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Werner Gerl Der Goldvogel
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»Können Sie uns sagen, was Sie zwischen Trainingsende und Kemals Aufbruch gemacht haben?«, fuhr die Kommissarin fort.
»Komme gleich«, entgegnete der Kickboxer und verschwand in seiner Wohnung, um kurz darauf bei den Polizisten wieder aufzutauchen. »Muss ja nicht die ganze Nachbarschaft hören.«
Tischlers Neugier war langsam erwacht.
»Wir haben uns zwei Pornos reingezogen, skandinavisches Zeug, echt geil. Und uns mit ein paar Bierchen zugelötet. Ist ja noch nicht verboten, oder?« Leo hatte einen feindseligen Ton am Leib, möglicherweise war er in der Gegenwart von Polizisten aber auch nur unsicher, wie viele andere Leute.
»Nein, das ist ganz legal, wenn es sich nicht um Kinderpornos handelte«, meinte Mangel in seiner Überkorrektheit.
»Hey Mann, willst du sagen, ich stehe auf Kinderärsche, oder was?« Leo lief rot an.
»Das hat mein Kollege doch nicht gemeint«, beschwichtigte Tischler, die Leos erhöhten Adrenalinspiegel spürte. »Er wollte nur definieren, was legal und was illegal ist.«
»Will ich ihm auch raten. Mich nennt keiner Kinderficker.« Drohend schaute Leo Mangel an. »Was ist mit meinem Kumpel? Was hat er für eine Scheiße erlebt gestern? Hat ihn einer angemacht? Den mach ich kalt.«
»Hey Freundchen«, ging Tischler den Kickboxer scharf an. »Runter vom Gas. Und dass eines klar ist, die Fragen stellen wir.« Energisch und entschlossen blickte sie ihren Kontrahenten an. »Und wenn Sie Ihrem Kumpel helfen wollen, dann antworten Sie, klar?«
»Okay«, nickte Leo.
»Wir müssen zunächst wissen, wann Kemal Ihre Wohnung verlassen hat?«
»Scheiße, wann war das?« Leo dachte kurz nach. »So halb eins, eins. Später glaube ich fast nicht. Nein, das kommt hin.«
»Wie viele Biere hat jeder von euch getrunken?«
»Ein Sixpack. Meine Fresse, kann ich nicht mehr saufen, was ich will, Mann?«, rief Leo empört aus.
»Sind sechs Bierchen für Sportler wie euch nicht ein bisschen viel?«, fragte Tischler nach.
»Das steck ich locker weg. Und Kemal mittlerweile auch.«
»Mittlerweile?«
»Naja, früher hat er kaum was getrunken, aber seit seinem Unfall hat er den Alk entdeckt. Er lötet sich nicht jeden Tag voll zu, aber ein paar Bier säuft er schon am Abend«, erklärte Leo.
»Noch eine Frage: Wer hat Ihnen das Veilchen verpasst?«
»Ein Russe. Mieser Typ. Aber der hat mehr abbekommen. Der Arsch kann sich die nächste Zeit nicht mehr schnäuzen, ehrlich Mann«, meinte Leo hasserfüllt, aber voller Stolz, den Kampf siegreich beendet zu haben.
»Wann ist das passiert?«
»Vorgestern. Wir sind im Krieg mit den Russen. Wenn ich einen von den Drecksäcken seh, mach ich ihn platt.«
»Und Kemal?«
»Hat keinen Zoff mit den Scheißkerlen«, entgegnete Leo zögerlich.
»Aber die Russen wissen, dass er Ihr Kumpel ist«, folgerte Tischler.
»Klar. Haben diese Drecksäcke ihm gestern eine verpasst, oder was? Die mach ich alle, die haue ich in Stücke.« Leo geriet wieder in Rage.
»Wir wissen nicht, was gestern passiert ist und nicht einmal, ob etwas passiert ist, also reg dich jetzt mal ab, Kerl.« Tischler war angesichts der permanenten Aggression Leos so angefressen, dass sie in das Du verfiel. »Allerdings sind wir hier sowieso fertig. Sie sind entlassen und können wieder in Ihre Wohnung gehen.«
»Stopp mal, und was ist mit meinem Kumpel?« Breitbeinig und mit verschränkten Armen stellte sich Leo vor Tischler hin. Er war nicht gewillt, seinen Freund der Obhut der Polizisten zu überlassen.
»Mit dem machen wir einen kleinen Spaziergang«, erklärte Tischler.
Währenddessen ging Kemal zu Leo und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Mein Kumpel will, dass ich ihn begleite«, sagte Leo bestimmt.
Tischler hatte schon so etwas befürchtet. Aus Rücksicht auf Kemals fragilen Zustand willigte sie ein, wenngleich ihr die Aussicht nicht behagte, mit Mangel und dem adrenalingeladenen Kickboxer den restlichen Vormittag zu verbringen. In ihr reifte allerdings der Gedanke, der vermeintliche Mord sei nichts anderes als eine Bandenschlägerei. Insofern erwartete sie eine einfache Routineuntersuchung.
»Gut, dann marschieren wir mal los«, rief die Kommissarin zum Aufbruch. »Wenn ich die Zeichnung richtig verstanden habe, gingen Sie in der Nacht hier die Altöttinger Straße entlang.«
Kemal nickte wiederum.
»Woher will er das wissen?«, fragte Mangel nach. »Ich dachte, er kann sich an nichts mehr erinnern.«
»Weil er diesen Weg immer geht, Mann«, sagte Leo genervt.
Tischler atmete tief durch.
»Wir machen es jetzt so. Kemal und Leo gehen die rechte Straßenseite entlang und suchen nach Blut- oder Kampfspuren, Ralf und ich übernehmen die linke Straßenseite«, schlug die Kommissarin vor.
»Blutspuren? Hats nicht heute in der Nacht mal brutal geschifft? So um vier oder so?«
»Blut wäscht sich nicht so leicht weg. Wenn es einmal getrocknet ist, bleibt ein Fleck übrig, der auch vom Regen nicht entfernt wird. Chemisch betrachtet«, hob Mangel gerade zu einer kleinen Nachhilfestunde an, wurde aber von Tischler unterbrochen.
»Wir suchen also einen vertrockneten Blutfleck. Er kann auch recht klein sein. Also schauen Sie genau hin, meine Herren. Wir gehen den Weg nur einmal.«
Baumreihen flankierten auch die Altöttinger Straße. Die beiden langgezogenen Mietsblocks waren auf der einen Seite ockergelb und auf der anderen olivgrün, damit man sie unterschieden konnte. Außerdem standen die einen längs und die anderen quer zur Straße. Zwischen dem Asphalt und den Häusern befand sich ein einigermaßen breiter Fußgängerweg, den die beiden Duos entlangschlenderten.
Die Altöttinger Straße traf am Ende der Blockreihe auf eine Querstraße. Für Autos war die Weiterfahrt gesperrt. Kemal deutete an, dass man geradeaus weiter in den breiten Fußgängerweg gehen müsse. Die beiden Polizisten hatten auf ihrer Seite einen Sportplatz, gegenüber befand sich nun ein kleines Reihenhaus mit putzigen Vorstadtgärten, die allerdings von einer dicken Ligusterhecke vor allzu neugierigen Blicken geschützt waren. Schließlich führte der Weg an einer großen Kleingartensiedlung vorbei.
Forsythien leuchteten allerorten, teilweise mit Plastikeiern verschandelt. Einige fein säuberlich zugeschnittene Obstbäume blühten und entfalteten Ansätze ihrer weißen Pracht. Efeu überwucherte manche Zäune und Pforten, andere Gärten warteten mit sterilem englischem Rasen auf, von jeglichem anderen Grün befreit, auf den Millimeter geschnitten.
Der Weg wurde hier breiter, auch durch die Parkbuchten. Man musste genauer schauen, weil die Fläche größer war. Schweigend tasteten sie den Boden mit ihren Augen ab. Da bemerkte die Kommissarin, dass die beiden Kickboxer stehen geblieben und in die Hocke gegangen waren.
»Habt ihr etwas entdeckt?«, rief Tischler.
»Kann sein. Schaut Scheiße nach Blut aus, da!«, antwortete Leo.
Schnell überquerten die Polizisten die Straße. Tatsächlich befanden sich auf dem Boden mehrere kleine dunkle Flecken.
»Ich bin mir nicht sicher, ob es sich hier um Blut handelt«, kommentierte Mangel.
»Das sieht doch ein Blinder, Mann, dass das Blut ist. Was wärs denn sonst? Rotwein oder was?« Leo war sofort aggressiv, kaum dass der Polizist den Mund aufmachte.
»Mit bloßem Auge lässt sich das nicht eindeutig klären«, entgegnete Tischler.
»Sollen wir die Spurensicherung holen?«, fragte Mangel.
»Würde nicht schaden. Im Gegensatz zu eurer Anwesenheit«, sagte sie zu den beiden Jungs. »Wenn es sich hier um einen Tatort handelt, seid ihr gerade munter am Spurenverwischen. Also tretet bitte ganz sachte ein paar Schritte zurück.«
Die Kickboxer taten, wie ihnen befohlen wurde. Mangel telefonierte mit den Kollegen von der Spurensicherung und Tischler schaute sich weiträumig den potenziellen Tatort an. Der Weg verbreiterte sich hier, denn es war ein kleiner Parkplatz für rund acht Autos angelegt. Auf Schildern stand zu lesen, das Parken sei nur Kleingärtnern erlaubt.
Auf dem Parkplatz lag Rollsplitt, nicht allzu viel, aber genügend, um gewisse Spuren, gewisse Unregelmäßigkeiten zu erkennen. Tischler nahm eine schmale Bahn von etwa einem Meter Länge wahr. Möglicherweise war hier jemand ausrutscht und hingefallen.
Etwa drei Meter von der Stelle entfernt parkte ein Auto, ein roter Ford Fiesta mit Münchner Kennzeichen. Der Wagen hatte einen Platten, stand also vermutlich schon gestern da. Etwa einen halben Meter vor der Fahrertür befanden sich nochmals langgezogene Fußspuren. Langsam ging die Kommissarin auf das Auto zu. Es glänzte in der Sonne, allerdings nur an einer Stelle, und zwar an der Beifahrertür. Sie war offensichtlich eingedellt.
Tischler beugte sich und betrachtete die Stelle genau. Es handelte sich um eine frische Beule, nicht allzu groß. Das wäre nicht weiter erstaunlich gewesen, wäre nicht dieser besondere Glanz gewesen. Bei näherem Hinsehen erhärtete sich Tischlers Verdacht. Es war Goldstaub.
06 Der schöne Tag lockte die Schrebergärtner des Münchner Ostens in ihre Parzellen. Erstaunt nahmen sie wahr, dass man einen Teil des Parkplatzes abgeriegelt hatte. Zwei Männer, die mit ihren Plastikhandschuhen und ihrer sonderbaren Kleidung ein wenig nach Außerirdischen aussahen, tummelten sich innerhalb der Absperrung. Davor standen eine Frau und ein Mann, die vergeblich versuchten, die Schaulustigen zu vertreiben wie Wespen im September.
Tischler wollte kein allzu großes Aufsehen erregen und hatte deshalb auf die Kollegen von der Schutzpolizei verzichtet, was sie angesichts der penetranten Schaulust bitter bereute.
»Wenn ich noch einmal ›Hier gibts nichts zu sehen‹ und ›Lediglich eine Routineuntersuchung‹ sagen muss, dann kotze ich«, gestand die Kommissarin Mangel.
»Machs nicht, denk an die Sauerei!«, entgegnete Mangel ungewohnt trocken.
»Woher weißt du, dass ich deine Jacke als Kotztüte benutzen wollte?«, fragte ihn Tischler ironisch.
»Ich danke dir, Barbara«, meinte Paul Siewert, der die Absperrung verlassen hatte und zu den Polizisten gegangen war.
»Ich wüsste nicht, wofür.«
»Ganz einfach, dir habe ich es zu verdanken, dass ich heute nicht acht Stunden in einem muffigen Labor und einem noch muffigeren Büro darbe, sondern ein bisschen in die Sonne komme. Da hat man ja richtig Frühlingsgefühle, auch wenn man so romantische Tätigkeiten verrichtet wie Blutflecken abkratzen.«
»Na, deine Frau wirds mir noch danken, wenn du wegen mir Aprilschmetterlinge im Bauch bekommst«, meinte Tischler etwas anzüglich. »Es handelt sich also wirklich um Blutflecken?«
»Was hast du gedacht? Dass die hier Rotwein ausgekippt haben?«
»Den Spruch habe ich heute schon aus weniger berufenem Mund vernommen.«
»Nein, du hast Recht. Hundertprozentig kann man sich nicht sicher sein, aber mein geübtes Auge sagt mir, dass das Blut ist, möglicherweise von mehreren Personen. Aber Genaueres erfährst du heute Abend.«
»Was sagst du zu den Spuren auf dem Rollsplit?«
»Die sind fast noch eindeutiger als die Blutflecken. Da ist einer ausgerutscht. Ob ein Schlag oder ein Kampf vorausging, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall hatte derjenige, der zu Boden ging, mit höchster Wahrscheinlichkeit einen speziellen Gegenstand dabei.«
»Einen goldigen Gegenstand?«, riet Tischler und hob die Augenbrauen.
»So ist es. Könnte ein großer Pokal gewesen sein oder dergleichen. Die Spuren im Lack sind auf jeden Fall frisch.« Plötzlich nieste Siewert mehrmals hintereinander, als hätte er ein Munitionsdepot in der Nase.
»Das sind wohl auch Frühlingsgefühle, allerdings der unangenehmen Art«, meinte Tischler süffisant.
»So ist es. Birken, die sind die Schuldigen. Und davon gibts in den Schrebergärten wohl einige«, entgegnete Siewert und schnäuzte kräftig.
»Woher kamen die Leute, die diese Spuren hinterließen?«, wollte Tischler noch wissen.
»Das kann ich nicht genau sagen, der Regen in den Morgenstunden hat wohl einiges weggewaschen. Aber ich vermute, aus dem südlichen Gartenabschnitt.«
Siewert deutete auf das Portal neben dem Parkplatz.
»Du meinst also, dass zwei Leute in der Nacht aus der Gartenkolonie gerannt kamen. Einer hat einen goldenen Gegenstand dabei, den er möglicherweise gestohlen hatte. Er wird von dem Mann, dem das wertvolle Stück gehört, niedergeschlagen oder zumindest in eine Rauferei verstrickt.«
»Das ist alles denkbar, aber pure Spekulation.« Siewert nieste noch einmal kräftig und fluchte auf die Birken.
»Wie kommt nun unser Kemal ins Spiel? Hat er die beiden bei ihrer Schlägerei überrascht? Wurde wirklich einer von den beiden ermordet? Wo ist dann der Tote? Wo ist der goldene Gegenstand?«
»Das klingt nach einer Menge Arbeit, Barbara. Forsch mal nach. Ich kümmere mich inzwischen um die Blutproben hier und vergleiche sie mit den Blutspritzern auf Kemals Kleidung. Bis dahin solltest du aber auch daran denken, dass wir hier nur einen Vielleicht-Tatort haben. Vielleicht ist jemand gestern Abend hier ausgerutscht? Und ein anderer hatte schweres Nasenbluten? Ist alles möglich. Oder vielleicht ist das hier nur Ochsenblut?«
Siewert packte seine Utensilien zusammen und bedeutete seinem Gehilfen, er solle sich zum Aufbruch bereit machen.
»Das heißt, Kemals Mord, den er möglicherweise beobachtete, könnte auch an einem anderen Ort stattgefunden haben.«
»Das heißt das wohl«, grinste der Spurenexperte, der genau wusste, was dieser Schluss für die Kommissarin bedeutete.
»Dann marschieren wir mal bis Kemals Wohnung, Ralf. Auf gehts. Wir drehen eine kleine Runde durch den Ostpark. Und immer die Augen offen halten, wir könnten ja einen Blutfleck entdecken.«
Überrascht blickte Mangel seine Chefin an. Er war felsenfest davon überzeugt, hier den Tatort vor sich zu haben.
»Nein, der könnte auch anderswo sein«, korrigierte ihn Tischler. Dann holten sie Kemal von seinem Freund ab, wo sie ihn während der Untersuchung deponiert hatten. Aus Rücksicht auf ihren Kollegen wimmelte Tischler diesmal jedoch Leo ab. Sie wollte nicht riskieren, dass es auf dem Weg nach Neuperlach einen weiteren Blutfleck gab.
Als sich die Tür öffnete, erblickte David Walker ein altbekanntes Gesicht. Man hatte sich gestern schon zweimal gesehen, einmal allerdings im Dunklen. Das war einmal zu viel. Er hatte seinen Kontrahenten unterschätzt und einen Fehler begangen, einen amateurhaften Fehler. Wie konnte ihm das bei seiner Erfahrung passieren? Doch Routine ist oft der Feind der Konzentration.
Sein Gegenspieler hielt etwas linkisch ein Fleischmesser in der Hand, vermutlich die schärfste Waffe, die er in seinem Haus hatte.
»Steck den Zahnstocher wieder ein, ich bin am Ende«, keuchte Walker.
»Sicher ist sicher«, entgegnete der Mann und hielt das Messer weiterhin kampfbereit. »Sie haben gestern schon versucht, mich aufs Kreuz zu legen. Außerdem sind Sie ein Profi, Mr. Walker.«
»Aber nur ein professioneller Dieb, kein professioneller Schauspieler.« Seine Schmerzen waren wieder unerträglich geworden. Die kleinste Regung ließ sein Hirn explodieren. »Ich brauche einen Arzt, Mann«, bat er fast flehentlich. »Mein Schädel ist zertrümmert.«
»Erst will ich wissen, wo du meine Figur hast?« Der Mann versuchte, einen möglichst rauen, bestimmten Ton anzustimmen. Er wollte wie ein knallharter Gangster klingen.
»Ich hab keine Ahnung, wo der Vogel hingeflattert ist.«
»Verarsch mich nicht, du Mistkerl«, giftete der Mann und stieß Walker mit der linken Faust gegen den Kopf, dass dieser laut aufschrie.
»Mach das nicht, Mann«, wimmerte er. »Ich muss ins Krankenhaus. Sofort.«
»Erst wenn ich meine Plastik zurück habe.«
»Okay. Sie ist in meinem Wagen, ein schwarzer Chevrolet Camaro.« Walker wusste, dass er verloren hatte und er auspacken musste, wenn er überleben wollte.
»Schickes Auto. Dein Handwerk hat goldenen Boden.«
»Ist ein Leihauto, nichts zum Angeben.« Dann nannte Walker das Kennzeichen und den genauen Standort.
»Und der Schlüssel?« Der Mann streckte die Hand aus und machte eine ungeduldige, bittende Bewegung.
Walker keuchte, er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Langsam setzte er sich auf den Stuhl. Er griff in seine Hosentasche und zog ein Bündel mit Schlüsseln hervor.
»Da haben wir ein kleines Problem.« Walker durchsuchte den Schlüsselbund. Es wurde ihm immer wieder schwarz vor Augen. »Hier. Der müsste passen«, sagte er zu dem Mann und zeigte ihm einen bestimmten Schlüssel, der in keiner Weise aussah wie ein Original von Chevrolet. »Wenn nicht, hast du Pech gehabt und die Sirene geht los.«
Dann nahm der Mann den Schlüssel. Er betrachtete den ganzen Bund. So etwas hatte er schon einmal gesehen, als er einen Schlüsseldienst kommen lassen musste, weil er sich ausgesperrt hatte. Über 200 Euro hatte ihn seine Schusseligkeit gekostet. Das waren keine normalen Schlüssel, das waren Dietriche, die ganze Ausrüstung des genialen Einbrechers. Sicherheitshalber nahm er den Bund an sich. Walker war sicher nicht nur ein geübter Ein-, sondern auch Ausbrecher.
»Ich hoffe für dich, dass du nicht gelogen hast. Wenn ich meine Figur finde, fahre ich dich sofort ins nächste Krankenhaus. Wir müssen uns allerdings eine hübsche Geschichte zurechtlegen, wie das mit deinem Kopf passiert ist.«
»Ist in Ordnung. Du kannst dir vorstellen, dass ich noch weniger Interesse daran habe als du, die Wahrheit zu erzählen.«
»Ja, das glaube ich auch. Übrigens, in wie vielen Ländern wirst du eigentlich gesucht?«
»In gar keinem. Ich war nicht so dämlich und habe mich erwischen lassen«, log Walker.
»Ach, dann bin ich der Erste gewesen. Welch Ehre. Denn dein Ruf ist dir vorausgeeilt. Sonst hätte ich dir gestern auch nicht aufgelauert. Ich habe dir einfach nicht getraut.«
Der Mann lächelte. Er war stolz auf seinen Spürsinn.
»Du bist einfach zu clever für mich. Und jetzt gib Gummi, Mann, mein Schädel explodiert.«
»Soll ich noch ein paar Aspirin plus C runter bringen?«, fragte der Mann spöttisch.
»Verpiss dich. Ich brauche einen OP-Saal, keine Tabletten.«
Daraufhin zog sich der Mann zurück und verschloss die Tür.
07 Auf dem Weg durch den Ostpark entdeckten die Polizisten keine weiteren Blut- oder Kampfspuren. Tischler kam lediglich zur Erkenntnis, dass Kemal einen verdammt weiten Nachhauseweg hatte. Selbst wenn er schnell ging, war er eine dreiviertel Stunde unterwegs. Sie hatte Respekt vor dem Jungen, aber auch ein wenig Mitleid.
Bis zu seinem Unfall war Kemal ein mustergültiger Sportler und ein guter Schüler gewesen. Der Blitzeinschlag hatte ihn jedoch aus der Bahn geworfen. Langsam erst fing er sich wieder. Und ein Silberstreif am Horizont war sichtbar. Da er mit dem Sprechen Fortschritte machte, wollte er sich im Wintersemester an der Universität für Sportwissenschaften einschreiben. Die mysteriösen Vorkommnisse der letzten Nacht und vor allem die Folgen, nämlich sein Rückfall in die Sprachlosigkeit, machten ihm allerdings schwer zu schaffen. Was würde er tun, wenn er ein Referat an der Uni zu halten hatte? Solche Fragen gingen ihm durch den Kopf, als er seine Wohnung in Neuperlach erreichte.
»Respekt, Kemal. Die Strecke gehen Sie in der Nacht und das auch noch mit ein paar Bierchen im Leib«, meinte Tischler anerkennend. »Das wäre nichts für mich. Bevor ich Sie entlasse, möchte ich noch ein paar Dinge mit Ihnen abklären.«
Kemal blickte die Kommissarin erwartungsvoll an.
»Gehen Sie in der nächsten Zeit ans Telefon?«
Der Kickboxer schüttelte vehement den Kopf. »Nur Handy«, flüsterte er ergänzend.
»Gut, die Nummer haben wir ja. Dann erübrigt es sich, dass wir Ihren Anschluss abhören lassen. Wünschen Sie Polizeischutz?«
Wiederum schüttelte Kemal den Kopf.
»Nein? Dann bedenken Sie aber bitte, dass Sie in Gefahr sind. Sollten Sie wirklich einen Mord gesehen haben, haben Sie den Mörder gesehen, es jedoch vergessen! Der Mörder aber kennt Sie, weiß nichts von Ihrer Krankheit und muss davon ausgehen, dass Sie ihn wiedererkennen.«
Kemal wedelte mit den Händen, was seine Ablehnung des Polizeischutzes verstärken sollte.
»Ich möchte aber nicht, dass Sie hier allein leben. Das ist zu gefährlich. Sie sind möglicherweise Zeuge in einem Mordfall und ich muss Sie schützen. Haben Sie eine Vertrauensperson, die bei Ihnen schlafen kann oder – was mir noch lieber wäre – bei der Sie schlafen können.«
Kemal überlegte kurz und nickte dann. »Meine Schwester Aische«, hauchte er.
»Wollen Sie bei Ihr wohnen?«
Wiederum bejahte der Kickboxer die Antwort.
»Ralf, gib ihm bitte deinen Block. Kemal soll Adresse und Telefonnummer der Schwester notieren.«
Kemal schrieb mit krakeligen Buchstaben, was man von ihm wollte. Dann verabschiedete er sich. Die Kommissarin bestand allerdings darauf, noch mit in seine Wohnung zu kommen. Man wusste ja nicht, ob nicht ein Killer wartete. Doch die Wohnung war leer, auf dem Anrufbeantworter keine Nachricht. Beruhigt gingen die Polizisten wieder hinunter.
»Und nun?«, fragte Mangel unentschlossen.
»Nun rufen wir uns erst mal ein Taxi. Ich geh die Strecke auf jeden Fall nicht zurück.«
»Denk an unsere Spesenrechnung.«
»Ich denke Tag und Nacht an nichts anderes«, meinte Tischler.
»Vor zwei Monaten hast du einen Anschiss bekommen, weil sie so hoch war.«
»Da musste ich aber auch undercover in einem Zwei-Sterne-Restaurant ermitteln und in so einem noblen Futter-Trog kann ich mir ja wohl keinen Cheeseburger bestellen«, entgegnete Tischler und zückte ihr Handy.
»Ich habs ja nicht mit Scampi im Trüffelsabayon«, gestand Mangel.
»Ich weiß, Ralf. Du bist ein Schweinsbraten-Jünger und Weißwurst-Guru.«
»Meine Mama hat den besten Krustenbraten der ganzen Hallertau gezaubert. Nach dem hätte sich dein Sterne-Koch die Finger geleckt.«
»Ganz sicher. Aber wie du dich vielleicht erinnern kannst, wurde meinem Mordopfer, diesem Spitzenkoch, ein Küchenbeil in den Kopf gerammt. Der schleckt vielleicht noch die Radieschen von unten ab. Ganz ohne Salz, also ganz unbayrisch.«
»Barbara, du redest oft wie eine Zuagroaste«, beschwerte sich Mangel.
»Nein, ich bin in München geboren, du in Niederbayern, das ist der ganze Unterschied.«
»Einigen wir uns darauf: du bist in München aufgewachsen, ich in Bayern.«
»In Ordnung.«
In diesem Moment fuhr das Taxi heran und beendete das weißblaue Streitgespräch.
»Wo solls denn hingehen?«, fragte der Fahrer, ein Mittvierziger mit schütterem Haar und Pferdeschwanz, der sie wenige Minuten später am Kampfsportzentrum in der Schlüsselbergstraße wieder aussteigen ließ.
»Ich hab da eine Theorie«, hob Mangel an, als er in den Dienstwagen einstieg.
»Ich brenne darauf, sie zu erfahren.«
»Die Russen, mit denen dieser Leo im Clinch liegt, die hab ich im Visier.«
»Weil sie Russen sind?«
»Nein.«
»Weil sie Wodka trinken und für sündteures Geld Fischeier verkaufen?«
»Nein«, antwortete Mangel mit einem Anflug von Ärger. »Lass mich halt ausreden. Diese Gangs halten zusammen, egal, was passiert. Die lauern Kemal auf, folgen ihm bis zu den Kleingärtnern und fallen über ihn her.«
»Daran habe ich auch schon gedacht, aber woher kommen die Goldspuren in der Fahrertür?«
Fast mitleidig grinste Mangel. »Barbara, diese Russen tragen doch alle Goldkettchen und Goldringe. Einer von denen bekommt einen Tritt von Kemal und saust gegen den Wagen. Bumms. Schon haben wir die schönste Delle mit Goldstaub.«
»Verwechselst du die Russen nicht mit den Zuhältern aus den Achtzigerjahren?«, fragte Tischler nach. »Und dann wäre die Sache mit dem beobachteten Mord. Kemal hätte diese Nachricht an sich selbst auf keinen Fall geschrieben, wenn er in eine Schlägerei verwickelt worden wäre.«
»Stimmt. Daran habe ich schon auch gedacht. Ich glaube, dass Leo von seinem Balkon aus beobachtet hat, wie seinem Freund ein paar Russen nachgestiegen sind. Er macht sich auf die Socken, stößt später hinzu und macht einen Russen platt.«
»Dann hätte sich Kemal niemals die Notiz ›Habe vielleicht Mord gesehen‹ geschrieben. Außerdem: Wo steckt die Leiche? Die Russen-Gang hätte keinen Grund, Leo nicht anzuzeigen oder ihn zu attackieren.«