Stephen Flowers Lords of the Left-Hand Path
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Ein weiteres wichtiges semitisches Volk im Nahen Osten waren die so genannten Kanaaniter. Sie bewohnten die Küstenregion des östlichen Mittelmeeres seit etwa 3000 v.u. Z. Offensichtlich hatte es eine Anzahl mutmaßlich semitischer Stadtansiedlungen in dieser Region gegeben, die der Reihe nach von halbnomadischen „Barbaren“ erobert wurden. Die Hebräer oder Israeliten, die um 1250 v.u. Z. in dieses Territorium eindrangen, waren eine von vielen ethnischen Gruppen unter diesen Siedlern. Das meiste, was wir über die Zivilisation wissen, die im Alten Testament Kanaan genannt wird, stammt aus Texten, die in Ras Shamra (Ugarit) an der syrischen Küste gefunden wurden. Nach dieser Quelle scheinen die Kanaaniter gespaltener Meinung darüber gewesen zu sein, was als „böse“ zu gelten habe. Letztendlich sahen sie die Welt in einem ewigen Kampf zwischen den Mächten des Lebens (repräsentiert durch Ba’al und seine Schwester Anath) und denen des Todes (repräsentiert durch Mot). Dieses schien eine allgemein anerkannte und akzeptierte Tatsache gewesen zu sein.45

Dieser kurze Überblick über einige nichthebräische Religionsvorstellungen verdeutlicht, dass die polytheistischen semitischen Religionssysteme nicht ausdrücklich von einer bösen Natur der Welt oder der Menschheit ausgingen. Dennoch weisen die Belege aus Mesopotamien darauf hin, dass die damals dort ansässigen Semiten zu der Vorstellung neigten, dass es eine „Erbsünde“ gebe. Gleichzeitig ist es schwierig, auf die frühen sumerischen oder semitischen Kulturen die Zweiteilung in „linkshändigen“ und „rechtshändigen“ Pfad anzuwenden. Dies rührt wahrscheinlich daher, dass wir vom philosophischen Verständnis dieser Völker zu maßgeblichen Themen zu wenig wissen. Gilgamesch ragt als einzigartige, heroische Wesenheit heraus, die, besessen von Selbst-Bewusstsein, Unsterblichkeit herbeisehnt. Dies würde ihn zumindest in Teilen als eine Leitfigur des linkshändigen Pfades auszeichnen. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die vielfältigen und ambivalenten Überlieferungen der Religionen des frühen Mesopotamiens und des Nahen Ostens, wie die alten indoeuropäischen oder die ägyptischen Traditionen die Saat für das in sich trugen, was sich später zur Dichotomie des rechtshändigen/​linkshändigen Pfades entwickeln sollte. Aus der Sicht orthodoxer Lehren wie des Judentums, des Christentums und des Islam sind die Religionssysteme der Kanaaniter und Babylonier (ebenso wie das der Ägypter) grundsätzlich „sündig“ (sie mögen zwar im wesentlichem nicht dem linkshändigen Pfad zuzurechnen sein, doch waren sie, mit anderen, zumindest offen für die Werte des linkshändigen Pfades). Dieses Zulassen einer Vielzahl religiöser Facetten war an sich schon aus orthodoxer, monotheistischer Sicht Grund genug für eine Verdammung. Doch machte erst die hebräische Synthese eine solche Dichotomie möglich.

Die hebräisch-orthodoxe Synthese des rechtshändigen Pfades

Die hebräische oder israelitische Synthese der primitiven Glaubensvorstellungen semitischer Nomaden mit Elementen aus den Traditionen der Ägypter und Kanaaniter sowie der Babylonier und Iraner fand über einen längeren Zeitraum von etwa 1750 bis 500 v.u. Z. statt. Hebräische Nomaden waren in der Region um Hebron weitgehend sesshaft geworden, während die Israeliten (oder, genauer gesagt, die Aramäer) sich etwas später in der Region von Sichem ansiedelten. Diese Stämme lebten in den Randbezirken der städtisch geprägten und offenbar indigenen kanaanitischen Gesellschaft. Die Aramäer begannen vermutlich zwischen 1750 und 1250 v.u. Z., gewisse Eigentümlichkeiten der kanaanitischen Religion zu übernehmen. Um 1250 v.u. Z. kam eine dritte Welle hebräischer Siedler in diese Region. Diese setzten sich wahrscheinlich aus hebräischen Stämmen, die für einige Jahrhunderte in Ägypten ansässig gewesen waren, und womöglich auch aus Ägyptern und Angehörigen anderer nichthebräischer Völker zusammen, die äußerlich während des Exodus unter Führung eines (ehemaligen) ägyptischen Priesters, der als Moses in die Überlieferung eingegangen ist, hebraisiert wurden. Eine bedeutsame Synthese altertümlicher hebräischer, kanaanitischer und ägyptischer Weltanschauungen fand in diesem kulturellen Zusammenhang zwischen 1200 und 600 v.u. Z. statt. Das Königreich Israel wurde 587 v.u. Z. von den Babyloniern zur Gänze erobert. Von da an bis 538 v.u. Z. lebten die Israeliten innerhalb Babyloniens im Exil, in der so genannten Babylonischen Gefangenschaft. Zu dieser Zeit übernahmen sie babylonische – besonders aber auch iranische – Glaubensvorstellungen, die zum wichtigsten katalytischen Element in der Entwicklung der hebräischen oder jüdischen „Philosophie des Bösen“ wurden.

Wenn wir das hebräisch-jüdische Material (d. h. die kanonischen und die apokryphen Bibeltexte dieser Tradition) betrachten, müssen wir berücksichtigen, dass es sich bei diesen Mythen nicht um fortlaufende und zusammenhängende Erzählungen handelt, sondern um Fragmente von Mythen und Legenden, die ohne oder mit bestenfalls geringer Bemühung um textliche Folgerichtigkeit zusammengestückelt wurden. Das erste Beispiel davon finden wir in der Genesis, wo in 1 : 2 - 4 eine vollständige und schlüssige Version des Schöpfungsmythos erzählt wird und dann an späterer Stelle (Genesis 2 : 4 - 25) eine davon ziemlich abweichende, aber ebenso schlüssige und vollständige Version auftaucht. Die erstgenannte ist sicherlich die ältere Version, die andere wurde später (wahrscheinlich nach der Babylonischen Gefangenschaft) hinzugefügt. Dies ist eine typische Eigenart der hebräischen Mythologie, die jedoch angesichts populärer Mutmaßungen, es würde sich um einen in sich stimmigen und einheitlichen „offenbarten“ Text und nicht um das über Jahrhunderte hinweg unter verschiedenen geschichtlichen und kulturellen Einflüssen entstandene Werk mehrerer Autoren handeln, meist aus dem Blickfeld gerät.46

Die einzigen ursprünglichen Vorstellungen, die die antiken Hebräer, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, vom „Bösen“ gehabt haben mögen, liegen verschüttet unter den Schichten dessen, was sie aus anderen Kulturen übernommen haben. Es ist wahrscheinlich, dass die hebräischen Einwanderer aus Ägypten eine theologische und rituelle Struktur mit sich gebracht haben, die in hohem Maße vom ägyptischen Denken beeinflusst war. Man hat darüber spekuliert, dass Moses vom Gedankengut der monotheistischen Reformen des Pharaos Echnaton geprägt gewesen sei, und es ist weiteres möglich, dass die Vorstellungen der Hebräer davon, wer oder was gegen den göttlichen Plan opponiert, vom etablierten Seth-Kult während der neunzehnten Dynastie (1300 - 1200 v.u. Z.) beeinflusst gewesen sind. Der „Exodus“ der semitischen Stämme aus Ägypten ereignete sich höchstwahrscheinlich gegen Ende dieser Dynastie. Die monotheistische Reform der hebräischen Religion durch Moses führte natürlicherweise zu einem Glaubensmodell, nach dem der „Eine Gott“, den Moses „Jahwe“ nannte, von einer anderen kosmischen Kraft herausgefordert werden konnte. Vor diesen Reformen stellte der hebräische Polytheismus das „Böse“ (d. h. Krankheit und Tod) als ein Produkt der „Flickschusterei“ der kosmischen Realität dar, wie es auch die Kanaaniter taten. Im mosaischen Monotheismus (womöglich gepaart mit dem Wissen um das Prinzip, das durch Seth repräsentiert wird) wurde so der potentielle Grundstein für diesen kosmischen Gegenpol gelegt. Tatsächlich hat es jedoch Jahrhunderte gebraucht, um ein Bewusstsein für all die Konsequenzen zu entwickeln, die diesem Potential innewohnen.

Archäologisches Belegmaterial deutet darauf hin, dass die Hebräer, die mit der dritten Einwanderungswelle in die Levante gekommen sind, weit davon entfernt waren, alles und jeden im „Verheißenen Land“ zu zerstören, um es für „Gottes auserwähltes Volk“ zu säubern (Josua 1 - 18). Vielmehr ließen sich die Hebräer von dem kanaanitischen „Land, wo Milch und Honig fließen“ und dem moabitischen Gott Ba’al Peor verführen (Numeri 25). Von der Zeit des Exodus bis zur Babylonischen Gefangenschaft weist die hebräische Religion eine kontinuierliche Assimilation kanaanitischer Mythen und Kultformen auf; zugleich hat es vonseiten der so genannten Propheten wiederholt Widerstände gegen diese fortwährende Tendenz gegeben.

Der Einfluss der Kanaaniter auf die Auffassung der Hebräer vom „Bösen“ zeigt sich in der Annahme eines kosmischen Konfliktes zwischen den Kräften des Lebens (Ba’al) und denen des Todes (Mot). Das hebräische Wort für den Tod ist mot. Die Vorstellung von einer kosmischen Rebellion jüngerer Götter gegen ältere ist ebenfalls in der kanaanitischen Mythologie angelegt,47 in der Ba’al sich nicht nur in ständigem Kampf gegen den Tod (Mot) befindet, sondern auch versucht, den älteren Gott El zu stürzen. El (pl. Elohim) ist ein „Name Gottes“, der auch ins Hebräische übernommen wurde (siehe El Schaddai). Die Pluralform kann im Hebräischen verwendet werden, um die Größe von etwas anzuzeigen, ohne damit zwangsläufig einen Plural zu implizieren.

Soweit babylonische Einflüsse beteiligt sind, kamen diese mutmaßlich eher indirekt, über die kanaanitische Theologie vermittelt, als direkt von den Babyloniern zu den Hebräern. Dies verhielt sich so bis zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft, seit der die hebräische – nun jüdische – Theologie sich zwei großen direkten Einflüssen öffnete: dem babylonischen Wissen und der iranischen Kosmologie und sonstigen Lehre.

Während der Babylonischen Gefangenschaft entwickelte sich eine gelehrte Priestertradition innerhalb des Judentums. Die Einstellung dieser priesterlichen Tradition gegenüber „dem Bösen“ war zwiespältig: zum einen galt dieses als Folge der Lüsternheit der „Söhne Gottes“ (heb. Bene Elohim) nach den Töchtern der Menschen (Genesis 5 : 1 - 7). Die daraus resultierende Vermischung göttlicher und menschlicher Naturen habe dazu geführt, dass die „Söhne Gottes“ den Menschen verbotenes göttliches Wissen offenbart hätten. In der „henochischen“ Literatur gibt es Listen von (dämonischen) Engeln und Kategorien „verbotenen Wissens“, das diese der Menschheit offenbart haben sollen (I Henoch 8). Wie Neil Forsyth beobachtet, verbindet so „der Mythos die Ursprünge der Kultur mit den Ursprüngen des Bösen in der Welt. […] Wollust ist die Ursache für die Grenzüberschreitung zwischen Göttern und Menschen, mit dem Ergebnis, dass Menschen verbotene Mysterien erlernen, und dieses führt in der Folge die Erde ins Verderben.“48 Dieser Mythos vom Ursprung verbotenen Wissens, das zum Einströmen des „Bösen“ führt, weist Parallelen zum besser bekannten Mythos von Eden auf.

Darum wird das Böse mit beidem in Verbindung gebracht: mit Wissen und mit der fleischlichen Existenz. Das eine ist ein Übel des Geistes, das andere ein Übel des Fleisches. Diese beiden Pole werden sich als ständige Merkmale der Schulen des linkshändigen Pfades in der westlichen Welt erweisen.

Auch wenn der hebräische Mythos vom Garten Eden und die ganze Kosmologie in Genesis 1 - 2 letztlich semitisch-sumerischen Ursprungs sind, sollten auch die Übereinstimmungen mit der iranischen Mythologie nicht unerwähnt bleiben.49 Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Grundstrukturen des Edenmythos von einem Fundament kanaanitisch-babylonischer Traditionen in die jüdische Überlieferung übernommen wurden und dass später einige Interpretationen der Mythen durch abstrakteres iranisches Gedankengut „erhellt“ worden sind, die – zusammen mit hellenistischen Vorstellungen – die Basis der geheimen jüdischen Traditionen (Kabbala etc.) geformt haben. Diesen Aspekten werden wir uns in Kapitel 4 im Zusammenhang mit der Gnosis noch detaillierter zuwenden. Auf jeden Fall sehen wir wieder einmal einen anderen Weg, auf dem „das Böse“, in Form göttlichen Wissens, der Menschheit präsentiert wird. Von diesen Mythen kann gesagt werden, dass sie nur in den Überlieferungen der nichtzoroastrischen iranischen Religionssysteme (wie dem Mithraismus) oder von einigen der unzähligen gnostischen Sekten (z. B. den Ophiten) als Teile des linkshändigen Pfades betrachtet werden können.

Der linkshändige Pfad bei den Hamiten

Der Seth-Kult

Seth ist eine ägyptische Gottheit, die gegen Ende der ägyptischen Kultur zu einem Inbegriff des Bösen geworden ist. Doch dies war nicht immer der Fall. Obwohl Seth nicht immer als „böse“ angesehen wurde, sind die Eigenschaften, die er verkörperte, über längere Zeiträume hinweg mehr oder weniger dieselben geblieben. Die Kultur und ihre Werte sind es, die sich verändert haben. Wir sind natürlich in erster Linie daran interessiert, so viel wie möglich über den Einfluss des Tempels des Seth und den Stellenwert dieser altertümlichen Gottheit für den linkshändigen Pfad in der heutigen Zeit zu erfahren.

Die Kultur am Nil hatte sich vor ihren ersten nennenswerten Berührungen mit der sumerischen Zivilisation um 3000 v.u. Z. eigenständig und unabhängig entwickelt.50 Anscheinend hatte der Einfluss der Sumerer einer damals schon sehr alten Kultur lediglich neuen Auftrieb gegeben. Die ägyptische Kultur hatte um 5000 v.u. Z. Begonnen, sich zu formen und in der vorgeschichtlichen Periode zwischen 3800 und 3200 v.u. Z. eine eigenständige Zivilisation auszuprägen. Auf diesen Grundlagen bestand die ägyptische Zivilisation in ihrer einzigartigen und kulturell unabhängigen Form, bis sie 42 v.u. Z. mit dem Tode Kleopatras ihre Unabhängigkeit an Rom verlor. Doch die Tatsache, dass das Hieroglyphenwissen von ägyptischen Priestern und Schriftgelehrten bis in das fünfte Jahrhundert u. Z. bewahrt wurde,51 zeigt, dass wir es mit einer intellektuell hoch stehenden Kultur zu tun haben, die auf ein mindestens vier Jahrtausende altes Erbe zurückblicken konnte. Die ägyptische Zivilisation ist damit die älteste kontinuierlich bestehende Kultur, die wir kennen. Die einzige Konkurrenz um diesen Anspruch wäre die chinesische Zivilisation, deren Wurzeln weitaus jünger sind (bis um 1500 v.u. Z.), die aber bis zum heutigen Tage besteht.

Es wird angenommen, dass die ägyptische Religion zu Beginn der dynastischen Periode um 3100 bis 2750 v.u. Z. in den meisten ihrer grundlegenden Aspekte eine verfeinerte und hoch komplexe Entwicklungsstufe erreicht hatte.52 Obwohl die Kultur zu dieser Zeit entlang dem Nil zwischen dem Mittelmeer und dem heutigen Assuan recht einheitlich erscheint, war das Land politisch – und vermutlich auch religiös, da die „Politik“ dieser Region stark von kultischen Institutionen beeinflusst wurde – gespalten in die nördliche Deltaregion (Unterägypten) und das übrige Niltal im Süden (Oberägypten). Es scheint, dass in frühester Zeit im Norden ein Falkengott (Heru/​Horus) dominiert hat, während im Süden ein Gott regierte, der durch ein undefinierbares Tier (Suta/​Seth)

symbolisiert wurde.

Nach der traditionellen ägyptischen Geschichtsüberlieferung eroberte der Norden erfolgreich den Süden und vereinte das Land 3100 v.u. Z. unter Menes, dem ersten Pharao, der im Nildelta die Haupstadt Memphis gründete. Obwohl das vereinigte Land und einheitliche kosmische Prinzipien, die von den in den jeweiligen Regionen dominierenden Göttern repräsentiert werden, ein Bild zeichnen, in dem Horus und Seth zwar als polare Entsprechungen, aber trotzdem als ein Wesen dargestellt werden (siehe Abb. 3.4), gab es auch Tendenzen, Seth als den negativen, von Beginn an feindseligen Aspekt zu betrachten. Dennoch kann nicht oft genug gesagt werden, dass die Kraft und das Wesen Seths bis zum Ende der zwanzigsten Dynastie (um 1170 v.u. Z.) von den Ägyptern hoch geachtet und verehrt worden waren.

Der Fortbestand der Seth-Verehrung in Ritual und magischer Symbolik zeigt sich deutlich an der Doppelkrone des Pharaos, die aus der roten Krone Nordägyptens und der weißen Krone des Südens gefertigt ist, und an den Zeptern von was

und tcham
, die eindeutig symbolische Repräsentationen des Seth-Tieres sind. Diese Zepter waren Zeichen der göttlichen Macht, die von den Göttern und ihren inkarnierten Vertretern, den Pharaonen, eingesetzt werden konnte.

In der „orthodoxen“ Religion Ägyptens scheinen zwei Konzepte oder Prinzipien vorherschend gewesen zu sein: die Regelung des kosmischen/​ackerbaulichen Zyklus, erfahrbar im jährlichen Ansteigen des Nils, der dadurch den materiellen Wohlstand sicherte; und die Fortsetzung des Lebens des Einzelnen in einem transzendenten Jenseits. Für die Behauptungen Herodots (II, S. 123), dass die Ägypter an irgendeine Form der Reinkarnation oder Metempsychose geglaubt hätten, scheint es nicht den geringsten Beweis zu geben.53


Abb. 3.4. Vereinigung von Seth und Horus

Beim Versuch, die historische Entwicklung der ägyptischen Religion zu begreifen, kann es leicht zu Missverständnissen kommen, wenn die Unterteilung in rechtshändigen und linkshändigen Pfad zu früh oder zu strikt vorgenommen wird. In vielerlei Hinsicht war die frühe Religion Ägyptens der sumerischen oder der alten indoeuropäischen Religion ähnlich, in denen die strenge moralische Spaltung von „Gut“ gegen „Böse“ fehlte. Doch bereiteten die Ägypter, ähnlich den Zoroastriern in Persien, dieser Trennung im Laufe der Zeit den Weg.

Die Wurzeln einer Urform des rechtshändigen Pfades im Westen finden wir im kosmischen und agrarischen Kultus, den die Ägypter um den regelmäßigen Anstieg des Nil errichtet haben und der möglicherweise auch mit der extremen Isolation und Xenophobie Ägyptens und seiner Kultur zusammenhängt. Diese religiöse und mythische Tradition fand schließlich im Osiriskult ihren Ausdruck. Dieser Kult verkündete und entwickelte die Vorstellung von regelmäßigen und in sich geordneten Zyklen der Existenz und von einer Auferstehung des Leibes in einem transzendenten Reich, wobei vermutlich eine Parallele zu den natürlichen Zyklen des Nil gezogen wurde. Zur Zeit des Neuen Reiches (und der Ptolemäischen Periode), als der Osiriskult seinen höchsten Entwicklungsstand erreicht hatte, bildete sich ein exklusiver Kult des rechtshändigen Pfades heraus, der auf der Idee basierte, das menschliche Handeln mit den Kreisläufen der Natur in Einklang zu bringen. Diese Kreisläufe wurden reihum von der Gemeinschaft der ägyptischen Göttinnen und Götter symbolisiert.

Das ägyptische Wort für „ein Gott“ war Neter (pl. Neteru). Erik Hornung widmete diesem und anderen Begriffen für „Gott“ im Ägyptischen eine ganze Untersuchung. Die Herkunft des Wortes ist unklar.54 Doch aus seiner Bedeutung folgerte Hornung:

In der ständigen Wandlung ihres Wesens und ihrer Erscheinung gleichen die ägyptischen Götter den Tempeln des Landes, die in ähnlicher Weise niemals abgeschlossen und fertig sind, sondern stets ‚im Bau‘. […]

[Die ägyptischen Götter] … sind eher Formeln als Gestalten, in ihrer Welt fühlt man sich manchmal in die Welt der Elementarteilchen versetzt. […] Ein Gott verbindet sich mit einem anderen und ist ein neues Wesen mit neuen Eigenschaften, um im nächsten Augenblick in einer Vielzahl von Wesenheiten aufzutreten. Was er eigentlich ist, bleibt verborgen, aber seine leuchtende Spur ist sichtbar, seine Reaktion mit anderen deutlich, seine Wirkung spürbar. Er ist materiell und geistig, eine Kraft und eine Gestalt, er erscheint in wechselnden Formen, die eigentlich einander ausschließen, aber wir wissen, dass da etwas ist und seine Wirkung entfaltet.55

Doch einen gab es, der aufgrund seines Wesens gegen die anderen Neteru stand, und das war Seth. Wie wir bereits sehen konnten, reicht der Seth-Kult bis zu den Anfängen der ägyptischen Kultur zurück, vor allem in Oberägypten. Von Anbeginn und die ganze Geschichte hindurch stand Seth offenbar für:

1. den Gegensatz zu bestimmten natürlichen Abläufen,

2. das Draußen (Wüsten, fremde Länder etc.),

3. Kraft oder Macht (physisch oder magisch),

4. die Störung der natürlichen Ordnung durch eine Aktivierung dieser Faktoren.

Diese Eigenschaften wurden anfangs als notwendig für das Gleichgewicht im gesamten Kosmos betrachtet, doch mit der Zeit wurden diese Faktoren zu programmatischen Musterbeispielen für das Böse aus ägyptisch-osirianischer Sicht. Jedoch galt Seth nicht so sehr als böse wie ihm überwältigende Macht zugeschrieben wurde. Über die ägyptischen Götter und das Böse schreibt Hornung:

Die Götter Ägyptens können schrecklich, gefährlich und unberechenbar sein, aber nicht böse. Das gilt, wenigstens ursprünglich, selbst für Seth, den Mörder des Osiris. Kampf, ständige Auseinandersetzung, auch Verwirrung und In-Frage-Stellen der gesetzten Ordnung, wie Seth sie als eine Art trickster betreibt, gehören zu den notwendigen Bedingungen des Seins, zu der begrenzten Unordnung, die für lebendige Ordnung unerlässlich ist.56

In vielen Diskussionen darüber, wie und warum Seth zum Inbegriff des Bösen in Ägypten wurde, ist womöglich überbetont worden, dass der Konflikt zwischen der Priesterschaft des Osiris und der jenigen von Amun und Seth stark von dem überlagert gewesen ist, was wir heute als „politische Faktoren“ bezeichnen würden. Zum Beispiel ist es richtig, dass Seth der Hauptgott des zuvor bezwungenen Oberägyptens war und dass er als Gott der fremden Kräfte des semitischen Volkes der Hyksos galt, die von etwa 1700 bis 1550 v.u. Z. in Ägypten eingedrungen waren und das Land beherrschten.

Doch ebenso richtig und für unsere Untersuchung von größerer Bedeutung ist das folgende: Was Seth in seinem Wesen repräsentiert, wurde nahezu immer mit Misstrauen betrachtet – die menschliche Seele als Widerpart des natürlichen Vehikels, des Körpers, dargestellt als eine Kraft von außen, die der Menschheit eine Macht gibt, die sie umgebende natürliche Ordnung zu stören. Seth war der Gott des Außenseiters, des Fremden, und diese Qualität repräsentiert er im Pantheon und in der Gesellschaft Ägyptens. Von allen Göttern war Seth möglicherweise der einzige, der wirklich unsterblich war.57 Seth hat die Kraft und den Willen, „gegen Gesetz und Ordnung“ des Universums zu handeln.58 Hierin liegt der Kern, warum der Seth-Kult als Vorläufer des linkshändigen Pfades im Westen betrachtet wird.

Trotz der großen Zahl zugänglicher Dokumente bleibt die ägyptische Tradition heute eine der auf philosophischer Basis am schwierigsten verständlichen. Dies liegt zum einen Teil an der konkreten Ausdrucksweise der (vorhellenischen) ägyptischen Philosophie, und zum anderen an den späteren Bestrebungen, die Wirkungsweise von Seth zu verdunkeln und zu verunglimpfen. Doch zu einem Großteil liegt es an bestimmten Eigenarten der rituellen Götterverehrung in Ägypten. Im Gegensatz zu den Neigungen der Sumerer und der Indoeuropäer, bestimmte Prinzipien oder Funktionen mit spezifischen Götterformen zu identifizieren, tendieren die Ägypter dazu, nahezu alle Funktionen mit praktisch jeder Götterform oder jedem Götternamen zu identifizieren. Dadurch hatten sie es einfach, alle wichtigen Symbole und Funktionen Seths zu bewahren und später auf andere Götter wie Amun-Ra, Thoth und Anubis zu übertragen. In dieser späteren Zeit schien das allerwichtigste zu sein, den Gebrauch des eigentlichen Namens Seths oder des Bildnisses des „Seth-Tieres“ zu vermeiden.

Schon zur Zeit der vierzehnten Dynastie wurde der Beiname „Anhänger des Seth“ abwertend gebraucht. Ein Schriftgelehrter namens Kenhirkhopeshef (der um 1191 v.u. Z. starb), beschrieb auf einem Papyrus die „Zeichen der Anhänger des Seth“. Der Papyrus ist in schlechtem Zustand – daher die Lücken im Text – doch die Beschreibung ist deutlich genug:

Der Gott in ihm ist Seth … er ist ein Mann des Volkes. Er stirbt den Tod der Fallenden … Kraft … er ist zügellosen Herzens am Tag des Gerichts … unzufrieden in seinem Herzen. Wenn er Bier trinkt, dann tut er dies, um Streit und Aufruhr zu erzeugen. Die Röte im Weißen seines Auges ist dieser Gott. Er ist einer, der trinkt, was er verabscheut. Seine Größe wird von den Frauen geliebt – seine Größe, sie zu lieben. Obwohl er von königlichem Geblüt ist, ist er dem Wesen nach ein Mann des Volkes … Er wird nicht in den Westen absteigen, sondern wird in die Wüste gesetzt, zur Beute räuberischer Vögel … Er trinkt Bier, um Aufruhr und Streit zu erzeugen … Er wird die Waffen des Krieges ergreifen – Er wird nicht unterscheiden zwischen einer verheirateten Frau und … Wie er jeden Mann, der sich ihm widersetzt, bedrängt … Raserei steigt auf in ihm, und er wird in die Unterwelt gesetzt.59

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