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Pascale Gmür Puzzeln mit Ananas
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«Schade.»
«Ich komme morgen Früh wieder. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Adieu.»
Ruth Meyer bestätigt auf ihrem Tablet alle aufgelisteten Pflegeschritte, tippt eine Notiz zum Schmerzpflaster am Oberarm, das sie heute entfernt hat, und stoppt den Einsatz. Nach fünfzig Minuten. Erstaunlich, dass nicht mehr Zeit verstrichen ist während der vielen Handlungen, den Zwiegesprächen und ruhigen Zuwendungen. Während all dem, was die betagte Frau erhalten und was zur Entlastung der Tochter beigetragen hat. «Die Tochter hat eine schwierige Aufgabe übernommen», sagt Ruth Meyer. «Ich weiss nicht, wie lange sie das tragen kann. Demnächst findet wieder ein Standortgespräch statt. Im Übergangsteam haben wir den Vorteil, beweglich auf Veränderungen reagieren zu können.» Die Kolleginnen der anderen Pflegeteams haben ihre festen Touren – in der Region Thal sind es täglich 35 –, die Einsätze der Fachfrauen des Übergangsteams variieren aber. «Manchmal ist es anstrengend und die Tage können sehr lang sein.» Ruth Meyer ist für ein Pensum von achtzig Prozent angestellt. «Ich bin flexibel und setze laufend Prioritäten. Mein Pensum ist erreicht, wenn die Arbeit fertig ist. Für mich stimmt es so, aber wir dürfen das nicht allen Mitarbeitenden zumuten.»
Ruth Meyer ist Mutter von fünf nun erwachsenen Kindern und bewirtschaftete bis vor Kurzem mit ihrem Mann einen Bauernhof mit zwanzig Milchkühen und Kälbern, welche sie für die Aufzucht behielten. Den Hof führt heute ein Neffe weiter. Ruth Meyer lebt mit ihrem Mann und drei Kindern, die noch in Ausbildung sind, im Stöckli oberhalb des Hofs. «Nun bin ich Bienenfrau.» Sie imkert und hat eine Hühnerschar, ihr Mann hilft auf dem Hof aus. Als Mutter und Bäuerin gehörte es dazu, sich mit Unerwartetem anzufreunden und den Lebensstufen zu folgen – wie sie es schon von ihrem Beruf her kannte, den sie jung gewählt und an der Schule für Gemeindekrankenpflege in Sarnen erlernt hatte. «Die ambulante Pflege hat mich stärker begeistert als die stationäre. Weshalb, weiss ich eigentlich nicht, ich habe oft aus dem Bauch heraus entschieden.» Schule und Praktika auf verschiedenen medizinischen Gebieten wechselten sich ab, 1986 kam Ruth Meyer nach Balsthal als Praktikantin für Gemeindekrankenpflege, die damals der katholischen Kirche unterstellt war.
Nach der Diplomierung folgte das Pflichtjahr als Angestellte einer Gemeinde. Ruth Meyer wählte Wildhaus im Obertoggenburg und wusste wohl nicht, was auf sie zukommen würde, als einzige Krankenschwester für das weite Gebiet zwischen Säntis und Churfirsten. Sie arbeitete von zu Hause, holte das Pflegematerial bei den Landärzten, fuhr mit dem Auto und bei Schnee auf Skiern zu abgelegenen Häusern und Höfen. «Ich musste zu jeder Tages- und Nachtzeit los, vor allem wenn Menschen daheim starben, oder bei schweren Lawinen- oder Pistenunfällen. Dann musste ich beim Bergen helfen, und falls es Tote gab, sie für die Gerichtsmediziner vorbereiten. Wenn Menschen zu Hause verstorben waren, wurden sie jeweils von der Gemeindeschwester angekleidet – auch jene, die zuvor keine Pflege erhalten hatten. «Wir hatten das in der Schule gelernt. Heute tun wir es nur, wenn wir jemanden vorher gepflegt haben. Ansonsten sind jetzt die Bestattungsbeamten zuständig.»
Damals in Wildhaus war Ruth Meyer erst 21 Jahre alt. Wie kam sie damit zurecht, unbekannte, tote Menschen zu berühren? «Das Lebensende hat für mich schon immer auf positive Weise dazugehört.» Sie wuchs in einem Mehrgenerationenhaus auf, in einem kleinen Thurgauer Dorf. Die Grosseltern starben daheim, die Grossmutter war lange krank gewesen. «Früher sagte man bettlägerig. Sie wurde während Jahren von uns, vorwiegend von meiner Mutter, gepflegt. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, es sei eine Belastung für sie. Vielleicht entschied ich mich deshalb für den Pflegeberuf.»
Wenn Ruth Meyer ihre Arbeit von vor dreissig Jahren mit heute vergleicht, stellt sie fest, dass die Leute damals weniger früh Pflege erhielten. «Und wenn sie Hilfe brauchten, waren sie ganz einfach dankbar, dass wir kamen, selbst wenn ich in Wildhaus oft erst am Nachmittag die Zeit fand, eine abseits wohnende Frau zu besuchen, um sie zu waschen. Das ist heute ganz anders. Besonders Leute, die nicht täglich die Spitex brauchen, äussern ihre Ansprüche. Ein Paradebeispiel: Sie wollen exakt um Viertel nach sieben geduscht werden, weil sie den Tag verplant haben, und begreifen nicht, dass wir frühmorgens zu jenen gehen, die ohne uns nicht aufstehen können.» Auch viele Diabetikerinnen und Diabetiker, die nicht selbstständig Insulin spritzen können, erwarten die Spitex: Sie dürfen erst frühstücken, nachdem die Pflegenden den Blutzucker gemessen und das korrekt dosierte Insulin verabreicht haben.

Frau Tobler sitzt inzwischen mit der Tochter beim Frühstück, und die Pflegefachfrau ist im nächsten Dorf angelangt, wo sie bei Frau Baumgartner klingelt. Deren Betreuerin öffnet und bittet sie, eine Viertelstunde zu warten, bis die Klientin fertig geduscht sei. Ruth Meyer bleibt freundlich und beschliesst, nachher direkt mit Frau Baumgartner über das verabredete Zeitfenster zu sprechen. Die sechzigjährige Geschäftsfrau erhielt vor einigen Monaten eine Krebsdiagnose, hat mehrere Spitalaufenthalte hinter sich, wird vom Onkologen und vom Übergangsteam der Spitex eng begleitet, möchte weiterhin im eigenen Haus bleiben, kann aber nicht mehr allein leben. An manchen Tagen fühlt sie sich beim Gehen selbst mit dem Rollator unsicher. Um in dieser veränderten Situation eine gute Lösung zu finden, organisierte Ruth Meyer ein Familiengespräch mit der Klientin und ihren beiden fürsorglichen Söhnen. Die Spitex-Einsätze und die Besuche der Söhne liessen sich intensivieren, doch es genügte nicht: Falls Frau Baumgartner stürzen sollte, wäre in diesem Moment wahrscheinlich niemand bei ihr. Die Söhne wandten sich an eine Vermittlungsstelle für Care-Migrantinnen, da Frau Baumgartner eine offene, kommunikative Persönlichkeit ist und über gute finanzielle sowie räumliche Voraussetzungen verfügt, damit jemand rund um die Uhr für sie da sein kann. Kürzlich traf die jetzige Betreuerin aus Kroatien ein.
Die Spitex kommt zurzeit zwei Mal wöchentlich für die vereinbarten Aufträge. «Was dazwischen geschieht, zählt zur Autonomie der Klientin», sagt Ruth Meyer. Beim heutigen Besuch misst sie den Blutdruck, bereitet die Medikamente für die nächste Woche vor und versorgt zwei offene Wunden, die bei Stolperstürzen entstanden sind. Frau Baumgartner sitzt seitlich am Küchentisch, mit dem rechten Bein auf dem Sitzbrett des Rollators.
«So müssen Sie sich nicht bücken, Frau Meyer. Haben Sie gesehen, es blutet!»
«Das ist gut, Frau Baumgartner. Damit das Wundsekret herauskommt, feuchte ich nochmals die Gaze an.» Dann massiert sie mit drei Fingern das Gewebe rund um die Verletzungen herum.
«Wie geht es Ihnen mit den neuen Tabletten?»
«Ich spüre gar keine Nebenwirkungen.»
«Da bin ich erleichtert. Ich dachte, hoffentlich meinen Sie nicht, es aushalten zu müssen, falls Ihnen übel wird. Dagegen hätten Sie ja Medikamente.»
«Die brauchte ich nicht.»
Aus dem antiken Bauernschrank holt Ruth Meyer die Plastikkiste mit den Medikamenten und stellt sie auf den Tisch. Auf ihren Schoss legt sie das Tablet, nimmt aus der ersten Schachtel eine Blisterreihe, vergleicht mit der Liste im Pflegedossier, öffnet eine Schachtel nach der anderen und ordnet die weissen, gelben, rosa, grün-weissen Pillen und Kapseln in die kleinen Fächer für morgens, mittags, abends, nachts. Es darf kein Fehler passieren. Frau Baumgartner weiss Bescheid, wofür sie welches Medikament nimmt, aber es sind zu viele und zu viele ähnlich aussehende, um sie selbst zu sortieren. Ruth Meyer nennt jedes einzelne mit seiner Dosierung und Wirkung, dazwischen beantwortet sie eine Frage der Klientin zum Antidepressivum, ohne die Konzentration zu verlieren. Nachdem sie das Dosett gefüllt hat, kontrolliert sie ruhig noch einmal jedes Fach, bevor sie die Tagesschieber schliesst. Wäre Frau Baumgartner weniger gut informiert, oder könnte sie die Medikation nicht nachvollziehen, würde am Nachmittag eine zweite diplomierte Pflegefachfrau kommen, um die von Ruth Meyer gerichtete Medikamentenbox nochmals zu kontrollieren. Die grosse Verantwortung und die Sorgfalt im Umgang mit Medikamenten erfordern mehrere Sicherheitsstufen. So dürfen Fachpersonen Gesundheit die Dispenser zwar vorbereiten, aber überprüft werden sie in jedem Fall durch diplomierte Fachpersonen.

Ruth Meyer ist immer in der häuslichen Pflege tätig gewesen, mit einer entscheidenden Ausnahme: Als junge Frau arbeitete sie als Freiwillige während sechs Monaten mit Mutter Teresa im Sterbehaus von Kalkutta. «Fünfzig Frauen und fünfzig Männer lagen auf Pritschen in zwei Räumen. Gesehen habe ich strube Dinge, hervorgegangen aus der Armut und dem indischen Kastensystem, was mich stärker belastete als die Pflege der Sterbenden.» Sie machte wertvolle Lebenserfahrungen: Weil es in ihrer Natur liegt, vorauszudenken, sorgte sie sich abends schon für den nächsten Tag, wenn das Essen auszugehen drohte. «Doch täglich trafen von irgendwoher Spenden ein, auch für Medikamente und Verbandsmaterial. Das war sehr besonders, und mit der Zeit lernte ich, darauf zu vertrauen.» Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz plante Ruth Meyer, bei der Gemeindekrankenpflege in Balsthal zu bleiben, bis sie das nötige Geld hätte, um nach Afrika zu reisen. Als Kind war sie fasziniert gewesen von Albert Schweitzer und seinem Spital in Lambaréné, nun wollte sie ihren eigenen Weg zur Unterstützung von afrikanischen Menschen finden. Der Zufall wollte es anders: Ruth Meyer lernte in Balsthal ihren zukünftigen Ehemann kennen, wurde fünffache Mutter und Bäuerin.
Als die Kinder grösser waren, stieg Ruth Meyer wieder in die ambulante Pflege ein, nun war es die öffentliche Spitex, nicht mehr die katholische Krankenpflege. «Es ist gut, dass ich immer dabeigeblieben bin, abgesehen von der Familienpause, und alle Entwicklungen der Spitex miterlebt habe. Aber als 2015 die elektronische Pflegeplanung eingeführt wurde, musste ich neu starten – obwohl mich der Computer eigentlich nicht abschreckte, da ich für den Hof die Buchhaltung führte.» Es gab Kolleginnen, die kündigten, als das handschriftlich geführte Pflegeheft durch das Tablet ersetzt wurde. Inzwischen ist der elektronische Begleiter genauso selbstverständlich geworden wie die hellgrünen Berufshosen und das dunkelblaue Shirt mit dem Logo. Wie in vielen Spitex-Regionen waren die Pflegenden auch in Thal jahrelang in Privatkleidern unterwegs und zogen bei den Klientinnen und Klienten einfach die Berufsschürze über.
Ruth Meyer arbeitet nicht nur mit grosser Flexibilität im Übergangsteam, sie leitet zudem den Pflegedienst der zur Spitex Thal gehörenden Tagesstätte für Menschen, die Betreuung benötigen. So können betreuende und pflegende Angehörige regelmässig für einige Stunden entlastet werden. «Es hat mich seit Langem beschäftigt, dass es viele und immer mehr Menschen gibt, die zwar keine Spitex-Pflege benötigen und eigentlich auch gut daheim wohnen können, aber im Alltag begleitet und betreut werden sollten. Angehörige können das nicht allein leisten.» In der neuen Tagesstätte arbeiten vorwiegend Personen, die speziell für Betreuungsaufgaben ausgebildet sind.
Als Ruth Meyer von ihrer Morgentour zurückkommt, erwartet sie eine dringende Neuanmeldung: Von einem Hausarzt, der die Spitex bittet, einem Patienten alle sechs Stunden Morphin zu spritzen. Die Pflegefachfrau hat ein mulmiges Gefühl, weil sie den neuen Klienten noch nie gesehen hat. «Ich möchte nicht einfach das Medikament verabreichen und wieder gehen.» Sie wird das Gespräch mit ihm und seiner Familie suchen, um herauszuhören, was die Spitex alles tun kann. Während Ruth Meyer den Rucksack erneut packt, bereitet sie sich innerlich auf eine Situation vor, zu der sie einzig die medizinischen Informationen hat. Vor Ort vertraut sie ihren Erfahrungen, um zu beurteilen, was sie ansprechen darf und wofür heute nicht der richtige Moment ist. Jeder Einsatz verläuft anders. «Schön ist in unserem Beruf, dass sich wesentliche Dinge nicht wiederholen.»
Von einem Tag auf den anderen war meine Mutter allein zu Hause. Über Nacht war sie Witwe geworden. Ihre Gefühle behielt sie weitgehend für sich, wie sie es schon früher getan hatte, als sie Verluste ertragen musste. Sie habe natürlich Heimweh nach Bruno, doch es gehe ihr gut, sie dürfe nun bloss nicht krank werden. Es klang traurig und tapfer. Mehr aufgeben als notwendig wollte sie auf keinen Fall, über einen möglichen Umzug vom gemieteten Haus in eine Alterswohnung war mit ihr nicht zu diskutieren. Sie überging jede Andeutung des Themas mit schablonenhaften Sätzen: «Ich bin nicht einsam. Langweilig war mir noch nie.»
Während der Pflege meines Vaters hatte das Spitex-Team auch meine Mutter kennengelernt und ihr nach seinem Tod vorgeschlagen, sie in der neuen Lebenssituation zu unterstützen. Ihre Alzheimerkrankheit hatte begonnen, sich zu zeigen. Die bald achtzigjährige Frau, die kaum je beim Arzt gewesen war, nur wenige Tage krank im Bett verbracht und keinerlei Ansprüche gestellt hatte, fand es freundlich, dass jemand zu Besuch kam und ihr zuhörte, nachdem sich wochenlang alles um ihren Mann gedreht hatte. Sie erzählte gern von ihren Reisen und meinte, es gebe noch vieles zu entdecken. Die regelmässigen Kontaktbesuche ermutigten sie. «Meine Spitex-Frau hat mich gelobt, ich würde mein Leben gut meistern», erzählte sie mir am Telefon freudig, ja stolz.
Tatsächlich ging sie täglich spazieren, achtete auf ihr Äusseres, auf farblich abgestimmte Kleider und frisch gewaschene Haare. Doch mit der Zeit drangen Abweichungen ihres Verhaltens nach aussen. Nachbarn meldeten mir, sie lasse nächtelang im ganzen Haus das Licht brennen. «Hör nicht auf das Geschwätz!», sagte sie unerwartet selbstbewusst. Gab sie früher viel darauf, was die Anderen denken könnten, so kümmerte sie sich jetzt nicht darum. «Ich lebe für mich, ich bin frei.» Als später das Verwirrtsein in ihren dunkelbraunen Augen lesbar wurde, wirkte sie einsam.
Dennoch, meine Mutter hätte nie etwas anderes gewählt, als weiterhin daheim zu leben. Es waren die verschobenen Vorgänge im Kopf, welche ihr die Autonomie nahmen. In den nächsten Monaten bildete sich ein Versorgungsnetz, um meine Betreuung und Hilfe zu erweitern. Die Spitex koordinierte den Mahlzeitendienst, die Haushaltshilfe und freiwillige Besucherinnen von Pro Senectute, die meiner Mutter Gesellschaft leisteten. Verwöhnt fühlte sich meine Mutter von der Podologin, die nicht nur ihre Füsse pflegte, sondern sich auch um orthopädische Schuheinlagen kümmerte. Das Gehen wurde trotzdem schwieriger, nicht der Füsse oder Beine wegen, sondern weil die Gehbewegungen im Kopf vergessen gingen. Manchmal stand sie unten an der Treppe zwischen Wohn- und Schlafräumen und fragte: «Wie komme ich dort hinauf?» Während ich vorausging und ihr die Schritte vorzeigte, hörte ich sie hinter mir, sich halblaut ermunternd: «Ich war schon immer eine gute Läuferin. Es braucht halt Übung.» – «Wir könnten in der Stube ein Schlafzimmer einrichten.» – «Nein.
Ich kann das. Oben ist die Aussicht vielversprechend. Du glaubst es nicht, aber ich schaue immer noch jeden Abend auf den See. Jedes Mal ist die Stimmung neu.» Auch gegen das Anbringen eines längst notwendigen Handlaufs wehrte sie sich vehement, das koste zu viel, zur Not rutsche sie auf dem Gesäss rauf und runter. Während Jahren wusste sich meine Mutter in den meisten, auch unerwarteten Situationen zu helfen und scheute keine Anstrengung, um ihr Bild der willensstarken, gesunden Frau zu wahren.
Lange zu Hause wohnen
Viele Menschen sind auf häusliche Pflege, Behandlung und Betreuung angewiesen. Die Mitarbeitenden der Spitex versuchen vor Ort herauszufinden, was eine sinnvolle Unterstützung beinhalten sollte. Oft stellen sie fest, dass Gespräche am wirksamsten sind. Wer gut umsorgt wird, fühlt sich besser, geht mit Beschwerden gelassener um und kann, falls nötig, mehr Hilfe annehmen. Aus Sicht der Fachleute liesse sich immer etwas optimieren, doch sie sind zurückhaltend und respektieren die Autonomie der Klientinnen und Klienten.
Das Zuhause ist immer ein persönlicher Ort. Keiner wie der andere, einmalig wie das hier stattfindende Leben, ausgeprägter im Alter, wenn die Bewegungen bedächtiger werden und den Radius verkleinern. Die selbst eingerichteten Räume und gewachsenen Gewohnheiten gehören zur eigenen Identität – genauso wie die Bezugspunkte draussen, die Birke vor dem Fenster, die vertraute Nachbarschaft, die Wege, die Läden oder das Café, wo man anderen begegnet. Wer wählen kann, wohnt bis ins hohe Alter und möglichst bis zum Lebensende daheim. Viele befürchten, in einem Spital oder Heim fremdbestimmt zu sein und buchstäblich den vertrauten, sicheren Boden unter den Füssen zu verlieren. Die Spitex nennt das Zuhause den «Ort der Würde».
Eine Studie,13 die auf Befragungen von über achtzigjährigen Spitex-Klientinnen und -Klienten beruht, besagt, dass ältere Menschen eine Bereitschaft zum Risiko zeigen, um wie gewohnt zu leben, selbst wenn sie geschwächt sind. Die Gefahr, zu stürzen, sich zu verletzen oder die eigenen Kräfte zu überfordern, zählt wenig gemessen am Wert der Autonomie und der Angst, nicht mehr sich selbst sein zu können. Lieber ein Risiko eingehen als die Würde aufgeben. In der erwähnten Studie wird von einem alten Mann berichtet, der darauf besteht, seine Kleider selbst zu waschen und zu bügeln, obwohl er unter Schmerzen leidet. Er schildert, wie er sich nach jedem gebügelten Hemd hinsetzen muss, um sich zu erholen. Niemand habe ihm gesagt, er müsse das tun, aber er wolle sich keinesfalls gehen lassen, um nicht so zu werden wie ein Kollege, der schmutzige Hemden trage. Auch wenn die täglichen Aktivitäten viel Energie kosten, bedeutet es Freiheit, sie selbst zu verrichten. Dafür entwickeln vor allem ältere, allein lebende Menschen überraschende Strategien und Tricks.
Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Älterwerden wird in der Schweiz wesentlich unterstützt durch unzählige neuere Wohnformen, beispielsweise Alterssiedlungen oder Mehrgenerationenhäuser, die sich durch eine hindernisfreie Architektur auszeichnen und wo gemeinschaftliche Aktivitäten und gegenseitige Unterstützung stattfinden oder sogar Betreuungs- und Pflegeangebote vorhanden sind.
Das reale Leben findet zu Hause statt, nicht im Heim
Die individuelle Unabhängigkeit zu respektieren und zu stärken, solange die Sicherheit der begleiteten Person nicht ernsthaft gefährdet wird, ist der Spitex ein grosses Anliegen und ein Grundsatz ihrer Arbeit. Wenn jemand seine Medikamente unbedingt selbstständig vorbereiten und einnehmen will, aber offensichtlich mit der Dosierung nicht klarkommt, bemühen sich die Pflegenden, dem Klienten zu erklären, weshalb Hilfe sinnvoll ist. Die betroffene Person zu überzeugen, gelingt am besten, wenn zu ihr bereits eine Beziehung besteht und sie weiss, wie bedeutsam die Spitex für das Leben in der vertrauten Wohnung ist.
Wie viel die Spitex, aber auch Angehörige, Freundinnen und Nachbarn anbieten oder gar übernehmen sollen, bleibt eine heikle Frage, wenn Menschen zwar beeinträchtigt, aber nicht im eigentlichen Sinn pflegebedürftig sind.14 «Wann sollen wir dazwischenfunken? Bei vielen Menschen könnte man einiges aufgleisen: Körperpflege, Haushaltshilfe, Mahlzeitendienst wären von aussen gesehen vielleicht angebracht, aber persönlich nicht erwünscht», stellt Regina Germann fest. «Wenn Leute zufrieden leben, wo sie seit ewig verwurzelt sind und sich trotz gesundheitlicher Einschränkungen gut arrangieren, dann müssen wir die Dinge einfach mal stehen lassen können.» Die diplomierte Pflegefachfrau arbeitet in einem Koordinationsteam der Spitex Zürich. Änderungspotenzial gebe es immer. Doch das Recht auf Selbstbestimmung gelte mehr. «Es kann in einem privaten Zuhause nicht nach unseren Vorstellungen ablaufen. Würden wir alles durchorganisieren und standardisieren, wäre es wie in einer Institution» – was der Aufgabe der Spitex, den Menschen ein gutes Leben in der selbst geschaffenen Umgebung zu ermöglichen, widersprechen würde.
Auszuloten, was jemanden entlasten oder aber überfordern könnte, ist für Regina Germann ein spannender und immer wieder lehrreicher Aspekt der Spitex-Arbeit. Indem sie die Menschen dort erlebe, wo sie sich aufgehoben und am sichersten fühlen, trete sie in ihr reales Leben ein und lerne ihre echten Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Ressourcen kennen. Beim Zuhören und beim Beobachten der Gewohnheiten und der Risikobereitschaft lässt sich erkennen, was Würde für das Gegenüber bedeutet. «Von unzähligen Leuten habe ich wichtige Dinge mitgenommen, die ein selbstbestimmtes, gelungenes Leben kennzeichnen mögen.» Sie erzählt von einer Frau, die hundert Jahre alt wurde, viele ihrer Fähigkeiten verloren hatte, nicht aber ihre Lebensfreude. Auch wenn es umständlich, ja beschwerlich war, so ging sie immer noch regelmässig nach Pontresina in die Ferien. Die Bahnreise unternahm sie allein und sagte mehrmals: «Alles, was ich abgebe, kommt nie mehr zurück.» Wenn etwas nicht mehr möglich war, konnte sie es loslassen und sich stattdessen auf etwas anderes konzentrieren.
Der Respekt der individuellen Lebensweise gegenüber, so Regina Germann, stärke die Menschen, damit sie ihren Alltag meistern können. Die Besuche der Spitex sind für viele Menschen, die aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität oft zu Hause sind, der einzige regelmässige Bezug zur Aussenwelt. «Die meisten freuen sich, wenn sie mich sehen. Da wir viele Leute während Jahren begleiten, entstehen starke Beziehungen. Die meisten Klientinnen und Klienten habe ich gern.» Regina Germann spricht an, was für viele Pflegende zur Berufsethik gehört und zweifellos zum Wohl der Leute beiträgt, aber unter Zeitdruck verloren gehen kann: die Bezugspflege. Regina Germann erzählt von einer allein lebenden, älteren Frau, für die sie pflegerisch enorm viel überlegt, geplant, organisiert und ausgeführt hatte. Eines Tages habe die Frau zu ihr gesagt: «Ihr Besuch nützt mir mehr als all die Tabletten, die Sie mir bringen. Wenn ich einen Moment mit Ihnen reden kann, geht es mir nachher besser.» Das war ein Schlüsselerlebnis für Regina Germann. «Manchmal geht es mehr um Menschlichkeit, weniger um ausgeklügelte, wissenschaftlich begründete Pflege. Und ob diese Frau täglich geduscht und perfekt frisiert wird, ist zweitrangig.»
Spitex gehört zum Alltag von Einzelpersonen, Paaren und Familien
In vielen privaten Häusern und Wohnungen gehen Mitarbeitende der Spitex über Jahre mehrmals täglich ein und aus. Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Menschen mit einer chronischen Krankheit oder einer Behinderung können daheim leben, wenn die Spitex berät, pflegt, unterstützt. Sei es, weil eine querschnittgelähmte Frau allein lebt und Hilfe braucht für den Transfer zwischen Bett und Rollstuhl, oder weil Angehörige nicht alle Aufgaben übernehmen können und sollten. Manchmal ist es von Aussenstehenden schwer nachvollziehbar, wie jemand mit einem grossen Bedarf an Pflege zu Hause sein kann und vielleicht sogar die meiste Zeit allein verbringt. Besser verstehen lässt sich die Situation, wenn man diese Person und einige ihrer unverzichtbaren, persönlichen Gewohnheiten kennenlernt. Es entsteht eine individuelle Sicherheit durch die alltäglichen Rituale – mögen sie noch so klein sein wie beispielsweise ein Glas Tomatensaft und zimmerlaute Radiomusik zum späten Frühstück. Für viele Personen ist es unvorstellbar, sich in einer Institution, in einem grossen Haus mit identischen Räumen und fremden, nicht selbst gewählten Mitmenschen anpassen zu müssen.
Die Pflegepläne der Spitex sind individuell abgestimmt und werden veränderten Gegebenheiten angepasst. Gut möglich, dass es genügt, beim An- und Ausziehen der Kompressionsstrümpfe und manchmal bei der Körperpflege zu helfen, oder jedes Mal vor dem Essen den Blutzucker zu messen und Insulin zu spritzen. Während dieser regelmässigen Einsätze der somatischen Spitex oder auch während sporadischer, sogenannter präventiver Kontaktbesuche zeigen sich im Gespräch und beim Beobachten, wie eine angemessene Unterstützung der Klienten und der Angehörigen einen Spital- oder Heimeintritt verhindern oder hinauszögern kann. Dank der in der Schweiz überall und für alle präsenten öffentlichen Spitex und deren Vernetzung mit weiteren ambulanten Angeboten gelingt es häufig, die Situationen daheim zu beruhigen. Auch sozial nicht integrierte Menschen, die aufgrund einer körperlichen oder seelischen Erkrankung von der Ärztin oder vom Arzt bei der Spitex angemeldet wurden, können so unterstützt werden. Regula Fehr, diplomierte Pflegefachfrau der Spitex Bassersdorf, erzählt: «Wir haben eine sechzigjährige Klientin, bei der wir beim ersten Besuch merkten, dass sie verwahrlost lebt. Sie ist krank, musste deswegen ins Spital und kam nach einer Operation zurück in ihre Wohnung – weil sie es unbedingt so wollte, auch wenn sie allein nicht zurechtkommt. Diese Frau kann wirklich nur dank der Spitex zu Hause sein.»