Liara Frye Die Weltenwanderin
Die Weltenwanderin
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Liara Frye Die Weltenwanderin

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Sie wünschte sich zurück nach Hause. Dorthin, wo sie hingehörte. Maya atmete einmal tief durch und zwang sich dazu, einen ruhigen Gedanken zu fassen. Vielleicht träumte sie das Alles nur. Vielleicht war es gar nicht die Realität, die sie hier erfuhr. Wie sonst konnte man an einem hellen Tag in einen See steigen und bei Nacht aus einem Meer herauskommen?

Auf einmal legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter. Mayas Herz machte einen Satz. Hinter sich hörte sie ein tiefes Brummen. »Wen haben wir denn da?«

Schlagartig fuhr sie herum.

*

»Ach komm, mach der Kleinen keine Angst«, beschwerte sich jemand hinter dem Typen, den sie trotz der anbrechenden Dunkelheit als recht stämmig und kräftig vor sich stehen sah. Weg war die Ruhe. Stattdessen machte sich ein unangenehmes Prickeln in ihrem Nacken breit. Ihr Herz donnerte ihr schmerzhaft gegen die Rippen, das Ziehen in ihrem Bauch nahm zu. Ihr ganzer Körper schrie vor Angst. Wer zum Teufel sind diese Typen? Reichte es denn nicht, dass sie keine Ahnung von dem Ort hier hatte? War sie jetzt auch noch Gefahr durch Fremde ausgesetzt?

Was sie wohl mit ihr anstellen würden … Sie war nur ein kleines Mädchen. Denn so hatte er sie genannt: klein. Doch genau den Eindruck durfte sie niemals vermitteln. Keinen dahergelaufenen Fremden, wenn sie die Gelegenheit hatte, sich zu verteidigen. Binnen einer Sekunde hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben und ihre Angst zeigen.

Also schnaufte Maya demonstrativ. »Ich und klein? Ich habe keine Angst. Und ihr steht mir im Weg.«

Sie machte Anstalten, an diesem Fels von Mann vorbei zu kommen, doch er hielt sie mit einer Hand zurück. Sie schielte an ihm vorbei und sah einen Jungen auf einem der größeren Steine sitzen. Er hatte die Beine ausgestreckt und kämmte sein Haar durch. Er erinnerte sie an einen Popstar, der es sich gut gehen ließ, und war ihr von Anfang an unsympathisch.

Trotzdem machte sie seine Anwesenheit nervös. Immerhin waren die Beiden zu zweit und sie allein.

Gleichzeitig kramte der andere Mann in seinen Taschen und richtete eine Lampe auf sie. »Zuerst müssen wir wissen, wer du bist.«

Ruckartig kniff Maya die Augen zusammen und legte so viel Wut in ihre Stimme, wie sie konnte. »Was spielt das für eine Rolle? Und halt gefälligst dieses Licht nicht in meine Augen!«

Tatsächlich gab der stämmige Mann nach. Nun wurde ihr Hals angestrahlt, aber ihr Gesicht konnte er bestimmt noch gut erkennen. Sie biss sich auf die Unterlippe, wie immer, wenn sie nervös war.

»Beantworte einfach die Frage. Nicht jeder läuft einfach aus dem Wasser heraus und wir haben dich auch nicht hineinlaufen sehen. Also, wer bist du?«

Das konnte nicht gut sein. Gar nicht gut. Sie wusste ja noch nicht mal selbst, wie sie hier her gekommen war … Und jetzt von zwielichtigen Typen ausgehorcht zu werden, die ihre Schritte überwachten, machte es nicht besser. Bestimmt träumte sie, hoffentlich träumte sie nur …

»Ich bin Maya. Und nun lasst mich durch, ich äh ...« Sie schaute hinunter zu ihren Schuhen, die sie in der Hand hielt. Wo sollte sie jetzt hin? »... muss nach Hause.«

Mit einem Mal rammte sie ihrem Gegenüber den Ellbogen in den Bauch und spurtete los. Der Bauch war nicht ganz so muskulös gewesen, wie sie vermutet hatte. Vielleicht hatte sie eine Chance und war schneller als dieser große Typ.

Hinter ihr knirschte der Sand und sie wusste, dass ihr jemand auf den Fersen war. Also rannte sie schneller, kam vom Strand runter auf eine schwach beleuchtete Straße und wollte gerade um die Ecke biegen, als …

Jemand packte sie am Arm. Da sie an den starken Mann gedacht hatte, verblüffte sie nun der Anblick ihres Verfolgers.

»Hast wohl noch nie so einen gutaussehenden Typen wie mich gesehen, oder?« Seine Zähne blitzten.

Natürlich, der Junge vom Felsen. Er war einen Kopf größer als sie und sein Haar schimmerte silbern im fahlen Licht der Straßenlaternen.

Rasch wandte sie den Blick ab. »Das glaubst du doch selbst nicht. Ich fasse es nicht, dass dein Kumpel und du nachts ein einsames Mädchen verfolgen.«

Er runzelte die Stirn. Hinter ihm konnte sie ein Schnaufen vernehmen. Der andere war also wirklich nicht so gut in Form. Zwar stark, aber auch ohne Kondition. Anders als der vor ihr. Leider.

Jetzt blieb ihr nur noch eins. Sie musste in die Offensive gehen, Fragen stellen, von sich ablenken. Vielleicht wollten sie ja wirklich nichts Böses von ihr, aber dass sie sie nicht gehen ließen, machte es nicht besser …

Sie schluckte die Panik hinunter und gab sich einen Ruck. »Jetzt beantworte mir doch mal die Frage, was ihr hier macht. Habt ihr gecampt? Auf etwas gewartet? Oder auf jemanden? Ich muss euch sehr enttäuschen, aber ich bin es jedenfalls nicht. Und -«

Aber die tiefe Stimme unterbrach sie. »Es tut mir leid.« Er ließ ihren Arm los. »Wir wollten dich nicht so erschrecken ...«

Erstaunt blinzelte sie. Meinte er das ernst? »Erschrecken? Ihr habt -«

»Und ich glaube, dass du wahrscheinlich wirklich aus dem Wasser gekommen bist, wie Ercan es gesagt hat. Du wirst keine Vorstellung davon haben, wo du bist.«

Mit einem Mal verrauchte ihre Wut. Sie schaute die verlassene Straße entlang. Ein Windstoß kam und brachte einen unangenehmen, jedoch wohlbekannten Geruch mit sich: Abgase, Metall, Staub. Auf einmal kam sie sich verloren vor. Verloren wie ein Kind. Die Erkenntnis traf sie mitten ins Gesicht. Sie war in einer Stadt gelandet, die sie nicht kannte und sie konnte nicht zurück.

»Wo sind wir?«

Sie konnte die Besorgnis in seinen Augen erkennen, aber da war noch etwas Anderes. Überlegenheit. Er wusste etwas, das sie nicht wusste. Und das gefiel ihr nicht.

»Wir sind in Kaltru. Und nicht in deiner Welt.«

Kapitel 2

Alexis

Der Gong hallte durch den Klassenraum. Niemanden schien es zu wundern, dass sich Alexis zwischen den Schülern befand und wie selbstverständlich am Unterricht teilnahm. Daran war ja auch nichts Ungewöhnliches.

Milans Blick traf sie nun schon das dritte Mal in dieser Stunde. Alexis hatte das registriert, langsam ging es ihr aber auf die Nerven und verwirrte sie. Schließlich war er einer der beliebtesten Schüler in ihrem Jahrgang. Er gab sich nicht mit Leuten wie ihr ab. Zwar war Alexis keine Außenseiterin, aber um zu den Beliebten zu gehören, hätte sie sich viel mehr in Schale werfen, angesagte Musik hören und sich den Mund über andere Leute zerreißen müssen. Darauf hatte sie dann doch keine Lust. Sollte Milan mal lieber in seiner Liga bleiben.

Da stupste ihre beste Freundin April sie an. Unter dem Tisch hielt sie ein Magazin, nein, eine Zeitung, die sie nun Alexis reichte, um ihr etwas zu zeigen. April war schon immer ziemlich klein gewesen und Alexis hatte nicht das Gefühl, dass sie noch viel wachsen würde. Ihre kurzen, roten Haare bildeten Stacheln und ihre Haut war gebräunt. Gerade im Unterricht vertrieb sie sich oft die Zeit mit irgendwelchen Zeitschriften. Die Stunden verstrichen einfach zu langsam.

»Das ist Maya Grant. Sie ist vor ein paar Tagen verschwunden«, erklärte April gerade aufgeregt und strich mit dem Daumen über das Bild des Mädchens.

Alexis bemerkte den Schatten von Traurigkeit, der sich in Mayas Blick gelegt hatte. Es war so ungewohnt, nun immer ihre Augen zu gebrauchen. Aber Bilder enthielten nicht die Energie der darauf befindlichen Personen und so war sie diesmal für ihre Sehkraft dankbar.

»Und sie kommt von hier? Wieso zeigst du mir das?«

April zeigte auf die Vermisstenanzeige darunter.

Wieder sah Alexis genauer hin. Ein Junge mit schokoladenbrauner Haut und genauso braunen Augen lächelte ihr entgegen.

»Das ist Kaja«, erklärte ihr April aufgeregt, während Alexis überrascht die Luft anhielt.

»Unser Kaja ist …?« Doch sie kam nicht dazu, ihren Satz zu vollenden. Sie spürte, wie eine Ladung gestauter Energie auf sie zukam und wandte sich ab. Herr Brauk schien nicht sehr begeistert zu sein, dass sein Unterricht nicht mit absoluter Hingabe verfolgt wurde.

»Wo ist die Stelle, die ich vorlesen soll?«, fragte Alexis nur, die die Absicht des Lehrers gespürt hatte.

Herr Brauk räusperte sich. »Seite 24, junge Dame. Und passen Sie in Zukunft besser auf!«

Alexis lächelte schwach. »Ich habe aufgepasst, sonst hätte ich wohl kaum wissen können, dass ich lesen soll.«

Und so begann sie auf Seite 24.

Vielleicht hätte sie es wissen müssen. Milan fing sie an der Tür ab.

»Hey«, sagte er und lehnte sich lässig an den Rahmen, doch sie konnte seine Anspannung spüren.

»Hallo«, erwiderte Alexis und wollte gerade aus der Tür gehen, als er vor sie sprang und dies verhinderte.

»Ich wollte dich nur fragen … Hättest du demnächst mal Zeit?«

Der Satz traf sie völlig unvorbereitet. »Was?« Sie runzelte die Stirn. »Nein, hab ich nicht. Echt toll, dass du ausgerechnet jetzt fragst.«

Nun war es Milan, der komisch dreinschaute. »Wie bitte, was?«

Demonstrativ verdrehte sie die Augen. »Ist nicht eben dein Freund verschwunden? Dein bester sogar, soweit ich weiß? Du scheinst ja wirklich besorgt zu sein.« Ihre Stimme wurde lauter, ohne dass sie es wollte. Wenn Milan so wenig an seinem besten Freund lag, was für ein Mensch musste er dann sein? Sie erinnerte sich nur zu gut, wie Kaja und er den Lehrern die Kreide durch Radiergummis ersetzten, die Tafel mit bunten Bilder vollmalten und wenig unauffällig voneinander abschrieben. Wieso also sollte sie sich auf jemanden einlassen, der sich kurz nach Kajas Verschwinden nach einem neuen Freund umschaute?

»Ehm … mochtest du ihn denn?« Fragend zog er eine Augenbraue hoch und Alexis wünschte sich instinktiv, das auch zu können.

»Was spielt das für eine Rolle?«

Milan schüttelte den Kopf. »Er ist schon wieder aufgetaucht«, versprach er, aber Alexis wusste, dass er log. Auch das konnte sie spüren. Da nützte auch das charmante Lächeln, das er aufgesetzt hatte, um sie zu überzeugen, nichts.

»Und, hast du nun heute etwas vor?«

»Du bist unmöglich«, erwiderte sie nur und schob ihn beiseite. »Ich bin heute im Kino, also habe ich ohnehin keine Zeit.«

Und das entsprach sogar der Wahrheit. April wollte unbedingt, dass Alexis das Augenerlebnis der großen Leinwand kennen lernte. Zoe und Jara, zwei Klassenkameradinnen, mit denen sich Alexis und April gut verstanden, wollten mitkommen. Und Alexis hatte natürlich nichts dagegen, sie freute sich sogar schon darauf.

Mit schnellen Schritten entfernte sie sich von diesem seltsamen Jungen, aus dem sie nicht schlau wurde. Sekunden später hallte seine Stimme den Flur hinunter.

»Sag mir nur, wie es kommt, dass du auf einmal hier bist. Wieso bist du hier?«

Was sollte das bedeuten? Kopfschüttelnd lief sie weiter, hielt jedoch an der frischen Luft inne.

Was hat er damit gemeint?

*

Schon als sie vor der Haustür stand und den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte sie durch das offene Fenster eine Schlagermelodie klingen. Alexis konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Sie ahnte bereits, was sie erwarten würde: Tante Claudia hatte mal wieder ihre Lieblingsmusik von Gudrun Schotter aufgelegt und sang jetzt in hohen Tönen mit. Dabei singt sie noch nicht einmal schlecht, dachte Alexis. Das Problem war nur, dass sie die Musik nicht leiden konnte. Wie eigentlich alles, was mit Claudia zu tun hatte.

Den Schlüssel einmal umgedreht und die Tür aufgeschoben, hastete Alexis in den Flur und auf die Treppe zu, die sie nach oben in ihr Zimmer führen würde.

Doch da hatte sie die Rechnung ohne Claudia gemacht, denn diese tauchte im gleichen Moment im Türrahmen auf – mit einer Schürze um den fülligen Bauch ertappte sie Alexis.

»War mir doch, als hätte ich jemanden reinkommen gehört«, meckerte sie und blickte ihr fest in die Augen.

Tante Claudias Dutt saß heute perfekt, was ihre Strenge unterstrich. Im Hintergrund lief noch immer in voller Lautstärke die Musik, sodass sich beide regelrecht anbrüllen mussten.

»Wie kannst du denn bei dem Lärm etwas gehört haben?«, fragte Alexis sichtlich verwirrt.

Da schnalzte Tante Claudia mit der Zunge. »Also wirklich, junges Fräulein …« Tadelnd betrachtete Claudia sie und schüttelte den Kopf.

Doch Alexis verspürte keinen großen Drang, das Gespräch in diese Richtung fortzusetzen und sich wieder einmal anzuhören, ihr würden die Manieren fehlen. Claudia war nämlich stark der Meinung, dass in diesem Haus der Mann fehlte, der schon in Alexis´ frühen Jahren geflüchtet war und sie mit ihrer Mutter allein gelassen hatte. Aber als sie näher darüber nachdachte, verblasste die Erinnerung immer mehr in ihrem Kopf. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, was sie gerade gedacht hatte.

Irritiert wischte sie den Gedanken mit einer Handbewegung weg, woraufhin Claudia sie nur anstarrte, als stünde eine Geistesgestörte vor ihr. Offenbar hatte es sehr seltsam ausgesehen.

»Heißt das, Mum ist mal wieder nicht da?«, fragte Alexis und versuchte, die Enttäuschung zu verbergen, die in ihr hochstieg.

Wie so oft spielte ihre Tante die Babysitterin. Dass ausgerechnet sie die Rolle übernehmen musste, empfand Alexis als Demütigung. Aber ihre Mutter hatte nun mal nicht genug Geld, um jemanden einstellen zu können. Sie arbeitete von früh bis spät im Büro, sodass Alexis und sie sich kaum sahen. Und eigentlich war Alexis mit sechzehn Jahren mittlerweile alt genug, um auf sich selbst aufzupassen, zudem nun ihr Augenlicht zurückgekehrt war. Trotzdem kam Claudia, zu ihrer beider Leidwesen, immer noch herüber.

Sie spürte den durchdringenden Blick ihrer Tante auf sich.

»Na, wenn ich mir dich so ansehe, frage ich mich doch glatt, wieso sie sich lieber in der Arbeit versteckt, anstatt hier zu sein.«

Autsch. Das tut weh.

»Ich habe übrigens gebacken«, sprach Claudia weiter, als wäre nichts geschehen, »heute Abend ist ein Fest im Dorf. Ich gehe mit Ralf dorthin, kommst du mit?«

Alexis schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht hin, hab schon was vor.«

Claudia warf ihr einen perplexen Blick zu, doch im nächsten Moment erhellten die Züge von Erkenntnis ihr Gesicht, als hätte sie sich eben an etwas erinnert. Obwohl es dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen nichts Gutes sein konnte. Schließlich war ihr Mund zu einem Strich geworden.

Ohne Claudias Antwort abzuwarten, sprintete Alexis endgültig die Treppenstufen hoch und ließ ihre Tante zurück. Noch während sie die Treppe nahm, brüllte sie: »Ich bin Hausaufgaben machen!«

*

»Wow, das war echt … cool«, gab Alexis zu. Ihre Mundwinkel verzogen sich automatisch zu einem verunsicherten Lächeln.

Es war so ungewohnt gewesen, die Personen nicht zu fühlen, die auf der Leinwand miteinander sprachen. Sie hatte keine Ahnung von ihren Energien, hatte sich ganz auf ihre Augen verlassen müssen. Natürlich faszinierte sie diese Art, die Dinge wahrzunehmen, aber es ließ sie auch stutzen. Es war, als hätte man ihr für diese Zeit einen Sinn entzogen, der sich sonst überlebenswichtig angefühlt hatte.

Umso überraschter war sie, als plötzlich jemand Neues hinter ihr erschien. Wieso hatte sie das nicht vorher gespürt? Es war, als würde ihr außergewöhnlicher Sinn allmählich verschwinden. Und ein Teil von ihr sehnte ihn sich mit aller Kraft zurück, auch wenn das bedeuten könnte, die Sehkraft wieder aufgeben zu müssen. Schließlich war er erst in den Hintergrund gerückt, seit sie ihr Augenlicht bekommen hatte.

Langsam drehte sich Alexis um und erkannte den schwarzen Haarschopf wieder. »Milan, schon wieder du?«, fragte sie müde. »Lass mich in Ruhe, habe ich dir nicht gesagt ...«

»Du hättest keine Zeit? Ja, das hast du.« Die Sonne sank allmählich tiefer und tauchte seine Haut in ein zartes Orange. Die Hand hielt er sich über die Augen, damit diese mit Schatten bedeckt wurden. »Aber es ist wirklich wichtig. Ich habe nur ein paar Fragen.«

Alexis zögerte. Sie warf einen Blick auf ihre Freundinnen, die sich bereits kichernd zurückgezogen hatten.

»Bis morgen«, rief April und verschwand mit ihren beiden Begleiterinnen kurz darauf hinter dem großen Einkaufszentrum.

Na toll. Alexis rollte mit den Augen und wandte sich wieder Milan zu. Ein weiteres Mal fragte sie sich, woher sein Interesse kam, da sie ja kaum etwas miteinander zu tun hatten. Nach allem, was sie wusste (und das war nicht viel), waren sie grundverschieden.

Als sie nicht antwortete, redete er einfach weiter. »Seit wann kannst du wieder sehen?«

Alexis runzelte die Stirn. Darum ging es ihm? Versuchte er wie der Doktor, eine Erklärung für ihr Phänomen zu finden? »Das war Samstag. Vor zwei Tagen.«

Der Junge nickte und runzelte nachdenklich die Stirn. »Das ging schnell … Das ging echt schnell …«

»Was ging schnell?«, hakte Alexis nach, die sein Gemurmel neugierig machte.

Doch er schüttelte nur den Kopf, mittlerweile blass geworden. »Seit wann bist du in dieser Klasse, Alexis?«

Fast musste sie lachen. Wollte er sie auf den Arm nehmen? »Das weißt du doch, wir sind von Anfang an auf diese Schule gegangen, seit ...« Doch sie konnte nicht weitersprechen, die Erinnerung wollte erst nicht kommen. Dann fiel es ihr wieder ein. »Seit wir zehn sind. Und soweit ich weiß, hatten wir nie besonders viel miteinander zu tun. Was also willst du von mir?«

Milan schloss kurz die Augen und antwortete, obwohl seine Lippen sich kaum bewegten. »Du warst nie in dieser Klasse.« Er öffnete die Augen und als sie hineinsah, wusste sie, dass es die Wahrheit war. »Vor heute«.

Er drehte sich um und wollte gehen, doch Alexis packte ihn am Arm. »Was redest du da? Wie kommst du darauf?«

Wahrscheinlich versuchte er zu lächeln, jedenfalls zogen sich seine Mundwinkel leicht nach oben. »Weil du vor ein paar Tagen noch blind warst und nicht lesen konntest. Auf welche Schule bist du vorher wirklich gegangen, Alexis?«

Er sprach mit ihr, als würde er einem kleinen Kind das Offensichtliche erklären. Sie hatte kaum wahrgenommen, dass er sich ihrem Griff entzogen hatte und bereits in der Dunkelheit verschwand. Auf welche Schule ging ich? Sie kannte die Antwort. Natürlich kannte sie sie. Schließlich konnte sie die Blindenschrift lesen.

Etwas in ihr tauchte auf, doch sie konnte es nicht erfassen. Es war wie ein Stück von Papier, das vom Großen und Ganzen abgerissen worden war und selbst der eine Buchstabe, den man erkennen sollte, war unleserlich. Sie wollte nach diesem Fetzen greifen, doch er verschwand schon wieder in der Tiefe.

Fragen wirbelten in ihrem Kopf umher und ließen nicht locker. Wieso ging sie auf eine normale Schule mit Leuten, die sie schon ewig zu kennen glaubte? Wieso konnte sie lesen, wie jeder andere Mensch auch? Und die wichtigste Frage war wohl überhaupt: Warum verschwand ihre Gabe?

Aber etwas war ihr klargeworden: Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Vergangenheit wirklich aussah. Und sie würde nicht ruhen, ehe sie Antworten auf diese Fragen gefunden hatte.

Kapitel 3

Maya

»Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, so unwahrscheinlich sie auch ist.«

- Arthur Conan Doyle

»Eine andere Welt?« Maya stemmte die Hände in die Hüfte. »Klar doch, und ich bin die Kaiserin von China«, stieß sie hysterisch hervor.

Der Junge runzelte die Stirn. »Du siehst nicht aus wie eine Kaiserin.«

Fast hätte sie gelacht, aber als sie ihn genauer betrachtete, stellte sie fest, dass er ernsthaft verwundert war. »Das ist nur so 'ne Redewendung. Ihr müsst ganz schön weit weg von der normalen Zivilisation leben, sonst wüsstet ihr das.«

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Maya die beiden und hob den Finger. »Also, wo bin ich?«

Wieder antwortete der Junge, diesmal in einem leicht genervten Ton. »Das sagte ich schon, in Kaltru. Wir wissen nicht, wie du hier her gekommen bist …« Er wandte sich an Ercan, der ihn nicht so überzeugt ansah. »Außer sie ist ...«

»Außer ich bin was?« Maya sah zwischen den beiden Männern hin und her, bis Ercan schließlich ein leises Seufzen hören ließ und antwortete. »Er denkt, du bist die Weltenwanderin.«

Sollte ihr das jetzt etwas sagen? Zumindest ging keine Glühbirne in ihrem Kopf an.

Da fing Ercan – der Starke von beiden – an, zu erzählen. »Die Prophezeiung spricht davon, dass jemand mit der Bezeichnung Weltenwanderin in unsere Welt übergeht. Wir haben auf diese eine Person gewartet.« Kurz sammelte er sich, dann redete er weiter. »Es gibt die Erde und es gibt unsere Welt. Diese beiden Planeten sind Parallelwelten, die sich in den Landbeschaffenheiten gleichen, aber andere Bewohner beherbergen. Auf eurer Seite sind die Menschen, auf unserer … Na, das erfährst du noch früh genug.«

Er räusperte sich, bevor er weitersprach. »Jedenfalls steht in der Prophezeiung geschrieben, dass beide Planeten aufeinander zusteuern und durch einen Zusammenprall alles ausgelöscht wird. Die Weltenwanderin kann zwischen den beiden Welten wechseln und soll dies verhindern. Allerdings ...« Er sah zu den Sternen, als würden sie ihm wie Hoffnungslichter entgegenblinken. Dann senkte er seinen Blick wieder. »Allerdings sollte das schon geschehen sein, daher wurden einige von uns unruhig. Schlachtpläne werden entwickelt, wie man die Erde vernichten kann, bevor sie uns vernichtet.«

Auch Maya sah nun in den Himmel. Ein Teil von ihr war bestürzt über die Ereignisse und sagte ihr, dass sie vorsichtiger sein musste, um nicht in etwas Großes hineingezogen zu werden. Der andere Teil versuchte, alles zu verstehen, und kam zu einem Entschluss: Sie musste träumen. Das war die einzig logische Erklärung. Sie lobte leise ihre Fantasie für diesen Traum und beschloss, einfach mitzuspielen. Sie würde noch früh genug ihren nervigen Bruder, ihre gestresste Mutter und ihre Stifte wiedersehen. Sobald sie aufwachen würde. Diese Vorstellung ließ ihre ganze Anspannung von ihr abfallen und sorgte für einen klaren Kopf. »Wenn es stimmt, was ihr sagt … frage ich mich, warum sieht man die Erde nicht am Himmel? Oder einen anderen Planeten?«

Nun war es wieder der Junge, der antwortete. »Die Erde ist noch zu weit entfernt von unserer Welt. Sie kommt aber im rasenden Tempo näher und es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Spezialisten schätzen zwei Monate. Und da sich auch dir bekannte Planeten ein gutes Stück entfernt befinden, kann man diese ebenfalls nicht sehen. Wir haben unsere eigenen Planeten, die uns mit Licht und Energie versorgen.«

Irgendwie klingt es schon plausibel, dachte sich Maya. Aber irgendwie auch nicht, denn wieso sollten sich die zwei Planeten selbst ansteuern? Sie äußerte ihre Frage und Ercan zuckte zur Antwort mit den Schultern.

»Es sind Parallelwelten. Es wird vermutet, dass nicht zweimal das Gleiche existieren kann, und um diesem Widerspruch zu entkommen, versuchen die Welten, sich gegenseitig zu vernichten. Es kann auch sein, dass sie sich gegenseitig anziehen, wie zwei Magnete. Niemand weiß das so genau …«

Maya nickte. Das verstand sie, auch wenn sie noch nicht ahnte, welche Wahrheit dahintersteckte. Vor allem fragte sie sich, warum die beiden Bescheid wussten und auf der Erde noch nie jemand von all dem gehört hatte. Oder doch? Vielleicht wusste sie einfach nichts davon. »Und es gibt verschiedene Wesen in den Welten?«

All das schien ihr doch zu abstrus, als dass sie es richtig ernst nehmen konnte. Ercan knackte mit seinen Knöcheln und ließ ein dröhnendes Gähnen hören. »Ja, aber … das wirst du noch erfahren. Eins nach dem anderen.«

Enttäuschung machte sich in ihr breit. So ein interessanter Traum, und dann erfuhr sie noch nicht mal alles!

Ihre Augen suchten die Umgebung ab. Es sah hier wirklich wie in ihrer Heimat aus: Vor ihr erstreckte sich eine lange Straße, die sich in der Dunkelheit verlor. Die Häuser wirkten wie bleiche Fassaden und ließen nichts von ihrem Charakter durchscheinen. In diesem fahlen Straßenlicht schien alles unwirklich und als sie die beiden Männer wieder ansah, bemerkte sie die dunklen Ränder unter deren Augen. Tatsächlich wirkten sie erschöpft.

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