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Werner Gerl Der Goldvogel
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»So ist es«, bestätigte der Fachmann. »Wahlweise kannst du auch Zitronen, Milch und Tintenkiller benutzen, wenn du jemandem eine Botschaft schicken willst, die nur Eingeweihte lesen können.«
»Und wie macht man sie wieder sichtbar? Ich fürchte, meine Erinnerung an die Sendung mit der Maus ist hier ein wenig verblasst.«
»Ganz einfach: erwärmen. Im Prinzip reicht eine Kerze, aber wir wollen etwas vorsichtiger sein mit dem guten Stück und keinen Brand riskieren.«
Siewert stand auf und verschwand. Nach kurzer Zeit kam er mit einer Wärmelampe zurück. Sie war verchromt und hatte einen schweren Standfuß sowie einen Panzerschlauch.
»Stylisches Teil«, meinte Tischler und pfiff anerkennend.
»War auch nicht ganz billig. Die nimmt man in besseren Restaurants her, um das Essen warm zu halten. Zweihundertfünfzig Watt hat die Birne. Damit mache ich dir alle Tinten aus dem Kinderfernsehen sichtbar.« Siewert steckte die Lampe ein und stellte sie auf den Tisch.
»Gibt es noch andere?«
»Aber klar. Es gibt noch einige andere Möglichkeiten wie Phenolphthaleinlösung oder Kaliumrhodanid, aber da brauchst du auch einen Chemiebaukasten, um die Schrift lesbar zu machen. Und das halte ich denn doch für ausgeschlossen. Ich meine, dieser Polonius hätte wissen müssen, dass eine geheime Botschaft auf ihn wartet und wie er diese entziffern kann. Hat er aber offensichtlich nicht. Insofern wäre es ein sinnloses Unterfangen. Wenn du mich fragst, glaube ich allerdings auch nicht an Essig und Zitronensaft-Botschaften. Aber wir werdens gleich sehen.«
Siewert schaltete die Lampe ein und legte das Papier darunter. Gespannt blickten zwei Augenpaare auf das Blatt, doch es tat sich nichts.
»Das wars«, meinte Siewert lakonisch nach kurzer Zeit. »Keine geheime Botschaft. Schade. Irgendwie hätte mich das auch gefreut.«
»Mich auch. Tja, dann verschwinde ich mal wieder«, meinte Tischler, die eine gewisse Enttäuschung nicht verleugnen konnte.
»Moment, junge Frau, wo willst du denn hin. Wir wollten uns doch noch mit der Handschrift auf dem Kuvert beschäftigen. Die müssen wir mit der von der Sibowska vergleichen.«
»Klar, aber das müssen die vom LKA übernehmen.«
»Mitnichten. Das kann ich auch«, meinte Siewert, der ausgesprochen gern mit Tischler zusammenarbeitete. Er schätzte ihren Humor. Und ihre Verbissenheit.
»Haben wir denn noch Vergleichsmaterial?«, fragte Tischler erstaunt.
»Aber klar doch«, grinste Siewert. »Meinst du, ich habe den Fuzzies vom LKA alles gegeben, ohne Kopien zu machen? Das war unser Fall.«
Tischler klopfte ihm anerkennend auf die Schultern. »Gut gemacht, Soldat. Dann auf in die Schlacht.«
Siewert räumte seine Utensilien auf, verschweißte den Brief mit den Fingerabdrücken und gab ihn der Kommissarin. »Die lassen wir später durch den Computer laufen, mal schauen, ob wir unseren Brieffreund kennen.«
Dann gingen sie in Siewerts kleines Büro. Es war eng und ungemütlich. Für Pflanzen war darin kein Platz und Bilder oder anderer Wandschmuck waren für den prosaischen Spurensucher überflüssiger Schnickschnack. Er ließ sich in seinen Drehstuhl fallen und rollte zu einem metallenen Wandschrank, den er mit einem Ruck öffnete. Auf den ersten Griff hatte er die Akte Sibowska in der Hand. Mit einem dumpfen Knall ließ er sie auf seinen aufgeräumten Schreibtisch fallen.
»Wieso hast du eigentlich Schriftproben von der Sibowska genommen? Kann mich nicht erinnern, dass das bei den ersten Untersuchungen eine Rolle gespielt hätte«, meinte Tischler, als Siewert zwei von der Sekretärin beschriebene Blätter aus seinem Folianten zog.
»Routine, Barbara. Routine. Diese beiden Seiten lagen auf ihrem Schreibtisch. Sie muss sie an ihrem letzten Erdentag beschrieben haben. Und das heißt, vielleicht liefern sie uns irgendwann einmal entscheidende Hinweise.« Siewert zog die Kopien aus der Hülle und breitete sie aus. Daneben legte er den Briefumschlag.
»Keine Frage. Was hat sie denn geschrieben? Einen Liebesbrief an ihren unbekannten Lover? Oder eine Ode an die Melancholie? Oder eine kryptische Botschaft an die Russenmafia?«
»Nein, nein. Das eine Blatt besteht aus Arbeitsnotizen.«
Siewert schob es der Kommissarin zu, die das Papier aufmerksam studierte.
»15 Uhr Termin mit Seibusch verschieben, Brief an Markwort nicht vergessen, Toner bestellen. Das ist eine Art To-do-Liste. Wenn mir nichts Doppeldeutiges entgangen ist, hat das alles für uns keinen großen Erkenntniswert.«
»Vermutlich. Außerdem müssen sich damit die LKA-Fuzzies rumschlagen.«
»Du scheinst mir weitaus angesäuerter zu sein von der feindlichen Übernahme unseres Falles als ich«, stellte Tischler fest.
»Ja klar, wer gibt schon gern sein Kind her? Außerdem, was bitte wollen die herausfinden, was wir nicht könnten?«
»Das sind Spezialisten für organisierte Kriminalität. Die haben in der Beziehung wesentlich mehr Ahnung von der Materie als ich«, gab die Kommissarin unumwunden zu. »Diesen Boris Bylkow kenne ich beispielsweise gar nicht. Wenn du mir erzählt hättest, das wäre ein sibirischer Kaviarfischer, hätte ich es glatt geglaubt.«
»Sibirischer Kaviarfischer«, lachte Siewert, »auch nicht schlecht. Aber welchen Beweis hatten die für Bylkows Schuld? Keinen. Reine Mutmaßungen.«
»Stimmt, aber so beginnt bei uns halt meist die Arbeit.« Tischler zuckte kaum merklich mit den Schultern. Gerade bei den verzwickten Fälle baute man sich erst einmal wackelige Gerüste aus Annahmen, die bei leichtesten Erdstößen in sich zusammenbrachen.
»Mag sein, aber ich fühle mich zurückgestuft und unterschätzt, fast schon ein bisschen missachtet.«
»Dann stellen wir die verlorene Ehre des Paul Siewert wieder her und knacken das Geheimnis des leeren Briefes. Was steht denn auf dem zweiten Blatt? Was Interessanteres oder ihre Einkaufsliste für Aldi?«
»Nein, offensichtlich Notizen für einen Brief. Schau sie dir selbst mal an.«
Siewert schob der Kommissarin die Kopie über den Schreibtisch.
»Du hast Recht«, meinte Tischler, nachdem sie die Seite genau studiert hatte, »das ist ein Entwurf für einen Brief, und zwar an Jürgen Mielbach.«
»Soll mir der Name was sagen? Zu welcher Mafiagruppe gehört der?«
»Zur Bauunternehmermafia«, entgegnete Tischler trocken.
»Oh, gleich die allerschlimmste Sorte«, lachte Siewert.
»Mielbach hatte vor ein paar Monaten einen saftigen Korruptionsprozess am Hals. Ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern, aber er hat einige Leute in diversen städtischen Bauämtern subventioniert, um an öffentliche Aufträge zu kommen.«
»Das ist doch keine Straftat. Das machen doch alle«, meinte Siewert lakonisch.
»Schon, aber Mielbach hat wohl den Bogen überspannt. Aufgeflogen ist sein ganzer Sumpf, weil er sich die Genehmigung für ein Einkaufszentrum in einem Naturschutzgebiet mit einer Finca auf Mallorca erkauft hat.«
»Oh Gott, eine Finca auf Mallorca!« Theatralisch verdrehte Siewert die Augen und hob die Hände flehend zum Himmel. »Barbara, warum arbeiten wir nicht im Bauamt?«
»Wahrscheinlich weil ich gar nicht nach Malle will. Zu heiß, zu viele Teutonen auf dem Grill. Nichts für mich.«
»Du Kostverächterin. Die Insel ist wunderschön, zumindest abseits vom Ballermann. Zieht es dich mehr nach Norden?«
»Nein, so masochistisch bin ich auch nicht veranlagt. Mir reicht der lange Winter hier. Und dass in jedem zweiten Sommer die Regenjacke zum wichtigsten Kleidungsstück wird. Danke. Nein. Ich fahre gern in den Süden, aber ich mag einfach keine Menschenmassen. Der Kampf um den täglichen Handtuchplatz, da vergeht mir die Lust am Urlaub.«
»Verstehe ich«, entgegnete Siewert, »aber Sandra ist auf die Balearen abonniert. Da kann ich nichts machen. Die Frauen sind nun mal die Stärkeren in der Beziehung.«
Das Thema wollte Tischler allerdings weiträumig umschiffen, deshalb wandte sie sich demonstrativ wieder dem Brief zu.
»Wallenberg war offensichtlich der Staatsanwalt in dem Prozess gegen Mielbach. Wenn ich mir aus diesen Stichpunkten das gesamte Schreiben zusammenreime, würde ich sagen, Wallenberg bestätigt, dass das Verfahren nach Ableistung einer Geldbuße eingestellt wird und keine weiteren Ermittlungen erfolgen.«
»Der Obergangster ist also mal wieder davongekommen, während wir nach dem dritten Mal schwarzfahren schon eingesperrt werden«, seufzte Siewert.
»Übertreib nicht, erst nach dem vierten Mal bekommst du ein Ticket nach Stadelheim. Aber weißt du, an diesen Notizen ist etwas seltsam.«
»Dann schieß mal los«, meinte Siewert neugierig.
»Da steht am Ende eine Art Schlussfloskel. ›Dank für Kooperation‹.«
»Und was ist daran so komisch? Das könntest du auch zu deinen geständigen Mördern sagen.«
»Jaja, das schon. Aber Olga Sibowska hat diese Formel mit einem Smiley versehen.«
Tischler zeigte ihrem Kollegen den Brief. Erstaunt sah er, dass die Sekretärin offensichtlich als Kommentar zu dieser Notiz ein grinsendes Gesicht gezeichnet hatte.
»Sag mal, die Sibowska galt doch eigentlich als die personifizierte Seriosität?«, wunderte sich Siewert über den Smiley. »Das sieht ihr gar nicht ähnlich.«
»Stimmt, aber darüber sollen sich die Herren vom LKA kümmern, nicht wir. Aber die Handschrift, die vergleichen wir noch.«
»Kein Problem«, entgegnete Siewert. »Ich denke, das schaffe ich auch ohne technische Hilfsmittel. Auf den ersten Blick würde ich sagen, eindeutig dieselbe Handschrift und auf den zweiten Blick …«
Der Fachmann für Spurenanalyse nestelte an seiner Brille herum und legte die Zeigefinger auf je einen Buchstaben auf dem Notizblatt und auf dem Kuvert.
»Hier, vergleiche das kleine b in Sibowska«, er deutete auf den Absender links oben auf dem Umschlag, »mit demselben Buchstaben hier bei dem Namen Mielbach. Was fällt dir auf?«
»Der Strich oberhalb des Buchstabenbauches ist geschwungen, fast schon wie eine kleine Schlange.«
»Tja, da konnte die Sibowska wohl ihre Herkunft nicht verleugnen. Im kyrillischen Alphabet schreibt man das kleine b so oder zumindest so ähnlich.«
»Und das heißt, sie hat definitiv den leeren Brief abgeschickt, aber auf dem Blatt keine Fingerabdrücke hinterlassen. Seltsam. Sehr seltsam.«
Als David Walker erwachte, hatte er das Gefühl, sein Gehirn würde von tausend Kaktusstacheln durchbohrt. Der Schmerz war höllisch, schlimmer als der Trümmerbruch im rechten Bein, den er sich bei einem Absturz von einer Felswand zugezogen hatte, auch schlimmer als die Kugel, die ihn einmal im Brustkorb erwischt hatte. Ein Steckschuss, der schnell verheilt war. Dieser Schmerz war schlimmer als alles, was ihn jemals gepeinigt hatte. Eine Höllenqual, die ihn an den Rande der Bewusstlosigkeit brachte und dazu, etwas zu tun, was er vor Schmerz auch seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hatte: Er schrie, nicht allzu laut, aber er schrie. Die Pein musste heraus, musste artikuliert werden.
Allmählich wurde es etwas erträglicher. Vermutlich war es nur die Gewöhnung. Walker traute sich dennoch nicht, sich zu bewegen. Er hatte Angst, sein Kopf würde zerplatzen. Langsam und bedächtig öffnete er die Augen. Er sah zunächst nichts als eine weiße Decke. Es war ein schmutziges, modriges Weiß, das ins Gelbliche ging, Ablagerungen vom Rauch tausender Zigaretten, Nikotinsediment. Der Gelbton rührte jedoch auch von der Lichtquelle her. Irgendwo musste eine alte Glühbirne brennen.
Sonnenlicht erhellte diesen Raum jedenfalls nicht. Er vermochte also nicht zu sagen, welche Tageszeit man hatte, geschweige denn, wie spät es war. Er wusste auch nicht, wo er sich befand und wie er hierher kam. Die Erinnerung ließ ihn im Stich und der stechende Schmerz verhinderte, dass er angestrengt nachdachte.
Er hätte nicht einmal bestimmen können, wie lange er einfach nur dalag und vor sich hinstierte, unfähig zu einer Regung. Da spürte er eine jäh aufkommende Übelkeit. Schon schmeckte er die ersten Vorboten der Magensäure in seinem Mund. Dann setzte der Würgereflex ein. Er rülpste und plötzlich schoss ihm der saure Mageninhalt aus dem Mund. Er konnte sich gerade noch leicht zur Seite drehen, dennoch traf der Großteil des Erbrochenen ihn selbst. Seine Schulter, sein linke Wange, seinen Oberarm. Auch die zweite Welle kam nicht weiter.
Das Unmögliche trat ein. Die unerträglichen Schmerzen wurden noch schlimmer. Lange verharrte er in der leichten Neigung, bis sich sein Kopf etwas beruhigt hatte. Walker spuckte die letzten Reste von Erbrochenem aus und versuchte, sich aufzurichten.
Es war schwer, doch unter Aufbringung all seiner Kräfte schaffte er es. Bedächtig wischte er sich ab und blickte sich um. Er war in einem fensterlosen Kellerraum. In der Ecke stand ein kleiner Tisch, auf dem sich eine rote Lampe, die ihre besten Jahre lang hinter sich hatte, befand. Sie sorgte für das funzlige Gelblicht.
Der Tisch war für eine Person gedeckt. Auf der rot-weiß karierten Decke stand ein großer Brotzeitteller. Er bot alles, was das Herz begehrte. Einige Streifen Geräuchertes mit Kren, Essiggurken, gesalzener und gepfefferter Emmentaler, Butter, eine Tomate und ein Stück Camembert, dazu zwei Scheiben Bauernbrot. Komplettiert wurde die Mahlzeit von einer Flasche stillem Wasser.
Als Walker den Teller sah, konnte er nur mühsam einen weiteren Brechreiz unterdrücken. Das Wasser machte ihn weitaus mehr an. Er war dehydriert und verspürte einen ungeheuren Durst. Er hätte ein Fass austrinken können, so ausgetrocknet fühlte er sich.
Langsam, ganz langsam erhob er den Oberkörper und drehte sich. Trotz der rasenden Kopfschmerzen setzte er sich auf. Er sah, dass ihm eine braune, geblümte Plüschcouch als Bett gedient hatte. Ein hässliches Teil aus dem letzten Jahrhundert.
Walker versuchte, sich an die Sitzhaltung zu gewöhnen. Er fühlte sich schwach, unendlich schwach. Gerade er, der sein erfolgreiches Gaunerleben nicht nur seiner Geschicklichkeit, sondern auch seiner Stärke zu verdanken hatte. Aber auch seiner Vorsicht.
Er wusste, er durfte nichts überstürzen, keinen schnellen Schritt wagen. Bedächtig stützte er sich auf die Plüschcouch und stand auf. Er war wacklig auf den Beinen, aber er wollte sich nicht mehr hinsetzen. Langsam zu der Flasche kommen, das war sein Ziel. Er musste trinken. Unbedingt.
Lediglich drei Schritte trennten ihn vom Tisch. Vorsichtig setzte er ein Bein vor das andere und versuchte, sich auf die Koordination seiner Bewegungen zu konzentrieren und seine Schmerzen zu ignorieren. Endlich konnte er die Rückenlehne des Stuhles ergreifen. Erschöpft stützte er sich auf und atmete erst einmal tief durch. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Dann setzte er sich und nahm die Flasche. Selten hatte ihm, dem Whiskyconnaisseur und Biertrinker, Wasser so gut geschmeckt. Dennoch trank er Schluck für Schluck. Nur nichts überhasten. Er durfte keine falsche, keine übereilte Bewegung machen. Er war schwer verletzt, das wusste er.
Das Wasser tat ihm gut. Jeder Schluck spülte den Geschmack des Erbrochenen hinweg und weckte ein wenig die letzten verbliebenen Lebensgeister. Als sein Durst gestillt war, blickte er sich vorsichtig in dem Raum um. Es standen einige Kisten darin herum. Und ein Metallregal mit irgendwelchem Krimskrams, eine Luftpumpe, zwei gelbe, weißverspritzte Farbeimer, drei Paar uralte Schuhe. Wo war er? Die Erinnerung war immer noch nicht zurückgekehrt.
Die Tür. Das musste sein nächstes Ziel sein. Sie befand sich nur wenige Schritte entfernt. Der Raum war klein und maß bestenfalls fünfzehn Quadratmeter. Langsam schlurfte er zur Tür, auf den Weg in die Freiheit. Er brauchte einen Arzt, genauer gesagt ein Krankenhaus.
Endlich fand seine Hand die Klinke. Doch, er hatte es bereits befürchtet, die Tür war verschlossen und der Schlüssel steckte nicht. Normalerweise wäre das für ihn eine der leichtesten Übungen gewesen, dieses primitive Schloss zu knacken, doch in seinem Zustand war nicht daran zu denken, obwohl er vermutlich das nötige Werkzeug dabei hatte. Er musste sich konzentrieren und den Schmerz ablenken, dann würde es vielleicht klappen.
Wer hatte ihn eingesperrt? Und warum? Diese Fragen zermarterten Walker allmählich das Gehirn genauso wie die Schmerzen. Doch dann kam die Erinnerung schlagartig zurück. Und er hörte, wie sich ein Schlüssel in das Schloss bohrte.
05 Bei ihrer Rückkehr ins Büro hätte die Nase der Hauptkommissarin um ein Haarbreit Bekanntschaft mit der Härte der Tür gemacht. Denn diese wurde jäh und schwungvoll aufgestoßen, als sie just eintreten wollte. Es war nur ihrer Reaktion, ihren in unzähligen Karatestunden antrainierten Reflexen zu verdanken, dass sie schnell zurückwich.
Dem Mann war es nicht entgangen, dass er eine Frau fast mit der Tür gerammt hätte. Offensichtlich war er in Eile, doch nicht so sehr, dass er seine Manieren vergessen hätte. Artig entschuldigte er sich für seinen übertriebenen Schwung, aber er müsse zur Arbeit.
»Neureuther, Jens Neureuther«, stellte er sich vor und gab der Hauptkommissarin die Hand. »Ich habe einen meiner Patienten bei Ihnen abgeliefert.«
»Das Krankenhaus ist aber ein paar Blocks weiter«, entgegnete Tischler.
»Ich habe ihn nicht hierher gebracht, damit Sie ihn therapieren. Das schaffe ich ganz allein. Ich habe ihn hergebracht, weil er möglicherweise einen Mord beobachtet hat.«
»Möglicherweise?« Tischler sah Neureuther mit gerunzelter Stirn an.
Zwischen Tür und Angel erzählte Neureuther die Geschichte von Üzlis Unfall und seinen Folgeschäden, von den Verletzungen, der blutigen Kleidung und dem seltsamen Anruf.
»Die Nummer habe ich mir gemerkt und Ihrem Chef mitgeteilt«, schloss Neureuther seinen Bericht.
»Ein Stuhl macht noch keinen Chef. In der dienstlichen Rangfolge stehe ich über meinem Kollegen«, rückte Tischler die Verhältnisse zurecht.
»Das wusste ich nicht«, entschuldigte sich Neureuther und griff in seine Jackentasche. »Damit Sie sich nicht übergangen fühlen«, meinte er mit einem Anflug von Ironie und überreichte ihr seine Visitenkarte. »Sollte es ein Problem mit Kemal geben, wenden sie sich bitte an mich.«
Dann grüßte er und ging. Tischler betrat ihr Büro, wo Mangel und Kemal schon auf sie warteten. Die Kommissarin musterte den Patienten von Neureuther. Kemal war ein Musterathlet. Groß gewachsen wie ein Baum, drahtig und ohne zu hungern so frei von Fett, wie es sich jedes Model wünschen würde. Die physische Erscheinung passte jedoch gar nicht zu seiner Haltung. Er kauerte auf dem Stuhl, als würde er gerade eines Schwerverbrechens überführt. Es war nicht zu übersehen, wie unwohl er sich fühlte.
»Ralf, bring bitte die blutigen Kleidungsstücke zur Spurensicherung. Danach überprüfst du die Telefonnummer«, trug Tischler ihrem Mitarbeiter auf. Schnell stand Mangel auf, packte die Beweisstücke und verschwand. »Ich unterhalte mich inzwischen ein wenig mit Herrn Üzli.«
Erschrocken blickte dieser hoch. »Ich nicht sprechen kann«, wehrte er ab, dabei so leise flüsternd, dass ihn nur sensible Ohren vernehmen konnten.
»Oh doch, das können Sie«, ermunterte ihn Tischler.
Tischler blickte Kemal an. Sie überlegte, wie sie am besten mit diesem verunsicherten Mann umgehen sollte.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee? Saft? Wasser?« Sie ließ zwischen jedem Wort eine kleine Pause, damit Kemal mit einer Kopfbewegung antworten konnte. Beim letzten Angebot nickte er. Tischler holte eine Flasche klassischen Sprudel und zwei Gläser und schenkte Kemal ein. Sie selbst nahm auch einen kräftigen Schluck. Dann holte sie einen Block hervor und legte ihn Kemal vor.
»Machen wir es so, ich versuche, Ihnen vorrangig Entscheidungsfragen zu stellen, die Sie mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantworten können. Alles andere beantworten Sie schriftlich, wenn Sie nicht sprechen wollen. In Ordnung?«
Kemal nickte erleichtert. Seine Redehemmung war bei unbekannten Personen enorm groß.
»Die erste Frage müssen Sie wohl schriftlich beantworten. Ich muss genau Ihren gestrigen Nachhauseweg kennen. Bitte schreiben Sie auf, wie Sie von A nach B gekommen sind, am besten mit den Zeiten.«
Kemal nickte und nahm den Block und einen Kugelschreiber. Dann überlegte er, schrieb etwas und begann zu zeichnen. Immer wieder hielt er inne und überlegte. Nach einigen Minuten riss er das Blatt heraus und legte es Tischler vor. Sie stutzte, denn Kemal zeichnete sofort weiter.
Muss ein verdammt langer Nachhauseweg gewesen sein, dachte sich die Kommissarin und betrachtete den ersten Teil der Karte. Kemal war kein großer Zeichner und alles andere als ein Kalligraph. Seine Schrift war unästhetisch, krakelig, aber wenigstens lesbar.
Eigentlich hätte Tischler gern die Kollegen vom LKA angerufen und ihnen von dem seltsamen Brief erzählt, doch sie wollte ungestört telefonieren. Diese Informationen waren nichts für fremde Ohren. Stattdessen vertrieb sie sich die Zeit damit, den Computer anzuwerfen und nachzuschauen, wo die Schlüsselbergstraße war. Dort befand sich nämlich das Towasan Martial Arts Center, das Kemal gegen einundzwanzig Uhr verlassen hatte.
Schnell wurde die Kommissarin fündig. Die Straße verband den Mittleren Ring Ost kurz vor dem Richard-Strauß-Tunnel mit der Berg-am-Laim-Straße, die ihren Namen von dem unscheinbaren Viertel im Münchner Osten hatte, das so unbedeutend zwischen Haidhausen und Trudering lag. Als die Kommissarin den zweiten Teil von Kemals Karte bekam und bemerkte, dass er sich an den dritten machte, wurde ihr klar, dass der Tag gerettet war. Diese Strecke nach Blutspuren abzusuchen, würde mindestens zwei Stunden, eher drei oder vier dauern. Weg vom Schreibtisch und hinaus in die Sonne. Das war nicht das Schlechteste.
In der Schlüsselbergstraße gab es sogar einen russischen Supermarkt, genauer gesagt einen Supermarkt mit Produkten aus Osteuropa. Ansonsten zeichnete sie sich dadurch aus, dass man die Häuser in ihrer grauen Einförmigkeit lediglich an der Hausnummer unterscheiden konnte. Einzig der Radweg war von einer Baumallee gesäumt, die im Grün des erwachenden Frühlings etwas Strahlendes, fast schon Lyrisches hatte.
An dem Kampfsport-Center wäre Tischler fast vorbeigefahren, so unscheinbar war es. Lange hatte das Haus schon keinen Malerpinsel mehr gesehen, was die Tristesse nur verstärkte. Dem gegenüber standen die bunten Auslagen und Transparente des Martial-Arts-Center. In der roten Tür war eine stilisierte Weltkugel, in deren Vordergrund ein schwarzes gegen ein rotes Strichmännchen kämpfte.
Bei den Fahrradständern hingen zwei Transparente, die Werbung für Kinder-Karate machten. Ab dem zarten Alter von fünf Jahren nahm man kampfbereite Kids auf, um sie in die Geheimnisse dieses japanischen Sports einzuweihen.
Tischler fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, hatte sie doch selbst mit neun begonnen, Karate zu machen, ein Mädchen in einer Jungenwelt, das sich durchbeißen musste. Und es auch tat. Der anfängliche Spott, es gab nur zwei Mädchen in der Gruppe, die notgedrungen mit den teils sogar älteren Jungs mitmachen mussten, war schnell gewichen, da sie und Becki zäh und ehrgeizig dagegenhielten und sich von den üblichen Scherzen nicht beeinflussen ließen. Die Kommissarin war es von zu Hause nicht anders gewohnt. Früh war ihre Mutter gestorben, viel zu früh. Und viel zu früh wuchs sie in die Rolle als einzige Frau im Haushalt hinein, die sich um die Brüder und den zwar intelligenten, aber bisweilen unpraktischen, gelegentlich fast schon lebensuntauglichen Vater kümmern musste.
»Hier sind Sie also gegen einundzwanzig Uhr nach dem Training raus und mit zu Ihrem Kumpel Leo, der gleich nebenan im zweiten Stock wohnt.« Tischler riss sich selbst aus ihren Jugenderinnerungen.
Kemal nickte und deutete auf einen Balkon, dessen Tür offen stand. Allem Anschein nach wohnte dort sein Kickboxpartner. Kemal steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Kurz darauf schlurfte ein semmelblonder Jüngling im ärmellosen T-Shirt und in blauer Trainingshose heraus. Er war ähnlich durchtrainiert wie Kemal.
»Hey Mann, was geht?«, fragte er kurz und musterte misstrauisch die beiden Polizisten.
»Ihr Freund hatte gestern auf dem Nachhauseweg ein unangenehmes Erlebnis.« Tischler wollte bewusst im Vagen bleiben. Sie selbst hatte nämlich größere Zweifel, dass Kemal wirklich einen Mord gesehen hatte. Sie glaubte vielmehr an eine kleine Prügelei. Und war es ausgeschlossen, dass die Fäuste gleich unter den Kickboxpartnern flogen? Sicher nicht, zumal in Leos Gesicht ein mittelprächtiges Veilchen blühte.