Hanspeter Götze Ein Wandel der Gesinnung
Ein Wandel der Gesinnung
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Hanspeter Götze Ein Wandel der Gesinnung

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Eine Abwechslung zum normalen Alltag stellte das vom Niederlassungsleiter organisierte Mittagsgrillen dar. In den Sommermonaten wurde einmal wöchentlich die Biergartengarnitur samt Bratrost auf der firmeneigenen Terrasse aufgestellt. Nach dem Entrichten einer kleinen Spende konnte nach Herzenslust gegessen und getrunken werden. Da bei der Verköstigung kein Limit gesetzt war, rutschte so mancher Mitarbeiter aufgrund der alkoholischen Beigabe für kurze Zeit unter den Tisch und musste mit vereinten Kräften auf die anfängliche Position zurückgesetzt werden. Stellten sich dann beim Aufsuchen des Arbeitsplatzes noch Orientierungsschwierigkeiten ein, bekam man den Nachmittag frei. Nicht selten dezimierte sich nach solch einem Ereignis die Anzahl der Verkäufer um die Hälfte. Dies alles geschah, um die Belegschaft bei Laune zu halten, welche wiederum diese Maßnahme, bis auf wenige Ausnahmen, dankend annahm.

Bei mir war die Sucht wieder aufgekeimt und ich trank den Wein wie Wasser. Als Geschmacksverstärker mischte ich zusätzlich mittags und abends das geliebte Weizenbier dazu. Da ich mich auf einen Provisionsvertrag einließ, der eine unerreichbare Sollvorgabe beinhaltete, halbierte sich in den anschließenden Monaten mein Gehalt und die finanziellen Verpflichtungen nahmen dementsprechend zu. In dieser aussichtslosen Lage verlor ich das Interesse am Verkauf und widmete mich lieber meinem Hobby, dem Trinken.

Nach einigen Diskrepanzen mit dem Verkaufsleiter folgte die Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen. Der restliche Lohn wurde mit dem Sollkonto verrechnet. Dies blieb allen anderen, welche vor mir die Kündigung einreichten, erspart. Manche wiesen dabei ein weitaus höheres Minus auf und wurden in keinster Weise belangt. Ich zog vor das Arbeitsgericht und klagte erfolgreich gegen die einstige Firma, die daraufhin den zustehenden Ausgleich überwies.

Von der Agentur für Arbeit, zu deren Kunden ich mich ab sofort zählen durfte, erhielt ich einen sogenannten Bildungsgutschein ausgehändigt, welcher zur Teilnahme bei einer Übungsfirma des Kolpingbildungswerkes berechtigte. Hier konnte ich ohne große Mengen an Alkohol wieder eine Bestimmung im Leben finden. Man knüpfte Freundschaften mit ehemaligen Abhängigen und blieb während der Woche zunehmend trocken.

Eines Tages traf ich nach Feierabend eine ehemalige Bekannte aus der früheren Firma, welche mich spontan auf ein Bier einlud, während sie sich einen Kaffee genehmigte. Schon während unserer gemeinsamen Zeit beim Weinverkauf hatte sie zu den wenigen gehört, welche Mineralwasser tranken. Bei dem folgenden Gespräch erzählte sie mir von der ebenfalls erhaltenen Kündigung und dem daraufhin gefassten Entschluss, die arbeitsfreie Zeit für eine Neuordnung ihres Lebens zu nutzen. Am Ende dieser vertraulich geführten Unterhaltung gab sie mir noch einen aufmunternden Kuss auf die Wange und verabschiedete sich mit den Worten: „Wir hören voneinander.“

Dass dies das letzte gemeinsame Treffen war, erfuhr ich eine Woche später, als ich die Todesanzeige der ehemaligen Kollegin in der Zeitung las. Sie hatte sich in ihrer Garage mit Autoabgasen das Leben genommen. Durch eine gute Bekannte erfuhr ich im Nachhinein Einzelheiten über das verpfuschte Leben jener Person, von denen ich aufgrund des jahrelangen Berlinaufenthalts nichts wusste. Sie war vor meiner Rückkehr überall als „Schnapsdrossel“ und „Asbach Lady“ verschrien und behauptete sich öfters als Kampftrinkerin. Nach einer gescheiterten Ehe suchte sie anscheinend einen festen Halt und tatkräftige Unterstützung bei der Ausübung ihrer Sucht. Dies alles fand sie in einem selbsternannten Gastwirt. Man pflegte intensiv das gemeinsame Hobby und zog nach Ladenschluss noch um die Häuser, wo sie nach Aussagen von anderen Schwierigkeiten mit dem Sitzen hatte. Vielleicht war ich damals zu leichtgläubig gewesen, um nicht zu erkennen, dass die Kollegin eine trockene Alkoholikerin war. Sie sah attraktiv aus und hatte mit ihren 1,78 Meter eine stattliche, schlanke Figur. Ihr Verkaufsstil war zwar von Hektik geprägt, doch dies führte ich auf die Unerfahrenheit zurück. Auch von der ständigen Medikamenteneinnahme gegen Depressionen erfuhr ich erst nach ihrem Tod. Dieser spezielle Fall ging mir sehr nahe, zumal ich selbst von der Sucht besessen war und man sich gegenseitig hätte helfen können.

Eine Zeit lang versuchte ich, das Trinken ein wenig einzuschränken, doch gab es immer wieder Anlässe, um dem Untergang näher zu kommen. Das Pflichtbewusstsein erwachte in mir, als ich einen Ein-Euro-Job als Fahrer für „Essen auf Rädern“ zugewiesen bekam. Diese Tätigkeit erforderte ein Umdenken in der Trinkstrategie. So verlegte ich die Kneipengänge auf das Wochenende.

Nach einem halben Jahr im Dienst des örtlichen Altersheims wechselte ich zu einem Transportunternehmen, bei dem ich Kurierdienstfahrten übernahm. Es war zwar eine verantwortungsvolle Arbeit, doch stand ich als Hartz-IV-Empfänger weiterhin im Abhängigkeitsverhältnis mit dem Jobcenter. Bei der Auswahl der Freunde und Bekannten spielte weiterhin der Alkohol eine gewichtige Rolle. Man ignorierte das soziale Umfeld und begab sich zurück in alte Berliner Zeiten. Das erlernte Umdenken aus der ersten Therapie wurde als lästig abgestreift und das Trinken gehörte fortan zur Lebensgrundlage. Ich passte mich uneingeschränkt dem niedrigen Niveau der Sinnesgenossen an.

Eines Tages traf ich auf einen ehemaligen Arbeitskollegen aus der suspekten Weinfirma, der mich spontan auf einen Umtrunk einlud. Im Gespräch berichtete er von der Neueröffnung der einstigen Weinfirma in einer anderen Stadt und unter neuem Geschäftsnamen. Der einstige Niederlassungsleiter wurde in die Wüste geschickt und durch einen tollen Nachfolger ersetzt. Zudem bestand eine Fahrgemeinschaft zu dem fünfzehn Kilometer entfernten Verkaufsbüro. Wohl wissend, dass bei dieser Tätigkeit alte Trinkeigenschaften wieder aufflammen würden, begab ich mich zu einem Vorstellungsgespräch und wurde umgehend eingestellt. Alles sollte anders werden und der Chef hinterließ anfangs einen kumpelhaften Eindruck. Ich erzählte ihm von den früheren Intrigen innerhalb der Belegschaft und er versicherte mir daraufhin, dass dies unter seiner Leitung nie vorkommen würde. Dank meiner Leichtgläubigkeit ließ ich mich auf diesen Deal ein und war wieder gefangen im Reich von Lug und Trug.

Als ich dann eine frühere Mitarbeiterin und zugleich sehr gute Bekannte dem Chef präsentierte und er sie vom Fleck weg einstellte, begann für uns beide der Spießrutenlauf. Wir wurden von den weiblichen Mitarbeitern gemobbt und sonderten uns daraufhin in der Mittagspause von ihnen ab. Der Niederlassungsleiter, der als Alkoholiker vorwiegend mit der Selbstabfüllung beschäftigt war, konnte diesem Ränkespiel nur spärlich etwas entgegensetzen und so war mein vorzeitiges Ausscheiden nur noch Formsache. Nach altem Muster, entsprechend der vorherigen Firma, erhielt ich einen Provisionsvertrag und in den schwachen Verkaufsmonaten lediglich 450 Euro. Die wachsenden Schulden trieben mich wieder in das Loch zurück, in dem ich schon vor Jahren gesessen hatte. Während sich die Arbeitslust verringerte, stieg der Alkoholkonsum permanent an. Bei der Entlassung zeigte der Möchtegernboss sein zweites Gesicht, das er hinter einer Weinmaske trug.

Ich ergab mich meinem Schicksal und suchte wieder das Jobcenter auf, wo mir der zuständige Sachbearbeiter endgültig die Augen öffnete. Aufgrund des Aussehens und der Alkoholfahne vom Vortag erklärte er in eindrucksvoller Weise, dass eine Arbeitsvermittlung angesichts des derzeitigen Gesundheitszustands aussichtslos sei und er mir eine Hilfe bei der Suchtberatung nahelege. Ich erkannte in den ehrlich gemeinten Worten die einzige Chance auf eine Lebensveränderung und war mit der getroffenen Vereinbarung einverstanden. Diese beinhaltete die Wahrnehmung von drei Terminen bei der ortsansässigen karitativen Einrichtung.

Die offen geführte Unterhaltung hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck und ich begann, das Erlebte im Umgang mit Alkohol niederzuschreiben. Am Tag vor dem ersten Einzelgespräch mit der mir zugewiesenen Therapeutin gab ich mir noch einmal die Kante, in weiser Voraussicht, dass die Tage des Trinkens gezählt waren. Mein anfängliches, abwehrendes Verhalten machte es meiner Therapeutin nicht leicht, mich von der Notwendigkeit einer Therapie zu überzeugen. Immerzu fielen mir neue Ausreden zu einer Aufschiebung der Maßnahme ein, wobei eine geplante Amerikareise als Hauptgrund Wirkung zeigen sollte. Doch sie ließ sich auf keinen Handel ein und rechnete mir stattdessen die noch verbleibende Lebenszeit bei Uneinsichtigkeit aus. Mit ihrer fürsorglichen und sachlichen Art besiegte sie meine Sturheit und ebnete den Weg ins neue Leben.

Unrühmliche Hinterlassenschaft aus der Trinkerzeit

Es war ein unzumutbares und willkürlich begangenes Verfahren, auf welche Weise ich Körper und Geist aufs Äußerste denunzierte. Was habe ich nur gemacht? Was habe ich mir bei alldem gedacht? In vielerlei Hinsicht war ich zu einer Kontroverse nicht bereit. Mit Ausreden und Fantastereien übertünchte ich den tatsächlichen Zustand und begab mich in eine ausgeprägte Perspektivlosigkeit. Man trank die Sorgen weg, welche am nächsten Tag wieder vermehrt auftraten. Ähnlich einem Baum, der sich im Herbst seines Blätterwerkes entledigt, versucht der Suchtkranke durch Intoleranz heikle Situationen und Probleme abzuschütteln. Er verfällt in eine seelische Gleichgültigkeit, verliert jeden Bezug zur Wirklichkeit und erhöht täglich das Maß zur totalen Abhängigkeit. Das anerzogene Gesellschaftsleben zerbröckelt wie ein poröses Mauerwerk und die Selbstzweifel finden den nötigen Nährboden, um sich zu vermehren. Durch die Erniedrigung der eigenen Person und den damit verbundenen Verlust des Selbstvertrauens erhält man zwar die Mitgliedschaft im Kreis der Süchtigen, bewegt sich aber permanent in Richtung Totalabsturz. Der tägliche Ablauf wird von den Zeiten der Ausnüchterung abhängig gemacht. Bei diesem unkontrollierten Vorgang kann es durchaus zu Verwechslungen der Wochentage kommen. Passend zu der scheinbar aussichtlosen Lage, sind Unannehmlichkeiten in Form von Arbeitslosigkeit, seelischen Rückschlägen oder der Aufkündigung einer längeren intensiven Partnerschaft. Hinzu gesellt sich zudem die finanzielle Situation, welche sich kontinuierlich verschlechtert. Die Tage des Wohlstands beschränken sich auf ein Drittel des Monats, während das Wachstum der Schulden durch stetige Kneipengänge unentwegt ansteigt. Ich bin nur dann ein guter Mensch, wenn ich den anderen etwas ausgebe, sie mit dummen Sprüchen unterhalte, bis sich in meinem Portemonnaie nichts mehr rührt. Danach werde ich fallen gelassen wie eine reife Kastanie, verlasse wie ein begossener Pudel die Wirkungsstätte und hoffe inständig, am nächsten Ersten eine weitere Chance zur Aufnahme im bestehenden Säuferclub zu bekommen. So geschehen in einer kleinen Ortschaft in Niedersachsen während meiner Zeit als Messekaufmann. Ein als Dorftrottel und Säufer bekannter Mann machte eines Tages einen unerwarteten Millionengewinn im Lotto. Er nutzte das Geld zum Einkauf in die noble Gesellschaft und trank sich dann mit Champagner zu Tode.

Auch ich stand bei unerwarteter finanzieller Zuwendung unter dem Druck des sofortigen Wiederausgebens, der sich erst legte, wenn der letzte Cent unter die Leute gebracht war. Glück und Freundschaft kann man weder kaufen noch leasen. Ich zog mich nach solchen Enttäuschungen meist in meine vier Wände zurück und schmiedete Pläne, wie man die Bierüberbrückung bis zum Monatsende bewerkstelligen könnte. Dies beschäftigte sogar das zur Untätigkeit verdammte Gehirn und ließ das noch vorhandene Organisationstalent wieder aufblitzen. Der damalige Freundeskreis ließ bei der Alkoholversorgung keinen Engpass zu und half in jeder misslichen Lage.

Durch die ständige Trinkerei wurden Zielsetzungen oder geplante Vorhaben dermaßen beeinflusst, dass es nie zu einer Vollendung kam. Die anfängliche Euphorie verschwand spätestens nach dem dritten Bier und betraf in den meisten Fällen Tätigkeiten, welche zu meinen Gunsten hätten ausgeführt werden sollen. Wie oft wollte ich mein Wohnzimmer inklusive Schreibtisch neu gestalten? Kam ich dann unerwartet zu einem kleinen Reichtum, wurde dieser umgehend in einem Elektrogeschäft ausgegeben. Ein neuer Flachbildmonitor samt Tastatur und Lautsprecher bildete einen Teil der Neuanschaffungen. Tagelang saß ich vor den ungeöffneten Paketen und überlegte beim Biereinschenken, wann denn der beste Termin zum Auspacken wäre. Doch mit zunehmendem Trinken wurde ich immer unentschlossener und gönnte mir eine Denkpause in der nahe gelegenen Stammkneipe. So verstrich die Zeit ohne nennenswerte Aktionen. Nach zwei Wochen ging dann endlich das Geld aus und ich konnte dank des einbehaltenen Kassenbons die unbenutzte Ware beim Händler gegen Bargeld wieder eintauschen. Im Nachhinein gesehen, war diese Handlung wie bei ähnlichen Taten in der Vergangenheit zum Scheitern verurteilt, da die Anschaffung von Alkohol immer Vorrang hatte.

Viele sogenannte Vorhaben wurden durch den kleinen Teufel in mir schon bei der Entstehung ausgebremst und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Diese auftretende Lustlosigkeit zog sich wie ein langer Faden hinterher und ich unternahm keinerlei Anstalten, ihn durchzuschneiden. Dadurch kam es zu einer Anhäufung von liegen gebliebenen und unerledigten Dingen, welche jedoch nur den privaten Bereich betrafen. Möglichkeiten zu einer Änderung waren zwar gegeben, doch wurden diese bewusst von mir übersehen. Ich entwickelte mich zu einem Trickser, der je nach Laune die anfallenden Arbeiten so geschickt verteilte, dass keine davon jemals ein Ende fand. Im Gegensatz zu einigen Bauwerken in unserem Land konnte ich dies alles ohne fremde Hilfe bewerkstelligen. Da die Tage durch die ständigen Kneipengänge von vornherein kürzer waren, war es unmöglich, einen Termin für die Fertigstellung zu benennen. Zu der Unlust gesellte sich noch eine Vielzahl an Notlügen, welche die Pläne letztendlich begruben.

Unterstützung bei der Nichtausführung anfallender Tätigkeiten erhielt ich von den Kumpels, welche in ähnlichen Situationen gleichermaßen verfuhren. In geselliger Runde wurde mein Handeln befürwortet und gleichzeitig auch Hilfe bei der Lösung des Problems angeboten. Nachdem der Alkoholspiegel gestiegen war, befand ich mich plötzlich inmitten von Fachleuten, deren Arbeitsweise ich zur Genüge kannte. Einer von ihnen tapezierte sein Wohnzimmer aus Zeitgründen um die Möbel herum und rechtfertigte sein Tun mit der Aussage: „Das sieht sowieso keiner.“ Ein Weiterer wiederum beherbergte seit Jahren zwei Zementsäcke im Hausflur, welche für die Ausbesserung der Treppe vorgesehen waren. Ich hörte mir den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag an, verzichtete aber letztendlich auf eine Mithilfe.

Eine andere Variante der Terminverschiebung bei auftretenden Verpflichtungen gegenüber Ämtern und Behörden entwickelte ich nach dem Ermessen des körperlichen Zustands. Bei unumgänglichen Besprechungen wurde am Vortag der Bierkonsum reduziert und vor dem Gespräch der Atem mit Pfefferminz kaschiert. Arztbesuche nahm ich nur dann in Anspruch, wenn ich den Kopf schon unter dem Arm trug. Selbst bei Vorstellungsgesprächen war mir der Ernst der Lage nicht bewusst, daher erhielt ich folgerichtig nach den unkontrollierten Auftritten die Absagen vonseiten der Arbeitgeber. Ein Pflicht- oder Verantwortungsbewusstsein gab es bei mir nicht mehr. Erlittene Niederlagen und den damit verbundenen Frust spülte man mit Weizenbier herunter.

Es gab aber auch lichte Momente, in denen sich das Blatt zu wenden schien. So geschehen bei den zahlreichen Krankenhausaufenthalten, bei denen ich die Zeit zum Nachdenken nutzte. Die dort gefassten Zielvorhaben wurden einige Tage in die Tat umgesetzt, doch schien ein endgültiger Durchbruch bei den sich angehäuften Arbeiten nicht zu gelingen. Also suchte ich nach anfänglichem Eifer ohne nennenswerte Erfolge wieder meine Stammkneipe auf und erzählte allen von den guten Absichten.

Wollte man zum Kreis der Elite zählen, wurde das tägliche Erscheinen zu einer Art Pflichtleistung. Zudem hatte man die Möglichkeit, die Gespräche vom Vortag nochmals mitzuhören, da es an sonstigen Neuigkeiten mangelte. Die Themenvielfalt bei den stattfindenden Unterhaltungen war sehr eingeschränkt und es bedurfte schon einer Topmeldung, um das Interesse der meist in sich gekehrten Gäste zu wecken.

Zu einem Muss gehörte auch das gemeinsame Anschauen eines Fußballspiels. Da die meisten Übertragungen erst abends stattfanden, das Gros sich aber schon den ganzen Tag im Lokal abmühte, saßen die Nüchternsten in der ersten Reihe. Die dahinter Platzierten, welche alles in 4D sahen, erfuhren in der Halbzeit beziehungsweise am Ende den wahren Spielverlauf. Auch ich war gegen Sehstörungen nicht gefeit und sah teils 44 Spieler dem Ball hinterherjagen. Dieses Handicap wurde durch das Zuhalten eines Auges von mir bewältigt.

Natürlich gingen diese ständigen Gaststättenbesuche nicht spurlos an meinem Geldbeutel vorbei. Mit der Zeit verlor ich jeglichen Bezug zu den Finanzen, rechnete in Weizenbier anstelle von Euros und gab mich erst zufrieden, wenn ich pleite war. Mein Lieblingsgetränk kostete damals in der Gastronomie 2,50 Euro. Nahm ich für zu Hause die billige Variante aus dem Discounter, erhielt ich für das gleiche Geld sechs Flaschen, die die Hälfte des Tagesbedarfs deckten. In besonders schweren Zeiten konnte ich mich mit dem Pfandgeld noch einigermaßen über Wasser halten. Um Aufsehen zu vermeiden, verlief die Flaschenrückgabe meist in den dunklen Abendstunden und bereitete nur in den Sommermonaten Schwierigkeiten.

Bei vorrückendem Ultimo entstand immer gähnende Leere im Geldbeutel und ich musste mich wieder auf das Organisationstalent verlassen. Man verlagerte das Suchtbegehren von der Kneipe in die Privatwohnungen guter Bekannter, in denen man das gemeinsame Interesse ausgiebig wahrnahm. Es wurde sogar gekocht und bei Bedarf auch gesprochen. Damit das feuchtfröhliche Gelage keinen abrupten Abbruch erlitt, sorgten die Beteiligten schon im Voraus für klare Verhältnisse. Der eine stand am Herd und der andere vor der Pfandflaschenstation. Zusammen mit den letzten Hinterlassenschaften aus der Geldkassette besorgte man das flüssige Gold, welches einen reibungslosen Abend gewährleistete. Um die „gute“ Laune nicht zu kippen, ließ ich mir zum x-ten Mal einen Schwank aus alten Trinkerzeiten erzählen, welcher sich aufgrund des Zustands ewig in die Länge zog. Obwohl mich das alles langweilte, hielt ich allein schon wegen der Sucht bis zur letzten Flasche durch. Diese energielosen Anekdoten zeigen auf, mit welcher Unbekümmertheit ich dem Suchtverhalten freien Lauf ließ. Selbst wenn ich die Ohren auf Durchzug stellte, beugte ich mich trotzdem dem leeren Gefasel, um dem eigenen Körper durch den Alkohol noch mehr zu schaden.

Durch die eigene Wohnung und die Teilzeitarbeit blieb mir das Schicksal von einigen Leidensgenossen erspart. Diese zogen, ähnlich wie Berber, durch die Lokale und versuchten dort, durch geschickte Verstellung ihrer tatsächlichen Lebenslage bei einem Unwissenden eine Unterkunft inklusive Speis und Trank zu ergattern. Mein Verdienst reichte für den täglichen Bierkonsum bei Weitem nicht aus, sodass es eines genau durchdachten Finanzplanes bedurfte. Die Deckel in den Kneipen wurden immer zum Ersten beglichen und für die sonstigen Anschaffungen griffen mir gute Bekannte unter die Arme. Dem Einfallsreichtum bei der Beschaffung von Getränken waren keine Grenzen gesetzt und so gab es Spitzenzeiten, in denen ich bei zwölf Gläubigern in der Kreide stand. Gutes Taktieren gehörte zu einer Grundvoraussetzung in diesem nervenaufreibenden Finanzgeschäft. Neidisch verfolgte ich Menschen, die mit viel weniger Geld auskommen mussten und trotzdem den Monat bravourös meisterten. Oft wollte ich diesen Vorbildern nacheifern, doch der geschlossene Teufelskreis, in dem sich meine Wenigkeit befand, ließ kein Entrinnen zu.

Ungeachtet des zunehmenden Gewichtsverlustes wurde das Weizenbier als flüssige Nahrung gegen den aufkommenden Hunger eingesetzt. Nachdem sich mein Magen mit der gegebenen Situation abgefunden hatte, unterließ er auch das mitleidige Knurren. Blieb die feste Nahrung für einige Tage ganz aus, trat der gesamte Körper in den Streik und äußerte diesen in Form von Übelkeit und Fortbewegungsschwierigkeiten. Dies war das Signal zum Essen von leichter Kost, damit der Verdauungstrakt wieder seine eigentliche Arbeit aufnehmen konnte. Aus diesen ständigen Unregelmäßigkeiten entwickelte sich ein Magengeschwür, welches meist im Zusammenhang mit seelischen Konflikten auftrat. Erst nach Jahren konnte ich durch eine erfolgreiche Rollkur von diesem Leiden erlöst werden. Die deutliche Gewichtsabnahme kaschierte ich mit dem Entfernen der Batterie aus der Personenwaage.

Wie schon erwähnt, hortete ich im Gegensatz zu einigen Kumpels einen reichlichen Vorrat an Weizenbieren im Kühlschrank, die als sogenannte Entspannungsgetränke nach den einfallslosen Gesprächen in der Kneipe dienten. Man suchte die einfältige Kommunikation unter Alkoholabhängigen, um dem tristen Alltag zu entfliehen. Hier konnte man die Gesamtheit der Wehwehchen im engsten Kreis aufzählen und je nach Gemütslage eine neu ausgebrochene Krankheit hinzufügen. Ähnlich einem Altweibertratsch, wobei man den Unterschied zwischen Thrombose und Zirrhose ausdiskutierte, verhielt sich das fachärztliche Gespräch am Stammtisch. Wurde jemand aus der Runde für mehrere Tage vermisst, ahnte man das Schlimmste, da die entsprechende Person unlängst über ihre unzähligen Gebrechen berichtet hatte. Doch für alle überraschend, kehrte so mancher nach kurzer Zeit aus dem Totenreich zurück und schüttete in gewohnter Art die Halben in sich hinein.

Als Alkoholkranker fällt auch die gesellschaftliche Zusammenführung von Artgenossen leicht. Durch die einstigen, ständig wechselnden Arbeitsorte während meiner Selbstständigkeit war es ein Leichtes, sich in die Herzen der sogenannten Stammtischbrüder zu stehlen. Nach den ersten geschmissenen Runden gehörte man schon zum engeren Kreis der Elite. Da ich tagsüber arbeitete, hielt man mir bis zum abendlichen Erscheinen einen Sitzplatz warm. Alles war möglich, solange man in zweifacher Hinsicht flüssig war.

In der langen Trinkerzeit lernte ich aber auch die Kehrseite der Medaille kennen. Trat die Zahlungsunfähigkeit bei selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit ein, wurden alle Beihilfen eingestellt und man wurde fortan zur Barzahlung angehalten. Das Abrutschen in die Unterschicht gewährte mir Einblick in das Leben ebenfalls Gestrandeter, für welche diese Maßregelung zum Alltag gehörte. Sie waren im Umgang mit Erniedrigungen geschult und versuchten gemeinsam, diesem eingetretenen Umstand zu trotzen. Da es bei mir immer wieder die Möglichkeit einer entlohnten Arbeit gab, war der Aufenthalt im Reich der Lebenskünstler nur kurzweilig. Entsprechend einem Gezeitenwechsel, verhielt sich meine finanzielle Situation. Nach der Ebbe im Portemonnaie kamen die Momente des Überschusses, die ich jedoch nicht sinnvoll nutzte. Ich mischte mich wieder unter die Leute, welche vorher meinen Stolz verletzt hatten. Das eigene Selbstwertgefühl schrumpfte zunehmend und die Enttäuschungen nahmen zu. Man war mit sich und seiner Sucht dermaßen beschäftigt, dass selbst der Tod vieler Bekannter an den Folgen von Alkohol der geführten Lebensweise keinen Abbruch tat.

Nachdem sich auch meine einstigen Lebensgefährtinnen wohlgenährt von mir abgewandt hatten, begann die Zeit des Hoffens und Bangens. Ausgequetscht wie eine Zitrone nahm ich vorerst Abstand von dem sogenannten trauten Heim und verlagerte die Interessen an den Tresen. Gemäß der Redewendung „Freunde in der Not gehen hundert auf ein Lot“ wurden selbst schwierigste Lebenslagen überbrückt. Die daraus entstandene wechselseitige Beziehung zu meinen Gefühlen war der Auslöser für eine Gleichgültigkeit gegenüber Pflichtaufgaben und der eigenen Gesundheit. Die Brücken zu wahren Freunden wurden von mir abgebrochen und man suchte Trost bei denjenigen, welche mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten. Selbst das Aufbäumen des Organismus in Form einer akuten Lungenentzündung wurde bis zuletzt ignoriert.

Trotz der unterzogenen Therapie war ich immer noch der Meinung, die Krankheit aus eigener Kraft zu besiegen. Diese utopische Selbsteinschätzung wurde nach erfolgreich eingehaltenen Durststrecken binnen kürzester Zeit widerlegt und das Versäumte in doppelter Weise nachgeholt. Im letzten Abschnitt vor der endgültigen Einsicht wurde auch noch mein Pflichtbewusstsein außer Kraft gesetzt. Der Alkohol machte bei der Verwüstung von Körper und Geist keinen Unterschied. Um einen Einblick in das wahre Ausmaß der Zerstörung zu geben, beginne ich mit den Hinterlassenschaften der psychischen Schäden.

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