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S. G. Felix Homunkulus Rex
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»He Robert, alles klar mit dir? Du wirkst in letzter Zeit irgendwie abwesend.«
Erwischt, dachte Robert erschrocken. Hatte er nicht alles getan, um möglichst nicht aufzufallen? Hatte er es vielleicht dabei übertrieben? Nach außen gab er sich locker. »Was willst du denn damit sagen?«
»Na ja, du bist irgendwie so still und in dich gekehrt. Probleme?«
»Wenn ich irgendein Problem hätte, dann glaub mir, hätte mich unsere allseits geschätzte und omnipräsente künstliche Betriebspsychologen-KI schon darauf aufmerksam gemacht.« Eine schlagfertige Antwort. Die Roboterpsychologin hatte tatsächlich nichts gemerkt - bis jetzt. Und alle seine Kollegen hassten sie.
»Hast du auch wieder recht. Dem Miststück entgeht nichts. Ich habe es ja nur gut gemeint«, beschwichtigte sein Kollege schnell.
»Schon gut. Ich überlege nur, wo ich meinen Jahresurlaub verbringe - das beschäftigt mich schon seit Wochen. Die Ziele, zu denen man fliegen kann, werden für unsereins ja immer weniger.«
»Und die Beschränkungen, denen man dort jeweils unterliegt, werden immer mehr. Ich weiß genau, was du meinst, Robert. Ich glaube, ich werde dieses Jahr zuhause bleiben und mich ein wenig im VR-Horizon amüsieren.« Das VR-Horizon war eine Unterhaltungseinrichtung, die komplexe virtuelle Realitäten erschuf. Meist wurde diese für sexuelle Erfahrungen genutzt, weswegen sein Kollege auch entsprechend dümmlich grinste, als er daran dachte.
Wie armselig, dachte Robert. Sein Wunsch, alles stehen und liegenzulassen, wurde drängender. Raus aus dieser künstlichen Hölle!
Während seine Kollegen den Rest des Tages über die neuesten Angebote der VR-Horizon referierten und ihre nächsten virtuellen Sexabenteuer planten, war Robert nur froh, dass er es geschafft hatte, erfolgreich von sich abzulenken. Er versuchte, sich sein neues Leben vorzustellen. Wie würde sich Kamtschatka anfühlen? Er hatte Bilder und Filmaufnahmen gesehen. Aber wie würde es sich anfühlen? Er stellte sich die unberührte Natur vor, das raue Klima, die frische Luft, unbebaute Flächen, so weit das Auge reichte. Es musste das Paradies sein.
Am Abend schlenderte er nach Hause. So gut hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Er würde etwas tun, das nur ganz wenige Menschen in Anspruch nehmen konnten. Sein Klon war seine Fahrkarte in die Freiheit.
Im dichten Gedränge auf seinem Nachhauseweg fasste ihn jemand kurz von hinten an den Arm und flüsterte ihm zu: »Ihre 'Bestellung' ist fertig. Kommen Sie heute Abend um elf Uhr zu unserem letzten Treffpunkt. Seien Sie pünktlich!« Dann ließ sich der Mann, dem die Stimme gehörte, zurückfallen und verschwand in der Menge. Robert ging weiter und rang um seine Fassung. Er hätte einen Luftsprung machen können. Endlich ging es los. Zugleich übermannte ihn furchtbare Angst. Und das gefiel ihm.
Kapitel 4: Robert2 = ?
Mit dem letzten Treffpunkt war der Keller des Restaurants gemeint, in dem Robert die Erschaffung seines Klons in Auftrag gegeben hatte. Keine Zeit mehr zum Nachdenken. Keine Zeit, sich auf irgendetwas vorzubereiten. Von nun an übernahm die Klonorganisation die Regie.
Robert betrat das Restaurant mit einem flauen Gefühl im Magen. Jemand dirigierte ihn durch eine Tür, die über einen langen Gang - vorbei an den Gästetoiletten - in den Keller führte. Er wurde in einen kleinen Vorratsraum geleitet. Als er ihn betrat, schloss sich hinter ihm unmittelbar die Tür, was ihn erschreckte. Im spärlichen Licht machte er drei vermummte Personen aus. Hendrik war unmaskiert und begrüßte ihn freundlich.
»Schon aufgeregt?«, fragte er Robert lächelnd.
»Sie haben ja keine Vorstellung! Für einen Moment dachte ich, dass ich in der Falle sitze und gleich die Handschellen klicken. Ist alles in Ordnung?«, fragte Robert mit Blick auf die vermummten Gestalten.
»Ja, es ist alles in Ordnung. Das sind alles Leute, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Sie waren maßgeblich an der Herstellung Ihres Klons beteiligt. Zu Ihrem eigenen und zu deren Schutz, Herr Mester, sollten die Jungs von Ihnen nicht erkannt werden, für den Fall der Fälle.«
Er meint, wenn sie uns erwischen. Gott, ich bin so aufgeregt, ich könnte im Strahl kotzen! Robert fuhr sich nervös durchs Haar. »Wo ist er?« Er meinte den Klon.
»Er ist hier. Und er ist perfekt geworden. Kommen Sie, ich zeige ihn Ihnen.« Hendriks Leute schoben zwei große Regale mit Lebensmitteln auseinander. Dahinter stand eine Liege. Darauf lag ein menschlicher Körper, der von einer undurchsichtigen weißen Plastikdecke bedeckt war. Robert erschrak erneut. Die Decke erinnerte ihn an ein Leichensack. Und er kam sich in diesem kühlen dunklen Kellerraum vor wie in einer Leichenhalle. Erneut überkam ihn ein vages Gefühl, einen schweren Fehler begangen zu haben.
»Kann ich ihn mir ansehen?« Robert blieb buchstäblich die Spucke weg. Seine Zunge klebte an seinem Gaumen.
»Natürlich. Er gehört ja Ihnen. Ich bin sicher, Sie werden zufrieden sein«, sagte Hendrik und trat einen Schritt zurück.
Robert näherte sich der Gestalt. Er streckte seinen Arm nach der Decke aus, um sie vom Gesicht zu ziehen. Für einen kurzen Moment stockte er in seiner Bewegung, weil er sich vorkam, als würde er unter sein eigenes Leichentuch fassen. Ein eiskalter Schauer fuhr ihm über den Rücken. Dann fasste er sich ein Herz und legte das Gesicht seines Klons frei. Und was er sah, war... er. Er sah sich selbst schlafend auf einer Liege im Keller eines Restaurants. Die Augen waren geschlossen. Aber es war unverkennbar eine eins zu eins Kopie seiner selbst, die er vor sich hatte. Er legte den ganzen Körper frei. Sein Klon hatte ein schlichtes Nachthemd an. Arme, Beine, Hände und Füße - alles stimmte zu hundert Prozent. Jeder Leberfleck war dort, wo er hingehörte. Sogar eine Narbe am linken Arm, die er nach einem Sportunfall als Kind davongetragen hatte, war identisch mit dem Original.
Die haben wirklich an alles gedacht, fuhr es Robert ehrfürchtig durch den Kopf. Man hatte von ihm vor seiner endgültigen Entscheidung einen Ganzkörperscan gemacht, und die daraus gewonnenen Daten für die Erschaffung des Klons zusammen mit seiner DNA verwendet.
»Er hat sogar das gleiche Gewicht wie Sie«, sprach Hendrik aus dem Hintergrund.
Robert sagte nichts, sondern starrte fasziniert sein schlafendes Ebenbild an.
»Kann ich Ihrem Schweigen entnehmen, dass Sie zufrieden mit dem Ergebnis sind?«
»O ja!«, hauchte Robert. Er konnte seinen Blick einfach nicht abwenden. Wenn etwas verstörend und faszinierend zugleich war, dann der Anblick seines eigenen atmenden Doppelgängers. »Das ist wirklich meisterhafte Arbeit.«
»So soll es auch sein. Und so muss es auch sein. Schließlich wird Robert2 hier von nun an Ihr Leben übernehmen - für den Rest seines Lebens.«
»Robert2?«
»So nennen wir intern immer unsere Produkte. Wir hängen einfach eine 2 an den Namen an. Sie persönlich können ihn natürlich nennen, wie Sie wollen.«
»Nein, nein. Robert2 gefällt mir. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wieso.« Mit großen Augen betrachtete er sein Ebenbild. »Schläft er?«
»Eigentlich nicht. Er befindet sich in einem komaähnlichen Zustand, in den wir ihn mittels seines Gehirnimplantats versetzt haben. Er steht sozusagen auf Standby, bis wir ihn erwecken.«
»Gehirnimplantat? Soll das heißen, er hat einen Chip in seinem Kopf?«
»Nicht nur einen. Streng genommen hat er einen leistungsfähigen Großrechner in der Größe eines Stecknadelkopfes in sich. Er ist notwendig, um seine Gesundheit für die nächsten dreißig Jahre sicherzustellen. Sämtliche geklonten Zellen, aus denen er besteht, können durch diese zentrale Recheneinheit mit Nanorobotern repariert werden, wenn Zellschäden auftreten. Außerdem dient er der Aufnahme und Speicherung sämtlicher Erinnerungen von Ihnen, Herr Mester, die wir heute Nacht noch übertragen wollen. Sein biologisches Gehirn wird jederzeit Zugriff auf diese Informationen haben, da wir nicht in der Lage sind, das Gehirn direkt mit diesen Informationen zu versorgen. Das Gehirn des Klons arbeitet also anders als das Ihrige. Es steht in ständiger Wechselwirkung mit dem Nanocomputer.«
»Aber würde das Computerimplantat nicht entdeckt werden können?«
»Nein, denn es ist von einem natürlich wirkenden bioelektrischen Feld seines Gehirns getarnt. Selbst Tomographien können es nicht sichtbar machen, sondern würden es nur als natürliches Gewebe identifizieren. Man würde es nur entdecken, wenn man sein Gehirn aufschneiden würde.«
Robert betrachtete sein Ebenbild mit großen Augen. »Unglaublich.«
»Ich will Sie ja nicht drängen, aber wir haben nicht ewig Zeit. Wir müssen mit der Chiptransplantation beginnen. Sie bekommen dafür erst einen speziellen Wirkstoff in den Nacken gespritzt. Dieser verhindert, dass der Chip registriert, dass wir ihn entfernen wollen und dass er kein entsprechendes Signal aussendet. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass der Chip nicht beschädigt oder deaktiviert wird. Danach werden wir Sie in Narkose versetzen, um den Chip zu entfernen und Ihre Erinnerungen abzugreifen. Dieser Prozess wird mehrere Stunden dauern. Wahrscheinlich bis zur Morgendämmerung. «
»Und was dann? Ich bekomme keinen neuen Überwachungschip?«
»Für ein paar Tage werden Sie ohne auskommen müssen. Sie müssen sich in dieser Zeit von den beiden Eingriffen erholen, erst dann können wir Ihnen einen Ersatzchip einsetzen, damit er reibungslos funktioniert und keine Problemmeldungen aussendet. In dieser Zeit werden Sie in Ihrer Wohnung bleiben und mit niemandem Kontakt haben. Ihr Klon wird, wenn alles glattgelaufen ist, am Montag zur Arbeit gehen - zu Ihrer Arbeit und mit Ihrem Chip.«
Robert rieb sich die Hände und merkte, dass sie feucht und eiskalt zugleich waren.
»Keine Sorge, wir werden uns um alles kümmern. Sie werden gar nichts merken.«
Robert nickte und setzte sich auf einen Stuhl, der ihm hingestellt wurde. Eine der vermummten Gestalten stellte sich hinter ihn und begann mit den Vorbereitungen für die Extraktion des Chips. Zu seiner Überraschung stellte sich dieser erste Eingriff als simpel und harmlos heraus. Eine kleine Spritze, deren Stich er kaum spürte. Robert wurde trotz seiner Angst von Glücksgefühlen übermannt. Allein der Gedanke, diesen Chip bald nicht mehr in sich zu haben, machte ihn schon glauben, er sei von nun an ein freier Mensch.
»Wir leiten jetzt die Narkose ein. Ich werde die ganze Zeit bei Ihnen sein«, sagte Hendrik mit einer Stimme, die Ruhe und Vertrauen ausstrahlte.
Robert fühlte sich euphorisiert. »Gut. Ich bin bereit.«
Hendrik nickte seinen Leuten zu. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Alles ging routiniert vonstatten, was Roberts Vertrauen in diese Organisation noch verstärkte. Während seine Narkose eingeleitet wurde, versuchte er, sich sein neues Leben vorzustellen. Sein Leben in absoluter Freiheit. Wahrscheinlich würde er dort, wo er neu beginnen konnte, Menschen treffen, die denselben Traum wie er leben wollten. Gleichgesinnte, denen genetische Aufwertungen, Materialismus und sozialer Status einerlei waren. Und alles erschien ihm in diesen Sekunden, in denen er in einen sanften Schlaf hinüberglitt, so einfach und richtig zu sein. Er fühlte sich wie der glücklichste Mann der Welt. Sein neues Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit war zum Greifen nah.
Endlich habe ich einmal das Richtige getan, dachte er, kurz bevor er durch die Narkose das Bewusstsein verlor.
Was er nicht wissen konnte, war, dass er sich noch nie in seinem Leben so fatal geirrt hatte.
Kapitel 5: Das alte und das neue Leben
Robert war noch nie zuvor in Narkose versetzt worden. Es hieß, man würde nicht träumen. Aber bei dieser Narkose war es ganz anders. Er träumte die wildesten Träume, ohne von ihnen emotional mitgerissen zu werden. Er träumte vergangene Episoden aus seinem Leben und nahm dabei immer nur die Rolle eines neutralen Beobachters ein, der ungerührt an den wichtigsten Weichenstellungen in Roberts Leben teilnahm. Roberts erster Schultag, seine erste eigene Wohnung, sein erster Kuss - alles durchlebte er erneut. Und eine Szene träumte er immer und immer wieder: Sein gescheiterter Versuch, Nicole von seiner Idee, das Land illegal und dauerhaft zu verlassen.
»Würdest du so leben wollen?«, hallte ihm Nicoles Stimme in seinem Kopf nach.
»Ja, das würde ich«, nuschelte Robert, während er langsam, fast qualvoll, aus seiner Narkose erwachte. Es fühlte sich furchtbar an. Er öffnete die Augen und alles schien sich erst zu drehen und dann zu zittern. Dabei war er es, der zitterte. Er wurde unruhig und versuchte, sich aufzurichten. Jemand hielt ihn davon ab.
»Das geht gleich wieder vorbei. Bleiben Sie ruhig liegen«, hörte er eine Stimme, die von weit herzukommen schien, in Wahrheit aber ganz in seiner Nähe war. »Machen Sie ruhig die Augen zu. Lassen Sie sich Zeit, Robert. Alles ist gut. Es hat alles wie geplant funktioniert.«
Erleichtert sank er wieder zurück ins Bett, wobei ihm auffiel, dass es sein Bett war. War er wieder zuhause? Er ließ die Augen geschlossen und versuchte, sich die grünen Weiten, Täler und Hügel seines Traumziels vorzustellen. Es gelang ihm aber nicht. Er schlief wieder ein.
Ein paar Stunden später waren die unerwarteten Begleitsymptome der Narkose fast vollständig verschwunden. Robert fühlte sich etwas groggy, aber gut. Er öffnete wieder die Augen. Er war tatsächlich zu Hause. Hatte man ihn während seiner Narkose hierher gebracht?
»Na endlich, das hat ja gedauert.« Hendrik kam ins Schlafzimmer. Er hatte irgendein technisch-medizinisches Gerät in seiner Hand und hielt es Robert an seinen Kopf. Nach ein paar Sekunden nickte er zufrieden. »Alles klar. Ihnen geht es gut. Die Narkose hat ein wenig länger gedauert, als wir eingeplant hatten. Deshalb haben wir Sie nach Hause gebracht, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, versteht sich. Alles hat wunderbar geklappt.«
»Und der Klon? Wo ist er?«, platzte es aus Robert heraus.
Hendrik deutete mit dem Kopf zur Tür. »Er ist im Wohnzimmer und sieht sich einen Polit-Talk an.«
Diese Antwort erschreckte Robert ein wenig. Zum einen, weil dieser Klon jetzt in seine Wohnung eingezogen war. Zum anderen, weil er offensichtlich genau das tat, was Robert am Samstagmorgen zum Frühstück auch immer getan hatte: den Polit-Talk schauen.
»Kann ich ihn sehen? Kann ich mit ihm sprechen?«
»Na sicher, warum denn nicht? Nur ein paar wichtige Hinweise möchte ich Ihnen vorher noch mitgeben.«
Robert stieg aus dem Bett und betrachtete sein Spiegelbild am Wandschrank. Er sah furchtbar aus. Als ob er drei Nächte nicht geschlafen hätte. »Dann schießen Sie mal los. Hoffentlich kann ich mir alles merken; mein Kopf fühlt sich an wie Blei.«
»Das vergeht spätestens nach ein paar Stunden wieder. Sie haben alles bestens überstanden.
Ihr Klon besitzt nun Ihr Gedächtnis, Herr Mester. Er könnte sich sogar an Dinge aus Ihrer frühesten Kindheit erinnern, die Sie längst vergessen haben - wenn wir ihn so programmiert hätten. Er wird sich von nun an genau so verhalten wie Sie. Er wird so sprechen wie Sie, er wird zur selben Uhrzeit schlafen gehen wie Sie. Er hat dieselben Vorlieben und Abneigungen. Dieselben Vorurteile, Schwächen und Stärken - es ist alles gleich.
Ich musste das nochmal sagen, weil viele unserer Kunden darauf verunsichert reagieren. Es ist aber alles so, wie es sein soll. Es ist alles in Ordnung.«
Robert nickte. »Hoffentlich. Das muss ja auch so sein. Wenn er zu meiner Betriebspsychologin geschickt werden sollte, wird er nicht auffallen, nehme ich an?«
»Nein, er wird sich genauso verhalten wie Sie. Er wird nervös sein, schwitzen, um seinen Job bangen und sich letztlich von der ihm übergeordneten Autorität einschüchtern lassen, genau wie Sie.«
Robert hob eine Augenbraue.
Hendrik zuckte entschuldigend die Achseln. »Nichts für ungut. Er wird sich einfach wie ein normaler Mensch verhalten. Das wollte ich damit sagen.«
»Schon klar. Aber, was ich mich die ganze Zeit über frage: Wie wird er sich mir gegenüber verhalten?«
»Um es kurz zu sagen: neutral. Er weiß, dass Sie - der originale Robert - existieren. Er ist aber darauf programmiert, nie mit jemand anderem darüber zu sprechen, ja nicht einmal zu denken. Damit würde er sogar Neurohackings überstehen. Sobald sie beide in einem Raum sind, werden Sie für ihn so etwas sein wie sein Meister. Er wird gehorchen, was immer Sie ihm sagen. Er wird nichts, was Sie äußern, infrage stellen, oder darüber weiter nachdenken. Im Übrigen werden Sie und er ja nur ein paar Tage, höchstens ein paar Wochen zusammen leben, nur mit dem Unterschied, dass er zur Arbeit gehen und Freunde und Bekannte treffen wird, und Sie nicht. Sie werden zuhause bleiben und auf Ihren Ersatzchip mit der falschen Identität warten, den wir Ihnen implantieren werden.«
Robert zog sich um und hielt kurz inne. »Dann wird er sich auch mit meiner Freundin Nicole zum Essen treffen?« Er hätte gar nicht aufzählen können, was ihm an diesem Gedanken alles nicht gefiel.
»Selbstverständlich. Robert2 soll in keinster Weise irgendwie auffällig werden. Er wird all das tun, was Sie auch getan haben.« Hendrik schien zu ahnen, worauf sein Kunde hinauswollte. »Sie hatten doch keine... wie soll ich es sagen? Keine engere Beziehung zu dieser Nicole, oder?«
»Nein. Hatte ich nicht.« Die Enttäuschung, die in dieser Antwort mitklang, war kaum zu überhören.
»Dann wird es mit Robert2 auch dabei bleiben. Er wird nie eine Liebesbeziehung mit jemandem eingehen. Er wird daher auch nie Kinder und Familie haben wollen. Das habe ich Ihnen ja schon erklärt. Er wird so programmiert, dass er ein ganz normales, unauffälliges Leben führen wird. Er wird sich nie politisch engagieren, nie höhere Ziele anstreben. Und wenn er gekündigt werden sollte, dann wird er sich um einen neuen Job bemühen und denjenigen annehmen, der ihm angeboten wird, ohne sich zu beschweren. Er wird ein kleines Rädchen bleiben, das sich immer fleißig weiterdreht. Er wird alt werden und sterben. Ganz unauffällig.«
Robert lachte innerlich verächtlich auf: Genau wie ich. Aber damit wird ab sofort Schluss sein - jedenfalls für mich.
»Die perfekte Tarnung für ihn und für mich also«, sagte er und wollte ins Wohnzimmer gehen.
»Eines noch, Herr Mester. Für den Fall, dass etwas schiefgeht, haben wir noch eine spezielle Funktion in den Klon programmiert.«
Robert zuckte innerlich zusammen, als er 'schiefgeht' hörte. »Was sollte denn schiefgehen? Sie haben doch gesagt, Sie hätten das schon mehrfach gemacht und immer erfolgreich.«
»Davon gehen wir auch bei Ihrem Fall aus. Aber Sie wissen so gut wie ich, dass immer etwas fehlschlagen kann. Es können Umstände eintreten, die wir nicht vorausahnen können. Das gilt insbesondere für die Zeit, in der Sie zusammen mit dem Klon unter einem Dach wohnen werden.«
»Ja, ja. Schon gut, ich weiß auch, dass es Probleme geben kann. Von meiner Seite aus werden diese jedoch nicht entstehen. Ich will hier raus. So schnell wie möglich. Was ist das also für eine Funktion, von der Sie gesprochen haben?«
»Es ist eine Terminierungseinrichtung für den Klon. Nur Sie, Herr Mester, sind befähigt, sie auszulösen.«
»Sie meinen, ich soll im Notfall den Klon... töten?«
Hendrik deutete ein Nicken an.
Robert schluckte trocken. Auf so etwas hatte er sich gedanklich überhaupt nicht vorbereitet. Den Worst Case. Plötzlich schossen ihm lauter Dinge durch den Kopf, die schiefgehen konnten. Seine Flucht könnte auffliegen, sein Klon als eben solcher enttarnt werden. Hendriks Organisation könnte hochgenommen werden. Es könnte eine undichte Stelle darin geben, die alles ausplauderte. Er schüttelte diese Gedanken ab. Er konnte nicht mehr zurück. Er musste jetzt nach vorn blicken. Das war doch dasselbe wie die angsteinflößenden Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel eines Medikaments. Sie konnten theoretisch auftreten, taten es aber bei den meisten Menschen dann nicht. Hier war es genauso: Unzählige Risiken standen ihm bevor, doch ihre Eintrittswahrscheinlichkeit war verschwindend gering.
»Und wie funktioniert diese Terminierung?«
»Ganz einfach. Es ist ein Satz, den Sie in Gegenwart des Klons zweimal hintereinander sagen müssen. Nur Ihre Stimme kann die Terminierung auslösen. Würde jemand anderes die Worte sprechen, blieben sie wirkungslos. Dies ist aber wirklich nur für den absoluten Notfall vorgesehen. Es kann auch sein, dass ich Ihnen sagen werde, dass wir den Klon eliminieren müssen. Wir werden das jedoch nicht tun können, sondern nur Sie mit Ihrer Stimme.«
»Welche Worte töten den Klon?«
»Es ist ein Satz: mens agitat molem.«
»Verstand siegt über Materie« Roberts Latein war stark eingerostet, und er war sich ziemlich sicher, dass es sich um ein Zitat des Dichters Vergil aus der römischen Antike handelte.
»Wenn Sie Robert2 diese drei Worte zweimal hintereinander sagen, dann wird eine Überlastung in seinem Gehirnimplantat ausgelöst, die auf der Stelle zum Tod führen wird. Sollte man ihn untersuchen, wird man feststellen, dass er an einem plötzlichen Hirnschlag gestorben ist. Es würde sogar funktionieren, wenn Sie ihm die Worte übers Telefon oder Videochat vom anderen Ende der Welt aus sagen würden. Noch einmal: Nur Ihre Stimme kann die Überlastung des Implantats auslösen.«
Robert runzelte die Stirn. »Wenn meine Stimme es auslösen kann, dann könnte es auch seine Stimme tun, oder? Er hat doch dieselbe Stimme wie ich.«
»Er könnte, aber er kann nicht. Er kennt die Worte. Sie sind in seinem Chip gespeichert, aber er wird sie aus einem programmierten Selbsterhaltungstrieb nicht aussprechen.«
»Und wieso können Sie ihn nicht einfach abschalten, wenn es erforderlich ist?«
»Wir sind nur so lange an der Angelegenheit beteiligt, wie wir Zeit benötigen, Sie zu Ihrem Ziel zu bringen. Danach werden sich unsere Wege nicht mehr kreuzen. Sollte unsere Organisation - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr existieren oder durch die Behörden infiltriert werden, wird es keinerlei Verbindungen mehr zu Ihnen und Ihrem Klon geben. Das dient einzig und allein Ihrer Sicherheit, Herr Mester. Wenn Sie in Kamtschatka sind, ist das sowieso nicht mehr von Bedeutung.«
»Ich verstehe. Jetzt will ich ihn mir ansehen.«
»Sicher.«
Robert ging leise auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer, bis ihm auffiel, was er gerade tat. Wieso glaubte er, sich anschleichen zu müssen? Als er seinen Klon dann sah, musste er sich beherrschen, um nicht zurückzuweichen. Es war, als wäre er aus sich selbst herausgetreten und würde sich nun von außen betrachten. Der schlafende Robert2 hatte noch eine gewisse Eigenständigkeit ausgestrahlt - so jedenfalls war es Robert vorgekommen (Vielleicht hatte er es sich auch eingebildet). Aber der wache Robert2 war absolut identisch mit seinem Original. Nichts, gar nichts unterschied ihn mehr. Auch nichts, das Robert sich einbilden könnte. Das auf der Couch vorm Holoprojektor war er.
Robert2 bemerkte ihn und drehte seinen Kopf zu ihm. »Hallo«, sagte er freundlich und wartete Roberts Reaktion ab. Seine Stimme war, wie erwartet, ebenfalls absolut identisch mit seiner.
»Hallo«, erwiderte Robert, schwer darum bemüht, cool zu bleiben. »Wie geht es dir?«
»Danke, gut. Und selbst?«
»Ein wenig müde noch. Aber ich bin OK.«
»Schön. Willst du mit schauen? Die Sendung hat erst vor einer Viertelstunde angefangen. Da ist schon wieder einer von den Sprung-Evolutionären in der Talk-Runde. Der redet ohne Punkt und Komma.«
Robert sah fragend zu Hendrik. Der nickte und sagte: »Kann nicht schaden, wenn Sie sich beide ein wenig 'kennenlernen'. Sie werden immerhin noch einige Zeit miteinander verbringen. Ich muss jetzt sowieso los.«
»Sie gehen?«
»Wir haben noch einen Berg Arbeit vor uns. Ihre Ausreise muss minutiös vorbereitet werden. Und Ihr neuer Chip muss noch programmiert werden.«
Robert sah unsicher zu seinem Klon, der sich wieder der Talk-Show widmete. Er hatte Angst, allein mit ihm zu sein, auch wenn es dafür eigentlich keinen rationalen Grund gab.
