Inge Friedl Was sich bewährt hat
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Inge Friedl Was sich bewährt hat

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Umgewandelt auf unsere (früheren) Verhältnisse könnte man sagen: Es braucht ein ganzes Haus, um Kinder zu erziehen, Alte zu pflegen und sich mit allem zu versorgen, was man im Leben braucht. Hier ist die Rede von der alten Hausgemeinschaft, in der nicht nur Eltern und Kinder zusammen unter einem Dach lebten, sondern da waren auch die Großeltern, die Mägde und Knechte und eventuell noch unverheiratete Onkel und Tanten – alles in allem oft bis zu 15, 20 Personen.

All diese Menschen lebten in einem Haus mit nur einer Küche und mit lediglich einem Aufenthaltsraum, der Stube. Damit so ein Zusammenleben überhaupt funktionieren konnte, gab es eine klare Hierarchie und klare Regeln. Vom Bauern, der Bäuerin über den Moarknecht (dem ersten Knecht) bis hinunter zum Stallbua und zur Saudirn hatte jeder im Haus seine exakt festgelegte Aufgabe, und man wusste immer ganz genau, wer wem was „anschaffen“ durfte.

Diese Lebensordnung hatte sich über viele Jahrhunderte entwickelt. Von Generation zu Generation wurden die Verhaltensregeln weitergegeben, die notwendig waren, um als Großfamilie mit Dienstboten unter einem Dach leben zu können. Die Bäuerin wurden übrigens von allen als „Mutter“, der Bauer als „Vater“ angeredet. Das galt nicht nur für die Familienmitglieder, sondern für jeden, der auf den Hof kam. Das bedeutete sicher nicht, dass sich nun alle wie eine große Familie fühlten, sondern es war die korrekte Anrede für die Besitzer, unter deren Dach alle anderen lebten.

Wir fragen uns heute, wie das nur gutgehen konnte. Gerieten nicht ständig alle aneinander? Dazu eine Innviertlerin: „Das Wichtigste war, Rücksicht zu nehmen. Das Geheimnis, dass es am Bauernhof klappt ist, dass du nachgeben kannst und dass du auch einmal zurückstehst.“ Gleichzeitig pflegte man die Dinge sehr direkt, manchmal fast grob anzusprechen. Man sagte dem anderen die Meinung, trug die Sache kurz aus, und damit war sie erledigt. Mehrere Gesprächspartner versicherten mir, dass es „Beleidigtsein“ nicht gab und dass tagelanges „Nicht-miteinander-Reden“ nicht toleriert wurde. Im Normalfall war nach fünf Minuten alles wieder gut, sonst hätte eine Lebensform wie diese niemals funktioniert.

Miteinander auszukommen war allerdings eine Sache, die man lernen musste. Die Kleinen lernten es von den Großen, die Jungen von den Alten, wobei auch hier die Hierarchie klar war. Die Jüngeren respektierten die Alten und waren selbstverständlich „stad“ (ruhig), wenn der Bauer und die Bäuerin miteinander redeten. So zusammenzuleben war kein Paradies, aber es war auch nicht die Hölle – bis auf wenige Ausnahmen vielleicht. Glaubt man jenen, die es noch erlebt haben, dann war das Schönste daran, dass man nie allein und einsam war. Man war eingebettet in die Sicherheit der Hausgemeinschaft und hatte oft „eine Gaudi“. Das Wort „Spaß“ wäre hier falsch, es ging eher um eine Art Unterhaltung, die leicht und schnell zustande kam, wenn zwei oder mehrere beieinander waren. Es war eine Kultur des Humors, der klug und manchmal derb war und vielleicht am ehesten mit dem Wort „Schmäh“ zu beschreiben ist.

Die Hausgemeinschaft war ein kleiner Kosmos, in dem sich der ganze Kreislauf des Lebens von der Geburt bis zum Tod abspielte. Es war auch ein Ort, an dem Wissen ganz selbstverständlich weitergegeben wurde. Säuglingspflege, Kinderbetreuung, handwerkliche Fähigkeiten, Kochen, Gärtnern und alle Arbeiten in Haus und Hof wurden allmählich, einfach durch Zuschauen und Mithelfen erlernt. Auch das „G’hörtsi“, das gute Benehmen, worunter man früher vor allem Grüßen und Danken verstand, bekam man von zu Hause mit. Es war, wenn man so will, der Kitt, der die alten Gemeinschaften zusammengehalten hat.

HEINI STAUDINGER, DER UNKONVENTIONELLE WALDVIERTLER SCHUHPRODUZENT, erzählte bei einem Vortrag in Berlin zum Thema Gemeinschaft eine Geschichte. Es ging dabei um Wirtschaftsethik: Der Chef einer großen Steuerberatungskanzlei war sich anlässlich einer Tagung in Wien ausgiebig im Jammern über die Absolventen der Wirtschaftsuniversität ergangen, die als Mitarbeiter in seine Kanzlei kommen. Sie seien immer schlechter qualifiziert und er müsse sie noch extra ausbilden, bevor er sie zu Kunden schicken könne. Schließlich platzte einem Wirtschaftsprofessor der Kragen, und er schrie beinah: „Sagen Sie uns endlich, was können sie denn nicht, unsere Absolventen?“ Die Antwort des Steuerberaters: „Zum Beispiel grüßen!“

Pfiat di! Griaß di! So wurde früher jeder auf der Straße gegrüßt. Das Grüßen war einer der Pfeiler des „G’hörtsi“, des richtigen Benehmens. Sah man auf den Feldern Leute stehen, wurden sie schon von Weitem gegrüßt. Ging man an einem Haus vorbei, grüßte man selbstverständlich jeden, den man sah. Kinder wurden angehalten: „Dass ihr mir ja alle grüßt’s! Macht’s mir keine Schande!“

Diese Grußpflicht wird heute oft missverstanden und belächelt. Man grüßte nämlich nicht, um irgendwie vor den Leuten gut dazustehen. Der Grund liegt viel tiefer. Solche Formen wurden gewahrt, um die Gemeinschaft zu erhalten! Hätte man sich verfeindet oder es sich mit den anderen verscherzt, hätte man im Notfall nicht mehr mit Hilfe der Nachbarn rechnen können.

Heini Staudinger sagt, dass seine „University of Economics“ das kleine Kaufmannsgeschäft seiner Eltern gewesen ist. Denn dort hätte er schon mit zwei Jahren grüßen gelernt. Die kleinen Kramerläden waren übrigens auch Treffpunkte der Dorfgemeinschaft. Einkaufen und miteinander Reden waren eins – eine Sitte, die heute kaum noch gepflegt wird. Die Verkäuferin an der Supermarktkassa hat weder Zeit noch Lust auf ein längeres Gespräch.

Ein Zeichen des guten Benehmens war auch die stets unversperrte Tür in den alten Bauernhäusern. Sie war ein Willkommenszeichen an die Nachbarn. Jeder, der wollte, konnte eintreten, auch ohne vorher anzuklopfen. Oft war es ein Kind aus der Nachbarschaft, das einen Botengang verrichtete oder ein Nachbar, eine Nachbarin, die sich etwas ausborgte. Keiner verließ das Haus ohne ein kurzes Gespräch und jeder bekam etwas „aufgewartet“. Die Kinder einen Saft oder eine kleine Nascherei, die Männer ein Schnapserl und jeder, der wollte, eine Jause.

Wie fern ist uns ein solches Leben? Die Autorin Greta Taubert lebte ein Jahr lang so, als wäre die Wirtschaft schon zusammengebrochen. Sie baute Gemüse an, tauschte Kleidung und machte dabei eine völlig neue Erfahrung: „Ich musste anfangen, andere Leute um Hilfe zu bitten. Der Mangel brachte ein neues Gemeinschaftsgefühl.“ Ihr Experiment war ein Ausflug in eine andere, ihr bis dahin unbekannte Welt, in der Teilen, Tauschen und Schenken zählen. Taubert war angewiesen auf andere und sagt dennoch: „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so reich gefühlt.“

DAS GLÜCK DER ZUFRIEDENHEIT

Ein erster Schritt zur Gelassenheit


ZUFRIEDENHEIT IST EINE ENTSCHEIDUNG. Das klingt einfach und ist es vielleicht auch. Man sagt „Danke, das genügt!“, und ist zufrieden. Man beschließt, dass das, was man hat und was man ist, gut genug ist. Man ist nicht unentwegt getrieben von der Idee, etwas Besseres, etwas Anderes oder eine größere Auswahl zu finden. Man hat sich entschieden, zufrieden zu sein und bleibt dabei. Die Wissenschaft nennt solche Menschen Satisficer. Das Wort setzt sich aus den englischen Wörtern satisfying (zufriedenstellend) und suffice (genügen) zusammen. Ein Satisficer begnügt sich mit der ersten besten Möglichkeit, die seinen Zielen entspricht. Er entscheidet sich: „Es genügt. Ich bin zufrieden. Ich brauche nicht mehr.“

Heinrich Böll schrieb eine wunderbare Kurzgeschichte zu diesem Thema. Er nannte sie „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. In einem Hafen treffen ein Tourist und ein Fischer aufeinander. Der Fischer liegt entspannt in seinem Boot und döst. Der Tourist fotografiert diese idyllische Szene. Klick, klick und noch einmal klick. Der Fischer wacht auf und die beiden kommen ins Gespräch. Der Tourist fragt ihn, ob er nicht an diesem Tag noch ein zweites Mal auf Fischfang gehen wolle, da das Wetter doch günstig sei. Der Fischer schüttelt den Kopf. Nein, er werde nicht ausfahren. Er habe heute bereits so viel gefangen, dass er auch für den nächsten und übernächsten Tag genug habe.

„Aber“, sagt der Tourist, „stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor.“ Wenn der Fischer das täglich tun würde, so der Fremde, könnte er sich in einem Jahr einen Motor für sein Boot, in zwei Jahren ein zweites Boot, irgendwann einen oder sogar zwei Kutter leisten. Dann könnte er sich ein kleines Kühlhaus bauen, eine Räucherei, später vielleicht eine Fabrik. Er könnte mit einem Hubschrauber die Fischschwärme suchen und per Funk den Kuttern Anweisung geben. Er könnte ein Fischrestaurant eröffnen und Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren. Und dann, ja, dann könnte er beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen und auf das herrliche Meer blicken. „Aber das tue ich doch schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich gestört.“

Der Fischer ist der Prototyp des Satificer, der selbst entscheidet, wann es genug ist und wann er zufrieden sein kann. Eigentlich ist jemand wie er eine Provokation in einer Welt, in der alles immer größer, schneller und besser sein muss.

Diese Erzählung von Heinrich Böll ist zwar sehr schön, aber dennoch erfunden. Wahr hingegen ist folgende Begebenheit: Der Besitzer eines kleinen Kaufmannsladens3, der alles führte, was das Dorf so brauchte, der aber gerade nur so viel abwarf, dass die Familie bescheiden davon leben konnte, fasste seine Lebensphilosophie in einem Satz zusammen: „Solange wir unser Auskommen haben, gibt es nichts zu jammern.“

Der Fischer und der Kaufmann, beide sind zufrieden, wenn auch auf unterschiedliche Art. Sie haben beide eine Art Stopp-Schild gegen die Unzufriedenheit aufgestellt, auf dem steht: „Ich habe alles, was ich brauche!“ Auch der Kaufmann hat eine Entscheidung getroffen.

Er und seine Familie haben die eigenen Ziele den Umständen angepasst. Sie waren bescheiden in ihren Lebensträumen und waren zufrieden, wenn sie genug verdienten, um einigermaßen gut leben zu können.

DAS WICHTIGSTE, WAS MAN ÜBER ZUFRIEDENHEIT WISSEN MUSS, ist, dass sie immer das Ergebnis eines Vergleichs ist. Dazu eine weitere Geschichte. Eine 1935 geborene Frau, Juliane, die Tochter eines Kleinbauern, meinte, dass ihre Familie nach heutigen Maßstäben eigentlich arm gewesen ist. Bis zum Alter von etwa 12 Jahren wäre ihr so ein Gedanke nie gekommen, weil ihr der Vergleich gefehlt hätte. In ihrer Kindheit hatte sie nie den Eindruck gehabt, dass sie zu kurz kommt, denn alle im Dorf hatten gleich viel oder gleich wenig – je nachdem, wie man es betrachtete.

Die Familie hatte sieben Kinder und besonders während des Krieges eine schwere Zeit. Der Vater war Soldat und die Mutter musste die ganze Last der Arbeit alleine tragen. Man hatte drei, vier Kühe, ein paar Hühner und zwei Schweine. Ein Schwein wurde jährlich verkauft, das andere musste den Fleisch- und Fettbedarf der Familie für ein Jahr decken. Geld war nur vorhanden, wenn das Schwein oder eines der Kälber verkauft wurde – das heißt, Geld war absolute Mangelware. Für die Kinder bedeutete dies: keine (gekauften) Spielsachen und neue Kleidung oder Schuhe nur für die ältesten Geschwister. Die Kleineren mussten „nachtragen“, was den Großen nicht mehr passte.

Juliane erinnert sich noch gut an den Moment, als ihr das erste Mal klar wurde, dass ihre Familie arm war, und dass ihr fehlte, was andere besaßen. Zu diesem Zeitpunkt ging sie bereits in die Hauptschule. An einem heißen Tag wollte sie in einem kleinen Stausee baden. Da der Weg dorthin steinig und voll Schotter war, zog sie ihr einziges Paar Schuhe an. Dies war im Sommer ungewöhnlich, denn die meisten Kinder gingen in der warmen Jahreszeit barfuß, um die kostbaren Schuhe zu schonen. Juliane aber hatte an diesem Tag keine Lust dazu. Sie ließ sich auch nicht von ihrer Mutter überreden, die sie wiederholt aufforderte, doch die Schuhe zu sparen und bloßfüßig zu gehen.

Und so geschah es dann – beim Baden wurden ihr die Schuhe gestohlen. Juliane traute sich nicht, ihren Eltern davon zu erzählen und ging am nächsten Tag barfuß in die Schule. Erst dort realisierte sie, dass sie die einzige Schülerin ohne Schuhe war. In der Volksschule waren fast alle Kinder bloßfüßig gewesen, aber jetzt war sie die einzige an der ganzen Schule. Die Hauptschule besuchten damals fast nur die Kinder der besser gestellten Eltern und alle besaßen selbstverständlich mehrere Paar Schuhe. Juliane schämte sich für ihre Armut. Sie wurde zwar nicht von den Mitschülern gehänselt, aber es war ihr äußerst peinlich.

Ein paar Tage ging das so, bis die Eltern bemerkten, was los war. Sie mussten wohl oder übel ihrem Kind neue Schuhe kaufen – eine unvorhergesehene, große Geldausgabe. Bis zu diesem Zeitpunkt war es Juliane völlig egal gewesen, dass sie nur ein einziges Paar Schuhe besaß. Ihrer Ansicht nach war das absolut ausreichend. Doch nun wurden ihr die Augen geöffnet, indem sie sich mit anderen vergleichen konnte, die mehr besaßen als sie.

Von Søren Kierkegaard stammt der Ausspruch „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“. Genau das macht uns heute Stress. Der Nachbar hat ein größeres Auto, die Kollegin ein höheres Einkommen und die Freundin bucht den teureren Urlaub. Das wollen wir auch. Der zuvor erwähnte Dorfkaufmann aber sagte sinngemäß: „Wenn du genug hast, dann sei zufrieden.“ Das klingt nach Bescheidenheit und das kommt heute gar nicht gut an. Sich-Bescheiden, das klingt nach Sich-zufrieden-Geben, wo man doch noch immer mehr haben könnte.

Die Kaufmannsfamilie, von der oben die Rede ist, war zufrieden, weil die Kluft zwischen ihrer realen Situation und dem, was sie sich erträumten und wünschten nicht besonders groß war. Sie haben „Frieden“ mit ihren Sehnsüchten geschlossen und so ihre Seelenruhe gefunden. Nicht umsonst steckt das Wort „Friede“ im Begriff Zufriedenheit.

ICH KENNE ZAHLREICHE EXPERTEN FÜR ZUFRIEDENHEIT. Sie sind weder Psychologen noch Soziologen noch haben sie studiert. Es sind weise und lebenserfahrene Menschen, die alle von einer Zeit berichten können, in der scheinbar „andere Gesetze“ herrschten. Es handelt sich dabei um die Zeit – bei uns am Land – bis etwa in die 1960er-Jahre.

Immer wieder fragte ich meine Gesprächspartner, was denn „die gute alte Zeit“ wirklich ausgemacht hat, was sie heute vermissen würden. Und immer wieder tauchten vor allem zwei Begriffe als Antwort auf: Zufriedenheit und Gemeinschaft. Stellvertretend für viele steht die Aussage einer älteren Bäuerin: „Obwohl man kein Geld gehabt hat, hat man trotzdem alles gehabt, was man gebraucht hat.“

Kein Geld – das ist fast wörtlich zu nehmen. Die Menschen waren Selbstversorger und lebten äußerst sparsam. Das galt für alle, für Arme und für Reiche. Reich war, wer Landbesitz, ein großes Bauerngut und viel Vieh hatte. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass viel Bargeld vorhanden war und noch weniger, dass man es ausgab.

Der große Gleichmacher am Land war früher der Mangel an Bargeld. Alle besaßen gleich wenig davon. Lediglich der Bauer selbst, der Besitzer, konnte größere Ausgaben tätigen, alle anderen lebten (fast) ohne Geld.

Eine Innviertler Bauerntochter erzählte, dass sie in ihrer Jugend über weniger Geld verfügte als eine Magd, die zumindest ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen erhielt. Wenn sie hingegen Geld benötigte, musste sie ihre Mutter um ein paar Groschen bitten. Jede Bäuerin hatte einen kleinen Zuverdienst durch den Verkauf von Hühnereiern. Das war übrigens das einzige Bargeld, über das die Bäuerinnen frei verfügen konnten. Die Mutter zweigte vom „Hühnergeld“ ein wenig ab und gab es der Tochter, die damit vielleicht beim Kaufmann ein Stück Stoff oder eine Kleinigkeit am Kirtag kaufte.

Wo wenig Geld vorhanden war, wurde wenig Geld ausgegeben. Ein sparsamer Lebensstil war nicht nur Pflicht, sondern die einzige Möglichkeit, sein Auskommen zu finden. Es ist paradox, dass gerade diese Zeit von meinen Gesprächspartnern als die zufriedenste bezeichnet wird.

Sparsamkeit – nicht zu verwechseln mit Geiz und Knausrigkeit – macht tatsächlich zufrieden. Die US-Psychologin Miriam Tatzel sorgte international für Schlagzeilen, als sie behauptete: „Sparsame Menschen sind sehr glücklich!“ Sie wollte herausfinden, welcher Typ von Konsument am zufriedensten ist. Der Schnäppchenjäger? Der, der sich alles leisten kann? Der Konsumverweigerer? Das Ergebnis war überraschend. Am zufriedensten sind zwei Konsumententypen: Die Sparsamen und die Genießer. Der Genießer gibt sein Geld für Erlebnisse, etwa für Reisen oder für Konzerte aus. Der Sparsame ist nicht einer, der nach Sonderangeboten jagt, sondern jemand, der Nein zu Kaufverlockungen sagen kann und der weiß, wann es genug ist. Eher unzufrieden und nicht sehr glücklich sind hingegen Menschen, die nach Statussymbolen, nach teuren Autos, Villen, Kleidung, Schmuck streben. Diese Menschen haben oft Schulden und sind eher impulsive Käufer.

Dass Geld nicht auf Dauer glücklich macht, merken wir, wenn wir eine Gehaltserhöhung bekommen. Geld spielt durchaus eine große Rolle, wenn wir arm sind. Aber ab einem ausreichenden Einkommen steigt unsere Zufriedenheit nicht weiter an, wenn wir mehr Geld verdienen. Eine Gehaltserhöhung macht nur kurzfristig glücklich, und zwar genau so lange, bis wir uns an den scheinbar besseren und auf jeden Fall teureren Lebensstil gewöhnt haben. Vor nicht allzu langer Zeit waren wir noch zufrieden, wenn wir ein oder zwei Fernsehkanäle in Schwarz-Weiß empfangen konnten. Heute erwarten wir, Dutzende von Sendern empfangen zu können, selbstverständlich farbig und in HD.

DIE QUAL DER WAHL. Die Last, eine Entscheidung angesichts einer unüberschaubaren Auswahl treffen zu müssen, kennt heute wohl jeder. Es beginnt bei der Berufsausbildung. Eine Lehre? Wenn ja, welche? Oder lieber doch eine weiterführende Schule, eine berufsbildende Schule oder gar eine Lehre mit Matura? Alles geht. Soll man danach gleich arbeiten oder lieber eine Hochschule, Universität oder Fachhochschule besuchen? Ein Auslandssemester – ja oder nein? Wehe, man trifft die falsche Entscheidung!

Und erst die Frage nach dem richtigen Lebenspartner. Auch hier scheint alles möglich. Soll man im Bekanntenkreis suchen oder doch lieber im Internet? Und hat man jemanden gefunden – ist er oder sie wirklich der oder die Richtige? Wartet nicht irgendwo da draußen vielleicht noch ein „perfekterer“ Partner?

Eine große Drogeriekette warb mit dem Slogan „Mehr Auswahl als es Wünsche gibt“. Ist es nicht genau das, was sich Konsumenten wünschen? Man stelle sich vor, eine Kundin will ein Parfum kaufen.

Nun hat sie in diesem Geschäft im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl. Sie kann unter vielleicht hundert Düften wählen. Sie will den einen, den für sie richtigen Duft auswählen und riecht einmal an dem einen Flakon, einmal an dem anderen. Sie prüft lange, bringt einige Parfums in die engere Auswahl und entscheidet sich schließlich nach langem Hin und Her für eines. Aber nein, sollte sie nicht doch ein anderes nehmen … Vielleicht ein billigeres, ein teureres, ein blumigeres oder doch lieber eines mit einer Zitrusnote?

Hätte die Kundin nur vier oder fünf Parfums zur Auswahl gehabt, dann wäre sie am Ende mit ihrer Wahl wahrscheinlich zufrieden gewesen. So aber bleibt der Zweifel: Wäre nicht doch ein anderer Duft besser gewesen?

Wir stecken in einem Dilemma: Je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto unzufriedener und unschlüssiger werden wir. Barry Schwartz beschreibt das sehr treffend in seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“: Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr Hätte-ich-Dochs lassen sich finden. Und so wird die Zufriedenheit mit der getroffenen Wahl ständig ein bisschen kleiner. Jeder kennt das Phänomen an der Supermarktkassa. Wo auch immer man sich anstellt, die andere Schlange ist die schnellere, und man denkt sich: „Hätte ich doch …!“

Wir können uns vor lauter Möglichkeiten schwer oder gar nicht entscheiden, welchen Weg wir einschlagen sollen. Eine ganze Generation ist unentschlossen und hin- und hergerissen: „Vielleicht ja, vielleicht nein.“ Der Autor des Buches „Generation Maybe“ drückt es so aus: „Ich bin ein Maybe. Ich wäre zwar gern keiner, aber es ist nun mal so. Ich tue mir schwer, Entscheidungen zu treffen. Mich festzulegen. Mich einer Sache intensiv zu widmen. Ich sehe all die Optionen vor mir, die Verlockungen einer ultramodernen Welt, in der alles möglich ist. Egal, was wir wollen, was ich will, es ist meist nur einen Mausklick entfernt.“ So viele Angebote! Und mit jedem Angebot geht die Gefahr einher, sich falsch zu entscheiden und zu scheitern.

DIE GUTE ALTE DORFGREISSLEREI IST EIN GUTES BEISPIEL für Überschaubarkeit. Unendlich viele Wahlmöglichkeiten gab es hier nicht. Wer zum Kaufmann ging, hatte seine Kaufentscheidung schon vorher getroffen, denn erstens hatte man kaum Geld und zweitens gab es dort keine große Auswahl.

Ich traue mich wetten, dass die Kunden der alten Dorfkaufleute zufriedener mit ihren Einkäufen waren als Kunden eines heutigen Supermarktes mit gigantischer Produktauswahl. Dass eine kleinere Auswahl zufriedener macht, lässt sich sogar wissenschaftlich beweisen. In einem Delikatessengeschäft wurden den Kunden zwei Probiertische mit Marmeladen angeboten, einer war mit sechs, der andere mit vierundzwanzig Sorten bestückt. Tatsächlich blieben deutlich mehr Kunden beim Tisch mit der größeren Auswahl stehen. Allerdings konnten sich nur wenige von ihnen zum Kauf entscheiden. Sie grübelten, zweifelten und wirkten verunsichert. Ganz anders dagegen die Kunden, denen die kleine Auswahl vorgesetzt wurde. Sie schienen genau zu wissen, was sie wollen und kauften ein.

Je kleiner die Auswahl, desto sicherer können wir Entscheidungen treffen. Das gilt nicht nur für Marmelade, sondern auch für alle anderen Entscheidungen im Leben. Es muss kein Nachteil sein, nur zwischen wenigen Berufen wählen zu können oder gar einen von den Eltern vorherbestimmten Beruf ausüben zu müssen. Eine Bauerstochter wusste, sie kann entweder als Magd am Hof bleiben, den der Bruder übernimmt, oder einen anderen Bauern heiraten. Der Sohn eines Schmiedes wurde selbst Schmied. Die Tochter eines Gastwirtes übernahm den Betrieb. Diese Menschen wussten schon als Kind, was auf sie zukommt. Die Arbeitswelt der Eltern war ihnen nicht fremd, wie es heute oft der Fall ist. Die allermeisten dieser Menschen waren sehr zufrieden mit dem ihnen zugefallenen Beruf – ausgesucht haben sie ihn ja nicht.

Wir entscheiden heute über Dinge, die früher nicht zur Diskussion standen, etwa ob man Kinder bekommt oder nicht. Das überfordert uns oft und ist anstrengend. Zusätzlich müssen wir noch jeden Tag Tausende kleine Blitzentscheidungen treffen. Welchen Sender stelle ich im Radio ein? Beantworte ich ein E-Mail sofort oder später? Welche der unzähligen Kekssorten kaufe ich?

Früher waren viele Dinge vorhersehbar. Jeder Tag hatte seinen eigenen gleichbleibenden Rhythmus, jede Arbeitswoche endete in der Sonntagsruhe und jedes Jahr hatte seine immer gleichen Ruhezeiten, Festzeiten und Arbeitszeiten. Diese Regelmäßigkeit schuf Sicherheit. Auf Arbeit folgten Ruhephasen, auf den Alltag ein Fest, auf den arbeitsreichen Sommer der Herbst und der ruhige Winter.

Diese Überschaubarkeit machte zufrieden. Es gab einen roten Faden, der sich durch das Leben zog. In den meisten Fällen, hat man so gelebt, wie schon der Vater und die Mutter gelebt haben. Lebenswege waren vorgezeichnet und festgelegt. Berufsentscheidungen, ja sogar die Partnerwahl waren vorhersehbar. Die Arbeit war zeitweise hart, das Leben auch damals schon ungerecht – aber die Lebenslinien waren klarer als heute. Heute hat man das Gefühl, dass man theoretisch alles erreichen könnte, was man will. Alles scheint machbar, wenn man nur die richtigen Entscheidungen trifft und sich genügend anstrengt.

Die Alten waren gelassen, weil sie zufrieden waren. Diese Gelassenheit war eine Art Urvertrauen: „Es wird schon werden!“ Eine innere Sicherheit, die langsam reifen durfte, weil das Leben so überschaubar war. Man war zufrieden, weil man sich in seinem Leben auskannte.

DAS FACH „GLÜCK“ WIRD HEUTE SOGAR IN DER SCHULE UNTERRICHTET. Interessanterweise lässt sich aber keine einzige Schule finden, die das Fach „Zufriedenheit“ auf ihrem Stundenplan hat. Alle wollen glücklich sein, aber keiner sucht nach Zufriedenheit?

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