Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path
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Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path

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Der Mythos von Prometheus veranschaulicht die geistige oder intellektuelle Anleitung durch eine Gestalt, die die Menschheit zu ihrem göttlichen Aspekt – dem Intellekt – geführt hat und deshalb der wahre Vater ihres Geistes ist. Prometheus fördert die Absonderung der Menschheit von den Göttern und schickt sie als Geschlecht auf eine heroische Suche, um ihre eigene göttliche Kraft zu entwickeln. So lange die Menschen mit den Göttern eng verbunden waren, konnten sie sich nicht im Einklang mit ihrem eigenen mystischen Weg weiterentwickeln. Prometheus zwang die Menschheit aus ihrem Nest im Olymp heraus und sorgte dafür, dass sie entweder fliegen lernen oder sich selbst zerstören würde. Doch kümmerte er sich auch darum, dass die Spezies mit der einen Sache ausgerüstet war, die für das Fliegen absolut notwendig war: mit dem heiligen Feuer der Götter. Der Mythos platziert den entfesselten Gebrauch des Intellekts – die göttliche Fähigkeit des Bewusstseins – deutlich in die kulturelle Hauptströmung einer Aristokratie des geistigen Verdienstes.

Die prometheische Mythologie hatte einen gewaltigen Einfluss auf den Verlauf der europäischen Kulturgeschichte. Seit Aischylos’ Zeit wurde die Gestalt des Lichtbringers, zumindest in gewissem Ausmaß, als tragischer Held betrachtet. Wahrscheinlich hat der Mythos das Leben gemarterter Philosophen, wie zum Beispiel Sokrates‘ und vielleicht auch des Jesus von Nazareth, stark mitgeprägt oder zumindest die literarischen Darstellungen über diese beeinflusst. Darüber hinaus ist interessant, dass Mary Shelley ihrem Schauerroman Frankenstein den Untertitel „Der moderne Prometheus“ gab, der eine komplexe Metapher (und sogar die Entstehung einer neuen Art von Mythologie) beinhaltet, die eine eigene Untersuchung wert ist.

Der linkshändige Pfad und die griechischen Mysterien

Die ganze Thematik der unterschiedlichen Mysteriensysteme – ihre Ursprünge, ihre Wechselbeziehungen, und besonders, was sie lehrten und wie sie es lehrten – bleibt, wie zu erwarten, mysteriös.4 Die initiatorische Funktion des Mysteriums (griech. Mysterion) ist in vielen religiösen oder magischen Systemen und Einweihungen kraftvoll und tiefgreifend, doch ihre volle Bedeutung ist bisher nicht aufgedeckt.5 Ebenso bleibt im Dunkeln, welche Aspekte der Mysterien dem rechtshändigen und welche dem linkshändigen Pfad zugerechnet wurden, doch hoffe ich, diese Frage etwas erhellen zu können.

Wie Nietzsche Jahrhunderte später ausführte, gab es in der hellenischen (und daraus folgernd in der indoeuropäischen) Kultur im Wesentlichen zwei geistige Vorgehensweisen: die dionysische und die apollinische. Natürlich besteht ein menschlicher, allzumenschlicher Drang, die eine mit dem Guten und die andere mit dem Bösen gleichzusetzen, doch ist dies stets kontraproduktiv. Tatsächlich kann jede philosophische Annäherung, die zur Erkenntnis führt, sowohl für die geistigen Ziele des rechtshändigen als auch für die des linkshändigen Pfades eingesetzt werden – und das Ideal ist vielleicht eine Synthese aus beiden.

Die dionysische Annäherung ist die der Orgia (Orgie), bei der sich das menschliche Bewusstsein mit dem göttlichen vereinigt, indem das alltägliche Bewusstsein soweit reduziert wird, dass das göttliche – oder „das andere“ – es subsumiert. Die dionysische spirituelle Technik nutzt Rhythmen (Trommeln, Tanz etc.), Drogen (z. B. Wein) und vielleicht auch Sex, um die normale Bewusstseinsschwelle mittels Überreizung der physischen Sinne zu senken und dadurch eine Vereinigung mit dem Göttlichen geschehen zu lassen.

Die apollinische Annäherung ist die der Katharsis (Reinigung), durch die das Bewusstsein geläutert wird und sich (mittels geistiger Disziplin und körperlicher Beschränkung) in solchem Maße von Unreinheiten entfernt, dass das Bewusstsein letztlich auf die göttliche Ebene erhoben wird. Die apollinische spirituelle Technik nutzt Verstand und körperliche Mäßigung (wie eine eingeschränkte Ernährung, Vegetarismus usw.), um mittels Unterdrückung der physischen Sinne die Bewusstseinsschwelle anzuheben und so der Seele die Vereinigung mit dem Göttlichen zu erlauben.

Orphismus oder die Orphischen Mysterien (nach dem Mythos von Orpheus benannt) verwenden beide Techniken, wobei anscheinend die apollinische überwiegt. Sowohl die orphische als auch die pythagoreische Mysterienschule – welche möglicherweise einen gemeinsamen Ursprung haben – praktizierten Vegetarismus. Was immer die historischen Ursprünge dieser Praxis waren, mythisch lässt sich ihre Spur zu jenem ersten Tieropfer zurückverfolgen, das Prometheus in Mekone darbrachte. Die gemeinschaftliche Beteiligung an solchen Opfern war geradezu eine Pflicht. In der indoeuropäischen Praxis wurde bei solchen Opferritualen ein Tier geschlachtet und dann mit den Göttern geteilt – die harten oder ungenießbaren Teile gingen an den Gott (oder die Götter), und die essbaren Teile wurden in einem Akt der Kommunion mit den Göttern von den Gläubigen verzehrt. Tiere wurden feierlich geschlachtet, wobei man darauf achtete, dem Tier so wenig Schmerz und Angst wie möglich zuzufügen, denn man glaubte, dass dem Tier ein göttliches Wesen innewohnt. Die Orphiker und Pythagoreer sahen im Verzehr von Fleisch als Zeichen der Präsenz des „titanischen“ (d. h. niederen oder unter-göttlichen) Elements im Menschentum und in der Praxis des Fleischessens eine Verstetigung dieses titanischen Elements. Ihre Ablehnung des Fleischverzehrs brachte auch die Absonderung von der Hauptströmung der hellenischen Gesellschaft mit sich. Sie wiesen die etablierten religiösen und gesellschaftlichen Praktiken ihrer Zeit zurück.6

Der Gesamtprozess der Initiation in diese Mysterien – die voraussetzten, dass der Mensch eine Mischung aus titanischer und göttlicher Natur ist, beinhaltete Läuterungen (katharmoi), gefolgt von Initiationsriten (teletai) und dem konstanten Führen eines „orphischen Lebens“. Mit diesen Methoden konnte man das titanische Element eliminieren und zu Bakkhos werden: „abgetrennt“ und in einer „göttlichen, dionysischen Verfassung“.7

Dieses Thema der „Abtrennung“ von der konventionellen gesellschaftlichen und der natürlichen kosmischen Ordnung ist eine Gemeinsamkeit mit dem linkshändigen Pfad. Eliade schlussfolgert, dass der Orphiker „in der Lage ist, sich selbst vom ‚dämonischen Element‘ freizumachen, das in jeglicher profanen Existenz sichtbar wird (Ignoranz, Fleisch, Ernährung etc.)“, und dass das letztendliche Ziel „die Absonderung des ‚Orphikers‘ von seinen Mitmenschen und schließlich die endgültige Trennung der Seele vom Kosmos“ ist.8 Dasselbe Thema wird auch in der Sethianischen Philosophie von Michael Aquino im Temple of Set hervorgehoben (siehe Kap. 10).

In den orphischen- oder Mysterientraditionen der Griechen gibt es auch einige ursprüngliche Beiträge zur Mythologie des rechtshändigen gegen den linkshändigen Pfad. Offenbar bezieht sich Platon auf mystische Traditionen, als er in seiner Politeia ausführt, dass die Toten auf zweierlei Wegen zum Gericht gelangen: die Gerechten „aufwärts zur Rechten durch den Himmel […], die Ungerechten waren dazu verdammt, den Weg abwärts zur Linken zu nehmen.“9 Dies ist keine literarische oder heuristische Erfindung des Philosophen, denn es gibt archäologische Belege in Gestalt von Grabkomplexen in Süditalien und auf Kreta, wo Gedenktafeln mit Inschriften gefunden wurden, die auf jene hinweisen, die „den Weg zur Rechten“ gehen, „zu den heiligen Feldern und dem Hain der Persephone.“10

In dieser orphischen Eschatologie scheint es so, dass die Guten und Gerechten den Pfad zur Rechten gehen und nicht wiedergeboren werden. Sie trinken vom Quellwasser der Mnemosyne (Erinnerung) und „herrschen mit den anderen Helden“. Doch die Verruchten müssen vom Quell trinken, der Lethe (Vergessen) genannt wird, so dass sie all ihre Erinnerungen an die Anderswelt verlieren, bevor sie sich in dieser Welt „zur Strafe“ reinkarnieren.11

Mit anderen Worten, es ging bei der orphischen Initiation für den Initianden darum, zu einem Gott – oder gottgleich – zu werden. In der Unterwelt wird dem orphischen Initianden gesagt: „O Glücklicher, o Glückseliger! Du bist ein Gott geworden, Mensch bist du gewesen.“12

Die Ansichten darüber, wie eine erstrebenswerte Existenz nach dem Tode aussehen sollte, veränderten sich über die Zeit hinweg. In der frühgeschichtlichen Phase sind die Guten und Tugendhaften anscheinend mit Wiedergeburt um Wiedergeburt auf der Welt belohnt worden, die als ein höchst erstrebenswerter Ort des Daseins galt. Dies lief auf eine irdische Unsterblichkeit in immer wieder verjüngten Körpern hinaus. Schließlich sollten diese tugendhaften Menschen zum Dienst bei den unsterblichen Göttern gerufen werden. Die Sündigen hingegen wurden in jenem frühen Stadium dieser Glaubensvorstellungen mit ewig währendem Tod oder Nichtexistenz „bestraft“. Später scheint es in einigen Kulturen (zum Beispiel bei den Griechen und Indern) eine Verschiebung der Vorstellungen vom Leben auf dieser Welt gegeben zu haben. In dieser späteren Phase besagte der Glaube, dass die Sündigen mit ständigen Wiedergeburtszyklen auf der Welt bestraft, die Tugendhaften hingegen mit einer ewigen Existenz unter den Göttern und Helden belohnt würden.

Pythagoras und der linkshändige Pfad

Es heißt, dass die Lehren des griechischen Philosophen Pythagoras (ca. 582 - 507 v.u. Z.) aus einem breiten Spektrum von Quellen schöpfen – sowohl Ägypten, Chaldäa (Babylon) als auch Hyperborea (der äußerste Norden).13 Dennoch kann nahezu alles, was Pythagoras als Hauptlehre zugeschrieben wird, aus der hellenischen Geisteswelt oder deren indoeuropäischen Entsprechungen abgeleitet werden. Auch wenn Pythagoras tatsächlich weit gereist sein und in den entlegensten Zentren esoterischen Wissens gelernt haben mag, erscheint es sehr wahrscheinlich, dass er das, was er dort erfahren hat, nach einer spezifisch hellenischen Methodik zusammengefasst hat. Die meisten der pythagoreischen Grundannahmen über Ursprung und Bestimmung der menschlichen Seele sind von den orphischen Mysterien abgeleitet. Pythagoras und seine Schüler transformierten die Verfahrensweise des Initiationsprozesses von einer äußerlichen, erfahrungsbezogenen zu einer inneren, philosophischen Methodologie. Platon sollte diese hellenische philosophische Tradition noch verfeinern.

Pythagoras machte aus der Philosophie eine „ganzheitliche Wissenschaft“ mit einem allgemeinen Existenzverständnis. Er verkündete, dass die Zahl die „Wurzel“ oder das Prinzip (gr. archê) aller Dinge sei. Doch standen Zahlen in seiner Philosophie eher für Qualitäten statt für Quantitäten,14 weshalb seine scheinbar quantitative Forschung als eine qualitative verstanden wurde. Die Mathematik enthüllte eine verborgene Wirklichkeit, die hinter dem Schleier der Erscheinungen lag. Für Pythagoras bedeutete das Verstehen der Verbindungen und Harmonien zwischen Zahlen das Verständnis der Harmonien unter den Dingen an sich.

Die Merkmale des linkshändigen Pfades sind im Pythagoreismus eher implizit als explizit. Pythagoras war primär an der Erkenntnis der Grundlagen universaler Harmonie interessiert: daran, wie alle Dinge sich so herrlich zusammenfügen, sowie an der Entdeckung der „Sphärenmusik“.

Platon und der linkshändige Pfad

Obwohl Platon selbst nie für sich in Anspruch genommen hätte, ein eigenes philosophisches System erdacht zu haben, da er alles wahre Wissen auf eine „Rückerinnerung“ (gr. anamnesis) an Inhalte, die in der Seele angelegt sind zurückführte, kann man von ihm sagen, dass er die größte und wirkmächtigste Ausgestaltung und Systematisierung der idealistischen Philosophie vorgelegt hat. Platon bediente sich souverän einer breiten Vielfalt von Quellen, insbesondere der hellenischen Mysterien und des Pythagoreismus, doch er tat dies mit einer nie zuvor da gewesenen Klarheit und Sachlichkeit.

Es wäre nicht richtig, Platons Idealismus als den Ursprung der Philosophie zu betrachten. Er ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Prozesses überlieferter Spekulationen und intellektueller Forschungen, der mit dem Morgendämmern der indoeuropäischen Kultur ihren Anfang nahmen. Unter allen Sprachen der Welt kennen nur die indoeuropäische und die von ihr abgeleiteten Sprachen die wahre Bedeutung des Verbs „sein“ im Sinne von „existieren“. Ursprünglich gab es mindestens zwei indoeuropäische Verben, um das „Sein“ zu beschreiben: Eines davon bedeutete „sein“ im Sinne einer Prädikation, zum Beispiel in einer beschreibenden Aussage wie „der Stuhl ist rot“. Mit dem anderen Verb war „sein“ im Sinne von Existenz gemeint, wie in dem berühmten Ausspruch: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ In der indoeuropäischen Ursprache waren das die Verben *bheu- (für die Prädikation) und *wes- (existieren).15 Im Altenglischen drückte sich diese Unterscheidung entsprechend in den Verben beon und wesan aus. Mit dem – durch das Einströmen mittelöstlichen, von den Kirchen propagierten Gedankengutes herbeigeführten – Untergang der eingeborenen indoeuropäischen Denkweise fielen die beiden Verben zu einem zusammen. Dieser sprachliche Prozess wird „Suppletion“ genannt, und darum ist die Bedeutung des Verbs „to be“ im Englischen so uneinheitlich: weil es von einem Gemisch unterschiedlicher Wortstämme abgeleitet ist.

Was hat dies alles mit Platon oder dem linkshändigen Pfad zu tun? Das ist nicht schwer zu erkennen: Platons Philosophie ist ein Versuch, Sein (im Sinne der Existenz) zu definieren und ein Lehrsystem zu entwickeln, damit andere wissen, was existiert – was in ihnen selbst und im Kosmos wirklich ist.

Obwohl alle Werke Platons im Wesentlichen auf die seelische Entwicklung ausgerichtet sind, geben viele auch praktische Anleitungen. Aus einem modernen Blickwinkel betrachtet, wäre das vorrangigste Verdienst von Platons praktischer Philosophie politischer, nicht religiöser Natur, weil die Philosophenkönige, die sein System gleichsam repräsentieren, ihre Kenntnisse charakteristischerweise erst auf eine praktische, gesellschaftspolitische Weise anwenden. Was diesen Punkt seiner Philosophie betrifft, greift Platon auf einige sehr elementare indoeuropäische Denkansätze und Strukturen zurück. Wie auf dem altertümlichen Fundament seiner Kultur wurde die irdische gesellschaftspolitische Ordnung als ein Spiegelbild der entsprechenden Strukturen in der Götterwelt betrachtet. In Politeia legt Platon seinen Wunsch dar, eine politische Struktur (wieder)einzusetzen, die auf indoeuropäischen Prinzipien basiert:


Abb. 3.2. Platonisches System der gesellschaftlichen Funktionen

Doch Platon ging es nicht darum, zu archaischen Gesellschaftsmodellen um ihrer selbst willen zurückzukehren, sondern vielmehr darum, die philosophische Grundlage, die Form und die Prinzipien, auf denen diese Strukturen beruhten, zu begreifen und neu zu verstehen. Wie T.S. Eliot es in Teil V seines Gedichtes „Little Gidding“ ausdrückte:

We shall not cease from exploration

And the end of all our exploring

Will be to arrive where we started

And know the place for the first time.16

[Wir sollten nicht von der Forschung lassen,

Und das Ziel all unser Forschungen

Wird kommen, wo wir begonnen haben,

Und wir werden erstmals den Ort verstehen.]

Platons neue Schule nahe Athen, die Akademie, sollte ein Ort sein, an dem ausgewählte Schüler so weit wie möglich der rechte Glauben, das rationale Denken und letztendlich die Fähigkeit vermittelt werden sollte, die ursprünglichen Formen (gr. eidos) und Prinzipien rational zu erkennen und damit zu verstehen, welche die Quellen aller Dinge oder Phänomene auf der Welt sind. Um dies zu erreichen, erdachte Platon ein Ausbildungssystem, das von einem besonderen Verständnis der Seele (Psychologie) ausging, sowie Theorien darüber enthielt, wie diese Seele (oder die Seelen) zu ihrem Wissen gelangen. In vielerlei Hinsicht ist Platons Philosophie eine Ausarbeitung (und in einigen Fällen eine Simplifizierung) der traditionellen Psychologie der indoeuropäischen Völker.17 Abbildung 3.3 zeigt die platonische Skala der Erkenntnis.


Abb. 3.3. Platonische Skala der Erkenntnis

In diesem Schema kann sich der Schüler oder Initiand aus dem Reich völlig subjektiver Vermutungen – der Objekte, die nur Schatten sind und nicht real – in das Reich des rechten Glaubens bewegen, das auf etablierten Traditionen und „gesundem Menschenverstand“ gründet. Dieses ist für die meisten Menschen die höchste Erkenntnisebene, und sie zu erreichen, ist eine beachtliche Leistung. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine rationale Denkweise (dianoia) oder logisches, auf Mathematik aufbauendes Denken. Hier wird der Einfluss der pythagoreischen Schule auf die platonische Synthese besonders deutlich. Sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Aspekte können hier untersucht werden. Doch dieses „dianetische“ Denken ist nicht der Gipfel der Erkenntnis. Vielleicht halten die modernen, etablierten „Akademiker“ (eine unglückliche etymologische Entwicklung, die Platon so mit Sicherheit nicht begrüßt hätte!) es für besonders wünschenswert, das Wissen zu quantifizieren – etwas zu „wissen“ wird damit gleichgesetzt, es mit Zahlen zu versehen. Dies ist ein Aspekt der Dianoia, doch ist es lediglich ein Mittel, das einem höheren Ziel dient. Dieses höhere Ziel ist in den heutigen „Akademien“ nahezu in Vergessenheit geraten. Logische Schulung ist in Wirklichkeit eine Vorbereitung der Noesis (Wahrnehmung, Erkenntnis), durch die der Eingeweihte in der Lage ist, die wirklichen Prinzipien im Bereich der Ideen zu verstehen. An diesem Punkt wird der Eingeweihte einem Philosophenkönig (oder einer -königin!) gleich.

Platons System, wie es die Neuplatoniker kodifiziert hatten, liegt den meisten gängigen westlichen Einweihungs- und Okkultsystemen zugrunde, doch da die Quelle oft absichtlich verschleiert wurde, sind die eigentlichen Wurzeln manchmal schwer aufzudecken. Man mag noch fragen, welcher Natur die Verbindung zwischen dem Platonismus und dem philosophisch verstandenen linkshändigen Pfad ist. Die ursprünglichen Wurzeln dieser Lehre liegen in den Mysterien. Die einfache Antwort: Platon lehrte ein auf der Vernunft basierendes System, mit dem der Status einer lebenden „Gottheit“ erlangt werden sollte: des Philosophenkönigs. Dieser ist im Grunde das Äquivalent zum Jivanmukti in der indischen Philosophie.

Platon kam zu einer rationalen und noetischen Methode, den gottgleichen Zustand zu erlangen, der zuvor in den Mysterien nur durch dramatische Initiationserlebnisse, Reinigungsrituale und physische Askese erreicht wurde. Der Idealismus und die noetischen Methoden des Platonismus sollten in der Geschichte der westlichen Initiationssysteme die Grundstruktur bilden, die durch alle Arten initiatorischer, philosophischer und magischer Techniken der Antike erweitert und ergänzt wird. Diese Synthese wird (vom zweiten Jahrhundert u. Z. an) den Neuplatonismus hervorbringen und sich in vielen verschiedenen Einweihungsschulen, wie beispielsweise dem der Kabbala,18 dem Sufismus19 und ebenso dem christlichen Mystizismus niederschlagen.20

Die meisten dieser Schulen – wenn nicht alle – entwickelten den platonischen Idealismus in Richtung eines Mystizismus des rechtshändigen Pfades. Ihr Ziel ist nicht, den Intellekt des Individuums auf eine gottgleiche Ebene oder auf die des Guten (Agathôn) zu erheben, sondern die völlige Auflösung des Individuums im Wesen des Einen.

Die eigentlichen Ziele Platons wurden von Michael Aquino vom Temple of Set vielleicht am tiefsinnigsten wiederbelebt (siehe Kap. 10), der sie in einen magischen Kontext versetzt und seine Anlehnung an Platon offen bekennt.

Die epikureische und die stoische Schule

Der Epikureismus und die Stoa sind zwei philosophische Denkrichtungen, die ihre Ursprünge zwar im Griechenland des vierten Jahrhunderts v.u. Z. haben, deren Einflüsse aber bis in unsere Gegenwart reichen, da in ihnen allgemeingültige Kategorien zum Ausdruck kommen.

Epikur (341 - 270 v.u. Z.) gründete eine Denkschule, die überwiegend auf den Atomtheorien basiert, die Demokrit ein Jahrhundert zuvor postulierte. Nach dem griechischen Atomismus besteht alles – das, was wir als Seele oder Geist bezeichnen, eingeschlossen – aus Atomen: Partikeln, die so klein sind, dass sie sich nicht teilen lassen. Für den Epikureer löst sich die menschliche Seele, wie auch der Körper, nach dem Tode in eine undifferenzierte Natur auf. Alles ist materiell. Doch kann die verfeinerte Substanz der Seele oder des Intellekts einem Menschen bei der Erlangung des glückseligen Zustandes, der Ataraxia genannt wird, behilflich sein: „Unbeirrbarkeit“ oder „Gelassenheit“. Da Freude oder Schmerz einzig über die Sinne Zugang zu Geist oder Seele finden können, muss der Epikureer die Qualität seiner sinnlichen Erfahrungen kontrollieren können, um Ataraxia zu erreichen. Er oder sie vermeidet Schmerz und maximiert die Freuden. Das äußere Leben muss mit der idealen Qualität der Erfahrungen in Einklang gebracht werden.21

Der Stoiker strebt ebenfalls Ataraxia an, doch er beschreitet dazu andere Wege. „Stoa“ wird eine Schule von Philosophen genannt, die sich im vierten Jahrhundert v.u. Z. regelmäßig in der Stoa (Säulenhalle) auf dem Marktplatz in Athen getroffen haben. Der Stoiker behauptet, dass die Seele getrennt vom Körper existiere. Die Seele oder Psyche kontrolliert die Sinnesreize, daher wird Ataraxia nicht durch Kontrolle der äußeren Reize erreicht, sondern durch den Geist und die Art und Weise, wie er auf diese Reize reagiert. Der Stoiker richtet sein oder ihr inneres Leben nach einem idealen Seinszustand aus. Äußere Ereignisse werden irrelevant – oder sie werden dazu gemacht. Die Stoiker gehen davon aus, dass die Seele bereits vor der Entstehung des Körpers existiert hat und auch nach dessen Vergehen weiter existieren und „Belohnungen und Strafen“ erfahren wird. In dieser Hinsicht stimmen die Stoiker weitgehend mit anderen Mysterienschulen wie auch mit der platonischen Philosophie überein. Der Stoiker benötigt ein überpersönliches Ideal oder Prinzip, dem er seinen Dienst und seine Loyalität unterstellen kann, damit seine Philosophie sich entfaltet.

Beide philosophische Richtungen waren sowohl im hellenistischen Griechenland als auch im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom populär. In den Tagen des Imperiums wurde die Stoa geradezu zur „Staatsphilosophie“. Zwei ihrer bekanntesten Exponenten waren der republikanische Staatsmann Cicero (106 - 43 v.u. Z.) und der Kaiser Marc Aurel (121 - 180 u. Z.).22

Aus unserer Perspektive betrachtet, liefern diese beiden antiken Denkschulen entscheidende Ansätze zum Verständnis des linkshändigen Pfades. Die Epikureer vertreten die Auffassung einer materialistischen, fleischlichen Kosmologie, wie sie auch für die Denkweise des „immanenten Zweiges“ des linkshändigen Pfades von wesentlicher Bedeutung ist, während die Stoiker den platonischen und neuplatonischen Idealismus bis hin zur Vergöttlichung der Toten weiterentwickelt haben.

Der linkshändige Pfad im Norden

Der germanische linkshändige Pfad

Während wichtige Wurzeln des westlichen linkshändigen Pfades sich im Mittelmeerraum aus einer philosophischen, nonkonformen Haltung heraus entwickelten, finden wir die Wurzeln des linkshändigen Pfades in den nördlichen Gefilden im Grunde der etablierten Kultur. Während Zeus/​Jupiter, der indoeuropäische Gott von Gesetzes und Ordnung, im Süden herrschte, hatte Odin/​Wodan, der Gott der Magie und des Todes, im Norden seine Macht inne. Die Gottheit desselben indoeuropäischen Ursprungs wird bei den Iren „Lugh“ (gesprochen „luh“) und bei den Walisern „Lleu“ (gesprochen „lai“) genannt. „Lugh/​Lleu“ bedeutet wörtlich übersetzt „Licht“ – und der gebräuchliche walisische Name Llewellyn bedeutet „Lichtbringer“ (vgl. lat. „Lucifer“).

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