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Rudolf Widmann Georg Schmunzelmord
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In ihrer Deckung blieb Chantal nicht länger stehen, erhöhte nach einigen Schritten ihr Tempo und eilte ihrem Volvo zu.
Bis zum Parkplatz neben der Ingolstädter Straße fuhr sie nicht sofort, sondern hielt in der Zufahrt am Straßenrand. In ihrer Euphorie über den gelungenen Diebstahl entging ihr, dass der Motor noch lief, und dass auch der Blinker noch eingeschaltet war. Bei ihrer Abfahrt hatte sie spontan die dünnen Handschuhe angezogen, die noch vom Winter her auf der Mittelkonsole lagen. Im Schatten des Biergartens war ihr doch kalt geworden. Nun saß sie hinter dem Steuer und fingerte aus ihrem Beutel die Netbooktasche. Sie kramte darin und fördert zuerst ein Smartphone zutage. Sie drückte den winzigen Schalter an der Seite und schob auf dem Display das kleine, weiße Schloss in dem Kreis nach oben, das Mobiltelefon zeigte sich betriebsbereit, weiterzutippen getraute sie sich trotzdem nicht. Sie klappte das Etui wieder zu. Es folgte ein DIN-A-5-Umschlag ans Licht, dem sie einen Stapel Farbfotos entnahm.
Sie blätterte die Aufnahmen durch und atmete erleichtert auf. Auf keinem Foto war sie selbst zu sehen. Etwas unterbelichtet, aber dennoch deutlich zeigte das erste Dieter, wie er im abendlichen Halbdunkel ein Brecheisen am Gehäuse eines Zigarettenautomaten ansetzte. Auf dem zweiten hatte er die Vorderfront aufgestemmt und zog den Behälter mit Münzen und Banknoten heraus. Andere Fotos belegten weitere Automatenaufbrüche, nicht nur von Zigarettenautomaten. Der Erpresser hatte ihn über eine längere Zeit beschattet.
Sie versenkte alles wieder in der Tasche. Wenn sie Dieter ihre Beute präsentierte, würde er sie wieder richtig mögen, der Erpresser hatte ja keine Beweise mehr. Sie hatte sich für längere Zeit die Schläge erspart. „»Und ihm die 5.000«, wie sie zufrieden in Gedanken hinzusetzte.
Chantal nahm die Tasche mit in die Wohnung. Dieter saß am Küchentisch. Als er sie sah, riss er sie ihr fast aus der Hand, zog den Reißverschluss auf und fingerte in der Tasche herum. Einen Kugelschreiber und den Umschlag zog er heraus, zum Schluss das Smartphone. Sein anerkennender Pfiff wurde begleitet von einem zufriedenen Nicken. »Gute Beute.« Heute würde Chantal keine Schläge beziehen.
»Wo hast du die Tasche her? Einem Kunden geklaut? Prima! Das Handy allein bringt bestimmt 200 Euro.« Er strahlte sie an. Ihre Antworten wartete er gar nicht ab.
Unvermittelt verschwand seine Euphorie. Er schaute nachdenklich zu Chantal, die Tasche war ihm gleichgültig geworden. Er ließ das Mobiltelefon wieder hineingleiten und stopfte die anderen Sachen hinterher. In den Umschlag hatte er zwar hineingegriffen, die Fotos aber nicht herausgezogen.
Chantal blickte ratlos. Dieser Stimmungsumschwung war für Dieter nicht typisch. Fragend sah sie ihm direkt in die Augen.
»Also …« Dieter klang auf einmal kleinlaut. »Ich habe mich mit dem Erpresser getroffen. Natürlich wollte er mir die Fotos nicht übergeben, behauptete, sie seien ihm gestohlen worden. Aber auf den 5.000 hat er bestanden. Es hat Streit gegeben.« Nervös blickte er zu seiner Lebensgefährtin, scheinbar Hilfe suchend.
Es strengte sie an, sich zu beherrschen, ihn nicht merken zu lassen, dass sie das alles schon wusste. Immer noch war sie versucht, ihm zu erklären, dass er die Tasche des Erpressers auf seinen Schoß gedrückt hielt, den Beweis für seine Straftaten in Händen hielt, und dass sie, seine Chantal, ihm das alles ermöglicht hatte.
Er kam ihr zuvor. »Ich hab´ ihn umgebracht. Wehe, du sagst auch nur ein Sterbenswörtchen!«
Chantal wurde kreidebleich. Sie hetzte ins Bad, übergab sich in die Toilettenschüssel.
Dieter schob den Stuhl zurück, stand auf und legte die Tasche oben auf den Küchenschrank. Mit unsicheren Schritten kehrte er auf einem Umweg zum Kühlschrank zurück zum Küchentisch und schenkte sich einen weiteren Schnaps ein.
In der Nordrundschau, einer Gemeindezeitung, die im nördlichen Umland Münchens von Werbung und Kleinanzeigen lebte, las Chantal den Artikel über den Leichenfund nahe der Schlosswirtschaft. Neugierig geworden, aktivierte sie den Internetbrowser in Dieters Notebook und surfte durch die Polizeiberichte Münchens und der Polizeiinspektion 48 in der Oberschleißheimer Hofkurat-Diehl-Straße, nur wenige Gehminuten vom Biergarten am Schloss und von ihrer Wohnung entfernt.
Ein paar Mausklicks belohnten ihre Neugier. Ein ausführlicher Bericht schilderte anonymisiert den Fund einer männlichen Leiche im Gebüsch des Parkplatzes. Hautfarbe weiß, Alter etwa 30, Tod durch Erdrosseln. Es folgten ein Foto, eine Beschreibung der Kleidung des Toten und die Aufforderung, sachdienliche Hinweise zu geben. Eine Belohnung von 1.000 Euro war ausgelobt. Chantal vergaß die 5.000, die ihr ein harmonisches Zusammensein mit Dieter versprochen hatten und war versucht, spontan zum Telefon zu greifen. 1.000 Euro wären ein erster Schritt in die Unabhängigkeit von ihm. Sie fasste sich und las weiter. Besonders waren die Ermittler am Verbleib des Mobiltelefons interessiert, das genauer beschrieben wurde. Es sei der Hinweis auf den Täter, der am ehesten Erfolg versprach.
Sie fuhr den Laptop herunter, schminkte sich fertig und ging mit dem wippenden Gang, den sie ihren High Heels verdankte, die Treppe hinunter zu ihrem Volvo. Auf dem Straßenstrich sprudelte es aus Chantal heraus. Sie musste es loswerden, musste wissen, wie andere darüber dachten. Und aufpassen, dass sie Dieter nicht verriet. Das hätte sie sich nie verziehen! Also erzählte sie Silvia von dem Polizeibericht, auf den sie zufällig gestoßen sei.
»Einer meiner Kunden ist erwürgt aufgefunden worden, die heißeste Spur ist sein teures Handy.«
»Na, das ist doch schon was!« Silvia zeigte sich optimistisch. »Wenn der Mörder es behält und nicht ausschaltet – denn dann nützt es ihm nichts, weil er ja die PIN nicht kennt –, kann die Polizei es über GPS orten.«
Chantal schluckte, ihr Gesicht verlor alle Farbe. Sie hatte Dieter schützen wollen, und jetzt? Mit einer Ausrede verabschiedete sie sich überstürzt. Sie raste nach Hause, ignorierte bis zur Waldemar-Bonsels-Villa, in der der geistige Vater der Biene Maja vor langer Zeit gewohnt hatte, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen. Kurz hinter dem Ortsschild von Oberschleißheim trat sie die Bremse durch, bis sie das erlaubte Tempo einhielt. Sie musste Dieter warnen!
Gegenüber der rückwärtigen Einfahrt zur Schlossanlage bog sie in die Mittenheimer Straße ab und von dort an der zweiten Abzweigung nach links in die Blumenstraße, die ihr kleines Wohnviertel umschloss. Unterwegs hatte sie wieder Zuversicht geschöpft, aber als sie jetzt den Parkplatz vor dem Haus befuhr, beobachtete sie gerade noch, wie ihr Dieter in Handschellen abgeführt und von einem Uniformierten auf den Rücksitz eines zivilen Fahrzeugs gedrückt wurde.
Sie kam zu spät! Tränen verschmierten ihr Makeup, sie hatte Dieter helfen wollen und ihn dennoch verraten. Sie stieg nicht aus. Das Weinen nahm ihr die klare Sicht, aber soviel konnte sie erkennen: Die Polizisten waren fündig geworden. Einer trug durchsichtige Plastikbeutel mit Zippverschluss. Chantal erkannte die schlanke Netbooktasche, den Umschlag und im letzten das teure Smartphone.
Autohandel
Schorsch Siebensohn trat den glimmenden Zigarettenstummel aus. Nervös drehte er die Fußspitze kräftig und lang darauf herum, bis die Fasern des Filters unter seiner Sohle hervorquollen. Wird alles laufen wie geplant? Was kann schiefgehen? Sein Freund war nicht so aufgeregt, er lehnte lässig am Kotflügel des schwarzen, auf Hochglanz polierten Audi A6, der zumindest optisch das Potenzial zum Dienstfahrzeug einer Konzernleitung hatte.
Sie warteten auf dem Parkplatz des Möbeldiscounters im Echinger Industriegebiet im Norden Münchens, ein gutes Stück hinter dem schwedischen Möbelgiganten an der Liebigstraße und seiner Konkurrenz auf der anderen Straßenseite. Von dort musste man links in den letzten Abschnitt der Dieselstraße abbiegen und an dessen Ende rechts die Hälfte der Ohmstraße entlangfahren, sonst landete man auf dem Ring der Heisenbergstraße, die um den ausladenden Flachbau des Bekleidungsgeschäfts führte. Für die bekannte Kette von Modemärkten hatte Birgit Schrowange jahrelang Werbung betrieben. Der Wind trug den Verkehrslärm von der westlich vorbeiführenden A9 bis zu ihnen herüber. Freitagnachmittag. Die Pendler verließen die Landeshauptstadt und schoben sich im Stau nordwärts.
Den Gebrauchtwagenmarkt auf dem Gelände des Aschheimer Autokinos wollten sie nicht für den Verkauf nutzen. Erstens fand der nur samstags statt, und das auch nicht an jedem Wochenende, und zweitens war ihnen das Publikum dort nicht geheuer. Zu viele dunkle Gestalten, die Fahrzeuge sonstwohin verschieben wollen, zu viele Nörgler, die auch am besten Auto trotz Topzustands noch etwas auszusetzen hatten. Auch wurde dort zu aggressiv nach unten verhandelt. Zu viele billige Autos. Der Ort hier versprach eine ungestörte Abwicklung. Sie waren auch nicht der Gefahr ausgesetzt, sich einer plötzlich zusammengerotteten Gruppe erwehren zu müssen, die ihre Sympathie für den potenziellen Käufer, einen der Ihren, vehement ausdrückte – und manchmal auch nicht nur verbal. Sie hatten ihre Erfahrung.
A6, 3-Liter Diesel, Quattro, 130.000km, unfallfrei, sieben Jahre alt, scheckheftgepflegt. Beim Händler gut und gerne seine 24.000 Euro wert.
Auf diesen Text hatten sie sich geeinigt, danach wollten sie, damit das Verkaufsgespräch lebendiger würde, mit verteilten Rollen noch die Extras und die weiteren Vorzüge aufzählen. Schorsch schlenderte um den Audi herum, es war seine vierte Runde nacheinander. In immer kürzeren Abständen drehte er das Handgelenk, schaute auf seine Armbanduhr. Er hatte sich entschieden, die Breitling-Replika zu tragen, sie passte am besten zu dem Fahrzeug. Sie sollte beeindrucken. Sein Freund nahm das nicht so genau, sein Outfit war Schorsch zu leger, aber Bastian hatte nur die Schultern gezuckt.
Dass der Käufer schon zwanzig Minuten überfällig war, zerrte an den Nerven. Wollte er sie weichkochen, mürbe machen?
Jedes Fahrzeug, das auf den Parkplatz fuhr, beäugte Schorsch intensiv. Meistens waren es kleinere oder ältere Autos, aus denen Leute stiegen, die ihrer Kleidung oder ihrem Auftreten nach durchaus die angemessene Klientel des preiswerten Möbelgeschäfts darstellten, in dem sie dann auch konsequenterweise verschwanden. Er kam sich in dieser Umgebung overdressed vor, wenn man diesen Begriff auch auf ein Fahrzeug der Oberklasse anwenden durfte. Das steigerte seine Nervosität, er fühlte sich auf dem Präsentierteller für alle Neugierigen, obwohl kaum einer Notiz von ihm nahm. Schließlich hätte er ja auch ein Kunde des riesigen Baumarkts oder des Dekorationsgeschäfts auf dem Nachbargrundstück sein können, der diesen Parkplatz hier nur nutzte, weil drüben die Parkbuchten für sein Schlachtschiff zu eng waren.
Den mattroten Mercedes Kombi, ein wirklich älteres Baujahr, beachtete Schorsch kaum. Der hielt, kaum, dass er die Zufahrt zum Parkplatz hinter sich gelassen hatte, etwas abseits der übrigen Fahrzeuge. »Wieder ein Familienvater, der einen billigen Schrankbausatz oder ein Jugendzimmer kaufen will.« Er schaute auf die Uhr. 25 Minuten. Hatte der Kunde sie versetzt? Dann wäre es immerhin ein Gebot der Höflichkeit gewesen, sich telefonisch zu melden, schließlich hatten sie die Handynummern ausgetauscht.
Bastian stemmte die Fahrertür auf, drehte sich zu Schorsch um, winkte ihn zu sich.
»Sie kommen. Haben eben angerufen, von der Zufahrt zum Industriegebiet aus. Waren an der Kreuzung beim Schotten.«
Schorsch seufzte. Wann konnte Bastian endlich mit dem Blödsinn aufhören, den Schnellimbiss amerikanischer Provenienz als schottisches Restaurant zu bezeichnen?
Der rote Mercedes hatte wieder Fahrt aufgenommen, langsam kam er dem Audi näher. Mit zwei Wagenlängen Abstand hielt er an, drei Personen stiegen aus.
Der flotte Mittdreißiger in beiger Hose und im Sommerhemd, dessen Qualität und Preis Schorsch sofort auffielen, kam auf ihn zu, ein kurzes Taxieren, dann gab er ihm die Hand.
»Hallo. Herr Siebensohn?«
Schorsch nickte.
»Herr Döbler? Grüß Gott.«
»Genau der. Die Verspätung tut mir leid, aber Sie kennen ja die A9. Die Abgase aus dem Stau riecht man bis hierher.«
Jetzt fielen sie Schorsch auch auf.
Die beiden anderen aus dem Benz kamen auf ihn zu. In einem ungünstigen Augenblick, denn er schnupperte gerade geräuschvoll mit nach oben gereckter Nase und hatte keinen Blick für die Neuankömmlinge.
Ein kurzer gegenseitiger Händedruck, keine weitere Begrüßung. Das Ritual wiederholte sich bei Bastian, der hinter dem Lenkrad hervorgeklettert kam.
Der Beifahrer von Döbler gab sich wortkarg, Schorsch und Bastian hatten bei seinem Anblick geschluckt. Seine Zurückhaltung war ihnen recht, sie hatten seinen starken Akzent nicht einordnen können, und verstanden hatten sie ihn auch kaum. Außerdem wollten sie mit dem stiernackigen Mann, aus dessen Muscleshirt voluminöse Schulterkugeln und mächtige Bizeps herauswuchsen, nicht allzu viel zu tun bekommen. Er musste reichlich Zeit für Bodybuilding aufgewandt haben.
Die brünette Begleiterin Döblers schien desinteressiert, sie schenkte ihren lila lackierten Fingernägeln mehr Aufmerksamkeit als den beiden Männern, denen Döbler das Auto abkaufen wollte. Ihre High Heels, die knappe Kleidung und ihr Gang passten zu diesem Verhalten.
Schorsch drehte sich höflich um, damit keiner sein Grinsen bemerkte. Ihm hatte sich beim Anblick der Brünetten der Bilderwitz mit dem betenden Jungen aufgedrängt: »Bitte, lieber Gott, gib den armen Frauen auf Papas Computer was Warmes zum Anziehen!«
Das Verkaufsgespräch entwickelte sich zu Schorschs und Bastians voller Zufriedenheit. Sie hatten ihre eingeübten Sprüche aufgesagt, Döbler mehrfach darauf hingewiesen, wie gut ihm dieses Nobelfahrzeug stünde, und seine Fragen bezüglich des Zustands detailliert beantwortet. Über die Technik wollte Döbler nichts wissen. Der Wagen sei nicht für ihn, er sei nur der Beauftragte von jemandem, der wisse, was er wolle. Und er wollte diesen Wagen.
Die Probefahrt verlief problemlos, Schorsch und Bastian tauschten immer wieder verstohlen vielseitige Blicke, ihre Augen strahlten. Döbler fuhr, Bastian hatte auf dem linken Rücksitz Platz genommen, Schorsch saß auf dem Beifahrersitz. Das stand ihm zu, er war der Aktivere bei dem Geschäft. Und bei der Brünetten wollte keiner der beiden zurückbleiben, hauptsächlich des Stiernackens im Tanktop wegen.
Für 24.000 Euro wurden sie den Audi dann doch nicht los. Zwar hatte Döbler nicht herumgemeckert, aber er baute einen Tablet-PC auf der Motorhaube seines Mercedes auf und zeigte den beiden einige Vergleichsangebote aus den einschlägigen Verkaufsportalen. Außerdem hätte sein Auftraggeber ihm eine finanzielle Obergrenze gesetzt. Schluckend schlug Schorsch bei 21.000 Euro ein. Das Unterschreiben des vorgefertigten Kaufvertrags war nach dem Handschlag kein Thema mehr.
Die Übergabe Zug um Zug gestaltete sich für Schorsch und seinen Kumpel spannend. Der Stiernacken öffnete die Heckklappe des Daimlers, zog einen an der Rückenlehne angegurteten Alukoffer an die Ladekante, nachdem er den Gummiriemen gelöst hatte.
Schorsch hielt den Atem an. »Wie im Krimi, jetzt dürfen wir kurz in den Koffer schauen, die Scheine zählen, und dann bekommen wir den Koffer im Austausch für Wagenschlüssel und KFZ-Brief, ach nein, Zulassungsbescheinigung heißt der Lappen ja seit Ende 2005.«
Er sollte beinahe recht behalten, nur rückte der Stiernacken nicht den ganzen Koffer zu Schorsch herüber, sondern entnahm ihm eine Kunststofftasche, die sehr an einen einfachen Kulturbeutel erinnerte. Schorsch griff hinein, ließ die eng gestopften Fünfziger durch seine Finger gleiten, fuhr mit dem Daumen über den freien Rand der Geldbündel, zählte die Banderolen. Überschlagsweise stimmte der Betrag von 20.000 Euro. Zwanzig 50-Euro-Scheine zog der Bodybuilder aus einem kleinen Abteil im Innern des Kofferdeckels und drückte sie Schorsch lose in die Hand.
Ein paar freundliche Floskeln zum Abschied, dann stieg der Stiernacken hinters Steuer des Kombis, Döbler führte seine Begleitung zum Audi und hielt ihr die Beifahrertüre auf. Ganz Kavalier der alten Schule. Nachdem sie sich in den Ledersitz fallengelassen und die sittsam aneinandergepressten Beine im Fußraum verstaut hatte, lief er hinten um den Wagen herum, stieg hinters Lenkrad. Nach einer halben Minute befanden sich beide Fahrzeuge in der Ausfahrt.
Schorsch und Bastian grinsten sich an. So einfach hatten sie sich das Geschäft doch nicht vorgestellt. Nun war der Wagen weg. Dass er gestohlen war, würde Döbler erst merken, wenn er irgendwann eine Grenze überquerte oder in eine Verkehrskontrolle geriet. Der Kaufvertrag mit den Namen aus den gefälschten Ausweisen würde auch nicht auf ihre Spur führen. Oder könnte Döbler von sich aus gleich zurückkehren, um den Vertrag aus seiner Sicht nachzubessern? Seinem schlagenden Argument im Muscleshirt wären sie nicht gewachsen. Aber das würde wohl nicht passieren.
Euphorisch schritten die beiden auf den Imbisswagen neben dem Eingang zum Möbeldiscounter zu. Sie hatten den Erfolg ihres Geschäfts in einem gehobenen Ambiente feiern wollen, aber das konnten sie jederzeit nachholen. Momentan hatten sie einfach Hunger.
»Zweimal das Nackensteak in der Semmel«, bestellte Schorsch bei dem Mann mit der senfbekleckerten Schürze, »und haben Sie Pikkolos?« Obwohl dessen Gehilfe sie bediente, ignorierten sie den und betrieben Smalltalk mit dem Budeninhaber, bis sie das Bestellte in Händen hielten.
Minuten später lehnten Schorsch und Bastian mit vollem Mund an einem der drei Stehtische. Den Imbisswirt hatte Schorsch mit einem der Scheine aus dem Täschchen bezahlt.
Sie standen mit dem Rücken zum Parkplatz. Sie hatten sich nicht mehr umgedreht, seit sie Döbler bei seiner Abfahrt zum Gruß kurz zugewinkt hatten. So entging ihnen, dass der Audi und der Benz undmittelbar nach dem Verlassen des Parkplatzes von zwei Streifenwagen gestoppt wurden. Sie kamen aus einem Firmengelände auf die Straße geschnellt, die die einzige Ausfahrt von diesem Teil des Industriegebiets darstellte. Den Rückweg schnitt Döbler & Co gerade ein drittes Polizeifahrzeug ab.
»Prost!« meinte Bastian.
Sie stießen mit den kleinen Sektflaschen an. Richtig kalt war der Sekt nicht, aber für den Abend war der Besuch einer Party angesagt. Dort konnte man den Handel angemessen begießen, und das auf Kosten anderer.
Noch auf dem letzten Bissen kauend – Bastian stocherte mit einem Zahnstocher zwischen Zähnen und Fleischstückchen herum - strebten die beiden gut gelaunt dem schmalen Durchgang im Zaun zwischen den zwei Parkplätzen entgegen. Mit Absicht hatten sie Schorschs alten Honda vor dem Baumarkt geparkt, dessen Vorgänger bis vor einigen Jahren mit dem Biber seine Werbung betrieben hatte.
»Würden Sie bitte stehenbleiben. Polizei.«
Zu dem Gehilfen der Imbissbude, der ihnen nachgegangen war, hatten sich zwei Arbeiter gesellt, die vorher neben einem unauffälligen Lieferwagen gestanden hatten. Sie versperrten ihnen den Rückweg, nickten den drei Zivilbeamten zu, die vor Schorsch und Bastian aufgetaucht waren und deren Sprecher denen gerade seinen Dienstausweis vorhielt. Die drei hatten neben dem Durchgang an einem Blumenkübel gestanden und sich unterhalten.
»Bitte, was haben wir getan?«
»Sie wissen doch, wer Banknoten fälscht oder nachmacht oder gefälschte oder nachgemachte Banknoten in Umlauf bringt …« Der Gehilfe von der Imbissbude wedelte lachend mit dem 50-Euro-Schein, mit dem Schorsch bezahlt hatte. »Und Sie haben eine ganze Tasche davon.«
Fahrzeugpanne
»Andreas, bist du´s wirklich? Ich hab´ ja Ewigkeiten nichts mehr von dir gehört. Wo steckst du gerade?« Wilhelmine Bertram presste sich das Mobilteil ihres Telefons fester ans Ohr. An seinen Namen erinnerte sie sich, sich jedoch sein Gesicht vorzustellen, wollte ihr nicht gelingen.
»Ich komme von Koblenz, bin auf dem Weg nach Rosenheim zu einer Weiterbildung. Die ganze Woche lang …«
Frau Bertram überlegte. Es war früher Nachmittag am … am Montag, fiel es ihr wieder ein.
»… und ich hatte gedacht, du freust dich, wenn ich am Wochenende bei dir ´reinschaue. Wir können ´was unternehmen, und ich lad´ dich zum Essen ein.«
»Kind, warum hast du nicht früher angerufen? Das kommt mir alles so plötzlich.«
»Ich wollte ja früher anrufen, aber deine Telefonnummer habe ich erst heute Morgen wiedergefunden. Außerdem habe ich gerade ein Problem, ich, äh, …« Andreas druckste herum. »Also, ich bin mit dem Auto bei Freising liegengeblieben. 20 Kilometer von dir weg. Ein elektronisches Steuergerät ist kaputt. Die Werkstatt sagt, das kostet wohl um die 2.000 Euro.«
»Und so viel Geld hast du natürlich nicht dabei?« Die alte Dame hatte Recht, wer trug schon so viel Bargeld mit sich herum, wenn er gerade einmal eine Woche von zu Hause weg war? An den Gebrauch von Kreditkarten, ec-Karten und Geldautomaten dachte sie gar nicht, die zu benutzen, war sie auch nicht gewohnt.
»Stimmt«, kam es aus dem Hörer, »und mein Konto ist so gut wie blank, deshalb will ich meine Karte nicht einsetzen.«
Die Oma kam wie gewünscht von alleine auf den Gedanken. »Kind, wie kann ich dir helfen? Wieviel, hast du gesagt, brauchst du?«
»2.000, aber zweieinhalb wären mir lieber, da fühlte ich mich sicherer. Kannst du mir so viel leihen? Bis nächsten Monat.«
„Ich hab´ ungern Bargeld im Haus, nur so 100 Euro.“
»Dann warte mal bitte.«
Das Telefon blieb eine Weile stumm, Frau Bertram befürchtete schon, dass das Gespräch abgebrochen worden sei. Nach einer Weile hörte sie wieder Andreas´ Stimme.
»Du, es ist geklärt. Ich schicke dir meine Freundin vorbei, sie kann mit dir zur Bank. Stefanie heißt sie. Ich will beim Auto bleiben, weil ich Firmenunterlagen und meinen Laptop dabei habe, und der Pilotenkoffer ist etwas schwer und sperrig.«
»Ach, du hast einer Freundin? Wie schön! Wie heißt sie?«
»Äh, ja, habe ich. Stefanie. Wir arbeiten in derselben Abteilung.«
Das Gespräch zog sich noch etwas. Frau Bertram wurde nervös vor Vorfreude. Ihren Enkel hatte sie das letzte Mal gesehen, als … ja, wann eigentlich? Und auf seine Freundin war sie gespannt. Würden die beiden bei ihr übernachten wollen? Sie hatte nicht gefragt, und jetzt war es zu spät, sie hatte nicht nach seiner Telefonnummer gefragt, und wenn …, besser gesagt falls ihr Telefon sie gespeichert hätte, wüsste sie immer noch nicht, wie sie sie aufrufen könnte.
Natürlich wollte sie ihrem Enkel helfen. Aber so viel Geld bei sich zu haben, war ihr wirklich unangenehm, außerdem hatte die Bank schon zu. Der Geldautomat fiel ihr wieder ein, ihre Bankkarte hatte sie im Portemonnaie. Wie sie den Automaten zu bedienen hatte, wusste sie nicht, aber Andreas´ Freundin war wohl schon auf dem Weg, die würde ihr helfen. Frau Bertram war beruhigt.
Es klingelte am Hauseingang am Unterschleißheimer Margaretenanger, einem Wohngebäude mit, so hatte Frau Bertram früher einmal geschätzt, mindestens 100 Wohnparteien. Ein Betonbau, in dem sie sie seit ihrem Einzug vor Ewigkeiten wohlfühlte. Der Tod ihres Mannes hatte daran nichts geändert, die Wohnung war voller Erinnerungen. Die Wohnungen auf ihrer Seite waren über der darunterliegenden zwei Schritt weit zurückgesetzt, so dass ihr Balkon jetzt im Sommer halbtags in der Sonne lag. Das Gemeinschaftschwimmbad im Keller hatte sie so gut wie nie benutzt, aber aufgehört, sich über die deswegen so hohen Nebenkosten sich zu ärgern. Sie ärgerte sich nur noch über die Zusammensetzung der Hausgemeinschaft, immer mehr Mieter wohnten hier. Die ursprünglichen Eigentümer waren verstorben, die Erben wohnten weit weg, und so zogen Leute ein, die die Anlage weniger schonten. Außerdem hatten einige Geschäfte im Erdgeschoss geschlossen, immer mehr Ladenlokale standen leer. Wenigstens das kleine Chinarestaurant war geblieben, ab und zu traf sie sich dort mit ihren Bekannten, älteren Damen wie sie selbst, sonntags zum Mittagessen. Es gab das Phantasiebuffet, bei dem der Gast aus einer bebilderten Karte seine Gänge aussuchte, und er so oft bestellen konnte, wie er wollte und wonach ihm gerade der Sinn stand. Serviert wurde am Tisch.