Pascale Gmür Puzzeln mit Ananas
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Kritik an fehlender Kontinuität

Die gegenüber der Spitex am häufigsten geäusserte Kritik und Ablehnung reduziert sich auf einen Satz: «Es kommt immer wieder eine andere.» Die einen Kunden sprechen aus eigener Erfahrung, andere haben von der mangelnden Kontinuität nur indirekt gehört und zögern die Anmeldung bei der Spitex trotz Anratens der Hausärztin und Angehöriger hinaus, weil sie befürchten, sich an viele fremde Menschen gewöhnen zu müssen. Der Spitex selbst liegt viel daran, stabile und vertrauensvolle Pflegebeziehungen zu schaffen – nicht allein des zentralen Kundenbedürfnisses wegen. «Auch unsere Pflegewerte gewinnen mit der Kontinuität», sagt Peter Eckert, Leiter Fach- und Pflegeentwicklung der Spitex Zürich. «Wenn eine Pflegeperson ihre Kundinnen und Kunden regelmässig besucht und gut kennt, kann sie gesundheitliche Veränderungen früh beobachten, entsprechend reagieren und damit ihre professionelle Eigenverantwortung wahrnehmen. Vertrauensvolle Pflegebeziehungen bedeuten Arbeitsqualität.»

Peter Eckert betont, die Kontinuität der Kundeneinsätze könne und müsse verbessert werden, «indem wir kleine, teilautonome Pflegeteams bilden, wie wir sie bereits in den Fachbereichen wie der Psychosozialen Pflege oder der Palliative Care kennen, wo die spezialisierten Pflegefachpersonen für eine bestimmte Klientengruppe verantwortlich sind». Kleine Teams haben allerdings den Nachteil, dass Krankheitsabsenzen von Mitarbeitenden intern schwierig auszugleichen sind, weshalb andere Teams aushelfen müssen oder jemand seine Freizeit opfert. Die meisten Spitex-Pflegenden wählen eine Teilzeitanstellung und haben damit die Option, ihre Arbeitszeiten der Auftragslage anzupassen.

Trotz hoch motivierten Personals lässt sich in der alltäglichen ambulanten Grund- und Behandlungspflege nicht vermeiden, dass die vorgesehene Kontinuität aus den Fugen gerät. Denn es ist Pflicht der öffentlichen Spitex, alle Aufträge anzunehmen: Am Freitagnachmittag wird der Spitalaustritt des Patienten Huber8 gemeldet, der am nächsten Morgen zu Hause einen Verbandwechsel benötigt – von einer dafür qualifizierten, diplomierten Pflegefachperson des Spitex-Teams, denn eine Pflegehelferin oder ein Fachmann Gesundheit kann und darf die Wunde nicht versorgen. Wie kurz oder aufwendig der Ersteinsatz beim noch unbekannten Herrn Huber sein wird, lässt sich im Voraus kaum einschätzen. Dann ruft Frau Kramer an, die Parkinson hat. Es müsse sofort jemand kommen, denn sie wisse nicht mehr, welche der zahllosen Medikamente sie heute Abend schlucken müsse. Weil es um die Abgabe von Medikamenten geht, ist aus Sicherheitsgründen auch hier eine diplomierte Pflegefachperson gefragt. Gut möglich, dass die Klientin dreissig Minuten vom Spitex-Stützpunkt entfernt wohnt, der verrechenbare Einsatz aber schliesslich nur zehn Minuten dauert. Was in diesem Fall weit mehr zählt, ist die präventive Wirkung des Hausbesuchs: Würde die Klientin falsche oder falsch dosierte Tabletten schlucken, könnte dies den Gleichgewichtssinn beeinflussen und das Sturzrisiko erhöhen. Vorsorgend wirkt auch, dass die Klientin ernst genommen und darin bestärkt wird, sich erneut zu melden, sobald sie Hilfe braucht. Unvorhergesehenes und schwankende Kundenzahlen gehören zum Alltag der häuslichen Pflege. Es ist die anspruchsvollste Komponente der Budget- und Einsatzplanung und fordert von allen Mitarbeitenden ein hohes Mass an Flexibilität, Improvisationsfreude sowie Ausdauer. Wertgeschätzt wird ihr Engagement von den allermeisten Kundinnen und Kunden. Besonders von jenen, die schon seit Langem froh um die zuverlässige Unterstützung sind und es interessant finden, verschiedene Charaktere und Arbeitsweisen der Pflegenden kennenzulernen. Einfacher gestaltet sich die vergleichsweise langfristige Einsatzplanung für die hauswirtschaftlichen Mitarbeitenden, da hier nur selten akute Situationen auftreten. Wer am Donnerstagmorgen zwei Stunden im Haushalt von Frau Zogg hilft, tut dies im vereinbarten Turnus zur immer gleichen Zeit. Auch im hauswirtschaftlichen Aufgabenbereich muss die Spitex alle Aufträge ausführen, die ärztlich verordnet sind.

Keine Versorgungspflicht gegenüber der Bevölkerung haben privatwirtschaftliche, kommerziell orientierte Unternehmen und freiberuflich arbeitende Pflegefachpersonen, die seit etwa zehn Jahren die spitalexterne Branche mitprägen. Sie können Anfragen ablehnen und ökonomisch interessante Aufträge annehmen, indem sie sich beispielsweise auf längere, rentable Einsätze konzentrieren. Diese lassen sich gut planen, sodass die Kundin oder der Kunde morgens dieselbe Pflegeperson wie am Vortag erwarten kann.

Spitex für das Gemeinwohl

Die Nonprofit-Spitex versorgt in der Schweiz über achtzig Prozent aller Menschen, die zu Hause sozialmedizinische Unterstützung erhalten. Als weitaus grösste spitalexterne Pflegeorganisation ist sie in mancher Hinsicht zwar gesamtschweizerisch organisiert, doch jeder einzelne Betrieb hat seine Besonderheiten, bedingt durch die dort arbeitenden Menschen, die Unternehmensphilosophie und nicht zuletzt durch die lokalpolitischen Gegebenheiten. Wegweisend für die öffentlich mitfinanzierten Angebote eines Spitex-Betriebs ist die Leistungsvereinbarung mit den zu versorgenden Gemeinden oder mit dem Kanton. Wünschenswert ist, dass die Spitex durch die politischen Beschlüsse finanziell gestärkt wird, um die bedarfsorientierte ambulante Versorgung zu sichern und zudem Versorgungslücken zu schliessen. Franziska Ryser, Geschäftsleiterin der Spitex Oberes Langetental in Huttwil (BE), betont: «Mir ist wichtig, der Bevölkerung anzubieten, was sie tatsächlich braucht. Die Menschen, welche heute im Pensionsalter sind, entscheiden bewusst, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen: für ambulante Leistungen und nicht für einen teuren, unpersönlichen Heimplatz. In Zukunft wird sich diese Haltung weiter verstärken.»

Vielerorts sind die Verantwortlichen der Spitex-Betriebe gefordert, innerhalb des Leistungsrahmens so gut wie möglich die steigende Nachfrage zu decken und sich zugleich für die Erweiterung der Leistungsaufträge zu engagieren. Besonders im Bereich der ambulanten Betreuung, die immer mehr Menschen benötigen. Viele alte Menschen sind nicht auf Pflege angewiesen, sondern auf Betreuung und Unterstützung im Alltag. Mehr als die Hälfte aller Spitex-Klientinnen und -Klienten sind zurzeit über achtzig Jahre alt. Doch der Anteil jener, die Pflegeleistungen beanspruchen, hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen – andere Formen der Unterstützung sind gefragter.

Gute Betreuung bedeutet würdevolles Altern

Wer Pflege erhält, wird oft auch betreut – für die Spitex-Mitarbeitenden eine Selbstverständlichkeit und einer der Gründe, weshalb sie ihren Beruf gewählt haben. Die Krankenkassen trennen aber die Pflege von der Betreuung, obwohl die Übergänge gerade bei Menschen mit einer Demenzerkrankung fliessend sind. Die explizite Betreuung ist keine verrechenbare Leistung. Franziska Ryser beschreibt eine alltägliche Situation: Laut Pflegeplanung für eine Frau, die manchmal verwirrt und desorientiert ist, geht es heute darum, sie beim Duschen zu unterstützen. Das will sie aber nicht und besteht darauf, mit der Pflegenden ein Fotoalbum anzuschauen und von Reisen mit ihrem verstorbenen Mann zu erzählen. Die Pflegende verbringt mit der Klientin eine wertvolle Betreuungszeit. Damit sie vergütet wird, trägt sie die Leistung als Grundpflege ein. «Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass die Krankenversicherer sich weigern, eine von uns begründete Leistung zu übernehmen, die sie als nicht kassenpflichtig einstufen», sagt Franziska Ryser. «Gerade mit Demenzbetroffenen sowie in psychiatrischen und onkologischen Situationen ist die Betreuung ein wichtiger Teil unserer Leistungen.»

Die erhöhte Lebenserwartung führt nach heutigem Wissensstand nicht zu längeren Phasen der Pflegebedürftigkeit. Aber es wird erwartet, dass es lange Phasen gibt, in denen der alte Mensch auf Unterstützung und Betreuung angewiesen ist.9 Vielleicht ist es morgens und abends notwendig, dass eine Pflegeperson hilft, die Stützstrümpfe an- und auszuziehen, doch tagsüber geht es in erster Linie um die Alltagsgestaltung mit sozialen Kontakten, Zuwendung, häuslichen Aktivitäten, Naturerlebnissen, mit sinnstiftenden Beschäftigungen. Dies sind nur einige wichtige Aspekte, welche die Betreuung umfassen sollte und die schon mit kleinen Gesten der Aufmerksamkeit beginnt. Familienangehörige leisten hier enorm viel, sind aber häufig ausgelastet. Eine privat bezahlte professionelle Betreuung können sich die meisten Menschen nicht leisten, weshalb viele zu früh und entgegen ihrem Wunsch in ein Alters- oder Pflegeheim ziehen müssen. Gute Betreuung bedeutet würdevolles Altern.10

Für Franziska Ryser und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ist klar, dass in der Betreuung ein grosses Potenzial für die Spitex-Betriebe liegt, die vielerorts schon jetzt innovative Wege gehen und sich selbst um die Finanzierung von Angeboten kümmern, welche nicht im Leistungsvertrag aufgeführt sind. Franziska Ryser sagt: «Wir schaffen Betreuungsangebote, die unverzichtbar werden, und irgendwann ist die Zeit hoffentlich reif und die Politikerinnen und Politiker beschliessen, die Leistungen zu finanzieren.»

Die Spitex in Huttwil betreibt eine Tagesstätte, um Menschen, die während der übrigen Zeit von Angehörigen umsorgt werden, stundenweise professionell betreuen zu können. In der Tagesstätte arbeitet eine Fachfrau Betreuung, deren Beruf bei der Spitex noch selten zu finden ist. Franziska Ryser verdeutlicht mit ihrer Personalpolitik, wie wichtig qualifizierte Betreuungsarbeit ist. Die Geschäftsleiterin hat neben den Pflegepersonen und den hauswirtschaftlichen Mitarbeiterinnen auch zwei Sozialpädagoginnen für Klientinnen und Klienten, die psychiatrische Unterstützung benötigen, angestellt. Die Leistungen der Nichtpflegenden lassen sich bei den Krankenkassen über die Grundpflege abrechnen, weil sie eine pflegerische Ausbildung mitbringen. Nach Möglichkeiten, Betreuungsangebote zu schaffen oder bestehende zu erweitern, suchen in der Schweiz auch andere Spitex-Basisorganisationen.11

Wer arbeitet bei der Spitex?

Alle Frauen und Männer der Spitex benötigen neben ihrer grossen fachlichen Kompetenz eine ausgeprägte Begabung für den Umgang mit den vielen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Bei der öffentlichen Spitex arbeiten vorwiegend diplomierte Pflegefachleute, Pflegehelferinnen, Fachangestellte Gesundheit sowie Haushelferinnen. Hinzu kommen die Fachleute in den Bereichen Betriebsleitung und Administration sowie viele Menschen, die eine Ausbildung oder ein Praktikum absolvieren. Bei einer Zunahme der Betreuungsangebote dürften Fachangestellte Betreuung und sozialpädagogisch qualifizierte Personen vermehrt in den Spitex-Teams zu finden sein.

Pflegende und hauswirtschaftliche Mitarbeiterinnen der Spitex sprechen vielfach von einem sozialen Beruf: Sie werden zu wichtigen Vertrauenspersonen, indem sie die Klientinnen und Klienten in der eigenen Umgebung kennenlernen, viel über ihr Leben und ihre Gewohnheiten erfahren, ihnen nahekommen und sie über eine längere Zeit begleiten. Die sozialen Aspekte machen den Beruf nicht weniger anspruchsvoll, sie bereichern ihn aber mit berührenden Begegnungen und Momenten, von denen die Menschen der Spitex oft erzählen.

Ruth Meyer


Diplomierte Pflegefachfrau HF, Spitex Thal (SO)


Von Weitem ist zu sehen, wo die Frühschicht begonnen hat. Hinter der nachtgrünen Wiese, im dritten Stock des höchsten Gebäudes, leuchtet ein Fensterband. Mitarbeiterinnen der Spitex Thal, einem Amtsbezirk des Kantons Solothurn, stimmen sich auf den Tag und ihre Touren ein. Das Wort «synchronisieren» ist da und dort zu vernehmen, inmitten der Begrüssungen und des munteren Austauschs von Erlebtem und Neuigkeiten. Die Daten von Computer und Tablet werden abgeglichen, unzählige elektronische Informationen müssen à jour sein, vor allem diejenigen der individuellen Pflegeplanung für die Klientinnen und Klienten. Ruth Meyer öffnet auf dem Tablet, ihrem ständigen Begleiter, die Morgentour und sieht, woran sie unbedingt denken muss: Sie hakt den Hausschlüssel von Frau Tobler12 an den Karabiner ihres Rucksacks und holt für Herrn Lanker die gefüllte Medikamentenbox aus dem Schrank. Alles weitere Material ist bereits vor Ort – würde unterwegs etwas fehlen, könnte es die Pflegefachfrau nicht einfach schnell im Büro holen gehen.

Im Tal zwischen den Höhenzügen des Solothurner Juras wohnen manche Menschen, die vorübergehend oder für unbestimmte Zeit auf Unterstützung angewiesen sind, weit auseinander. Die Region heisst Thal, ausgehend von Balsthal, dem Bezirkshauptort und Spitex-Stützpunkt. Der Leistungsauftrag für die ambulante Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner besteht für Balsthal und acht weitere Gemeinden: Aedermannsdorf, Gänsbrunnen, Herbetswil, Holderbank, Laupersdorf, Matzendorf, Mümliswil-Ramiswil und Welschenrohr. Bis zum kleinen Gänsbrunnen, das zuhinterst im Tal, auf der Nordseite des Weissensteinpasses liegt, sind es vom Spitex-Büro aus vierzig Autominuten.

Über dem Taleingang färbt sich der Himmel blaurot, als Ruth Meyer in ihr Auto steigt und zu Frau Tobler, der ersten Klientin, fährt. Sie ist um diese Uhrzeit bestimmt schon wach, kann jedoch nur mit Hilfe aufstehen, zu kraftlos sind ihre Beine. Anna Tobler ist 97 Jahre alt. Dank ambulanter Pflege lebte sie allein in Bern, bis ihre Tochter sie vor zehn Tagen zu sich holte und die Spitex Thal um Unterstützung für ihren Feriengast bat. Vorübergehend. Wie lange dieser Übergang dauern mag und wohin er führt, ist ungewiss. Zurück in die eigene Wohnung oder in ein Heim?

Ruth Meyer begleitet kranke und geschwächte Menschen, die sich aufgrund einer Veränderung neu orientieren müssen. Sie gehört zum spezialisierten, kleinen Übergangsteam, das gebildet wurde, weil einerseits die Spitäler die Aufenthaltszeiten verkürzen und andererseits die Patientinnen und Patienten möglichst bald nach Hause möchten. «Das sind Wechselwirkungen», stellt Ruth Meyer fest. «Die Spitäler entlassen Patienten nur deshalb frühzeitig, weil sie wissen, dass die Spitex die erforderliche Behandlung und Pflege weiterführt. Und wer selbst nach Hause drängt, kann nur gehen, wenn der nahtlose Wechsel zur ambulanten Pflege gewährleistet ist. Solche Überweisungen sind relativ häufig.» Im Übergangsteam arbeiten erfahrene diplomierte Pflegefachfrauen, «die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn es viele Neuanmeldungen hereinschneit». Das bedeutet: Am Morgen meldet das Spital oder ein Hausarzt manchmal mehrere Personen an, die an diesem Tag entlassen werden und bereits am Nachmittag oder am nächsten Tag von der Spitex besucht werden sollen, zum Beispiel, weil die Wunde nach einer Operation versorgt werden muss. Ruth Meyer lernt tagtäglich neue Klientinnen und Klienten kennen. Sie informiert sich im elektronischen Dossier über die Krankheitsgeschichte und die ärztlichen Verordnungen, erfährt Wesentliches jedoch erst vor Ort im persönlichen Gespräch: Was braucht es von der Spitex, damit das Alltagsleben trotz Einschränkungen gut gelingt? Wenn eine jüngere Frau nach einem Unfall die Schulter operieren lassen musste, erfährt Ruth Meyer im Abklärungsgespräch möglicherweise, dass die Klientin mit den Medikamenten problemlos zurechtkommt, für den Haushalt zwei hilfsbereite Nachbarinnen hat, die Spitex jedoch für die Körperpflege und das Lösen und Fixieren der Bandage benötigt. In dieser gut überschaubaren Situation entscheidet Ruth Meyer, die neue Klientin dem Pflegeteam zuzuteilen. Die nun folgenden, regelmässigen Einsätze können ohne Weiteres auch von Pflegehelferinnen oder Fachfrauen Gesundheit geleistet werden.


Frau Tobler hingegen wird in den ersten zwei Wochen morgens und abends von den diplomierten Pflegefachfrauen des Übergangsteams besucht, da sich jederzeit etwas verändern könnte und weil sie wenige, vertraute Menschen um sich haben sollte. «Für Demenzbetroffene finde ich das besonders wichtig», sagt Ruth Meyer. «Bei meinen ersten Besuchen wirkte die Klientin stark dement und verwirrt. Frau Tobler behauptete, am Bodensee zu sein und hart arbeiten zu müssen. Sie war missmutig und klagte viel. Es war wohl der Ortswechsel, der ihr zu schaffen gemacht hatte und eine Krise auslöste. Nun ist sie entspannter.» Ruth Meyer parkt vor dem Einfamilienhaus und startet auf dem Tablet die Einsatzzeit für Frau Tobler. «Nicht klingeln, eintreten, sich bemerkbar machen!» ist unter ihrem Namen speziell vermerkt. Vorgesehen sind fünfzig Minuten für die in der Pflegeplanung aufgeführten Leistungen: Ganzkörperpflege, Kompressionsverband, Hilfe beim Gehen vom Bett zum Rollstuhl, Verabreichung der Medikamente inklusive Inhalationstherapie. Wird Ruth Meyer ständig auf die Uhr schauen, um sich an die vorgegebene Zeit für die Pflegeschritte zu halten? «Ein Stück weit habe ich die Zeit im Gefühl, das mir sagt, wann ich bei der nächsten Klientin sein sollte. Doch wenn ich mal länger brauche, ist es begründet. Mit dieser Einstellung beginne ich jeden Einsatz.» Sollte sie mehrere Minuten verspätet sein, gäbe sie telefonisch Bescheid am nächsten Ort.

Anna Tobler liegt auf dem Rücken unter der Federdecke und hebt leicht den Kopf vom Kissen, als sie Ruth Meyers Stimme hört. «Ich bin schon lange wach. Die Sonne ist hinter der Haustüre, wo s’Liechtli brennt.» Im Zimmer ist die Schlafwärme zu spüren. Während Ruth Meyer die Hände desinfiziert und sich im engen Raum für die Arbeit einrichtet, unterhält sie sich mit der Frau.

«Nein, es tut mir nichts weh. Bin halt nicht wehleidig.»

«Das habe ich gemerkt, Frau Tobler.»

«Man muss lachen können. Es gibt sicher Patienten, die heulen. Warum? Sie sind ja hier, um mir zu helfen. Also muss ich es annehmen und das Möglichste daraus machen.»

«Das ist wunderbar», sagt Ruth Meyer.

«Dann bin ich das Wunder, und Sie sind bar», kommt es von Anna Tobler umgehend zurück.

«Eine schöne Antwort. So passt alles zusammen.»

Was die Pflegefachfrau tut, sagt sie vorher der Klientin. «Zuerst leere ich das Säckli. Sie können noch in der Wärme bleiben.» Frau Toblers Blase arbeitet nicht mehr selbstständig, weshalb sie einen Dauerkatheter braucht und morgens der Urinbeutel geleert wird. Als Ruth Meyer ins Badezimmer geht, wird sie von Anna Toblers Tochter angesprochen: «Wie steht es in Ihren Notizen wegen der Frotteewäsche? Sind die gelben Tücher für oben und die blauen für unten oder andersrum? Ach, spielt eigentlich keine Rolle, ich wasche sowieso häufig.» Geduldig erklärt Ruth Meyer, wohl nicht zum ersten Mal, sie verwende die helleren Farben für das Gesicht und den Oberkörper. Beginnen werde sie nun mit Dunkelblau. Sie legt das Frotteetuch über den linken Arm, lässt lauwarmes Wasser in ein Plastikbecken, legt einen dunkelblauen Lappen hinein und geht damit zu Frau Tobler ans Bett. «Ich bringe das Wasser, um Sie zu waschen, aber zuerst binde ich Ihre Beine ein. Dafür nehme ich Ihnen etwas von der Wärme.» Die Pflegefachfrau kniet sich am Fussende hin, schiebt das Duvet leicht zurück, greift blindlings nach rechts, wo sie zuvor die Körperlotion platziert hatte. «Ich massiere Ihnen die Füsse, die sollen Sie heute tragen.» Heute ist ein guter Tag. Die Wolken am Ferienort von Frau Tobler haben sich verzogen, ihre Stimme ist kräftig: «Ich mache alles mit, Sie müssen auch eine Freude haben.»

Nach der Fussmassage erhält sie einen Kompressionsverband, um den Kreislauf und die Gehkraft zu stärken. «Damit Ihnen nicht sturm wird, wenn Sie aufsitzen.» Von den Zehenwurzeln bis unter die Knie legt Ruth Meyer den Verband, nicht zu locker, nicht zu satt, mit routinierten Kreisbewegungen, die in ihrer Sorgsamkeit einmalig wirken. Anna Tobler macht wie versprochen mit, hebt das linke, dann das rechte Bein.

«Damit es ringer geht für Sie. Die Beine kann ich lange in der Luft halten. Ich übe im Bett halt immer.»

«Sie machen das gut. Können Sie die Zehen gut bewegen, drückt es nirgends?»

«Von hier oben aus gesehen, geht es gut.»


Zum Schluss stülpt die Pflegefachfrau erst dünne, beige Kompressionssocken, dann weiche, bunte Wollsocken über die Zehen. So wie es Frau Tobler seit Langem gewohnt ist. «Wichtig ist, jedes Mödeli der Leute zu kennen und beizubehalten», sagt Ruth Meyer. Deshalb berücksichtigt sie auch praktische Ideen von Angehörigen: Um den Kunststoffschlauch des Katheters wickelt die Tochter jeweils ein Leinentüchlein, das Frau Toblers empfindliche Haut schützen soll. Die Pflegefachfrau tut dies nun genauso. Sie hat blaue Einweghandschuhe angezogen und kontrolliert die heikle Eintrittsstelle des Katheters, bevor sie mit der Intimpflege beginnt.

«Ist die Wassertemperatur so recht?»

«Ja, ja, ich bin nicht heikel.»

«Das weiss ich, Frau Tobler. Nun gebe ich Ihnen ein Schüpfli, damit Sie sich auf die Seite drehen und ich das Gesäss waschen kann.»

«Manches möchte ich lieber nicht haben, aber ich reklamiere nicht. Wenn es ganz unangenehm wäre, würde ich es sagen.»

«Frau Tobler, Sie dürfen jederzeit sagen, wenn Sie etwas stört. Ich bin auch nicht heikel.»

«Das merke ich mir.»

Ruth Meyer denkt bereits weiter. Links, leicht oberhalb des Gesässes, hat die Klientin eine Druckstelle, die nicht wund oder gar entzündet werden darf. Um die Stelle zu kontrollieren, dreht sie Frau Tobler auf den Rücken zurück, umrundet das Bett und dreht sie nun auf die andere Seite.

«Das sieht besser aus, auftragen muss ich nichts. Aber diese Stelle müssen wir im Auge behalten.»

«So, so, ich sehe halt nicht um die Ecke.»

«Ich massiere das Gewebe um die gerötete Stelle. Das regt die heilende Durchblutung an.»

«Wovon kommt das denn?»

«Vom Druck. Sie liegen im Bett oft auf dem Rücken und sitzen im Rollstuhl darauf.»

«Aha. Und dann bin ich noch difficile.»

«Auf Druck reagieren wir alle empfindlich.»

Ruth Meyer zieht der liegenden Klientin eine weiche, bequeme Hose an, prüft, ob die Nähte nirgends drücken und bittet Frau Tobler, sich aufzurichten. Das geht heute gut, ohne Hilfe, genauso wie die drei kleinen Schritte bis zum Rollstuhl. «Mir ist nicht sturm, ich bin stark, habe schwer gelebt.» Der Rollstuhl passt knapp durch die Türöffnung des Badezimmers und vor das Lavabo.

«Für das Waschen von Gesicht und Oberkörper habe ich hier das Wasser schon bereit gemacht.»

«Bin ich sehr dreckig?»

«Ich glaube nicht», lacht Ruth Meyer und gibt der sitzenden Frau den feuchten, gelben Waschlappen in die rechte Hand. Anna Tobler schliesst die Augen und fährt sich langsam über das Gesicht. «Das ist schön. Wie wenn mich jemand streicheln würde.» Dann zeigt sie, wie gut sie heute den rechten Arm heben kann, der sie lange Zeit schmerzte. «Ich übe halt immer, und die Hand geht noch gut, das ist die Hauptsache.»

«Sie können noch viel machen, das ist wahr. Wenn Sie sich jetzt nach vorne beugen, wasche ich den Rücken.» Nach dem Abtrocknen reibt die Pflegefachfrau Kampfersalbe ein, weil das Anna Tobler ganz besonders mag.

«Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so verwöhnt worden.»

Während die munter gelaunte Frau in der Küche mit dem Inhalationsgerät ein- und ausatmet, räumt Ruth Meyer in Schlaf- und Badezimmer auf, lässt frische Luft herein und hört aus der Küche: «Das ist nur ein Spiel. Ich bin mich anderes gewohnt, weiss, was schwer arbeiten heisst.» Die Tochter hat die zahlreichen Medikamente auf einen Teller gelegt, und Frau Tobler schluckt sie blitzschnell mit Wasser. Ruth Meyer bringt die gereinigte Brille von Anna Tobler und überrascht damit die Tochter.

«Sie putzen sogar die Brille meiner Mutter? Kürzlich sagte ich zu ihr: Merkwürdig, deine Brille wird nie schmutzig.»

«Das gehört bei mir dazu. Ich sorge für einen klaren Blick.»


Frau Tobler blickt auf ihre Hände:

«Da sehen Sie, wie alt ich bin.»

«Genau, das sind Ihre Lebensspuren. Jetzt muss ich weiter.»

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