte eine Belastung dar und führte zu einer Hilflosigkeit gegenüber der Vormachtstellung des Alkohols. Der Bezug zur Realität schwand zunehmend und ich hielt mich mehr denn je in einer Traumwelt auf. Nach der erwähnten Heilbehandlung inklusive Regenerationszeit stellten sich die alten Gewohnheiten wieder ein und ich nahm die vertraute Position am Stammtisch wieder ein. Im Kreis von „Suchtlern“ fiel mein geistiger Verfall nur unwesentlich auf und gab daher auch keinen Anlass, den vom Körper ausgesendeten Signalen übermäßige Bedeutung beizumessen.

Das ständige Wechselspiel zwischen Hoffnung und Misserfolg übte einen immensen Druck auf das Innenleben aus, sodass sich der Gemütszustand innerhalb von Minuten änderte. Aus einem Freudentaumel wurde plötzlich ein Wutausbruch und stieß bei den Anwesenden auf Unverständnis. So verlor ich öfters die Kontrolle über mich selbst, was zu Einbußen bei dem mir entgegengebrachten Respekt führte. Ich passte mich mit zunehmendem Alkoholkonsum dem Niveau der anderen an und vergaß sämtliche ethnischen Grundsätze. Zwar waren diese emotionellen Ausraster nicht alltäglich, gaben aber bei Gemeinschaftsaktionen wie Dart- oder Kartenspielen den Ausschlag, mich kurzerhand zu eliminieren. Dies führte letztendlich zu zahlreicher Nichtberücksichtigung und bescherte mir den Status eines Ersatzspielers, dem man nur im äußersten Notfall einen Einsatz gewährte.

Dieses ständige Wegschieben auf das Abstellgleis war natürlich Gift für das bereits angefressene Nervenkostüm und musste mit dem Gegenmittel Alkohol aus dem Körper entfernt werden. Die daraus entstandene Unsicherheit begleitete mich über die Gesamtheit der Abhängigkeit. Vergleichbar mit einer Spinne, baute die Sucht ein engmaschiges Netz, um eventuelle Befreiungsschläge schon im Keim zu ersticken. Ich wog mich in dem Glauben, durch Auftanken mit Bier das Denkvermögen bei gemeinsamen Events zu steigern. Doch im Gegensatz zu den Mitspielern, welche gänzlich auf alkoholische Getränke verzichteten oder aber sich an einem Radler den ganzen Abend lang festhielten, war meine Wenigkeit schon nach der ersten Spielrunde nicht mehr aufnahmefähig.

In den letzten Wochen vor der Therapie verzichtete ich angesichts des verletzten Stolzes auf jegliche Veranstaltung und nahm lieber die Rolle eines stillen, trinkenden Beobachters ein. Die unter ständigem Alkoholeinfluss entstandenen Konzentrationsschwächen bildeten die Grundlage für auftretende Gedächtnislücken, welche dann unter Mithilfe von Beteiligten wieder einigermaßen geschlossen werden konnten. Daher glich die peinliche Befragung von Bekannten zu den verpassten Abläufen einer momentanen Bestandsaufnahme, welche jedoch mit Vorsicht zu genießen war. Es war einfach, mir als Unwissendem etwas unterzujubeln, da ich durch die vielen Blackouts dem mir Zugetragenen notgedrungen Glauben schenken musste.

Diese Ereignisse durchlebte ich immer wieder mit einem Schamgefühl in den zerrissenen Träumen. Dieses permanente nächtliche Abspielen der schlechten Filme führte zu zeitweiligem Aufrechtsitzen während der Schlafphase und hinterließ mir für die darauffolgenden Tage eine große Last an Reumütigkeit. So wurde aus einer lebensbejahenden Person ein Häufchen Elend, das sich überall für das unpassende Auftreten entschuldigen musste. Reuezeigen gehört zu einem typischen Gebaren eines Alkoholabhängigen und machte auch vor mir nicht Halt. Mit der Zeit werden solche Aktionen einfach weggesteckt und man agiert als gesellschaftlicher Spaßmacher, sogenannter Vollgasdepp. Das Selbstwertgefühl war dahin, das Ansehen ruiniert und die wahren Freunde wandten sich zunehmend von mir ab. Ich wurde zu einem Objekt der Begierde, man verfolgte akribisch jede von mir begangene Handlung, um an Gesprächsstoff für die Nichtanwesenden zu gelangen. Mit dem Gefühl der ständigen Beobachtung schlichen sich letztendlich dumme Fehler ein, woraus wiederum eine totale Verunsicherung entstand. In diesen Momenten sehnte ich mich nach Rehabilitierung, doch war diese bei der labilen Lebensweise in weite Ferne gerückt.

Bei den getätigten Recherchen in puncto Erkundigung nach dem Wohlbefinden eines Menschen fielen mir gravierende Unterschiede in anderen Ländern auf. Während der US-Amerikaner bei seiner Fragestellung „How are you doing?“ immer mit der gleichen Antwort: „Thanks, I am fine“, rechnen kann, erfährt man bei der gleichen Anfrage bei einem Bundesbürger die wichtigsten Auszüge aus dem Krankenbericht der letzten drei Wochen. Durch die in den Staaten gemachten Erfahrungen gehörte es für mich nicht zum guten Ton, andere mit meinen Problemen zu belästigen. Trug ich den Kopf unter dem Arm, erübrigte sich eine Nachfrage von ganz allein.

Heutzutage bietet sich dank der neuesten Technik die Möglichkeit, seine Wissbegierde mit einer SMS zu stillen. Daher kann ich einen Bekannten, welcher sich im Bus nur drei Sitzreihen vor mir aufhält, problemlos nach seinen Gefühlsregungen befragen, ohne ihm vor dem Aussteigen ins Gesicht blicken zu müssen. Die Anpassung an amerikanische Verhältnisse kann man in der Alkoholgesellschaft ab und an erkennen. Da bei der tristen Lebensführung kaum Bewegung eintritt, erhält man nach der üblichen Floskel „Wie geht’s?“ immer das Gleiche als Antwort: „Wie soll’s schon gehen?“

Dies beschreibt exakt den Zustand, welcher einem vor dem ersten Bier zugrunde lag. Die Redseligkeit trat in den meisten Fällen erst dann ein, wenn die anderen einen in Anbetracht der Artikulation sowieso nicht mehr verstanden. Man war nicht mehr gefragt und versuchte mit überholten Geschichten die Gunst der anderen Gäste zu gewinnen. Dass man mit alten Kamellen nicht mal mehr einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken konnte, war den meisten in ihrem Brausekopf nicht mehr bewusst und endete in Selbstgesprächen. Die einstige Überzeugungskraft erlahmte zunehmend und das Gerüst zur Stabilisierung der eigenen Person fing an zu schwanken.

Die Zeiten, in denen man sich mit sich selbst beschäftigte, hingen vom jeweiligen Suchtverhalten ab. Tage der Einsicht gerieten nach einem erneuten Rauschzustand in Vergessenheit. Es ist schwer, jemandem Einblick in das Leben eines Suchtkranken zu verschaffen, da der Betroffene meist selbst nicht weiß, inwieweit er vom Teufel geritten wird oder aber die wahren Gründe verschweigt. Die letztere Variante wendete ich in meiner schlimmen Zeit des Öfteren an und verteidigte mein Verhalten mit paradoxen Ausreden. Mit jedem Bier wuchs der Ideenreichtum an Entschuldigungen, welche vor allem beim täglichen Arbeitseinsatz vonnöten waren. Die zu erwartenden Folgen kaute ich im Schlaf schon einmal vor, um gegen eventuelle drastische Arbeitgebermaßnahmen gewappnet zu sein.

Die Unehrlichkeit gegenüber mir und anderen kostete etliche Jahre an ungenutzten Möglichkeiten zu einer sorgenfreien Lebensführung. Weil man aber das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen kann, hilft in meinem Alter auch kein Wenn und Aber. Sieht man einmal von den finanziellen Einbußen ab, welche durch mein uneinsichtiges Verhalten entstanden, schädigte ich durch die Trinkerei meine Psyche sowie lebenswichtige Organe. All dies versucht man mit dem nächsten Bier zu verdrängen und verspricht sich selbst Besserung, ohne jedoch einen Zeitpunkt zu nennen. Beim sogenannten Freundeskreis konnte ich mit dieser Erkenntnis nicht punkten. Jeder Versuch eines vorzeitigen Austritts aus dem Klub der Säufer wurde durch die Mitglieder schon im Ansatz zu Fall gebracht. Den Begriff „Alkoholiker“ redete man sich mit der Bezeichnung „Freizeittrinker“ schön und betonte dabei die Zeiten der Enthaltsamkeit, welche niemand nachprüfen konnte.

Durch den Verlust des eigenen Ichs endeten viele weitere Aktionen in meiner genierlichen Vergangenheit in einem Chaos. Die von mir selbst herbeigeführte Unbeständigkeit am Arbeitsplatz stürzte mich zusehends in eine schwere finanzielle Misere, deren Höhepunkt mit einer Räumungsklage erreicht wurde. Dank eines Darlehens vom Jobcenter, konnte diese zwar noch rechtzeitig abgewendet werden, doch erhöhten sich damit gleichzeitig die Verbindlichkeiten, welche ich bis zum heutigen Tag abstottere.

Die Abhängigkeit vom Wohlwollen anderer gehörte in der Zeit des übermäßigen Bierkonsums zu einem Privileg und war gleichzeitig ein Indiz für die Handlungsunfähigkeit. Ein Abhängiger lebt in den Tag hinein und befasst sich mit aufkommenden Problemen ausschließlich während der Schlafphase in der Hoffnung, dass sich diese bis zum nächsten Morgen von alleine lösen. Da ich nur noch wenige Haare auf dem Kopf hatte, wurde mir die Möglichkeit eines eigenständigen Herausziehens aus dieser Misere vorenthalten.

Die steigende Resignation war der ideale Unterbau für die erlebte Gutgläubigkeit, welche den bisherigen Enttäuschungen noch weitere folgen ließ. Dadurch hatte der Alkohol einen großen Schritt in Richtung Totalzerstörung gemacht. Willenlos und ohne Aussicht auf Besserung führte man mich, vergleichbar mit einer Marionette, zu den verschiedenen Trinkquellen. Die Freude auf einen neuen Tag war nicht mehr gegeben, da die seelischen Belastungen wie Kletten an mir hafteten. In dieser Lebenslage war es für Dritte ein Leichtes, die Oberhand über meine Person zu bekommen. So setzte ich aufgrund der Leichtgläubigkeit ständig meine Paraphe unter Verträge, welche zu meinen Ungunsten abgefasst wurden. Dies zog sich wie ein rotes Tuch durch die Trinkerzeit und ließ mich unbeachtet von den Urhebern ein ums andere Mal auf die schon wunde Nase fallen. Auch einige der sogenannten Kumpels nutzten die Momente meiner Unachtsamkeit, um sich an dem wenigen, was mir noch blieb, zu bereichern.

Doch trotz dieser Niederschläge glaubte ich weiterhin an das Gute im Menschen. Als Ausgleich zu den unterdrückten Gefühlen sorgte dann wiederum der Suff, welcher nach einigen Bieren den seelischen Schmerz betäubte und einen beruhigt auf das nächste Missgeschick vorbereitete. Die Fehlstunden bei der aktiven Teilnahme am normalen gesellschaftlichen Leben häuften sich, sodass ich mich immer öfters den Gepflogenheiten des Trinker-Klüngels anpasste, welche vom Inhalt her leicht zu verstehen waren. Als Zielsetzung galt, den Körper in ständigen Ausnahmezustand zu bringen. Hierbei wurde der Alkohol zu unserem Schutzpatron auserkoren, welcher auch hilfsbereit für den ständigen Nachschub sorgte.

In dieser Elitegruppe war auch keine höhere Bildung vonnöten, da sich nach jedem zweiten Satz eh alles wiederholte. Ein damaliger Bekannter wurde von dem Wort „kompensieren“ dermaßen inspiriert, dass dieses einen Ehrenplatz in seinem sprachlichen Repertoire erhielt. Trotz falscher Aussprache, nämlich „komponieren“, wandte er es fortgesetzt an. Entwickelte sich ein normales Gespräch zu einer geistig anspruchsvollen Unterhaltung, merkte man bei einigen, wie sich plötzlich das Verbindungskabel vom Kopf löste. Doch wer einmal mit dem Alkohol verbündet ist, achtet nicht auf Feinheiten, sondern passt sich uneingeschränkt dem Niveau der anderen an. Man fühlt sich inmitten einer sich täglich wiederholenden Soap, in der sich die Mitwirkenden der Crew nur unwesentlich voneinander unterscheiden.

Verblich einer aus unserem Kreis, wurde der angestammte Platz von einem bereitwilligen Newcomer automatisch „komponiert“. Ich geriet immer mehr in den Sog der Gleichgültigkeit und teilte mein geistiges Vermächtnis mit Leuten, deren einziges Bedürfnis die Selbstabfüllung war. Das dadurch entstandene Auseinanderleben von den wahren Freunden schlug mir ein ums andere Mal dermaßen auf das Gemüt, sodass ich öfters versuchte, den Kontakt wiederherzustellen. Meist wählte ich hierfür den ungünstigsten Zeitpunkt, und zwar im Anschluss einer erfolgreichen Kneipentour. Bei jedem geführten Telefonat beteuerte ich, mit dem Trinken aufzuhören, obwohl sich das zuvor eingeschenkte Weizenbier in unmittelbarer Nähe befand. Der Fehler, den ich damals beging, lag ganz einfach in der unkontrollierten Ausführung des angekündigten Vorhabens. Ergaben sich erste Anhaltspunkte für eine eventuelle Wiederannäherung, wurde aus purer Freude darüber sofort nachgeschenkt statt nachgedacht. Die Konsequenzen hieraus waren absehbar und ich verlor letztendlich meine ganze Glaubwürdigkeit. Hätte ich mir früher bei jeder selbst verschuldeten Bruchlandung in den Allerwertesten gebissen, besäße ich zwar heute keinen Hintern mehr, doch wären meine Schuldgefühle in einem überschaubaren Rahmen geblieben.

Beglückende Gefühle teilte ich anstandshalber immer mit meinem Freund, dem „Alkohol“, und das Wort „Achtsamkeit“ gewann nur im Hinblick auf einen leeren Bierkasten an Bedeutung. Die ganze Denkweise war vom Zustand abhängig, der durch den Gerstensaft bestimmt wurde. Die ständige innere Unruhe, verursacht durch das übermäßige Trinken, kam auch während der Schlafphase nicht zum Stehen. Ähnlich dem Film „Angst essen Seele auf“ von R. W. Fassbinder, durchlebte ich skurrile Abschnitte in den Träumen. Da ich mich überwiegend in der Defensive befand, steckte mein Körper in einem fortwährenden Abwehrkampf. Diese Verteidigungsbereitschaft führte bei besonders hartnäckigen Phantomen zu Blessuren an Armen und Beinen, welche ich mir in den Gefechten am metallenen Bettrahmen zuzog. Die dadurch auftretenden Schmerzen zwangen mich letztendlich zu einer Kampfpause, die ich bei eintretendem Bewusstsein dazu nutzte, um mein Schlafzimmer nach möglichen Feinden abzusuchen. So wurde aus einem herbeigesehnten erholsamen Schlaf ein nervenaufreibendes Abenteuer mit Wiederholungsgarantie. Besonders lästig waren auch die nicht enden wollenden Karussellfahrten vor dem Einschlafen nach einem überzogenen Kneipenbesuch. Am nächsten Tag fühlte ich mich wie gerädert und hatte schon Angst vor der bevorstehenden Nacht. Um diesen Horrorszenarien Einhalt zu gebieten, war ich sogar bereit, für einige Tage den Alkoholkonsum zu drosseln.

Meine einstige Verhaltensweise glich einer Selbsttäuschung, welche jeder Suchtkranke perfekt anwendet. Man schlüpft eigennützig in die Rolle des Unbelehrbaren und macht dies auch offenkundig. Jegliche angebotene Hilfe wird von sich gewiesen und als unrechtmäßiger Eingriff in die Privatsphäre angesehen. Die Gesellschaft ist in den Augen eines Trinkers nichts weiter als ein ständiger Beobachter und Besserwisser. Durch die prüfenden Blicke der Allgemeinheit entwickelte sich bei mir ein schleichender Verfolgungswahn, welcher mein Tätigkeitsfeld massiv eingrenzte. Die Welt bestand damals für mich überwiegend aus Spannern, deren Anwesenheit ich in vielen Situationen des täglichen Lebens wahrnahm. Vor dem Verlassen der Wohnung spielten sich in meinem Kopf virtuelle Szenen ab, welche den Gang zum Einkaufen oder in die Kneipe zu einem Spießrutenlauf machten. Diese Bangigkeit hinterließ zusätzliche Spuren an der eh schon vorhandenen Unsicherheit. Erst auf dem Heimweg verschwanden aufgrund des Zustands diese Gefühle der Überwachung und so konnte ich mich vollends auf das Abstützen an den verschiedenen Hauswänden konzentrieren. In meiner einstigen egozentrischen Denkweise verharrte ich in der Meinung: Ist doch schließlich mein Leben, mit dem ich unachtsam umgehe!

Jene imaginären Observationen zusammen mit den immer wiederkehrenden Albträumen trugen dazu bei, dass ich in meinem Alltagsleben den Zusammenhang, sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld, verlor. Um dennoch gegenüber den Mitbürgern einen halbwegs passablen Eindruck zu hinterlassen, versuchte ich meine inneren Bürden tunlichst zu verbergen. Anstatt die zerrissene Seele zu öffnen, verschloss ich meine Gefühle vor der Selbstentfaltung. Durch ebenjene angespannte Lage erhöhte sich auch die Fehlerhaftigkeit und stellte mich erneut vor Probleme. Mein Sein befand sich in einer Umgebung voller Demütigungen und Missverständnisse. So jedenfalls empfand ich meine Misere und der Alkohol gab mir in dieser Hinsicht recht. Es brodelte in meinem Körper und ließ mich in den unvorteilhaftesten Momenten aus der Haut fahren, sehr zur Missbilligung der Betroffenen. Derartige Aufwallungen ereignen sich bei Suchtkranken immer dann, wenn sie in die Enge getrieben werden oder mit ihrem Latein am Ende sind. Wurde mein Körper danach mit Gerstensaft versorgt, verflog auch die Unbeherrschtheit und ich genoss bei den Leuten den Welpenschutz. Bei anderen hingegen löste die übermäßige Alkoholzufuhr einen ständigen Aggressionstrieb aus, welcher erst mit einer Schlägerei befriedigt werden konnte. Von diesem Los wurde ich Dank meiner noch vorhandenen Selbstdisziplin weitgehend verschont. Nebenbei möchte ich für Kneipenunkundige noch anführen, dass ein „Kampf“ unter betrunkenen Frauen teils heftiger bestritten wird, als allgemein vermutet. Fakt ist, der Alkohol macht vor keinem Geschlecht Halt!

Diese Ausraster belegten, dass meine Wahrnehmung aufgrund des Trinkens stark beeinträchtigt war. Die Kneipe bestand für mich aus einem riesigen Bierfass, dessen Inhalt es galt zu leeren. Die sich mit zunehmendem Rausch vertrübenden Sichtverhältnisse nahm ich billigend in Kauf. Andererseits konnte ich im Vergleich zu einigen anderen trotz eingeschränkter Optik noch das wahre Aussehen einer weiblichen Person erkennen und musste sie mir bei Nichtgefallen noch zusätzlich schöntrinken.

Im normalen Alltag fanden interessante Objekte wie zum Beispiel Museen, Ausstellungen, Konzerte oder aber Naturereignisse kaum Beachtung, da sie nicht auf meinem Stundenplan standen. Bei diesem gab es außer der Jahreszahlkorrektur keine weiteren nennenswerten Veränderungen. Selbst die Verschlechterung meines Allgemeinzustands wurde unbedacht unterdrückt. Man gab sich mit dem zufrieden, was die Sucht einem hinterließ. Es gab Zeiten, da war ich nicht nur im reellen Leben ohne Arbeit, sondern hatte auch im Umgang mit meinem Körper keine Beschäftigung mehr vorzuweisen. Das ganze Tun und Handeln oblag allein dem Alkohol, zu dessen alleinigem Handlanger ich degradiert wurde. Was nützt der beste Vorsatz für das Einhalten gesundheitsfördernder Maßnahmen, wenn diese immer wieder von Versuchungen untergraben werden? Der Suff übernahm alsbald die alleinige Führerschaft über mein Ich und mir blieb nur noch die Rolle als „Bierschlecker“. Verweigerungen wurden mit lästigen Schüttelattacken bestraft. Die eigentliche Schaltzentrale, das zentrale Nervensystem, unterlag den Anweisungen der Sucht. Selbst wenn man, auf Deutsch gesagt, „den Kragen schon voll hatte“, wurde bis zum Erbrechen weitergebechert.

Da sich bei mir durch den übermäßigen Bierkonsum Gedächtnislücken auftaten, vergaß ich die Zuordnung der gesetzlichen Feiertage und stand als einziger Kunde mit dem Leergut vor den verschlossenen Türen des Discounters. Dadurch kam es zu nicht eingeplanten Versorgungsengpässen, welche mich zur Umschau nach Alternativen veranlassten. Diesem ständigen Druck, etwas beschaffen zu müssen, um ein Besäufnis herbeizuführen, war ich in all den Jahren als Trinker willensschwach ausgesetzt.

Vom ewigen Drangsalieren entmutigt, verweigerten auch meine Gefühle ihren Dienst. Glück, Leid, Freude und Trauer wurden in einen Topf geworfen und konnten je nach Anlass herausgefischt werden. Ich befand mich in einem Zustand der absoluten Interesselosigkeit und hatte nicht einmal Lust auf eine Unterredung mit dem Gewissen. Sich seinem Schicksal zu fügen, war für mich die schlimmste Phase während meiner Sucht. Hier kam es mitunter zu einem Zusammenfall der lebensnotwendigen Funktionen im Körper und daher war es mir egal, ob ich nach einem Vollrausch überhaupt noch aufwachte. Man stellte sich in den wirren Träumen das eigene Begräbnis vor, in dem ich die noch in mir vorhandene Sentimentalität entdeckte. Am nächsten Tag stand man erneut vor dem hinterlassenen Scherbenhaufen und war unerfreut angesichts der plötzlichen Wiederauferstehung.

Nach solchen Erlebnissen stellte ich mir oft die Frage: „Wie tief muss ein Mensch eigentlich sinken, damit man von dem Laster Alkohol erlöst wird?“ All die Stunden, die ich mit ernsthaftem Sinnieren verbrachte, erwiesen sich aufgrund der Willenlosigkeit als verlorene Zeit. Ein einziger Anruf von einem Kumpel genügte, um meine Denkweise umzumodeln. Nach den ersten Bieren keimte wieder Hoffnung auf und ich stellte mir ein Leben mit eingeschränktem Trinkverhalten vor. Befand man sich jedoch wieder im Kreis der Mitstreiter, wurde ich mit den Worten: „Auf einem Bein steht es sich schlecht“, von einem vorzeitigen Gehen abgehalten. Danach, wenn ich Bekanntschaft mit dem Asphalt machte, spielten die Beine eh keine Rolle mehr.

Mit dem Vorsatz, nicht wieder in Grübeleien zu verfallen, überbrückte ich einen gewissen Zeitraum der Misere. Trotzdem blieb das Ignorieren der vom Körper ausgesandten Signale nicht ohne Folgen. Vorerst wurde alles, was gegen meine Vorgehensweise sprach, rigoros abgeblockt und wie eine Fahrkarte entwertet. Die krankhafte Abhängigkeit vom Alkohol trieb mich zu einer Tätigkeit, die dem eines Wünschelrutengängers glich, nur lag das Objekt der Begierde nicht beim Aufspüren von unentdeckten Wasserstellen, sondern man hielt Ausschau nach einem geöffneten Fass voller Gerstensaft. Schon allein der Gedanke an das „wohlverdiente Feierabendbier“ verbunden mit dem unsinnigen Geschwätz des Suffhaufens kreiste während meiner beruflichen Tätigkeit unaufhaltsam im Kopf herum. Je näher dieser herbeigesehnte Moment heranrückte, desto hibbeliger wurde ich. Kam es durch Überstunden zu unvorhersehbarer Verzögerung bei der Einhaltung des fest eingeplanten Trinktermins, entwickelte sich automatisch ein kontraproduktives Arbeiten. Die Frustreaktion gepaart mit äußerster Reizbarkeit ließ so manches Fehlverhalten zu. Gelangte ich mit Verspätung schließlich doch zum Weizenbier, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass sich einige der Stammtischfreunde aufgrund einer geregelten Arbeitszeit schon einen gewaltigen Vorsprung beim Trinken verschafft hatten. Obwohl sich durch die fortwährenden Wiederholungen der bereits geführten Gespräche bei mir keine Bildungslücke auftat, ärgerte ich mich trotzdem über die geleistete Mehrarbeit und versuchte den Artgenossen durch zügiges Hinunterschütten in nichts nachzustehen. Diese Verhaltensweise führte zum Verlust des konstruktiven Denkens. Ich wurde geleitet und war von meiner Selbstdarstellung meilenweit entfernt. Mein Intellekt kam innerhalb des Bekanntenkreises zum Erliegen, da der Alltag aus Arbeit, Kneipe und Schlaf bestand. War einmal eine außergewöhnliche Aktion geplant, wurde so lange darüber geredet, bis man sie letztendlich verwarf.

Erkennbare Defizite taten sich bei mir in Hinsicht auf das Erfassen der Umwelt auf. Allein beim Wechsel der Jahreszeiten hatte ich Schwierigkeiten mit der richtigen Zuordnung. Saisonbedingte Ereignisse wie die Erdbeer- oder Pilzzeit wurden nicht wahrgenommen, da ich diese Nahrungsmittel ganzjährig in der Dose beim Discounter erwerben konnte. Fiel mir dann nach etlichen Stürzen auf, dass sich die Sommerschuhe mit glatter Sohle nicht für den schneebedeckten Boden eigneten, wurde zum Kauf von passendem Schuhwerk griesgrämig Geld aus der Bierkasse entnommen. Für einen Laien ist diese Lebensform zwar nicht nachvollziehbar, entspricht aber dem eines typischen Kneipengängers, welcher mit der Schönheit und Vielfältigkeit der Natur nichts anfangen kann und lieber seine Barschaft in alkoholische Getränke umsetzt. Die einzigen Veränderungen, welche man in dieser Phase noch erkennt, sind das schlecht eingeschenkte Bier oder das Fehlen der Papierrolle auf der Toilette.

Nach Beendigung eines arbeitsreichen Tages gehörte es zu einem Muss, die erlittenen Strapazen innerhalb der Brüderschaft in allen Details noch einmal zu schildern. Hier kam mir mein letzter Job als Kurierfahrer entgegen, da sich während der Tätigkeit immer wieder neue Situationen abspielten. Ganz im Gegensatz zu den Langzeitarbeitslosen, welche geduldig in der Schenke auf einen vermeintlichen Arbeitgeber warteten. Um die dafür notwendige Ausdauer sinnvoll zu nutzen, führte man heiße Debatten über den verschwenderischen Umgang des Staates mit „unseren“ Steuergeldern. Ihr Beitrag als Hartz-IV-Empfänger lag lediglich in der Abgabe der Tabak- und Alkoholsteuer. Daher führte ein Anheben der Bier- und Zigarettenpreise, aufgrund der niedrigen Lebensunterhaltskosten fürs Nichtstun, zu heftigen Debatten. Ansonsten wurde in diesem geselligen Kreis das Blaue vom Himmel gelogen und jeder warf seine Verbesserungsvorschläge dazwischen. Auch die knappen Gesprächspausen wurden mit kurzem „Zuprosten“ sinnvoll ausgefüllt. Hier rechtfertigten sich selbst die Ein-Euro-Jobber für ihre Arbeitsweise, die aufgrund des Rausches vom Vortag als besonders schwer anzusehen war. Schließlich mussten sie mit zittriger Hand und der verlängerten Kneifzange die einzelnen Zigarettenkippen vom Bürgersteig aufsammeln, welches zur öffentlichen Sauberkeit beitrug. Es gab aber auch einige Scheinarbeiter in unserer eingefleischten Clique, die mit einem ausgegrabenen Blaumann versuchten, uns ein festes Beschäftigungsverhältnis vorzugaukeln, um anerkannt zu werden. Selbst als Alkoholiker musste man um seine Zugehörigkeit kämpfen. Bei Nichtbeachtung der gängigen Regeln drohte die Verdammung vom Stammtisch.

ВходРегистрация
Забыли пароль