Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path
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Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path

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Im Zurvanismus wird der Gott Mithra (vedisch Mitra) als Vermittler zwischen Ohrmazd und Ahriman gesehen. In Mithra haben wir eine weitere überdauernde Erscheinungsform der vorzoroastrischen Religion; solche Manifestationen gibt es sowohl durch die iranische Religionsgeschichte hindurch als auch in religiösen Systemen, die vom iranischen abgeleitet werden. Der Mithrakult hielt sich lange und besonders stark unter den Magus des westlichen persischen Reiches, vor allem in den Regionen um das Schwarze Meer. Es ist offensichtlich ein nicht-zoroastrischer, kriegerorientierter Mysterienkult.77 Eine gründliche Untersuchung des Mithraismus zeigt, dass es sich dabei um ein hoch entwickeltes System handelt, das sich aus der Religion der Kriegerbünde (Haenas) der iranischen Frühkultur entwickelt hat. Dies wird oft mit Elementen von Religionen und Mysterienkulten vermengt, mit denen die Mithraisten in Berührung kamen. Als die Römer von diesem Kult in Kenntnis erhielten (in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts u. Z.), verbreitete er sich bei den Soldaten im ganzen Römischen Reich. Im Gegensatz zu anderen bekannten Formen iranischer Religion kommt der Mithraismus ohne dualistisches Denken aus. Mithras (römisch: Mithras; Zurvanismus: Mithra), der in einiger Hinsicht einem anderen „Kulturhelden“ ähnelt, der ebenfalls am 25. Dezember geboren wurde, gelangt zur Erlösung durch die Opferung eines Stieres. Letztendlich musste dieser Stieropferkult dem Menschenopferkult des Christentums weichen.

Vom Standpunkt des orthodoxen Zoroastrismus gesehen, repräsentieren sowohl der Zurvanismus wie auch der Mithraismus ketzerische, „böse“ Pfade der Dunkelheit: der Zurvanismus, weil er Ohrmazd als Zurvan untergeordnet betrachtet und weil er das materielle Universum zu einer Schöpfung des bösen Gottes reduziert; der Mithraismus, weil er die Verehrung eines der alten Götter (Daevas), Mithra, in den Mittelpunkt stellt. Darüber hinaus wird der bei Nacht verehrt (was an sich schon unter orthodoxen Zoroastriern einen bösen Akt der „Teufelsverehrung“ darstellt), und er ist ein Kriegergott, der einen kosmischen Stier opfert, um die Welt zu erschaffen, was an den Opferkult der alten iranischen Kriegerbünde (Haenas) erinnert. Die Anhänger des Mithra haben an diesem Opfer teil und werden damit selbst zu Schöpfern.


Abb. 2.5. Mithras opfert einen Stier, Seite A von einem Relief aus dem 2./​3. Jahrhundert (Louvre)

Der Zoroastrismus und die iranischen Religionssysteme im Allgemeinen haben einen enormen und teilweise nachhaltig prägenden Einfluss auf die sie umgebenden religiösen und magischen Traditionen ausgeübt. Aus diesen Systemen sind religionsgeschichtlich so wichtige Vorstellungen erwachsen wie die strenge Dualität zwischen den Mächten des Guten und denen des Bösen, der Glaube an die Ankunft eines Welterlösers (Saoshyant) am Ende des linearen Zeitstrahls, die Vorstellung, dass alle Seelen gerichtet werden (wobei die Guten ins Paradies78 gelangen und die Bösen in ein Reich der Strafe), und die Idee von der Wiederauferstehung (oder Wiederherstellung und Neubelebung) der physischen Körper der Toten in einer erneuerten Welt. Eigentlich sind viele der wesentlichen jüdisch-christlichen Mythen iranischen Ursprungs: gewisse Aspekte von Eden (Genesis 1 - 2), die Geburt Jesu (Matthäus 2 : 1 - 12) und verschiedene Einzelheiten der Apokalypse.

Die Symbolik des ersten Mannes und der ersten Frau (zusammen mit einer böswilligen weiblichen Figur) im Judentum (und daher auch im Christentum) sowie der mit einer Schlange verbundene Baum im Paradies scheinen definitiv aus iranischen Quellen zu stammen.79 Da diese Symbole im Nahen Osten jahrtausendelang präsent waren, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie nach der jüdischen Befreiung von Babylon 539 v.u. Z. in die hebräische Mythologie eingeflossen sind. Seit dieser Zeit war Israel bis zur Eroberung durch Alexander 332 v.u. Z. Teil des Persischen Reiches.

Noch offenkundiger iranischen (insbesondere „magianischen“ oder mithraischen) Ursprungs ist der Mythos von der Geburt Jesu Christi. In der iranischen (mithraischen) Überlieferung glaubte man, dass der zukünftige Erlöser-König der Welt in einer Höhle geboren werde und dass dies von einem „Stern oder einer Lichtsäule“ über der Höhle angekündigt werde. Dies erklärt auch, warum es in den Darstellungen des Matthäusevangeliums heißt, drei Magoi (Magus) hätten das Christkind besucht.80

Manche Gelehrte haben ebensoeine frappierende Ähnlichkeit zwischen Einzelheiten der biblischen Darstellung der Apokalypse und anderen eschatologischen Szenarien aus der indoiranischen Welt (und schließlich der ganzen indoeuropäischen Tradition) festgestellt. Dazu gehört offenbar eine Reihe von Parallelen mit monströsen Geschöpfen, einer gewaltigen letzten Schlacht und einer letztendlichen Erneuerung.81

Von den Jesiden, einer im Irak, in der Türkei und in Syrien lebenden Volksgruppe, wird oft behauptet, sie hätten eine Verbindung zum linkshändigen Pfad. Es ist wohl wahrscheinlich, dass der ursprüngliche Impetus und das Wesen dieser Sekte iranisch sind (die Jesiden sind Kurden, ein iranisches Volk). Auch die augenscheinliche Tatsache, dass sie dem Gott, der üblicherweise mit dem Bösen assoziiert wird, eine gewisse Ehre erweisen und dass ihm – bereits in der Vergangenheit oder künftig – von Gott vergeben wird, stimmt mit heterodoxen iranischen Glaubensvorstellungen überein.82 In Kapitel 4 werde ich noch näher auf die Jesiden eingehen.

In einer abschließenden Analyse erscheint es nahezu unmöglich, nach den Kriterien dieser Untersuchung irgendeines der iranischen Denksysteme als dem rechtshändigen oder dem linkshändigen Pfad zugehörig zu klassifizieren. Obwohl in diesen Systemen gewöhnlich eine starke Polarität zwischen Gut und Böse vorherrscht, ist das Gute keine Frage der Befolgung von „Gottes Gesetz“ oder dem Streben nach Selbstauflösung – sei es im wörtlichen Sinn oder als Nebenprodukt der „Erfüllung von Gottes Willen“ –; eher geht es darum, das Gute zu tun oder zu wählen, das der Gott ebenso zu wählen erstreben muss. Der Gott scheint ein objektives Konstrukt zu sein, vergleichbar mit Platons Agathôn. Die Individualität der Guten wird nicht aufgelöst, sondern stattdessen bewahrt, ja sie ersteht sogar physisch wieder auf. In einer Prämisse des Zoroastrismus wird festgelegt, dass allen Menschen die Erlösung bestimmt ist, denn ihre Anwesenheit in der Welt ist ein Zeichen, dass ihre Fravashis – oder Seelen – sich im Himmel dafür entschieden haben, auf die Erde zu gehen und für das Gute zu kämpfen.

Weil der „Osten“ historisch in der Lage war, die ganze Bandbreite religiöser Pfade, die Menschen erschaut und praktiziert hatten, mehr oder weniger intakt zu erhalten und weil Weise und Magier diese Methoden in einer Atmosphäre relativer philosophischer Toleranz bewusst ausarbeiten konnten, erscheinen Methoden und Vokabular beider Pfade dort klarer umrissen. Vieles von dem Zwiespalt zwischen den Methoden und Zielen, die wir in dieser Untersuchung dem rechtshändigen oder dem linkshändigen Pfad zugeordnet haben, entwickelte sich ursprünglich in einem östlichen (indoiranischen) Kontext. Im dritten Kapitel werden wir, wenn wir die ältesten Grundlagen der europäischen Kultur im Westen betrachten, einen auffallenden Gegensatz zu den Pfaden feststellen, die verhältnismäßig frei von der Zweiteilung sind, die zu der Etikettierung „linkshändiger versus rechtshändiger Pfad“ geführt hat.


KAPITEL 3 Die Wurzeln der westlichen Tradition

Wurzeln des westlichen linkshändigen Pfades

Mit unterschiedlicher Angemessenheit wurde der Begriff „linkshändiger Pfad“ in der europäischen Kultur zunehmend für Satanismus verwendet. Dies ist sowohl richtig als auch falsch. Es ist insofern richtig, als in der Auffassung des jüdischchristlichen Religionssystems – das den Namen „Satan“ geprägt hat (vom Hebräischen śãtãn, „Gegner, Widersacher“) – vom Bösen viele Eigenschaften und Merkmale der Philosophie und Religion des linkshändigen Pfades zu finden sind. Das hat zur Folge, dass Praktizierenden des linkshändigen Pfades, wenn sie die orthodoxen jüdischen und christlichen Systeme betrachten, der Teufel in hohem Maße sympathisch erscheinen mag. So schien es auch vielen gnostischen Sekten ergangen zu sein.

Die Gleichsetzung des westlichen linkshändigen Pfades mit Satanismus ist allerdings insofern falsch, als die Praxis des linkshändigen Pfades der aufgezwungenen jüdisch-christlichen Ideologie in Europa zeitlich vorausgeht. Es gab – und gibt heute noch – die philosophische Praxis des linkshändigen Pfades in einem rein heidnischen (d. h. vorchristlichen) Kontext, der überhaupt nicht nötig hat, sich auf Satan oder Luzifer zu beziehen, um verständlich zu sein. Der linkshändige Pfad hätte in Europa auch ohne das Aufkommen des Christentums existiert (wie es in Indien der Fall war und heute noch der Fall ist). Doch als das Christentum kam, stempelte es nicht nur die einheimischen heidnischen Praktiken des linkshändigen Pfades als teuflisch ab, sondern die des rechtshändigen Pfades ebenso. Doch waren es die Anhänger des linkshändigen Pfades, die so klug (und vielleicht mutig genug) waren, ihre Wege gewissermaßen als Gegenpart zu denen der Christen des rechtshändigen Pfades zu identifizieren.

Die heidnischen Wurzeln in Europa

Die großen kulturellen und sprachlichen Wanderungsbewegungen der Indogermanen, die um 4000 v.u. Z. begannen, enthüllen anschaulich die wahre Wurzel der „westlichen“ Kultur. Die kulturellen Wurzeln der Völker, die später keltische, italische, germanische, slawische oder hellenische (griechische) Sprachen sprechen, liegen wahrscheinlich irgendwo nordöstlich des Schwarzen Meeres.1 Die nationalen Mythologien und religiös-philosophischen Systeme dieser Volksgruppen sind mit ihrem gemeinsamen Ursprung eng verknüpft. Ebenso belegen diese Wanderungsrouten den gemeinsamen Ursprung des westlichen Zweiges dieser Völkerfamilie mit einer östlichen Linie, der indoiranischen Tradition, die wir im zweiten Kapitel behandelt haben.

So wie sich die Philosophie des linkshändigen Pfades im Osten entwickelte, können wir gleichermaßen auch eine Entwicklung im Westen erwarten. In der Tat haben die philosophischen Grundlagen des linkshändigen Pfades im Westen scheinbar die gleiche Basis wie jene des rechtshändigen Pfades. In den nördlichen Teilen Europas waren diese anscheinend sogar vorherrschend.

Bei der indoeuropäischen Kosmologie ist wichtig zu bedenken, dass diese eine göttliche Ordnung voraussetzt, welche Teil einer höheren oder beständigeren Ebene der Realität ist, und dass die menschliche Ordnung eine Spiegelung der göttlichen darstellt. Die menschliche Seele, psyche, ist ein Geschenk der Götter, und die menschliche Gesellschaftsordnung spiegelt die Anordnung der verschiedenen Pantheons der Götter. Dieses ursprüngliche Verständnis wurde von Plato im „Westen“ zu einer sehr komplexen Philosophie weiterentwickelt – wie es auch in den Schulen der indischen Weisen geschehen ist, die im „Osten“ die Brahmanas und die Upanishaden hervorgebracht haben.

Die Geschichte ist voll von echten und scheinbaren Tragödien. Eine dieser Tragödien war die schleichende Aushöhlung und letztendliche Zerstörung der etablierten Formen der Religionssysteme in Europa durch den Einbruch einer „exotischen östlichen Religion“, die wir heute Christentum nennen. Über einen Zeitraum von dreizehn Jahrhunderten hinweg schafften die geistlichen Institutionen oder Kirchen, die angeblich auf den Lehren eines hingerichteten heiligen Mannes namens Jesus beruhen, die einheimischen religiösen und philosophischen Traditionen der europäischen Völker langsam ab und ersetzten sie durch eine internationale Institution. Diese Institution war geradezu besessen von einem dogmatischen Einheitsbegriff, wenn es um Fragen der „geistlichen“ Lehre ging.

Auf einer Landkarte der ideologischen Feldzüge der Kirche würde die Verbreitung des Christentums aus Städten in der Mittelmeerregion nordwärts und hinaus in die ländlichen Gebiete zeigen. Natürlich konnte die Kirche sich nicht überall absolut durchsetzen. Um erfolgreich zu sein, musste sie bei jedem Schritt auf ihrem Wege Kompromisse eingehen. Dazu war sie bereit, um im Gegenzug ihren ultimativen Preis durchzusetzen: die weltweite Etablierung.

Überall, wohin die Kirche vordrang, war eine ihrer Standardmethoden, die heimischen Götter zu Teufeln zu erklären, die alten Tempel und heiligen Haine zu zerstören und Kirchen an deren Stelle zu setzen. In Kapitel 4 werden wir auf den Christianisierungsprozess zurückkommen, doch zunächst wollen wir festhalten:

1. Die ältesten Wurzeln der europäischen und indoiranischen Kulturen sind identisch (indoeuropäisch).

2. Die gegenwärtig etablierte religiöse Kultur hat ihre Wurzeln auf fremdem Boden (im Mittleren Osten).

3. Der exotische Baum des Christentums konnte den heimischen Baum nur teilweise und nur oberflächlich verdrängen.

Was wir als „westliche Tradition“ bezeichnen, ist darum also überwiegend südlichen und nicht indoeuropäischen Ursprungs, während das, wovon man als „östlicher Tradition“ spricht, in Wahrheit gemeinsame Wurzeln mit der eigentlichen europäischen Kultur hat.

Wie dem auch immer sei – die „westliche Tradition“, so wie sie sich heute zeigt, ist eine Synthese (wenn auch eine heikle und unbequeme) aus tatsächlich europäischen und südlichen Traditionen, die sich aus den magischen nilomesopotamischen (ägyptischen und mesopotamischen) Kulturen ableiten. Darum müssen wir die Präsenz des linkshändigen Pfades auch in diesen Regionen untersuchen und als eine mögliche Wurzel der modernen Praxis in Erwägung ziehen.

Der linkshändige Pfad der Hellenen

Wohl keine andere Kultur der Weltgeschichte hat über einen längeren Zeitraum und über weitere Regionen einen größeren Einfluss ausgeübt als die hellenische. Von Norden kommend, drangen die hellenischen – oder griechischen – Stämme in der Zeit von ca. 1600 bis 1100 v.u. Z. bis zum südlichen Balkan, den italischen Halbinseln und den Inseln im östlichen Mittelmeer vor und ließen sich dort nieder. Die dort heimische (nichtindoeuropäische) Kultur, die sie bezwangen, war außergewöhnlich lebendig und kraftvoll. Ihr Mittelpunkt wird in der Insel Kreta gesehen. Die griechische Kultur des Homerischen Zeitalters (850 - 750 v.u. Z.) ist im Großen und Ganzen eine echte Synthese der hellenischen (indoeuropäischen) und der minoischen (alteuropäischen) Kulturen. Die überwiegend hellenischen kulturellen Eigenschaften sind synthetischer Art, verbunden mit einem Gefühl für Harmonie und Mäßigung.

Weil die Hellenen in hohem Maße eine Seefahrer- und Handelskultur waren, knüpften sie enge Kontakte mit Ägypten und anderen Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes, zum Beispiel den Phöniziern. Doch welche kulturellen Elemente die Griechen auch von anderen Kulturen übernommen oder geborgt haben mögen – wie die Schrift (von den Phöniziern) und die Steinbaukunst (von den Minoern) –, eine Eigenschaft blieb durch und durch griechisch und indoeuropäisch, und das war ihr Idealismus. Ob in Indien oder Irland, in Rom oder Griechenland: die indoeuropäische Kosmologie – das Verständnis der Weltordnung – ist an die Lehre gekoppelt, dass diese Welt die materielle Reflexion einer anderen, wirklicheren Welt ist (zum Beispiel des Reiches der Götter und Göttinnen), über der eine wiederum noch realere Welt abstrakter Prinzipien aufscheint. In altgriechischen Begriffen drückt sich dies in der Dichotomie zwischen physis (Natur) und psychê (Seele) aus.

Dieser Idealismus (den letztendlich der Philosoph Platon kodifiziert hat), verbunden mit der griechischen Sprache und Schrift (die so bequem und leicht erlernbar war, dass auch einfache Seefahrer und Kaufleute damit umgehen konnten), erlaubte der hellenischen Kultur, nahezu alle Kulturen zu verändern, mit denen sie über längere Zeiträume in Berührung kam. Zur selben Zeit wurde dieser Idealismus von einer anderen Schule der griechischen Philosophie, den Epikureern, erstmals kritisiert.

Prometheus und Pandora

Die Ursprünge des Bösen und seine transformierende Wirkung auf die Menschheit

Die genaue Entstehungszeit des Mythos von Prometheus (dessen Name „der Vorausdenker“ bedeutet) ist unbekannt. Doch die Vorstellung von einer überpersönlichen – oder halbgöttlichen – Gestalt, die der Menschheit die geistige Fähigkeit gebracht habe, Dinge erkennen können, scheint eine allgemein indoeuropäische zu sein. Solch eine Gestalt würde normalerweise als Wohltäter der Menschheit gelten oder als ihr tatsächlicher Schöpfer (im geistigen Sinne). Eine Quelle aus dem vierten Jahrhundert (Pausanias 10.4.4) sagt sogar, Prometheus habe Menschen aus Ton geformt.2 Dies scheint ein dem Mittleren Osten entlehnter Mythos zu sein, der Prometheus mit Jehova identifiziert. Womöglich war es auch der Einfluss mittelöstlicher Vorstellungen vom „Übel“ der Erkenntnis, der die Griechen irgendwann dazu veranlasste, Prometheus zu einem Beispiel für den Ursprung des menschlichen Elends zu erklären.

Hesiods Theogonie (ca. 700 v.u. Z.) ist der älteste schriftliche Hinweis auf den Mythos von Prometheus. Hesiod porträtiert Prometheus als eine titanische (vorolympische) Wesenheit, die eine Spaltung zwischen Göttern und Menschen bewirkte, die bis dahin in friedlicher Eintracht miteinander gelebt hatten. Da Götter und Menschen im Guten auseinandergehen wollten, stiftete Prometheus ein Stieropfer, um ihren Pakt der Trennung und Unabhängigkeit von einander zu besiegeln. Es heißt, dieses Ritual wurde an einem Ort namens Mekone abgehalten. Nachdem er den Stier geschlachtet hatte, teilte Prometheus ihn in zwei Portionen: die eine bestand aus den Knochen, die andere aus dem Fleisch und den Innereien. Die Knochen bedeckte er mit Fett, so dass der Rauch, der von ihnen aufstieg, die Aufmerksamkeit Zeus’ erregte, des höchsten Gottes im Olymp. Ebenso wurde das Fleisch unter dem Fett des Stieres verborgen. Dem Olympier wurde angeboten, eine Wahl zu treffen, und er wählte die mit Fett bedeckten Knochen. Als Zeus die Wahrheit entdeckte, wurde er zornig auf Prometheus und die Menschen und entzog ihnen das heilige Feuer, das vermutlich zu dem gehörte, was Götter und Menschen zuvor miteinander geteilt hatten.

Diese Teilung des Stieres in genießbare Teile, die von den Menschen verzehrt wurden, und grundsätzlich ungenießbare, die mutmaßlich der Anteil der Götter waren, ist gängige indoeuropäische Praxis, und der Mythos versucht auf einer späteren Stufe, dies zu „erklären“.

Nach Hesiod antwortet Prometheus darauf, indem er das heilige Feuer vom Olymp stiehlt. In einem hohlen Fenchelstiel trägt er es zu den Menschen zurück. Und wieder will Zeus Prometheus und die Menschen bestrafen. Dieses Mal wird Prometheus an einen großen Felsen geschmiedet, zu dem täglich ein Adler kommt, um von seiner Leber zu essen. Um die Menschen zu bestrafen, sendet Zeus ihnen eine Frau – Pandora („die Allbeschenkte“) – aus deren Büchse alle Plagen der Menschheit ausströmen.

Hesiods Beschreibung von Prometheus ist zugegebenermaßen negativ, auch wenn die primitiven, vor Hesiods Zeit zurückliegenden Wurzeln des Mythos nicht so gewesen sein mögen. Alles in allem handelt der Mythos vom selbstbestimmten und unabhängigen Handeln unserer Spezies, von ihrem „Erwachsenwerden“. Solche Transformationsmythen beinhalten anscheinend immer die Rebellion gegen die Autorität. Zeus selbst war seinem Vater (Kronos) gegenüber nicht nur ungehorsam – er tötete ihn und errichtete durch seine Rebellion eine neue göttliche Ordnung. Hesiod weist sich durch die negative Haltung Prometheus’ Taten gegenüber als jemand aus, der sich nach „den guten alten Zeiten“ sehnt, bevor die Menschheit sich von ihrer göttlichen Herkunft abgetrennt oder unterschieden hatte. Der Glaube an eine göttliche Herkunft ist ebenfalls eine gemeinsame indoeuropäische Tradition.

Dennoch war bestand keine vollkommen negative Haltung gegenüber Prometheus. Dies geht aus einer späteren Version des Mythos hervor, die der attische Tragödiendichter Aischylos (525 - 456 v.u. Z.) präsentierte. Aischylos porträtiert Prometheus als einen tragischen Helden und Retter der Menschheit.

Aischylos schrieb ursprünglich anscheinend eine Prometheus-Trilogie, die aus drei Tragödien bestand, doch nur die erste davon, Der gefesselte Prometheus, ist erhalten. In dieser Version des Mythos verweigert Zeus den Menschen das heilige Feuer einfach, während er gleichzeitig darüber klagt, dass die Menschheit minderwertig und fehlerhaft sei. Zeus plant, die Menschheit zu vernichten und ein neues Geschlecht zu erschaffen. Prometheus widerspricht der Auslöschung der Menschheit und erklärt Zeus, dass die Menschen, um ihr Potential zu erfüllen, das göttliche Feuer benötigen. Zeus weigert sich, ihnen das Feuer zu überlassen, worauf Prometheus es vom Olymp stiehlt und dafür in derselben Weise, wie bei Hesiod beschrieben, bestraft wird. Während Hesiod den Abstieg der Menschheit nach einem „Goldenen Zeitalter“ betont, in dem sie von der Familie der Götter nicht geschieden war, betont Aischylos einen „Fortschrittsmythos“, in dem die menschliche Art beginnt, Bewusstsein zu entwickeln, nachdem sie mit dem Geschenk des göttlichen Feuers in Berührung gekommen ist.

Obwohl der Text von Aischylos’ letzter Tragödie verloren gegangen ist, wissen wir von Darstellungen, in denen Zeus Prometheus freilässt und ihm vergibt. Er tut dies im Grunde, weil sich die Vorhersage des „Vorausdenkers“, was das Potential der Menschheit im Zusammenhang mit dem Besitz der göttlichen Flamme betrifft, als richtig erwies – wobei der Umstand, dass Prometheus’ Mutter Themis ihm das Geheimnis von Zeus’ späterem Niedergang verraten hat, ebenfalls eine Rolle spielt.


Abb. 3.1. Prometheus gefesselt von Thomas Cole

Historisch betrachtet mag diese Versöhnung von Zeus und Prometheus dadurch Auftrieb erhalten haben, dass zu Aischylos’ Zeit – am Ende des Hellenischen Zeitalters – in Athen ein jährliches Fest zu Ehren Prometheus’ abgehalten wurde. Dieses Fest wurde anfangs zwar hauptsächlich von Handwerkern gefeiert, gewann zu Aischylos’ Zeit aber auch unter den Gebildeten an Popularität. Der Kult um diesen „Gott des Bösen“ wurde zu einem weit verbreiteten Phänomen.3 Es kann gut sein, dass die Geschichte von Zeus’ Vergebung eher ersonnen wurde, um für Zeus als einen Gott der Vergebung und Weisheit zu werben, als den Ruf des Prometheus zu rehabilitieren. Es heißt sogar, Zeus habe seinem Vater Kronos vergeben und ihn zum König des Elysiums gemacht.

Prometheus und der linkshändige Pfad

Für die Geschichte der Denkweise, die wir im Westen als linkshändigen Pfad bezeichnen, kann die Bedeutung des Mythos von Prometheus nicht hoch genug eingeschätzt werden. In diesem Mythos haben wir die vielleicht älteste westliche Darstellung in der Geschichte der Menschheit, in der der Überbringer des Geschenks des göttlichen Licht oder Feuers als Schurke dargestellt wird. Der Umstand, dass er letztendlich wieder zu einem Helden aufgewertet wird, ist ebenso ein signifikantes westliches Phänomen, dem wir noch wiederholt begegnen werden. In Anbetracht dessen ist die Feststellung kurios, dass der amerikanische Pionier des modernen Satanismus, Anton LaVey, ein großer Bewunderer der Werke des Soziologen Orrin Klapp und seines Buches Heroes, Villains and Fools [Helden, Schurken und Narren] ist, in dem analysiert wird, wie sich moderne Figuren innerhalb dieser Kategorien in der öffentlichen Wahrnehmung verändert haben.

In der indoeuropäischen Metasprache der Mythen sind die ideologischen Muster des rechtshändigen und des linkshändigen Pfades – obwohl sie offen miteinander konkurrieren und um Bestätigung wetteifern – auf eine gewisse Art miteinander versöhnt und imstande, nebeneinander zu existieren. Dies steht in deutlichem Kontrast zur fanatischen Herangehensweise der Systeme des rechtshändigen Pfades mittelöstlichen (oder südlichen) Ursprungs, in welchen den „Teufeln“ niemals eine Vergebung oder positive Neubewertung zuteil wird.

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