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Manfred Eisner Im Bann der bitteren Blätter
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Villegas gibt sich noch immer ungerührt. Nili steht vom Vernehmungstisch auf und macht eine Geste in Richtung Hauke. „Komm, wir gehen! Ciao, du Genie Paco-Pepe. Süße Träume!“ Bevor Nili dazu kommt, an die Tür zu klopfen, um aus dem verschlossenen Sicherheitsraum herausgelassen zu werden, verlautet es sehr leise: „Un momentito, por favor, Señorita Comisaria!“
Als hätte er sich plötzlich verwandelt, sprudelte es geradezu aus Villegas heraus, so als wollte er jetzt mit einem Mal seine gesamte Last an Missetaten loswerden. Ich gebot ihm kurz Halt und schaltete den Bandrecorder ein, um seine allumfassende Beichte festzuhalten. Er sprach zweieinhalb Stunden ohne Pause und ich brauchte danach fast zwei ganze Tage, um seine Aussage ins Deutsche zu übersetzen. Er gestand so ziemlich alles, was wir schon, und noch vieles mehr, das wir bisher nicht wussten. Dennoch hatte ich irgendwie so ein Gefühl, er halte eine ganz besonders wichtige Information zurück, die er keineswegs preisgeben wolle. Nachdem wir mit ihm fertig waren und seine Aussage fein säuberlich in beiden Sprachen nebeneinander protokolliert war, unterschrieb er sie, wobei er mich zum ersten Mal sonderbar anlächelte. Am nächsten Tag nahmen wir uns dann das Mädchen vor.
„Wie wollen wir uns unterhalten, Frau Massud? Auf Deutsch? Do you speak English? At medaberet Iwrith? Oder wollen Sie lieber eine arabische Dolmetscherin?“ Mit einiger Sympathie betrachtet Nili die verschüchterte junge Frau, die ihr am Vernehmungstisch in einem Jogginganzug gegenübersitzt. Die Kieler Kollegin Steffi Hink hält sich unauffällig im Hintergrund. „Deutsch is okay, so weit ich kann“, antwortet Habiba kleinlaut. Dann fragt sie plötzlich auf Iwrith: „Wieso sprichst du Iwrith? Bist du Jüdin?“
„Ja, ich bin in einem Kibutz in Israel geboren, ich heiße Nili. Und du, wo kommst du her?“
Nach einer kurzen Pause antwortet Habiba mit sehr lauter Stimme: „Ich komme ursprünglich aus Ramallah. Ich habe dort bis zur Intifada gewohnt, bis deine Polizisten meine beiden Eltern erschossen haben!“ Ihre Stimme ist voller Hass.
Mit leiser Stimme antwortet Nili: „Und ich habe am Fuße der Golanhöhen gelebt, bis deine PLO-Banditen zuerst meinen kleinen Bruder ermordet – er war erst ein Jahr alt – und später auch meinen Vater im Jom-Kippur-Krieg getötet haben. Sind wir also quitt?“
Für eine Weile herrscht Stille im Raum.
„Was kannst du mir über Ralph Westphal erzählen, den hast du doch gut gekannt?“
Bei der Erwähnung von Ralphs Namen zuckt Habiba Massud zusammen und fängt an zu schluchzen. „Ich habe ihn geliebt, habe ihn wirklich so sehr gern gehabt, das musst du mir glauben!“
Nili schiebt ihr eine Packung Papiertaschentücher hin. „Wo hast du ihn kennengelernt?“
„Im Zug, auf der Fahrt von Lübeck nach Kiel. Da hat uns, also dem Mustafa und mir, der Matti angedeutet, an wen wir uns heranmachen sollten, um erst einmal Kontakt aufzunehmen. Dann habe ich mich mit Ralph ab und zu getroffen und wir sind uns nähergekommen.“
Ein erneuter Weinkrampf schüttelt sie. „Ich wollte doch nicht, dass er stirbt, ich habe wirklich nicht gewusst, dass der Matti mir das Briefchen mit reinem Kokain untergeschoben hat, das schwöre ich bei allen Heiligen! Ich habe ihn sehr gemocht, wir hatten so schöne Stunden miteinander. Er war für mich der erste Mensch seit dem Tod meiner Familie, dem ich so nah war. Er war sehr gut zu mir, ich hätte so etwas niemals getan!“
„Du bist also keine Muslima, Habiba?“
„Nein, wir sind maronitische Christen, aber ich mache mir gar nicht viel aus der Religion. Schau doch, Nili, was bei uns zu Hause los ist! Moslems morden Juden und Christen, diese wiederum erschießen Juden und Moslems, und ihr Juden tötet Christliche und muslimische Palästinenser! Das alles im sogenannten Heiligen Land und im ehrwürdigen Namen Allahs, Jesus und weiß der Teufel, wie euer jüdischer Gott sich nennt!“
„Du hast wohl in diesem Punkt nicht ganz unrecht, Habiba, auch ich bin deswegen seit jeher konfessionslos.“ Nach einer Pause setzt Nili nach: „Was glaubst du, warum hat Matti dir eine tödliche Dosis Kokain für Ralph zugesteckt? Kann es ein Irrtum gewesen sein oder glaubst du, er hat es mit Absicht getan?“
Habiba antwortet nicht gleich. „Er darf niemals erfahren, dass ich das überhaupt gesagt habe, er würde mich von dem Russen erschießen lassen!“
„Du brauchst dir deswegen keine Sorgen zu machen, Habiba, die gesamte Bande verschwindet mit Sicherheit für viele Jahre hinter Gittern.“
„Ach, Nili, du ahnst ja nicht, wie dieses ganze Spinnenwerk organsiert ist. Da sind noch so viele andere, die ich auch nicht kenne, aber ich weiß ganz genau, dass es sie gibt!“
Es ist wohl wie die Hydra der griechischen Mythologie, denkt Nili im Stillen. Schlägst du dem Ungeheuer einen Kopf ab, wachsen ihm drei neue nach! Da schafft es heute auch kein Herakles mehr, sie zu besiegen.
„Also Irrtum oder Absicht?“
„Von Anfang an, als ich zur Bande stieß, war der Matti scharf auf mich. Er versuchte einige Male, mir an die Wäsche zu gehen. Ich möchte diesen widerlichen Kerl nicht, habe mich auch dagegen gewehrt, aber er war nun mal der Boss und ich hatte keine andere Möglichkeit, als mich in seiner Gang einzuordnen, weil ich doch hier illegal war. Er hat vielleicht mitgekriegt, dass ich etwas mit Ralph angefangen hatte, und war eifersüchtig, kann sein. Als ich dann Nachschub holte, gab er mir jenes Briefchen mit dem ausdrücklichen Hinweis, er sei nur für Ralph bestimmt. ‚Für niemand anderen, verstehst du, Habiba?‘, hat er betont. Also ja, ich muss deshalb glauben, dass er es mit Absicht getan hat!“
„Wärst du bereit, dies auch vor Gericht auszusagen?“, fragt Nili mit einem vielsagenden Blick in die Kamera in der Ecke des Verhörraumes, die diese Vernehmung unauffällig in den Monitorraum überträgt, wo sie aufgezeichnet wird.
Habiba ist unsicher und fragt: „Wie könnt ihr mich denn schützen und was passiert jetzt mit mir? Werde ich angeklagt und verurteilt und muss ins Gefängnis? Ich bin doch unschuldig an Ralphs Tod! Oder werde ich einfach abgeschoben – was wird aus mir?“
„Ich werde für dich bei unserem Oberstaatsanwalt ein gutes Wort einlegen, Habiba. Wenn du bereit bist, all dies, was du mir jetzt erzählt hast, bei der Gerichtsverhandlung gegenüber dem Richter zu wiederholen, bin ich sicher, dass dich ein mildes Urteil erwartet. Du solltest aber auf jedem Fall sofort einen Asylantrag stellen, dann gibt es vielleicht für dich eine Chance auf Duldung und Bleiberecht.“
„Beseder – in Ordnung, Nili, ich vertraue dir, werde aber nur dann etwas erzählen, wenn du dabei bist und dem Richter alles genau übersetzt. Kannst du mir das versprechen?“
„Ich gebe dir mein Wort, sei beruhigt. Aber noch etwas möchte ich gern von dir erfahren: Wie bist du überhaupt hierhergekommen?“
„Nach dem Tod meiner Eltern wohnte ich zunächst bei meiner Tante, die ist Libanesin. Dann zogen wir nach Beirut und blieben einige Wochen bei ihren Angehörigen. Plötzlich ging der Krieg auch dort wieder los. Wie ich schon sagte, Christen schießen auf Moslems und diese zurück auf die Christen. Einer meiner Cousins schlug vor, nach Europa zu fliehen, damit wir endlich aus dieser Scheiße herauskommen. Er bezahlte achttausend Euro an eine Schlepperbande, die uns in einem verrosteten Kahn über das Mittelmeer in fast drei Wochen Fahrt bei Sturm, Hunger und Durst hinüber nach Spanien brachte. Es grenzt an ein Wunder, dass das marode Schiff nicht untergegangen ist. Als die spanische Guardia Civil unser Boot aufbrachte, sprangen einige Flüchtlinge über Bord, darunter auch mein Vetter, der dabei ertrank. Als wir an Land kamen, wurden wir eingesperrt. Im Camp lernte ich einen algerischen Typen namens Jussuf kennen. Der hatte wohl Verbindung zu Mattis Bande, denn er organsierte meine Flucht aus dem Lager sowie meine Weiterreise in einem Früchtetransport-Lastzug von Murcia bis nach Hamburg. Ich war zusammen mit einer Kokainsendung hinter einigen Apfelsinenkisten versteckt. Der eine Russe, Jiri, holte mich am Hamburger Großmarkt ab und brachte mich nach Kiel. Matti nahm mir sofort meinen Dschawatz safar – meinen palästinensischen Reisepass – weg. Man brachte mir einige Worte auf Deutsch bei, dann wurde ich mit Mustafa losgeschickt und musste Drogenkunden unter den Jugendlichen an den Schulen suchen und sie – wie auch immer – zum Kauf animieren. Später begann Matti mit der gezielten Suche nach potenziellen Opfern in den Regionalzügen, in denen man gleichzeitig Schüler und Studenten traf. Den Rest kennt ihr ja bereits.“
„Ja, Habiba. Auch deinen Pass haben wir bei der Razzia sichergestellt, daraus erfuhren wir deinen Namen.“
***
Es war eine sehr erschütternde Geschichte, die wir von Habiba zu hören bekamen. Sie hat mich tief berührt.
Auch ihre Aussage habe ich wörtlich ins Deutsche übersetzt, dann konnte sie diese unterzeichnen. Viele Menschen hier beklagen, dass immer mehr Flüchtlinge zu uns nach Europa kommen, wider alle Hindernisse, die man ihnen in den Weg stellt. Wenn diese missbilligenden Wesen nur ein paar Tage lang am eigenen Leib all das fühlen würden, was diese vom Schicksal schwer geschlagenen Menschen in ihrer Heimat erdulden und durchmachen mussten, hätten sie vielleicht ein Quäntchen mehr Verständnis und Mitgefühl für deren hoffnungslose Lage. Uns hier geht es so verdammt gut, aber ich weiß ja, wir können nicht die ganze arme Welt bei uns aufnehmen! Dennoch, eine immer stärker zunehmende Anzahl dieser Verzweifelten und Verfolgten rollt unaufhaltsam auf uns zu! Zu verlieren haben die unglücklichen Habenichtse ja nicht viel mehr als nur noch ihr nacktes Leben!
Wie gelobt, bat ich um ein Gespräch mit Oberstaatsanwalt Harmsen, um für Habiba Massud ein gutes Wort einzulegen. Er versprach, mir einen kurzfristigen Termin anzuberaumen. Schon am folgenden Montag wurde die gesamte Mannschaft unserer Dienststelle zur Staatsanwaltschaft nach Kiel beordert. Kollegen aus den umliegenden Revieren übernahmen während unserer Abwesenheit den Bereitschaftsdienst.
Oberstaatsanwalt Hinrich Harmsen begrüßt alle Anwesenden aus Kiel, darunter Oberkriminalrat Bruno Westermann vom LKA und den Einsatzleiter der 5. Abteilung des SEK – dessen Name stets offiziell verschwiegen und der deshalb unter Kollegen „Kommando-Heini“ genannt wird –, Drogen-Dezernatsleiter Kriminalhauptkommissar Walter Mohr, die Kollegen der Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße, Kriminalhauptkommissar Harald Sierck und seine beiden Mitarbeiter, die Oberkommissare Steffi Hink und Hauke Steffens. Aus Oldenmoor hinzugekommen sind Boie Hansen, Nili Masal, Sascha Breiholz und Willi Seifert.
„Herzlich willkommen, liebe Leute!“ Harms gibt sich jovial. „Zunächst herzlichen Dank an Sie alle und Glückwunsch für die hervorragende Arbeit! Durch die Verzahnung und Koordinierung unserer Einsatzkräfte mit denen von Interpol und der spanischen Guardia Civil gelang ein entscheidender Erfolg in der Bekämpfung des illegalen Drogenschmuggels und Drogenhandels, nicht nur bei uns, sondern in ganz Westeuropa. Nicht zuletzt konnten wir zudem gleichzeitig einen Dealerring hier, unmittelbar vor unserer Tür, zerschlagen! Jeder von Ihnen hat einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg, gratuliere! Ich fasse jetzt also die wichtigsten Ergebnisse dieses Einsatzes unserer Soko zusammen:
1 Aufklärung des Einbruchs und Fahrzeugdiebstahls im Autohaus Scholz in Oldenmoor. Überführt werden durch eindeutige Indizien konnten die beiden russischen Staatsbürger Juri Wolkow und Alexei Shirjajev, wobei gegen den Zweitgenannten sogleich ein Verfahren wegen Körperverletzung anhängig ist. Besonderen Dank an Polizeimeister Breiholz, gut gemacht!
2 Aufklärung des zweifachen, heimtückischen und in Gemeinschaft ausgeführten Mordes an der achtzigjährigen Frau Karin Vogt und ihrer dreiundfünfzigjährigen Tochter Regina sowie der Brandlegung an deren Bauernhof. Auch hierfür zeichnen die beiden oben genannten Täter Juri Wolkow und Alexei Shirjajev gemäß den sie eindeutig belastenden Indizien als voll verantwortlich. Gegen die beiden genannten Personen erhebe ich, sobald die Anklageschrift vervollständigt ist, Anklage wegen der erwähnten Untaten vor dem Schwurgericht. An diesem Erfolg war die gesamte Mannschaft samt den Kollegen aus Itzehoe beteiligt.
3 Die Kieler Drogenhändlerbande um Mathias Lohse, alias Drogenmatti, wurde observiert und konnte letztendlich – dank Ihres gemeinsamen Einsatzes – mit einem Schlag dingfest gemacht werden. Auch gemessen am beachtlichen Drogen-, Geld und Waffenfund war es ein riesiger Erfolg, für den ich Ihnen allen auch im Namen unseres Innenministers sowie des Polizeipräsidenten verbindlichen Dank und Anerkennung aussprechen darf. Besonderen Dank an unseren geschätzten Leiter des Drogendezernats, Hauptkommissar Dr. Walter Mohr. Vorbildliche Arbeit, Waldi!
4 Dabei ging uns zufällig einer der meistgesuchten kolumbianischen Logistiker und Spiritus Rektor des europäischen Kokainhandels ins Netz, der Interpol bis dato immer wieder entwischen konnte: Francisco José Villegas, alias Paco-Pepe oder auch El Genio. Dieses spukende Phantom weigerte sich zunächst eisern, uns seinen echten Namen zu nennen, den wir schließlich mit Hilfe der spanischen Kollegen erfuhren. Zudem aber gebührt unserem Sprachgenie, Frau Masal, ein besonderes Lob, diesen Kerl mit viel Geschick letztendlich zum ausführlichen Geständnis in seiner eigenen spanischen Sprache gebracht zu haben. Sehr gute Arbeit, Frau Kriminaloberkommissarin!
5 Schließlich, aber dennoch besonders bedeutend: Der tragische Tod durch eine Überdosis reinen Kokains, welcher der junge Ralph Westphal zum Opfer fiel, konnte ebenfalls rein zufällig in Zusammenhang mit einer der bereits oben geschilderten Festnahmen geklärt werden. Wir standen vor dem Dilemma: War dieser Tod durch Eigenverschulden des Verstorbenen eingetreten oder hatte jemand im Hintergrund daran ‚gedreht‘? Durch ein umfassendes Geständnis der festgenommenen und noch jugendlichen Illegalen Habiba Massud aus Ramallah, das wir ebenfalls sowohl dem sprachlichen Geschick als auch dem Einfühlungsvermögen unserer geschätzten Kollegin Frau Masal zu verdanken haben, erfuhren wir die wahren Gründe dieser Tragödie. Ich habe mich beim hiesigen Rabbiner Dr. Mendel informiert und erfuhr von ihm den hierfür angebrachten Satz: ‚Kol Hakavot, giveret Masal.‘6 Als Auftraggeber des Mordes konnte durch die Aussage der unwissenden und unfreiwilligen Täterin Habiba eindeutig Mathias Lohse ausgemacht werden, der sich nun zusätzlich vor dem Schwurgericht wegen heimtückischen Mordes aus niederen Motiven zu verantworten hat. Für ihn bedeutet das sehr wahrscheinlich lebenslänglich mit einer besonderen Schwere der Schuld.“
Nachdem Hinrich Harmsen die Versammlung beendet hatte, lud er uns noch zu einem Glas Sekt ein und zu einigen Appetithäppchen, die – wie konnte es hier auch anders sein – mit Kieler Sprotten belegt waren. Bevor wir uns auf den Nachhauseweg machten, bat er mich kurz in sein Arbeitszimmer und fragte, was ich denn Besonderes auf dem Herzen habe. Ich erzählte, dass ich Habiba versprochen hatte, ihr bei der Gerichtsverhandlung beizustehen und ihre Aussage zu übersetzen. Und fragte ihn, ob er sich für sie verwenden könne, damit sie nicht abgeschoben werde. Harmsen wollte das Erste auf Zulässigkeit bei Gericht prüfen. „Machen Sie sich aber bitte keine größere Hoffnung auf ein Bleiberecht. Bis zur Gerichtsverhandlung besitzt sie selbstverständlich Zeugenschutz. Wegen ihrer willigen Kooperation und Aussage werde ich als Ankläger dem Gericht vorschlagen, gegen sie nur ein mildes Urteil wegen Drogenhandels zu verhängen, da sie offensichtlich dazu gezwungen wurde. Ernster sieht es natürlich im Falle des Totschlags an Ralph Westphal aus. Ich kann für sie nur hoffen, dass sie einen geschickten Verteidiger bekommt, der das Gericht milde stimmt. Ich persönlich hätte nichts dagegen. Aber ob ihr nach Verbüßung ihrer eventuellen Haftstrafe hier eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt werden kann, halte ich für äußerst fraglich. Selbst wenn, was soll hier aus ihr werden, ohne Ausbildung und Verwandte? Machen wir uns nichts vor: Wenn sie wieder frei herumläuft, geht sie sicherlich den Übeltätern erneut ins Netz!“
„Ich hätte da eine Idee, Herr Oberstaatsanwalt: Meine Mutter bewirtschaftet in Oldenmoor einen größeren Geflügelhof und könnte sehr gut eine Helferin gebrauchen. Auch sie spricht perfekt Iwrith. Wir könnten sie als Bewährungshelferin gewinnen. Und meine Oma, obwohl schon 96 Jahre alt, war Lehrerin und würde Habiba sicherlich gern die deutsche Sprache beibringen, wenn ich sie darum bitte.“
Er könne mir jetzt nichts versprechen, man müsse zunächst einmal das Ergebnis der Gerichtsverhandlung abwarten. Jedenfalls hielt er meine Vorschläge für akzeptabel, man werde sehen. Auch er habe noch ein besonderes Anliegen an mich, er käme aber erst in Kürze darauf zurück, sobald es spruchreif sei. Um was es sich dabei genau handelt, wollte er mir jetzt noch nicht verraten. Danach fuhr ich nicht mit meinen Kollegen zurück nach Oldenmoor, sondern ließ mich vor Melanie Westphals Haus absetzen und konnte ihr und ihren Eltern alles umfassend berichten.
Tage später findet in aller Stille die Beisetzung von Ralph Westphals sterblichen Resten auf dem Urnenfriedhof am Eichhof statt. Außer den engsten Familienmitgliedern sind nur Nili und Walter Mohr anwesend. Nachdem die Urne in der Erde versenkt wurde und die Trauernden den Eltern und der Schwester noch einmal die Hände gedrückt haben, gehen sie gemächlich auseinander. Auf ein Trauermahl hat man absichtlich verzichtet.
Als Nili gedankenversunken neben Waldi zum Auto geht, fasst er sie plötzlich an der Hand und zeigt mit dem Kopf in Richtung einer nahe gelegenen, dichten Hecke. Schemenhaft dahinter verborgen kann sie Habiba Massud ausmachen, die zwischen zwei Justizbeamten in Zivil schluchzend das verweinte Gesicht mit ihren Händen bedeckt, die beidseitig an ihre Bewacher gefesselt sind.
5. Strukturreform
Nach den vorangegangenen sehr turbulenten und ereignisreichen Wochen ist im meist verträumten Idyll Oldenmoors wieder jene an Langeweile grenzende Ruhe eingekehrt, die den kleineren Städten im norddeutschen Flachland so eigen ist, diese aber deswegen nicht weniger liebenswert und charmant macht. Die braven Leute gehen ihrem gemütlichen, gewohnten Alltag nach. Auch die kriminellen Handlungen befinden sich wieder auf einem niedrigen Niveau. Hier mal ein gestohlenes Fahrrad, dort der Einbruch im Casino des Sportvereins, bei dem einem der Täter das Portmonee mit seinem Führerschein aus der Tasche fiel, sodass beide Ganoven schon am nächsten Tag dingfest gemacht werden konnten. Hüben eine Prügelei zwischen zwei angetrunkenen Zechern in einer der Dorfkneipen, drüben ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, bei dem der drogensüchtige Verursacher noch am selben Abend in seinem Bett verhaftet werden konnte. Viel Schwerwiegenderes jedoch verursacht seit zwei Monaten Unruhe und böse Ahnungen beim Dienststellenleiter Kriminaloberkommissar Boie Hansen. Aufgeschreckt von den vom Bundestag und der Bundesregierung in Berlin ausgesprochenen Mahnungen zum Sparen und zur Schuldenminderung in der Haushaltsführung, machen nun auch das Landesparlament und der Rechnungshof gemeinsam Druck auf die Regierenden in Kiel, ihren Haushalt endlich auszugleichen, also so bald wie möglich das zu tun, was übrigens ebenso für jeden braven Bürger gilt, nämlich nicht mehr auszugeben, als sie voraussichtlich einnehmen werden. Also müssen alle Mitglieder des Kabinetts – so auch der Innenminister – sich darauf einstellen, in den nächsten Jahren mit erheblichen Etatkürzungen zu leben, aber trotzdem funktionieren zu müssen. Dies betrifft schmerzlich alle öffentlichen Einrichtungen und Dienststellen, so auch die Landespolizei, die jetzt vom Innenminister eine Strukturreform verordnet bekommen hat.
„So’n Shiet aber ock! Bedüht toon End, mannig mehr Arbeit för weniger Lüüt!“, stöhnt Hansen laut vor sich hin beim Lesen dessen, was ihm heute die interne Post aus dem Ministerium auf dem Dienstwege beschert. Polizeimeister Willi Seifert sitzt am Schreibtisch der Telefonzentrale. Im Hintergrund ist ganz leise gelegentlich der monotone Wortwechsel des Polizeifunks zu hören. „Wat is’n los, Chef?“
„Mannomannomann! Is tom rammdösig warn, all dat, wat heer unser Dienstherr mit sien pupsigen Strukturreform uns da verklamüstern deit!“
„Ach so, Chef, ich habe auch schon etwas darüber in der Zeitung gelesen, aber ist es denn so schlimm?“
Wortlos reicht Hansen seinem Mitarbeiter den zehn Seiten langen Text. Dieser liest ihn sehr aufmerksam durch. „Is ja wirklich ein Katalog der Grausamkeiten, wie soll da noch ordentliche Polizeiarbeit nah am Bürger geleistet werden?“
Boie Hansen mokiert sich: „Wie heit dat noch bi uns so schoin? ‚Wer Dag för Dag sien Arbeit deit un jümmers op’n Posten steiht, un deit dat goot un deit dat geern, de dröfft sik ok mal amüseern!‘7 Wer shall sick mit soon Shiet aber ok amüseern? Ick nich!“
Nach einer Weile meint Willi Seifert: „Nun, aber viel Genaues steht nun wieder nicht in dem ganzen Palaver! Zum Beispiel, was genau passiert jetzt mit uns hier in Oldenmoor?“
„Da kann ich dir etwas verraten, Kumpel!“ Oberkommissar Hauke Steffens betritt soeben den Raum. „Ich habe mich gerade mit den Itzehoer Kollegen Steenfatt und Wildemann unterhalten. Die wurden von ihrem Chef Hein Gröhl – Verzeihung, ich meine natürlich Oberkriminalrat Stöver – beauftragt, im Kreis Steinburg herumzufahren und in sämtlichen Dienststellen – wie heißt es noch mal“, er blickt rasch auf einen Zettel, den er aus der Tasche herausfischt, „hab ich mir notiert. Hier steht’s: den genauen gegenwärtigen Personal- und Ausrüstungsbestand aufzunehmen. Die sollen bei uns alles durchwühlen, damit es dann von gehobener Stelle irgendwie neu zusammengewürfelt beziehungsweise entsorgt wird.“
„Ja, so steht’s auch sinngemäß in diesem Memo des Innenministeriums“, kolportiert seufzend Boie Hansen. „Heißt auf gut Deutsch, Dienststellen auseinanderreißen oder zusammenfügen, einige schließen. Die jüngeren Mitarbeiter werden hier- und dorthin verteilt, offene Planstellen werden nicht mehr besetzt, und wir, die Alten, dürfen in den wohlverdienten Ruhestand. Amen!“
„Was anderes“, sagt Steffens. „Wo ist eigentlich unsere Nili?“
Oberstaatsanwalt Hinrich Harmsen begrüßt die Besucherin am Eingang seines Amtszimmers betont höflich und bittet sie einzutreten. „Danke, dass Sie so schnell meiner Einladung folgen konnten, Frau Kriminaloberkommissarin. Nehmen Sie doch bitte dort drüben Platz. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, einen Kaffee oder ein Wasser?“
Nili folgt Harmsens Andeutung und setzt sich an den länglichen Besprechungstisch, an dessen Stirnseite sich ebenso der Oberstaatsanwalt an seinem Arbeitsplatz niederlässt. „Sehr freundlich, Herr Oberstaatsanwalt, ich nehme gern einen Milchkaffee und ein Glas Wasser, wenn es keine Umstände macht.“
Harmsen bestellt die Getränke am Telefon. „Ich habe Sie aus zwei Gründen hergebeten, verehrte Frau Masal“, lässt Harmsen verlauten, nachdem seine Vorzimmerdame die Bestellung hereingebracht hat. „Zunächst wäre da zu besprechen, wie es mit Ihrer persönlichen Karriere weitergehen soll, da ja in Kürze größere Strukturveränderungen des gesamten Landespolizeiapparates bevorstehen.“
„Ja, Herr Harmsen, natürlich habe ich davon in der Presse gelesen, bisher konnte ich aber noch nichts Genaueres erfahren. Können Sie mir vielleicht etwas mehr darüber mitteilen?“
„Nun ja, so, wie es im Moment aussieht, werden – wie im ganzen Land Schleswig-Holstein – auch im Kreis Steinburg einige Polizeidienststellen entweder an einem Ort zusammengefügt oder verkleinert. Dabei sollen die oberen Dienstgrade, soweit sie nicht in absehbarer Zeit sowieso aus Altersgründen in den Ruhestand gehen, an einem zentralen Ort zu effektiveren Einheiten gebündelt werden. So wird zum Beispiel die gesamte Kriminalpolizei in Ihrem Landkreis am Standort Itzehoe zusammengefasst werden, anstatt wie bisher vereinzelt von den einzelnen Polizeistationen aus zu operieren.“
„Mit anderen Worten, unsere Oldenmoorer Polizeistation wird wohl verschwinden, oder?“
Harmsen wirft einen Blick auf den Monitor seines Computers. „Nicht ganz, nicht ganz.“ Er dreht den Bildschirm herum, sodass auch Nili einen Blick darauf werfen kann. „Diese Dienststelle wird aber verkleinert. KHK Boie Hansen bleibt noch bis zu seiner Pensionierung Ende des nächsten Jahres zusammen mit zwei Polizeimeistern mit einem Streifenwagen sowie einem Beamtenanwärter vor Ort. Kriminaloberkommissar Willi Seifert und Sie sollen gemäß der Planung zur Kripo nach Itzehoe versetzt werden.“

