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Birgit Fenderl Kurswechsel bei 5.0
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MEINE DREISSIGER WAREN STURM UND DRANG
»Die Welt niederreißen, unsterblich sein, Optimismus, keine Zukunftsängste, ungebunden sein, nach meiner Scheidung als Single neu durchstarten«, beschreibt Kiefhaber mit Leuchten in den Augen ihr Lebensgefühl als junge Frau. Seit ihrem Schulabschluss an einer HAK arbeitete Kiefhaber im medizinischen Bereich, richtete Spitäler ein, war viel in Polen und Russland unterwegs, wo sie als junge Frau viele prägende Begegnungen hatte, Freundschaften fürs Leben schloss, aber auch unangenehme Situationen erleben musste. Da ging es nicht mehr nur um fehlende Akzeptanz von Frauen in wichtigen Positionen. Mehr als einmal versperrte sie ihr Hotelzimmer so fest es ging, um sich als Frau sicher zu fühlen.
Dass Frauen und Männer auch in Österreich nicht gleichberechtigt waren, erlebte Kiefhaber bereits in jungen Jahren, als ihr ein Schulkollege, der sich mit ihr um denselben Job beworben hatte, erzählte, um wieviel mehr er in diesem Job verdient hätte als sie. Als sie in ihrer Jugend »sehr aktiv« Tennis spielte, konnte sie es nicht glauben, dass die Bubenmannschaft mehr Schläger gratis bekam als die der Mädchen. »Aber ich habe das erlebt, als Zeitzeugin, wenn man so will.« Diese Ungerechtigkeiten seien ihre Motivation gewesen, sich selbstständig zu machen. Doch als sie nach dreizehn Jahren Selbstständigkeit zur Krebshilfe kam, wurde sie, wie sie erzählt, auch deshalb genommen, weil sie weniger verlangt habe als der Mann, der sich damals für denselben Job interessierte. Trotzdem entschied sich Kiefhaber für die Selbstständigkeit, obwohl sie auch ein Angebot eines internationalen Medizintechnik-Konzerns mit Sitz in Deutschland hätte annehmen können – aus privaten Gründen, denn Doris Kiefhaber holte das Kinderthema ein, obwohl sie damit eigentlich schon abgeschlossen hatte.
PLÖTZLICH DOCH MUTTER
»Rund um meinen 30. Geburtstag waren Kinder für mich ein großes Thema. Meine heiß geliebte Oma war 1901 geboren, meine Mutter 1931, ich 1961. 1991 spürte ich fast so etwas wie eine Verpflichtung: Das musst du fortsetzen. Nur passten die Umstände eigentlich gar nicht, ich hatte mich gerade selbstständig gemacht und, und, und. Aber pünktlich Anfang 1991 bin ich ungewollt schwanger geworden, habe das Baby dann aber leider verloren. Und irgendwie war das Thema damit durch, ich konnte dann auch nicht mehr schwanger werden. Irgendwie hatte mir das Schicksal diese Kinderentscheidung aus der Hand genommen« – und Jahre später anders wiedergebracht, als sich Doris in einen um vierzehn Jahre älteren Mann verliebte, der zwei Söhne hatte, und innerhalb kürzester Zeit vom Single zur verheirateten Frau und Stiefmutter wurde. »Und dann war ich plötzlich doch Mama. Die Wucht der Verantwortung habe ich dann sehr deutlich gespürt. Sein jüngerer Sohn, damals elf Jahre alt, wollte bei uns leben, wir bekamen auch das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Und ich wollte ihm, der sich in seinem anderen Zuhause offensichtlich nicht wohlgefühlt hatte, unbedingt ein Zuhause geben, wo er wirklich gern ist. Da war’s mit meiner Freiheit dahin.« Und so kam die Entscheidung für einen karitativen Job, der schon bald ihre Herzensangelegenheit werden sollte.
Charity war für sie bis dahin kein großes Thema gewesen. In Polen hatte sie ein bisschen bei einem Benefiz-Konzert mitgearbeitet, das ein Herzchirurg organisiert hatte und wo damals auch die Startenöre Domingo, Carreras und Pavarotti auftraten. Und in ihren letzten beiden Jahren bei Olympus, »da haben wir den Life Ball gesponsert, da habe ich Gerry Kessler kennengelernt und gesehen, wie er das anlegt, und das war schon sehr faszinierend. Aber nie habe ich mir gedacht, dass ich so etwas in der Art auch einmal machen will.« Hat sie aber. Die Pink Ribbon-Aktion wurde von Doris Kiefhaber nach Österreich geholt, sie hatte sie während eines längeren USA-Aufenthaltes kennengelernt und als Geschäftsführerin der Krebshilfe Jahre später dann in Österreich etabliert. »Inzwischen haben wir zirka fünfzig Partner aus der Industrie, die Produkte jedes Jahr unserer Aktion widmen. Wir haben unzählige Pink Ribbon-Botschafterinnen, die uns helfen, mehr Bewusstsein für Brustkrebs zu erzeugen und damit auch mehr Spenden zu sammeln. Seit Beginn der Aktion 2002 wurden bis 2020 fast neun Millionen Euro gesammelt und damit mehr als 80.000-mal Brustkrebspatientinnen konkret geholfen. Pink Ribbon ist ihr berufliches Baby, für krebskranke Frauen und ihre Angehörigen da zu sein, ihr größtes Anliegen. »Ich will, dass wirklich jede und jeder weiß, dass man sich an uns wenden kann, auch an mich direkt per Mail. Ich möchte hören, woran es fehlt, woran es krankt.« Vorsorgeuntersuchungen sind auch ein wichtiges Thema der Krebshilfe – wie schwer sich viele damit tun, kann Kiefhaber selbst bestens nachvollziehen: »Also, wäre ich nicht bei der Krebshilfe, wäre ich so wie die meisten, man müsste mich wirklich stupsen. Ich handle brav ab, was ich predige. Ich gehe also zur Mammografie, zum Krebsabstrich, zur Darmspiegelung, lass mir die Haut genau anschauen. Aber vor jeder dieser Untersuchungen ist es ein Horror. Blitzartig tun sich alle Szenarien, alle Geschichten auf.«
SCHÖNHEITSWAHN – WAS SOLL DENN DAS?
Und schlimme Geschichten erlebt und begleitet Kiefhaber viele – und sie erfährt dabei auch, welche Prioritäten manche Patientinnen zu Beginn einer Erkrankung haben. »Was mich wirklich traurig und zum Teil auch wütend macht, ist, wenn ich erlebe, wie Frauen, die sich ihr Leben lang darauf fokussiert haben, Konfektionsgröße 34 zu tragen, im Zuge ihrer Erkrankung Panik haben, dass sie ihre Haare verlieren, weil man ihnen dann ja ihre Krankheit ansehen könnte. Oder weil sie der Mann dann verlassen würde. Es gibt wirklich Frauen, die deshalb eine Chemotherapie ablehnen«, erzählt sie. »Das macht mich so wütend, was uns diese Schönheitsindustrie vorgaukelt und wie manche Frauen das wirklich unter Druck setzt. Besonders in meinem Alter, ab fünfzig: ewige Jugend, Schönheitswahn – was soll denn das? Natürlich sehe ich auch an mir die Zeichen der Zeit, aber die Knie lasse ich mir nicht liften, damit ich wieder einen Minirock tragen kann«, lacht Kiefhaber.
Bei ihr selbst habe sich mit den Jahren vieles verändert und verschoben diesbezüglich. »Wenn ich mich vergleiche zu früher, ich wäre früher nicht ungeschminkt aus dem Haus gegangen. Das hat sich total verschoben. Man kennt mich, die Haare hinten zusammengebunden, meist ungeschminkt. Weil mir das nicht wichtig ist. Das hat sicher viel mit meinem Beruf zu tun.« Wer so intensiv und tagtäglich mit den essenziellen Fragen konfrontiert wird, die auftauchen, wenn das Ende droht, will sich nicht mehr mit Oberflächlichem abgeben. »Es hat sicher auch mit meinem Alter zu tun, dass ich endlich gelernt habe, Nein zu sagen. Ich war ja eine begnadete Ja-Sagerin früher. Aber wenn ich jetzt nicht auf eine Abendveranstaltung gehen will, dann sage ich auch die Wahrheit – dass ich nicht will und lieber auf meinem Sofa liege. Ein lieber Freund meint, ich sei früher eine Menschenfreundin gewesen und eine Misanthropin geworden«, schmunzelt sie. Und da sei schon etwas dran, Oberflächlichkeit könne sie nicht mehr ertragen: »Mein Freundeskreis ist kleiner geworden. Und ich verbringe lieber einen Abend mit einer Patientin, so traurig ihre Geschichte auch sein mag, und rede mit ihr, als auf irgendeinem Event hundertmal zu hören: ›Wie geht’s Dir?‹, aber die Antwort will eh niemand wissen, weil es nur eine Floskel ist.« Mit den Jahren sei sie aber auch gelassener geworden, meint Kiefhaber. »Die Qualität meines Alters ist, dass ich zufrieden bin. Ich habe das Gefühl, nichts versäumt zu haben. Ich bin angekommen, beruflich wie privat.«
Und trotzdem bleibt ein Teil in ihr kämpferisch. »Ich glaube, dass wir Frauen in unseren Dreißigern naiv waren, was die Gleichberechtigung mit Männern betrifft. Ich glaube, dass wir in unserem Alter zum Teil resigniert haben, uns arrangiert haben, aber ein Teil von mir rebelliert immer noch. Das ist so eine Drittel-Drittel-Drittel-Geschichte und solange mein Herz schlägt, werde ich mich wehren, wenn es eine Ungerechtigkeit gibt, zum Beispiel in der Frage, ob eine Frau besser geeignet wäre für einen Job als ein Mann.« Erst in der übernächsten Generation, so glaubt Kiefhaber, werde es echte Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern geben. Wobei ihrer Meinung nach Frauen manchmal auch selbst daran schuld sind, wenn das vielzitierte 50 : 50 nicht funktioniert. »Die partnerschaftliche Aufteilung würde manchmal vielleicht sogar funktionieren, wenn wir Frauen Abstriche machen würden von unserem Perfektionismus. Mein Mann hätte zu Hause sicher auch die Hälfte übernommen, aber die Hälfte wurde so definiert: die Hälfte dessen, was notwendig ist. Aber ich hätte viel mehr als notwendig empfunden. Das hat sicher auch mit der weiblichen Emotion, mit unserer Zuwendung bis hin zur Aufopferung gerade für unsere Kinder zu tun«, räsoniert sie.
FRAUEN AB FÜNFZIG WERDEN OFT AUSGEBLENDET
Aber auch die gesellschaftliche Wahrnehmung hat ihrer Meinung nach noch wenig mit Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu tun. Ältere Frauen, also Frauen ab fünfzig, würden in Österreich in der Öffentlichkeit immer noch ausgeblendet. »Diese Slogans ›Fünfzig ist das neue Dreißig‹ und wie sie alle heißen, die mögen für uns Frauen gelten, weil wir uns so fühlen und wahrnehmen. Aber draußen, die Buberlwelt, die nimmt uns nicht so wahr«, ist sie sich sicher. Sie selbst könnte mit Dezember 2021 in Pension gehen, werde das aber mit Sicherheit nicht tun. Weil sie sich das für sich überhaupt noch nicht vorstellen kann und weil sie ganz vehement der Meinung ist, dass das Erwerbsleben anders und neu organisiert gehört. »Wir sollten, wenn wir uns nach zehn, fünfzehn Jahren beruflich etablieren konnte, die Möglichkeit bekommen, eine Arbeitspause einzulegen, zur Neuorientierung, aber auch, um uns um unsere Kinder, Familien kümmern zu können – und im Gegenzug wesentlich länger arbeiten dürfen. Ich mag nicht sehr viel an den USA, aber dass ältere Menschen dort zum Beispiel im Verkauf tätig sind, ist auch ein Programm gegen das Vereinsamen im Alter. Das wäre ein totaler Paradigmenwechsel und würde gerade Frauen viel mehr Flexibilität in ihrer Lebensplanung schaffen. Ich würde gerne, wenn es mir gegönnt ist und ich fit bin, auch mit achtzig noch etwas Nützliches tun. Nur garteln oder basteln würde mir nicht reichen.« Wobei man hier anmerken muss, dass Doris Kiefhaber Häkeln, Nähen, Kochen oder Heimwerken liebt und wohl kaum jemand derartig liebevolle und aufwendige Weihnachtsdekorationen selbst gestaltet wie sie – aber eben als Ausgleich zu ihrem fordernden Job, nicht als Lebensinhalt.
Venedig ist eine weitere ihrer großen privaten Leidenschaften. Und ab und zu, wenn sie sich überlegt, wie das sein könnte, wenn sie alt sein wird und eben doch in Pension, dann hat Doris Kiefhaber zwei Visionen. »Ich würde wahnsinnig gerne als lustige Alte in Venedig enden. Ohne Rollator durch die Gassen gehen zu können, das wäre mir dann eine große Motivation«, lacht sie. »Oder in einem kleinen Blockhaus an einem Bergsee, wo ich nur handwerken kann und wo wirklich niemand anderer ist.« Doch bis dahin wird sie sich weiterhin öfter ins gesellschaftliche Getümmel begeben, als ihr eigentlich lieb ist. Aber wenn es der Sache hilft, wenn so weitere Spenden gesammelt werden können, wenn Krebs damit weiter enttabuisiert und hoffentlich immer besser behandelbar wird, dann wird sie sich das Pink Ribbon ans Revers heften und dabei sein. Eines, erzählt sie uns zum Abschluss lachend, sei bei ihrer Arbeit mit zunehmendem Alter wirklich viel angenehmer geworden: Männer wollten immer weniger mit ihr flirten. »Früher, als ich selbstständig war und oft auch mit Firmenchefs verhandeln musste, schwang oft, ob man wollte oder nicht, ein gewisser Flirtfaktor mit.« Gibt es also eine Altersgrenze für das Flirten? Das wisse sie nicht, sagt Doris Kiefhaber, aber bei ihr sei das definitiv so. »High Heels tue ich mir sicher nicht mehr an. Da tun mir die Füße weh. Auch meine männlichen Gegenüber sind ja älter geworden, und jetzt verhandelt oder redet man einfach miteinander und basta. Manche Frauen jammern darüber, dass ihnen Männer nicht mehr nachschauen. Also ich finde das wirklich angenehm und einen Vorteil meines Alters.«

CATHERINE CZIHARZ
JETZT KOMME ICH MIR NICHT MEHR ALTERSLOS VOR
»Mir war immer klar, dass man als Frau mit Lebenserfahrung in einer anderen Liga spielt«, erinnert sich Catherine Cziharz an ihre Wahrnehmung von älteren Frauen, als sie selbst jung war. Als Dreißigjährige war ihr immer wieder aufgefallen, dass viele Frauen um die fünfzig »ordentlich was drauf haben«, diese aber für sie in einer völlig anderen Welt lebten. »Darüber muss ich schon sehr schmunzeln, weil ich mir ja jetzt wiederum nicht vorstellen kann, dass ich den heute Dreißigjährigen so viel älter vorkomme, als mir damals Fünfzigjährige vorgekommen sind.« Denn eigentlich fühlt sich die Co-Geschäftsführerin eines Unternehmens, das sich mit nachhaltigem, ethischem Investment und Nachhaltigkeits-Research beschäftigt und in Österreich ein Vorreiter seiner Branche ist, ihren jüngeren Kolleginnen teilweise auch sehr nah. Aber eben auch anders. »Nicht mehr alterslos«, wie es die zweifache Mutter selbst formuliert. Ein Prozess, der bei ihr erst ab Mitte Vierzig begonnen habe. Genauso wie sie erst spät ihr Frausein realisiert habe, »mit allen Vor- und Nachteilen sozusagen«. Das kommt überraschend aus dem Mund einer Frau, die in unserem Gespräch zu diesem Buch sehr reflektiert und analytisch wirkt. Als junge Frau sei sie vor allem von einer Art Aufbruchsgefühl geprägt gewesen, auf der Suche nach Herausforderungen, beruflichen Aufgaben, die sich im Rückblick immer eher zufällig als bewusst geplant ergeben hätten.
Catherine Cziharz wuchs in Graz auf, der Vater war Architekt, die Mutter Lehrerin, die auch Architektur studiert hatte »Die Frauen in meinem unmittelbaren Familienumfeld waren alle berufstätig und unabhängig. Das hat mich in meiner Haltung und Selbstständigkeit geprägt und dafür bin ich auch dankbar.« Nach der Matura ging sie als Au-pair nach New York, lebte dort bei einer alleinerziehenden vierzigjährigen Architektin und passte auf deren vierjähriges Kind auf. »Das war sehr neu und aufregend. Sie war eine voll berufstätige, für mich damals ›alte‹ Mutter, die ihr Kind aus den Umständen heraus betreuen lassen musste. New York City lernte ich so von einer ganz anderen Seite kennen als die meisten. Ich verbrachte meine Zeit auf den Spielplätzen im Central Park, mit Nannys aus aller Herren Länder und bin eingetaucht in eine Art Familienleben einer Alleinerziehenden.« Ob sie später auch selbst einmal Kinder haben wollte, beschäftigte sie mit ihren neunzehn Jahren noch überhaupt nicht. »Mit konkreten Zukunftsvorstellungen habe ich mir immer schwergetan und tu mir das eigentlich noch immer«, erzählt Catherine, die nach ihrem Aufenthalt in New York in Graz Jus studierte und über die Universität Graz bereits vor Österreichs EU-Beitritt die Möglichkeit bekam, im Rahmen des ersten Erasmus-Programms ein Auslandsstipendium in der süditalienischen Bergregion Abruzzen zu absolvieren. »Jeder meiner Auslandsaufenthalte war auf seine Weise prägend und brachte eine neue Horizonterweiterung mit sich.«
Wenig erstaunlich also, dass sie nach Abschluss des Studiums und des Gerichtsjahres die berufliche Chance wahrnahm, als Redenschreiberin für die Europäische Kommission nach Brüssel zu gehen – auch wenn das bedeutete, eine Fernbeziehung mit ihrem jetzigen Mann zu führen, den sie im letzten Studienjahr kennengelernt hatte. Auf ewig war das für beide nicht vorstellbar, also ging sie nach Österreich zurück, nach Wien, wo ihr Partner inzwischen arbeitete, und vervollständigte ihre Ausbildung mit einem Master in Public Relations. Geschrieben hatte sie schon immer gern, auch schon in ganz jungen Jahren, hauptsächlich für Zeitungen. »Auf einmal entstand bei mir das Gefühl, dem Leben irgendwie gezielter eine Richtung geben zu wollen. Zwar noch nicht ganz klassisch, mit Wohnung, Baum, Kind, aber letztendlich dann ja doch«, erzählt sie und heiratete im Jahr 2003 ihren langjährigen Freund. 2006 kam ihre Tochter, 2010, kurz vor ihrem 40. Geburtstag, ihr Sohn auf die Welt. »Mein Verständnis von Arbeit und Kompatibilität mit dem Leben hat sich durch meine neue Rolle als Mutter stark verändert. Also alleine, ohne Kinder, hatte ich, glaub’ ich, zum Beispiel noch nie Butter gekauft. Der Kühlschrank war irgendwie nicht wahnsinnig frequentiert«, lacht sie. »Mein Arbeitsleben hatte früher ja ein Open End, es war frei gestaltbar, plötzlich hat man mehrere Rollen. Man muss auf einmal mehrere Jobs erledigen. Das war schon ein Einschnitt.«
Obwohl die Aufteilung der Familienagenden mit ihrem Mann sehr partnerschaftlich funktionierte und zwei Großmütter trotz räumlicher Entfernung öfter mithalfen, spürte sie diese neuen Herausforderungen und Fragestellungen in ihrem Leben intensiv. »Wenn man seine Kinder noch vor dem Schlafengehen sehen möchte, dann ist klar, dass man früher aus dem Büro weggehen muss. Es ist ja auch nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Präsenz notwendig, man muss ein Energielevel halten können. Und irgendwann muss man sich auch entscheiden, damit zufrieden zu sein, dass nicht alles zu hundert Prozent gehen kann«, schildert sie diese große Lebensumstellung. »Als meine Tochter in die Kinderkrippe kam, da wurde ich mir meiner Mutterrolle erst so richtig bewusst – und der Erwartungen der anderen an mich in dieser Rolle. Zum Beispiel am Spielplatz – plötzlich die Auseinandersetzung mit anderen Müttern. Das hat verstärkt zur kritischen Selbstreflexion geführt inklusive Selbstzweifeln, die es in solchen Lebensphasen des Umbruchs ja immer gibt.« Und trotzdem fühlte sie sich damals mit vierzig immer noch recht jung und irgendwie alterslos.
BEWUSSTER UMGANG MIT SICH SELBST
»Ich glaube, so ab Mitte vierzig, da ist mir mein Alter plötzlich in physischer wie auch psychischer Dimension bewusster geworden.« Wie dürfen wir uns das vorstellen? »Ich habe mich scheinbar mehr gespürt ab diesem Alter. Ich habe begonnen wahrzunehmen, dass ich mich verändere. Innerlich habe ich seit damals das Gefühl, dass ein Reifungsprozess passiert, was meinen Blick auf die Welt, aber auch was meine Reflexionsfähigkeit angeht – sicherlich auch durch meine Auseinandersetzung mit den Kindern und der Dynamik der Familie. So eine Familie ist ja keine ›g’mahde Wiesn‹, sondern da bedarf es viel Landschaftspflege«, erklärt sie sich selbst ihren Veränderungsprozess. »Auch physisch habe ich gemerkt, dass ich mich auch um mich selbst kümmern muss. Ich war schon immer recht sportlich. Aber jetzt muss ich bewusster umgehen mit mir und Ruhephasen sind ein Thema, das war früher nicht so.«
Bewusster mit Ressourcen umzugehen, das ist auch zu Catherine Cziharzs beruflichem Thema geworden. Mit der Ausbildung zur Corporate Social Responsibility-Managerin spezialisierte sie sich auf das Thema Nachhaltigkeit und begann zuerst als Nachhaltigkeitsanalystin, später als Co-Geschäftsführerin einer Firma für Nachhaltigkeitsresearch und ethisches Investment, die schon sehr früh in jenem Feld tätig wurde, das mittlerweile absolut im Fokus steht. Allzu lange ist es nicht her, dass die meisten mit dem Begriff Nachhaltigkeit noch nichts anfangen konnten. »Ich habe das Thema über den englischen Begriff sustainability kennengelernt und ich kann mich noch erinnern, dass wir den weder aussprechen, geschweige denn verstehen konnten. Auch auf der Uni war davon bei uns nie die Rede gewesen.« Damals ging es um europäische Agrarpolitik und ländliche Entwicklung. Mich hat das Konzept, das Verständnis mit Ressourcen so umzugehen, dass sie auch den nachkommenden Generationen zur Verfügung stehen, von Anfang an angesprochen. Nachhaltigkeit fußt ja auf drei Säulen – das sind die ökonomische, die ökologische und die soziale Dimension. Und dazu gehören, wenn man ein Unternehmen auf Nachhaltigkeit hin analysiert, natürlich auch Kriterien wie Geschlechtergleichstellung, der Gender-Pay-Gap oder Altersdiskriminierung. Gerade was die viel diskutierte Frauenquote und Gleichberechtigung im Job betrifft, ist Österreich keinesfalls vorbildlich. Von achtundfünfzig börsennotierten Unternehmen gibt es gerade einmal sieben mit weiblichen Vorstandsmitgliedern. Eine Studie hat vergangenes Jahr gezeigt, dass der Frauenanteil in Österreichs Vorständen zurückgeht, während er in Deutschland steigt. Bei den Aufsichtsräten hingegen verhält es sich scheinbar aufgrund der gesetzlich eingeführten Quote anders: Hier steigen auch bei uns die weiblichen Aufsichtsratsmitglieder.
GESELLSCHAFTLICHE UNGERECHTIGKEITEN HABEN MICH SCHON IMMER BERÜHRT
Als das Nachhaltigkeitsthema anfangs noch nicht so ernst genommen wurde, also von vielen Chefs als sogenanntes weiches Thema eingestuft wurde, landete es zuerst in der PR-, manchmal auch in der Marketingabteilung, wurde also geradezu instinktiv hauptsächlich bei Frauen verortet. Da habe sich, so Cziharz, in den vergangenen Jahren vieles verändert, da klar wurde, dass das ein zentrales, wichtiges Thema ist und Verantwortung und Steuerung von Vorstandsebene aus braucht. »Dabei ist es für die Sache an sich eigentlich egal, ob eine Frau oder ein Mann das Thema beackert«, sagt Cziharz, die sich erinnert, sich schon als Mädchen mit dem Thema Gleichberechtigung und Gerechtigkeit beschäftigt zu haben. »Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich für eine Tageszeitung zum Thema: ›Gleiche Rechte für Mädchen und Buben‹ befragt und ich habe damals kritisiert, dass Frauen nicht Pfarrerinnen werden dürfen. Keine Ahnung, weshalb mich gerade das so beschäftigt hat, aber gesellschaftliche Ungerechtigkeiten haben mich eigentlich schon immer in irgendeiner Form berührt. Aber für mich war und ist da immer der humanistische Ansatz im Vordergrund gestanden, wo es nicht vor allem um das Thema Mann / Frau geht, sondern um das Menschsein an sich und um gleichberechtigte Bedingungen.«
Nachhaltigkeit gehört auch zu ihrem privaten Lebensstil. »Ich glaube, es geht darum, im Leben Interessen zu finden, die über einen konsumistischen Zugang hinausgehen. Mir sind zum Beispiel Natur und Bewegung wichtig, aber auch, die Welt in ihrer Komplexität über Kunst und Kultur verstehen zu lernen. Dieses Interesse versuche ich auch in meinen Kindern zu wecken.« Und auch ihr Reiseverhalten ist davon geprägt. »Ich finde Zugfahren super. Und ich weiß, mit einer Flugreise habe ich mein Autofahren für ein Jahr mit einem Mal konsumiert. Also das ist schon eine bewusste Entscheidung, dass ich darauf schaue«, schildert sie und fügt an, dass unsere Generation ja an sich relativ konformistisch und konventionell sei. »Natürlich gab es Mitte der Achtziger die Hainburger Au. Aber wir waren damals mit vierzehn, fünfzehn ja fast noch zu jung. Es gab den sauren Regen, das Waldsterben und die FCKW-freien Kühlschränke, daran erinnern wir uns noch. Aber natürlich waren wir auch eine Generation, die lange ohne nachzudenken geflogen ist.« Deshalb freut sie sich über Bewegungen wie »Fridays for Future« der heutigen Jungen, »weil sie erkannt haben, dass es notwendig ist, sich wieder für etwas einzusetzen«.
DIE MIDLIFEKRISE HAT SICH UM ZEHN JAHRE NACH HINTEN VERSCHOBEN
Apropos Sinn – oder Sinnsuche: Ein klassisches Thema in der Mitte des Lebens, beschäftigt das auch sie? »Die Midlifekrise, die unsere Eltern so Ende dreißig, Anfang vierzig hatten, die hat sich – wie auch das Kinderkriegen in unserer Generation – um zehn Jahre nach hinten verschoben. Weil: Natürlich sind wir in unserem Alter jetzt in einer Art Transformationsphase, denke ich. Ich beobachte das auch bei meinen Freundinnen, aber ich erlebe das als sehr positiv. Ich verstehe mich auch mit meinen Freundinnen noch besser«, lacht sie. Woran das liegt? »Es hat wohl etwas mit Essenz zu tun, Wesentlicheres rückt in den Fokus und wird offener thematisiert.«