Manfred Eisner Im Bann der bitteren Blätter
Im Bann der bitteren Blätter
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Manfred Eisner Im Bann der bitteren Blätter

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***

Abrupt werden Nilis Reminiszenzen bei der Einfahrt des Mercedes in die Ankunft-Parkgarage am Fuhlsbütteler Flughafen unterbrochen. Da die Ankunftstafel eine zwanzigminütige Verspätung der Lufthansamaschine aus Frankfurt meldet, lädt Melanie Nili zu einer Tasse Kaffee an der kleinen Bar in der Ankunftshalle ein.

„Wie soll ich es ihnen nur beibringen?“ Melanie bricht verzweifelt in Tränen aus.

Nili legt einen Arm um sie. „Mach dir keinen Kopf, Melanie, überlasse es einfach deiner momentanen Eingebung. So etwas lässt sich nicht planen, es ergibt sich von selbst.“ Jedenfalls eilt Nili rasch voran, als das Ehepaar Westphal an der Ausganstür erscheint, und kann gerade noch Antje Westphal unter die Arme greifen, als diese beim Anblick der schluchzenden Melanie in den Armen des Vaters instinktiv das geschehene Unglück erahnt und sie die Kräfte verlassen.

Nachdem das erheblich mitgenommene Ehepaar sich ein wenig vom ersten Schock erholen konnte, fahren sie zurück nach Kiel. Nili lenkt den Wagen, neben ihr sitzt der mit steinerner Miene vorausstierende Vater. Im Fond hält Melanie tröstend ihre weinende Stiefmutter in den Armen. Nili berichtet ihnen in knappen Worten, was sich bezüglich Ralph zugetragen hat, und auch ein wenig von dem, was die bisherigen Ermittlungen ergeben haben. Nachdem sie den Wagen in der Kieler Garage der Westphals abgestellt hat, verabschiedet sie sich. „Nein, du brauchst mich nicht zurückzufahren, Melanie, ich komme schon zurecht. Du solltest jetzt vielmehr bei deinen Eltern bleiben, das ist wichtiger!“

Der halbstündige Fußweg bis zur Bezirkskriminalinspektion in der Blumenstraße tut ihr gut, um ein wenig von der Anspannung der letzten Stunden herunterzukommen. In all den Jahren als Polizistin konnte sie immer noch nicht jenes tiefe Mitleid von sich abschütteln, das sie stets gegenüber den von schlimmen Schicksalsschlägen betroffenen Hinterbliebenen empfindet. Wie leichtfüßig raten ihr immer wieder Psychologen und seelische Betreuer bei solchen Geschehnissen, sie solle möglichst Distanz zu den Opfern wahren und sich mit deren Leid nicht allzu sehr identifizieren. „Leicht gesagt, aber überwinden Sie zunächst einmal selbst die eigenen Gefühle nach dem herben Verlust des ermordeten kleinen Bruders, den ich nie kennenlernen konnte, und des geliebten, von feindlichen Granaten getöteten Vaters!“ Gerade als Nili das massive Backsteinpolizeigebäude betreten will, kommen ihr die Kollegen, die Oberkommissare Steffi Hink und Sascha Breiholz, entgegen.

„Mensch, Nili, was machst du hier? Wolltest du uns besuchen?“

Sie kennen sich von früheren gelegentlichen Zusammentreffen und Fortbildungskursen. Einige Male haben sie auch schon wirksam bei der Bildung von ortsübergreifenden Soko-Einsätzen zusammengearbeitet. Nachdem Nili von der Ankunft des Ehepaars Westphal berichtet hat, fragt sie, ob sich inzwischen in dem Fall etwa Neues ergeben hat.

„Du kommst gerade richtig, wir sind auf dem Weg zum Pathologen im Institut für Rechtsmedizin der Universität Kiel. Professor Klamm rief soeben an, er hat den Bericht fertig. Möchtest du uns begleiten? Dann erfährst du alles aus erster Hand.“

Prof. Dr. Christoff Klamm, ein noch jugendlich wirkender Mittvierziger, begrüßt sie im grünen Kittel an der Tür zum Obduktionssaal. Vier vollständig zugedeckte Leichenkörper liegen auf den rostfrei-stählernen Seziertischen unter Leinentüchern, ein jeder mit einem Identifikationsetikett, das am großen Zeh von einem Band herunterhängt. Nili kann den kalten Schauer, der ihr den Rücken herunterfährt, nicht unterdrücken. Er befällt sie immer wieder beim Betreten solch makabrer Stätten.

„Ralph Westphal, männlich, Alter 25 Jahre, Statur 1 Meter, 80 Zentimeter, Gewicht 79 Kilogramm.“ Der Professor deckt das Tuch über dem Kopf der Leiche auf. Ralphs Gesichtszüge zeigen eine leichte Anspannung. Als ob er einen starken Schmerz empfände, denkt Nili. „Der Tod trat am vorigen Sonnabend gegen Mittag ein. Er wurde verursacht von einem akuten Herzinfarkt als unmittelbare Folge einer überstarken Dosis Kokain, die der Betroffene sich selbst kurz davor durch die Nase zugeführt hat. Da er sich dazu eigens in einer Toilette eingeschlossen hatte, ist Fremdeinwirkung auszuschließen. Das ist das Ergebnis der ebenfalls durchgeführten forensischen toxikologischen Untersuchung. Kokain ist bei Weitem tückischer, als viele glauben. Es ist sogar eine sehr gefährliche Droge, die nicht nur innerhalb kürzester Zeit zur Abhängigkeit führt, sondern lebensbedrohliche Schäden am Herzen verursachen kann. Der Verstorbene galt zwar als von seiner vormaligen Kokainsucht geheilt, hatte sich aber als deren Folge bereits eine Angina Pectoris, also eine Herzmuskelschwäche, zugezogen. Deswegen wurde ihm der Konsum dieses Mal zum Verhängnis. Aufgrund der plötzlichen Zufuhr des starken Gifts verkrampften sich die geschwächten Herzgefäße schlagartig und der akute Sauerstoffmangel verursachte schließlich den Herzstillstand. Es ist bedauerlich, dass nur sehr wenige Kokainschnupfer über die Gefährlichkeit ihres leichtsinnigen Tuns Bescheid wissen. Koksen gilt ja sogar bis in die hohen gesellschaftlichen Kreise als ungemein schick!“ Nach einer Pause setzt Prof. Dr. Klamm hinzu: „Übrigens, was bei der toxikologischen Untersuchung besonders auffiel, war die ungewöhnliche Reinheit des Stoffes. Entgegen des üblicherweise für den Konsum mit anderen Zutaten wie Puderzucker oder Stärke gestreckten Pulvers, das dann nur etwa 34 bis 36 Prozent der Droge enthält, handelt es sich bei den neben der Leiche gefundenen Spuren und geringfügigen Restmengen seltsamerweise um 95-prozentig reines Kokain. Dies bewirkte wohl auch das fast sofortige Auslösen des Herzinfarktes.“

„Könnte man aus diesem doch nicht alltäglichen Drogenbefund vielleicht den Verdacht auf eine arglistig beabsichtigte Herbeiführung oder zumindest Inkaufnahme der wahrscheinlichen Todesfolge ableiten?“

Auf Nilis Frage folgt eine Denkpause aller Beteiligten.

„Sie denken an Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge? Ausschließen möchte ich dies nicht, es kann durchaus sein, dass jener, der diesem Verstorbenen eine derart hoch letal dosierte Droge vermittelt hat, in einer solchen Absicht gehandelt haben könnte.“ Prof. Dr. Klamm zuckt mit den Schultern. „Dürfte allerdings schwer zu beweisen sein, denke ich mal. Aber vielleicht hilft Ihnen dies ein wenig weiter: Uns ist noch etwas Wesentliches an der Kleidung des Toten aufgefallen: Er muss, wenn vielleicht nicht gerade am Tage seines Todes, dann zumindest am Vortage, Geschlechtsverkehr gehabt haben. Wir haben fremde DNA von seiner Kleidung isoliert, diese wird noch untersucht. Schriftlicher Bericht folgt auf dem Amtswege.“

Die drei Oberkommissare danken und verabschieden sich von dem Pathologen. Beim Herausgehen bemerkt Sascha Breiholz: „Und um nochmals auf deine Frage, liebe Nili, zurückzukommen: Wir müssten erst einmal den Übeltäter eindeutig ausmachen.“

„Ich befürchte auch, dass in diesem dubiosen Fall der Staatsanwalt die Akte mit dem Vermerk ‚Versehentliche Selbsttötung durch Drogenkonsum‘ schließen wird.“

Steffi Hink setzt fort: „Aber dies bedeutet keineswegs, dass wir nicht weiterhin mit allen verfügbaren Kräften nach der Pendlerdrogenbande fahnden, die wir auch hierfür verantwortlich halten. Kollege Waldi hat jedenfalls dank deines klugen Hinweises auf Ralph Westphals Fahrrad am Lübecker Bahnhof schon einen Kandidaten ins Visier genommen.“

Während sie zum Wagen gehen, bittet Steffi: „Nili, könntest du deine Freundin, Frau Westphal, fragen, ob ihr Bruder vielleicht eine weibliche Beziehung hatte? Ich meine, wegen der Einordnung der DNA, die Prof. Klamm soeben erwähnte.“

„Ich frage nach und lasse es euch wissen, okay?“ Nili fährt fort: „Ich danke euch. Übrigens, ich würde gern euren berühmten Waldi kennenlernen. Könnt ihr mir bitte seine Handynummer geben?“

***

Wenige Tage später sitzt Walter Mohr alias Waldi an einem Tisch im Restaurant des Lübecker Hauptbahnhofs vor dem halb vollen Glas Latte macchiato und zieht gelegentlich ganz in Gedanken versunken an seiner kalten Pfeife, während er, so scheint es, in die Lektüre der Lübecker Nachrichten vertieft ist. Dem uneingeweihten Beobachter erscheint der in einem edlen Harris Tweedanzug gekleidete stramme Vierziger mit seiner leicht ergrauten lockigen Haarmähne, der altmodischen vernickelten Brille und dem gepflegten Kinnbärtchen wohl eher wie ein Gelehrter als ein Zivilfahnder des Drogendezernats. Unauffällig, jedoch aufmerksam beobachtet er das ungleiche Paar, das in der Ecke des Lokals sitzt und sich angeregt unterhält. Der Mann, offensichtlich ein aus Afrika stammender schwarzer Migrant, redet eindringlich auf sein Gegenüber ein, eine recht hübsche und zierliche weibliche Person mit langem schwarzem Haar und orientalischen Zügen. Den Afrikaner hat er schon vor einigen Tagen am Hauptbahnhof ausgemacht, als dieser sich unbeobachtet glaubte und mit einer Klauenzange die Sicherungskette an Ralph Westphals Fahrrad durchtrennte, um sich danach geschwind auf diesem aus dem Staub zu machen. Anhand der von Waldi heimlich geschossenen Fotos hatte man den Fahrraddieb mit Hilfe der Ausländerbehörde als den dort registrierten Asylantragsteller Mustafa Mbili, 23 Jahre alt, aus Uganda stammend, identifiziert, der sich gelegentlich und meist heimlich, da unerlaubt, als Sonnenbrillen- und Billigschmuckverkäufer in der Stadt herumtrieb und dabei schon einige Male aufgegriffen worden war. Dagegen ist es den Behörden bisher nicht gelungen, die Identität seiner gelegentlich mit ihm beobachteten Begleiterin auszumachen, weil die von ihnen gemachten Fotos zu keinem Ergebnis führten.

Nachdem Mbili gezahlt hat, brechen die beiden auf. Unauffällig werden sie von einem Zivilfahnder, der am Zeitungsstand gewartet hat, bis zu dem Bahnsteig verfolgt, von dem aus in wenigen Minuten der Pendlerzug nach Kiel abfahren wird. Nach einem kurzen Blick auf die Armbanduhr trinkt Waldi seinen Milchkaffee aus und legt ein paar Euromünzen auf den Tisch. Dann steckt er die Pfeife in die Tasche, faltet seine Zeitung zusammen und schlendert gemächlich aus dem Restaurant in die gleiche Richtung wie seine beiden Vorgänger. Zahlreiche jugendliche Gymnasiasten und Studenten warten inzwischen am Bahnsteig auf die Einfahrt des Zuges. Als dieser kurz drauf zum Stillstand kommt, huschen sie eiligst durch die Waggontüren auf der Suche nach ihren bevorzugten Sitzplätzen. Mit Blickkontakt zum Kollegen, der am Zuganfang einsteigt, geht Waldi gemächlich bis zum letzten Waggon, nachdem er sich vergewissert hat, dass sowohl der Afrikaner als auch seine Begleiterin in getrennte Zugabteile eingestiegen sind. Unauffällig setzt er sich in die hinterste Abteilreihe und bemerkt sogleich sehr zufrieden, dass der kahlköpfige und berüchtigte Dealer Drogenmatti soeben an ihm vorbeikommt und in den nächsten Waggon weitergeht. Ihm folgt auf dem Fuß ein Waldi bisher unbekannter dunkelhaariger Mann mittleren Alters, sehr dünn und von kleinerer Statur. Als sich der Zug in Bewegung setzt und aus dem Bahnhof fährt, greift Waldi in die Jackentasche, holt sein Handy heraus und sendet eine vorbereitete SMS. Dann wählt er eine Nummer und spricht rasch einige kurze Worte in den Apparat. Schließlich beobachtet er befriedigt, dass die Antennenanzeige auf seinem Display verschwindet und kein verfügbares Netz mehr angezeigt wird.

„So ’ne Scheiße!“, lässt ein frustrierter Tablet-User verlauten, als nahezu gleichzeitig sein Bild einfriert und dann die Ankündigung „Sie sind mit keinem Netzwerk verbunden“ auf dem Display erscheint. Noch bevor der Zug an der nächsten Haltestelle in Bad Schwartau ankommt, quietschen plötzlich die Bremsen und er hält abrupt auf offener Strecke. Als wären sie vom Himmel herabgefallen, postieren sich schwer bewaffnete Polizisten des Sondereinsatzkommandos an sämtlichen Waggontüren. Eine Stimme ertönt durch die Lautsprecher: „Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei. Dies ist eine Personenkontrolle. Bitte bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie unbedingt auf Ihren Plätzen sitzen. Halten Sie Ihre Fahrkarten und Ausweispapiere zur Kontrolle durch unsere Beamten bereit. Ich wiederhole.“ Eine weibliche Stimme wiederholt die Ansage nun auch in englischer und französischer Sprache. Je drei Beamte in schusssicheren Westen mit der weißen Aufschrift „POLIZEI“ kommen in jeden Waggon, der jeweils erste mit einer Maschinenpistole im Anschlag. Die beiden anderen kontrollieren die Ausweise der Reisenden. Ihnen folgt ein Kontrolleur der Deutschen Bahn, der die Fahrkarten überprüft. Diejenigen Personen, die sich nicht ausweisen oder keinen gültigen Fahrausweis vorweisen können – und es sind einige davon betroffen –, werden höflich, aber bestimmt gebeten, zur vorderen Waggonplattform zu gehen. Dort verlassen die Schwarzfahrer den Zug durch die linke Tür und werden in einem improvisierten, auf dem Nebengleis stehenden Bürowaggon registriert. Jene, die sich nicht ausweisen können, verlassen den Zug durch die rechte Waggontür. Letztere, davon einige bereits in Handschellen, steigen in die neben dem Gleis stehenden Polizeibusse und werden unter scharfer Bewachung ins Polizeipräsidium nach Kiel gebracht. Die ganze Operation hat keine zehn Minuten gedauert und der Zug kann schließlich seine Fahrt fortsetzen. Mit Genugtuung beobachtet Waldi von seinem Fenster aus, dass sich alle „seine“ Zielpersonen unter den Abgeführten befinden. Während der Aktion ist er auf seinem Platz sitzen geblieben. Als er sieht, dass sein Handy wieder am Netz ist, wählt er erneut eine Nummer an. „Hat alles wie am Schnürchen geklappt, diesmal haben wir die schrägen Vögel im Käfig!“

Als der Zug im Bad Schwartauer Bahnhof anhält, steigt er aus und schlendert zum Parkplatz, wo sein unauffälliger alter Variant Kombi schon seit einigen Stunden geduldig auf ihn wartet. Belustigt steckt er das Knöllchen, das ihm unter dem Scheibenwischer im Wind entgegenflattert, in die Tasche. „Geht auf Geschäftsspesen“, ulkt er und fährt los.

3. Wochenende

Hauptkommissar Boie Hansen ruft alle Mitarbeiter seiner Dienststelle in Oldenmoor zusammen. Er hat den Lautsprecher seines Telefons auf volle Lautstärke gestellt, denn Waldi Mohr ist gerade an der Strippe und berichtet ausführlich von der gestrigen so erfolgreich abgelaufenen Aktion: „Also, liebe Kollegen, Ihr ahnt ja gar nicht, wer uns da alles ins Netz geraten ist. Aufgrund eures wertvollen Hinweises auf den letzten Standort von Ralph Westphals Fahrrad hatten wir dieses Tag und Nacht observiert. Nachdem es tatsächlich von einem der Bandenmitglieder entwendet wurde, konnten wir diesen Typen verfolgen und haben nach und nach herausgefunden, wer alles zu dem Drogenvertriebsring gehört, wie sie operieren und wo sie sich eingenistet haben. Neben den beiden Dealern, dem aus Uganda stammenden Mustafa Mbili und seiner reizenden – wahrscheinlich palästinensischen – Komplizin Habiba Massud, die sich übrigens hier schon fast zwei Jahre lang illegal aufhält, konnten wir in einer konzertierten Aktion von LKA und SEK gleichzeitig mit der Verhaftungsaktion in der Bahn deren Räuberhöhle stürmen und ausräuchern: Satte 40 Kilo reines Kokain, dazu fast noch einmal so viel bereits gestreckte Koksportionsbriefchen, mehrere Plastikbeutel voller Chrystal- und Extasypillen und weiß der Geier was noch für’n Düwelstüch haben wir da gefunden und sichergestellt. Dazu ein Arsenal an Waffen und Munition. Schließlich sage und schreibe fast 200.000 Euro in bar! Macht einen Schwarzmarktwert von summa summarum etwa 10 Millionen Euro. Unglaublich! Aber nicht nur das: Im Zug verhaftete das SEK neben den beiden Dealern und einigen anderen bereits gesuchten dunklen Gestalten deren Boss Matti Lohse, alias Drogenmatti, zusammen mit einem Lateinamerikaner, wir vermuten zwar aus Kolumbien, der aber bis dato das Maul nicht aufmacht, vorgibt, weder Englisch noch Deutsch zu verstehen, und so tut, als wisse er von nichts. Nur eigenartig, dass wir in seinem Zimmer im Eurotel seinen – wie eine Eilanfrage bei den spanischen Kollegen heute ergab – gefälschten spanischen Pass auf den Namen Alejandro Vazques, dazu rund 10.800 US-Dollar und einen geladenen achtunddreißiger Colt – selbstredend ohne dazugehörigen Waffenschein – vorfanden. Und im sogenannten Labor der Drogenhütte konnten wir als Gratisbeigabe zwei üble Galgenvögel festnehmen, die uns bisher immer wieder entwischt sind: Juri Wolkow und Alexei Shirjajev. Nach dem Letzteren wird wegen Totschlags in einer Disco in Travemünde gefahndet. Die gesamte Bande wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt und befindet sich in Untersuchungshaft. Ach ja, auch für euch wohl eine gute Nachricht: In einer der Garagen der Gangstervilla stand ein nagelneuer schwarzer Golf GTI – diesmal mit einem niederländischen Kennzeichen. Die KTU untersucht ihn gerade, aber ich bin mir ziemlich sicher, es handelt sich um den neulich sicherlich von diesen beiden Russen aus dem Autohaus Scholz entwendeten Wagen. Ich habe euch schon die Fotos der beiden Tunichtgute gemailt, vielleicht kann euer wackerer Motorrad-Willi sie identifizieren. Freut mich, war ’n toller Erfolg, und nochmals vielen Dank für das Mitdenken. Hab zum Schluss noch ’ne Frage: Neulich, bei einem Telefonat mit der Kollegin Masal, erfuhr ich nebenbei, dass sie perfekt Spanisch und auch Iwrith spricht. Wir könnten wieder einmal ihre Hilfe gut gebrauchen, um diesen Vazques zum Reden zu bringen. Auch müssen wir noch von Frau Massud einiges mehr erfahren, sicher ginge dies auf Hebräisch flotter. Wäre nett, wenn Kollegin Masal uns helfen und mich bald zurückrufen könnte. Also, das war’s dann auch für heute. Ende der Durchsage.“

Boie Hansen legt auf. „’ne ganze Menge auf einmal!“, meint er trocken.

Dann herrscht für eine kurze Weile betretene Stille im Raum, alle denken erst einmal über die Informationsflut nach, die soeben über sie hereingebrochen ist.

Das schrille Läuten des Telefons lässt sie aufhorchen. Auf ein Kopfzeichen Boie Hansens geht Hauke an den Apparat. „Polizeikommissariat Oldenmoor, Oberkommissar Steffens, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Moin! Hier spricht Oberbrandmeister Per Petersen von der Feuerwehr Leitstelle Elmshorn. Wie ihr ja wisst, hatten wir in der vorigen Woche im Kreis Steinburg, ganz in der Nähe von Oldenmoor, einen Feuereinsatz. Ein Autofahrer entdeckte von der B5 aus eine große Rauchfahne und alarmierte uns. Es handelte sich um einen ziemlich abseits und allein stehenden Bauernhof in einer Abzweigung von eurer Kommunalstraße 17. Der Brand wurde zwar gelöscht, aber die Kate und der angrenzende Stall brannten total nieder und stürzten ein. Die zwei Kühe und ein Kalb waren glücklicherweise auf der Weide, aber die beiden Bewohnerinnen waren wohl nicht anwesend, wenigstens dachten dies die sich im Einsatz befindlichen Feuerwehrkollegen. Man vermutete zwar Brandstiftung, aber Kripo und Spusi waren mit anderen wichtigen Einsätzen beschäftigt und kamen deswegen erst heute hinzu, gerade als wir dabei waren, die Ruinenreste mit Hilfe eines Baggers abzuräumen. Dabei wurden in den Trümmern des Kellers zwei völlig verkohlte Leichen gefunden. Da die ganze Bude durch das Feuer zusammengebrochen war, konnten wir nicht schon früher herankommen. Macht euch mal schön auf die Socken, liebe Kollegen. Die Kripo in Itzehoe habe ich auch schon informiert. Schönen Tag noch!“

„Ich weiß, wo das ist!“ Willi Seifert greift nach seinem Motorradhelm und eilt hinaus, gefolgt von Hauke und Nili. Nach kurzer Fahrt erreichen sie den Tatort. Dort tummeln sich bereits die Itzehoer Kollegen und die Mannschaft der Spurensicherung. Einsatzleiter vor Ort ist Kriminaloberrat Heinrich Stöver, ein etwas korpulenter Endfünfziger, in Wintermantel, Schal und Pudelmütze eingehüllt. Der offensichtlich recht erkältete Kripochef treibt mit heiserer Stimme und äußerst missgelaunt seine Mannschaft an. „Macht hinne, Leute, ich muss mir hier in dieser feuchten Kälte doch nicht noch die Beine erfrieren und den Tod holen! Habt ihr wenigstens schon was Brauchbares?“

Als sie sich dem Trümmerhaufen nähern, begrüßt sie Staatsanwalt Uwe Pepperkorn mit einem breiten Grinsen. „Hein Gröhl ist stark verschnupft und heute wieder in Hochform“, bemerkt er, während er ihnen freundlich die Hand schüttelt. „Wir können erst an den Fundort der Leichen heran, wenn die Spusi und der Doktor damit durch sind. Warten wir also lieber im Einsatzwagen, bis es so weit ist. Hier draußen ist es zu ungemütlich.“ Pepperkorn ist, anders als viele seiner Kollegen, ein jovialer und netter Jurist, der den Mitarbeitern der Polizei eher freundliche Achtung als Geringschätzung und harsche Kritik für ihre doch nicht allzu leichte Arbeit entgegenbringt, auch wenn diese nicht immer so erfolgreich verläuft, wie er es sich erhofft. Nachsichtig sieht er über so manchen Fehler hinweg, toleriert es jedoch keineswegs, sollte dessen Wiederholung aus Nachlässigkeit oder Schlampigkeit erfolgen. „Fehler erkannt, Wiederholung gebannt!“, ist seine Devise, gegen die man besser nicht verstoßen sollte, denn dann kommt ein ganz anderer Pepperkorn zum Vorschein.

Laut keuchend öffnet Kriminaloberrat Stöver die Schiebetür des Einsatzwagens und steigt ein. „Gemütlich macht man es sich hier beim Tee, während wir uns draußen in der Kälte mit den Leichen herumschlagen müssen!“

„Mensch, Stöver, hören Sie auf zu rüffeln! Wir hier können ja nichts für Ihren Schnupfen. Also, was gibt’s?“ Kriminaloberrat Stöver ist pikiert und muss erst einmal seine angelaufene Brille putzen, um sich wieder Durchblick zu verschaffen. Pepperkorn gießt ihm inzwischen versöhnlich aus seiner Thermoskanne Tee in einen Plastikbecher. „Hier, nehmen Sie erst einmal einen heißen Trunk.“

Stöver nimmt einen Schluck. „Also, die Spusi ist durch, jetzt sind die Pathologen dran. Ihr könnt in den Keller, wenn ihr wollt. Viel ist da allerdings nicht zu sehen, meine ich. Natürlich außer den beiden vollkommen verkohlten Frauen. Wie bereits vermutet, handelt es sich wohl um die Bewohnerinnen des Hauses, die Mutter Karin Vogt, achtzig Jahre alt, und ihre dreiundfünfzigjährige Tochter Regina. Was von denen noch übrig ist, wird nach Kiel zur Obduktion gebracht, damit die Identifizierung auch amtlich ist. Wie wir von den ziemlich entfernt wohnenden Hofnachbarn erfahren konnten, sind die beiden Frauen vor etwa acht Jahren aus Wilster in diesen Resthof eingezogen, nachdem Bauer Andreas Kruse seine Landwirtschaft aufgab und die Ländereien an die angrenzenden Kollegen verpachtete. Viel mehr konnte man nicht erfahren. Nur ab und zu sah man die Jüngere mit ihrem Fahrrad ins Dorf fahren, wo sie im kleinen Supermarkt einkaufte. Ansonsten lebten die beiden Frauen vollkommen zurückgezogen.“ Er trinkt den Teebecher leer und schnäuzt sich geräuschvoll in ein Papiertaschentuch.

„Danke, Herr Kriminaloberrat Stöver“, meint Nili mit einem freundlichen Blick zu dem gestressten Beamten. Sie nickt Pepperkorn zu. „Wir gehen jetzt wohl erst einmal selbst in den Keller, um uns umzusehen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Ist schon okay, gehen Sie nur.“

Nili, Willi und Hauke trotten hinüber zur Bauernhofruine, von der nur noch zwei halbhohe Ziegelmauerreste stehen. Willi bemerkt trocken: „Den Anblick der beiden verbrutzelten Damen muss ich mir doch nicht antun, oder? Ich sehe gerade, eine Spusigestalt geht just in Richtung der dort hinten gelegenen Scheune. Wenn ihr nichts dagegen habt, schaue ich mich mal lieber dort um, okay?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, spurtet Willi in die angekündigte Richtung.

Hauke schüttelt lachend den Kopf: „Dieser Willi is ’n richtiger Dithmarscher Sturkopp!“

„Lass man, geschätzter Kollege, unser Polizeimeister ist schon in Ordnung. Nehmen wir erst einmal die beiden ‚Verbrutzelten‘ in Augenschein und befragen dabei den Onkel Prof, ob ihm vielleicht etwas Besonderes aufgefallen ist.“

Sehr eng ist es im Kellerverlies, es wurde nur ein Teil von dessen Decke freigelegt. Nili und Hauke können deshalb nur von oben einen Blick auf die makabre Szenerie werfen. Die quirlige Blondine Hannelore Siemsen, die ebenso wie ihr Chef in einen weißen Schutzanzug gehüllt ist, assistiert gerade Prof. Dr. Klamm im starken Lichtschein der beiden batteriebetriebenen Halogenscheinwerfer bei der ersten Untersuchung der beiden Opferreste.

„Hallo, Herr Professor!“, grüßt Nili den Pathologen.

„Nett, Sie wiederzusehen, Frau Masal, Herr Steffens“, sagt dieser, nachdem er und Hannelore Siemsen über eine Leiter aus dem Keller emporgestiegen sind. „Na ja, viel ist natürlich von den beiden Damen nach dem gehörigen Brand nicht übrig geblieben. Die fast vollständige Verkohlung lässt vermuten, dass man die beiden bereits getöteten Frauen mit mehreren Litern Benzin übergossen haben muss, bevor man sie und danach ebenso diese Hütte angezündet hat. Trotz deren starker Verkohlung sind an beiden Schädeln Einschüsse deutlich zu erkennen, sehr wahrscheinlich von ein und derselben Waffe. Die Frauen müssten aber bereits einige Stunden vorher oder vielleicht sogar schon am Tag vor der Brandstiftung regelrecht hingerichtet worden sein; Genaueres kann ich vermutlich sagen, wenn ich sie auf dem Tisch habe.“ An die drei bereitstehenden Männer des Bestattungsunternehmens gerichtet fährt er fort: „Bitte in diesem heiklen Fall besondere Sorgfalt walten lassen, damit wir die beiden Damen möglichst vollständig in die Pathologie bekommen. Achten Sie auch auf eventuell abgefallene oder liegen gebliebene Körperteile, damit die auch mitgehen, ja?“ Er winkt den beiden Kommissaren zu. „Also dann, tschüss, auf bald!“

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