Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path
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Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path

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Die am meisten „orthodoxe“ – oder einfachste – buddhistische Schule wird als Theravada („Schule der Ältesten“) bezeichnet und ist am stärksten im südlichen Buddhismus in Sri Lanka und in Südostasien vertreten. Doch um das erste und zweite Jahrhundert begannen gelehrte Mönche, eine stärker esoterische Tradition zu entwickeln, die als Mahayana („Großes Fahrzeug“) bekannt wurde. In diesem Kontext wird Theravada oft als Hinayana („Kleines Fahrzeug“) bezeichnet. Mahayana-Buddhismus herrscht vor allem im Norden vor: in Tibet, China und Japan. Der orthodoxe Standpunkt ist, dass jeder Einzelne für seine eigene Erleuchtung voll verantwortlich und dass Nirwana, das Reich der Seligkeit, vom Reich der Illusion oder Maya (der Welt der Erscheinungen) vollkommen geschieden ist.

Im Mahayana gab es eine Tendenz, die absolute Trennung zwischen Nirwana und Maya zu überbrücken. Ein Weg dorthin wurde in der Lehre vom Bodhisattva („Erleuchtungswesen“) gefunden. Ein Bodhisattva ist ein nahezu vollendetes Wesen, das durch eine Art magischer Intervention aus seinem aufgestiegenen Zustand heraus die Erleuchtung oder Weiterentwicklung weniger erleuchteter Menschen bewirken kann. (Diese Lehre, wie sie im tibetanischen Buddhismus zu finden ist, ist augenscheinlich die Hauptquelle späterer Vorstellungen von „unbekannten Oberen“, „geheimen Führern“ und Mahatmas, wie sie in einigen freimaurerischen, freimaurerähnlichen und theosophischen Schulen des Westens zu finden sind.)

Eine bestimmte, Madhyamika genannte philosophische Schule innerhalb der Mahayana-Tradition behauptete, dass es zwischen Maya und Nirwana keinen Unterschied gäbe: Beide seien gleichermaßen leer (Shunyata), oder – alternativ – die Welt der Erscheinungen (Maya) bestünde nur im Denken des Wahrnehmenden.

Diese Vorstellungen mögen den Leser an die „Sens-data“-Theorien der britischen Philosophen George Berkeley (1685 - 1753) und David Hume (1711 - 1776) erinnern, deren Anwendung des Empirismus sie zu dem Schluss geführt hat, dass wir die subjektiven Inhalte unseres Geistes (mind) nur durch Sinneseindrücke erfassen können. Die „Realität“ der Welt außerhalb unseres Geistes ist ungewiss. Bereits in der Antike durchliefen die Erkenntnistheorien des Buddhismus und des Hinduismus einschneidende Stationen subjektivierender Betrachtung, wie sie im Westen erst nach dem Niedergang der intellektuellen Hegemonie des Christentums möglich werden konnte (siehe Kap. 6).

Die markanteste Entwicklung innerhalb des Mahayana-Buddhismus ist das Aufkommen des Vajrayana („Donnerkeil oder Diamantfahrzeug“), der sich besonders in Tibet verbreitete. Philosophisch gesehen, ist Vajrayana praktisch gleichbedeutend mit tibetisch-buddhistischem Tantrismus. Wenn also Maya gleich Nirwana ist, dann kann der Genuss in der Welt der Erscheinungen durchaus in die Welt der Seligkeit führen. Maya wird benutzt, um Nirwana zu erreichen. Unter praktischen Gesichtspunkten öffnet dies den Weg zum Antinomismus. „Profane“ Dinge werden in einer gedanklichen Übung zu „reinen“ gemacht. Vajrayana ist auf philosophischer wie auf praktischer Ebene stark vom indischen (hinduistischen) Tantrismus, der indigenen tibetischen Religion (Bön) und dem zentralasiatischen Schamanismus beeinflusst. Wieder nimmt die „Hochkultur“, im antinomistischen Geiste, Techniken aus der „unteren Kultur“ in sich auf.

Im Buddhismus wie im Hinduismus endet der linkshändige Pfad nicht in der Absorption oder Annihilation der Individualität im Moksha oder Nirwana, sondern in einer Verewigung dieser Individualität auf einer beständigeren Existenzebene. In der buddhistischen Terminologie strebt der Praktizierende des linkshändigen Pfades nur danach, den Zustand des Bodhisattva zu erreichen – und darin als Gottheit zu verweilen – „engelhaft“ oder „dämonisch“. Der endgültigen Entwerdung widersetzt er sich.

Natürlich bilden solche Ziele, wenn wir die ursprünglichen buddhistischen Lehren betrachten, eine theoretische Antithese zum Fundament des Buddhismus. Doch in der Geschichte religiöser Vorstellungen sind solche Widersprüche keine Seltenheit. Wer würde zum Beispiel daran denken, dass die Lehren des Nazareners, wie sie in den Evangelien wiedergegeben werden, benutzt werden könnten, um Institutionen wie die Inquisition zu unterstützen oder um zu Kreuzzügen aufzurufen? So überrascht es auch nicht, wenn der Buddhismus aus sich selbst heraus Muster entwickeln könnte, die mit den ursprünglichen Absichten seines Begründers nicht übereinstimmen. Durch die fünfzehn Jahrhunderte nach Gautamas Tod hindurch verbreitete sich der Buddhismus von Indien aus auf überwiegend friedliche Weise bis nach Südostasien, China, Tibet, die Mongolei und Japan. Auf dem Nährboden dieser kulturellen Vielfalt ist es sicherlich kein Wunder, dass auch Lehren ihre Wurzeln im Buddhismus schlagen konnten, die zu denen des Begründers im Widerspruch stehen.

Der Tantrismus des linkshändigen Pfades scheint in der buddhistischen Welt mehrere Entwicklungszentren zu haben. Die bedeutendsten davon sind Tibet und Bengalen (das heutige Bangladesh). Aus letzterer Region wurde der Buddhismus schließlich durch die muslimischen Eroberer seit etwa 1200 u. Z. vertrieben und verbreitete sich weiter nach Java und bis nach Nepal.

Methoden des linkshändigen Pfades im Buddhismus

Einer der Hauptaspekte des linkshändigen Pfades im Buddhismus ist die positive Einstellung gegenüber der Sexualität. Der Buddhist des linkshändigen Pfades erkennt bestimmte Shakta-Vorstellungen an, nach welchen die schöpferische Energie oder „Wirkmächtigkeit“ einer Gottheit, eines Engels, Dämons oder Bodhisattvas in seinem Ehepartner oder Gefährten personifiziert ist. Im buddhistischen Tantra des linkshändigen Pfades werden die Shaktis – weibliche Aspekte überweltlicher Wesenheiten – als Geliebte verehrt. Der praktizierende buddhistische Tantriker sucht die sexuelle Vereinigung mit diesen Shaktis mit dem Ziel, sich ihrer Kraft zu bedienen und die Kraft, die er aus diesen Vereinigungen zieht, für seine weitere spirituelle Entwicklung zu nutzen. Eine weitere Haupteigenschaft des tantrischen Buddhismus des linkshändigen Pfades ist die Nutzbarmachung nicht nur von „Gottheiten“ oder „Engeln“ (d. h. Wesenheiten, die grundsätzlich als Segen bringend gelten), sondern auch von „Dämonen“ und deren Gefährten. So wird etwa der Gott Bhairava („der Schreckliche“) verehrt, und an Begräbnisstätten werden aufwändige Riten abgehalten. Auch Geschlechtsverkehr und andere Tätigkeiten, die bei der allgemeinen Bevölkerung als unmoralisch gelten, werden für die spirituelle Weiterentwicklung genutzt oder um Seligkeit zu erlangen.67

Der tantrische Buddhismus des linkshändigen Pfades geht davon aus, dass die Leidenschaften und Sehnsüchte, die der rechtshändige Pfad entweder auszulöschen oder zu sublimieren sucht, in ihrer direkten, unsublimierten Form als Mittel zur „Erweckung“ genutzt werden können.

Walter Evans-Wentz zitiert die folgenden technischen Instruktionen aus einem tibetischen buddhistischen Text, der „Inbegriff des Großen Symbols“ genannt wird (87 - 88):

87. Welche Gedanken, Konzepte oder verdunkelnde [oder störende] Leidenschaften auch immer aufkommen, sie sind weder aufzugeben, noch sollte ihnen die Kontrolle über einen erlaubt werden; es sollte ihnen erlaubt werden aufzukommen, ohne dass man versucht, sie zu lenken [oder zu formen]. Wenn man nicht mehr tut, als sie zu erkennen, sobald sie aufsteigen, und in diesem Tun anhält, werden sie in ihrer wahren [oder leeren], unbändigen Form bemerkt [oder heraufdämmern].

88. Mit dieser Methode können alle Dinge, die das spirituelle Wachstum scheinbar hemmen, als Hilfen auf dem Pfad genutzt werden. Und darum wird diese Methode „die Nutzung von Hindernissen als Hilfen auf dem Pfad“ genannt.68

Wie so viele andere Ausdrucksformen des linkshändigen Pfades in der Welt scheut der Buddhismus des linkshändigen Pfades feste Institutionen und gesellschaftlich tragfähige Normen. Er tendiert eher in die Richtung individuellen Ausdrucks und gesellschaftlich inakzeptabler Verhaltensweisen.

In der eigentlichen sexuellen Praxis wird der männliche buddhistische Tantriker des linkshändigen Pfades wahrscheinlich seine Samenflüssigkeit bei sich behalten oder sie, falls er ejakuliert hat, vollständig oral wieder zu sich nehmen. Das Behalten des Samens (Skt. Bija) ist gleichbedeutend mit dem Erhalt von Kraft und Vitalität, sowohl körperlich als auch geistig. Außerdem scheint es – obwohl der tantrische Buddhismus des linkshändigen Pfades eine grundsätzlich positive spirituelle Haltung gegenüber Sexualität und dem weiblichen Geschlecht einnehmen mag – immer noch die Angst zu geben, dass Frauen, und insbesondere dämonische weibliche Wesenheiten, Männer ihrer spirituellen Lebenskräfte berauben könnten.69

In philosophischer Hinsicht konzentriert sich der Buddhist des linkshändigen Pfades mehr auf einen subjektiven – innerpsychischen – Prozess. Die (orthodox-)buddhistische Sicht wäre, dass Polaritäten wie die Zweiteilung in männlich und weiblich (oder auch den Pfad zur rechten und zur linken Hand) illusorische Gedankenkonstrukte des Individuums seien. Es gibt Praktiken, die zum Ziel haben, diesen illusorischen Aspekt zu demonstrieren. Der Buddhist des linkshändigen Pfades wird dazu neigen, sein eigenes subjektives, in sich ganzes und abgeschlossenes System zu kreieren, während der den linkshändigen Pfad praktizierende Hindu dazu tendieren wird, die objektive Existenz der Göttin (Shakti) als wahr anzuerkennen.

Praktizierende, die meinen, dass das Reich der fünf Sinne ein reines Gedankenkonstrukt und in Wahrheit das Produkt einer Illusion (Maya) sei, stützen sich oft auf das, was Nichteingeweihten wie Täuschung und Taschenspielertricks erscheint. Wenn die Welt, wie wir sie vor uns sehen, eine Illusion ist, dann weist der Magier uns nicht mit den Methoden der Philosophie darauf hin, sondern mit dem Mittel des direkten Angriffs auf die Sinne und die Weise, wie diese den Verstand (des-)informieren. So ist das, was beim ersten flüchtigen Hinsehen wie ein Täuschungsversuch oder eine Trickserei anmutet, in Wahrheit als die direkteste Methode konzipiert, die (aus buddhistischer Sicht) zentrale Wahrheit zu lehren, dass die Welt eine Schöpfung des Verstandes sei. Dies ist eine weit unterhaltsamere Annäherung an die Problematik, die in Platons „Höhlengleichnis“ beschrieben wird.70

Aufgrund der große Zeiträume umfassenden, kontinuierlichen Verbreitung von Lehren und Abspaltungen sowohl im buddhistischen als auch im hinduistischen Tantra/​Shakta lässt sich weder einheitlich oder definitiv aufzählen, was nun geglaubt oder praktiziert wird, noch kann mit Bestimmtheit gesagt werden, was diese Glaubensrichtungen unterscheidet. Einzig gewiss erscheint nur die allgemeine Sehnsucht nach fortwährender – oder fortwährend transformierter – Individualität und Nicht-Entwerdung (auch wenn dieses in gegenwärtigen tantrischen Texten des linkshändigen Pfades oft verschleiert wird).

Der Einfluss des linkshändigen Pfades, wie er auf der Basis aus Indien stammender Systeme (sowohl des Buddhismus als auch des Hinduismus) praktiziert wurde, auf die modernen westlichen Formen des linkshändigen Pfades ist enorm gewesen. Historisch gesehen scheint es, dass dieser Einfluss in mindestens zwei großen Schüben stattgehabt hat. Der erste Schub erfolgte wahrscheinlich mit der Öffnung der kulturellen Kanäle zwischen „Ost“ und „West“ durch die Eroberungen Alexanders (gest. 323 v.u. Z.). Seit dieser Zeit entwickelte sich eine Fülle von Vorstellungen über den „Osten“ (Indien und Iran), aus denen heraus sich im Mittelmeerraum Sekten gründeten und reformierten. Diese Sekten wiederum übten vom ersten Jahrhundert u. Z. mit der christlichen Mission (die oft gnostischen Charakter hatte) einen sekundären Einfluss in Indien aus.71 Der zweite Einflussschub des östlichen linkshändigen Pfades ist besser dokumentiert. Im Wesentlichen war er eigentlich die Folge einer anderen „Eroberung“ aus dem Westen: der Ausdehnung des britischen Empires nach Indien (die im achtzehnten Jahrhundert begann). Als der Westen wieder einmal in wachsendem Maße für Vorstellungen offen war, die ihren Ursprung in Indien und Tibet hatten, drangen diese allmählich bis zu einer populäreren kulturellen Ebene durch, auf der die Theosophische Gesellschaft (gegründet 1875) und der Ordo Templi Orientis (gegründet 1896 oder 1904) entstanden. Wie wir in Kapitel 7 sehen werden, spielten die linkshändigen Lehren des Buddhismus und des Hinduismus in beiden Fällen eine wichtige Rolle. Die Formen der Sexualmagie, wie sie Aleister Crowley und seine Anhänger lehrte, und auch das antinomistische Täuschungsmanöver, das Anton LaVey praktizierte (siehe Kap. 9), haben ihre Entsprechungen in den indischen Praktiken des linkshändigen Pfades.

Der Zoroastrismus und der linkshändige Pfad

Kein Denksystem hat die klassische westliche Mythologie des linkshändigen Pfades mehr geprägt als der Zoroastrismus. Die religiöse Grundvorstellung des Iran, dass eine ganze Hierarchie der Mächte des Guten im Kampf gegen eine Hierarchie der bösen Mächte steht, gelangte (in der einen oder anderen Form) in einigen Fällen über das Judentum und den Gnostizismus in den Westen oder, in anderen Fällen, direkt in den heidnischen Norden (Siehe Kap. 3). Ursprünglich unterschied sich das iranische Glaubenssystem nur wenig vom vedischen System Indiens. Dies kommt daher, weil die Arier und die Iraner zwei Zweige desselben Astes am Baum der indoeuropäischen Kulturen und Religionen bilden.

Die iranischen Systeme haben Wesentliches zur westlichen Mythologie des linkshändigen Pfades beigetragen; häufig sind sie sehr dualistisch ausgerichtet und vom Thema des Kampfes von Gut gegen Böse beherrscht. Wenn man diese Systeme analysiert, stellt man umso überraschender fest, dass sie nur wenig von den Spannungen aufweisen, welche den grundsätzlichen philosophischen Fragen zugrunde liegen, die im Osten wie im Westen den linkshändigen vom rechtshändigen Pfad unterscheiden. Die iranischen Systeme scheinen über Merkmale zu verfügen, die auf die eine oder andere Weise zum linkshändigen Pfad gehören!

Das Studium der iranischen Religion ist komplex und wird durch die Tatsache erschwert, dass ihre kulturelle Basis und ihr Mittelpunkt durch die islamische Eroberung des Iran vor über tausend Jahren zerstört wurden. Viele Zoroastrier (heute als Parsen bekannt) entkamen nach Indien, wo sie ihre Religion weiterführten, und einige nichtislamische Praktizierende verschiedener Formen der iranischen Religion (Zoroastrismus inbegriffen) haben bis heute im Iran überlebt. Ihre hochentwickelten Denkschulen jedoch sind seit langem zerschlagen.

Zarathustra, der vermutlich im elften oder zehnten Jahrhundert v.u. Z. gelebt hat, war im Grunde ein Reformer der iranischen Religion, wie sie von verschiedenen Stammesgruppen praktiziert wurde. Er selbst war zum Priester oder Zaotar dieser Opferreligion ausgebildet. Schon vor Zoroasters Zeit hatte das iranische System starke dualistische Tendenzen entwickelt,72 die in der Folge ihren Ausdruck in den iranischen Religionen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Zoroastrismus finden sollten. Zoroasters Reformen schienen darauf gerichtet, einen moralistischen Dualismus innerhalb eines theoretisch „monotheistischen“ Systems zu schaffen. Die Hauptgegner von Zoroasters Bestrebungen waren die ultrakonservativen Repräsentanten der alten indo-iranischen Ordnung: die Mairyas, die in Haenas oder „Männerbünden“ organisiert waren. Diese Opposition erscheint logisch, da der Monotheismus dazu neigt, die herrschende Klasse ihrer Macht zu entkleiden und diese Macht einem einzigen Führer oder Schah zufließen zu lassen.

Die Haenas waren die Bewahrer der archaischen religiösen Kultur und Praxis. Sie brachten Tieropfer dar (vor allem Pferde und Rinder) und tranken eine heilige berauschende Flüssigkeit (Haoma, das sprachlich dem Soma im Sanskrit entspricht). Sie bildeten Gemeinschaften berittener Krieger, die auf ihren Reisen von Frauenscharen, genannt Jahikas oder Jahis, begleitet wurden. Manchmal kämpften diese Frauen auch an der Seite der Krieger, gewiss waren sie aber ihre Konkubinen. Auf spiritueller Ebene werden diese Jahis von den Fravashis gespiegelt (von übernatürlichen weiblichen Wesenheiten, die zugleich die beschützenden und sie ermutigenden Seelen der Krieger sind; siehe Seite 42). Das Wort „Jahi“ wurde später der obersten Dämonin im Zorostrismus zugeordnet: Jahi oder Jeh („die Hure“).

Die Religion der Mairyas basierte gewiss auf dem Leben, der Erhaltung und der Verstetigung des Lebens, wie auf der Herrlichkeit der individuellen Seele. Als der Prophet Zoroaster sie sah, müssen ihm diese Gruppen als Verkörperungen der bösen Günstlinge Ahrimans erschienen sein. Sie trugen schwarzes Leder (wobei sie im Kampf von der Hüfte aufwärts nackt waren), trugen schwarze Waffen und schwenkten eine schwarze Fahne, die mit silbernen Drachen geschmückt war. Ihr langes Haar trugen sie zu Zöpfen geflochten. Von ihren Initiationsriten ist bekannt, dass sie – wie die Mitglieder anderer indoeuropäischer Kriegergruppen – das Fell von Wölfen anlegten, wodurch sie sich selbst in wolfsähnliche Wesen verwandelten. Zusätzlich versetzten sie sich in eine magische Wut, Aeshma genannt.73

Dieses Aeshma ist aus folgenden Gründen für uns doppelt interessant: einerseits ist es eine deutlich erkennbare Parallele zur magischen Raserei oder Inspiration der germanischen Krieger/​Magier unter der Führung ihres Gottes Wotan/​Odin/​Woden (siehe Seite 80). Doch findet sich das Wort „Aeshma“ auch in der jüdisch-christlichen Dämonenlehre in Gestalt von Aeshma-daeva (der Gott/​Dämon der Wut) – aus dem iranischen Begriff Aeshmadaeva wurde schließlich Asmodeus, der, je nach Quelle, als ein Dämon der Lust, König der Dämonen oder Höllenfürst bezeichnet wird.

Zoroaster schmähte die religiöse Kultur der Kriegergesellschaften, und viele seiner Reformen zielten anscheinend darauf ab, das zu korrigieren, was er an ihren Praktiken und ihrer gewaltsamen Natur als ausschweifend betrachtete. Im Wesentlichen bestanden seine Reformen darin, die meisten (wenn nicht alle) Götter (Daevas) des überlieferten iranischen Pantheon durch Hierarchien von Verkörperungen eher abstrakter Wesenheiten oder Prinzipien (Yazatas) zu ersetzen.

Nach Zoroasters Theorie gibt es einen Gott, der absolut rein, gut und weise, aber nicht allmächtig ist. Er wird Ahura Mazda (Weiser Herr) genannt. Durch Gedanken erschafft er eine Hierarchie allsehender Geister. Darüber hinaus hat er ein ganzes Universum erschaffen, das Menok genannt wird. Es heißt, dass Ahura Mazda aus seinem eigenen freien Willen das Gute gewählt hat.74

Daraus ist ersichtlich, dass es ein moralisches System unabhängig von den Göttern geben muss, dem sie unterworfen sind. Unter den Schöpfungen Ahura Mazdas sind die Zwillinge Spenta Mainyu (segensreicher Geist) und Angra Mainyu (zerstörender Geist). Angra Mainyu übt seinen freien Willen anfangs darin, das Böse anstatt des Guten zu wählen. Die bloße Existenz Angra Mainyus schränkt letztlich die Güte Ahura Mazdas ein. Dann beginnt Angra Mainyu, einen Angriff auf die gute Schöpfung Ahura Mazdas zu planen (der in einigen Darstellungen mit Spenta Mainyu gewissermaßen gleichgesetzt wird). Doch Ahura Mazda erkennt in seiner allsehenden Weisheit Angra Mainyus Plan, und um sein bereits existierendes spirituelles Universum (Menok) zu verteidigen, erschafft er nach dessen Muster ein materielles Universum (Getik). Dieses materielle Universum wurde von Ahura Mazda also als Waffe oder Schild gegen Angra Mainyu verwendet. (Die späteren Systeme der Gnosis, die das materielle Universum als Schöpfung des „üblen Gottes“ erdachten, wären hochgradig ketzerisch gegen Zoroaster selbst.)

Einige Darstellungen berichten, dass Angra Mainyu eine „Gegenschöpfung“ ins Leben rief, in welcher er Ungeheuer (wie Wölfe und Spinnen) für jedes schöne Geschöpf Ahura Mazdas (wie etwa Hunde und Adler) erschuf. Andere Interpretationen behaupten, dass Angra Mainyu von den guten Geschöpfen Besitz ergriffen hatte oder ihnen innewohnte, um sie so zu verderben.

Doch was hat Angra Mainyu – der aus späteren Quellen als Ahriman bekannt ist – anderes getan, als Ahura Mazda die Rechtfertigung zu liefern, die er braucht, um seine Macht ins Grenzenlose auszudehnen, indem er, moralisch richtig, zur Verteidigung seiner guten Schöpfung handelt? Hier wird es offensichtlich, dass Angra Mainyu letztendlich – wenn auch unbewusst und unwillentlich – an Ahura Mazdas Plänen der Perfektion mitwirkt. So kann Angra Mainyu als ein Beispiel für „das Böse“ betrachtet werden, das die Ursache für das Gute hervorbringt. Eine Parallele kann hier zu J. W. von Goethes Teufel Mephistopheles gezogen werden, der von sich selbst sagt:

[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

(Faust I, Vers 1136 - 1137)

Im orthodoxen zoroastrischen System wird die Menschheit ermahnt – nach dem Vorbild Ahura Mazdas –, aus freiem Willen heraus stets das Gute zu wählen. Tut sie dies, werden dadurch die Machenschaften Ahrimans vereitelt. Die Menschheit wird als das hauptsächliche Schlachtfeld zwischen Gut und Böse sowie als der Dreh-und Angelpunkt, auf dem das Schicksal der Welt ausbalanciert wird, betrachtet. Die Zoroastrier waren mit ihren Bestrebungen, die iranische Religion zu reformieren, beileibe nicht auf Anhieb erfolgreich, und nichts wies darauf hin, dass ihr System einmal zur offiziellen Religion am Hofe des Schah Darius werden würde – bis etwa 522 v.u. Z.75

Obwohl Zoroaster im östlichen Iran (auf der Ostseite des Zagros-Gebirges) lebte und sich sein System dort am stärksten entwickelte, verbreiteten sich die verschiedenen iranischen Reiche (von etwa 800 v.u. Z. an) und der Einfluss der iranischen Kultur durch Mesopotamien bis nach Kleinasien (die heutige Türkei). Im Westen des persischen Reiches hielt sich der Kult der Magus (sgl. Magu, „Priester“) stark und trotzte dem zoroastrischen Einfluss. Magu ist die ursprüngliche Wurzel des Begriffs „Magier“, der auch zum Singular Magus (pl. Magi) latinisiert wurde und hoch eingeweihte (und offenbar weise) Praktizierende der Hexenkunst bezeichnete. Mit der Zeit wurde jedoch der Kult der Magus fortschreitend von zoroastrischem Gedankengut durchdrungen, bis sie schließlich (von Außenstehenden) als zoroastrische Priester identifiziert wurden.

Genau genommen blühten die vorzoroastrischen Systeme während dieser Zeit weiterhin sowohl innerhalb als auch außerhalb des persischen Reiches, und manche Stimmen sagen, dass sie sich bis zum heutigen Tag gehalten haben. Auf jeden Fall ist bekannt, dass die ursprünglichen iranischen Glaubensvorstellungen (d. h. die Formen der Daeva-Verehrung) in der Gebirgsregion von Sogdia noch zur Zeit der islamischen Eroberung von 636 bis 800 bestanden haben.

Die wichtigsten vorzoroastrischen Systeme, die im Laufe der Zeit gleichwohl begonnen haben, Elemente des Zoroastrismus zu übernehmen (wie sich auch der Zoroastrismus vorzoroastrische Elemente zueigen machte), waren der Zurvanismus und der Mithraismus.

Zurvan ist eine iranische Gottheit, die sowohl die unendliche Zeit als auch das Schicksal verkörpert. Nach den Zurvanisten ist Zurvan der „Vater“ sowohl Ahura Mazdas (Ohrmazd) als auch Angra Mainyus (Ahriman). Dieses Konzept ist offensichtlich sehr alt und bestand möglicherweise bereits vor dem System Zoroasters.76 Wahrscheinlich findet die Vorstellung eines moralischen Dualismus, wie er in der zoroastrischen Theologie gelehrt wird, einen Ausdruck im Dualismus zwischen Geist (als Manifestation des Guten) und Materie (als Manifestation des Bösen) im System des Zurvanismus. Es kann nicht genug betont werden, dass die Ideologie, in welcher Geist = gut und Materie = böse ist, nicht zoroastrisch ist. Im orthodoxen Zoroastrismus gilt es als schwere Ketzerei, solches zu glauben, auch wenn es eine iranische Vorstellung zu sein scheint. Im Zurvanismus wird Ahura Mazda (Ohrmazd) auf eine Schöpfung Zurvans reduziert. Dies ist für orthodoxe Zoroastrier ebenfalls eine ketzerische Auffassung.


Abb. 2.4. Das zurvanistische System

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