Johannes Epple Kalte Sonne
Kalte Sonne
Kalte Sonne

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Johannes Epple Kalte Sonne

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»Dein Sohn«, sagte Brandner.

So lange hatte Hanna auf diesen Augenblick gewartet, nun wagte sie es nicht, näherzutreten. Eine blassrosa Bettdecke. Vier Schläuche, die seitlich aus dem Bett hingen, und eine Infusion für die künstliche Ernährung. Am Namensschild war nichts als eine grau gepunktete Linie. ›Lisa‹ sollte dort stehen.

Monatelang hatte sie mit Manuel über den Namen nachgedacht. Er hatte ausgefallene Namen vorgeschlagen. Naima. Keisha. Tessa. Hanna lehnte solche Namen nicht rundheraus ab. Manche fand sie schön. Aber die Namen sprachen nicht zu ihr. Sie drängten sich nicht auf.

Bei ›Lisa‹ war das anders. Der Name war einfach, aber er erzeugte Bilder eines Alltags, der Hanna an ihre eigene Kindheit erinnerte. Butterbrote, Buntstifte, Hausübungsgutscheine. Geburtstagspartys, Faschingskostüme, Wasserfarbenspritzer. Hannas Vergangenheit und Lisas Zukunft.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Brandner.

Hanna trat an das Gitterbett heran. Der Kopf des Jungen war mit weißem Mullverband verbunden und der Körper war in eine weiße Decke gepackt. Nur das Gesicht lag offen da. Die Haut war rot und an den Wangen von dicken, violetten Adern durchzogen. Die Oberlippe war bis zur Nase gespalten. Die Augen waren geschlossen. Hanna sah, dass sie sich nie öffnen würden. »Er wird sterben«, sagte sie und setzte sich auf einen Hocker neben dem Gitterbett.

Brandner nickte.

»Welche Chromosomenstörung ist es? 13 oder 18?«

»Das klären wir gerade.«

Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Kleine keinen Ton von sich gab. Inmitten des Geschreis der Frühgeborenen war ihr Sohn vollkommen still. Er wirkte, als sei er noch gar nicht auf der Welt angekommen. Die anderen Kinder kreischten, bis sie rot anliefen und beinahe an ihrer Angst oder ihrem Schmerz erstickten. Ihr Sohn lag einfach da. Blind. Kraftlos. Mit einem Turban aus tausendundeiner Nacht.

Brandners Pieper ertönte. »Wir reden am Abend«, sagte er. Ehe er ging, drehte er sich noch einmal um. »Der Kleine wird viel Fürsorge brauchen.«

Hanna sah auf. »Fürsorge? Er braucht Infusionen. Er braucht künstliche Ernährung. Er braucht ein Beatmungsgerät. Das nennst du Fürsorge?«

Hanna blieb noch eine Stunde bei ihrem Sohn. Seine Hand war feucht und weich wie Plastilin. Sie blickte abwechselnd vom Gesicht des Kleinen zum Monitor, der seinen Pulsschlag aufzeichnete. Er braucht einen Namen, dachte sie. Ihr fiel ein mittelalterlicher König ein, der für seine geringe Körpergröße in ganz Europa bekannt war. Pippin, sagte sie zu sich selbst. Einen passenderen Namen konnte sie sich nicht vorstellen.

Zu Mittag bat sie Marija, sich bei der kleinsten Veränderung von Pippins Gesundheitszustand bei ihr zu melden. Egal, was von nun an mit dem Jungen geschah, Hanna wollte dabei sein. Das Schlimmste von allem war die Warterei auf der Station gewesen.

Während sie zum Lift ging, fragte sie sich, ob sie Manuel anrufen sollte. Was sollte sie ihm sagen? Wie würde er reagieren? Hanna vermutete, dass er sehr liebevoll sein würde. Er würde sie trösten. Die Vorstellung, dass sie getröstet werden musste, verursachte ein unangenehmes Gefühl in ihrer Magengegend.

In der Station verteilten die Pfleger die Tabletts mit dem Mittagessen. Hanna setzte sich mit einem vegetarischen Menü auf den Balkon. Die Sonne stand hoch am Himmel. Die Tannen im Park warfen kaum Schatten. Hanna kostete ihre Ravioli mit Gorgonzolasauce und verzog das Gesicht. Die Nudeln waren weich und schmeckten nach gekochten Styroporplatten. Nach einem zweiten Bissen legte Hanna das Besteck weg und betrachtete die Tannen. Alles war ihr gleichgültig. Die Schmerzen. Der Durst. Die Sonne. Manuel. Nichts hatte Bedeutung. Die Bilder, die Gedanken, die Wünsche, die Hoffnungen, die Hanna in den vergangenen Tagen und Wochen begleitet hatten, waren weg. Sie fühlte sich leer. Sie empfand nicht einmal Schmerz über Pippins Zustand oder Zuneigung zu ihm, es war eher eine Art ungläubige Verwunderung.

Das ist mein Kind?

Das wird meine Zukunft sein?

Hanna wunderte sich. Über die Tannen, die Sonne, die Autos am Parkplatz. Sie wunderte sich, dass die Welt mit der gleichen unerbittlichen Folgerichtigkeit ihrer Zukunft entgegenstrebte. Ein wahnsinniger, irrer Flug ohne Zwischenstopp, ohne Ziel, mit Passagieren, die starr nach vorne blicken.

Nachdem der Pfleger das Tablett mit ihrem kaum angerührten Mittagessen abgeholt hatte, kontrollierte sie ihre E-Mails. Sie hatte eine Nachricht von Manuels Eltern und eine von Sylvia Bergmann erhalten. Manuels Eltern wussten nichts von der verfrühten Geburt. Sie erkundigten sich nach ihrem Befinden. Bei Sylvia lagen die Dinge komplizierter. Während Hanna am Vortag auf die Rettung gewartet hatte, hatte sie per SMS einen Vortrag und einen Besprechungstermin im AKH abgesagt. Sylvia wusste also von der Geburt. Ihre Mail klang entsprechend aufgeregt. Glückwünsche, Emojis, ein Foto von der Labormannschaft.

Hanna strich sich eine Strähne aus der Stirn. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war ein Besuch ihrer Arbeitskollegen. Sie hatte keine Ahnung, was sie in die Mail an Sylvia schreiben sollte. Am liebsten wäre ihr: Lass mich. Aber das würde Sylvia nur neugierig machen.

»Geht’s Ihnen gut?«

Hanna fuhr herum.

Marija. Sie hatte die Ärmel ihres blassblauen Schwesternkleides hochgekrempelt. Das Tattoo an ihrem Handgelenk zeigte eine blaue Rose. »Ich habe etwas für Sie«, sagte sie mit weicher Stimme und gab ihr einen Folder des Kriseninterventionszentrums für Eltern von behinderten Kindern.

Hanna blätterte darin. Sie empfand die darin zelebrierte Kopf-hoch-Haltung als entwürdigend.

»Im dritten Stock finden Sie Frau Dr. Bayer«, sagte Marija. »Sie ist Psychologin. Die Dienstzeiten stehen auf der Rückseite. Reden Sie mit ihr. Es wird Ihnen guttun.«

Psychologie? Hanna hatte eine Abneigung gegen dieses Fach. Es war eine halbe Geisteswissenschaft, ein Hort von schiefen Wahrheiten und kruden Thesen. Schon an der Uni hatte Hanna die Psychologiestudenten belächelt. Meist waren es junge Frauen gewesen, halbe Mädchen, die schon einen ausgeprägten Mutterinstinkt zu haben schienen und bei jedem noch so großen Unsinn, den jemand von sich gab, verständnisvoll nickten.

Hanna brauchte kein Verständnis. Sie hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie hatte Pech gehabt. Das war alles.

Nachdem Marija mit einem fürsorglichen Lächeln im Gesicht wieder abgezogen war, überlegte Hanna, was sie Sylvia schreiben sollte. Dabei betrachtete sie den Folder. Die erste Seite zeigte ein Kind mit Trisomie 21. Hanna betrachtete das runde Gesicht mit den schmalen Lippen und den charakteristisch geschwungenen Augen. Pippin würde wohl nie so gesund aussehen. Wenn er tatsächlich Trisomie 13 oder 18 hatte, würde er nicht älter als ein oder zwei Jahre werden.

Hanna starrte auf ihr Handy. Draußen am Gang hörte sie Kindergeschrei. Eine Frau mit Blumen trat aus dem Lift. Ein Pfleger brachte ihr frischen Früchtetee. »Alles ist gut«, schrieb sie. »Alles ist so, wie es sein soll. LG, H.«3

Anfang August, 2015

Lordtom99:\4\Wien_München_Hamburg:Neumann.docx

Das Nachmittagslicht gab den Dingen eine sanfte Aura. Es nieselte, der Gehsteig war nass. Es roch nach verdampfendem Wasser und feuchtem Gras. Ich ging die Alser Straße hoch zum Gürtel und nahm die U6 zur Burggasse. In der Station kaufte ich ein Falafel-Sandwich und einen Ayran. Ich aß auf meinem Innenhofbalkon, startete mein Notebook und lud die Fotos von der Kleinen aus dem Kinderdorf hoch. Ein 14 Monate altes Mädchen, die Haare braun und noch etwas dünn, die Augen groß und blau.

Ich kontrollierte meine Mails und schrieb Tereza, der Pflegerin meiner Mutter, dass ich heute noch nach München fahren würde, um bei ihrem morgigen Umzug ins Pflegeheim dabei zu sein. Meine Mutter war fast achtzig und wurde langsam senil. Vergangene Woche hatte sie vom Supermarkt, in den sie seit zwanzig Jahren ging, nicht mehr heimgefunden. Da ich nach meinem Medizinstudium gleich die Stelle im Wiener Donauspital bekommen hatte und selten nach München kam, war sie die meiste Zeit auf sich gestellt. Seit drei Jahren kümmerte sich Tereza um das Nötigste, aber die war allmählich auch überfordert.

Die Fahrt nach München dauerte länger als sonst. In Salzburg geriet ich in den Abendverkehr. Erst bei Freilassing löste sich der Stau auf. Kurz nach acht Uhr bog ich in die Wohnsiedlung in Ottobrunn ein. Meine Mutter lebte gegenüber einem Fußballplatz in einem zweistöckigen Haus mit einem drei Meter breiten Grasstreifen als Garten und freiem Blick in das Badezimmer des Nachbarn. Seit dem Tod meines Vaters hatte die Pflege des Gartens stark gelitten. Die Hainbuchenhecken mussten längst geschnitten werden und der Kirschbaum war verwildert.

Im Haus stieg mir ein altbekannter Geruch in die Nase. Mein Vater war Imker gewesen, und zu seiner Arbeit hatte auch das Ausschmelzen der Bienenwaben gehört. Er erledigte diese Säuberungsaktionen jedes Jahr im Oktober immer wochentags, wenn ich in der Schule war, und meine Mutter ihrem Job im Sekretariat der örtlichen Zweigstelle einer Versicherung nachging.

Nichts, und ich meine absolut nichts, roch erbärmlicher als ausgeschmolzene Waben. Als Kind empfand ich den Geruch als ein olfaktorisches Inferno, für das ich mich vor meinen Schulfreunden schämte. Heute wurde ich rührselig, als ich im Vorraum meine Wildlederschuhe abstreifte und diesen Gestank in der Nase hatte. Es hatte wohl etwas mit Nostalgie und meinem schlechten Gewissen gegenüber meiner Mutter zu tun.

»Ich bin’s, Georg«, rief ich, als ich ins Wohnzimmer trat.

Meine Mutter sah sich eine Sendung über die Naturwunder Amerikas im Bayrischen Rundfunk an. Da sie auf meine Begrüßung nicht reagierte, rutschte ich neben ihr auf die Couch und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Mit leeren Augen starrte sie mich an. »Ich bin’s, Georg«, wiederholte ich.

Tereza tauchte in der Küchentür auf und schüttelte den Kopf. »Tagsüber war es gut«, sagte sie. »Wir waren in der Stadt beim Friseur, nicht wahr, Frau Neumann?«

Statt einer Antwort gab meine Mutter ein tiefes Gurgeln von sich. Mit halb offenem Mund starrte sie in eine Dimension jenseits von Raum und Zeit.

»Georg?« Sie sah zwischen Tereza und mir hin und her.

Tereza holte eine Tasse heiße Milch aus der Küche. »Schauen Sie, was ich hier habe«, sagte sie.

Meine Mutter lächelte wie ein fünfjähriges Mädchen vor dem Weihnachtsbaum.

Ich bat Tereza in die Küche. Ich war schockiert über den Zustand meiner Mutter. Bei meinem jüngsten Besuch hatte sie noch viel klarer gewirkt.

»Sie ist aufgeregt wegen Ihres Besuches. Es ist nicht immer so schlimm«, sagte Tereza.

Ich holte mir aus dem Kühlschrank ein kleines Bier und schnippte die Krone in den Mülleimer. »Ist sie noch zu einem normalen Gespräch fähig?«

»Kommt drauf an, was Sie darunter verstehen.«

»Ich habe Fragen.«

»Vielleicht morgen«, sagte Tereza.

Ich sah zum Küchenfenster hinaus. Im Nachbargarten schraubten zwei Burschen mit umgedrehten Baseballkappen an einem Quad. Im Hintergrund lief deutscher Hiphop. »Ich habe ein Foto von Helene«, sagte ich. »Ich will ihr damit eine Freude machen. Soll ich es ihr jetzt zeigen?«

»Schön, dass die Kleine wieder da ist. Der Stress nach der Entführung aus dem Krankenhaus hat Ihre Mutter schwer belastet.«

»Da meine Mutter nicht mehr dazu fähig ist, hat mich die Polizei ersucht, die Vormundschaft für Helene zu übernehmen.«

»Und?«

»Ich habe abgelehnt.«

Tereza kniff die Augen zusammen.

»Ich bin 46 Jahre alt. Ich lebe alleine und habe einen fordernden Beruf.«

Tereza verschränkte die Arme vor der Brust.

»Wo ist überhaupt der Vater?«, fragte ich. »Ist es nicht klüger, den Vater zu suchen, damit er Verantwortung für seine Tochter übernimmt?«

Tereza nickte. »Wenn Sie Ihrer Mutter das Foto zeigen wollen, machen Sie es jetzt. Sie wird sicher bald müde werden.«

Ich trank einen Schluck Bier und holte mein Notebook aus dem Wagen. Als ich zurückkam, blieb ich in der Wohnzimmertür stehen. Die Szene, die sich mir bot, war grotesk. Meine Mutter kniete vor dem Couchtisch, mit dem Gesicht in der Popcornschale, und schaffte es dabei auch noch, laut zu schnarchen. Scheinbar wirkte die Honigmilch auf sie wie ein starkes Sedativ. Tereza versuchte, sie hochzustemmen. »Normalerweise schläft sie um sieben Uhr abends. Routinen sind für sie wichtig. Mit Aufregung wie über Ihren Besuch kann sie schwer umgehen.«

Ich legte mein Notebook auf den Couchtisch und half Tereza, den schlafenden Körper auf die Couch zu heben. Dann zeigte mir Teresa die Untersuchungsergebnisse der vergangenen zwei Wochen und die Medikamente, die meine Mutter täglich nahm.

Während der Fahrt von Wien hierher war ich so auf das Foto von Helene konzentriert gewesen, dass ich mich nicht auf das Verhalten meiner Mutter vorbereitet hatte. Seit Weihnachten hatte ich sie nicht mehr gesehen. Das war fast vier Monate her.

Ich wusste nicht mehr genau, wann ich das Interesse an meiner Mutter verloren hatte. Seit über zehn Jahren lebte ich in Wien und arbeitete als Herz-Thorax-Chirurg im Donauspital. Dazu gehörte eine Sechzig-Stunden-Woche inklusive Wochenend- und Bereitschaftsdiensten. Zwischendurch hatte ich Beziehungen, wovon keine länger als ein Jahr gehalten hatte. Hätte mich meine Mutter nicht jede Woche angerufen, hätten wir uns ganz aus den Augen verloren. Wenn sie anrief, immer sonntags um 18 Uhr, war es stets dasselbe. Wie geht es dir? Was macht der Beruf? Wie ist das Wetter in Wien? Und ganz schlimm: Hast du Kleider für den Winter? Es wird kalt.

Beim Blick auf die schnarchende, mit Medikamenten vollgepumpte Frau wurde mir klar, dass Anrufe dieser Art wohl bald ausbleiben würden. Traurigkeit ergriff mich, eine Sehnsucht nach unserer Sonntagsroutine, nach Fragen, deren Sinn es war, eine Verbindung zwischen zwei einander fremd gewordenen Menschen herzustellen.

Gemeinsam mit Tereza trug ich meine Mutter in den ersten Stock. Alles war wie früher. Die dunkle Holzvertäfelung an der Decke machte das Schlafzimmer bedrohlich. Tereza und ich hievten meine Mutter ins Bett und zogen ihr den Bademantel aus. Sie öffnete die Augen und sah mich an. »Ich weiß schon, wer du bist«, sagte sie.

Es war ein eigenartiges Gefühl, die Nacht in meinem alten Zimmer zu verbringen. An den Wänden hingen Poster von Fußballern aus den 90er-Jahren. Im Schreibtisch fand ich Klassenfotos aus der Realschulzeit und leere CD-Hüllen. Tote Hosen, Bad Religion, H-Blocks. Dazwischen hingen Hiphop-Poster, die meine Halbschwester Miriam aufgehängt hatte. Nachdem ich Ende 1990 nach Wien gegangen war, hatte Miriam das Zimmer bewohnt. Miriam und ich hatten eine eher schwierige Beziehung. Wir hatten kaum Kontakt zueinander. Ich war der große Bruder und sie die Nachzüglerin. Ihre Existenz erinnerte mich immer an den frühen Herztod meines Vaters. Ich war damals erst 17 gewesen, und meine Mutter hatte kurz danach eine Liaison mit einem IT-Spezialisten gehabt, der zunächst nach Irland und von dort nach Cambridge gegangen war und sich weder bei meiner Mutter noch bei seiner Tochter Miriam je wieder gemeldet hatte.

Die Erinnerungen an meine Jugend hielten mich wach. Ich starrte an die Decke und lauschte den Regentropfen, die gegen das Fenster prallten. Um zwei und um vier Uhr morgens schrie meine Mutter und ich hörte Tereza durchs Haus eilen. Ich war froh, dass sie mich nicht um Hilfe bat.

Um sechs Uhr läutete mein Wecker. Beim Frühstück las ich am Handy ein paar Artikel. Um sieben Uhr stand die Sonne über den Dächern der Nachbarhäuser. »Wir müssen um neun im Altenheim sein«, sagte Tereza, die aufgeweckt wirkte, als hätte sie die ganze Nacht durchgeschlafen.

Im Zimmer meiner Mutter waren die Jalousien heruntergelassen. Am Nachtkästchen blinkte das rote Lämpchen des Notfallpiepsers, mit dem meine Mutter Tereza zu sich rufen konnte. Ein süßlicher Uringeruch hing in der Luft.

Tereza schaltete das Licht an und klatschte in die Hände. »Guten Morgen«, sagte sie. »Heute ist Ihr großer Tag.«

Meine Mutter gähnte. Meine Anwesenheit verwirrte sie offenbar. Sie griff nach Terezas Hand und zeigte auf mich.

»Er ist gestern gekommen«, sagte Tereza.

Wir machten sie zu zweit für den Tag fertig. Tereza kämmte ihre Haare, steckte sie in einen dunkelbraunen Hosenanzug und schminkte ihre Wangen. Während sie in der Küche mit zittrigen Fingern ein Rührei mit Toastbrot aß, holte ich mein Notebook. »Mama«, sagte ich und sah zu Tereza, die den Geschirrspüler einräumte. »Ich habe ein Foto hier, das ich dir zeigen möchte.«

»Von mir?«

»Nein. Von Miriams Tochter.«

»Miriam«, antwortete meine Mutter. »Miriam ist tot.«

Die Worte kamen mit kindlicher Naivität über ihre Lippen. Meine Mutter erinnerte mich an eine Fünfjährige, die ein ernstes Gespräch über Weihnachten führen wollte. Ich trank einen Schluck Orangensaft. »Miriam ist nicht tot«, sagte ich.

Meine Mutter sah zu Tereza. »Es hat ein Feuer gegeben«, sagte sie zu ihr.

Es wurde still im Raum. Meine Mutter rührte mit dem Löffel in ihrer Kaffeetasse. Tereza schaltete den Geschirrspüler ein und holte das Gepäck aus dem ersten Stock.

Ich rutschte mit dem Notebook näher an meine Mutter heran und öffnete den Ordner mit den Fotos aus dem Kinderheim in Strebersdorf. »Kennst du die Kleine?«

Meine Mutter strich mit zwei Fingern über das Gesicht des Mädchens am Bildschirm und flüsterte dabei etwas Unverständliches.

»Jetzt hast du sie wieder«, sagte ich. »Freut dich das?«

Keine Antwort. Nur der Anflug eines Nickens. Tereza kam wieder in die Küche und setzte sich zu uns. Sie tippte auf ihr Handgelenk. Wir waren schon spät dran.

»Männer in Uniformen waren da«, sagte meine Mutter.

»Das waren Polizisten«, antwortete ich.

Meine Mutter sah Tereza an. »Miriam ist nicht tot«, sagte sie.

Tereza legte ihre Hand auf die Schulter meiner Mutter und machte beruhigende Zischlaute.

»Helene ist wieder da« sagte ich. »Zurzeit liegt sie in einem Wiener Kinderheim. Sonst geht es ihr gut.«

Meine Mutter reagierte nicht. Egal, was ich versuchte, ich drang nicht zu ihr durch.

»Miriam ist nicht tot«, sagte sie noch einmal zu Tereza.

Ich tippte auf den Bildschirm. »Schau her! Schau sie dir an! Sie ist richtig hübsch.«

Meine Mutter schnappte nach Luft. Tereza gab mir ein Zeichen, mich zurückzuhalten. Sie legte meiner Mutter eine Trainingsjacke über die Schultern und begleitete sie in den Garten. »Wir warten draußen. Georg bringt die Koffer in den Wagen. Dann fahren wir.«

Meine Mutter blinzelte verblüfft, sagte aber nichts.

Ottobrunn hatte ein eigenes Altenheim, das drei Straßen weiter zwischen einem Gasthaus und dem örtlichen Fußballplatz lag. Wir mussten also nicht weit fahren.

Eine Hilfspflegerin und eine Stationsschwester empfingen uns. Die beiden Frauen halfen meiner Mutter aus dem Wagen und begleiteten sie zu ihrem Zimmer mit Blick auf den Fußballplatz. Alles war vorbereitet. Ich musste nur noch ein Formular unterschreiben, dann war die Sache erledigt. Meine Mutter war im Heim und Tereza war arbeitslos. Zum Abschied küsste sie meine Mutter auf die Stirn und hinterließ ihre Nummer bei der Stationsschwester. »Damit sich Frau Neumann bei mir melden kann, wenn sie etwas braucht.«

Meine Mutter ließ alles teilnahmslos über sich ergehen. Sie war offenbar froh, als sie sich in ihrem Zimmer ins Bett legen konnte. Ich setzte mich an den Bettrand. Ich war in sentimentalen Situationen nie gut gewesen. Auch jetzt wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. »Ich komme bald wieder«, sagte ich.

Meine Mutter schluckte geräuschvoll. »Das Mädchen …«, sagte sie.

»Sie ist deine Enkelin«, sagte ich. »Ich will nicht, dass sie in einem Heim oder bei Fremden aufwächst.«

»Wann fahren wir wieder nach Hause?«, fragte sie.

Ich schaltete die kleine Stereoanlage an und legte eine von Terezas Entspannungs-CDs ein. Als der Klang einer Panflöte ertönte, sank meine Mutter tiefer in den Polster. »Warum hat Miriam diese Medikamente genommen?«, fragte sie. Sie wirkte auf einmal fast klar.

»Es gehörte zu ihrem Beruf«, antwortete ich.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Hamburg zur Asklepios Klinik im Stadtteil Altona. Da ich gegen fünf Uhr morgens aus Ottobrunn losfuhr, kam ich gut voran und brauchte für die Strecke quer durch Deutschland nicht länger als sechs Stunden. Miriam lag seit 15 Monaten auf der Intensivstation der Klinik. Ich hatte sie zuletzt kurz nach ihrer Einlieferung besucht, nach dem Brand in ihrer Wohnung in Norderstedt.

Gegen 11.30 Uhr nahm ich eine Ausfahrt von der Stadtautobahn, die direkt in die Tiefgarage des Krankenhauses führte. Ich folgte einer grünen Linie in den Trakt C mit der Intensivstation. Dort servierten die Stationshelfer gerade das Essen. Da die meisten Patienten nicht bei Bewusstsein waren, kamen sie mit einem Wagen aus.

Ich klopfte an der Glastür der Schwesternstation und sah mich um. Die Asklepios Klinik hatte eine ziemlich große Intensivstation, zumindest war sie größer als jene des Donauspitals in Wien. Es gab einen Akutraum mit zwanzig Betten und 10 bis 15 Einzelzimmer. Als niemand reagierte, trat ich in den Aufenthaltsraum des Personals. Die Spüle war voll mit Kaffeetassen und Kuchentellern. Auf einem Tisch stand eine leere Sektflasche. Ich drückte die Notfalltaste, mit der Schwestern einen Arzt oder die Oberschwester rufen können, und wartete draußen am Gang. Eine Frau mittleren Alters kam, und als sie im Schwesternzimmer niemanden vorfand, sah sie mich misstrauisch an. »Haben Sie gedrückt?«

Ich tat ahnungslos. »Mein Name ist Georg Neumann«, sagte ich.

Ihr Misstrauen blieb. »Sie sind wegen Miriam Neumann hier?«

»Ich bin ihr Halbbruder«, sagte ich.

Die Schwester ließ ihren Blick von meinem Scheitel bis zu den Fußspitzen schweifen. Sie wirkte wie die weibliche Karikatur eines SS-Mannes: dünne, zusammengepresste Lippen, farblose Augen und der brutale Blick eines Kampfhundes.

»Ständig kommen Menschen, die sich als Verwandte von Frau Neumann ausgeben. Onkel, Cousins, Großväter. Halbbruder ist neu, Halbbruder, das gefällt mir. Haben Sie einen Ausweis?«

»Was soll das werden?«

»Vergangene Woche waren vier Typen da, die sich in Frau Neumanns Zimmer einschleichen wollten, um Fotos zu machen. Ohne Ausweis können Sie es vergessen. Ich bin hier die Pflegedienstleiterin.«

Ich reichte ihr meinen Führerschein. Sie entspannte sich etwas, als sie meinen Namen las. »Ich heiße Christina und ich kümmere mich seit einem halben Jahr um Miriam«, sagte sie. »Ich habe sie gleich bei ihrer Einlieferung erkannt. Mir war klar, dass sie eine besondere Patientin sein würde.«

Ich betrachtete ihre durchtrainierte Figur. Ein typisches Opfer, dachte ich.

»Ich habe ihren Channel abonniert und habe mir alle ihre Videos angesehen«, sagte Christina.

Christina ging voraus zum Zimmer 17. Drinnen stand ein Bett im Halbdunkel. Miriam war intubiert und hing an einem Beatmungsgerät, das gleichzeitig ihre Herzwerte maß. Sie lag in einem oben offenen Glaskasten, mit elektronisch gesteuerter Matratzenheizung, um ihre Körpertemperatur stabil zu halten.

Als ich an den Glaskasten herantrat, fielen mir als Erstes Miriams dürre Oberarme auf. Sie waren kaum dicker als ein Stuhlbein oder der Griff eines Tennisschlägers. Der Anblick schockierte mich. Miriams Oberarme waren früher besonders stark gewesen. Auf YouTube gab es unzählige Bizeps- und Trizeps-Trainingsvideos von ihr. Durch das Koma hatte sie den Großteil ihrer Muskelmasse verloren, denn nach einem Monat ohne Training beginnt bei einem gesunden Menschen der Muskelabbau.

»Wie schön sie früher war«, sagte Christina. »Es ist ein Jammer.«

»Ja«, antwortete ich, »sei du selbst …«

»… und dann sei ein Stück besser«, vervollständigte sie Miriams Slogan.

Christina strich die Bettdecke glatt und kontrollierte die Tropfgeschwindigkeit der Kochsalzlösung. »Ich hab mir dieses Fitness-Chick-Programm gekauft, Sie wissen schon, diesen Ganzkörperplan mit Ernährungsberatung und allem. Wegen meiner unregelmäßigen Arbeitszeiten hatte ich nicht den Erfolg, den Miriam mir versprochen hatte.«

Christina umrundete das Bett und öffnete das Fenster. Draußen ertönte vom nahegelegenen Hafen das Nebelhorn eines Frachters. Christinas Haare waren strähnig und trocken, ihre Haut zeigte Akne-Narben. Das perfekte Zielobjekt für Miriams Marketingstrategien, dachte ich. Miriam hatte mehr als 100.000 Follower auf Instagram, 80.000 auf YouTube und knapp 150.000 Freunde auf Facebook. Sie hatte ihnen mit Videos und Fotos gezeigt, wie sie im Fitnessstudio ihren Körper in Form bringen konnten.

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